Christus und die Religionen der Erde

Cover_ReligionenBand 2 der Kardinal König Bibliothek ist dem Kardinal selbst gewidmet, dem Verhältnis von Christentum und anderen Religionen, dem Lebensthema Kardinal Königs. Wenn man die klägliche Rolle betrachtet, die viele Christen zu diesem Thema immer noch einnehmen, dann kann man nur zu dem Schluss kommen, dass dieses Buch jeder lesen sollte, bevor er sich dazu äußert, was in diesem Bereich „christlich“ bedeutet.

Wenn es in der katholischen Kirche einen Mann gibt, der Dialogbereitschaft und Dialogfähigkeit sowie fachkundigen Blick über den Tellerrand verkörpert, dann ist es Kardinal Franz König. Da er immer eine wichtige Rolle gespielt, sich aber nie in den Vordergrund gedrängt hat, ist seine Persönlichkeit in ihrer gesamten Tragweite ziemlich unbekannt. Er selbst hat sich Zeit seines Lebens wohl nie als Wissenden, sondern als Suchenden und Fragenden gesehen. So hat er auch – schon vor dem Konzil – den Menschen als „animal religiosum“ gesehen, egal welcher Religion er angehört. Dieser einfache „Trick“, nicht religiöse Ideologien zu vergleichen, sondern Religionen als Versuche einer Antwort auf die wesentlichen Fragen des Menschen zu sehen, war seine Methode, zu einer Offenheit und Anerkennung anderer Denkweisen zu kommen.

Das Verwurzeltsein in der eigenen Religion und das Interesse und die Kenntnis anderer Religionen, das Gespräch über Grenzen hinweg waren für König kein Gegensatz, sondern die christliche Haltung anderen Religionen gegenüber. Fremdsprachen und Weltreligionen waren seine Lebensthemen. Sein Studium vergleichender Religionswissenschaften bezeichnete er als zweiten Weg zu Christus. Die Frage nach der Einheit in der Verschiedenheit war immer gegenwärtig. In seinem Studium der Philosophie und Theologie spezialisierte er sich auf altpersische Sprachen und Religionen. Das Studium anderer Religionen wurde für König zum geistigen Leitweg, um dadurch die eigene Religion besser zu verstehen.

1946 habilitierte sich Franz König mit der Arbeit „Der Jenseitsglaube im Alten Testament und seine Parallelen in der Religion des Zarathustra“ und wurde 1948 als Professor für Moraltheologie an die Universität Salzburg berufen. Die vier Jahre in Salzburg verbrachte er vor allem mit der Herausgabe des dreibändigen Werks „Christus und die Religionen der Erde“, das 1951 erschien, und insofern eine Besonderheit darstellte, als sich hier ein katholischer Theologe unbefangen mit fremden Religionen beschäftigte, und das noch dazu mit profunder Sachkenntnis!

Diese Offenheit gegenüber anderen Religionen ist durchaus kein Modernismus, sondern im Evangelium begründet: „Christus selber anerkennt die religiöse Bereitschaft des heidnischen Hauptmannes (Mt 8,10), er verurteilt keineswegs die kananäische Frau (Mt 15,27).“ Die Auffassung von der Unvergleichlichkeit des Christentums sieht König auch durch die Areopag-Rede des Paulus (Apg 17,16-54) widerlegt. Den großen Religionen gemeinsam ist, sie „gehen vom fragenden Menschen aus, suchen mit erleuchteter Weisheit die Lösung letzter Lebensfragen und lehren Wege menschlichen Handelns“. Für König sind nicht behauptete Offenbarungsansprüche Ausgangspunkt der Theologie, sondern die Fragen der Menschen – und zwar aller Menschen, auf die die Religionen Antwort geben müssen.

Als König 1952 ein Ruf an die Universität Münster erreichte und er gleichzeitig zum Weihbischof von St. Pölten ernannt wurde, entschied er sich schweren Herzens für das Bischofsamt. 1956 wurde er Erzbischof von Wien. 1959 eröffnete er das Afro-Asiatische Institut in Wien, in dem er vielen eine offene Begegnung mit Vertretern anderer Kulturen auf akademischer Ebene ermöglichte. 1961 besuchte er im Auftrag von Papst Johannes XXIII. Patriarch Athenagoras in Konstantinopel.

