Ein Physiker und eine Philosophin spielen mit der Zeit

Cover_Lesch_Forstner_Das Buch ist ein Dialog zwischen Harald Lesch (Physiker, Kosmologe, Philosoph) und Karlheinz A. Geißler (Wirtschaftspädagoge, Sozialforscher) über die Zeit, der dann (im Buch parallel) noch einmal von Ursula Forstner (Philosophin) und Alfred N. Whitehead (Philosoph, 1861-1947) in einem fiktiven Dialog interpretiert wird. Klingt kompliziert, liest sich aber hervorragend.

Ganz „nebenbei“ kommt auch zur Sprache, was Naturwissenshaft ist und was sie nicht ist. Das beginnt schon, wenn Karlheinz Geißler im Vorwort erwähnt, es fehle auch der abschließende Beweis für die Existenz der Zeit. Dazu fällt mir gleich Herbert Pietschmann ein, der immer wieder betont, dass man nicht mal die Naturgesetze beweisen kann. Wer also sagt, er glaube nur, was man beweisen kann, der sagt damit nur, dass er gar nichts glauben kann, auch nichts Physikalisches.
Warum gerade Whitehead, erklärt Harald Lesch in einem Nachwort: Er hat in einer Zeit, in der die Grundlagen der modernen Naturwissenschaft entwickelt wurden, einen metaphysischen (Gegen)Entwurf über Welt und Mensch vorgeschlagen.

Zeiträume statt Zeitpunkte
Lesch und Geißler einigen sich eingangs: Es gibt nicht die Zeit, sondern nur eine (räumliche, lineare, eigentlich punktuelle) Vorstellung von Zeit. Whitehead unterscheidet zwischen Abstraktem (das nur im Denken vorkommt) und Konkretem, und konkret sind nur Ereignisse. Auch wenn wir immer vom konkreten Einzelfall abstrahieren müssen, darf man Abstraktes nicht für Konkretes halten. Auch die Naturwissenschaft muss vom Konkreten absehen, sie arbeitet mit Abstraktionen. Sie rechnet z.B. mit Massenpunkten, die gibt es nur in der Mathematik und im Denken, aber nicht in der Natur, die man vorgibt zu untersuchen. Genauso gibt es keine Zeitpunkte, auch das sind Abstraktionen, die in der Natur nicht vorkommen.
Was wir wahrnehmen, sind Veränderungen, und die sind fließend. Physik kommt von der Erfahrung zu den Abstraktionen, die sie am Experiment prüft, Philosophie ist das hinterfragen der Abstraktionen, die sie an der Erfahrung prüft. So zumindest Whitehead. Aber auch Lesch gibt zu: „Abstrakter als die physikalische Zeitvorstellung kann es überhaupt nicht werden.“ Sie rechnet ja nur mit der Uhr, die Geißer als „irrsinnige Vorstellung“ bezeichnet. Denn damit verschwindet das Fließen der Zeit, die objektiviert und mechanisiert, der Subjektivität und Qualität beraubt wird. Durch die Miniaturisierung der Technik kann man diese Uhr als Handschellen (Lesch) am Handgelenk tragen.

Naturwissenschaft als qualitätsfreie Zone
Die Physik ist eine „qualitätsfreie Zone“. „Bei uns hat überhaupt nichts Qualität…. Man könnte uns Physiker auch als Lageristen der Natur bezeichnen.“ (Lesch). Sie machen sozusagen regelmäßig Inventur und haben dann ihre nackten Zahlen. „…die Physik ein Hochstapelregal“ (Geißler). Darauf Lesch: „In einer Weise ja, wir sind Hochstapler und wir stapeln ziemlich hoch!“ Wie man sieht, können sich Physiker selbst auf die Schaufel nehmen, auch wenn das den Physikalisten die Schamröte ins Gesicht treiben würde.
Die Replik des (fiktiven) Whitehead: „Die Naturwissenschaften haben uns viel erklären können, aber sie sind zu dogmatisch. Sie sind mit ihrer Weltsicht im 17. Jahrhundert stecken geblieben und betrachten materielle Objekte immer noch als die grundlegenden Einheiten unseres Universums.“ Nicht nur das, „im materialistischen Weltbild leben die Denkmuster des Mittelalters weiter.“ Aber auch Materie ist nur eine sehr fragwürdige Abstraktion, die es so in der Natur gar nicht gibt.

