Christ sein. Was ist das?

Wer auf Facebook Diskussionen zwischen Atheisten und Religiösen verfolgt, der weiß, dass diese Frage mehr als dringlich ist. Atheisten kritisieren „Religioten“ und haben nicht die geringste Ahnung von Religion – und die Religiösen meist genauso wenig.

Das Buch von Matthias Beck mit dem Titel „Christ sein. Was ist das?“ beginnt politisch, bei der aktuellen Flüchtlingsproblematik, die Europa vor die Aufgabe stellt, sich seiner Wurzeln bewusst zu werden, zu denen nicht nur das Christentum gehört, das aber doch fundamental ist. Bei denen, die am lautesten nach der Verteidigung der europäischen Kultur schreien, wird aber am deutlichsten, dass sie über eben diese Kultur nichts wissen und ihre eigene Religion gar nicht kennen. Da ist eine intellektuelle und spirituelle Nachrüstung notwendig.

Im Buch geht es um die innere Befreiung des Menschen, um persönliche Selbstwerdung, um Freiheit und Menschenwürde, um innere und äußere Befreiung von Unterdrückung, um Reifung durch Lebenskrisen hindurch, um das Finden des Lebenspartners und der eigenen Berufung. Um all das geht es im Christentum, und nicht nur um das Gottesbild und die Schöpfung, um Normen und Gesetze. Beck verschweigt aber auch nicht, dass die Kirche nicht immer ihre eigenen Werte verwirklicht hat, und daher Inspirationen von außen für die Fortentwicklung des Christentums von großer Bedeutung waren – bis hin zur Aufklärung und der Französischen Revolution, deren Ideale aber auch christliche Wurzeln haben, auch wenn sich die Kirche zunächst dagegen gestemmt hat.

Im Horizont des Absoluten

Und dann die Frage: Braucht der Mensch Religion? Mit leerem Geplänkel ist die Frage leider nicht zu beantworten. Der Mensch steht immer schon im Raum des Absoluten, meinte Hegel. Und von der anderen Seite: „Der Mensch übersteigt unendlich den Menschen“, so Blaise Pascal. Der Horizont des Seins und die Gebrochenheit des Endlichen, dazwischen ist der Mensch ausgespannt. Die Bezogenheit auf das Absolute und das Streben nach dem ganz anderen gehören zum Menschsein dazu, auch wenn das Verdrängen modern ist.  Das ist auch nicht trockene Philosophie: „Alle Lust will Ewigkeit“, heißt es in Nietzsches Zarathustra. Und die Sehnsucht nach dem Mehr steckt im Sport, im Wirtschaftswachstum, im Gesundheitswahn in verdeckter Form. Diese Sehnsucht und Suche nicht zu leben hieße die Ganzheit des Menschseins verfehlen. Dieses Absolute kann a-personal oder Du-haft sein. Die Gottesbilder und Vorstellungen sind verschieden. Allerdings, so Beck, gibt es diesen Gott nicht so, wie es Menschen und Dinge „gibt“. Gott ist immer auch der ganz Andere, von dem sich der Mensch kein Bild machen soll. „Einen Gott, den ‚es gibt‘, gibt es nicht“, formulierte Dietrich Bonhoeffer.

Zur Ethik kommen wir, wenn wir sehen, dass sich der Mensch ständig entscheiden muss, und dass er dafür Kriterien braucht. Der Mensch ist sogar zur Freiheit verdammt, formuliert Jean-Paul Sartre. Und dass ein kleiner Gedankenfehler am Anfang zu einer Katastrophe am Ende führen kann,  wusste schon Thomas von Aquin, ohne noch die Chaostheorie zu kennen. Mit Gerechtigkeit allein ist es aber nicht getan, das Christentum ist keine Gesetzesreligion. Religiös formuliert: Es braucht immer beides: Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Und allgemeingültige Regeln dürfen nicht individuelle Entscheidungen verhindern, die sich scheinbar darüber hinwegsetzen.

