Islamophobie und Religionsfeindlichkeit

Published on Newsgrape on 2011-06-20

Religionsfeindlichkeit allgemein und Aggression gegen Fremde, insbesondere Moslems waren Themen einer Tagung im Islamischen Zentrum in Wien.

Veranstalter waren das “Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie” (RPP), die Sigmund Freud Privatuniversität (SFU) und das Institut für Interkulturelle Islamforschung (INTIS). Raphael M. Bonelli, Gründer des RPP, hatte schon im Vorfeld Droh-E-mails und Spott-E-mails bekommen, wie er in seiner Einleitung berichtete. Er zeigte sich daher erleichtert, dass die Veranstaltung einen friedlichen Verlauf nahm.

Islamophobie: Unsicherheit und Unwissenheit

Bonelli betonte, dass er den Begriff Islamophobie nicht politisch verstanden wissen wollte, sondern sein Zugang ein ausschließlich psychologischer sei. Die Islamophobie zeigt sich einerseits als Teil der Xenophobie (Angst vor dem Fremden), andererseits als Teil einer generellen Religionsfeindlichkeit der Postmoderne. Nicht eingestandene rassistische Motive spielen teilweise ebenfalls eine Rolle.

Erstaunlich ist, dass sich unter den Islamophoben auch Menschen finden, die sich als Christen bezeichnen. Man muss allerdings zwischen „intrinsischer“ (verinnerlichter) und „extrinsischer“ (rein äußerlicher) Religion unterscheiden. Dann zeigt sich, dass die islamophoben Fanatiker ausschließlich der letzteren Gruppe zuzuordnen sind und dass sie sich damit weit vom Christentum und von der Kirche entfernt haben, die im 2. Vatikanischen Konzil die in allen Religionen durchscheinende Wahrheit anerkannt hat. „Es ist unglaublich, mit welchem Fanatismus sie die katholische Lehre vergewaltigen, um ihre eigene Islamophobie zu rechtfertigen. Die Kirche brauchen sie nicht, sie retten ja das Abendland.“ Den Islamophoben zeichnet aus, das er „im Glauben selbst nicht gefestigt ist und vom anderen nichts versteht“, so die Definition eines Teilnehmers der Tagung.

Randgruppen: Islamisten und Islamophobe

Stephan Baier, Journalist und Sachbuchautor, wies darauf hin, dass die Kampfhähne – Islamisten und Islamophobe – einander brauchen und auch einander die Mitglieder zutreiben. Baier berichtet vom Gedankengang eines koptisch-katholischen Bischofs in Kairo: Würde der Islam wirklich direkt den Terrorismus fördern, dann müssten unter den 1,3 Mrd. Moslems zumindest zehn Prozent Terroristen sein – „dann gäbe es kein Leben mehr auf dieser Welt“.

Alfred Pritz, Rektor der SFU, ging auf die großen kulturellen Leistungen der Moslems auch in Europa ein. Durch seine Beschäftigung damit sei er selbst in seiner Einschätzung des Fremden sehr viel bescheidener geworden. „Es waren Muslime, die die griechische Kultur und die griechischen Philosophen, auf deren Ideen das moderne Europa gründet, wieder in die Welt des Frühmittelalters einbrachten.“ Denn Euroedpa hatte damals den Kontakt zu seinen griechischen Wurzeln verloren. Nahezu acht Jahrhunderte lang war das maurische Andalusien die dominierende kulturelle Welt in Europa. Die moderne Wissenschaft ist dort entstanden. Pritz bezeichnet den Islam dieser Zeit als „die Mutter der europäischen Welt.“

Elsayed Elshahed, Professor an der Al-Azhar Universität in Kairo und Leiter des Instituts für Interkulturelle Islamforschung in Wien, wies darauf hin, dass das Wort „Ungläubige“ im Koran für eine bestimmte Volksgruppe verwendet wurde und für sonst niemand. Elshahed stellte prinzipiell das Gemeinsame vor das Trennende: Gott sei auch im Koran nicht der ausschließlich Richtende. „Gott vergibt immer. Er ist gerecht, aber barmherzig. Doch die Barmherzigkeit kommt vor der Gerechtigkeit.“ Und obwohl Moslems Jesus nicht als Sohn Gottes sehen, spricht auch der Koran von Jesus als „Gottes Wort“. Und der Beste unter den Menschen ist der, der am meisten nützlich für andere ist.

