Feindbild Facebook

Ein Artikel auf „Galileo“: „Die Filterblase: Wie Facebook dabei ist, uns alle zu Feinden zu machen“ macht genau das, was er im Artikel Facebook zuschreibt: er kreiert ein neues Feindbild. Dabei wäre es bloß notwendig, mit dem Medium umgehen zu lernen. Dafür gibt es auch Tipps am Ende des Galileo-Artikels.

Zunächst wäre festzuhalten: Der Artikel stammt von einer seriösen Internet-Seite, und das ist, wie wir alle wissen (sollten), ziemlich wichtig. Aber wovon reden wir? Das Internet ist eine Kulturtechnik, wie es auch der Buchdruck war, nur eben schneller und fast auf Anhieb fast allen zugänglich. Kulturtechniken sind nicht per se gut oder böse, sondern ein Werkzeug, mit dem man umgehen lernen muss.

Der Artikel beginnt mit dem Satz: „Facebook und Twitter haben dazu beigetragen, Donald Trump zum Präsidenten zu machen.“ Das kann man nicht leugnen. Nach Schätzungen stammten 30 % der Twitter-Einträge pro Trump von Mini-Programmen und nicht von Usern. Das Internet ist eben noch weit geduldiger als Papier (Bücher, Zeitschriften, Zeitungen, Prospekte, Plakate,…), und eben auch offen für sinnvolle und unsinnige Inhalte.

Der Kritikpunkt des Autors ist: FB kreiert eine eigene, eingeschränkte Welt (so genannte „Filterbubbles“), in der wir uns bewegen und die wir damit verfestigen. Da stellt sich die Frage: Was ist denn daran so neu? Außer dass es schneller und „besser“ geht, gar nichts. Das Internet/FB wirkt nur wie ein Teleskop, es macht sichtbar, was ohnehin da ist. Es macht keinen anderen Menschen aus mir, sondern es macht den Menschen, der ich bin, transparenter.

Der Artikel nennt „zwei wirklich gefährliche Effekte“:

„Erstens wird der am ehesten gehört, der am lautesten brüllt.“ Viele Likes, große Reichweite, und Populisten können damit grandios umgehen. Aber ist das ein Alleinstellungsmerkmal von FB? Das ist doch im wirklichen Leben ganz genauso! Es wird durch FB nur verdichtet und deutlicher.

„Zweitens leben wir alle in kleinen Welten, die wir uns selbst erschaffen haben.“ Im Klartext: Nicht FB „erschafft“, sondern wir erschaffen selbst. FB „hilft“ uns nur dabei. Das, womit wir uns gehäuft beschäftigen, wird uns in der Timeline präsentiert. Das bläst die eigene Meinung künstlich auf (eben „Filterbubbles“), während gegenteilige Meinungen und Informationen ausgeblendet oder bekämpft werden. „Wir alle schließen uns in Filterbubbles ein.“ Auch das wäre ohne FB nicht anders. FB komprimiert bloß.

Facebook ist das, was wir daraus machen

Es herrscht ja auch die Meinung, FB wäre nur geeignet für Oberflächliches, für Katzenfotos, Essenspostings und Befindlichkeitsmeldungen. Tiefschürfendes gehe nicht. Letzteres ist natürlich schwieriger an die User zu bringen, aber wer es versucht, wird sehen: es geht! Dass man mit religiösen Fundamentalisten und Atheisten wunderbar über Religion diskutieren oder (was klarerweise leichter ist) streiten kann, wundert nicht wirklich. Das ist eben Meinungspornografie. Aber man kann auch z.B. über Quantenmechanik diskutieren, wenn auch viel eher mit Frauen als mit Männern. (Aber das ist ein eigens Thema). Genauso kann man über Tiefenpsychologie diskutieren, wenn man es nur versucht.

Natürlich gibt es auch dabei Voraussetzungen, aber wieder wie im wirklichen Leben. Das Leben in den „Filterbubbles“ muss man nicht negativ sehen. Positiv formuliert heißt das, ich kann mir meine „Freunde“ selbst aussuchen. Mit denen kann ich dann eben Katzenfotos tauschen, am Krieg der Faschisten mit dem Gutmenschen teilnehmen, oder über Quantenmechanik, Tiefenpsychologie, Philosophie, Politik und Religion diskutieren.

Die „Filterbubbles“ führen dazu, sich in einer eigenen, immer begrenzteren Welt einzugraben, Gegenteiliges auszuschließen, auszugrenzen und zu bekämpfen, was zu einer immer größeren Polarisierung führt. Wunderbar zu beobachten im US-Wahlkampf, in dem es nicht mehr um Argumente, sondern um den Aufeinanderprall zweier Ideologien ging. Amerika ist gespalten, und es ist unwahrscheinlich, dass es nach der Wahl wieder ein „geeintes“ Amerika gibt. Die Anti-Trump-Demos beweisen das zur Genüge.