Das Buch erzählt auch die turbulente Geschichte von „Nostra aetate“ von der Judenerklärung bis zur Erklärung über die nichtchristlichen Religionen – der kürzeste Text des Konzils mit der kompliziertesten Geschichte und dem weitesten Horizont. Es versteht sich beinahe von selbst, dass Kardinal König in dieser turbulenten Geschichte eine ganz bedeutende Rolle spielte – mit seiner Sachkenntnis und seinem diplomatischen Geschick. Dazu kamen Aktivitäten außerhalb Roms, etwa die vielbeachtete Rede in Bombay (Mumbay), mit der er erstmals zum Dialog der Religionen aufrief. König vertrat die Meinung, „dass wir in der religiösen Welt des anderen die gemeinsamen menschlichen Probleme erkennen und wieder finden, mit denen alle Menschen zu ringen haben“. Hier klingt bereits die spätere Formulierung von Nostra aetate durch.

1995 war Kardinal König eingeladen, an der Al Azhar Universität in Kairo eine Rede zum Thema „Monotheismus in der Welt von heute“ zu halten. Ein nahezu unglaubliches Ereignis: Ein katholischer Kardinal hält auf Einladung des Rektors einer der berühmtesten islamischen Universitäten der Welt einen Vortrag vor zahlreichen islamischen Gelehrten! König intendierte in seiner Rede eine Allianz zwischen Islam und Christentum, beruhend auf gegenseitiger Anerkennung und Besinnung auf das Potenzial des monotheistischen Glaubens. „Für uns ist es klar, dass – wenngleich wir die andere Religion nicht annehmen können – die Gnade Gottes auch im Bereich der nichtchristlichen Religionen wirksam werden kann.“

Mit König begann der interreligiöse Dialog, der aber ein umfassendes Wissen voraussetzt, wenn er nicht auf Vorurteilen aufbauen soll. Ein solch offener Dialog führt aber nach König dazu, sich selbst und die eigene scheinbar vertraute religiöse Überzeugung besser kennenzulernen. König praktizierte das auf seinen Reisen nach Teheran, Alexandria, Istanbul, China, in die Sowjetunion und nach Israel und Ägypten. In Österreich kam es zur Gründung der Kontaktstelle für Weltreligionen, einer Einrichtung der Bischofskonferenz, die ohne das Wirken Königs nicht denkbar gewesen wäre. Und beim „Lichtermeer“ gegen Ausländerfeindlichkeit am 23. Jänner 1993 wandte sich der Kardinal in seiner Rede auf dem Stephansplatz gegen das „Aufreißen von Gräben“ und das Bauen von Brücken mit Blick in die Zukunft. Im Gebetstreffen von Assisi sah König die konkrete Verwirklichung der Intention von Nostra aetate und ein wichtiges Signal für den Weltfrieden.

Kardinal König war Mitglied der römischen Kongregation für die Weltmission, und noch während des Konzils wurde König von Papst Paul VI. mit der Leitung des neu errichteten „Sekretariats für die Nichtglaubenden“ beauftragt. Von dieser Ernennung überrascht, wurde durch seine Arbeit deutlich, dass Nichtglaubende für religiöse Menschen eine kritische und erhellende Funktion ausüben können.

Die Frage, die König seit seiner Jugend beschäftigte, fasste er zusammen: „Auf dem großartigen, eindrucksvollen Hintergrund der Religionen der Erde geht es im Glauben an die Frohe Botschaft um einen universalen Heilsplan Gottes für die ganze Menschheit im globalen Sinne. Dieser Plan schließt alles menschliche Suchen, alles menschliche Fragen ein und umfasst alle Religionen der Erde, wie sie die Menschen von Anfang an begleitet haben, um sie aus der Ebene des Menschlichen hinaufzuheben auf die Ebene des einen Gottes, den uns Jesus als unseren Vater anzusprechen lehrte.“ Wenn „katholisch“ so viel wie „universal, allumfassend“ bedeutet, dann ist das die einzig mögliche katholische Haltung.

