Kirche und Missbrauch – symbolisch gesehen

DSCN3997In unserer nüchtern-rationalen Begriffssprache sind die immer neu auftauchenden Missbrauchsskandale der Kirchen bloß verabscheuungswürdige Tatbestände. In bildhaft-symbolischer Sprache – die die Kirche leider selbst verlernt hat – liegt ein viel tieferer Bedeutungszusammenhang.

Der Missbrauch richtet sich vorwiegend gegen junge Menschen in und um die Pubertät, in der diese zur Sexualität erwachen. In diesem Erwachen werden sie nachhaltig geschädigt. Sie werden ihre natürliche, lebendige Sexualität nie mehr erleben können. Und zwar durch ein innerkirchliches Geschehen, das weit über den Tatbestand hinausgeht.

Nehmen wir dies als Symbolbild, als Bild einer Kirche, die (ihre) Sexualität unterdrückt, verteufelt und damit abspaltet. Der unterdrückte menschliche Trieb richtet sich gegen sich selbst, gegen Jungendgruppen und Ministranten, gegen die junge, nachwachsende Kirche sozusagen. Der unterdrückte Trieb ver-zwei-felter (zwei-geteilter, abspalten müssender) Priester, der nicht sein darf und in die Unterwelt, die Welt der Toten (der abgetöteten psychischen Inhalte) verdrängt wird, richtet sich mit Gewalt gegen die noch unberührte Kirche und zerstört nun das, was zum natürlich Menschlichen heranreifen könnte.

Die gespaltene Sexualität

Die Kirche war nie imstande, die Sexualität in ihrer Ganzheit wahrzunehmen und anzunehmen. Sie spaltete diese in die (notgedrungen gute oder wenigstens nicht böse) Zeugungskraft und die böse Unkeuschheit, der abzuschwören ist. Dass damit die Hölle, die dann eifrig gepredigt wurde, mit dieser Abspaltung erst geschaffen war, blieb ihr unbewusst. Die Hölle ist ja nicht ein Ort im Jenseits, sondern eine Schöpfung des Menschen, der sie sich selbst als Schattenwelt in sich schafft.

Einerseits wird das Dunkle, Animalische der Sexualität abgelehnt und abgespalten, andererseits kommt es gerade dadurch zu einer Fixierung auf diese dunkle Seite, womit auch die helle Seite verdrängt und geradezu verboten wird: die auch dem „Normal-Sterblichen“ mögliche irdische Ektase im Orgasmus, die ein Wiener Priester in einer Predigt im Stephansdom einmal als Vorgeschmack des Himmels bezeichnete.

Missbrauch durch das Wort

Damit zeigt sich an dieser Extremsituation des Missbrauchs, was die Einstellung der Kirche zur Sexualität bei den Menschen anrichtet. Sicher, es ist kein Massenphänomen, es ist nur ein Bruchteil der Priester betroffen. Es geht aber andererseits auch nicht nur um diese sexuellen Missbräuche. Es gibt genauso – wie erst kürzlich ein anderer Priester in Wien in seiner Predigt feststellte – einen Missbrauch des Wortes, durch eine engherzige Einstellung, durch Verurteilung, Fundamentalismus, durch verbale Verteufelung der Sexualität. Dieser Priester erzählte erschüttert von einer 85jährigen Frau, die in der Beichte gestand, dass sie ihren Mann nicht zu berühren wagt, weil das die Kirche doch verbietet. Das meinte er mit Missbrauch durch das Wort. Durch diese Einstellung der Kirche sind nicht Einzelne, sondern Generationen geschädigt, missbraucht worden. Nicht durch einzelne Priester, sondern im Kollektiv, nicht einzelne Opfer, sondern die Gesamtheit der „Schäfchen“. Mit der Verteufelung der Sexualität wird den Menschen auch dieser Vorgeschmack des Himmels vorenthalten. Verbunden mit der Hölle von Zwängen, Schuldgefühlen und menschlichen Tragödien. Dafür gibt es noch keine Entschuldigung der Kirche.

