Erwachen

Von Natur kein besonders emotionaler Mensch, war mir doch immer bewusst, dass mein Gefühl zwar da, aber wie ein Vogel im Käfig war, mit dünnen, aber mit Stäben, die zwar Ausblick erlaubten, aber keinen Ausbruch in die Freiheit.

Irgendwann sah ich mich in einer hinteren Ecke des Käfigs liegen, ohne Luft und Licht. Es war dunkel geworden, krampfartige Atembeschwerden, die Bewegungen erlahmend. Am Leben hielt mich ein Datum, bis zu dem ich durchhalten wollte. Das Leben, Flauten, Stürme, Gewitter, alles zog an mir vorbei. Unbeteiligt.

Bevor ich die Tür aufstoßen konnte, sie war ja nie verschlossen, ging sie auf. Lange gewöhnte ich mich nicht an die Luft draußen. Blieb nun in einem selbstgeschaffenen Käfig. Musik wurde immer wichtiger. Die Welt der Oper, Bücher über das Leben, das Singen… Griechisch.

Und dann: Wieder Griechenland, Sopran, eine neue Welt. Und nun verließ der Vogel seinen Käfig und versuchte frei zu fliegen. Zu felsig, zu abweisend – aber erinnernd an eine längst vergangene Begegnung, die tragisch geendet, noch nicht wirklich verarbeitet. Aber nicht möglich, über den Fluss zu gehen, für eine letzte Umarmung…

Die Brücke führte nicht in die andere Welt, sondern über Russland nach Serbien. Eine zauberhaft raue russische Landschaft lockte weg von den Felsen Griechenlands. Ich tauchte nur kurz ein, aber sie wies den Weg zum Jazz und zu den Roma Serbiens.

Eine schöne, verletzte Seele, vom Leben gebrochen, geschlagen, wieder und wieder. Sich am Leben haltend nur mit Musik. Balkan, Gipsy, World, Afrika, Brasilien, und vor allem Jazz. Technologie – Telefon, SMS, Mail – ermöglichen seelische Nähe beinahe rund um die Uhr. Doch keine Annäherung. Aber der Vogel fliegt. Höher und höher, frei kreisend. Unendlich weiter Horizont. Aber kein Platz sich niederzulassen.

Im Nebel verschwindet allmählich die Landschaft Serbiens. Nach längerem Schweben taucht unerwartet Rumänien aus den Nebelschwaden auf. Wieder Klassik. Sopran. Musik mit Kindern aus aller Welt. Der Vogel fliegt. Die vertraute Landschaft bleibt fremd.

Kurzer Vorbeiflug an den serbischen Küsten Teneriffas. Keine Annäherung.

Dann tauchen am Horizont plötzlich und unerwartet, nicht gesucht und nicht geplant, die Häuserschluchten Zürichs auf, der See, Philosophie, Yoga, Leben in allen Facetten… Der Vogel fliegt in ungeahnten Höhen. Schluchten und Tiefen ahnend. Weltumspannend. Das Mensch-Sein durchdringend. Angekommen? Heimat. Unerreichbar? Der Vogel ist am Ziel – das am Horizont entschwindet.

„Gut ist das Wissen, dass Liebe existiert und so unendlich tief und schön ist, dass es fast weh tut – nein, dass es weh tut.“

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