Das Lebendige in Zeiten des Umbruchs

DSCN3243Diskussionsbeitrag zu Ludger Verst: „Abschied vom leeren Himmel? Entstehen und Vergehen von Gottesbildern“. Entwicklungspsychologische Einblicke in den Religionsunterricht.

Ich behaupte einmal ganz dreist, dass die Menschheit im 17. Jahrhundert in ihre Pubertät eingetreten ist. Ihre Repräsentanten waren Galilei, Descartes und Newton. Alle drei durchaus noch dem vorpubertären Glauben unterworfen, war ihre Sache doch die Rebellion. Galilei wurde nicht der Ketzerei angeklagt – sein Weltbild wurde schon 1632, also vor dem Prozess von Rom approbiert – sondern wegen „Ungehorsams“. Er hatte seinen Freund, den Papst, in einer Schrift lächerlich gemacht, wie das Pubertierende eben mit ihren Eltern so machen.

Pubertierende leben in einem inneren Krieg. Die Neue Wissenschaft (Naturwissenschaft) entstand in den Kriegswirren des 30jährigen Krieges. Und es war ein Kampf um die Wahrheit (Herbert Pietschmann). Galilei wollte WISSEN – und die WAHRHEIT dem Papst überlassen. Descartes suchte ein Denken, das nicht sofort dazu führt, dass die Menschen einander den Schädel einschlagen.

Pubertierende sind noch in der äußersten Ablehnung der Eltern doch deren System verhaftet. So waren die Gründer der Naturwissenschaft in ihrem „Kampf“ um die Wahrheit und gegen die Dogmen der Kirche immer noch der aristotelischen Logik verhaftet. Die Gegner Galileis saßen ja nicht in Rom, sondern in Paris. Die Pariser Universität sah ihr aristotelisches Weltbild gefährdet.

Die Welt, wie sie nicht ist

Die neue Wissenschaft war nur ein erster Schritt heraus aus der Welt (der Eltern), wie wir sie erleben. „Galilei wagte es, die Welt so zu beschreiben, wie wir sie nicht erfahren. – Aber dafür mathematisch einfach.“ (Carl Friedrich von Weizsäcker). Es war letztlich die Revolte gegen die Anschaulichkeit. Wir können alle beobachten, dass eine Münze schneller zu Boden fällt als ein Blatt vom Baum. Die Naturwissenschaft behauptet, alle Körper fallen gleich schnell. Das tun sie nur im Vakuum, und ein solches gibt es nicht. Aber es lässt sich (Pietschmann)fantastisch damit rechnen.

Newton konkretisierte dann: Nicht was wir erleben, ist wirklich, sondern was wir messen können. Das hat sich unserem Weltbild eingeprägt: Wir können uns noch so schlecht fühlen, wenn das Fieberthermometer 36,8 zeigt, haben wir kein Fieber! Newton weiter: Wir müssen für alles eine Ursache finden. Aber Ursachen werden nicht gefunden, sondern erfunden (Pietschmann). Wenn wir „tatsächlich“ Fieber haben, fragen wir, was der Auslöser war. Wir werden zwar keinen finden, aber vielleicht haben wir drei Tage zuvor ohne Mantel den Müll rausgetragen. Und schon haben wir eine Ursache erfunden.

Es folgte das Jahrhundert der Aufklärung, das Pietschmann aber das Jahrhundert der Mechanik nennt. Die Aufklärung verkündete auch nicht das Ende der Religion, sondern das Dämmern einer neuen Religion. So schrieb der große Aufklärer Voltaire 1732 an Maupertius: „Ihr Erster Brief hat mich auf die neue Newtonsche Religion getauft, Ihr zweiter hat mir die Firmung gegeben. Ich bleibe voller Dankt für Ihre Sakramente. … Ich werde auf ewig Ihre Briefe bewahren, sie kommen von einem großen Apostel Newtons, des Lichts zur Erleuchtung der Heiden.“

Pubertierende bekämpfen vehement das Alte – meist mit denselben alten Mitteln. William Thomson (Lord Kelvin) bekannte: „Ich bin erst dann zufrieden, wenn ich von einer Sache ein mechanisches Modell herstellen kann. Nur dann kann ich sie verstehen.“ So bockig kann nur ein Pubertierender sein.

Was folgte, war wie die Pubertät der Menschheit, ein Übergang. Und bekanntlich haben Pubertierende eine eigene Sprache. Die neue Physik verwendet nicht mehr den Begriff „Kraft“, sondern „Energie“. Damit wurde der Kraft die letzte Lebendigkeit ausgetrieben, die nicht in den (pubertären) mechanistischen Denkrahmen passt. Energie ist rein materiell, und der Weg war frei für ein reduziertes Weltbild: Materie ist das einzig Existierende. Das Lebendige ist nur Fantasie.