Ereignisse statt Bausteine
Zurück zur Zeit: Die Naturwissenschaft kennt keine Vergangenheit und keine Zukunft. Wir erleben Erinnerungen und Erwartungen, und die kommen in der Naturwissenschaft nicht vor. Dort gibt es nur abstrakte Zeitpunkte, die linear mittels Ursache und Wirkung zu einem Früher oder Später verbunden werden. Mit wirklichen Ereignissen hat das nichts zu tun.
Für Whitehead sind nicht kleinste Bausteine, sondern konkrete Ereignisse, Prozesse die grundlegenden Einheiten unseres Universums. Es gibt auch keine linearen Verbindungen, sondern komplexe Zusammenhänge. Es geht auch nicht um etwas Statisches, sondern um etwas Dynamisches, um Dauer, um Zeiträume, nicht um abstrakte Zeitpunkte. Man möge sich nur fragen, wann der Frühlingsanfang ist. Das ist ein Werden und kein Beginn. Wann immer man historisch etwas beginnen lässt, es ist kein Anfang. Beginnt die Naturwissenschaft mit Galilei, Descartes und Newton? Beginnt sie mit Cusanus? Oder Mit Aristoteles? Auch der hatte Vorläufer. Geschichte ist das Fließen der Ereignisse.
Pünktlichkeit ist eine Erfindung der Industriegesellschaft. Vorher gab es die nicht, und in manchen Regionen der Erde gibt es sie auch heute noch nicht. Und auch der Frühling kümmert sich nicht um das Datum. Datum ist das Gegebene. Wenn etwas gegeben ist, in Mathematik oder Physik, dann ist es bereits abstrakt, losgelöst von der Erfahrung, die immer konkret und individuell, also nicht reproduzierbar ist.

Es gibt keine abgrenzbare Gegenwart
Der abstrakte, mechanische Zeitbegriff taugt nicht für das Konkrete (Whitehead). Die Aneinanderreihung von Zeitpunkten ist kein Leben (Geißler). Das Festgestellte täuscht nur Beständigkeit vor. Beständigkeit im Leben ist ständiges Werden! Was man berechnen kann, ist nicht (mehr) lebendig. Vergangenes ist nur, indem es gegenwärtig ist. Gegenwart ist ein Prozess, in dem bisher Mögliches wirklich wird.
Zeit ist auch keine Abfolge von Zeitpunkten. Wir denken uns die Gegenwart als abstrakten Zeitpunkt, ohne Bezug zu Vergangenheit und Zukunft. In Wirklichkeit gibt es nur den Zeitraum des Werdens, Ereignisse, die ihre je eigene Dauer haben. Es gibt keine abgrenzbare Gegenwart. Zeit ist aufeinanderfolgendes Werden (Forstner). Und dieses Werden eines Ereignisses ist ein unteilbares Ganzes (Whitehead).

Es gibt grundsätzlich Unerreichbares
Die Physik, die sich auf das Messen verlegt hat, muss fragmentieren. Damit „gibt es einen Teil der Welt, der grundsätzlich unerreichbar ist.“ (Lesch). Aber selbst das exakte Messen gibt es nicht, Exaktheit ist eine Abstraktion. Immer gibt es einen Fehlerbereich, der angegeben werden muss, damit eine Messung als wissenschaftlich gilt.
Irgendwie offen bleibt die Frage, ob es wirklich Fortschritt ist, dass wir immer abstrakter werden.
Harald Lesch, Ursula Forstner
Ein Physiker und eine Philosophin spielen mit der Zeit
Patmos Verlag 2019, 122 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN-13: 978-3-8436-1125-1
EUR 17.00

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Chagall – Die Sprache der Bilder

Weber_Chagall.tifWer einen Überblick über das Lebenswerk von Marc Chagall sucht, sein Leben, Wirken und Schaffen nach-vollziehen will, vom Früh-werk bis zu den späten Glas-fenstern, über seine Art zu denken und zu malen, zu leben und zu lieben, seine Motive und Motivationen, seine Erinnerungen und Ahnungen, seinen Gegen-sätze verbindenden Charak-ter, der ist mit diesem Buch von Annette Weber sehr gut bedient.

