Muslimisch-christlicher Dialog

Published on Newsgrape on 2012-01-17 18:24:52

„Ich kämpfe für Ihre Religionsfreiheit. Moscheen und Minarette inklusive!“ So der frühere Abt des Stiftes Heiligenkreuz, Gregor Henckel-Donnersmarck, zu Dr. Fuat Sanac, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft. Ein Zeugnis christlicher Gesinnung, mit dem sich viele Zuhörer schwer tun.

Abt Gregor will nicht von einem Dialog der Religionen, sondern von einem Gespräch der Glaubenden reden. Dabei geht es darum, den anderen verstehen zu lernen. Er hat sich in letzter Zeit mit dem Islam beschäftigt und will dieses Studium in Zukunft intensivieren. Es gehe nicht um einen abstrakten Dialog, sondern um die Begegnung von Menschen, die ins Gespräch kommen. Nicht um einer Religion zum Durchbruch zu verhelfen, sondern um sich zu bemühen, gut miteinander zu leben.

Auch für Fuat Sanac klingt das Wort Dialog etwas künstlich. Es geht ihm um eine menschliche Beziehung, den Menschen so zu akzeptieren und zu respektieren, wie er ist. „Wenn jemand an Gott glaubt, dann muss er den Menschen dienen.“ Auf die unvermeidliche Frage nach 9/11 antwortet der Präsident: „Was hat das mit dem Islam zu tun? Im Islam ist töten verboten!“ Man müsse zwischen Menschen und dem Islam unterscheiden. Dem Gemurmel im Saal ist zu entnehmen, dass diese Unterscheidung einigen schwer fällt.

Gemeinsam gegen den Säkularismus

Wie Papst Benedikt verurteilt Abt Gregor den heutigen Relativismus als alleinseligmachende Religion, „die uns alle bedroht, und der jede Religion zur Bedeutungslosigkeit degradiert“. Das sei eine gemeinsame Herausforderung der Glaubenden.  Er regt eine Allianz der Glaubenden an. „Nicht Religion und Gewalt, sondern Religion und Vernunft gehören zusammen, das habe der Papst in seiner missverstandenen Rede in Regensburg zum Ausdruck gebracht.“ Einen Seitenhieb gegen die Medien kann sich der frühere Abt nicht verkneifen: Das Regensburger Missverständnis sei lustvoll breitgetreten worden, dass es im Anschluss eine sehr konstruktive Diskussion mit führenden Moslems im Vatikan gegeben hat, wurde dagegen schamhaft verschwiegen.

Dem folgt eine Kritik an der Politik, die manchmal jegliche Vernunft, die er soeben für die Religion reklamiert hat, vermissen lässt: Es wäre Aufgabe des Staates, das Lebensrecht der Menschen zu schützen. Die Tötung Ungeborener sei aber „eine offene Wunde“, wie der Papst in der Hofburg bedauert hat. „Aber um des Stimmenfangs willen werden Gesetze verabschiedet gegen jede vernünftige Ethik. Die ist dann nicht gefragt!“ Und er lobt den Islam, der in dieser Frage eine andere Haltung zeigt. Ganz im Gegensatz zur westlichen Welt, bei der die christliche Substanz bei vielen Menschen sehr dünn geworden sei. „Es spricht für die Muslime, dass sie dieses Gesetz nicht nützen.“ Abt Gregor anerkennt auch den Mut der Muslime, ihre Religion öffentlich sichtbar zu bekennen, auch wenn das eine Provokation in der heutigen Gesellschaft ist, in der die Religionen derart an den Rand gedrängt werden. Dieser Mut könne auch für Christen ein Ansporn sein.

Freiheit und Gesetz

Das 2. Vatikanische Konzil habe die Freiheit des Gewissens betont. Das beinhalte auch die Verpflichtung, für die Freiheit anderer Religionen zu kämpfen. „Ich kämpfe für Ihre Religionsfreiheit, Moscheen und Minarette inklusive!“ Wie auch Kardinal Schönborn betone, treten Christen für die Freiheit aller Glaubenden und Nicht-Glaubenden ein.

Fuat Sanac zitiert seinerseits den Koran: „Im Glauben gibt es keinen Zwang.“ Menschen seien unterschiedlich geschaffen worden, damit sie einander kennenlernen können. „Und wenn jemand unfreundlich ist, nützt mir seine Frömmigkeit nichts.“ Die Menschen hätten auch begriffen, dass Freiheit nur für sich keine Freiheit ist. Und er weist darauf hin, dass Säkularismus in jedem Staat etwas anderes bedeute.

Der Frage, wie der Islam zur Abtreibung stehe, weicht Sanac zunächst aus. Beim Thema „Gesetz“ wird er sichtlich vorsichtig, und wird auch erwartungsgemäß mit der Frage nach der „Scharia“, die Muslime angeblich überall einführen wollen, konfrontiert. „Scharia“ als politische Parole sei eine Entwicklung der letzten 40 Jahre. Scharia heißt aber einfach „Gesetz“. Ursprünglich das, was von Gott erlaubt ist und was nicht. Wenn Muslime von österreichischen Gesetzen reden, dann reden sie von der Scharia Österreichs. Und Muslime respektieren die Gesetze des Landes, in dem sie leben.