Pubertäre Gottesbilder

Was hat das alles mit Religionspädagogik zu tun? Es ist der Versuch, die Biografie der Jugendlichen in einen allgemein menschlichen Rahmen zu stellen. Die Menschheit ist weit davon entfernt, rational zu denken, rational ist sie nicht einmal in der sogenannten Aufklärung.

Ludger Verst: „Bilder von „Gott“ entstehen bereits in den ersten Lebensjahren. Kinder ‚denken‘ in Bildern und Symbolen. Bis etwa zum 6. Lebensjahr ist ihr Denken anschaulich bestimmt. Vor dem Gottesgedanken steht also das Gottesbild. Das Gottesbild ist eine schöpferische Leistung des Kindes. Das Kind begreift: Gott gibt es, aber man kann ihn nicht sehen.“

Die Frage (der Pädagogik) ist: Wie kann der Übergang von der Anschaulichkeit zur Unanschaulichkeit der Wirklichkeit gelingen, ohne dass das Gemeinte verloren geht? Wie oben beschrieben, war die Naturwissenschaft ein erster Schritt heraus aus der Anschaulichkeit, indem sie eine „objektive“ Welt konstruierte und der Lebenswelt gegenüberstellte. Diese konstruierte objektive Welt ist aber zum allgemeinen Weltbild, und damit zur künstlichen Lebenswelt geworden, in der sich auch die heutigen Jugendlichen befinden. Der Übergang muss also IN dieser Welt gelingen, in der nur das Materielle real ist.

In dieser Welt ist „Gott“ eine leere Metapher. Die Aufgabe ist vielmehr, diese Welt der toten Materie wieder zu verlebendigen. Die Frage nach GOTT ist uncool, und viel wichtiger ist auch die Frage: Was ist LEBEN? Schon für diese Frage ist die Hürde hoch. Interessant wäre aber schon die Frage: Was ist WELT?

Also zurück zum „Weltbild“ der Physik. „Welt ist doch so viel mehr als Teilchen in Raum und Zeit“, stellte der Physik-Nobelpreisträger Erwin Schrödiger fest. Es gehört auch dazu, was der naturwissenschaftliche Denkrahmen ausschließt: das Lebendige, Einmalige, Kreative usw. Das könnte den Raum eröffnen für eine Diskussion mit den Jugendlichen.

Aber die Geschichte der Physik war Ende des 19. Jahrhunderts nur scheinbar zu Ende. Lord Kelvin und auch der Lehrer von Max Planck rieten vom Studium der Physik ab, weil da schon alles erforscht wäre. Doch ausgerechnet letzterer läutete ein neues Zeitalter ein. Die Quantenmechanik stellte die gesamte Physik auf den Kopf, und – besonders wichtig – sie zeigte, dass der europäische Denkrahmen nicht einmal imstande ist, die Materie zu erklären. Die Physik ist nicht mehr deterministisch, die Kausalität wird durch Wahrscheinlichkeit abgelöst, die Welt ist zwar mathematisch, aber nicht mehr physikalisch widerspruchsfrei zu erklären. Was dadurch bedingt ist, dass die Physik die anschauliche Welt hinter sich gelassen hat und versucht, den unanschaulichen Mikrokosmos zu erklären. Eindeutigkeit gibt es auch in der Physik nicht mehr.

„Das Kind begreift: Gott gibt es, aber man kann ihn nicht sehen.“

Wie kommt es aus diesem Widerspruch heraus? Wir brauchen z.B. ZWEI anschauliche und widersprüchliche Bilder (Teilchen und Welle), um EIN Phänomen (Elementar-teilchen) zu erklären. Grob und nicht ganz richtig könnten wir sagen: Teilchen ist das, was man sehen kann, Welle nicht. Und doch ist es dasselbe. Außerdem ist die Frage, ob es diese Teilchen GIBT, nicht mehr zu beantworten. Ein Elementarteilchen IST nicht, sondern WIRKT. Es ist überhaupt nur in WECHSELWIRKUNG. So wie auch der Mensch nicht IST, sondern WIRD, und das nicht als isoliertes Ich, sondern nur in BEZIEHUNG.

Gibt es mich als „anschauliches“ Ich überhaupt? Oder braucht es etwas Unanschauliches, nämlich Beziehung, um zu sein? Wir kamen durch Beziehung in diese Welt, und wurden durch Beziehung (Mutter, Eltern, Umgebung) zu dem, was wir sind. Niemand ist ohne Beziehung lebensfähig. In Japan ist dieses Dazwischen, diese Beziehung wichtiger als Ich und Du. Und jetzt kommt ausgerechnet die Physik daher, und muss feststellen, dass in es der Mikrowelt keine Dinge oder Objekte gibt, sondern nur Beziehung – und zwar nicht Beziehung von etwas, sondern nur Beziehung (Hans-Peter Dürr). Die Frage, was gibt es, verliert an Bedeutung.