Marc Chagall war schon mit seinem Frühwerk berühmt und gefeiert, zuallererst in Berlin. In Paris wurde er zu einem der ganz großen Maler des 20. Jahrhunderts. Damit blieb ihm das typische Künstlerschicksal (etwa eines Van Gogh) bereits nach seiner Ausbildungszeit erspart.

1914 hatte Chagall in Berlin – nach seinem ersten Paris-Aufenthalt – seine erste Einzelausstellung, und die Begeisterung der deutschen Kunstsammler hielt an. Erst für die Nationalsozialisten galten die Werke des 1887 geborenen jüdischen Malers aus dem Zarenreich als entartete Kunst. Für seinen Rang als Künstler war das nur ein kurzes Intermezzo. Für die deutschen Galeristen, Kunstsammler und Kritiker war Chagall schon vor dem Ersten Weltkrieg einer der großen Maler der Moderne. Picasso bezeichnete ihn neben Matisse als bedeutendsten Meister der Farbe im 20. Jahrhundert.

Es war aber auch sein ganz eigener symbolhaft märchenhafter Stil, mit dem er die Innenwelt imaginierte, der nicht nur einen neuen Aufbruch in der Kunst markierte, sondern auch in eine Zeit passte, in der eine ganze Schar von Nobelpreisträgern die absurd erscheinende Quantentheorie entwickelte und C.G Jung seine Analytische Psychologie. Chagalls Werke sind ins Bild gesetzte aktive Imaginationen. Es war eine Zeit des Umbruchs und Aufbruchs, politisch, künstlerisch, wissenschaftlich. Es ist die Zeit, in der Niels Bohr und C. G. Jung zeitgleich den Begriff der Komplementarität kreieren, äußerste Gegensätze, die nur zusammen die Wirklichkeit bilden.

Chagalls Schaffen ist ebenfalls geprägt durch die Zusammenschau von Gegensätzen, ist nach innen gewandter Ausdruck. Ein kleines Aquarell in Graublau, mit dem Titel „Erinnerung“, aus 1914, ist Programm für sein Lebenswerk: der wandernde Jude, seine Erinnerung an die Heimat (in Form eines typischen Hauses, die Anima in der Tür), auf dem Rücken in die Welt tragend. Chagalls Rückschau auf die Welt des jüdischen Schtetl und die Welt russischer Bauern ist Erinnerung und allgemein Menschliches zugleich. Wie in der Jung’schen Traumdeutung zeigen die Bilder einerseits Biografisches, sie sind aber auch ganz allgemein menschlicher Ausdruck existenziellen Ausgeliefert-Seins. Gestaltungen des individuellen und gleichzeitig kollektiven Unbewussten. Daran liegt es, dass man seine zutiefst vom Chassidismus geprägten Bilder nicht primär als jüdisch, sondern allgemein gültig erlebt.

Paris 1910-1014

In Paris erlebte Chagall das Drängen vieler Künstler wie Picasso, Matisse, Delaunay, Léger und andere, die versuchten, die Wirklichkeitswiedergabe zu durchbrechen. Während aber viele über den Kubismus in die (rationale) Abstraktion und ein anderes Sehen gingen, verfolgte Chagall den Weg der Tiefenimagination, ohne die figurative Malerei aufzugeben, die er für die Symbolik der Innenwelt brauchte. Die bloß andere Wahrnehmung der Moderne schien ihm zu wenig. „Ich hatte den Eindruck, dass wir uns noch auf der Oberfläche der Sache bewegten, dass wir Angst hatten, in das Chaos hinab-zutauchen, die gewohnte Oberfläche unter unseren Füßen zu zerbrechen und umzukehren.“ Ihm geht es nicht um Abstraktion, sondern um Vertiefung und Verlebendigung.

