Wo sich Christentum und Buddhismus treffen – Gebet und Meditation

„Meditation – wozu? Buddhismus, Autosuggestion & Gebet“ – ein Gespräch zwischen Gerhard Weißgrab,  Präsident der Österreichischen Buddhistischen Religionsgemeinschaft ÖBR, und Weihbischof der Erzdiözese Wien, Stephan Turnovszky. Schauplatz: Sigmund Freud Privatuniversität, organisiert vom RPP-Institut (Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie) am 25. 2. 2014.

Das Gespräch beginnt mit ganz praktischen Gemeinsamkeiten: Weihbischof Turnovszky hält gleich am Anfang fest, dass es viele Menschen gibt, die behaupten, dass sie so viel beten – und man bemerkt nichts. Präs. Weißgrab betont ebenfalls, dass es viele gibt, die meditieren – aber es geschieht nichts.

Es gibt, so Weihbischof Turnovszky, zwei Voraussetzungen für das christliche Gebet: 1. Gott ist Liebe und 2. Gott ist Nähe. Diese Nähe, dies Immanenz, ermöglicht die Kommunikation mit Gott, der sich in Jesus Christus inkarniert hat. Neben verschiedenen Formen des Gebets – durch Worte, durch Gedanken, durch Gefühle – steht als viertes das Gebet mit dem Sein, das als Kontemplation oder Meditation bezeichnet wird.  

Kriterium dafür ist das Wachsen in der Nächstenliebe einerseits und das Unabhängig-Sein von Stimmungen. Diese Kontemplation ist nicht unbedingt immer angenehm, es gibt die Nacht des Gebets, es geht auch um das Ertragen von Negativem, von Leid usw.

Weitere Kriterien: Bin ich bei Gott? Oder bei mir? Geht es um Leistung? Oder Locker-werden und Loslassen? Bin ich zum Leiden bereit? Zum Vergeben? Und zuletzt: Es betet in mir! Wobei dieses „Es“ personal gedacht wird, als Heiliger Geist.

Daran kann Präs. Weißgrab nahtlos anschließen: „Es betet in mir, das ist der buddhistische Ansatz.“ Die Frage ist: Was ist das, was da sitzt? Der Unterschied: Der Buddhismus ist nicht theistisch. Aber: Sunyata – Leerheit von allem Sein – ist letztlich Fülle. Letzte Konsequenz im Buddhismus ist die Eigenverantwortung. Kriterium ist eine umfassende Liebe und Güte, Mitgefühl mit allen fühlenden Wesen, Mitfreude und Gleichmut. Und das berühmte Leben im Hier und Jetzt, das auch Weihbischof Turnovszky als Kriterium genannt hatte.

Meditation ist im Buddhismus nicht alles, aber ohne Meditation ist es kein buddhistischer Weg. Dabei geht es nicht um Glauben, sondern um Erkenntnis. Alles dreht sich um Wissen/Erkenntnis, um ein ethisches Leben und um Versenkung. Das – im Westen so total missverstandene – Nirvana ist Erwachen, Erleuchtung. Und Weißgrab ist überzeugt: Auf tiefer Ebene können sich Buddhismus und Christentum treffen. Er meint sogar, wenn man einen Buddhisten, einen Sufi und einen christlichen Mystiker ihrer Kleidung beraubt und sie in einem Raum diskutieren lässt, würden wir an dem, was sie sagen, nicht erkennen, wer wer ist.

Verbindendes statt Trennendes

Das hört sich alles ganz anders an als das übliche Schablonendenken: Monotheismus versus Religion ohne Gott als scheinbar totaler Gegensatz. Aber das kratzt nicht einmal an der Oberfläche. Zu bedenken ist, dass da jeweils ein anderes Weltbild dahinter steht – es also nicht um die Übersetzung von Begriffen, sondern die Übersetzung von Weltbildern geht.

Weiters ist das Christentum eine Offenbarungsreligion, der Buddhismus eine rein pragmatische Religion. Der Buddha hat nicht gesagt, dass es keinen Gott gibt, sondern dass es keinen Sinn hat, darüber zu reden. Das Christentum redet vom Ziel, weil sich Gott in der Geschichte offenbart, jedoch im Bewusstsein, dass er immer unendlich mehr ist als ausgesagt werden kann. Der Buddhismus redet nicht vom Ziel, weil sich dort jedes Reden aufhört.

Der Gegensatz „persönlich – unpersönlich“ ist so eine eigene Diskussion. In einem asiatischen Weltbild interessiert das Ich – das es loszulassen gilt. „Person“ ist ein griechisch-westlicher Begriff, den es so in Asien nicht gibt. Der aber heute auch im Westen nicht mehr verstanden wird, weil „Person“ heute beinahe das Gegenteil dessen bedeutet, was damals damit gemeint war. Der Begriff leitet sich ja von der Maske der Schauspieler her, ist das, was sozusagen die Maske zum Leben erweckt, aber selbst nicht sichtbar ist. Was für den Buddhismus als „unpersönlich“ übersetzt wird, ist aber – in unser Weltbild übersetzt – das Loslassen der Maske und nicht das Leugnen dessen, was dahinter ist.

Auch der Gegensatz „Erlösung“ im Christentum und „Selbsterlösung“ im Buddhismus ist missverständlich. Die Praxis mag unterschiedlich sein, vom Ziel her gibt es durchaus auch hier eine Annäherung. Buddhistisch: Wir alle sind erleuchtet, wir müssen nur die Hindernisse (Hass, Gier, Neid, Anhaften an die Welt usw.) wegräumen. Was nach dem Wegräumen passiert, darüber kann man jetzt nicht reden. Christlich: Wir sind bereits erlöst, wir müssen es aber auch annehmen. Wir leben in der Liebe Gottes, aber wir sind verstrickt in eine widersprüchliche Welt, so dass es schwer ist, dies zu sehen.

Christlich geht es um die Liebe Gottes und die Antwort des Menschen darauf, die sich vor allem in der Nächstenliebe äußert. Buddhistisch geht es darum, eine allumfassende Liebe und Güte, Mitgefühl, Mitfreude zu entwickeln. Christlich führt die Liebe zum Erkennen, buddhistisch führt das Erkennen zur Liebe. Wozu sollen wir uns da auf Differenzen versteifen?