Und am anderen Ende der Skala: In Gott sind nicht drei Personen, sondern Gott ist reines Beziehungsgeschehen. So erklärt die Theologie die Trinität. Und: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht!“ (Dietrich Bonhoeffer).

 

© 2018 R. Harsieber

Foto: RH

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Männliches und Weibliches

Mann&Frau2Im Billrothhaus in Wien fand Mitte Oktober eine Fachtagung „Mann & Frau“ statt. Veranstalter waren die Sigmund Freud Privat Universität Wien, das Institut für Ehe und Familie (IEF) und das Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie (RPP).

Das 19. Jahrhundert war vom Biologismus geprägt, Mann und Frau wurden nur durch die Brille des „kleinen Unterschieds“ gesehen, im Wesentlichen die primären Geschlechtsorgane. Dass dies eine naive Verkürzung der Situation war, ist nicht zu leugnen, und daher kam es im 20. Jahrhundert zur Gegenbewegung des Genderismus. Die Biologie ist bedeutungslos, es lebe die soziale Differenzierung und Beliebigkeit. Gegenbewegungen kommen immer überspitzt daher, sonst würden sie nicht wahrgenommen, so Raphael Bonelli (der auch ein Buch zum Tagungsthema veröffentlicht hat). Aber auf These und Antithese folgt die Synthese im 21. Jahrhundert in der Gender-Medizin. Diese hat die Unterschiede im Männlichen und Weiblichen entdeckt, die bis ins Hirn und in jede Zelle des Körpers reichen, und sie hat keine Berührungsängste mit dieser Diversität. Es ist aber auch klar, dass soziale Prägungen hinzukommen, die man sich ebenfalls genau anschauen und notfalls in vernünftige Bahnen lenken muss. Bonelli kennzeichnet die drei Phasen als Geschlechter-Narzissmus (19. Jhdt.), Geschlechter-Konkurrenz (20. Jhdt.) und Geschlechter-Ergänzung (21. Jhdt.). Seine Take-Home-Botschaft: Mann und Frau sind verschieden, ergänzen sich aber wunderbar.

Wer symbolisch denken kann, ist dabei eindeutig im Vorteil. Da geht es nämlich um das Prinzip Männlichkeit und Weiblichkeit, das in unterschiedlicher Ausprägung bei Mann und Frau vorkommt. Das beginnt bei den Hormonen im männlichen und weiblichen Körper, wie die Gynäkologin Doris Gruber in ihrem Vortrag „Die Biologie des Liebeslebens“ ausführte. Das wirkt sich natürlich im sozialen Bereich aus, führt nicht nur zu geschlechtsspezifischen psychosozialen Krisen (Beate Wimmer-Puchinger), sondern auch dazu, dass Frauen die längste Zeit aus der Wissenschaft ausgeschlossen waren und es immer noch schwer haben.

Raphael Bonelli präsentierte neueste Studien zur Geschlechterdifferenz bis hin zu Unterschieden im Gehirn und der unterschiedlichen Lösung von Aufgaben. Dass der genetische Unterschied zwischen Mann und Frau gerade mal 1.5 Prozent ausmacht und laut das 20. Jahrhundert überlebenden Genderfanatikern vernachlässigbar sei, entkräftet er damit, dass auch der genetische Unterschied zwischen Mensch und Affe 1,5 Prozent beträgt. Also irgendwas muss an den 1,5 Prozent doch dran sein. Außerdem verhalten sich Mädchen als Mädchen und Buben als Buben, noch bevor sie selbst den Unterschied kennen. Männer sind tendenziell funktional-sachbezogen, Frauen beziehungsorientiert-personenbezogen, und das schon unmittelbar nach der Geburt. Auch das Gehirn ist männlich oder weiblich. Männer lösen Aufgaben vorwiegend mit der grauen Substanz (Nervenzellkörper), Frauen mit der weißen Substanz (Nervenfasern, Leitungsbahnen, Verbindungen). Männer denken linear und fokussiert, Frauen vernetzt und assoziativ.