Und wenn für viele heute das Wort „Dialog“ schon wieder ein rotes Tuch geworden ist, dann sei ebenfalls an die Worte Kardinal Königs erinnert: „Dialog heißt nicht, zu beweisen, welche Religion Recht hat. Dialog heißt, andere als Menschen zu respektieren – sogar, wenn am Ende die Dialogpartner zum Schluss kommen, dass sie anderer Meinung sind und bleiben.“

Franz Gmainer-Pranzl
Christus und die Religionen der Erde
In welchem Bekenntnis begegnet Gott?
Band 2 der Kardinal König Bibliothek
Verlag Styria premium 2013
ISBN 978-3-222-13401-2
EUR 16,99

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Das “Trotzdem” der Teresa von Avila

Cover_Theresia300dpiPater Antonio Sagardoy hat ein Buch über die HL. Theresa von Avila geschrieben, deren 500. Geburtstag 2015 zu feiern ist. Aber man fühlt, es ist nicht dieser Anlass, der den Autor veranlasste, das Buch zu schreiben, sondern das Schlüsselwort ist jenes „Trotzdem“ im Untertitel.

Sie ist Teil der Kirche geblieben, obwohl ihr so oft ein kalter Wind entgegen geschlagen ist. Die Kirche war ziemlich heruntergekommen, es war die Zeit, die auch Martin Luther zu seiner Kritik veranlasst, und der ganz anders reagiert hat. Es war die Zeit der Inquisition, in der es oft genügte, denunziert zu werden. Und Intrigen gab es genug, in und außerhalb der Klöster. Es war die Zeit, in der man das Wort des Paulus, die Frauen hätten in der Kirche zu schweigen, als Gebot hinnahm. (Heute wissen wir, dass diese Stelle nicht von Paulus stammt, der sogar die Leitung der römischen Gemeinde einer Frau anvertraute). Es war die Zeit der Zwangskonvertierung von Juden, und Teresas Großvater war ein solcher Konvertit. Es war verboten, Bücher in der Muttersprache zu lesen. Frauen mussten den Rosenkranz beten, das innere Gebet, die Meditation war ihnen untersagt. Frauen, die sich nicht daran hielten, waren der Verachtung und dem Spott mächtiger Kirchenmänner ausgesetzt. Aber so wie keine Zeit einheitlich ist, gab es auch z.B. einen hl. Fray Pedro de Alcántara, der bestätigte, dass es viel mehr Frauen als Männer gibt, die mystisch begnadet sind und Frauen auf diesem mystischen Weg viel besser vorankämen als die Männer.

Es gehört zu Teresas Erfahrungen, dass Gott die Menschen anders sieht als die Herren der Kirche. Sie erlebt die Grenzen des Menschseins, die Grenzen ihrer Zeit und die Grenzen der Kirche. Sie ist trotz Schwäche und Krankheit eine der großen starken Frauen des Mittelalters, von deren es einige gab. Sie erlebt die Inquisition als ständige Bedrohung, sie erlebt die Kirchenspaltung in Europa und die nicht allzu ruhmreiche Eroberung Südamerikas, wohin ihre Brüder ausgewandert sind. Sie korrespondiert mit Bischöfen, Professoren, Theologen und mit König Philip II. und dem Papst. Sie schreibt Bücher über Gebet und Mystik, und sie gründet eine Reihe von Klöstern, auch Männerklöster. Und sie wird 1970 als erste Frau zur Kirchenlehrerin ernannt.

Pater Antonio streut immer wieder erfrischende Erkenntnisse ein: „Frisch Konvertierte neigen aber unter Umständen zu Übertreibungen.“ „Ein Leben aus dem Glauben ist nicht der Weg, der Verantwortung auszuweichen und die Aufgaben im Leben zu vernachlässigen.“ „Im Leben Jesu begann der Verrat im eigenen Kreis:“ „Denn zu viel des Guten, zu viel Abtötung, zu viel Armut kann ein Weg zu einer einseitigen Entwicklung sein, die sowohl zu Leistungsreligiosität als auch zur Verachtung der menschlichen Grundbedürfnisse führen kann.“ „Sie (religiöse Menschen) haben bei der Verwirklichung ihres Glaubenslebens keine Probleme mit Gott, wohl aber mit seinem Bodenpersonal.“ „…hierarchische Strukturen neigen unter Umständen dazu, Gott vorzuschreiben, was er wollen darf, damit seine Wünsche unseren entsprechen.“ „Gehorsam hängt damit zusammen, auf Gott zu hören – was unter Umständen Konflikte mit der Kirchenführung bedeuten kann.“