Buddhismus ist Psychologie und reiner Pragmatismus. Es geht um das Loslassen des Ego, des Anhaftens an die Welt. Was dann kommt, das kommt. Christlich geht es um das Loslassen des Ego und ein Leben in Fülle. Das Leben ist Christus („Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“). Johannes der Täufer: „Ich muss abnehmen, Er muss wachsen.“ Paulus: „Nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ Der Christ hat sozusagen eine Ahnung, was dann kommt, glaubt es zumindest. Der Buddhist lässt völlig offen, was kommt. Würden Christen bedenken, dass Gott auch und vor allem transzendent ist, immer unendlich mehr als sich sagen lässt, trotz aller Offenbarung, und wenn Buddhisten anerkennen, dass Nirvana die Fülle, das Leben ist, dann könnten wir die Differenzen vergessen. Denn auch im Christentum geht es in erster Linie ganz pragmatisch um das Loslassen und nicht darum, eine Vorstellung vom Ziel zu haben. Das alttestamentliche „Du sollst dir kein Bild machen!“ ist durch das Neue Testament nicht aufgehoben.

Werbeanzeigen

Schöner Wohnen

Davon träumen doch alle: eine Wohnung, ein Haus, Gemeinsamkeit – und dann?

Das Wohnen soll für Beziehung stehen, das Haus, die Wohnung für das, was man gemeinsam baut, gemeinsam einrichtet. Es ist manchmal sinnvoll, in Bildern zu sprechen, auch wenn wir das längst verlernt haben. Wir wissen ja gar nicht mehr, dass etwa das geozentrische Weltbild nicht widerlegt ist, sondern einfach einer anderen Sprache entstammt: das Materielle, das vom Seelischen, Spirituellen und Geistigen umgeben ist. Das stimmt als Bild so noch immer, auch wenn wir längst wissen, dass die Erde die Sonne umkreist und nicht umgekehrt. Aber vom Planeten Erde war im „geozentrischen“ Weltbild ja gar nicht die Rede. Was damit ausgesagt wurde, ist nicht widerlegt, sondern vergessen.

In unserer heutigen schnelllebigen Zeit müssen auch Beziehungen rasch und problemlos auf Schiene gestellt werden. Das Haus ist heute schnell gebaut, eine Hütte steht mit ein paar Handgriffen, und auch ein „richtiges“ Haus ist als Fertigteilbau in drei Tagen „bezugsfertig“. Aber wenn die Freude über die neuen Wohnverhältnisse ebenso rasch verfliegt, ist die Wohnung rasch wieder leer, auch wenn man noch zusammen ist. Und selbst wenn man es gar nicht will, es kracht im Gebälk, Wände, die Freiraum schaffen sollten, werden eingerissen, Lügengebäude stürzen ein, und irgendwann kracht das ganze Gebäude zusammen und es bleibt nichts als Bauschutt. Man bemerkt – zu spät – dass man gebaut hat, ohne auf den Grund zu achten. Der Baugrund war eigentlich nicht zum Bauen geeignet, das Fundament trägt nicht. Da hilft dann das schönste Haus nichts, es war ein Kartenhaus.

Und da der Mensch ein Gewohnheitstier ist, immer nach demselben Muster agiert und reagiert, kommen neue Beziehungen, neue Wohnungen, neue Häuser, fallen genauso in sich zusammen. Man gibt die Schuld dem Partner, der alles versprochen und nichts gehalten hat, der gelogen und betrogen hat, oder sich einfach anders entpuppt hat als in der Eile des Gefechts angenommen. Aber nach mehreren solchen Projekten beginnt man zu denken: Immer dasselbe Muster, was habe ich selbst dazu beigetragen? Ist es nicht mein Muster? Und daher immer dieselben Akteure?

Ist die Fertigteilbauweise nicht eine Illusion? Und hat man nicht dauernd auf Sand gebaut? Man ist müde vom dauernden Bauen, der wechselnden Baustellen, die immer Arbeit, Anstrengung, mitunter auch Drecksarbeit, Keller ausheben, Fassaden aufziehen, Dach einrüsten usw. bedeuten. Und am Ende sieht man, es war ohnehin vergeblich! Auch wenn das angestrebte Ziel ein schönes Haus ist – wenn etwas schief geht, bricht das ganze zusammen und es bleibt nur Bauschutt, und das Wegräumen braucht wieder Zeit und Arbeit. Am Ende sollte ein bewohnbares Haus stehen, Gemeinsamkeit, Vertrauen, Liebe – und dann wieder nur Verzweiflung. Das Vertrauen in das Vertrauen schwindet.

Wie aus diesem ermüdenden Kreislauf herauskommen? Keine neue Baustelle, keine Wohnung, kein Haus mehr. Angst…  Angst, es könnte wieder so enden. Das eigene Leben in die Hand nehmen. Ohne neue Baustelle. Selbständig, allein, einsam, frustriert, verzweifelt – ist das die Lösung?

Oder das bisherige Muster reflektieren. So will ich es nie wieder. Aber wie anders? Ich bin müde. Ich kann nicht mehr. Wie soll ich es in diesem Zustand alleine schaffen?

Oder Innehalten, Besinnung. Was hat denn immer gefehlt? Worauf haben wir nie oder kaum geachtet? Ein solides Fundament und ein tiefer Grund, auf dem man ein Haus hätte bauen sollen. Nicht gleich mit dem Hausbau beginnen…

Was dann? Eine neue Baustelle kommt nicht infrage. Dazu fehlen Energie und Vertrauen. Aber warum nicht anfangen mit dem, was immer gefehlt?

Wenn am Horizont jemand auftaucht, der (wieder) von Gemeinsamkeit spricht, mit dem man sich sogar Gemeinsames vorstellen könnte – wäre da nicht diese Angst, wieder auf die Nase zu fallen… Nur keine neue Baustelle, das ist jetzt einfach nicht zu schaffen.

Aber auch ein Haus muss auf einem Grund aufbauen, worauf die gängigen „Baustellen“ meist vergessen. Warum nicht dort beginnen, wo andere aufhören. Beziehung braucht zuallererst einen tiefen Grund. Ein Grundstück, auf dem zunächst mal gar nichts steht oder gebaut werden muss, das aber die Bedingung für alles Weitere ist, auch wenn all dies zunächst völlig offen bleiben kann.