Kränkungen – Angst vor Liebesentzug
In einer nicht funktionierenden Partnerschaft – wie im Leben überhaupt – geht es sehr oft um Kränkungen. Der Psychiater Reinhard Haller begann bei Kain und Abel, der Urerzählung der Kränkung, und spannte den Bogen bis zum aktuellen Terrorismus, der auf einer Kränkung beruht und sich gegen die „heile Welt“ richtet, an der die Protagonisten nicht teilhaben können. Heute häufen sich auch die Fälle, wo jemand tabula rasa in der Familie macht, oder die Schulmassaker, die oft auf einer an sich kleinen Kränkung beruhen, die aber ein Fass zum überlaufen bringen. Diese Kränkungen sind nur äußerlich Kleinigkeiten, innerlich sind sie furchtbar. Kränkungen sind eine nachhaltige Erschütterung des innersten Selbst und seiner Werte, die Urangst dahinter der Liebesverlust, die Angst, nicht geliebt zu werden. Wobei Kränkungen immer einen wahren Kern haben.
Eine radikale Form ist die Demütigung, die einem den letzten Mut raubt. Viele große Kriege begannen mit einer Demütigung. So der Erste Weltkrieg mit der Ermordung des ohnehin unbeliebten Thronfolgers, das Ergebnis waren Millionen Tote. Hitler versprach einem gedemütigten Volk die endgültige Lösung.
Die Beleidigung ist die staatlich anerkannte Form der Kränkung, die sonst weder in der medizinischen oder psychiatrischen Ausbildung, noch irgendwo im Rechtssystem vorkommt. Interkulturell heikel ist der Ehrbegriff, der in anderen Kulturen eine ganz andere Bedeutung hat als bei uns. Die Blutrache zieht oft eine Spur über Jahrhunderte hinweg. Verbitterung ist die unheilbare Form der Kränkung. Mobbing kann man als die systematische Kränkung betrachten.
Die Wurzel aller Kränkungen ist die Angst vor Liebesverlust, daher ein zentrales Thema in einer Partnerschaft. Liebe ist auch die Positivresonanz der wichtigsten Person im Leben. Sehr oft kommt es zur Enttäuschung, die sich gegen sich selbst richtet, weil dem ja eine Täuschung vorangegangen ist. Fehlendes Lob oder Nichtbeachtung ist eine permanente Kränkung. Oft endet das im Schweigen, Ausdruck tiefen Getroffenseins, aber auch großer Aggression. Partnerschaft ist oft auch ein Machtkampf, die Lösung kann darin liegen, sich in den anderen hineinzuversetzen.
Die heutige Gesellschaft ist geprägt von einem zunehmenden Narzissmus, wobei dieser nicht Eigenliebe ist, sondern Eigensucht. Ein Narzisst saugt Lob und Bewunderung auf, wertet andere ab, zu Liebe und Empathie ist er nicht fähig. Daher die zunehmende Kälte und Entsolidarisierung der Gesellschaft.

Der Mythos von Mann und Frau
Das theologische Verhältnis von Sexus, Eros und Agape erläuterte Joseph Spindelböck, wobei man sich gewünscht hätte, dass er den Kirchensprech in eine Sprache übersetzt hätte, die die Menschen heute verstehen. So kamen eher die Probleme der Kirche als die von Mann und Frau zur Sprache.

Die Theologin und Philosophin Hanna Barbara Gerl-Falkovitz brachte gewohnt virtuos die geheimnisvolle Spannung zwischen Mann und Frau im interkulturellen Kontext zur Sprache. In Indien, wo Ehen von den Eltern gestiftet werden, ist die Hochzeitsnacht kein Akt personaler Liebe, sondern ein sakraler Vollzug der Weltschöpfung. Shiva und Shakti sind die Symbole des Männlichen und Weiblichen. Wobei das Männliche Prinzip Ruhe, Sein und Ewigkeit ausrückt, das Weibliche Zeit, Energie und Dynamik. Der Geschlechtsakt drückt das Prinzip des Daseins, das Geheimnis des Ganzen aus.
In China ist der Kaiser für den Tag, die Kaiserin für die Nacht zuständig. Er regelt die Geschicke des Staates, ist zuständig für das Ganze, sie muss eigentlich nur da sein. In Persien, beim Schachspiel, tut der König nichts, die Dame kämpft. Mythologisch ist Männliches und Weibliches scheinbar austauschbar. Allerdings muss man auch sehen, dass im Asiatischen Ruhe nicht Passivität, sondern höchste Energie bedeutet.