Das Konzil und die Gegensätze

1965 tagte das Zweite Vatikanische Konzil, das einen frischen Wind in die Kirche brachte. Von einem gewaltigen Aufbruch, den es tatsächlich brachte, war bald danach nichts mehr zu spüren. Die konservativen Gegenkräfte krochen aus allen Winkeln hervor. Und auf diese fallen die Missbrauchsskandale zurück. Alles enthält sein Gegensätzliches. Enantiodromie nannte das der antike Philosoph der Dynamik, Heraklit. Es abzuspalten schafft es nicht aus der Welt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass nach der Vermenschlichung der Kirche im Konzil nun erneut das Unmenschliche ans Licht kommt. Die Kirche muss ihren Schatten integrieren. Und vor allem ihre Einstellung zur Sexualität ändern. Die Skandale könnten ein reinigendes Feuer sein.

Von der Jugendsynode 2018 tönt es aus Rom: „Wir müssen die Stimme der Jugend hören!“ Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Die kümmert sich nämlich schon längst nicht mehr um die modrigen „Moralvorstellungen“ der Kirche. Sie versucht, auf sich allein gestellt, ihre eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Dass die nicht „unmoralisch“ sind, wissen wir aus zahlreichen Umfragen zu diesem Thema. Sie lassen zwar so manchem konservativen Bischof die Haare zu Berge stehen, aber es ist – im Gegensatz zu einem starren, bloß nachgebeteten Moralkodex – ein lebendiger Umgang mit sich und den anderen. Und das wirklich Entscheidende: Er kommt von innen, aus eigener Verantwortung, und nicht von oben, von einem kirchlichen Über-Ich. Eine von außen oder „oben“ übernommene Moral ist ohnehin unmoralisch.

Kirchturm und Katakomben

Um auf die Symbolik zurückzukommen: Die Kirchenbauten strecken sich hoch aufragend in den Himmel, ein Bild des Strebens nach Transzendenz. Unterhalb der Kirche liegen die Grabstätten von Bischöfen oder Fürsten, die der Kirche zugetan waren, manchmal Katakomben, eine eigene Unterwelt. Symbolisch ist das die Schattenwelt, die Unterwelt, oder die „Leichen im Keller“ der Kirche, das was verdrängt wurde und wird, was kaum zugänglich ist. Ein Bibelwort drängt sich auf: „Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr seid wie die Gräber, die außen weiß angestrichen sind und schön aussehen; innen aber sind sie voll Knochen, Schmutz und Verwesung.“ (Mt 23,27). Und manchmal drängt sich auch der Verdacht auf, dass die Kirche nicht die Sukzession der Apostel, sondern der Pharisäer ist – oder zumindest beides.

Mit der Abwertung und Verteufelung der Sexualität hat man diese als „Schmutz und Verwesung“ in die Unterwelt verbannt, von wo sie nur noch energiegeladener – auch in die eigenen Reihen – zurückkommt. Und da man auch die helle, schöne Seite verbannt hat, richtet sie umso mehr Schaden an. Nicht nur die Revolution frisst ihre Kinder, auch die Verdrängung und Abspaltung. Missbrauch, aber auch seelische Verkrüppelung (durch restriktive Vorschriften) von vielen ist das Ergebnis. Verhindert wird die natürliche Entfaltung des Lebendigen. Wenn man den Weg und das Leben verdrängt, dann wird auch die Wahrheit zur Perversität.

Und hinter all dem steht die Absurdität, dass Kirche von der Seele redet, aber von der Psyche keine Ahnung hat, und die Psychologie auch noch verteufelt. Wie es Eugen Drewermann noch mit voller Wucht zu spüren bekam. Mit der Psyche wird aber das eigentlich Menschliche verdrängt. Die verbleibende Kluft zwischen Materiellem und Geistigem wird damit zum Abgrund, der nicht zu überbrücken ist.