Theresa ist das Objekt von Machtspielen und Verleumdungen. Die Welt steht in Flammen, die Kirche macht Zeiten der Dekadenz durch. Teresa leidet an den Missständen der Kirche. Ihre Antwort: Was kann ich tun, um der Kirche zu dienen? Und das, trotzdem sie viele negative Erfahrungen mit dieser Kirche gemacht hat. Erneuerung kann immer nur von innen kommen.

Das Verbot der Meditation für Frauen bekämpft sie, distanziert sich von Theologen, die solches behaupten und stellt sich gegen die allgemeine Meinung. Teresa stärkt die ihr anvertrauten darin, ihren eigenen Weg zu gehen: „Legt bei solchen Dingen niemals Gewicht auf die allgemeine Meinung! Bedenkt, dass wir nicht in einer Zeit leben, in der ihr allen glauben könnt, sondern nur denen, die ihr dem Leben Christi entsprechend leben seht.“ „Lasst euch von niemandem täuschen, der euch einen anderen Weg zeigt.“

Das Buch zeigt, dass selbst in einer Zeit, in der die Frau nichts zählt und nichts darf, es charismatische Frauen gab, die selbst in diesen Beschränkungen noch einen Weg fanden, einen starken emanzipatorischen Beitrag zu leisten. Teresa stellt sich gegen die Missstände der Kirche, spricht diese aus, wird verfolgt und denunziert, und versucht dennoch immer einen Weg aus diesen Missständen heraus zu finden. Vielleicht eine Anregung für unsere kritiksüchtige Zeit, dass man nicht durch Kritik die Kirche oder die Welt verändern kann, sondern nur dadurch, dass man etwas tut.

P. Antonio Sagardoy
Teresa von Avila. Trotzdem liebe ich die Kirche
Verlag Styria premium 2014
ISBN 978-3-222-13464-7
EUR 14,99

Moslems, Islamisten, IS – Christen, Wahrheitsbesitzer, Rechtsradikale

Für einen Artikel über die Situation im Nahen Osten inklusive der Auswirkungen auf Europa kann es nur eine überbordende Überschrift geben, so komplex ist die Situation und so differenziert sollte sie gesehen werden.

Leider wird sie das nicht, denn auch im 21. Jahrhundert fallen die meisten Menschen auf eine primitive Schwarz-Weiß-Malerei herein. So sehen Rechtsradikale und leider auch radikale Christen bloß die Gefahr, die vom Islam angeblich droht. Da werden Statistiken der Immigration bis 2050 hochgerechnet, mit dem Ergebnis, dass dann die Christen in Europa in der Minderzahl sein werden – ungeachtet der Tatsache, dass bis dahin viel Moslems integrierte Europäer sein werden. Und das ist noch der harmloseste Unsinn, der von dieser Seite verbreitet wird.

Heute wird den muslimischen Verbänden angekreidet, sie würden sich zu wenig von Islamisten und dem IS abgrenzen, diese zu wenig verurteilen – so als hätten sich Christen jemals vom Irrsinn in Irland distanziert. Die derzeitige politische Lage wird nach dem Schema des vorigen Jahrhunderts beurteilt: Hier der Westen, genauer die bösen USA, dort die Islamisten und Dschihadisten. Und um das ganze nochmal zu vereinfachen, sind an allem und jedem die USA schuld. Damit können dann auch die einfachsten Gemüter umgehen.

Das ist auch bis zu einem gewissen Grad nicht unbedingt falsch. Die Amerikaner haben überall in der Welt gezündelt und sich in Konflikte eingemischt, aber jetzt als Schreckgespenst die Weltverschwörung der USA zu beschwören, ist erstens Denken des vorigen Jahrhunderts, also nicht mehr so ganz zeitgemäß, es ist inzwischen alles viel komplexer geworden – und andererseits genau das, was Islamisten und der IS brauchen.
Die Amerikaner haben sich überall in der Welt eingemischt und unter George Bush mit dem Irakkrieg den Bogen weit überspannt. Das Problem jetzt ist aber eher das Gegenteilige: Aus Angst, denselben Fehler zu begehen, hat Barack Obama oder der Westen viel zu lange zugeschaut und den IS schalten und walten lassen.

