Europa und das Christentum

Published on Newsgrape on 2011-04-14 11:50:57

Ist das neue Europa bloß eine Errungenschaft der Aufklärung, des postmodernen Relativismus auf den Trümmern traditioneller Kultur? Oder kann es auch durch die Aufklärung hindurch seine älteren Wurzeln doch nicht verleugnen?

Es ist wohl nicht schwer zu argumentieren, dass nahezu alle europäischen „Emanzipationsbewegungen“ – von der Französischen Revolution bis zur Theorie des Kommunismus – ihre christlichen Wurzeln nicht leugnen können. Man versuchte, ohne Gott auszukommen, aber die dem „entgegengesetzten“ Ideale wie z.B. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ oder „Besitzlosigkeit“ waren zuvor allemal christliche Werte:

Freiheit

ist im christlichen Sinne das, was den Menschen erst zum Menschen macht. Auch wenn dieser freie Wille die Welt so aussehen lässt, wie sie eben aussieht. Die naive Frage, wie Gott so etwas zulassen kann, erübrigt sich somit, trifft das Christentum nicht und auch keine andere Religion.

Gleichheit

war von Anfang an die große Attraktion des Christentums (Paulus: „nicht Knecht und Herr, nicht Sklave…“). Die immer wieder kritisierte Hierarchie (= Herrschaft des Heiligen) ist im Reich Gottes und nicht im irdischen begründet, und daher ursprünglich kein Gegensatz zur Gleichheit der Menschen. Dass auch die Kirche über lange Strecken diese Hierarchie ins Irdische projiziert hat, ist menschlich, aber nicht christlich zu begründen.

Und auch wenn die Kirche in dieser Beziehung einen Salto rückwärts produziert hat, ist die Gleichheit der Frau ebenfalls im Christentum begründet. Frauen spielen im Evangelium eine Rolle, die sie in der damaligen Zeit einfach nicht hatten. Abgesehen davon, dass die Gleichheit schon aus dem Schöpfungsbericht herauszulesen ist.

Selbst im postmodernen Relativismus strahlt noch matt der Abglanz der christlichen Gleichheit. Nur im christlichen Sinne heißt das nicht, dass alles gleich gültig – und damit gleichgültig – ist, sondern es geht um gleiche Chancen und gleiche Rechte. Ein naives oder ideologisches Leugnen der Unterschiede ist nicht christlich.

Brüderlichkeit

steckt nicht nur in der Nächstenliebe, sondern letztlich sind wir nach christlicher Auffassung alle Brüder und Schwestern, ja sogar Brüder und Schwestern Jesu, Söhne und Töchter (Kinder) Gottes und „damit auch Erben“ (Paulus). Und dass Gottesliebe ohne Nächstenliebe gar nicht möglich ist, wirkt jeder jenseitigen, spirituellen Abgehobenheit entgegen.

Besitzlosigkeit

im christlichen Sinne geht weit über das Materielle hinaus. Irdischer Besitz ist durchaus legitim, es kommt nur darauf an, was man damit macht. Gemeint ist aber das sich Frei-Machen von materiellem und anderem Besitz, die Unabhängigkeit oder das Nicht-Haften (wie es die Buddhisten ausdrücken) an Dingen, Menschen, Ideen usw.

Die Besitzlosigkeit des Urchristentums setzt sich nahtlos (aber wieder ohne Gott) sogar im kommunistischen Ideal fort. Dass ohne spirituelles Ideal aber die Gleichheit der Arbeiterklasse durch Menschliches, allzu Menschliches torpediert wird, ist einem religiösen Menschen völlig klar, einer derartigen Ideologie natürlich nicht bewusst. Daher auch das Scheitern dieses humanistischen Ideals.

Trennung von Kirche und Staat

ist keine Erfindung der Aufklärung, sondern eine Vorgabe Jesus: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist…“. Auch wenn die Kirche da selbst des öfteren über das Bibelwort hinausgegangen ist. Das „Reich Gottes“ ist zwar im (seelisch-geistigen) Leben durchaus hier und jetzt zu realisieren – Christentum ist keine Jenseitsreligion – hat aber nichts mit den irdischen und politischen Realitäten zu tun. Diese Unterscheidung ist aufrechtzuerhalten.

Jesus ist kein politischer Messias – aber politisch in dem Sinne, dass das „Himmlische“ das „Irdische“ bestimmen sollte. „… wie im Himmel, so auf Erden.“ In unserer Sprache: Auch die Politik sollte das Ganze nicht aus den Augen verlieren. Politik sollte keine Einzelinteressen, sondern das Gemeinwohl vertreten und im Idealfall auch das Ganze (über das Endliche hinaus), zumindest als Horizont im Auge behalten.

Weg aus der Abhängigkeit

Was Jesus vorgelebt hat, hatte implizit aber auch eine ungeheure politische Schlagkraft: „Das Christentum ist eine Befreiungs- und Erlösungsreligion. Der Mensch soll frei werden von falschen Abhängigkeiten und Ängsten sowie erlöst werden aus seinen Verstrickungen, damit er frei wird, seinen eigenen Lebensweg, seine Berufung, Wahrheit und Identität zu finden.“ So charakterisiert der Moraltheologe, Arzt, Philosoph und Priester Matthias Beck das Christentum. Aus Abhängigkeiten zur Selbstbestimmung und Eigenverantwortung zu kommen, war natürlich den autoritären Strukturen ein Dorn im Auge.

Auch die Kirche hat ihre irdische Autorität mitunter missbraucht und damit die Menschen in einer Fremdbestimmung belassen. Das ist ihr aber heute durchaus bewusst. Spirituelles Denken ist ganzheitliches Denken und daher aus linearer Sicht oft paradox. Diese Unterscheidung ist für Beck wichtig: Tun was die Eltern, was Lehrer, Vorgesetzte, Kirche usw. verlangen, ist Fremdbestimmung. „Dein Wille geschehe“ im „Vater unser“, in Überein-Stimmung mit dem Willen Gottes zu leben, heißt jedoch, zu sich selbst zu kommen, das innerste Menschsein zu erspüren, frei zu werden für die eigene ureigenste Bestimmung.

Das klingt doch wesentlich moderner als das Schrebergartendenken eines naiven pseudowissenschaftlichen Reduktionismus und Materialismus, der durch die moderne Physik ohnehin längst widerlegt ist.

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