Gedanken zu den „Wortkörpern“ von Johann Berger

32202744_2403905552960308_6426007451253866496_nAm 24. Mai 2018 wurde im traditionsreichen Palais Strozzi in Wien, organisiert vom „Complexity Science Hub Vienna“, einem Institut, das sich der Komplexitäts-forschung widmet, die Ausstellung „Wortkörper“ von Johann Berger eröffnet – ebenso gelungen wie spannungsgeladen. Innovative Wissenschaft in einem traditionsreichen Gebäude präsentiert ebenso innovative Kunst, die auf antike Begriffe rekurriert.

DSCN4650_webBerger unternimmt etwas, das es bislang nicht gegeben hat. Er nimmt Begriffe aus dem Griechischen und Hebräischen, nimmt den Buchstaben das Nacheinander, setzt sie hintereinander und entwickelt daraus eine buchstäblich begreifbare Form. Im Innenhof des Gartenpalais steht außerdem noch etwas erstmals Realisiertes, ein Objekt, das als 3D-Druck aus Beton entstanden ist, aus der Entwicklungsabteilung des Bauunternehmens Baummit.

Kunst wird dann bedeutsam, wenn sie beim Betrachter das Innere anrührt und/oder zum Denken anregt. Dazu fordert die doppelte Spannung zwischen Tradition und Innovation geradezu heraus.  Man kann sagen, dass bereits Aristoteles die komplexe Natur zu erschließen versuchte. Der kulturelle rote Faden reicht bis zur Naturwissenschaft, die aber lange Zeit eine Theorie einfachster Systeme war. Erst in heutiger Zeit versucht man, der Komplexität der Natur gerecht zu werden.

Johann Berger nimmt antike Begriffe in griechischer und hebräischer Schrift, und setzt die Worte dreidimensional in den Raum, so dass sie buchstäblich begreifbar werden. Damit passiert etwas, das es bisher noch nicht gegeben hat, das aber auch der heutigen Verwendung von Worten einen Spiegel vorhält. Wir wollen „begreifen“, wir definieren, d.h. wir grenzen den Begriff ein. Dass dadurch nicht nur etwas klarer wird, sondern auch etwas verloren geht, kommt uns nicht mehr in den Sinn.

 

In der Antike waren die Sprachen bildhafter und weniger begrifflich als heute. Auch eine klare Bedeutung war mehrdeutig. So war das hebräische Wort für „Vater“ auch das Wort für „Ursprung“. Letzteres geht verloren, wenn Fundamentalisten es nur mehr anthropomorph als „Vater“ verwenden. Zudem erleben Worte einen Bedeutungswandel. Sprache ist lebendig und wandelt sich ständig. Wer heute an einen „persönlichen“ Gott glaubt, der glaubt so ziemlich das Gegenteil dessen, was damals darunter verstanden wurde. Persona war die Maske im griechischen Theater, die „Person“ (im heutigen Sinne) dahinter, der Schauspieler, blieb unsichtbar und verlieh der Maske das Leben, den Charakter. Als der Begriff der Trinität kreiert wurde, dachte man wohl mehr an drei Masken als an drei „Personen“.

Diese Mehrdimensionalität der (mehr bildhaften) Wortbedeutungen ist verloren gegangen. Selbst die hebräischen Buchstaben sind keine Zeichen, sondern Bilder, Symbole, die auch in Zahlen ausgedrückt werden können, wodurch ihre Bedeutung klarer und gleichzeitig vieldeutiger wird. Dies alles schwingt in Bergers „Wortkörpern“ mit, durch die paradoxe Situation, dass gerade durch das „festgestellte“ statische Objekt die ganze Kulturgeschichte mitschwingt. Dadurch wird ein Finger auf den wunden Punkt unserer Kultur gelegt, nämlich dass unsere Begriffe die Dimension der Zeit, ihren dynamischen, mehrdimensionalen und vieldeutigen Charakter verloren haben.