Komplexe Interessen

Auf der anderen Seite ist die Sache so komplex wie nie zuvor. Es wird dort kein Krieg, sondern es werden Kriege mit den verschiedensten Fronten geführt, es ist inzwischen unmöglich, etwa in Syrien zwischen gemäßigten und radikalen Oppositionellen zu unterscheiden. Die umliegenden Staaten unterstützen diese oder jene Parteien mit Waffenlieferungen und Geldflüssen, sodass es sich letztlich um Stellvertreterkriege handelt. Assad verwendet die IS gegen die eigene Opposition, Erdogan fürchtet einen Kurdenstaat mehr als den IS, obwohl ihm der IS brandgefährlich werden kann. Saudi Arabien und Iran sehen sich damit konfrontiert, dass auch sie den Geist aus der Flasche gezüchtet haben. Das könnte das Gemeinsame der bisherigen Unterstützer fördern, und das ist auch die einzige Chance in der Region.

Es kann nicht mehr um ein Eingreifen des Westens gehen, sondern nur mehr darum, diese Staaten in eine Lösung einzubinden und die Bevölkerung von der Ideologie des IS wegzubringen. Die Strategie kann nur politisch, muss aber auch eine militärische sein, auch wenn dieser Krieg nicht militärisch zu gewinnen ist, denn jeder militärische Sieg des IS stärkt dessen Position, nicht nur in der Region, sondern auch, was den Zulauf aus Europa betrifft.

Westliches Denken im Sinkflug

In Europa wird verzweifelt eine Strategie gesucht, die Radikalisierung der Jugend und den Zulauf zu den Extremisten zu unterbinden. Andererseits wird diese Entwicklung durch eine undifferenzierte Islamophobie und blindes Durcheinandermengen von Islam, Islamismus, Terrorismus, Dschihadismus usw. noch verstärkt und mit dieser Denkverweigerung dem radikalem IS in die Hände gearbeitet. Rechtsradikale Parteien und fundamentalistisch-rechte Christen sind sich nicht bewusst, dass sie damit bloß Propaganda für die Islamisten und den IS machen.

Übersehen wird dabei geflissentlich, dass es ein Krieg von Moslems gegen Moslems ist, dass die überwiegende Mehrheit der Opfer Moslems sind, dass die Enthauptung von Christen und westlichen Journalisten nicht vom Koran motiviert, sondern reine politische Propaganda ist, auf die in Europa in erster Linie Rechtsradikale und rechte Christen hereinfallen, die damit genau das tun, was der IS mit ihnen bezweckt.

Was sich in Europa jetzt rächt, ist das völlige Fehlen einer politischen Bildung, wir leben mit moderner Hochtechnologie und dem für heutige Anforderungen primitiven Denken des 19. Jahrhunderts. Dessen simples lineares Denken ist völlig außerstande, die Komplexität der Welt, der Politik und des Menschlichen zu sehen und darauf zu reagieren. Wir teilen die Welt in Rechtsradikale und Gutmenschen, in die USA und den Rest der Welt – und sind damit völlig blind für die tatsächlichen Gegebenheiten. Und was das Schlimmste ist, wir fördern damit die radikalen Gruppierungen, die wir bekämpfen wollen. Wir fürchten die Islamisten und fördern sie mit absurden Verschwörungstheorien. Mit unserem Schwarz-Weiß-Denken machen wir letztlich Werbung für diejenigen, die wir zu bekämpfen glauben.

Denkansätze

Für diejenigen, die sich im Besitz der Wahrheit wähnen, wären einige Tatsachen wichtig zu reflektieren:

1. Multikulturalität ist natürliche Diversität, ohne die das Leben verkümmern müsste.

2. Xenophobie, die Angst vor dem Fremden, ist kein politisches oder soziales, sondern ein innerpsychisches Problem und damit ein Fall für den Psychotherapeuten.