Endliches und Unendliches

Man sollte nicht übersehen (und auch auf die heutige Zeit anwenden), dass das Christentum am Beginn seiner Zeit voraus war. In einer Zeit, in der die Sklaverei normal war und Frauen nichts zählten, sagte Paulus: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ‚einer‘ in Christus Jesus.“ Es geht auch immer um sehr Konkretes. Der Ursprung zeigt sich in der Natur (Vater), im Menschen (Sohn) und in uns selbst (Geist). In sich, und auch im Leben des Menschen, ist das ein Beziehungsgeschehen. Der Ursprung und Urgrund des Seins ist Dialog, ist Beziehung, ist Liebe.

Jesus, der Göttliches und Menschliches vollkommen verbindet, zeigt wie Menschsein geht. Auch in jedem Menschen ist Göttliches und Menschliches, Absolutes und Endliches, wenn auch nicht in dieser Vollkommenheit, sondern unvollkommen und fragmentarisch. Diese Zerrissenheit zwischen „oben“ und „unten“ hat Jesus Christus überwunden. In der Nachfolge ist das Christentum eine heilende Religion. Der Mensch soll wieder zu seinem Ursprung und damit zu sich selbst zurückgeführt werden. Christliche Spiritualität führt in dieses Eigene und Innere, in dem der göttliche Geist dem Menschen innerlicher ist, als er sich selbst sein kann (Augustinus). Der Mensch soll in sich hineinhören und Ordnung in das innere Stimmengewirr bringen. Dazu braucht es die Unterscheidung der Geister (Ignatius von Loyola). In der Seele treffen Relatives und Absolutes, Fremdes und Eigenes, Menschliches und Göttliches aufeinander. Ignatius hat mit seinen Exerzitien vieles der heutigen Psychologie vorweggenommen.

Aus der Fremdbestimmung zur Selbstbestimmung

Durch die Begegnung mit dem Du Gottes wird der Mensch immer mehr er selbst. Ein christlich geprägter Lebensweg soll den Menschen aus der Fremdbestimmung (durch Eltern, Schule, Arbeit, Kirche) zur Selbstbestimmung, aus Heteronomie zur Autonomie führen. Dabei geht es um die Befreiung aus verschiedenen Abhängigkeiten hin zur Befreiung zum eigenen Wesen. Inmitten einer Welt der Unfreiheit verkündet Paulus: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“

Dabei sind die Sakramente Stationen auf diesem Lebensweg der Befreiung. In der Taufe z.B. wird der Mensch ins Wasser (früher noch komplett) untergetaucht. Dabei steht das Wasser „für den Durchgang durch das Unbewusste und Verdrängte im Menschen …  Das Verdrängte, Dunkle und die Schattenseiten der Seele sollten aus dem Unbewussten ins Bewusstsein kommen, damit sie ihre zerstörerische Kraft verlieren“. Daher heißt es auch „..hinabgestiegen in das Reich des Todes“, wobei „Tod“ nicht nur den physischen Tod meint, sondern das innerseelisch Tote und Unerlöste. Der Mensch hat, so Matthias Beck, sogar die ethische Verpflichtung, an diesen innerseelischen Prozessen zu arbeiten. Eine Nicht-Aufarbeitung würde ihm selbst, seiner Umgebung und seinen Nachkommen schaden. Dabei ist das, was in der Taufe einmaliges Ereignis ist, ein lebenslanges Unterfangen.

Enkulturation und Integration

So ist Glauben letztendlich ein existenzielles Geschehen; nicht ein Für-wahr-Halten von Glaubenssätzen und Dogmen, sondern das Sich-Einlassen und Vertrauen auf den personalen Grund allen Seins. Im Aramäischen ist das Wort für „Vater“ auch das Wort für „Ursprung“.

Das Buch schließt – und damit wird es ebenso politisch wie ökumenisch – mit der Integrationsfähigkeit des Christentums. Entstanden aus dem Judentum, sich verbindend mit der griechischen Philosophie und dem Römischen Reich, später auch das Keltisch-Germanische integrierend, diese Fähigkeit zur Enkulturation hat das Christentum zu dem gemacht, was es ist. Es kann Orientierung bieten in einer Welt der Polarität und Pluralität, wenn es nicht einem religiösen „System“, sondern dem Menschen dient.

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Matthias Beck

Christ sein. Was ist das?

Glauben auf den Punkt gebracht.

 Verlag Styria premium, 2016

160 Seiten, Hardcover mit SU

ISBN: 978-3-222-13542-2

EUR 19.90

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