Im Mythos, so Gerl-Falkovitz, ist die Frau das Abenteuer des Mannes, das der Mann zu lösen hat, indem er meist drei Aufgaben erfüllen muss. So fordert Brunhilde den Helden zum Dreikampf heraus, bei dem sie sich als die Stärkere erweist, aber er sie dennoch mit List besiegt. Erst dadurch kommt eine Beziehung auf Augenhöhe zustande. Bei Wagner fügt das Schicksal einen Keil zwischen die beiden. Nach der Ermordung Siegfrieds verbrennt sie sich gemeinsam mit ihm auf dem Scheiterhaufen in einer endgültigen Ehe.
In der Bibel ist Eva kein Name, sondern bedeutet Leben schlechthin, die Unergründlichkeit des Lebens. Bezeichnend auch im Mythos, dass die Frau keinem Zwang unterliegt, sie kann auch 1000 Jahre warten. Sie ist bleibendes Geheimnis, lockende Andersheit. Beziehung ist immer ein Hinausgehen aus mir selbst. Diese bleibende Fremdheit führt in letzter Konsequenz zur Andersheit, die zum Wesen Gottes gehört. So ist die menschliche Geschlechtlichkeit letztlich die Durchsicht auf Gott. So kann Erotik zum „Fenster in die Differenz in Gott werden, ohne dass Gott Mann und Frau wäre.“

Dis/Harmonie

 

Es gibt eine Verbindung,

eine Seelenkongruenz,

die unendliche Harmonie

von Stille, Intimität und Frieden,

und äußerste Gegensätzlichkeit

gewaltig gegenläufiger Wogen

zu einem Muster flechten kann.

 

Doch ist tiefste Harmonie vergeblich,

wenn die Gegenläufigkeit

nicht aufeinander zu,

sondern voneinander weg führt.

Das voneinander Weg scheint friedlich,

das aufeinander Zu von wonniger Erwartung

mündet sich berührend jäh in Turbulenzen,

zieht hinab zu Meeresungeheuern

wo kein Sterblicher atmen kann.

 

Gleichzeitig in der Gischt des Zusammenpralles

verbindet Wasser schäumend sich mit Luft

fliegen Wassertropfen sonnenspiegelnd

schwebend frei und fallen wieder

aufs Wasser, das sich glatt beruhigt,

den Blick nun freigibt in die Tiefe,

bis er sich irgendwo verliert,

Unendlichkeit des Himmels spiegelt

bis zur nächsten Turbulenz.

 

Wohl dem Paar, das sich gefunden,

fest am Ufer steht umarmt

den Blick in die Tiefe gerichtet

sich nicht hinabziehen lässt,

vom Wind sich umspielen lässt,

ohne fliegen zu müssen,

nass von der lichtspiegelnden Gischt,

die nackten Körper von der Sonne

trocknen lässt.

 

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Bilder

Zeigt sich offenes Gelände,
Warten auf des Schicksals Band,
oder fahre ich an der Sackgasse Ende
doch wieder gegen die Wand?

Hätten wir mehr vom Anfang gehabt,
wüssten vielleicht, wie‘s weitergeht,
hätt‘ mich an deinem Antlitz gelabt,
doch Wüstensand ist schnell verweht.

Statt Frühlingsknospen aus Schneeboden sprießen
und Wasser rieselt auf allen Wegen,
Herbststürme entwurzeln der Bäume Riesen.
Chaos waltet ohne deinen Segen.

Ein Schrei verhallt im rauen Sturm,
Laub erzittert auf trocknenden Bäumen,
winde mich wie ein gequälter Wurm.
Muss Trauer meine Wege säumen?

Möchte dein Bild nicht verblassen seh‘n
kämpfe meine Fantasien nieder,
Will noch nicht vor dem Abgrund steh’n.
Die Bilder kommen immer wieder.

Geborgenheit und Wachstum

Angeregt durch einen grandiosen Vortrag von Gerald Hüther:

Als Einleitung meinte er, „… dass das Zeitalter der Aufklärung nun doch etwas kleinlauter zu Ende geht, als es mal angefangen hat. Wir haben mit unseren wissenschaftlichen Erkenntnissen zwar das zu eng gewordene mittelalterliche Weltbild erfolgreich gesprengt, aber die Hoffnung, dass der Mensch nun durch den Einsatz von Wissenschaft und Technik in der Lage sei, Kummer, Not und Elend zu überwinden, Krankheiten zu besiegen und eine friedliche Welt mit blühenden Landschaften zu gestalten, die hat sich nicht erfüllt!“
Das Grundthema war dann, dass wir in den ersten neun Monaten unseres noch nicht Geboren Seins zwei Erfahrungen machen: 1. Geborgenheit, 2. Wachstum. Und im Licht der Welt ist es dann so schwierig, diese beiden wieder zu finden oder unter einen Hut zu bringen.

Zur Einleitung:
Jetzt wäre es an der Zeit, das zu eng gewordene reduktionistisch-rationale Weltbild zu sprengen (die Physik hat das vor 100 Jahren schon gemacht). Die Aufklärung hat ja – wie alles in der Welt – (mindestens) zwei Seiten: Sie war ein großartiger Erfolg, weil sie viel Unsinniges hinweggeschwemmt und ein Tor für die Wissenschaft geöffnet hat. Sie war aber auch ein großer Rückschritt, weil sie das Weltbild total verengt und das Ganze aus dem Blick verloren hat. So ist es mit unserem „modernen“ Weltbild – das noch dazu Ende des 19. Jahrhunderts steckengeblieben ist – vergeblich, über Inhalte zu diskutieren, wenn nicht zuerst dieser Denkrahmen infrage gestellt und überwunden wird.