3. Kriege sind nicht das Aufeinanderprallen von Gut und Böse (das wäre die psychische und symbolische Seite, die aber trotz C.G. Jung ohnehin noch kaum jemand beachtet), sondern komplexe Stellvertreterkriege, in denen verschiedenste Gruppierungen um verschiedenste Interessen, nämlich die jeweils eigenen, kämpfen.

4. Es geht dabei nie um Religion, sondern immer um den Missbrauch von Religion. Das ist im Nahen Osten nicht anders als noch vor kurzem in Irland.

5. Was Europa betrifft, werden wir kein einziges Problem durch Abgrenzung und Ausgrenzung lösen, sondern nur durch Zusammenarbeit und Dialog. Einen Kampf zwischen Christen und Moslems können beide nur verlieren. Die einzige Lösung ist die des gemeinsamen Vorgehens aller wirklich religiösen Gruppierungen gegen jene, die Religion missbrauchen. Und die gibt es am Rande aller Religionen.

6. Die Welt ist global geworden. Die Kriege im Nahen Osten oder der Hunger in Afrika oder die Drogenmafia in Südamerika, all das sind unser aller Probleme. Der Rückzug in nationales Denken ist dumm und absolut unzeitgemäß.

7. Die Welt retten wir nicht durch den Kampf gegen absurde Verschwörungstheorien, sondern durch die Beseitigung von Ungleichheiten. Wenn wir zulassen, dass die Schere zwischen Arm und Reich in der Welt weiter aufgeht, dann wird die Welt nicht zu retten sein, weil Krisenherde zur Normalität werden.

8. Das heißt aber auch, dass die Religionen mehr für den Frieden tun können als die Politik – wenn sie sich endlich ihrer „Ideologie“ entsprechend für die Menschen, für die Schwachen, für die Armen, für die Benachteiligten, für die Ausgegrenzten einsetzen. (Man beachte, dass in diesem Satz Menschen gemeint sind, und nicht -ismen wie in der Politik).

9. Was den Islam betrifft, hat es eine Blütezeit gegeben, die in Europa damals allseits anerkannt war. Wissenschaft, Mathematik, Algebra, Astronomie usw. kamen aus dieser Ecke. Die vergessene griechische Kultur, auf die wir heute so stolz sind und die unser Denken bis heute prägt, kam über die arabische wieder nach Europa. Ohne diese Entwicklung wäre Europa nicht das, was es heute ist.

10. Und bevor wir den Moslems unsere Aufklärung an den Kopf werfen – die beileibe nicht nur positive Seiten hat – sollten wir uns bewusst machen, dass das europäische Denken seit Ende des 19. Jahrhunderts völlig stagniert. Wir leben ganz gerne mit den technischen Errungenschaften der modernen Physik, aber dass diese und die Komplexität der heutigen Welt auch ein völlig neues Denken erfordern würde, ist bislang an uns vorbei gegangen. Die Xenophobie wird uns nur im Denken des 19. Jahrhunderts festhalten. Wenn es aber kein wirklich zeitgemäßes Denken gibt, werden wir auch die heutigen Probleme nicht lösen können.

„Ob die Bibel irren kann?“

Das Thema wLayout 1ird auf Facebook heftig „diskutiert“, d.h. es werden einander als Wahrheit verkleidete Meinungen an den Kopf geworfen. Das Buch von Walter Kirchschläger, „Ob die Bibel irren kann? Das Gottesprojekt Bibel“ greift ein Thema auf, das vielen heute unverdaut im Magen liegt, nämlich die Frage des Pilatus an Jesus: „Was ist Wahrheit?“ Und inwiefern verkörpert die Bibel die Wahrheit?

Das eher für Fachleute geschriebene Buch gibt die neue Sicht des 2. Vatikanischen Konzils und die aktive Mitgestaltung durch den Wiener Kardinal Franz König wider. Für manche aus der traditionsverliebten Minderheit der Kardinäle mag die Rede Franz Königs am 2. Oktober 1964 schockierend geklungen haben, wenn er sagte, dass in der Bibel die historischen und naturwissen-schaftlichen Angaben bisweilen der Wahrheit entbehren. Etwa wenn es im Matthäus-Evangelium heißt, Judas habe die Prophetie des Jeremia erfüllt, tatsächlich aber der Prophet Sacharja zitiert wird. Die Bibel enthält also auch Irrtümer.