Man könne nicht mit allen Gesetzen einverstanden sein, versucht er eine Antwort auf die Frage nach der Abtreibung anzudeuten. Er habe kein Problem mit österreichischen Gesetzen, nur sei oft zwischen Theorie und Praxis eine riesige Kluft. Für einen muslimischen Friedhof habe man 25 Jahre gekämpft. Um Religionslehrer hier in Österreich ausbilden zu können, habe man 18 Jahre gekämpft. Und bis es eine theologische Fakultät (wie in Deutschland) gibt, wird es wohl wieder Jahre dauern…

Demokratie und Anerkennung

Fuat Sanac betont, dass es keine Religion gebe, die der Demokratie so nahe stehe. Der erste Kalif wurde vom Volk gewählt, später hat sich das geändert und das Volk wurde vielfach unterdrückt. „Aber Regierungen kommen und gehen und das Volk will einfach nach seiner Religion leben.“ Und er stellt anerkennend fest: „Muslimische Soldaten haben in Österreich Rechte, die sie in islamischen Ländern nicht haben.“

Wie er mit blauen Parolen wie „Pummerin statt Muezzin“ umgehe? Das hätte sich in letzter Zeit gebessert, meint Sanac. Es sei ja auch noch kein Wahlkampf, wirft der Diskussionsleiter ein, um gleich den früheren Abt zu fragen, ob die Kirche da nicht mehr hätte protestieren müssen? Kardinal Schönborn habe da ganz klare Worte gefunden und das als Missbrauch religiöser Symbole angeprangert. „Das ist bei den Moslems angekommen, aber nicht bei den Medien, für die war das anscheinend nicht so interessant.“ Daher betont er ganz dezidiert: „Der Islam ist bei uns daham! Seit 100 Jahren anerkannt.“ 

Theologie und Schriftauslegung

Dass der Islam auch Christen als Ungläubige bezeichne, streitet Sanac entschieden ab. „Wer an Jesus als Sohn Gottes glaubt, ist deswegen nicht ungläubig.“ Um dann generell festzustellen, dass jegliche theologische Terminologie eine spezielle Ausbildung brauche. Darüber könne man stundenlang diskutieren. Ein Gedanken, den Abt Gregor gerne aufnimmt. Der Islam hätte große Schwierigkeiten mit der Exegese (Auslegung der Schrift). Aber auch für die Kirche war der Schritt in Richtung Exegese ein schmerzlicher Prozess, aus dem sie aber gereinigt hervorgegangen ist. Dies müsse auch dem Islam gelingen.

Auf das Drängen des Organisators, Prof. Raphael Bonelli vom Institut für Religion in Psychiatrie und Psychotherapie, dass die Frage nach der Tötung Ungeborener noch offen sei, antwortet Fuat Sanac dann doch noch, dass Abtreibung im Islam verboten sei.

Kommentar: Unchristliche Proteste im Publikum

Mit einer derart friedlichen, verständnis- und respektvollen Begegnung waren nicht alle im Publikum einverstanden. „Ein abgekartetes Spiel!“, fauchte eine Frau. Offenbar hätte man den Präsidenten zwar einladen, aber nicht reden lassen sollen. „Eine sozialistische Propagandaveranstaltung!“, beschwerte sich jemand aus der anderen Ecke, für den offenbar alles sozialistisch ist, was nicht Andersgläubige von vornherein niedermacht. Als wäre es nicht traurig genug, dass in dieser Frage die Sozialisten den christlichen Standpunkt vertreten, den die ÖVP längst verlassen und die FPÖ nie betreten hat. (In der angesprochenen Frage der Abtreibung sind sie dann wieder tatsächlich „weit weg von jeder vernünftigen Ethik“).

Und immer wieder die Angst vor der Zuwanderung, und dass in Zukunft Muslime die demokratische Mehrheit erlangen könnten und dann die Scharia einführen würden. Aber abgesehen davon, dass die Zuwanderung in Wirklichkeit zurückgeht, müsste jedem aus der Geschichte klar sein, dass eine lineare Extrapolation der Gegenwart in die Zukunft die einzige Entwicklung ist, die man mit Sicherheit ausschließen kann. In der Geschichte gab es noch nie eine lineare Entwicklung. Der Fall der Berliner Mauer und der Arabische Frühling sind da nur jüngere Beispiele für Entwicklungen, an die noch kurz vorher niemand geglaubt hätte.

Viel wahrscheinlicher ist, dass sich auch die Geburtenrate der Muslime der nächsten Generationen an die europäische angleichen wird und dass die Säkularisierung auch vor den europäischen Muslimen nicht Halt machen wird. Damit wären schon zwei der irrationalsten Ängste gegenstandslos. Und was die religiöse Situation Europas betrifft, ist das Problem nicht der Islam, sondern das Christentum. Würden Christen zu ihrem Glauben stehen, bräuchten sie sich nicht vor einem anderen Glauben zu fürchten.

Die wirklich brennende Frage ist vielmehr, wie es möglich ist, dass die christliche Haltung Gregor Henckel-Donnersmarcks – die auch für einen humanistischen Atheismus verständlich oder sogar selbstverständlich ist – auf derart viel Unverständnis bei Menschen führt, die sich als Christen bezeichnen?

Quelle: Muslimisch-Christlicher Dialog, Akademie Birkbrunn, Wien

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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