Ähnlich in Österreich die Bundespräsidentenwahl, in der „Rechts“ und „Links“, „Rechtsradikale“ und „linke Gutmenschen“ aufeinanderprallen. Auch dieser Krieg wird durch FB und Twitter nur verstärkt, weil sich dort die Wogen viel schneller aufschaukeln können. Da wir die erste Wahlanfechtung schon hinter uns haben, ist es ebenso unwahrscheinlich, dass nach der Wiederholungswahl wieder ein „einig Volk“ entstehen wird.

Das Gift der Polarisierung

An dieser Polarisierung ist aber nicht FB schuld, sie wird durch FB nur verstärkt. Dahinter steckt viel Tieferes. Das großpolitische Lagerdenken war nach dem Mauerfall passé, die Weltpolitik wurde komplex – und wie sich heute immer deutlicher zeigt: Wir sind dem nicht gewachsen. Unser Denken ist mit Komplexität schlicht überfordert.

Hinter dieser Zuspitzung steckt noch Tieferes: Der ungeheuer erfolgreiche Siegeszug der Naturwissenschaft wurde teuer erkauft mit der Preisgabe der Komplexität und der Ganzheit. Leider ist das Leben aber komplex. Naturwissenschaft analysiert, zerlegt in kleinste Teile, weil es unmöglich ist, viele Parameter, die zusammenspielen, gleichzeitig wissenschaftlich zu erfassen. Die Methode ist das Experiment, eine vereinfachte Situation, die so in der Natur nicht vorkommt. Mit anderen Worten: Naturwissenschaft konstruiert eine objektive Welt, in der das Subjekt, der Mensch und das wirkliche Leben nicht vorkommen, ausgeklammert werden müssen.

Das wäre an sich nicht tragisch, ist das doch eine höchst erfolgreiche Methode. Tragisch wird es, wenn man meint, damit die „Welt“ erklären zu können. Damit wird die Methode zur Ideologie, und wie alle Ideologien gefährlich. Dann sieht man nicht mehr, dass man mit dem Subjekt das Menschliche aus der Welt hinausgedrängt hat, und wundert sich über eine unmenschliche Welt. Dann sieht man auch nicht mehr, dass sich die Naturwissenschaft längst weiterentwickelt hat, mit der Quantentheorie wieder „ganzheitlich“ geworden ist. Das ideologische, pseudo-naturwissenschaftliche Weltbild muss um 1900 stehenbleiben. Der „Alltagsverstand“ kann weder die Quantentheorie, noch die Tiefenpsychologie verstehen, weil die über eine längst überholte Logik hinausgehen.

Um nur einen Aspekt zu nennen: In beiden Disziplinen gilt das Entweder-Oder nicht mehr. Aber genau an dieses Entweder-Oder, diese Schwarz-Weiß-Malerei, dieses politische Rechts-Links-Schema klammern wir uns, als lebten wir immer noch im 19. Jahrhundert. Erst wenn wir das überwinden, könnte es wieder heißen: Willkommen im wirklichen (komplexen) Leben. Vielleicht würde dann sogar die Politik wieder legendig.

Facebook macht uns jedenfalls nicht zu Feinden, sondern macht uns unsere vorhandene und wachsende feindliche Gesinnung bewusst.

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Gegensätze und Auferstehung

Warum sind fundamentale Christen und Rechtsradikale einander so ähnlich? Warum wählten 81 Prozent der evangelikalen Wähler den Inbegriff des „bad boy“, Donald Trump? Psychologisch ist es nur zu verständlich, dass diejenigen, die sich „ganz“ dem Guten verschreiben, das „Böse“ verdrängen und abgespalten haben, und genau deshalb auf jemand hereinfallen, auf den sie es projizieren können. Es scheinen die Hyper-Christlichen zu sein, und doch ist das Christentum selbst ganz anders.

Mit Christi Geburt wurde die Welt gespalten in Oben und Unten, Himmel und Hölle, den Herrn des Himmels und den Herrn der Erde.  Im aktuellen Geschehen war diese Spaltung dazu da, das Bild Gottes, die imago dei, klar herauszustellen. Und wiewohl Christus als die Ikone Gottes das Symbol der Ganzheit ist, so muss er doch, um wirklich Ganzheit zu werden, das Untere auch integrieren, daher „hinabgestiegen in die Hölle“, um auch das Böse hineinzunehmen in die Auferstehung.