Das ist jedoch nicht nur der Sprache geschuldet, sondern dem vorherrschenden Weltbild, das ein zutiefst statisches ist, dem die Zeit, jegliche Dynamik, jegliche Entwicklung fremd ist. Das europäische Denken zerlegt die Welt in kleinste Teilchen, das Ergebnis sind ganz scharfe Standbilder, mit denen der dynamische Film der Wirklichkeit aber verloren ist. Der zweite Strang der europäischen Kultur, der schon bei Heraklit („Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss“, „panta rhei“ = alles fließt) anklingt, spielt eine zunehmend unbewusste, verdrängte, inferiore Rolle. Nicht zufällig ist die Frage der Zeit für die heutige Leitwissenschaft Physik ein unlösbares Problem. Selbst das Zusammenfügen der Standbilder zu einem großen Ganzen ergibt immer noch keinen Film.

Es ist das Verdienst Johann Bergers, dass er durch seine „festgestellten“, materialisierten Formen auf die lebendige Tradition verweist, auf das Fließen, auch der Übergänge zwischen den Buchstaben. Der Betrachter wird angeregt, nicht nur den Prozess der Entstehung des Objekts, wie auch der ursprünglichen Worte mitzudenken, wodurch Verlorenes wieder lebendig werden kann.

 

„Ganzheitliche Therapie und Salutogenese“

Mt hat und ausübt, der weiß, dass mit der Beherrschung der Methode nicht alles getan ist. Es bleiben Fragen: Was bedeutet ganzheitliches Denken? Was ist mein persönlicher Zugang? Wer ist dieser Mensch, dem ich meine Begleitung anbiete? Diese Fragen sind nur jenseits von Methoden, Diagnosen und Therapien zu beantworten, und dafür gibt es bisher keine eigene Ausbildung. Daher bietet der FH Campus Wien in Zusammenarbeit mit der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin einen neuartigen Masterlehrgang „Ganzheitliche Therapie und Salutogenese“ an.

Von einem Paradigmenwechsel, von ganzheitlichem Denken und ganzheitlichen Methoden ist seit mindestens einem halben Jahrhundert die Rede, ohne dass wirklich geklärt wäre, worum es dabei geht. Komplementäre Methoden sind noch nicht per se ganzheitlich. Ganzheitlich ist nicht die Methode, sondern das Welt- und Menschenbild, der individuelle, ganz persönliche Zugang zum Patienten als ganzen Menschen.

Versucht man das zu definieren oder zu beschreiben, muss man einen Schritt hinter die Methoden zurückgehen. Dr. Gerhard Hubmann: „Ganzheitliche Denkweise ist der Ausdruck eines Weltbildes, das den Menschen wieder als Einheit von Körper, Geist und Seele in seiner Umwelt sieht und ihn in seiner Beziehung zur Natur wiederherstellt.“ Ganzheitlich ist nicht die Methode, sondern das Welt- und Menschenbild von Therapeut und Klient. Berücksichtigt wird das (naturwissenschaftlich) Messbare und das Nicht-Messbare, das Psychosoziale. Der Mensch kann nicht isoliert von seiner Umwelt gesehen werden, und es wird primär nicht eine Krankheit ausgetrieben, sondern ein komplexer natürlicher Zustand wiederhergestellt. Wichtig ist der individuelle Mensch mit seiner Beziehung zu anderen und zur Umwelt. Das schließt komplexe physiologische und psychologische Faktoren genauso ein wie Ernährung und Umwelteinflüsse, die therapeutische Kompetenz genauso wie die Gesundheitsvorsorge und Prävention. Basis ist die Fähigkeit des Organismus zur Selbstregulation und Regeneration.

Masterlehrgang „Ganzheitliche Therapie und Salutogenese“

Gerhard Hubmann ist Lehrgangsleiter des Masterlehrgangs „Ganzheitliche Therapie und Salutogenese“ am FH Campus Wien. Dieser steht allen gesetzlich anerkannten Gesundheitsberufen – von Medizinern und Apothekerinnen, über Psychologen und Psychotherapeutinnen bis hin zu Hebammen, Gesundheits- und Krankenpflegepersonen sowie gehobene medizinisch-technische Dienste offen. Eine solche Sicht kann die Spezialisierung und Fragmentierung „entschärfen“, die im Gesundheitssystem Vor-, aber auch Nachteile hat. „Der Masterlehrgang führt zusammen, was längst zusammengehört“, fasst Gerhard Hubmann zusammen.

