Nicht schon wieder!?

Alles ist gut,
aber nichts kann werden?
Unendliche Nähe
und ferner denn je?
Vieles gemeinsam,
doch jeder allein?
Blühende Oase,
doch rundherum Wüste?
Schmerzlich bekannt,
doch lebendig und neu?

Was einst führt‘ in den Tod
heut‘ Auferstehung?
Oder endgültiges Sterben?
Ziel des Lebens,
oder endgültig vergebens?
Aufgehoben,
oder weggeschoben?
Nicht schon wieder!
Was nicht war,
darf nie mehr sein!

Gefallen
in viele Abgründe,
nur wenn du bleibst,
passiert‘s nie wieder?
Blick zurück,
und alles ist bang.
Blick nach vorn,
stell dich der Angst?
Lass es nicht zu,
die Angst ist vertraut!
Verschüttet wird,
wer allzu schnell baut?

Und käme ein Licht,
so darf es nicht sein?
Nicht schon wieder?
Oder doch neue Chance?

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Gesundheitsreform: „Neu ist, dass es zu tun ist…”

“Best Point of Service”, einer der zentralen Begriffe im Gesetzestext zur aktuellen Gesundheitsreform. Allerdings wäre schon viel gewonnen, wenn klar wäre, was damit gemeint ist. Eine Veranstaltung der Karl Landsteiner Gesellschaft versuchte, dies zu klären.

In einem Impulsreferat versuchte Dr. Reinhold Glehr, Präsident, Österreichische Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin, eine Definition: „die richtige Leistung zur richtigen Zeit am richtigen Ort in der richtigen Qualität“. Eine konkretere Antwort scheitert an der Komplexität, die heute zunehmend bewusst wird. Es gäbe zu viele Variablen, um damit klar zu kommen.

Dr. Clemens Martin Auer, Sektionschef im Bundesministerium für Gesundheit, brachte es gleich eingangs auf den Punkt: „Vieles an dieser Analyse ist alt, neu ist nur, dass es zu tun ist!“ Um später hinzuzusetzen: „Sie müssten mich und Probst mit nassen Fetzen vom Podium jagen, wenn wir es jetzt nicht tun!“

Einfach wiederzukäuen, was seit Jahrzehnten ohnehin klar ist, bringt uns also nicht weiter. Versuchen wir’s einmal etwas anders:

1. Am Anfang steht die Einsicht, dass wir zwar „eines der besten Gesundheitssysteme“ haben, dass aber so einiges im Argen liegt. Und je länger alles klar ist, aber nichts getan wird, desto auffälliger wird das, was nicht stimmt in diesem System. Wir brauchen nicht nur ein gutes, sondern ein zeitgemäßes Gesundheitssystem.

2. Unser Gesundheitssystem ist spitalslastig (Auer). Was ganz besonders im Argen liegt, ist die Geringschätzung der Allgemeinmedizin, der schleichende Kompetenzentzug der Allgemeinmediziner, die Abwertung der Hausärzte und der Gesprächsmedizin. Dem gegenüber steht eine völlige Überschätzung der Hochtechnologie und der Aussagekraft von evidenzbasierten Studien.

3. Am Anfang steht die Frage: „Wos brauch ma des?“ Nämlich Hausärzte, Allgemein- und Familienmedizin. Wer Hausarzt sagt, sagt Kontinuität, wer Allgemeinmedizin sagt, sagt Gesprächsmedizin (die er heute nahezu unentgeltlich erbringen darf). Inkludiert ist der Blick für das Individuelle, das nicht Reproduzierbare (!), den ganz konkreten Patienten, der in den evidenzbasierten Studien nicht vorkommt. DEN Patienten (wie ihn die EBM braucht) gibt es leider nicht.

4. „Wir haben fast zu viel von allem“, stellte Dr. Josef Probst, Generaldirektor, Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger, unisono mit Dr. Auer fest. Nämlich die meisten Ärzte pro 10.000 Einwohner, Hochtechnologie und die entsprechenden Geräte usw. Es fehlt nur gewaltig an einer geeigneten und zeitgemäßen Struktur. Allerdings muss man bei den Köpfen einkalkulieren, dass in nächster Zeit eine Pensionierungswelle auf uns zukommt. Wodurch andererseits eine Erneuerung leichter durchzubringen sein wird.

5. Womit wir beim Umbruch der Arbeitswelt und der Einstellung zu dieser wären. Fakt ist eine zunehmende Feminisierung der Ärzteschaft (Auer, Probst). Was der bisherigen maskulinen Medizin nur gut tun kann! Es bedurfte der Publikumsdiskussion, um diese Tatsache zu gendern und festzustellen, dass heute auch Männer ganz andere Vorstellungen vom Beruf haben.