Zum Grundthema:
1. Im Mutterleib erfuhren wir Geborgenheit. Wir haben sie erfahren, ohne das Ganze, in dem wir geborgen waren, rational zu kennen. Genauso wenig kennen wir das Ganze, die „Welt“, das „Universum“, Gott (auch ein Name für das Ganze, das wir nicht kennen), und sobald wir es leugnen, ist die Geborgenheit weg. Alle Realität (von res = Ding, also die „objektive“ Welt, aber Objektivität gibt es nicht, das wissen wir vom Konstruktivismus wie auch aus der Quantentheorie) wird dann zur Ersatzhandlung oder Ersatzbefriedigung. Hüther: „Wenn man das nicht bekommt, was man braucht, nimmt man sich das, was man haben kann, oder was einem irgendwo angeboten wird.“
Wir könnten sie finden bei einem anderen Menschen. Auch da ist das Ganze mehr die Summe der Teile, mehr als Ich und Du, etwas „dazwischen“, das nicht machbar ist, sondern das da ist oder nicht. Dieses „Dazwischen“ ist Beziehung, die findet man nicht durch Suchen, sondern durch Offenheit.
Wir könnten diese Geborgenheit auch finden durch einen Glauben (religiös, nicht religiös, deistisch, nicht deistisch, auch atheistisch), aber das ist schwieriger, weil diese Geborgenheit, dieses Grundvertrauen in so weite Ferne gerückt ist. So hilft heute nur eine radikale Offenheit für das was kommen kann, auch wenn man nicht mehr etwas Bestimmtes sucht. Einzige Bedingung wäre dieses Suchen als bloße Offenheit. Denn wer etwas Bestimmtes sucht, kann bestenfalls nur dieses Bestimmte finden. Es geht aber ums Ganze.

2. Im Mutterleib erfuhren wir Wachstum. Das setzt sich fort, körperlich über die Pubertät hinaus. Dann ist das physische Wachstum beendet. Das Hirnwachstum (Vernetzung) könnte sich bis ans Lebensende fortsetzen, was aber heute kaum in Anspruch genommen wird. An das körperliche müsste sich das seelische und geistige Wachstum anschließen, aber das ist heute zur Fremdsprache geworden. Wir übertreiben die körperliche Fitness und Hygiene, an eine seelische denken wir gar nicht, von einer geistigen gar nicht zu reden. Damit ist aber das wesentliche Menschsein infrage gestellt.

„Wenn man das nicht bekommt, was man braucht, nimmt man sich das, was man haben kann.“ So verwechseln wir Geborgenheit mit sexuellem Erleben, aber als bloß körperliche Betätigung und nicht als Erleben einer körperlich-seelisch-geistigen Einheit, die wirklich ein „Vorgeschmack des Himmels“ (aus einer Predigt über Sexualität im Wiener Stephansdom) sein könnte. Und so verwechseln wir Wachstum mit Wirtschaftswachstum, Expansion, Fortschritt – aber alles nur im Außen. Dieses Wachstum im Außen fällt dann auf uns zurück und erdrückt uns.

Schlüsselwort Gerald Hüther‘s ist die Begeisterung. Be-geist-erung ist ein Zustand – bei Kindern ein natürlicher Zustand – in dem Ich und Welt verschwinden im bloßen Tun. Wo es nur Beziehung gibt, kein Ich, kein Du, keine Welt. Diese Begeisterung löst im Hirn gewisse Botenstoffe aus, die nicht nur zu Wohlgefühl, sondern auch zum Hirnwachstum führen. Diese Begeisterungsfähigkeit wird einem Kind sehr bald – spätestens in der Schule – ausgetrieben. Damit wird ihm aber auch die Wachstumsfähigkeit (physisch, seelisch, geistig) genommen. Deshalb leben wir in einer wachstumsgestörten Gesellschaft – trotz Wirtschafts- und sonstigem Wachstum.
Dieser Zustand der Begeisterung ist auch der ursprünglichen Erfahrung der Geborgenheit ähnlich. In diesem Zustand sind wir ganz oder heil (was dasselbe bedeutet), ohne dass dazu ein „Wissen“ um die Ganzheit – das es nicht geben kann – notwendig wäre.
Notwendig wäre ein Umdenken auf allen Linien. Und das wäre, so Hüther, auch in allen Altersstufen möglich, aber nur mit Begeisterung für etwas Neues.