Weber_Chagall4.tif„Das gelbe Zimmer“ zeigt das beendete Sabbatmahl, und jetzt beginnt sich die traditionelle Feier zu vollenden. Die männliche Figur wendet sich dem (weiblichen) Mond zu, wie von ihm magisch angezogen. Die Mutter mit durch die Tradition verkehrtem Kopf, nach oben blickend, gegenüber die mütterliche Kuh, das eigentlich Weibliche verkörpernd, das durch die Religion abgewertet wird.

Chagall setzt sich zwar eingehend mit den Strömungen seiner Zeit auseinander, aber „Impressionismus und Kubismus sind mir fremd. Kunst scheint mir vor allem ein Seelenzustand zu sein.“ Wie die Psyche Realität und Vision zu einer Einheit verbindet, so auch die Bilder Chagalls.

Wieder in Witebsk

Am Beginn seiner zweiten russischen Periode malt Chagall vier monumentale „alte Juden“, die zu seinen bedeutendsten Werken gehören. Sie vereinen ikonenhaft in archetypischer Weise den alten Bettler mit dem jüdischen Propheten. Sie verkörpern die Heimatlosigkeit des Menschen, des ewig Wandernden, wie auch die Heimat der chassidischen Juden in der ihnen eigenen Spiritualität. Bildfüllend, fast lebensgroß sprechen sie den Betrachter an, womit das dialogische Denken Martin Bubers anklingt. Es sind Seelenbilder, wie auch das Motiv des über Witebsk schwebenden Dorfgehers und Wanderbettlers, der „über die Häuser geht“ und von nun an immer wieder in Chagalls Bildern auftaucht.

Inzwischen auch in Russland von Sammlern, Kritikern und Galeristen geschätzt, ist nun seine jüdische Herkunft kein Makel mehr, sondern Garant für Authentizität. Chagall konnte sich jetzt sogar, entgegen seinen früheren Intentionen, doch ein Leben in Russland vorstellen. 1918 wird Chagall zum Kunstkommissar seiner Heimatstadt Witebsk ernannt, was seiner Frau Bella aus guten Gründen missfiel. Unstimmigkeiten mit Lenins Apparatschiks ließen nicht lange auf sich warten. Eine Kunstschule des Volkes wurde gegründet mit dem Schwerpunkt jüdische Kunst, und ein Museum geplant. Das anspruchsvolle Projekt Chagalls wurde angenommen und dieser als Direktor beauftragt. Die Kunstschule wurde 1919 gegründet und Chagall nahezu sofort von zwei Lehrern ausgebootet, die andere künstlerische Vorstellungen hatten.

Chagall arbeitet tief erschüttert an seiner eigenen Identität. Höhepunkt: „Die Erschütterung. Selbstportrait mit Muse“, 1917/18. Das Bild zeigt den Maler in einer nächtlichen Vision an seiner Staffelei, beim Einbruch einer anderen Welt, in der ein Engel oben und unten mit den Gesten seiner Hände verbindet. Es zeigt kubistische Formensprache und Auseinandersetzung mit der Moderne, ebenso sein Ringen um stilistisch eigenständige Inhalte. In „Kubistische Landschaft“ stellt er das Schicksal der Kunstschule dar. Die kleine Darstellung der Schule geht beinahe unter in der abstrakt kubistischen Landschaft. In „Das graue Haus“ und endgültig in „Das blaue Haus“ kündigt sich an, dass sein Bleiben in Russland keine Dauer hat. 1920 ging Chagall – nachdem der Staat 12 von 15 seiner Werke einer Ausstellung revolutionärer Kunst in Petrograd angekauft hatte – als Theatermaler nach Moskau.

Über Berlin nach Paris

Als die Lebensumstände im Bürgerkrieg zunehmend schwieriger wurden, fasste er den Entschluss, Russland für immer den Rücken zu kehren. Seine in Russland verbleibenden Werke dieser Epoche wanderten in die Depots, galt Chagall ja jetzt als dekadent-westlicher Maler und Jude.