Religion oder Religionsfeindlichkeit als Neurose?

Walter Pieringer, Vorstand der Uniklinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie an der Medizinischen Universität in Graz, wies darauf hin, dass Sigmund Freud Religion noch als Neurose einstufte. Heute hat sich diese Auffassung umgekehrt: Für W. Bion ist z.B. nicht der neurotisch, der religiöse Gefühle verspürt, sondern diejenige, der diese nicht spürt.  Auch Viktor Frankl sprach bekanntlich von einer natürlichen Religiosität und unbewussten Geistigkeit.

Abwertung ist die sublimste Form der Aggression, so Bonelli. Dass Freud selbst nicht frei von Neurosen war, beweist unter anderem, dass er seiner Frau ein Leben lang verbot, ihre jüdische Religion auszuüben. Freud konstatierte drei Kränkungen des Menschen, nämlich durch Kopernikus (die Erde ist nicht Mittelpunkt der Welt), durch Darwin (der Mensch stammt quasi vom Affen ab) und durch ihn selbst (dass er nicht einmal Herr im Haus der eigenen Psyche ist).

Drei Kränkungen des postmodernen Menschen

Bonelli stellt dem drei Kränkungen des postmodernen Menschen gegenüber:

Die erste Kränkung ist die unübersehbare Lebendigkeit der totgehofften Religion. 150 Jahre nach Nietzsches „Gott ist tot“ ordnen sich weltweit immer mehr junge und gebildete Menschen einem transzendenten Prinzip und nicht dem Zeitgeist unter.

Noch schmerzhafter und bedrohlicher für Antireligiöse ist die moralische Instanz, die den Glaubensgemeinschaften innewohnt. Alternative humanistische Ethikangebote sind dagegen farblos und inhaltsleer, beliebig und verbiegbar, schmerzfrei und unverbindlich. Als Maßstab bleiben nur das Ich und seine Wünsche.

Die dritte Kränkung vergleicht Bonelli mit der eifersüchtigen Aggression manches Pubertierenden auf jüngere Geschwister, die noch nicht in Opposition zu den Eltern stehen. Analog dazu empfindet der Antireligiöse Neid und Eifersucht darüber, dass der Gläubige bei Gott Geborgenheit findet, während er selbst in einer farblosen und grausamen Welt leben muss. Wie sich der ambivalente Halbwüchsige nach der elterlichen Liebe sehnt, die er ausschlägt, so sehnt sich der Antireligiöse unbewusst nach der Transzendenz, die er leugnet.

Allianz der Religionen

Gregor Henckel-Donnersmarck, der frühere Abt des Stifts Heiligenkreuz, stellt fest, dass heute jeder, der eine klare religiöse Position bezieht, als Outcast gesehen wird. Das resultiere unter anderem aus einem groben Missbrauch der Naturwissenschaft auch durch Naturwissenschaftler, die ohne jede Ahnung von Philosophie und Theologie glauben, theologische Aussagen machen zu müssen. Der Staat dürfe die Religionen nicht marginalisieren, sondern müsse sie als Wertproduzenten sogar fördern, „sonst verkommt die Gesellschaft“.

Die Trennlinie verläuft heute nicht zwischen den Religionen, nicht zwischen Islamisten und Islamophoben, sondern zwischen Religiösen einerseits und Atheisten andererseits. Eine Allianz der Religionen könnte da gute Beziehungen schaffen. „Die Welt wartet darauf, dass die Gläubigen aller Religionen Werte einfordern.“ Der Abt forderte eine Solidarität der Religionen: „Ich freue mich über das Minarett, das zum Himmel zeigt wie unsere Kirchtürme. Ich freue mich über den Muezzin, der zum Gebet ruft wie unsere Glocken. Es gibt ein Recht der Religionen auf freie Religionsausübung.“ Und der Abt betont, dass der Pluralismus in der Geschichte immer eine große Chance war.

Quelle: Fachtagung „Das Unbehagen mit der Religion. Islamophobie und verwandte Phänomene“, 18. Juni 2011, Islamisches Zentrum Wien

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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