Nähe

Möchte immer für dich da sein,
ganz selbstverständlich und wenn du mich brauchst.
Aber auch deine Eigenständigkeit stärken,
dich einfach sein lassen, wie du bist.

Möchte immer deine Nähe spüren,
jeden Zentimeter deiner Haut,
und alle Tiefen deiner Seele.
In dir wohnen allezeit.

Doch möchte ich dich atmen lassen
frei und aus dir heraus,
denn du bist mir so nah
auch an allen Enden der Welt.

Emanzipation von der Emanzipation

Männer sind Machos, Frauen sind Seelchen – ein eher dummes Bild, gegen das anzukämpfen sich lohnt. Aber wie?

Die Emanzipation betrifft beide Geschlechter. Frauen sollten ein selbstbestimmtes Leben führen können. Die untergeordnete Rolle zu spielen, dem starken Mann ausgeliefert zu sein ist frustrierend. Männer sollten sich nicht über die Machorolle definieren müssen, der vordergründig starke Mann ist ja letztlich seiner eigenen Schwäche ausgeliefert, die er verdrängt.

Man muss die Rollenbilder überdenken, aber dieses Überdenken darf sich nicht wieder an den Rollenbildern orientieren. Einfach den Spieß umzudrehen, wird für beide Seiten frustrierend enden und niemandem etwas bringen. Den Frauen die testosterontriefende Arbeitswelt zu öffnen, ist keine sehr elegante Lösung. Die dominierende Frau im Nadelstreif ist nicht emanzipiert, sondern spielt nur eine zweitklassige oder sogar bessere Rolle als ihre männlichen Kollegen. Lösung ist das keine. Da wäre zuerst das System zu überdenken, das weder Frauen noch Männern gut tut. Sich an ein pervertiertes System anzupassen macht keine Frau emanzipiert. Es beutet Männer und Frauen gleichermaßen aus.

Die Mutterrolle gegen die Vorstandsrolle auszutauschen, löst keinerlei Problem. Die Vermännlichung der Frau und umgekehrt die Verweiblichung des Mannes dreht die Rollen nur um statt sie zu überwinden. Die Mutterrolle zu ächten ist Teil eines Krieges, der auf Kosten der Kinder ausgetragen wird.

Spätestens hier wird klar, dass es nicht um zwei geht, sondern um mehr, um Generationen von Kindern. Es ist eine Dreierkonstellation, aus der man heute die Kinder verdrängen will, um in der antiquierten Schwarz-Weiß-Malerei bleiben zu können. Damit züchten wir aber Kinder, die später mit ihren Rollen noch weniger zurechtkommen.

Aber selbst wenn wir bei Mann und Frau bleiben, ist das gewohnte Entweder-Oder-Denken völlig ungeeignet, das Problem zu lösen, nicht einmal es zu sehen. Kein Mensch ist bloß dieses oder jenes. Der Mensch ist so viel mehr als Mensch (David Steindl-Rast) und wird nie endgültig zu definieren sein. Unser an die aristotelische Logik und die Naturwissenschaft angelehntes Weltbild ist schlicht ungeeignet, mit Komplexität umzugehen. Nicht mit der Komplexität der Natur, nicht mit der Komplexität der Wirklichkeit, nicht mit der Komplexität des Menschen und damit auch nicht mit der Komplexität von Mann und Frau.

In einer Beziehung geht es nicht um Mann und Frau, sondern um die Beziehung. Genauso wie es in der Physik um Teilchen und um die Kraft geht, die sie zusammenhält. Es geht nicht um zwei Teilchen, sondern um ein Dazwischen als Drittes, das geradezu fundamental ist, aber in einem „rationalen“ Teilchenbild der Wirklichkeit nicht einmal gesehen wird. Und so wie die Elementarteilchen der Physik nicht wirklich Teilchen sind, so sind auch Mann und Frau keine Einheiten, die es gegeneinander auszuspielen gilt.

Nochmal: Frauen sind komplexe Wesen, Männer auch. Rollenbilder reduzieren diese Komplexität auf einfache Verhältnisse (die es in der Realität nicht gibt, die Wirklichkeit ist immer komplex). Das Problem sind also simple Rollenbilder, die aber aus der Unfähigkeit mit Komplexität umzugehen resultieren. Könnte man diese Komplexität akzeptieren, dann würden viele Probleme ganz anders aussehen oder gar nicht existieren.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn man zu begreifen gewillt wäre, dass Menschen nicht eine, sondern viele Rollen spielen. Dann wäre es kein Problem, dass in einer Hinsicht der Mann, in einer anderen die Frau „dominiert“ oder überlegen ist. Vor allem wäre dann die Konstellation individuell und wir könnten uns vom Schubladendenken verabschieden.
Dann müssten Männer nicht den Macho spielen – viele sind es ja auch gar nicht – und Frauen müssten nicht zu ihren Partnern aufschauen – was viele ja auch gar nicht tun. Das primitive Schwarz-Weiß-Denken führt ja vor allem dazu, die Realität nicht zu sehen und zu glauben, abstrakten Rollenbildern folgen oder ablehnen zu müssen.