Chagall blieb nur ein knappes Jahr in Berlin, erlernte hier aber die Technik des Holzschnitts und die Kunst der Radierung, illustrierte damit seine Lebenserinnerungen und erwies sich auch damit als überragendes Talent. Er gehörte damit (wieder) zu den Größen der Berliner Kunstszene. Eine Minderheit begeisterter Sammler kaufte beinahe sein gesamtes Frühwerk auf.

Auch in Paris musste Chagall wieder ganz von vorne beginnen, etablierte sich schnell als angesehener Maler, mit regelmäßiger – auch internationaler – Ausstellungstätigkeit. André Breton propagierte 1924 den Surrealismus, die Aufhebung der scheinbaren Gegensätze von Traum und Wirklichkeit, und erkannte Chagall als Ahnherrn dieser Strömung. Der lehnte jedoch ab, sich dieser Richtung anzuschließen. Chagall ging immer seine eigenen Wege. Außerdem scharte er seine eigene Gruppe von Malern, Intellektuellen und Literaten um sich. In Paris schuf Chagall Illustrationen zu Gogols „Tote Seelen“ und die Fabeln von La Fontaine. Als eines seiner Hauptwerke gelten die Radierungen zur Bibel, ein Projekt, das ihn 20 Jahre lang beschäftigte. Wobei ihn eine Reise ins Land der Bibel für sein weiteres Leben prägte und biblische Motive nun häufig in seinen Werken auftauchen.

Chagall stellt die Bibel nicht als Ausdruck des jüdischen Volkes dar, sondern als Zeugnis universal gültiger Menschlichkeit. Das gilt auch für die Kreuzigungsszene, der wir jetzt öfter in seinen Werken begegnen, die Jesus als universale Leidensgestalt darstellen, mit der sich Juden und Christen gleichermaßen identifizieren können. Außerdem bezieht er sie direkt auf das politische Unrecht der Gegenwart und die Verbrechen an der Menschlichkeit.

Emigration in die USA

Vor den deutschen Truppen floh Chagall 1940 zunächst nach Südfrankreich und emigrierte 1941 in die USA. Neben Bühnenbildern kreisten seine Arbeiten nun um die Themen Krieg, Pogrom und Leiden. Damit ist er einer der ersten weltweit anerkannten Künstler, die sich mit der Massenvernichtung, der Schoa auseinandersetzen. Er selbst sieht es als Auftrag, Mitmenschlichkeit zu propagieren. Das 1947/48 fertiggestellte Triptychon „Résistance, Résurrection, Libération“ verbindet die Schrecken der Ereignisse mit der Hoffnung auf Erneuerung.

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1948 kehrte Chagall nach Paris zurück, 1952 zog er nach Südfrankreich in unmittelbare Nähe zu Picasso und Matisse.

 

Südfrankreich und sakrale Kunst

Gleichzeitig mit Picasso wandte sich Chagall der Kunst der Keramik zu, und die beiden wurden zu den bedeutendsten Schöpfern von Kunstkeramik und damit zu Rivalen. Daneben widmete sich Chagall wieder der Farblithographie und nahm auch die Radierungen zur Bibel wieder auf. Biblische Themen rückten auch in seinen großen Ölgemälden in den Mittelpunkt seines Schaffens. Gemeinsam mit Matisse, Léger und Lipchitz arbeitete er an der Ausstattung einer Kirche in Savoyen. 1956 schuf er für die Taufkapelle das Keramikbild „Durchzug durch das Rote Meer“ und danach sein erstes monochromes Glasfenster. Seine kontemplative Kunst hatte längst die Konfessionsgrenzen überwunden. Die aufgegebene Kalvarienbergkapelle in Vence konzipierte er als christlichen Gebetsraum neu.

In monumentalen Einzelbildern zur Bibel tritt immer wieder das Motiv des Brautpaars auf, das individuelle und kollektive, jüdische und christliche Symbolik im Bild der universalen Liebe vereint. Große politische Bedeutung hat in der Nachkriegszeit der Auftrag, die Glasfenster der im Krieg schwer beschädigten Pfarrkirche St. Stephan in Mainz zu gestalten. Chagalls Alterswerk ist denn auch geprägt von Monumentalaufträgen für den öffentlichen Raum: das Frankfurter Schauspiel- und Opernhaus, die Knesset in Jerusalem, die Pariser Opéra Garnier, das UNO Hauptquartier und die Metropolitan Opera in New York, Glasfenster für die Synagoge des Hadassah Medical Center in Jerusalem, die weltweit Aufsehen erregten, sowie christliche Kirchen, wie z.B. die Kathedralen von Reims und Metz, die Union Church in Pocanto Hills, USA, die All Saints‘ Church in Tudelay, GB, und vor allem im Chor des Fraumünsters in Zürich.

