Josef Umathum: Winzer, Philosoph und Brückenbauer

Josef Umathum
Josef Umathum

Josef Umathum wird als „Pionier der neuen Rotweinszene“, „Mitbegründer des österreichischen Rotweinwunders“, „der Philosoph unter Österreichs Spitzenwinzern“ bezeichnet. Doch das ist nur äußere Etikettierung für einen Weinhauer, der zum Brückenbauer geworden ist.

Josef Umathum lebt in zwei verschiedenen Welten: geografisch zwischen Alpen und Karpaten, zwischen dem Westufer des Neusiedler Sees, mit den kühlen und frischen Luftströmungen aus den auslaufenden Alpen, die dann über den See streifen, Dunst und Wärme mitnehmen und auf der anderen Seite des Sees, im Seewinkel, eine Art „Glashausatmosphäre“ schaffen. Doch es geht nicht um die Gegensätze, es geht darum, qualitätvolle  einheimische Weine zu pflegen, die den spezifischen Boden, das spezifische Klima brauchen – und natürlich eine spezifische Behandlung, die diese Weine zu Spitzenweinen macht.

Weiters hat der Weinbau eine Geschichte: Eingeführt wurde er hier von den Zisterziensern. Der Wein war ursprünglich nur für die Priester. Die Nähe von Wein(bau) und Spiritualität hat Josef Umathum ebenfalls wiederentdeckt. Oben und unten zu verbinden, nichts auszuklammern, alles einzubeziehen, nicht gegen, sondern mit der Natur zu arbeitenund zu leben. Und er verbindet die wiederentdeckte Tradition mit Experimentierfreude und Visionärem.

Je nachdem, was zwischen den Zeilen gepflanzt wird, kann man Stickstoff aufbauen, Nützlinge anlocken, aber auch den Wasserhaushalt regulieren und das Wachstum der Reben steuern. Das Wetter spielt selbstverständlich eine entscheidende Rolle. Der Tau am Morgen reicht, um dem Mehltau ideale Bedingungen zu bieten. Es muss sofort gespritzt werden. Bei der biodynamischen Demeterbewirtschaftung ist kein Spritzmittel erlaubt, das systemisch wirkt, sondern nur Schwefel, der äußerlich auf den Blättern verdampft. Das funktioniert aber nur in der Inkubationszeit, später würde nur mehr systemisch wirkende Chemie helfen. Rückstände in der Pflanze wären die Folge. Somit ist Wachsamkeit eine wichtige Eigenschaft des Winzers.

Die Triebe müssen ausgelichtet werden, denn Luft und Licht sind entscheidende Faktoren. Hat die Pflanze genug Licht, hört sie auf zu wachsen und konzentriert sich auf die Reifung. Das Ziel sind nämlich nicht süße, sondern reife Trauben. Um diese zu fördern, geht Umathum das Risiko einer späten Ernte ein. Geerntet werden ausschließlich handverlesene Trauben.

Gespritzt wird auch mit selbst produzierten Tees (Brennnessel, Kamille), das baut die Resistenz der Pflanzen auf, stärkt oder wirkt ausgleichend. Die Bewirtschaftung hier ist nicht (nur) biologisch, sondern bio-dynamisch, d.h. es geht nicht bloß darum, nur Biologisches zu verwenden, sondern auch dem Rhythmus der Natur zu folgen. Letztlich dem Zyklus von Tod und Leben – wo alles stirbt und verrottet, entsteht neues Leben. Kuhscheiße wird zum Dünger, und wo Wurzeln total verrotten, entstehen neue Triebe, Mitternacht ist der Beginn des neuen Tages…

Der Weinhauer als Philosoph

Die Zisterzienser haben den Weinbau gebracht, was lange Zeit in Vergessenheit geriet. Tiefpunkt war der Weinskandal. Erst danach begann man in Österreich wieder auf Qualität zu setzen. Josef Umathum  wäre nicht Visionär und Vorreiter, hätte er sich nicht schon vor dem Glykolskandal dem Qualitätswein verschrieben. Schon damals stellte er von den üblichen Doppellitern auf Bouteillen um. 1990 wird er Falstaff Winzer des Jahres. Weitere Auszeichnungen folgen zuhauf, etwa 1995 die Burgundy Style Trophy in London, für den weltweit besten Rotwein in der Burgunder-Stilistik, die größte internationale Auszeichnung, die bis dahin je ein österreichischer Rotwein erreicht hat. 2012 Gewinn der internationalen Decanter Sweet Wine Trophy in London, bereits zum zweiten Mal. Umathum ist übrigens der einzige unter den Top-Rotweinproduzenten, der ausschließlich Glasverschlüsse verwendet.