Menschen sind authentische Individuen. So kann jede/r für sich entscheiden, welche Konstellation er/sie braucht, um sich wohl zu fühlen und wird auch den Partner suchen, der dazu passt. Was ja in der Regel auch passiert. Dann gibt es schlicht Gemeinsamkeiten und Unterschiede, jede/r kann das sein und tun, was ihm/ihr entspricht. Liebe heißt ja (auch), den anderen sein lassen. Abgesehen davon, dass es dann auch eine (gemeinsame) Entwicklung gibt. Jede/r hat Stärken und Schwächen in einem je anderen Bereich. Die sollten sich im Idealfall ergänzen, um dann gemeinsam zu wachsen. Emanzipation würde dann heißen, dass jeder der Partner zu seinen Stärken und Schwächen stehen darf, dass der andere das genau so akzeptiert und sogar liebt.

Natürlich sind Männer und Frauen unterschiedlich, und niemand wird (außer man folgt irgendwelchen unsinnigen Ideologien) ernsthaft darauf verzichten wollen. Aber warum sollte eine junge Frau nicht Mechanikerin lernen, wenn ihr das Spaß macht, oder warum sollte ein Mann mit sozialer Ader nicht Sozialarbeiter oder Krankenpfleger werden? Aber niemand muss müssen. Quotenregelungen sind dabei wohl die dümmste Herangehensweise an ein nicht existierendes Problem. Zwar existieren diese Probleme, aber die sind in den Köpfen und nicht durch äußere Regeln zu lösen.

Und weil wir schon die Komplexität der Wirklichkeit angesprochen haben, die wir endlich ins Auge fassen sollten, statt immer und überall zu simplifizieren, nur weil die Naturwissenschaft alles auf einfache und überschaubare Experimente reduzieren muss, die immer eine Situation darstellen, die es so in der Natur gar nicht gibt. Dabei scheint es, dass Frauen (nicht als Rollenbild) mit Komplexität sogar besser umgehen können als Männer. Wenn ich im realen Leben oder auf Facebook über Quantentheorie diskutieren will, dann finde ich einige Männer, die das gerne tun würden, denen aber meist die Basis dazu fehlt, während es mehr Frauen gibt, meist sogar sehr junge, mit denen man großartig darüber diskutieren kann.

Ein anderes Problem ist, dass eine entgleiste Emanzipation oft Frauen und Männer spalten will. Abstrakte Beziehungsmodelle müssen zerschlagen werden, so als wären die in der Praxis irgendwie relevant. Man wagt ja schon gar keine Beziehung einzugehen, weil man sofort in irgendeine Schublade gesteckt wird, meist sogar in unterschiedliche, je nachdem wer gerade kritisiert.

Vielleicht sollte man da von der Elementarteilchenphysik lernen. Deren Wirklichkeit ist Beziehung, aber nicht Beziehung von etwas, sondern nur Beziehung. Dass das schwer vorstellbar ist, beweist nur die eingefahrenen Denkgewohnheiten. Auch eine menschliche Beziehung ist in erster Linie Beziehung und nicht Beziehung von etwas oder jemand. Was ich bin und was du bist, erklärt nicht die Beziehung. Die ist dieses Dazwischen, das nicht gesucht, erst recht nicht gemacht werden kann. Die ist da oder nicht da. Das hat mit statistischen Rollenbildern so gut wie gar nichts zu tun. Populärer gesagt: Die „Chemie“ muss stimmen. Das ist etwas zwischen uns und nicht die Summe der Eigenschaften von uns beiden.

Das ist irgendwie unerklärlich. Wer es erklären kann, liebt nicht. Passt wunderbar zur Quantentheorie, von der Richard Feynman gesagt hat, wer sie verstanden hat, hat sie nicht verstanden.

Und wenn ich einmal glaube, den Partner zu kennen, dann ist es auch schon vorbei. Auf Beziehungsebene ist nichts „objektiv“, Menschen sind keine Objekte. Das ist Wirklichkeit (etwas das wirkt) und nicht Realität (von res = Ding). Bilder von Männern und von Frauen – welche auch immer – können keine Beziehung erklären. Und das Spielen mit Rollenbildern – in welcher Form auch immer – wird kein Problem lösen.