Diesen Grund muss man nicht bauen, den muss man finden. Er ist entweder da oder nicht. Wenn man den Eindruck hat, er ist da, dann hat man ihn gefunden. Und er ist zunächst ein Stück Natur, d.h. eigentlich ein Geschenk! Warum sollte man es nicht annehmen?

Erst dann kann man dieses Grundstück kultivieren, verschönern, bepflanzen mit Blumen, Kräutern, fruchtbringenden Bäumen… Alles am Boden. Noch immer keine Baustelle, kein Haus, das in sich zusammenfallen könnte. Ein Stück freier Natur, auf dem man sich treffen, austauschen, gemeinsam pflanzen, gießen, planen, beobachten, genießen, innehalten, in der Sonne liegen kann. Licht und Wärme statt vorzeitiger Mauern.

Voraussetzung ist, dass es diesen tiefen Grund überhaupt gibt. Aber wenn, dann ist es nicht mal entscheidend, ob der andere das auch so sieht. Wenn nicht, dann beginnt man eben mit dem Pflanzen, Gießen, kultivieren. Und wenn der andere dann doch überraschend vorbeikommt, sind bereits die ersten Knospen da, an denen man sich schon gemeinsam freuen kann. Und dann wird man den Garten gemeinsam  weiter bepflanzen, pflegen und gestalten.

Dazu braucht es keine Baustelle, kein Haus, nicht mal ein Gartenhaus. Das mag zwar irgendwann passieren, muss dann aber auch gar nicht gängiger Architektur entsprechen, sondern einzig und allein unseren Vorstellungen und Bedürfnissen. Wir haben ja gemeinsam den Boden bereitet, Blumen und Bäume gepflanzt, Früchte (Projekte…) geerntet usw.

Und sollte dann wirklich einmal der Wunsch nach einem Haus wachsen, wird es auf einem soliden Grund stehen.

Die beste aller Regierungsformen

Da sind wir uns doch einig: die Demokratie. Aber auch da gibt es verschiedene Ausprägungen, und der Populismus ist europaweit dabei, die Demokratie zu untergraben. Worauf also steuern wir zu? Auf ein Revival oder eine Demontage der Demokratie?

Um es gleich vorwegzunehmen: Es geht nicht um die formale Regierungsform, sondern um die Menschen, die eine Gesellschaft organisieren. Und um noch etwas vorwegzunehmen: Demokratie wird in demokratischen Ländern massiv missverstanden: als Herrschaft der Mehrheit(en). Demokratie bedeutet aber nicht, dass die Mehrheit bestimmt, sondern dass die Minderheiten gehört werden. Und da geht der Europatrend in die verkehrte Richtung.

Aber beginnen wir in den USA: Da haben wir eine demokratische Verpackung, und dahinter eine Diktatur der Lobbys, für die der jeweilige „mächtigste Mann der Welt“ das Feigenblatt abgeben darf. Oder er spielt, wie George Bush, zu offensichtlich mit. Direkte Demokratie gibt es in einigen Bundesstaaten, das Amt des Obersten machen sich die Milliardäre untereinander aus, das Amt ist teuer erkauft. Natürlich nach den Regeln der Demokratie – ohne Risiko, es steht ja nichts anderes zur Wahl.

In Europa hat die Schweizerische direkte Demokratie irgendwie Vorbildwirkung – sogar für die Rechtsparteien, und das mit gutem Grund. Die Schweiz zeigt vor, dass das ganz gut, aber doch nicht so recht funktioniert. Das Volk über alles abstimmen zu lassen bedeutet in der Praxis oft, die Minderheiten nicht zu hören, sondern zum Schweigen zu bringen. Dagegen gibt es noch kein Medikament. Und seit die Populisten aller Länder sich der Demokratie annehmen, ist diese enorm gefährdet.

Schon bei der Abstimmung gegen die Minarette war klar geworden, dass wenn alle mitbestimmen, es sehr wahrscheinlich wird, dass die Nicht-Betroffenen den Ausgang der Wahl bestimmen. Wo Moslems leben, stimmt die Mehrheit für die Minarette, in Regionen, die noch keinen Moslem zu Gesicht bekommen haben, ist die Mehrheit dagegen. Unbestimmte bis unbegründete Ängste dominieren die Abstimmung. Detto bei der kürzlich abgehaltenen Abstimmung gegen die „Masseneinwanderung“ (Das Wort allein genügte, um das Wahlergebnis zu manipulieren). Zu zweifelhaftem Ruhm brachte es dabei die Gemeinde Horrenbach-Buchen, 260 Einwohner, die Abstimmung ging mit 117 zu 8 Stimmen gegen die „Masseneinwanderung“ aus. Das „beste“ Ergebnis für die SVP. Dabei kennen die Horrenbacher die fremden Eindringlinge bestenfalls aus den Medien, denn nach Horrenbach-Buchen hat sich noch keiner verirrt. Aber sie wissen ganz genau, was auf sie – oder die anderen – zukommt, sollten sie in Massen auftauchen. Wieder einmal haben die gewonnen, die vom Problem keine Ahnung haben – und das ist eben direkte Demokratie.

Nichts gegen Demokratie! Sie ist natürlich die unserem Sicherheitsbedürfnis am besten entsprechende Regierungsform. Sie gibt uns das Gefühl, mitbestimmen zu dürfen. Ob dahinter dann die Lobbys diktieren oder die Ignoranten, das ist eben mehr Bestimmung als Mitbestimmung.

Es gibt keine Alternative zur Demokratie, keine Frage! Sie ist die beste aller möglichen Regierungsformen, aber noch immer keine allzu gute. Darüber darf, soll und muss diskutiert werden. Ihre Unzulänglichkeit hat keine wirkliche Alternative, aber sie zu verbessern, davon dürfen wir doch träumen, odr?

So wie die Zeit der Volkskirche vorbei ist, so auch die Zeit der Volksparteien. Die Wahlergebnisse nähern sich immer mehr dem Unentschieden an. Was aber ist dann eine demokratische, dem „Wählerwillen“ entsprechende  Regierungsbildung? Es wird keine einzelne Partei in Zukunft regieren können, in Österreich ist wohl zum letzten Mal eine Regierung aus zwei Parteien gebildet worden. Bei der nächsten Wahl wird sich auch das nicht mehr ausgehen. In Italien z.B. ist die Parteienlandschaft so differenziert und so fließend, dass nicht die Demokratie, sondern das Chaos regiert, und das seit langem. Das einzig Stabile sind korrupte und mafiotische Strukturen. Und das nennt sich dann Demokratie?