Gemeinschaftsprojekt in der Sprache der Zeit

Damit leitete Kardinal König ein Bibelverständnis ein, das seither mit der Formel „Gotteswort in Menschenwort“ beschrieben wird. Die Bibel ist eine Verschränkung von göttlicher Offenbarung mit menschlichen Beschränkungen. Gott hat dem Menschen nicht die Wahrheit um die Ohren geschlagen, sondern sich in der Bibel erstens sukzessiv selbst erschlossen – Offenbarung ist ein fortschreitender Prozess – und er hat sich zweitens menschlicher Autoren mit ihren menschlichen Beschränkungen und deren aktueller Sprache bedient. Die Bibel ist somit ein gemeinsames Projekt Gottes mit den Menschen. Dazu kommt, dass die Offenbarung nicht der Monolog Gottes, sondern ein Zwiegespräch, ein Dialog ist, in dem die Lesart und die Antwort in jeder Zeit und von jedem Menschen erarbeitet werden muss. In conclusio könnte man sagen: Jeder Christ sollte an diesem Projekt mitarbeiten, und wer sich durch die Bibel im Besitz der Wahrheit wähnt, schließt sich tatsächlich aus diesem Projekt aus.

Die Bibel hat Gott zum Urheber (auctor), aber im 2. Vatikanischen Konzil werden erstmals die Evangelisten als echte Autoren (auctores) bezeichnet (Die verbum, Art. 11.1), d.h. sie schrieben in ihrer Sprache und hatten jeweils ein bestimmtes theologisches Anliegen. Es geht nicht um die bestimmten Details – da könnte man viele Stellen als falsch aushebeln – sondern um die theologische Aussage und Intention des Textes. Die Bibel kann (in manchen Details) irren, aber sie lehrt dennoch (im Wesentlichen) die Wahrheit. Das ist eben der Unterschied zwischen Fakten und Wahrheit.

Von der vernichtenden Kritik zum zeitgemäßen Text

Das vorliegende Buch zeichnet die überaus langwierige und komplexe Entstehungs-geschichte des Dokuments über die Offenbarung nach. Der ursprüngliche Text hatte einige Unruhe gestiftet. Die Beurteilung durch die Theologen Karl Rahner und Joseph Ratzinger war niederschmetternd. Karl Rahner hatte in einem Gutachten der Textentwürfe für das Konzil festgestellt: „Sie unterscheiden sich so wenig von den früheren Schemata der Theologenkommission, dass in dieser Hinsicht die doch ganz gewiss intensive Arbeit der Zentralkommission so gut wie umsonst war.“ Zum vorgelegten Text über die Offenbarung schrieb Rahner: „… ist wie schon von den früheren entsprechenden Schemata der Theologenkommission zu sagen, dass sie von einer wirklich beklagenswerten philosophischen Erbärmlichkeit sind. Eine solche Wald- und Wiesenphilosophie darf ein Konzil nicht vortragen.“

Quasi als Gegendarstellung zum Entwurf des Kurienkardinals Ottaviani, Führungsfigur der Konservativen, entwickelten Ratzinger und Rahner einen Entwurf für ein Dokument über die Offenbarung, der schon vor Eröffnung der offiziellen Debatte in Umlauf gebracht wurde. Damit prallten zwei völlig unterschiedliche theologische Denksysteme und Auffassungen von einem Konzil aufeinander.

Der Weg zum endgültigen Text ist mühsam, die Darstellung im Buch ebenso mühsam zu lesen, gibt aber einen großartigen Aufschluss über die komplexe Arbeit des Konzils, in dem letztlich die zeitgemäße Theologie die Oberhand gewinnen konnte. Auch in diesem Text kommt die Intention des Konzils zum Ausdruck: Besinnung auf das Wesentliche, Rückkehr zum Ursprung, aber Darstellung in der Sprache der Zeit.

Walter Kirchschläger
„Ob die Bibel irren kann? Das Gottesprojekt Bibel“
Kardinal König Bibliothek Bd. 5
Verlag Styria premium 2014
180 Seiten, Hardcover mit SU
ISBN: 978-3-222-13387-9