„Ob die Bibel irren kann?“

Das Thema wLayout 1ird auf Facebook heftig „diskutiert“, d.h. es werden einander als Wahrheit verkleidete Meinungen an den Kopf geworfen. Das Buch von Walter Kirchschläger, „Ob die Bibel irren kann? Das Gottesprojekt Bibel“ greift ein Thema auf, das vielen heute unverdaut im Magen liegt, nämlich die Frage des Pilatus an Jesus: „Was ist Wahrheit?“ Und inwiefern verkörpert die Bibel die Wahrheit?

Das eher für Fachleute geschriebene Buch gibt die neue Sicht des 2. Vatikanischen Konzils und die aktive Mitgestaltung durch den Wiener Kardinal Franz König wider. Für manche aus der traditionsverliebten Minderheit der Kardinäle mag die Rede Franz Königs am 2. Oktober 1964 schockierend geklungen haben, wenn er sagte, dass in der Bibel die historischen und naturwissen-schaftlichen Angaben bisweilen der Wahrheit entbehren. Etwa wenn es im Matthäus-Evangelium heißt, Judas habe die Prophetie des Jeremia erfüllt, tatsächlich aber der Prophet Sacharja zitiert wird. Die Bibel enthält also auch Irrtümer.

Gemeinschaftsprojekt in der Sprache der Zeit

Damit leitete Kardinal König ein Bibelverständnis ein, das seither mit der Formel „Gotteswort in Menschenwort“ beschrieben wird. Die Bibel ist eine Verschränkung von göttlicher Offenbarung mit menschlichen Beschränkungen. Gott hat dem Menschen nicht die Wahrheit um die Ohren geschlagen, sondern sich in der Bibel erstens sukzessiv selbst erschlossen – Offenbarung ist ein fortschreitender Prozess – und er hat sich zweitens menschlicher Autoren mit ihren menschlichen Beschränkungen und deren aktueller Sprache bedient. Die Bibel ist somit ein gemeinsames Projekt Gottes mit den Menschen. Dazu kommt, dass die Offenbarung nicht der Monolog Gottes, sondern ein Zwiegespräch, ein Dialog ist, in dem die Lesart und die Antwort in jeder Zeit und von jedem Menschen erarbeitet werden muss. In conclusio könnte man sagen: Jeder Christ sollte an diesem Projekt mitarbeiten, und wer sich durch die Bibel im Besitz der Wahrheit wähnt, schließt sich tatsächlich aus diesem Projekt aus.

Die Bibel hat Gott zum Urheber (auctor), aber im 2. Vatikanischen Konzil werden erstmals die Evangelisten als echte Autoren (auctores) bezeichnet (Die verbum, Art. 11.1), d.h. sie schrieben in ihrer Sprache und hatten jeweils ein bestimmtes theologisches Anliegen. Es geht nicht um die bestimmten Details – da könnte man viele Stellen als falsch aushebeln – sondern um die theologische Aussage und Intention des Textes. Die Bibel kann (in manchen Details) irren, aber sie lehrt dennoch (im Wesentlichen) die Wahrheit. Das ist eben der Unterschied zwischen Fakten und Wahrheit.

Von der vernichtenden Kritik zum zeitgemäßen Text

Das vorliegende Buch zeichnet die überaus langwierige und komplexe Entstehungs-geschichte des Dokuments über die Offenbarung nach. Der ursprüngliche Text hatte einige Unruhe gestiftet. Die Beurteilung durch die Theologen Karl Rahner und Joseph Ratzinger war niederschmetternd. Karl Rahner hatte in einem Gutachten der Textentwürfe für das Konzil festgestellt: „Sie unterscheiden sich so wenig von den früheren Schemata der Theologenkommission, dass in dieser Hinsicht die doch ganz gewiss intensive Arbeit der Zentralkommission so gut wie umsonst war.“ Zum vorgelegten Text über die Offenbarung schrieb Rahner: „… ist wie schon von den früheren entsprechenden Schemata der Theologenkommission zu sagen, dass sie von einer wirklich beklagenswerten philosophischen Erbärmlichkeit sind. Eine solche Wald- und Wiesenphilosophie darf ein Konzil nicht vortragen.“

Quasi als Gegendarstellung zum Entwurf des Kurienkardinals Ottaviani, Führungsfigur der Konservativen, entwickelten Ratzinger und Rahner einen Entwurf für ein Dokument über die Offenbarung, der schon vor Eröffnung der offiziellen Debatte in Umlauf gebracht wurde. Damit prallten zwei völlig unterschiedliche theologische Denksysteme und Auffassungen von einem Konzil aufeinander.

Der Weg zum endgültigen Text ist mühsam, die Darstellung im Buch ebenso mühsam zu lesen, gibt aber einen großartigen Aufschluss über die komplexe Arbeit des Konzils, in dem letztlich die zeitgemäße Theologie die Oberhand gewinnen konnte. Auch in diesem Text kommt die Intention des Konzils zum Ausdruck: Besinnung auf das Wesentliche, Rückkehr zum Ursprung, aber Darstellung in der Sprache der Zeit.

Walter Kirchschläger
„Ob die Bibel irren kann? Das Gottesprojekt Bibel“
Kardinal König Bibliothek Bd. 5
Verlag Styria premium 2014
180 Seiten, Hardcover mit SU
ISBN: 978-3-222-13387-9

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