Sollten alle Parteien entsprechend ihrem Wahlergebnis in der Regierung vertreten sein? Könnte das wechselnde Mehrheiten in Sachfragen ermöglichen? Würde das zu mehr Vernunft oder zu mehr italienischen Verhältnissen führen?

Das Problem sind immer die Menschen

Aber die Organisationsform ist gar nicht das eigentliche Problem. Das wirkliche Problem ist, dass sowohl die Wähler/innen als auch die Gewählten Menschen sind. Die Wähler lassen sich manipulieren, siehe die aufstrebenden Rechtsparteien, die auf der Klaviatur der Ängste spielen, natürlich zu ihrem eigenen Vorteil. Und auch generell geht es um Macht und Machterhalt, genauso wie in Monarchien oder Diktaturen. Und damit sind wir bei der Kernfrage: Wie kann man eine Regierung dazu bringen, das zu tun, wofür sie gewählt wurde? Nämlich die Belange des Staates, des Volkes zu vertreten und nicht die eigenen Interessen. Dafür braucht es keine bestimmte Regierungsform, sondern vor allem einen bestimmten Menschentypus.

Damit sind wir unweigerlich bei Platon, der gemeint hat, dass Philosophen regieren sollten. Also diese heute vom Aussterben bedrohte Spezies. Zur Erinnerung: Philosophen sind diejenigen, die vorwiegend Fragen stellen, ohne vorzugeben, dass sie die Antwort hätten. Und sie fragen vor allem danach, was für den Menschen im Allgemeinen (und nicht für die eigene Tasche) wirklich wesentlich ist. Sie würden in einer Regierung fragen, was für die Menschen, die sie vertreten, wesentlich und gut ist.

Andererseits: Demokratie setzt auch mündige, vernünftige Bürger voraus. An deren Mangel scheitert die Demokratie. Da hilft eigentlich nur die Evolution. Ist der Mensch lernfähig oder nicht? Wir leben in einer Zeit der Ich-AGs, aber wirkliche Selbstbestimmung ist ein Fremdwort. Und Fremdbestimmung, Manipulation zerstören jede Demokratie.

Aber vielleicht brechen ja gerade jetzt andere Zeiten auf. Die Volkskirche ist passé, die imperiale Kirche ist passé, und in Krisenzeiten besinnt man sich auf das Wesentliche. Und auf das scheint der neue Papst hinzusteuern. Religion ist nicht Manipulation und Unterdrückung, sondern Hinführung zur Emanzipation von Fremdbestimmung hin zur Selbstbestimmung. Etwas ganz Neues und doch die alte Botschaft. Und Politik und Gesellschaft erfordern heute genau das. Es geht um das Volk Gottes in der Kirche – und um das mündige Volk in der Demokratie. So nahe waren Religion und Politik noch nie. Die Trennung von Staat und Kirche darf nicht angetastet werden, aber die Menschen sollten – in Staat und Kirche – endlich reif werden.

Europa und das Christentum

Published on Newsgrape on 2011-04-14 11:50:57

Ist das neue Europa bloß eine Errungenschaft der Aufklärung, des postmodernen Relativismus auf den Trümmern traditioneller Kultur? Oder kann es auch durch die Aufklärung hindurch seine älteren Wurzeln doch nicht verleugnen?

Es ist wohl nicht schwer zu argumentieren, dass nahezu alle europäischen „Emanzipationsbewegungen“ – von der Französischen Revolution bis zur Theorie des Kommunismus – ihre christlichen Wurzeln nicht leugnen können. Man versuchte, ohne Gott auszukommen, aber die dem „entgegengesetzten“ Ideale wie z.B. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ oder „Besitzlosigkeit“ waren zuvor allemal christliche Werte:

Freiheit

ist im christlichen Sinne das, was den Menschen erst zum Menschen macht. Auch wenn dieser freie Wille die Welt so aussehen lässt, wie sie eben aussieht. Die naive Frage, wie Gott so etwas zulassen kann, erübrigt sich somit, trifft das Christentum nicht und auch keine andere Religion.

Gleichheit

war von Anfang an die große Attraktion des Christentums (Paulus: „nicht Knecht und Herr, nicht Sklave…“). Die immer wieder kritisierte Hierarchie (= Herrschaft des Heiligen) ist im Reich Gottes und nicht im irdischen begründet, und daher ursprünglich kein Gegensatz zur Gleichheit der Menschen. Dass auch die Kirche über lange Strecken diese Hierarchie ins Irdische projiziert hat, ist menschlich, aber nicht christlich zu begründen.

Und auch wenn die Kirche in dieser Beziehung einen Salto rückwärts produziert hat, ist die Gleichheit der Frau ebenfalls im Christentum begründet. Frauen spielen im Evangelium eine Rolle, die sie in der damaligen Zeit einfach nicht hatten. Abgesehen davon, dass die Gleichheit schon aus dem Schöpfungsbericht herauszulesen ist.

Selbst im postmodernen Relativismus strahlt noch matt der Abglanz der christlichen Gleichheit. Nur im christlichen Sinne heißt das nicht, dass alles gleich gültig – und damit gleichgültig – ist, sondern es geht um gleiche Chancen und gleiche Rechte. Ein naives oder ideologisches Leugnen der Unterschiede ist nicht christlich.

Brüderlichkeit

steckt nicht nur in der Nächstenliebe, sondern letztlich sind wir nach christlicher Auffassung alle Brüder und Schwestern, ja sogar Brüder und Schwestern Jesu, Söhne und Töchter (Kinder) Gottes und „damit auch Erben“ (Paulus). Und dass Gottesliebe ohne Nächstenliebe gar nicht möglich ist, wirkt jeder jenseitigen, spirituellen Abgehobenheit entgegen.

Besitzlosigkeit

im christlichen Sinne geht weit über das Materielle hinaus. Irdischer Besitz ist durchaus legitim, es kommt nur darauf an, was man damit macht. Gemeint ist aber das sich Frei-Machen von materiellem und anderem Besitz, die Unabhängigkeit oder das Nicht-Haften (wie es die Buddhisten ausdrücken) an Dingen, Menschen, Ideen usw.