2006 stellt Umathum auf bio-dynamische Bewirtschaftung um. Seit 2007 ist er Mitglied beim Bioverband Demeter, was nicht nur strengste Umweltregeln und Arbeitsbedingungen bedeutet, sondern vor allem eine eigene (Lebens-)Philosophie. Ökologisch, rhythmisch, strategisch, langfristig, vorausschauend, alle Produktions- und Lebensbereiche einschließend, mit einem Wort: ganzheitlich. 

Damit wird der Wein zu einem Gesamtkunstwerk. Nicht bloß Produktion mit natürlichen Mitteln, sondern dynamisch im Rhythmus der Natur. Nichts isoliert, sondern immer im Kontext zum Gesamten. Umwelt ist und bleibt ein Thema, das beweist z.B. auch eine Photovoltaikanlage auf den Dachflächen des Weinguts. Nicht bloß um energieautark zu werden oder damit sich die Anlage – rechnerisch ohnehin erst in 40 Jahren – amortisiert, sondern um ein Zeichen zu setzen. Auch gegen die Windräder, die das Burgenland immer mehr zupflastern. Umathum will aufzeigen: Auch unter den Alternativen gibt es Altermativen! Und vor allem: „Es geht um ein ökologisches Gesamtkonzept, um eine gesunde Einstellung zur Umwelt“. Da wird alles einbezogen, nicht nur die Photovoltaikanlage auf dem Dach, sondern auch Wein-Auktionen zur Förderungen von jungen Talenten aus der Wein- und sonstigen kulinarischen Szene. Dass er auch Kunstsammler und -förderer ist, versteht sich beinahe von selbst.

Ein Leben für den Wein

Die Umstellung auf bio-dynamischen Landbau ist nicht nur eine Umstellung der Weinproduktion, sondern letztlich die (Dokumentation der) Umstellung des gesamten Lebens. Es geht nicht bloß darum, exzellente, international anerkannte Spitzenweine zu keltern, sondern um weit mehr. Umathum will „liquide Erzählungen schreiben und Lebens-Mittel für die Seele herstellen“. Für die Seele, die der Mensch nicht hat, sondern ist, und die im besten Fall bewusst oben und unten verbindet. Denn nicht nur beim Pflanzenwachstum müssen Himmel und Erde zusammenwirken.

Das betont selbst die Etikette der Umathum’schen Weinflaschen. Es dominiert der traditionelle Schriftzug vor dem Bild der Frauenkirchner Wallfahrtskirche. Das betont die Bedeutung der Spiritualität beim Weinkeltern und -genießen, und außerdem ist der Umathum’sche Weinkeller quasi ein Wallfahrtsort der Weinkenner geworden. Ein Bio- oder sonstiges Gütesiegel sucht man jedoch vergeblich, der Wein soll für sich sprechen.

Wer exzellenten Wein keltert, arbeitet natürlich mit Boden, Gestein und Pflanze, mit Tier und Mensch, doch wer offen ist, geht noch weiter bis zum Horizont des Menschlichen und darüber hinaus. Der Weinbauer wird zum Brückenbauer, und seine Weine werden buchstäblich zum geistigen Getränk oder besser Lebens-Mittel. Wer diese Weine mit Andacht genießt, nimmt ihre Erzählung auf und vollendet die Rezeption der Evolution.

Die Brücke zwischen unten und oben dokumentiert der Wein-Philosoph bis in die Architektur seines Anwesens. Wie spirituell ein geerdeter Weinbau sein soll, demonstriert er unter anderem mit dem Zubau einer Lagerhalle in Form einer (Wein-)Kathedrale. Der sakrale, mystische Charakter überhöht die erdige Naturverbundenheit. Die Natur, der sich Josef Umathum verschrieben hat, umfasst oben und unten. Folglich ist sein Lebensmotto: „So natürlich wie möglich zu bleiben.“ Und „natürlich“ ist in diesem Zusammenhang nicht nur ein Wort, sondern eine umfassende philosophische Praxis.

Kellerabgang
Kellerabgang
Kellereingang
Kellereingang
Weinkathedrale Seitenschiff
Weinkathedrale Seitenschiff

haideboden

Weinkathedrale Hauptschiff
Weinkathedrale Hauptschiff

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