Kirche und Missbrauch – symbolisch gesehen

DSCN3997In unserer nüchtern-rationalen Begriffssprache sind die immer neu auftauchenden Missbrauchsskandale der Kirchen bloß verabscheuungswürdige Tatbestände. In bildhaft-symbolischer Sprache – die die Kirche leider selbst verlernt hat – liegt ein viel tieferer Bedeutungszusammenhang.

Der Missbrauch richtet sich vorwiegend gegen junge Menschen in und um die Pubertät, in der diese zur Sexualität erwachen. In diesem Erwachen werden sie nachhaltig geschädigt. Sie werden ihre natürliche, lebendige Sexualität nie mehr erleben können. Und zwar durch ein innerkirchliches Geschehen, das weit über den Tatbestand hinausgeht.

Nehmen wir dies als Symbolbild, als Bild einer Kirche, die (ihre) Sexualität unterdrückt, verteufelt und damit abspaltet. Der unterdrückte menschliche Trieb richtet sich gegen sich selbst, gegen Jungendgruppen und Ministranten, gegen die junge, nachwachsende Kirche sozusagen. Der unterdrückte Trieb ver-zwei-felter (zwei-geteilter, abspalten müssender) Priester, der nicht sein darf und in die Unterwelt, die Welt der Toten (der abgetöteten psychischen Inhalte) verdrängt wird, richtet sich mit Gewalt gegen die noch unberührte Kirche und zerstört nun das, was zum natürlich Menschlichen heranreifen könnte.

Die gespaltene Sexualität

Die Kirche war nie imstande, die Sexualität in ihrer Ganzheit wahrzunehmen und anzunehmen. Sie spaltete diese in die (notgedrungen gute oder wenigstens nicht böse) Zeugungskraft und die böse Unkeuschheit, der abzuschwören ist. Dass damit die Hölle, die dann eifrig gepredigt wurde, mit dieser Abspaltung erst geschaffen war, blieb ihr unbewusst. Die Hölle ist ja nicht ein Ort im Jenseits, sondern eine Schöpfung des Menschen, der sie sich selbst als Schattenwelt in sich schafft.

Einerseits wird das Dunkle, Animalische der Sexualität abgelehnt und abgespalten, andererseits kommt es gerade dadurch zu einer Fixierung auf diese dunkle Seite, womit auch die helle Seite verdrängt und geradezu verboten wird: die auch dem „Normal-Sterblichen“ mögliche irdische Ektase im Orgasmus, die ein Wiener Priester in einer Predigt im Stephansdom einmal als Vorgeschmack des Himmels bezeichnete.

Missbrauch durch das Wort

Damit zeigt sich an dieser Extremsituation des Missbrauchs, was die Einstellung der Kirche zur Sexualität bei den Menschen anrichtet. Sicher, es ist kein Massenphänomen, es ist nur ein Bruchteil der Priester betroffen. Es geht aber andererseits auch nicht nur um diese sexuellen Missbräuche. Es gibt genauso – wie erst kürzlich ein anderer Priester in Wien in seiner Predigt feststellte – einen Missbrauch des Wortes, durch eine engherzige Einstellung, durch Verurteilung, Fundamentalismus, durch verbale Verteufelung der Sexualität. Dieser Priester erzählte erschüttert von einer 85jährigen Frau, die in der Beichte gestand, dass sie ihren Mann nicht zu berühren wagt, weil das die Kirche doch verbietet. Das meinte er mit Missbrauch durch das Wort. Durch diese Einstellung der Kirche sind nicht Einzelne, sondern Generationen geschädigt, missbraucht worden. Nicht durch einzelne Priester, sondern im Kollektiv, nicht einzelne Opfer, sondern die Gesamtheit der „Schäfchen“. Mit der Verteufelung der Sexualität wird den Menschen auch dieser Vorgeschmack des Himmels vorenthalten. Verbunden mit der Hölle von Zwängen, Schuldgefühlen und menschlichen Tragödien. Dafür gibt es noch keine Entschuldigung der Kirche.

Das Konzil und die Gegensätze

1965 tagte das Zweite Vatikanische Konzil, das einen frischen Wind in die Kirche brachte. Von einem gewaltigen Aufbruch, den es tatsächlich brachte, war bald danach nichts mehr zu spüren. Die konservativen Gegenkräfte krochen aus allen Winkeln hervor. Und auf diese fallen die Missbrauchsskandale zurück. Alles enthält sein Gegensätzliches. Enantiodromie nannte das der antike Philosoph der Dynamik, Heraklit. Es abzuspalten schafft es nicht aus der Welt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass nach der Vermenschlichung der Kirche im Konzil nun erneut das Unmenschliche ans Licht kommt. Die Kirche muss ihren Schatten integrieren. Und vor allem ihre Einstellung zur Sexualität ändern. Die Skandale könnten ein reinigendes Feuer sein.