Die Besitzlosigkeit des Urchristentums setzt sich nahtlos (aber wieder ohne Gott) sogar im kommunistischen Ideal fort. Dass ohne spirituelles Ideal aber die Gleichheit der Arbeiterklasse durch Menschliches, allzu Menschliches torpediert wird, ist einem religiösen Menschen völlig klar, einer derartigen Ideologie natürlich nicht bewusst. Daher auch das Scheitern dieses humanistischen Ideals.

Trennung von Kirche und Staat

ist keine Erfindung der Aufklärung, sondern eine Vorgabe Jesus: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist…“. Auch wenn die Kirche da selbst des öfteren über das Bibelwort hinausgegangen ist. Das „Reich Gottes“ ist zwar im (seelisch-geistigen) Leben durchaus hier und jetzt zu realisieren – Christentum ist keine Jenseitsreligion – hat aber nichts mit den irdischen und politischen Realitäten zu tun. Diese Unterscheidung ist aufrechtzuerhalten.

Jesus ist kein politischer Messias – aber politisch in dem Sinne, dass das „Himmlische“ das „Irdische“ bestimmen sollte. „… wie im Himmel, so auf Erden.“ In unserer Sprache: Auch die Politik sollte das Ganze nicht aus den Augen verlieren. Politik sollte keine Einzelinteressen, sondern das Gemeinwohl vertreten und im Idealfall auch das Ganze (über das Endliche hinaus), zumindest als Horizont im Auge behalten.

Weg aus der Abhängigkeit

Was Jesus vorgelebt hat, hatte implizit aber auch eine ungeheure politische Schlagkraft: „Das Christentum ist eine Befreiungs- und Erlösungsreligion. Der Mensch soll frei werden von falschen Abhängigkeiten und Ängsten sowie erlöst werden aus seinen Verstrickungen, damit er frei wird, seinen eigenen Lebensweg, seine Berufung, Wahrheit und Identität zu finden.“ So charakterisiert der Moraltheologe, Arzt, Philosoph und Priester Matthias Beck das Christentum. Aus Abhängigkeiten zur Selbstbestimmung und Eigenverantwortung zu kommen, war natürlich den autoritären Strukturen ein Dorn im Auge.

Auch die Kirche hat ihre irdische Autorität mitunter missbraucht und damit die Menschen in einer Fremdbestimmung belassen. Das ist ihr aber heute durchaus bewusst. Spirituelles Denken ist ganzheitliches Denken und daher aus linearer Sicht oft paradox. Diese Unterscheidung ist für Beck wichtig: Tun was die Eltern, was Lehrer, Vorgesetzte, Kirche usw. verlangen, ist Fremdbestimmung. „Dein Wille geschehe“ im „Vater unser“, in Überein-Stimmung mit dem Willen Gottes zu leben, heißt jedoch, zu sich selbst zu kommen, das innerste Menschsein zu erspüren, frei zu werden für die eigene ureigenste Bestimmung.

Das klingt doch wesentlich moderner als das Schrebergartendenken eines naiven pseudowissenschaftlichen Reduktionismus und Materialismus, der durch die moderne Physik ohnehin längst widerlegt ist.

Islamophobie und Religionsfeindlichkeit

Published on Newsgrape on 2011-06-20

Religionsfeindlichkeit allgemein und Aggression gegen Fremde, insbesondere Moslems waren Themen einer Tagung im Islamischen Zentrum in Wien.

Veranstalter waren das “Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie” (RPP), die Sigmund Freud Privatuniversität (SFU) und das Institut für Interkulturelle Islamforschung (INTIS). Raphael M. Bonelli, Gründer des RPP, hatte schon im Vorfeld Droh-E-mails und Spott-E-mails bekommen, wie er in seiner Einleitung berichtete. Er zeigte sich daher erleichtert, dass die Veranstaltung einen friedlichen Verlauf nahm.

Islamophobie: Unsicherheit und Unwissenheit

Bonelli betonte, dass er den Begriff Islamophobie nicht politisch verstanden wissen wollte, sondern sein Zugang ein ausschließlich psychologischer sei. Die Islamophobie zeigt sich einerseits als Teil der Xenophobie (Angst vor dem Fremden), andererseits als Teil einer generellen Religionsfeindlichkeit der Postmoderne. Nicht eingestandene rassistische Motive spielen teilweise ebenfalls eine Rolle.

Erstaunlich ist, dass sich unter den Islamophoben auch Menschen finden, die sich als Christen bezeichnen. Man muss allerdings zwischen „intrinsischer“ (verinnerlichter) und „extrinsischer“ (rein äußerlicher) Religion unterscheiden. Dann zeigt sich, dass die islamophoben Fanatiker ausschließlich der letzteren Gruppe zuzuordnen sind und dass sie sich damit weit vom Christentum und von der Kirche entfernt haben, die im 2. Vatikanischen Konzil die in allen Religionen durchscheinende Wahrheit anerkannt hat. „Es ist unglaublich, mit welchem Fanatismus sie die katholische Lehre vergewaltigen, um ihre eigene Islamophobie zu rechtfertigen. Die Kirche brauchen sie nicht, sie retten ja das Abendland.“ Den Islamophoben zeichnet aus, das er „im Glauben selbst nicht gefestigt ist und vom anderen nichts versteht“, so die Definition eines Teilnehmers der Tagung.

Randgruppen: Islamisten und Islamophobe

Stephan Baier, Journalist und Sachbuchautor, wies darauf hin, dass die Kampfhähne – Islamisten und Islamophobe – einander brauchen und auch einander die Mitglieder zutreiben. Baier berichtet vom Gedankengang eines koptisch-katholischen Bischofs in Kairo: Würde der Islam wirklich direkt den Terrorismus fördern, dann müssten unter den 1,3 Mrd. Moslems zumindest zehn Prozent Terroristen sein – „dann gäbe es kein Leben mehr auf dieser Welt“.