6. Ärzte sind Einzelkämpfer, das war einmal – zumindest generell.  „Junge Ärzte möchten nicht als Einzelkämpfer arbeiten, aber auch nicht in der Hackordnung eines Krankenhauses.“ (Auer). Es wird sie weiter geben, aber daneben andere, zeitgemäßere Arbeitsformen, Ärztezentren, Ärztenetzwerke, Kooperation mit diplomierter Pflege und anderen Gesundheitsberufen, Tageskliniken. „Unnötig im Spital liegen ist nicht gesund!“ (Probst). Aber, so Dr. Auer, die Ärzteschaft wird sich selbst um neue Organisationsformen kümmern müssen, sonst werden es andere machen, und die Ärzte werden sich als Angestellte wiederfinden.

6. Es wird nicht gehen ohne neue Vertragsformen, neue Honorierungsmodelle und Bezahlformen (Auer). „Es hat rationale Gründe, Gruppenpraxen nicht zu machen“ (Mag. Andrea Fried, Bundesgeschäftsführerin, ARGE Selbsthilfe Österreich), z.B. finanzielle Einbußen. Es braucht daher eine radikale Reform der Honorierung. „Wir haben keine evidenzbasierte, sondern eine honorarbasierte Medizin.“ (Fried). Und Mag. Fried bringt gleich ein Beispiel: In Kärnten machen Allgemeinmediziner ein Blutbild, um dann zu entscheiden, ob Antibiotikum oder nicht. In Wien fragen sie, ob der Auswurf grün oder sonstwas ist, und verschreiben in jedem Fall Antibiotika. In Kärnten wird das Blutbild bezahlt, in Wien nicht… In diesem Zusammenhang gesteht Sektionschef Auer einen großen Fehler ein: Er habe erst vor kurzem zum ersten Mal eine Honorarordnung einer Gebietskrankenkasse eingesehen, und da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, und er wusste plötzlich, warum manches so ist, wie es ist. Wenn z. B. Wundwechsel in Wien nicht bezahlt wird, dann wird es den in Wien nicht geben. Auch Dr. Probst gestand, dass er nicht alle Honorarordnungen kenne. Aber das kann ein Einzelner wahrscheinlich auch nicht.

7. Es braucht Transparenz. Auch da waren alle ziemlich einig. Dr. Auer setzt hinzu: „Das passt nicht allen!“ Und weiter: „Das Geld vernünftig auszugeben, wäre auch früher schon möglich gewesen. Möglicherweise erfreulich: Es gibt einen konkreten Zeitplan. Bis Sommer soll das Modell definiert sein, dann werden Pilotprojekte aufgesetzt. „Am 1.1.2016 wird die Welt nicht neu sein“, so Dr. Auer, „es wird Parallelität geben, und es wird ein evolutionärer Prozess sein.“

8. Natürlich braucht es eine Ausbildungsreform. Es fehlt eine zeitgemäße Ausbildung (Auer). Stichwort Lehrpraxis, da wäre sofort etwas zu tun (Probst). Stichwort: die Guten gehen ins Ausland. Oder: „Wir sollten auch prüfen, ob wir mit den Aufnahmetests nicht Menschen herausfiltern, die gute Ärzte, gute Allgemeinmediziner geworden wären!“ (Probst).

9. Wenn die Perspektive nicht eine Gesamtreform ist, dann wird alles so bleiben, wie es ist! Dass Reform als Flickwerk nicht funktioniert, haben wir bereits evaluiert. Aber wie hieß es doch so schön: „Neu ist nur, dass es zu tun ist!“

PS.:

10. Was (wieder) nicht zur Sprache kam: Wo in unserem viel gepriesenen Gesundheitssystem das Geld einfach beim Fenster hinausgeschmissen wird. Etwa am Lebensende, wo immer behauptet wird, dass im letzten (halben) Jahr mehr ausgegeben wird als all die Jahre zuvor. Was aber nicht (nur) daran liegt, das die Menschen in dieser Phase meist krank sind, sondern auch und vor allem daran, dass in dieser Phase noch einmal alles technisch Mögliche aufgefahren wird, was oft sinnlos ist und die Patienten nur unnötig quält. Ausrede ist immer die juridische Perspektive, aber kein Jurist der Welt verlangt, dass alles, was technisch möglich ist, auch in jedem Fall gemacht werden muss. Hier hätten wir einen klassischen Fall von Umschichtung der Ressourcen: Weg von unnötiger Hochtechnologie, hin zur bitter notwendigen Palliativmedizin.

