Todestrieb

So gibt es ihn doch,

den Todestrieb?

Nicht als Drang zur Vernichtung,

sondern wehmütiges Drängen

in ein anderes, nicht dieses Leben.

 

Als Suche nach dem Ideal,

von Grenzen nur behindert,

der Endlichkeit zu entgehen,

dem Hier zu sterben,

um dort scheinbar zu leben.

 

Es wäre so einfach

sich der Begrenzung zu ergeben.

Der bunte Vogel

singt auch im Käfig,

und im Träumen wär er frei.

 

Doch ist es so schwer

im Gestein das Ewige zu sehen.

So verwerfen wir den Stein,

wieder verbunden im Innern,

dem Außen entschwunden.

 

Wie tiefgehend und so real,

doch eine andere Realität.

Dem Hier und Jetzt verdorben,

denn im Realen nicht zu sein,

nennt man doch gestorben.

 

Das Leben im Ideal ist stilles Glück,

das Endlichkeit nicht bieten kann.

Doch  wiegt ein einziges Aufblitzen

durch Begrenzung hindurch

knochenlose Verbundenheit auf.

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Fanatiker aller Schattierungen

Fanatiker gibt es in allen Lagern – links, rechts, religiös, pseudoreligiös – sie ticken aber alle ziemlich ähnlich. Charakteristisch ist ihre Psyche, die Ideologie eher zweitrangig.

Die Biographien von rechts- oder linksradikalen Terroristen, Djihadisten und sonstigen religiösen Kämpfern gleichen einander, Fanatiker, egal ob religiös, rechts oder links ähneln einander mehr als man denken würde, stellt die Psychiaterin Adelheid Kastner in einem Artikel der SN fest.  Die Jugendpsychiaterin Gabriele Wörgötter untersuchte die Psyche von sieben jungen Österreichern, die nach Syrien wollten. Sie waren unterschiedlicher Herkunft, hatten verschiedene Lebensgeschichten, aber sie gaben auf entscheidende Fragen dieselben Antworten. Sie waren fasziniert von einem einfachen Weltbild, das klare Feindbilder und simple Antworten liefert und Nervenkitzel und Ruhm verspricht.

Radikalisierung passiert in einem Alter, in dem man sich selbst maßlos überschätzt. Wobei dahinter Unsicherheit, Orientierungslosigkeit und ein Gefühl der Minderwertigkeit stehen. Damit ist schon klar, dass unsere pubertäre Ellbogengesellschaft solches fördert. Es ist bloß ein gradueller Unterschied, ob jemand aus dieser Situation heraus später zum Konzernchef aufsteigt oder sich gleich dem IS anschließt.

Wie Wörgötter erklärt, hatten alle eine entscheidende Bindungsstörung, die Vaterfigur habe gefehlt, sie waren sozial isoliert und nicht besonders gläubig. Eigentlich müssten jetzt die Alarmglocken läuten: Bindung entsteht in den ersten drei Lebensjahren. Frauen, die in dieser Zeit arbeiten, können diese Bindung nicht vermitteln, Kinderkrippen unterbinden diese Bindungsfähigkeit. Wir züchten damit zukünftige Fanatiker und potentielle Terroristen. Natürlich wird nicht jeder Bindungsunfähige radikal und nicht jeder Radikale zum Terroristen, aber die Grundvoraussetzungen haben wir damit geschaffen.

Die fehlende Vaterfigur ist seit vielen Jahrzehnten die Normalität, zumindest seit Arbeit jeden anderen Lebenssinn ersetzt hat. Die „Gleichberechtigung“ und die prekäre Situation treibt auch die Frauen in die Arbeit, womit die Kinder mehr oder weniger sich selbst überlassen bleiben und nie so etwas wie Bindungsfähigkeit lernen können.

Man sagt Karl Marx nach, er wäre ein guter Diagnostiker, aber ein schlechte Therapeut gewesen. Dasselbe gilt für den Feminismus. Die Rollenverteilung Ernährer – Hausfrau ist tatsächlich katastrophal, aber statt der Arbeit einen neuen Stellenwert zu geben, damit das Familienleben menschlicher würde, treibt man die Frauen in die männliche Arbeitswelt und verstärkt das Problem noch zusätzlich. Das Problem der Feministen ist nur im Wirtschaftsleben zu lösen. Über eine humanere Wirtschaft, in der es nicht nur Workaholics und Arbeitslose gibt, sondern Menschen in sozial verträglichen Arbeitsverhältnissen. Es müsste für beide Elternteile einfacher sein, bei ihrem Kind zu bleiben, dann aber wieder in die Arbeitswelt zurückzukehren, was im jetzigen System das eigentliche Problem ist. Wenn wir aber dieses Problem nicht nur diagnostizieren, sondern auch sinnvoll lösen, und zwar mit einem Umbau und einer Humanisierung des gesamten Wirtschaftslebens, dann züchten wir weiterhin bindungsgestörte, sozial isolierte und für Fanatismus bis hin zum Terrorismus gefährdete Jugendliche. Und solange unser gesamtes Wirtschaftssystem ein pubertäres ist, können wir den Kids nicht vorwerfen, dass sie auch in der Pubertät stecken geblieben und nach Syrien Krieg spielen gehen, statt dasselbe im Betrieb des Vaters oder in Großkonzernen zu tun.

Fehlende Bindung, fehlender Vater und soziale Isolation steht im Zeugnis potenzieller Fanatiker und Terroristen. Soziale Isolation ist bekanntlich auch generell ein krankmachender Faktor, das wissen wir aus vielen Studien. Andere Studien haben festgestellt, dass religiöse Menschen sozial eingebundener sind. Das wäre ein Indiz dafür, dass Terrorismus eher nicht mit Religiosität korreliert, auch wenn z.B. die Terroristen des IS den Eindruck erwecken. Das hat aber eher taktische Gründe, um nicht nur ihr Kriegsgebiet, sondern die ganze Welt zu spalten. Die zunehmende Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie beweist, dass sie damit ungeheuer erfolgreich sind.

Jedenfalls zeigt die Psyche von Fanatikern – linken, rechten, religiösen und pseudoreligiösen – dass die Prävention in den ersten Lebensjahren beginnen müsste, basierend auf einem menschlichen Wirtschaftssystem, das Kindern und Eltern ermöglicht, Bindungen aufzubauen und nicht zu zerstören. Mit Demonstrationen für und gegen Ideologien, Diskussionen für und gegen Religionen wird es jedenfalls nicht getan sein. Denn umgekehrt ist es für die bereits im Fahrwasser der Radikalisierung und des Terrorismus Schwimmenden ein Leichtes, simple Vorurteile und Ängste in der Bevölkerung zu schüren, und bei den Kids, die bereits bindungsgestört, vaterlos und sozial isoliert sind, die Sehnsucht nach simplen Antworten, einfachen Ideologien, klaren Feindbildern und dem großen Abenteuer zu schüren.