Alfred Pritz, Rektor der SFU, ging auf die großen kulturellen Leistungen der Moslems auch in Europa ein. Durch seine Beschäftigung damit sei er selbst in seiner Einschätzung des Fremden sehr viel bescheidener geworden. „Es waren Muslime, die die griechische Kultur und die griechischen Philosophen, auf deren Ideen das moderne Europa gründet, wieder in die Welt des Frühmittelalters einbrachten.“ Denn Euroedpa hatte damals den Kontakt zu seinen griechischen Wurzeln verloren. Nahezu acht Jahrhunderte lang war das maurische Andalusien die dominierende kulturelle Welt in Europa. Die moderne Wissenschaft ist dort entstanden. Pritz bezeichnet den Islam dieser Zeit als „die Mutter der europäischen Welt.“

Elsayed Elshahed, Professor an der Al-Azhar Universität in Kairo und Leiter des Instituts für Interkulturelle Islamforschung in Wien, wies darauf hin, dass das Wort „Ungläubige“ im Koran für eine bestimmte Volksgruppe verwendet wurde und für sonst niemand. Elshahed stellte prinzipiell das Gemeinsame vor das Trennende: Gott sei auch im Koran nicht der ausschließlich Richtende. „Gott vergibt immer. Er ist gerecht, aber barmherzig. Doch die Barmherzigkeit kommt vor der Gerechtigkeit.“ Und obwohl Moslems Jesus nicht als Sohn Gottes sehen, spricht auch der Koran von Jesus als „Gottes Wort“. Und der Beste unter den Menschen ist der, der am meisten nützlich für andere ist.

Religion oder Religionsfeindlichkeit als Neurose?

Walter Pieringer, Vorstand der Uniklinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie an der Medizinischen Universität in Graz, wies darauf hin, dass Sigmund Freud Religion noch als Neurose einstufte. Heute hat sich diese Auffassung umgekehrt: Für W. Bion ist z.B. nicht der neurotisch, der religiöse Gefühle verspürt, sondern diejenige, der diese nicht spürt.  Auch Viktor Frankl sprach bekanntlich von einer natürlichen Religiosität und unbewussten Geistigkeit.

Abwertung ist die sublimste Form der Aggression, so Bonelli. Dass Freud selbst nicht frei von Neurosen war, beweist unter anderem, dass er seiner Frau ein Leben lang verbot, ihre jüdische Religion auszuüben. Freud konstatierte drei Kränkungen des Menschen, nämlich durch Kopernikus (die Erde ist nicht Mittelpunkt der Welt), durch Darwin (der Mensch stammt quasi vom Affen ab) und durch ihn selbst (dass er nicht einmal Herr im Haus der eigenen Psyche ist).

Drei Kränkungen des postmodernen Menschen

Bonelli stellt dem drei Kränkungen des postmodernen Menschen gegenüber:

Die erste Kränkung ist die unübersehbare Lebendigkeit der totgehofften Religion. 150 Jahre nach Nietzsches „Gott ist tot“ ordnen sich weltweit immer mehr junge und gebildete Menschen einem transzendenten Prinzip und nicht dem Zeitgeist unter.

Noch schmerzhafter und bedrohlicher für Antireligiöse ist die moralische Instanz, die den Glaubensgemeinschaften innewohnt. Alternative humanistische Ethikangebote sind dagegen farblos und inhaltsleer, beliebig und verbiegbar, schmerzfrei und unverbindlich. Als Maßstab bleiben nur das Ich und seine Wünsche.

Die dritte Kränkung vergleicht Bonelli mit der eifersüchtigen Aggression manches Pubertierenden auf jüngere Geschwister, die noch nicht in Opposition zu den Eltern stehen. Analog dazu empfindet der Antireligiöse Neid und Eifersucht darüber, dass der Gläubige bei Gott Geborgenheit findet, während er selbst in einer farblosen und grausamen Welt leben muss. Wie sich der ambivalente Halbwüchsige nach der elterlichen Liebe sehnt, die er ausschlägt, so sehnt sich der Antireligiöse unbewusst nach der Transzendenz, die er leugnet.

Allianz der Religionen

Gregor Henckel-Donnersmarck, der frühere Abt des Stifts Heiligenkreuz, stellt fest, dass heute jeder, der eine klare religiöse Position bezieht, als Outcast gesehen wird. Das resultiere unter anderem aus einem groben Missbrauch der Naturwissenschaft auch durch Naturwissenschaftler, die ohne jede Ahnung von Philosophie und Theologie glauben, theologische Aussagen machen zu müssen. Der Staat dürfe die Religionen nicht marginalisieren, sondern müsse sie als Wertproduzenten sogar fördern, „sonst verkommt die Gesellschaft“.

Die Trennlinie verläuft heute nicht zwischen den Religionen, nicht zwischen Islamisten und Islamophoben, sondern zwischen Religiösen einerseits und Atheisten andererseits. Eine Allianz der Religionen könnte da gute Beziehungen schaffen. „Die Welt wartet darauf, dass die Gläubigen aller Religionen Werte einfordern.“ Der Abt forderte eine Solidarität der Religionen: „Ich freue mich über das Minarett, das zum Himmel zeigt wie unsere Kirchtürme. Ich freue mich über den Muezzin, der zum Gebet ruft wie unsere Glocken. Es gibt ein Recht der Religionen auf freie Religionsausübung.“ Und der Abt betont, dass der Pluralismus in der Geschichte immer eine große Chance war.

Quelle: Fachtagung „Das Unbehagen mit der Religion. Islamophobie und verwandte Phänomene“, 18. Juni 2011, Islamisches Zentrum Wien

Muslimisch-christlicher Dialog

Published on Newsgrape on 2012-01-17 18:24:52

„Ich kämpfe für Ihre Religionsfreiheit. Moscheen und Minarette inklusive!“ So der frühere Abt des Stiftes Heiligenkreuz, Gregor Henckel-Donnersmarck, zu Dr. Fuat Sanac, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft. Ein Zeugnis christlicher Gesinnung, mit dem sich viele Zuhörer schwer tun.

Abt Gregor will nicht von einem Dialog der Religionen, sondern von einem Gespräch der Glaubenden reden. Dabei geht es darum, den anderen verstehen zu lernen. Er hat sich in letzter Zeit mit dem Islam beschäftigt und will dieses Studium in Zukunft intensivieren. Es gehe nicht um einen abstrakten Dialog, sondern um die Begegnung von Menschen, die ins Gespräch kommen. Nicht um einer Religion zum Durchbruch zu verhelfen, sondern um sich zu bemühen, gut miteinander zu leben.