Das kann man an den Modulbezeichnungen des viersemestrigen Lehrgangs ablesen: „Denk- und Rechtsgrundlagen der ganzheitlichen Therapie und Salutogenese“, „Ganzheitliche Systeme und Kulturen“, Behandlungs- und Beratungsstrategien und interdisziplinärer Dialog“, „Prävention und Salutogenese“, Praktische Anwendung der Methoden“, „Methodenspektrum“ sowie „Wissenschaft in ganzheitlicher Therapie und Salutogenese“.

Damit können die StudienteilnehmerInnen auf sozialpsychologischer Basis ihre Beratungs- und Kommunikationskompetenz erweitern und sich einen integrativen Ansatz aneignen. Um einen umfassenden Einblick in den menschlichen Organismus als komplexes System zu erhalten, setzen sie sich mit den Grundlagen aus Medizin und Naturwissenschaften sowie der Systemtheorie und -analyse auseinander. Dazu kommen Einblicke in die Kulturwissenschaften und in traditionelle ganzheitliche Gesundheitssysteme verschiedener Kulturen.

Ziel ist auch ein international vergleichbarer akademischer Abschluss und nicht zuletzt der Ausbau der Forschungskompetenz, um Wissenschaft und Forschung im Bereich der ganzheitlichen Gesundheitsberufe im internationalen Vergleich zu stärken.

 

Masterlehrgang „Ganzheitliche Therapie und Salutogenese“

https://www.fh-campuswien.ac.at/studiengaenge/gesundheit-master/ganzheitliche-therapie-und-salutogenese.html

FH Campus Wien in Zusammenarbeit mit der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin

 

Lehrgangsleiter: Dr. Gerhard Hubmann

Organisationsform: berufsbegleitend, 4 Semester

Studienplätze: 20

Abschluss: Master of Science (MSc)

Lehrgangsbeitrag: 13.600 EUR (bei Einmalzahlung)

Bewerbung: https://bewerben.fh-campuswien.ac.at

Bewerbungsfrist für das Sommersemester 2018:  15. Dezember 2017

Information: Open House am 17. November 2017

 

csm_Hubmann_600x400_3c417c0600

Gerhard Hubmann ist Lehrgangsleiter Ganzheitliche Therapie und Salutogenese, Allgemeinmediziner, Homöopath und langjähriger Förderer der Ganzheitsmedizin. Er leitet ein Therapiezentrum für Ganzheitsmedizin, ist Vizepräsident der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin (GAMED) und Berater für Komplementärmedizin der Wiener Gebietskrankenkasse.

Arbeiten am Menschen-Bild

Wege zum Menschsein

Menschen stellen sich die Welt als Materie in unendlich vielen Teilchen vor. Warum ist es eigentlich so schwierig, von diesem angeblich „objektiven“, naturalistischen Teilchenbild der Welt wegzukommen? Seit 100 Jahren wissen wir, dass dieses Bild allenfalls „die halbe Welt der Materie“ erklären kann.

Eine Antwort könnte sein, dass uns dieses Teilchenbild seit Beginn der Naturwissenschaft dermaßen in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass es uns schwerfällt, zum Wellenbild zu wechseln, das nicht Dinge, sondern Felder und Beziehungen sieht und wir uns auch noch diese Wellen als teilchenartig vorstellen. Es wäre zudem zu unterscheiden zwischen einer Welle im klassischen Sinne, z.B. Luftschwingungen oder Wellenbewegungen im Wasser, also Schwingungen eines Mediums, und dem Wellenartigen eines Quantenphänomens, bei dem es gar kein Medium, sondern nur Beziehung gibt.

