Psychologie und Religion

Die allermeisten Diskussionen von und mit Religiösen und Atheisten kranken an einem Missverstehen dessen, was der Mensch ist, und zwar von beiden Seiten. Da religiöse Schriften in einer dem heutigen Denken fremden Sprache geschrieben sind, ist eine Diskussion der Texte sinnlos. Den Schlüssel zu diesen Texten hätten wir zwar seit etwa hundert Jahren in der Tiefenpsychologie, doch die wird seit ebenfalls hundert Jahren verdrängt und verleugnet.

Psychotherapeut wird man nur, wenn man auch eine Selbstanalyse durchgemacht hat. Nur so weiß er/sie um sich und den Menschen in der Welt. Auch Religion beruht auf (Selbst)Erfahrung. Wer nur (an Dogmen der Kirchen) glaubt, steht auf derselben Stufe wie derjenige, der nichts glaubt. Daher hat eine Diskussion zwischen diesen beiden nichts mit Religion zu tun. Ein unreflektiertes Überschwemmtwerden mit Bildern geht genauso am Menschsein vorbei wie eine Überrationalisierung.

Worum geht es?

Wir finden uns heute als fragmentiertes Ich in einer fragmentierten Welt. Soweit die pathologische Grundsituation. Trotzdem sind wir (unbewusst) verbunden und angewiesen auf etwas, das dieses Ich übersteigt, auf eine größere Ganzheit, die C.G. Jung als „Selbst“ bezeichnet hat, und die als unser Eigenes ein Nicht-Ich ist. Diese „das Ich überragende und umfassende Ganzheit“ (Erich Neumann) ist in sich Beziehung, eine Ich-Selbst-Beziehung, die eine ständige unbewusste Spannung darstellt. Diese Beziehung ist, weil  zum Teil unbewusst, arational und paradox.

Der Mensch steht aber immer in Beziehung zu diesem ihm Unbekannten und Übergreifenden. In religiöser Sprache ist der Mensch Endliches, bezogen auf Unendliches. In psychologischer Sprache ist der Archetypus des Selbst nicht von den Gottesbildern zu unterscheiden. Der Archetypus ist schlichtweg unbewusst, und Gott ist das schlichtweg Unnennbare.

Ein weiteres Paradox ist die unbewusste (und irrationale) Grundlage des Menschen einerseits und di notwendige (rationale) Bewusstwerdung andererseits. Im Mythos lebten die Menschen in ihrer Ganzheit, aber dunkel und unbewusst. Heute leben wir in unserem rationalen Ich-Bewusstsein, aber als Fragmente, abgeschnitten von der umfassenden Ganzheit. Beides ist einseitig und vorläufig. Was wir brauchen wäre klare rationale Bewusstheit, aber bezogen auf unsere paradoxe, irrationale Ganzheit der Ich-Selbst-Beziehung.

Die „moderne“ Persönlichkeit ist immer bedroht zu einer Maske zu erstarren (persona = die Maske im griechischen Theater).  Lebendig macht nur die Beziehung zum Unsichtbaren, Unnennbaren, Ganzen – so wie der nicht sichtbare Schauspieler hinter der Maske die Figur lebendig macht. Die heutige Verleugnung dessen, was das Ich in der Persönlichkeit übersteigt und worauf das Ich bezogen bleibt, führt zur Fragmentierung und Erstarrung des Menschen. Der „moderne“ Mensch lebt nur einen fragmentarischen Ausschnitt seiner menschlichen Ganzheit. Dieses verengte Dasein führt zur Isolation und Vereinsamung, Angst (das Wort kommt von Enge) und Depression (in der das verleugnete Umfassende unbewusst erdrückend wird).

In der Außenwelt versuchen wir verzweifelt, auch die Welt zu fragmentieren, suchen in den Naturwissenschaften nach den „kleinsten Bausteinen der Welt“, und stellen fest, dass es so etwas gar nicht gibt, sondern sich in der Mikrowelt hinter den Hilfsvorstellungen von Teilchen und Welle wieder etwas nicht vorstellbares Ganzes verbirgt.

In der Gesellschaft führt diese fragmentierende Ich-Isolierung zur Entwurzelung und Unsicherheit, die anfällig macht für Manipulation und Massenphänomene, wie wir derzeit nur allzu deutlich erleben.

Die Therapie unserer Zeit wäre die Öffnung des fragmentierten und isolierten Ich hin zu einer das Ich übergreifenden und umfassenden Grundlage in einer paradoxen (weil bewusst-unbewussten) Ich-Selbst-Beziehung. Ein schwieriges Unterfangen, schon wegen unserer natürlichen Angst vor dem Irrationalen und Numinosen. Denn wie jede wesentliche Entwicklung Gegensätzliches enthält und braucht, so steht hinter der notwendigen Entwicklung zur Bewusstwerdung gleichzeitig die Angst vor dem unkontrollierbaren Übergreifenden. Bevor der Mensch seine Doppelnatur nicht akzeptiert (Endliches, bezogen auf Unendliches) ist die Angst größer als die zu erreichende Geborgenheit.

Es braucht die Rückverbindung (religio) des fragmentierten Ich in die eigene ich-überlegene Tiefe. Dazu sind einige Stufen notwendig: Das Aufgeben der erstarrten Persona, die Bewusstwerdung des Schattens, der eigenen verdrängten Negativ-Anteile der Psyche, was immer auch zu ethischen Dilemmata, zur Erfahrung von Konflikt und Leiden führt. „Das Annehmen dessen, was vom Kollektiv als böse angesehen wird, kann zu den Notwendigkeiten der Befreiung des Schöpferischen gehören, wie jede Revolution lehrt, die politische wie die religiöse, die ja immer mit dem verbrecherischen Zerbrechen alter Werte verbunden ist.“ (Erich Neumann).

Dazu kommt die Auseinandersetzung mit dem gegengeschlechtlichen Anteil im Menschen (Anima/Animus), entweder mit einem Partner oder innerpsychisch. Ziel dieses Individuationsprozesses ist die verlorengegangene Ich-Selbst-Einheit, „die Übereinstimmung des Menschen mit seiner echten Persönlichkeitsganzheit“ (Neumann). Psychologisch gesehen sind die Symbole des Selbst von den Gottesbildern oder -vorstellungen nicht zu unterscheiden.

Auch in den Religionen geht es vor allem um den Menschen und seine Entwicklung. Aber hier überschreiten wir die Grenze zur Theologie. Aber auch hier bleibt das Paradoxe erhalten. Im tiefsten Seelengrund finden wir das, was wir gewöhnlich Gott nennen (Ignatius v. Loyola), aber: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht!“ (Dietrich Bonhoeffer). Das Aramäische konnte diese Paradoxie noch ausdrücken: Das Wort für „Vater“ (als menschliche Vorstellung) war identisch mit dem Wort für „Ursprung“, dem Urgrund allen Seins.

 

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