Auch für Fuat Sanac klingt das Wort Dialog etwas künstlich. Es geht ihm um eine menschliche Beziehung, den Menschen so zu akzeptieren und zu respektieren, wie er ist. „Wenn jemand an Gott glaubt, dann muss er den Menschen dienen.“ Auf die unvermeidliche Frage nach 9/11 antwortet der Präsident: „Was hat das mit dem Islam zu tun? Im Islam ist töten verboten!“ Man müsse zwischen Menschen und dem Islam unterscheiden. Dem Gemurmel im Saal ist zu entnehmen, dass diese Unterscheidung einigen schwer fällt.

Gemeinsam gegen den Säkularismus

Wie Papst Benedikt verurteilt Abt Gregor den heutigen Relativismus als alleinseligmachende Religion, „die uns alle bedroht, und der jede Religion zur Bedeutungslosigkeit degradiert“. Das sei eine gemeinsame Herausforderung der Glaubenden.  Er regt eine Allianz der Glaubenden an. „Nicht Religion und Gewalt, sondern Religion und Vernunft gehören zusammen, das habe der Papst in seiner missverstandenen Rede in Regensburg zum Ausdruck gebracht.“ Einen Seitenhieb gegen die Medien kann sich der frühere Abt nicht verkneifen: Das Regensburger Missverständnis sei lustvoll breitgetreten worden, dass es im Anschluss eine sehr konstruktive Diskussion mit führenden Moslems im Vatikan gegeben hat, wurde dagegen schamhaft verschwiegen.

Dem folgt eine Kritik an der Politik, die manchmal jegliche Vernunft, die er soeben für die Religion reklamiert hat, vermissen lässt: Es wäre Aufgabe des Staates, das Lebensrecht der Menschen zu schützen. Die Tötung Ungeborener sei aber „eine offene Wunde“, wie der Papst in der Hofburg bedauert hat. „Aber um des Stimmenfangs willen werden Gesetze verabschiedet gegen jede vernünftige Ethik. Die ist dann nicht gefragt!“ Und er lobt den Islam, der in dieser Frage eine andere Haltung zeigt. Ganz im Gegensatz zur westlichen Welt, bei der die christliche Substanz bei vielen Menschen sehr dünn geworden sei. „Es spricht für die Muslime, dass sie dieses Gesetz nicht nützen.“ Abt Gregor anerkennt auch den Mut der Muslime, ihre Religion öffentlich sichtbar zu bekennen, auch wenn das eine Provokation in der heutigen Gesellschaft ist, in der die Religionen derart an den Rand gedrängt werden. Dieser Mut könne auch für Christen ein Ansporn sein.

Freiheit und Gesetz

Das 2. Vatikanische Konzil habe die Freiheit des Gewissens betont. Das beinhalte auch die Verpflichtung, für die Freiheit anderer Religionen zu kämpfen. „Ich kämpfe für Ihre Religionsfreiheit, Moscheen und Minarette inklusive!“ Wie auch Kardinal Schönborn betone, treten Christen für die Freiheit aller Glaubenden und Nicht-Glaubenden ein.

Fuat Sanac zitiert seinerseits den Koran: „Im Glauben gibt es keinen Zwang.“ Menschen seien unterschiedlich geschaffen worden, damit sie einander kennenlernen können. „Und wenn jemand unfreundlich ist, nützt mir seine Frömmigkeit nichts.“ Die Menschen hätten auch begriffen, dass Freiheit nur für sich keine Freiheit ist. Und er weist darauf hin, dass Säkularismus in jedem Staat etwas anderes bedeute.

Der Frage, wie der Islam zur Abtreibung stehe, weicht Sanac zunächst aus. Beim Thema „Gesetz“ wird er sichtlich vorsichtig, und wird auch erwartungsgemäß mit der Frage nach der „Scharia“, die Muslime angeblich überall einführen wollen, konfrontiert. „Scharia“ als politische Parole sei eine Entwicklung der letzten 40 Jahre. Scharia heißt aber einfach „Gesetz“. Ursprünglich das, was von Gott erlaubt ist und was nicht. Wenn Muslime von österreichischen Gesetzen reden, dann reden sie von der Scharia Österreichs. Und Muslime respektieren die Gesetze des Landes, in dem sie leben.

Man könne nicht mit allen Gesetzen einverstanden sein, versucht er eine Antwort auf die Frage nach der Abtreibung anzudeuten. Er habe kein Problem mit österreichischen Gesetzen, nur sei oft zwischen Theorie und Praxis eine riesige Kluft. Für einen muslimischen Friedhof habe man 25 Jahre gekämpft. Um Religionslehrer hier in Österreich ausbilden zu können, habe man 18 Jahre gekämpft. Und bis es eine theologische Fakultät (wie in Deutschland) gibt, wird es wohl wieder Jahre dauern…

Demokratie und Anerkennung

Fuat Sanac betont, dass es keine Religion gebe, die der Demokratie so nahe stehe. Der erste Kalif wurde vom Volk gewählt, später hat sich das geändert und das Volk wurde vielfach unterdrückt. „Aber Regierungen kommen und gehen und das Volk will einfach nach seiner Religion leben.“ Und er stellt anerkennend fest: „Muslimische Soldaten haben in Österreich Rechte, die sie in islamischen Ländern nicht haben.“

Wie er mit blauen Parolen wie „Pummerin statt Muezzin“ umgehe? Das hätte sich in letzter Zeit gebessert, meint Sanac. Es sei ja auch noch kein Wahlkampf, wirft der Diskussionsleiter ein, um gleich den früheren Abt zu fragen, ob die Kirche da nicht mehr hätte protestieren müssen? Kardinal Schönborn habe da ganz klare Worte gefunden und das als Missbrauch religiöser Symbole angeprangert. „Das ist bei den Moslems angekommen, aber nicht bei den Medien, für die war das anscheinend nicht so interessant.“ Daher betont er ganz dezidiert: „Der Islam ist bei uns daham! Seit 100 Jahren anerkannt.“ 

Theologie und Schriftauslegung

Dass der Islam auch Christen als Ungläubige bezeichne, streitet Sanac entschieden ab. „Wer an Jesus als Sohn Gottes glaubt, ist deswegen nicht ungläubig.“ Um dann generell festzustellen, dass jegliche theologische Terminologie eine spezielle Ausbildung brauche. Darüber könne man stundenlang diskutieren. Ein Gedanken, den Abt Gregor gerne aufnimmt. Der Islam hätte große Schwierigkeiten mit der Exegese (Auslegung der Schrift). Aber auch für die Kirche war der Schritt in Richtung Exegese ein schmerzlicher Prozess, aus dem sie aber gereinigt hervorgegangen ist. Dies müsse auch dem Islam gelingen.