Von der Jugendsynode 2018 tönt es aus Rom: „Wir müssen die Stimme der Jugend hören!“ Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Die kümmert sich nämlich schon längst nicht mehr um die modrigen „Moralvorstellungen“ der Kirche. Sie versucht, auf sich allein gestellt, ihre eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Dass die nicht „unmoralisch“ sind, wissen wir aus zahlreichen Umfragen zu diesem Thema. Sie lassen zwar so manchem konservativen Bischof die Haare zu Berge stehen, aber es ist – im Gegensatz zu einem starren, bloß nachgebeteten Moralkodex – ein lebendiger Umgang mit sich und den anderen. Und das wirklich Entscheidende: Er kommt von innen, aus eigener Verantwortung, und nicht von oben, von einem kirchlichen Über-Ich. Eine von außen oder „oben“ übernommene Moral ist ohnehin unmoralisch.

Kirchturm und Katakomben

Um auf die Symbolik zurückzukommen: Die Kirchenbauten strecken sich hoch aufragend in den Himmel, ein Bild des Strebens nach Transzendenz. Unterhalb der Kirche liegen die Grabstätten von Bischöfen oder Fürsten, die der Kirche zugetan waren, manchmal Katakomben, eine eigene Unterwelt. Symbolisch ist das die Schattenwelt, die Unterwelt, oder die „Leichen im Keller“ der Kirche, das was verdrängt wurde und wird, was kaum zugänglich ist. Ein Bibelwort drängt sich auf: „Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr seid wie die Gräber, die außen weiß angestrichen sind und schön aussehen; innen aber sind sie voll Knochen, Schmutz und Verwesung.“ (Mt 23,27). Und manchmal drängt sich auch der Verdacht auf, dass die Kirche nicht die Sukzession der Apostel, sondern der Pharisäer ist – oder zumindest beides.

Mit der Abwertung und Verteufelung der Sexualität hat man diese als „Schmutz und Verwesung“ in die Unterwelt verbannt, von wo sie nur noch energiegeladener – auch in die eigenen Reihen – zurückkommt. Und da man auch die helle, schöne Seite verbannt hat, richtet sie umso mehr Schaden an. Nicht nur die Revolution frisst ihre Kinder, auch die Verdrängung und Abspaltung. Missbrauch, aber auch seelische Verkrüppelung (durch restriktive Vorschriften) von vielen ist das Ergebnis. Verhindert wird die natürliche Entfaltung des Lebendigen. Wenn man den Weg und das Leben verdrängt, dann wird auch die Wahrheit zur Perversität.

Und hinter all dem steht die Absurdität, dass Kirche von der Seele redet, aber von der Psyche keine Ahnung hat, und die Psychologie auch noch verteufelt. Wie es Eugen Drewermann noch mit voller Wucht zu spüren bekam. Mit der Psyche wird aber das eigentlich Menschliche verdrängt. Die verbleibende Kluft zwischen Materiellem und Geistigem wird damit zum Abgrund, der nicht zu überbrücken ist.

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3 Gedanken zu “Kirche und Missbrauch – symbolisch gesehen

  1. heiko scholz

    Wer die Kirchen, als Ableger der Ableger der jüdischen Religion verstehen will, muss berücksichtigen, dass es hierbei NUR um das Geschäft (Geld und Macht ) geht.

    Die Kirche der Katholen ist die älteste (bekannte) Firma der Welt, es geht hierbei nur um Geld und Macht und das seit ca. 2000 Jahren.

    alles was die Kirche macht, ist wohl überlegt und sehr weise. wäre es anders, hätte man den Katholen schon lange den Hahn abgedreht. Das aber ist bisher keine anderen Instanz gelungen, weil keiner so schlau ist, wie die Katholen, wenn es um Macht und Geld geht.

    Selbst die Missbrauchs-Vorfälle sind alles sehr wichtig und Grundlager der Firma. Es ist ein Muss und wenn man das bereinigt, wird die Kirche sterben, oder sie muss sich ein anderes Feld suchen, wie sie möglichst viel Leid erzeugen. man sehe sich den gekreuzigten Jesus an, dieses Leidensbild wird angebetet und verehrt.

    Leid erzeugen, das ist sehr wichtig für die semitischen Religionen und ihre Abkömmlinge. Nimmt man den semitischen Religionen (Islam, Juden, Christen) das leiden, werden sie sterben.

  2. paule222

    Guten Abend. Bin neu hier. Seit ca. 30 Jahren arbeite ich daran, das Christentum auf den Boden wenigstens des Grundgesetzes zu stellen. Das bedeutet, es gewaltfrei neu zu schaffen.
    Es bedeutet auch die Schaffung eines erträglichen Gottesbildes, das unsere Kinder nicht serienweise krank macht. Habe als niedergelassener Internist (!) 4 oder 5 Bücher darüber verfasst. Euer Frank Sacco, Doktor der Medizin. „Erfinder“ des Sacco-Syndroms. Man will mir gerade mal wieder meine Approbation entziehen. Gott- bzw. eher Kirchen- und Psychiatriekritik kommt bei Behörden nicht gut an. Frank

    1. heiko scholz

      Nie wirst du wirklich etwas ändern hier, denn bei Barbaren, die sich bewusst von den Leichen der ermordeten Tiere ernähren, lässt das Karma nicht zu, dass sie weiter kommen.

      Parallel dazu wird die Wissenschaft auch nicht weiterkommen dürfen, solange sie noch dem Plagiator und wahnsinnigen Albert Einstein (Atombombe) folgen.

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