Beziehung denken — wie geht das?

Es ist natürlich schwierig, Beziehung zu denken, ohne Beziehung von Dingen zu assoziieren. Denn so landen wir schon wieder im…

Ursprünglichen Post anzeigen 915 weitere Wörter

Psychologie und Religion

Die allermeisten Diskussionen von und mit Religiösen und Atheisten kranken an einem Missverstehen dessen, was der Mensch ist, und zwar von beiden Seiten. Da religiöse Schriften in einer dem heutigen Denken fremden Sprache geschrieben sind, ist eine Diskussion der Texte sinnlos. Den Schlüssel zu diesen Texten hätten wir zwar seit etwa hundert Jahren in der Tiefenpsychologie, doch die wird seit ebenfalls hundert Jahren verdrängt und verleugnet.

Psychotherapeut wird man nur, wenn man auch eine Selbstanalyse durchgemacht hat. Nur so weiß er/sie um sich und den Menschen in der Welt. Auch Religion beruht auf (Selbst)Erfahrung. Wer nur (an Dogmen der Kirchen) glaubt, steht auf derselben Stufe wie derjenige, der nichts glaubt. Daher hat eine Diskussion zwischen diesen beiden nichts mit Religion zu tun. Ein unreflektiertes Überschwemmtwerden mit Bildern geht genauso am Menschsein vorbei wie eine Überrationalisierung.

Worum geht es?

Wir finden uns heute als fragmentiertes Ich in einer fragmentierten Welt. Soweit die pathologische Grundsituation. Trotzdem sind wir (unbewusst) verbunden und angewiesen auf etwas, das dieses Ich übersteigt, auf eine größere Ganzheit, die C.G. Jung als „Selbst“ bezeichnet hat, und die als unser Eigenes ein Nicht-Ich ist. Diese „das Ich überragende und umfassende Ganzheit“ (Erich Neumann) ist in sich Beziehung, eine Ich-Selbst-Beziehung, die eine ständige unbewusste Spannung darstellt. Diese Beziehung ist, weil  zum Teil unbewusst, arational und paradox.

Der Mensch steht aber immer in Beziehung zu diesem ihm Unbekannten und Übergreifenden. In religiöser Sprache ist der Mensch Endliches, bezogen auf Unendliches. In psychologischer Sprache ist der Archetypus des Selbst nicht von den Gottesbildern zu unterscheiden. Der Archetypus ist schlichtweg unbewusst, und Gott ist das schlichtweg Unnennbare.

Ein weiteres Paradox ist die unbewusste (und irrationale) Grundlage des Menschen einerseits und di notwendige (rationale) Bewusstwerdung andererseits. Im Mythos lebten die Menschen in ihrer Ganzheit, aber dunkel und unbewusst. Heute leben wir in unserem rationalen Ich-Bewusstsein, aber als Fragmente, abgeschnitten von der umfassenden Ganzheit. Beides ist einseitig und vorläufig. Was wir brauchen wäre klare rationale Bewusstheit, aber bezogen auf unsere paradoxe, irrationale Ganzheit der Ich-Selbst-Beziehung.

Die „moderne“ Persönlichkeit ist immer bedroht zu einer Maske zu erstarren (persona = die Maske im griechischen Theater).  Lebendig macht nur die Beziehung zum Unsichtbaren, Unnennbaren, Ganzen – so wie der nicht sichtbare Schauspieler hinter der Maske die Figur lebendig macht. Die heutige Verleugnung dessen, was das Ich in der Persönlichkeit übersteigt und worauf das Ich bezogen bleibt, führt zur Fragmentierung und Erstarrung des Menschen. Der „moderne“ Mensch lebt nur einen fragmentarischen Ausschnitt seiner menschlichen Ganzheit. Dieses verengte Dasein führt zur Isolation und Vereinsamung, Angst (das Wort kommt von Enge) und Depression (in der das verleugnete Umfassende unbewusst erdrückend wird).

