Ein Leben ohne Träume

Man stelle sich vor: ein Leben ohne Träume. Nur Fakten, nur Realität, nur Dinge, die der Fall sind. Keine Träume, keine Fantasien, keine Wünsche, kein Ahnen, keine Liebe… Ja auch keine Liebe, denn Liebe ist immer Wirklichkeit gewordener Traum. Nicht dass man diesen Partner geträumt hätte, der platzt meist unangemeldet in die Geschichte, aber ohne zu Träumen könnte er das wahrscheinlich nicht.

Aber auch das alltägliche Leben würde wohl nicht funktionieren. Gut, dass Kinder mehr träumen als sonst was, ist klar. Aber wird ihnen das nicht rechtzeitig ausgetrieben? Nur scheinbar. In der Pubertät werden aus den Träumen Fantasie-Tsunamis, manches tritt ins Leben, wird banal, verschwindet im Nebel. Der Mensch wird wieder realistischer. Um weiter zu träumen, was aus ihm werden soll, Beruf, Berufung, Interessen, Partner, Lebenspartner. Wieder Ablenkung durch die Realität, des Berufs, des Lebens, der Beziehungen. Illusionen kommen und gehen. Und werden von anderen abgelöst.

Es gibt Träumer und Realisten. Träumer stehen zu ihren Träumen, Realisten nicht.

Träumer haben ein Traumauto, ein Traumziel, einen Traumberuf… Und wenn Träumer ein Resümee ihres Lebens ziehen, stellen sie fest, manches ist Wirklichkeit geworden, manches nicht so wie man es erträumt hat, aber doch irgendwie, und anderes gar nicht. Aber alles in allem ist man doch gut gefahren damit.

Realisten sehen nur das, was ist. Und dabei bleibt es auch. Keine Überraschungen. Kein Stress. Oder doch? Das Leben ist eigensinnig und nimmt auf Realisten keine Rücksicht. Wo Träumer irgendwie vorbereitet sind – es gibt ja nicht nur die Wunschträume, sondern auch Träume, die Negatives vorwegnehmen – da trifft es Realisten völlig unerwartet. Gutes wie weniger Gutes. Der Realist entgleist sehr leicht, hat im Grunde (denn um den Grund allen Seins kümmert er sich ja auch nicht) Angst vor dem Leben, Angst vor dem Tod, will alles planen und allem ausweichen, was nicht dazu passt. Und am Ende des Lebens greift er lieber zum Giftcocktail als sich dem Unerwarteten zu stellen. Denn selbst wenn das gesamte Leben realistisch war, der Tod ist es nicht. Realisten werden oft Ärzte, um den Tod mit alle Mitteln zu bekämpfen – und dem eigenen auszuweichen. Was natürlich auch nicht geht. Aber sie haben wenigstens heroisch gekämpft.

Da haben es Träumer leichter. Sie haben Wünsche, Sehnsüchte und andere Süchte, lesen oder schreiben Märchen und Geschichten, Aphorismen und Gedichte (deren innerpsychischen symbolischen Realismus kein Realist je begreift). Träumer leben in ihrer eigenen Welt, Realisten in einer objektiven Welt, die nicht ihre eigene ist. Träumer fliegen immer wieder weg – um immer wieder anzukommen. Realisten bleiben immer da – und kommen nie an.

Träumern wird immer wieder der Boden unter den Füßen weggezogen – und sie finden immer wieder einen neuen Boden, einen neuen Grund. Auch wenn der sich wieder in Luft auflöst. Realisten stehen fest am Boden, haben einen Standpunkt – und keinen Horizont. Träumer schauen, wo immer sie stehen, bereits zum Horizont und ahnen, das ist auch nicht das Ende.

Das Leben des Realisten ist überschaubar, berechenbar, ohne Risiko, aber flach und langweilig. Auch, oder gerade dann, wenn viel passiert. Und sogenannte Schicksalsschläge werfen ihn aus der Bahn. Das Leben des Träumers ist unberechenbar, unüberschaubar, himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, aber abwechselnd und wiederkehrend. Daher kann ihn auch nichts überraschen. Er ist im Glück nachdenklich, im Schmerz optimistisch. Er kann Leid ertragen und Liebe geben. Und am Ende wird er sagen: Das war es. Es war, wie es war. Und auch der letzte Horizont wird ihn nicht überraschen können.

PS.: Dem Träumer ist sehr oft bewusst, dass er eine gewisse Bodenständigkeit als Gegengewicht und zum Ganz-Werden braucht. Der Realist, der alles nicht Rationale verdrängt und verleugnet, findet daher auch schwer den ergänzenden Ausgleich.

Werbeanzeigen

3 Gedanken zu “Ein Leben ohne Träume

  1. Joschka

    Toller Text, da ist etwas wahres dran. Träume sind oft auch Hoffnung und Impulsgeber für einen kleinen Neuanfang. Die Kombination aus „Träumer und Realist“ wäre meines Erachtens wünschenswert. Viele Grüße von Joschka aus Schwaneberg (Magdeburg)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s