Josef Umathum: Winzer, Philosoph und Brückenbauer

Josef Umathum
Josef Umathum

Josef Umathum wird als „Pionier der neuen Rotweinszene“, „Mitbegründer des österreichischen Rotweinwunders“, „der Philosoph unter Österreichs Spitzenwinzern“ bezeichnet. Doch das ist nur äußere Etikettierung für einen Weinhauer, der zum Brückenbauer geworden ist.

Josef Umathum lebt in zwei verschiedenen Welten: geografisch zwischen Alpen und Karpaten, zwischen dem Westufer des Neusiedler Sees, mit den kühlen und frischen Luftströmungen aus den auslaufenden Alpen, die dann über den See streifen, Dunst und Wärme mitnehmen und auf der anderen Seite des Sees, im Seewinkel, eine Art „Glashausatmosphäre“ schaffen. Doch es geht nicht um die Gegensätze, es geht darum, qualitätvolle  einheimische Weine zu pflegen, die den spezifischen Boden, das spezifische Klima brauchen – und natürlich eine spezifische Behandlung, die diese Weine zu Spitzenweinen macht.

Weiters hat der Weinbau eine Geschichte: Eingeführt wurde er hier von den Zisterziensern. Der Wein war ursprünglich nur für die Priester. Die Nähe von Wein(bau) und Spiritualität hat Josef Umathum ebenfalls wiederentdeckt. Oben und unten zu verbinden, nichts auszuklammern, alles einzubeziehen, nicht gegen, sondern mit der Natur zu arbeitenund zu leben. Und er verbindet die wiederentdeckte Tradition mit Experimentierfreude und Visionärem.

Je nachdem, was zwischen den Zeilen gepflanzt wird, kann man Stickstoff aufbauen, Nützlinge anlocken, aber auch den Wasserhaushalt regulieren und das Wachstum der Reben steuern. Das Wetter spielt selbstverständlich eine entscheidende Rolle. Der Tau am Morgen reicht, um dem Mehltau ideale Bedingungen zu bieten. Es muss sofort gespritzt werden. Bei der biodynamischen Demeterbewirtschaftung ist kein Spritzmittel erlaubt, das systemisch wirkt, sondern nur Schwefel, der äußerlich auf den Blättern verdampft. Das funktioniert aber nur in der Inkubationszeit, später würde nur mehr systemisch wirkende Chemie helfen. Rückstände in der Pflanze wären die Folge. Somit ist Wachsamkeit eine wichtige Eigenschaft des Winzers.

Die Triebe müssen ausgelichtet werden, denn Luft und Licht sind entscheidende Faktoren. Hat die Pflanze genug Licht, hört sie auf zu wachsen und konzentriert sich auf die Reifung. Das Ziel sind nämlich nicht süße, sondern reife Trauben. Um diese zu fördern, geht Umathum das Risiko einer späten Ernte ein. Geerntet werden ausschließlich handverlesene Trauben.

Gespritzt wird auch mit selbst produzierten Tees (Brennnessel, Kamille), das baut die Resistenz der Pflanzen auf, stärkt oder wirkt ausgleichend. Die Bewirtschaftung hier ist nicht (nur) biologisch, sondern bio-dynamisch, d.h. es geht nicht bloß darum, nur Biologisches zu verwenden, sondern auch dem Rhythmus der Natur zu folgen. Letztlich dem Zyklus von Tod und Leben – wo alles stirbt und verrottet, entsteht neues Leben. Kuhscheiße wird zum Dünger, und wo Wurzeln total verrotten, entstehen neue Triebe, Mitternacht ist der Beginn des neuen Tages…

Der Weinhauer als Philosoph

Die Zisterzienser haben den Weinbau gebracht, was lange Zeit in Vergessenheit geriet. Tiefpunkt war der Weinskandal. Erst danach begann man in Österreich wieder auf Qualität zu setzen. Josef Umathum  wäre nicht Visionär und Vorreiter, hätte er sich nicht schon vor dem Glykolskandal dem Qualitätswein verschrieben. Schon damals stellte er von den üblichen Doppellitern auf Bouteillen um. 1990 wird er Falstaff Winzer des Jahres. Weitere Auszeichnungen folgen zuhauf, etwa 1995 die Burgundy Style Trophy in London, für den weltweit besten Rotwein in der Burgunder-Stilistik, die größte internationale Auszeichnung, die bis dahin je ein österreichischer Rotwein erreicht hat. 2012 Gewinn der internationalen Decanter Sweet Wine Trophy in London, bereits zum zweiten Mal. Umathum ist übrigens der einzige unter den Top-Rotweinproduzenten, der ausschließlich Glasverschlüsse verwendet.