In der Außenwelt versuchen wir verzweifelt, auch die Welt zu fragmentieren, suchen in den Naturwissenschaften nach den „kleinsten Bausteinen der Welt“, und stellen fest, dass es so etwas gar nicht gibt, sondern sich in der Mikrowelt hinter den Hilfsvorstellungen von Teilchen und Welle wieder etwas nicht vorstellbares Ganzes verbirgt.

In der Gesellschaft führt diese fragmentierende Ich-Isolierung zur Entwurzelung und Unsicherheit, die anfällig macht für Manipulation und Massenphänomene, wie wir derzeit nur allzu deutlich erleben.

Die Therapie unserer Zeit wäre die Öffnung des fragmentierten und isolierten Ich hin zu einer das Ich übergreifenden und umfassenden Grundlage in einer paradoxen (weil bewusst-unbewussten) Ich-Selbst-Beziehung. Ein schwieriges Unterfangen, schon wegen unserer natürlichen Angst vor dem Irrationalen und Numinosen. Denn wie jede wesentliche Entwicklung Gegensätzliches enthält und braucht, so steht hinter der notwendigen Entwicklung zur Bewusstwerdung gleichzeitig die Angst vor dem unkontrollierbaren Übergreifenden. Bevor der Mensch seine Doppelnatur nicht akzeptiert (Endliches, bezogen auf Unendliches) ist die Angst größer als die zu erreichende Geborgenheit.

Es braucht die Rückverbindung (religio) des fragmentierten Ich in die eigene ich-überlegene Tiefe. Dazu sind einige Stufen notwendig: Das Aufgeben der erstarrten Persona, die Bewusstwerdung des Schattens, der eigenen verdrängten Negativ-Anteile der Psyche, was immer auch zu ethischen Dilemmata, zur Erfahrung von Konflikt und Leiden führt. „Das Annehmen dessen, was vom Kollektiv als böse angesehen wird, kann zu den Notwendigkeiten der Befreiung des Schöpferischen gehören, wie jede Revolution lehrt, die politische wie die religiöse, die ja immer mit dem verbrecherischen Zerbrechen alter Werte verbunden ist.“ (Erich Neumann).

Dazu kommt die Auseinandersetzung mit dem gegengeschlechtlichen Anteil im Menschen (Anima/Animus), entweder mit einem Partner oder innerpsychisch. Ziel dieses Individuationsprozesses ist die verlorengegangene Ich-Selbst-Einheit, „die Übereinstimmung des Menschen mit seiner echten Persönlichkeitsganzheit“ (Neumann). Psychologisch gesehen sind die Symbole des Selbst von den Gottesbildern oder -vorstellungen nicht zu unterscheiden.

Auch in den Religionen geht es vor allem um den Menschen und seine Entwicklung. Aber hier überschreiten wir die Grenze zur Theologie. Aber auch hier bleibt das Paradoxe erhalten. Im tiefsten Seelengrund finden wir das, was wir gewöhnlich Gott nennen (Ignatius v. Loyola), aber: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht!“ (Dietrich Bonhoeffer). Das Aramäische konnte diese Paradoxie noch ausdrücken: Das Wort für „Vater“ (als menschliche Vorstellung) war identisch mit dem Wort für „Ursprung“, dem Urgrund allen Seins.

 

Farbige Schatten

Wer immer nur

in Tageshelle schreitet

und nachts versinkt

in tiefem Schlaf

der lebt die Hälfte

seines Lebens

doch bedrängt

von langen Schatten

die seiner hellen Welt

die Abgrundtiefe geben.

 

Wer seine Augen

an die Nacht gewöhnt

und Grautöne sieht

statt tiefem Schwarz

beginnt zu ahnen

dass sie es sind

die der Tagwelt

Farben nähren

bis er farbige Schatten

sehen lernt

 

Er weiß jetzt

dass die Farben

vergangener Tage

bloß fahles Grau

und dass die Schatten

tiefster Nacht

die Farben erst

zum Leuchten bringen

so umarmt er

Tag und Nacht