Heimat?!

Kürzlich organisierte die Philosophin Cornelia Bruell in Baden einen Philosophischen Salon zum Thema „Heimat“. Ein politischer, soziologischer, psychologischer und natürlich auch philosophischer  Begriff. Das „Ergebnis“ kann sich sehen, hören und lesen lassen: http://www.philoskop.org/blog/2017/4/1/heimat-ist

Beim Philosophischen Salon geht es um das Mit-Denken. Da dieses weder räumlich noch zeitlich begrenzt ist, lasse ich mich zum Mit-Denken verführen. Das Thema beschäftigt mich ohnehin seit langem. Eigentlich seit meinem Aufbruch aus der Heimat.

  1. Heimat hat – wie so ziemlich alles – einen äußeren und einen inneren Aspekt, die aber nicht zu trennen sind, weil sie keine Gegensätze darstellen, sondern komplementär zusammengehören.
  2. Heimat ist (für mich) das Stück Land, das ich als Kind überschauen konnte. Das „meine Welt“ war, in die ich hineingestellt wurde. Außerhalb war Niemandsland. Da war Linz genauso fremd wie Teheran.
  3. Leben ist von diesem Gesichtspunkt aus ein ständiges Ausweiten dieses Territoriums: Übersiedlung, Gymnasium in der „Großstadt“, Studium in Wien, Reisen nach Graz, Innsbruck, Waldviertel, Deutschland, Ungarn, Italien, Frankreich, England, Schweiz, Ladakh, Ägypten, Island….
  4. Wir werden aber nicht nur in ein Land, eine Familie geboren, sondern auch in einen ganz bestimmten Denkrahmen, ein Weltbild. Auch das ist „Heimat“, denn es gibt auch andere Weltbilder, die völlig anders, aber genauso stimmig sind. Etwa fernöstliche Weltbilder.
  5. So werden die Denkgewohnheiten der Herkunftsfamilie erweitert durch die schulische Laufbahn in Richtung Allgemeinbildung (bei mir war es noch so). Durch meinen Philosophie-Lehrer im Gymnasium kam ich mit asiatischen Philosophien (Yoga, chinesischer Universalismus) in Berührung, überstand das Bundesheer mit dem Tibetischen Totenbuch unter dem Kopfpolster, war zehn Jahre in Wien in einer Yogagemeinschaft und studierte „nebenbei“ Philosophie, verbrachte anschließend immer ein paar Jahre in einer anderen Kultur (Sufismus, Indianer, tibetischer Buddhismus), um dann wieder in unserer Kultur zu landen. Bereichert um den Blick von außen, der den inneren ergänzt, und wissend um die Stärken und Schwächen verschiedener Kulturen und Denkrahmen.
  6. Außen und innen gehen immer komplementär Hand in Hand. Immer geht es um eine Erweiterung des Horizonts, um ein Vertraut-Machen des bis dahin Fremden, ein Einverleiben in die innere „Heimat“. Manchmal sogar die Erfahrung, ganz wo anders „Heimat“ gefunden zu haben.
  7. Das Heimatgefühl des als Kind Überschaubaren beim Eintritt in dieses Leben wird immer bleiben, aber einmal ins Leben geworfen gehen Wellen über den jeweiligen Tellerrand hinaus, machen Fremdes zu eigen – nicht nur andere Menschen und Kulturen, sondern auch und vor allem das eigene, innere Fremde (vor dem die rechte Szene so panische Angst hat, dass sie sich in einen pervertierten Heimatbegriff festkrallen muss), das integriert werden muss, damit es sich nicht im Außen gegen sich selbst wendet.
  8. Der kindlich erfühlte Heimatbegriff ist ein innerlich erlebter äußerer. Am anderen Ende des Lebens sollte ein äußerlich erlebbarer innerer Heimatbegriff stehen, ein belebtes Welt-Bild, das auch andere Kulturen, andere Weltbilder und das eigene innere Fremde integriert hat. Dann ist die kindliche Egozentrik zum Welt-Bild geworden.
  9. Der Mensch wird vom geistigen Schrebergartenbewohner zum Weltbürger – wenn er nicht unterwegs stecken bleibt.
  10. Man kann „Heimat“ vom Geboren-Werden her denken, aber auch von der Herkunft, vom Eingebettet-Sein in ein größeres Ganzes. Der Mensch ist Endliches, bezogen auf Unendliches. So gesehen ist uns das Unendliche, Ewige innerlicher als wir uns selbst sind (frei nach Augustinus). Das zu verdrängen macht den Menschen zum Torso und lässt ihn nie wirklich Heimat finden. Einen Vorgeschmack im Endlichen bieten jene kostbaren Augenblicke, in denen Zeit zur Ewigkeit gerinnt.
Werbeanzeigen