Auf das Drängen des Organisators, Prof. Raphael Bonelli vom Institut für Religion in Psychiatrie und Psychotherapie, dass die Frage nach der Tötung Ungeborener noch offen sei, antwortet Fuat Sanac dann doch noch, dass Abtreibung im Islam verboten sei.

Kommentar: Unchristliche Proteste im Publikum

Mit einer derart friedlichen, verständnis- und respektvollen Begegnung waren nicht alle im Publikum einverstanden. „Ein abgekartetes Spiel!“, fauchte eine Frau. Offenbar hätte man den Präsidenten zwar einladen, aber nicht reden lassen sollen. „Eine sozialistische Propagandaveranstaltung!“, beschwerte sich jemand aus der anderen Ecke, für den offenbar alles sozialistisch ist, was nicht Andersgläubige von vornherein niedermacht. Als wäre es nicht traurig genug, dass in dieser Frage die Sozialisten den christlichen Standpunkt vertreten, den die ÖVP längst verlassen und die FPÖ nie betreten hat. (In der angesprochenen Frage der Abtreibung sind sie dann wieder tatsächlich „weit weg von jeder vernünftigen Ethik“).

Und immer wieder die Angst vor der Zuwanderung, und dass in Zukunft Muslime die demokratische Mehrheit erlangen könnten und dann die Scharia einführen würden. Aber abgesehen davon, dass die Zuwanderung in Wirklichkeit zurückgeht, müsste jedem aus der Geschichte klar sein, dass eine lineare Extrapolation der Gegenwart in die Zukunft die einzige Entwicklung ist, die man mit Sicherheit ausschließen kann. In der Geschichte gab es noch nie eine lineare Entwicklung. Der Fall der Berliner Mauer und der Arabische Frühling sind da nur jüngere Beispiele für Entwicklungen, an die noch kurz vorher niemand geglaubt hätte.

Viel wahrscheinlicher ist, dass sich auch die Geburtenrate der Muslime der nächsten Generationen an die europäische angleichen wird und dass die Säkularisierung auch vor den europäischen Muslimen nicht Halt machen wird. Damit wären schon zwei der irrationalsten Ängste gegenstandslos. Und was die religiöse Situation Europas betrifft, ist das Problem nicht der Islam, sondern das Christentum. Würden Christen zu ihrem Glauben stehen, bräuchten sie sich nicht vor einem anderen Glauben zu fürchten.

Die wirklich brennende Frage ist vielmehr, wie es möglich ist, dass die christliche Haltung Gregor Henckel-Donnersmarcks – die auch für einen humanistischen Atheismus verständlich oder sogar selbstverständlich ist – auf derart viel Unverständnis bei Menschen führt, die sich als Christen bezeichnen?

Quelle: Muslimisch-Christlicher Dialog, Akademie Birkbrunn, Wien

Erwachen

Von Natur kein besonders emotionaler Mensch, war mir doch immer bewusst, dass mein Gefühl zwar da, aber wie ein Vogel im Käfig war, mit dünnen, aber mit Stäben, die zwar Ausblick erlaubten, aber keinen Ausbruch in die Freiheit.

Irgendwann sah ich mich in einer hinteren Ecke des Käfigs liegen, ohne Luft und Licht. Es war dunkel geworden, krampfartige Atembeschwerden, die Bewegungen erlahmend. Am Leben hielt mich ein Datum, bis zu dem ich durchhalten wollte. Das Leben, Flauten, Stürme, Gewitter, alles zog an mir vorbei. Unbeteiligt.

Bevor ich die Tür aufstoßen konnte, sie war ja nie verschlossen, ging sie auf. Lange gewöhnte ich mich nicht an die Luft draußen. Blieb nun in einem selbstgeschaffenen Käfig. Musik wurde immer wichtiger. Die Welt der Oper, Bücher über das Leben, das Singen… Griechisch.

Und dann: Wieder Griechenland, Sopran, eine neue Welt. Und nun verließ der Vogel seinen Käfig und versuchte frei zu fliegen. Zu felsig, zu abweisend – aber erinnernd an eine längst vergangene Begegnung, die tragisch geendet, noch nicht wirklich verarbeitet. Aber nicht möglich, über den Fluss zu gehen, für eine letzte Umarmung…

Die Brücke führte nicht in die andere Welt, sondern über Russland nach Serbien. Eine zauberhaft raue russische Landschaft lockte weg von den Felsen Griechenlands. Ich tauchte nur kurz ein, aber sie wies den Weg zum Jazz und zu den Roma Serbiens.

Eine schöne, verletzte Seele, vom Leben gebrochen, geschlagen, wieder und wieder. Sich am Leben haltend nur mit Musik. Balkan, Gipsy, World, Afrika, Brasilien, und vor allem Jazz. Technologie – Telefon, SMS, Mail – ermöglichen seelische Nähe beinahe rund um die Uhr. Doch keine Annäherung. Aber der Vogel fliegt. Höher und höher, frei kreisend. Unendlich weiter Horizont. Aber kein Platz sich niederzulassen.

Im Nebel verschwindet allmählich die Landschaft Serbiens. Nach längerem Schweben taucht unerwartet Rumänien aus den Nebelschwaden auf. Wieder Klassik. Sopran. Musik mit Kindern aus aller Welt. Der Vogel fliegt. Die vertraute Landschaft bleibt fremd.

Kurzer Vorbeiflug an den serbischen Küsten Teneriffas. Keine Annäherung.

Dann tauchen am Horizont plötzlich und unerwartet, nicht gesucht und nicht geplant, die Häuserschluchten Zürichs auf, der See, Philosophie, Yoga, Leben in allen Facetten… Der Vogel fliegt in ungeahnten Höhen. Schluchten und Tiefen ahnend. Weltumspannend. Das Mensch-Sein durchdringend. Angekommen? Heimat. Unerreichbar? Der Vogel ist am Ziel – das am Horizont entschwindet.

„Gut ist das Wissen, dass Liebe existiert und so unendlich tief und schön ist, dass es fast weh tut – nein, dass es weh tut.“