Dies ist der Teil des Mysteriums, der im danach entstandenen Christentum fehlt, abgespalten und verdrängt wird. Daraus entstehen Leibfeindlichkeit, Weltabgewandtheit, Selbstgeißelung usw., die allesamt dem Christentum eigentlich fremd sind. Die Trennung musste erfolgen, um das Obere, das Himmelreicht Gottes sichtbar zu machen. Aber wenn man genau hinschaut, ist es nicht bei dieser Trennung geblieben.

Noch im Alten Testament, etwa bei Hiob, ist der Teufel bloß der Versucher des Menschen, Gott noch viel näher, beinahe ein Berater Gottes. Zum Antichrist wird er erst im Neuen Testament. Er ist immer noch der Versucher, aber bereits der Herr der Welt, der gestürzt werden muss. Und doch wird die Nähe zu Christus und der Notwendigkeit der Vereinigung der Gegensätze im Neuen Testament immer wieder angespielt.

Jesus wählt auch Judas, quasi den Vertreter des Teufels, unter seine Jünger, eben weil er dessen Tragik voraussah. Das Gute ist nicht zu schaffen, wenn das Böse nicht integriert wird. Die Parallele zwischen Petrus und Judas ist auch nicht zu übersehen. Beide verraten Jesus. Man könnte sogar sagen, dass der Verrat des Judas der geringere war, könnte man ihm doch eine „gute“ Absicht unterstellen, Jesus damit herauszufordern, sich als (politischer) Messias zu outen, während der Verrat des Petrus reine Feigheit war. Nur die Reaktion ist anderes: Während Petrus sich wieder öffnet und die kleinlich-ängstliche Ich-Zentriertheit wieder aufgibt, verschließt sich Judas darin und richtet sich selbst.

Während des Gerichtsverfahrens ist der Schatten Christi ganz nahe: Die Menge fordert anstatt der Freilassung Jesus die des Barabbas. Und Bar-abbas heißt nichts anderes als (auch) Sohn des Vaters. Immer noch geht es um das Wählen des einen oder des anderen. Die „Menge“ will einen irdischen, politischen Messias, nicht einen weltabgewandt-himmlischen. Die Doppelnatur Christi kann sie nicht begreifen.

Am Beispiel der beiden Mitgekreuzigten wird aber dann gezeigt, wie hauchdünn der Gegensatz ist. Beim einen bedarf es nur eines einzigen Satzes („Denk an mich, wenn du im Paradies bist“), und er kann sein ganzes verbrecherisches Leben mit in den Himmel nehmen.

Schon im Gleichnis vom verlorenen Sohn oder vom gütigen Vater wurde gezeigt, dass dem etwas Entscheidendes fehlt, der sich allein dem Guten verschreibt. Der Schatten ist dann in Form des Neides immer wieder da. Dagegen wird ein Fest gefeiert, wenn jemand sein ganzes elendes Leben zurück- und damit mitbringt. Denn es geht dabei nicht um die „späte Einsicht“ (die wäre rein intellektuell und existenziell ziemlich dürftig), sondern darum, dass er sein verunglücktes Leben ins Ganze integriert. Das ist es, was er dem anderen, der stets der „Gute“ war, voraushat.

Ohne das „Hinabgestiegen in die Hölle“ wäre die Auferstehung nichtssagend. Sterben ist ja nichts Außergewöhnliches. „Leben in Fülle“ ist nur möglich, wenn die „Toten“ zum Leben erweckt, die „Hölle“ integriert, „Oben“ und „Unten“ verbunden werden.

Das Leben im „Guten“ ist eine Illusion, hat keinerlei Substanz. Wenn Christen immer noch glauben, das Böse bekämpfen zu müssen, zwischen Wir (die Guten) und die anderen (das Böse) unterscheiden und trennen zu müssen (auch in der Flüchtlingsfrage und im Anhimmeln von rechten Parteien), dann kann es sein, dass sie das Christentum gar nicht verstanden haben.

Farbige Schatten

Wer immer nur

in Tageshelle schreitet

und nachts versinkt

in tiefem Schlaf

der lebt die Hälfte

seines Lebens

doch bedrängt

von langen Schatten

die seiner hellen Welt

die Abgrundtiefe geben.

 

Wer seine Augen

an die Nacht gewöhnt

und Grautöne sieht

statt tiefem Schwarz

beginnt zu ahnen

dass sie es sind

die der Tagwelt

Farben nähren

bis er farbige Schatten

sehen lernt

 

Er weiß jetzt

dass die Farben

vergangener Tage

bloß fahles Grau

und dass die Schatten

tiefster Nacht

die Farben erst

zum Leuchten bringen

so umarmt er

Tag und Nacht