2006 stellt Umathum auf bio-dynamische Bewirtschaftung um. Seit 2007 ist er Mitglied beim Bioverband Demeter, was nicht nur strengste Umweltregeln und Arbeitsbedingungen bedeutet, sondern vor allem eine eigene (Lebens-)Philosophie. Ökologisch, rhythmisch, strategisch, langfristig, vorausschauend, alle Produktions- und Lebensbereiche einschließend, mit einem Wort: ganzheitlich. 

Damit wird der Wein zu einem Gesamtkunstwerk. Nicht bloß Produktion mit natürlichen Mitteln, sondern dynamisch im Rhythmus der Natur. Nichts isoliert, sondern immer im Kontext zum Gesamten. Umwelt ist und bleibt ein Thema, das beweist z.B. auch eine Photovoltaikanlage auf den Dachflächen des Weinguts. Nicht bloß um energieautark zu werden oder damit sich die Anlage – rechnerisch ohnehin erst in 40 Jahren – amortisiert, sondern um ein Zeichen zu setzen. Auch gegen die Windräder, die das Burgenland immer mehr zupflastern. Umathum will aufzeigen: Auch unter den Alternativen gibt es Altermativen! Und vor allem: „Es geht um ein ökologisches Gesamtkonzept, um eine gesunde Einstellung zur Umwelt“. Da wird alles einbezogen, nicht nur die Photovoltaikanlage auf dem Dach, sondern auch Wein-Auktionen zur Förderungen von jungen Talenten aus der Wein- und sonstigen kulinarischen Szene. Dass er auch Kunstsammler und -förderer ist, versteht sich beinahe von selbst.

Ein Leben für den Wein

Die Umstellung auf bio-dynamischen Landbau ist nicht nur eine Umstellung der Weinproduktion, sondern letztlich die (Dokumentation der) Umstellung des gesamten Lebens. Es geht nicht bloß darum, exzellente, international anerkannte Spitzenweine zu keltern, sondern um weit mehr. Umathum will „liquide Erzählungen schreiben und Lebens-Mittel für die Seele herstellen“. Für die Seele, die der Mensch nicht hat, sondern ist, und die im besten Fall bewusst oben und unten verbindet. Denn nicht nur beim Pflanzenwachstum müssen Himmel und Erde zusammenwirken.

Das betont selbst die Etikette der Umathum’schen Weinflaschen. Es dominiert der traditionelle Schriftzug vor dem Bild der Frauenkirchner Wallfahrtskirche. Das betont die Bedeutung der Spiritualität beim Weinkeltern und -genießen, und außerdem ist der Umathum’sche Weinkeller quasi ein Wallfahrtsort der Weinkenner geworden. Ein Bio- oder sonstiges Gütesiegel sucht man jedoch vergeblich, der Wein soll für sich sprechen.

Wer exzellenten Wein keltert, arbeitet natürlich mit Boden, Gestein und Pflanze, mit Tier und Mensch, doch wer offen ist, geht noch weiter bis zum Horizont des Menschlichen und darüber hinaus. Der Weinbauer wird zum Brückenbauer, und seine Weine werden buchstäblich zum geistigen Getränk oder besser Lebens-Mittel. Wer diese Weine mit Andacht genießt, nimmt ihre Erzählung auf und vollendet die Rezeption der Evolution.

Die Brücke zwischen unten und oben dokumentiert der Wein-Philosoph bis in die Architektur seines Anwesens. Wie spirituell ein geerdeter Weinbau sein soll, demonstriert er unter anderem mit dem Zubau einer Lagerhalle in Form einer (Wein-)Kathedrale. Der sakrale, mystische Charakter überhöht die erdige Naturverbundenheit. Die Natur, der sich Josef Umathum verschrieben hat, umfasst oben und unten. Folglich ist sein Lebensmotto: „So natürlich wie möglich zu bleiben.“ Und „natürlich“ ist in diesem Zusammenhang nicht nur ein Wort, sondern eine umfassende philosophische Praxis.

Kellerabgang
Kellerabgang
Kellereingang
Kellereingang
Weinkathedrale Seitenschiff
Weinkathedrale Seitenschiff

haideboden

Weinkathedrale Hauptschiff
Weinkathedrale Hauptschiff