Botschafter der Menschlichkeit

Chagall starb 1985 im Alter von 97 Jahren. Er schaffte es nicht mehr zur Eröffnung seiner großen Ausstellung in der Royal Academy of Art in London, die insbesondere seinem Frühwerk gewidmet war, in dem sich sein Lebenswerk konstelliert hatte. Nämlich die Themen aus dem russisch-jüdischen Schtettl zu universalen Themen wachsen zu lassen, geprägt von der Vereinigung der Gegensätze von Unheil und Erhabenheit, von Leiden und Hoffnung, von Mythischem und Realem, Bewusstem und Unbewusstem, von jüdischer und christlicher Kultur. Das alles in seinen unvergleichlichen Farben. So wurde er zum weltweit anerkannten Botschafter der Menschlichkeit.

Annette Weber
Chagall. Die Sprache der Bilder
wbg Theiss 2018, 352 Seiten, 142 Illustrationen, farbig
ISBN 978-3-8062-3750-4
99 Euro; ab 01.02.2019: 129,00 Euro

 

© R. Harsieber

Frauen brauchen Männer (und umgekehrt)

Frauen brauchen Maenner und umgekehrt von Raphael BonelliDiese „Couchgeschichten eines Wiener Psychiaters“, so der Untertitel des Buches, ist ein Plädoyer für den (gar nicht so kleinen) Unterschied zwischen den Geschlechtern und deren komplementäre Ergänzung.

In Zeiten, in denen ganze Universitätsinstitute im Namen der Genderforschung den Unterschied nivellieren oder unter den Teppich kehren wollen, klingt der Titel anrüchig. Andererseits ist die Genderforschung notwendig, wenn sie sich um das bemüht, was der Name schon sagt: um das soziale Geschlecht. Das biologischen Geschlecht sollte sie denen überlassen, die was davon verstehen, und sogar die haben erst vor nicht allzu langer Zeit erkannt, wie sehr der Unterschied sogar in der Medizin bisher sträflich vernachlässigt wurde. Das biologische Geschlecht geht nämlich weit über die Sexualorgane hinaus, es umfasst auch das Gehirn (Größe und Struktur) und den ganzen Körper bis in die Zellstruktur.

Männer und Frauen haben verschiedene Stärken und Schwächen, werden unterschiedlich krank – so ist der Autismus eine eher männliche, die Depression eher eine weibliche Erkrankung – Medikamente wirken anders, die Symptome (etwa bei Herzinfarkt sind völlig andere). Die Liste lässt sich fortsetzen. 2001 gab die WHO eine Empfehlung heraus, Strategien gegen die Verdrängung des Unterschieds und für eine geschlechtsspezifische Gesundheitsvorsorge zu entwickeln. Das alles schildert der Autor umfassend und mit den aktuellsten Studien belegt.

Psychische und kognitive Unterschiede

Dass sich die körperliche und hormonelle Konstitution auch psychisch fortsetzt, ist nicht verwunderlich, so dass auch hier das biologische vor dem sozialen Geschlecht besteht. Die Unterschiede treten schon bei Neugeborenen zutage. Buben schauen intensiver auf Objekte, Mädchen auf Gesichter. Und das wäre auch schon die allgemeinste Definition des Unterschieds: Männer sind mehr objektbezogen, Frauen mehr personbezogen. Daher sind Frauen in der Empathie (wir reden immer von Durchschnittswerten) den Männern bei weitem überlegen. Frauen sind vielseitiger und stärker vernetzt, während Männer stärker fokussieren und zum Spezialistentum neigen. Auch im Negativen zeigt sich der Unterschied: Essstörungen, Angst, Depression und z.B. Borderline-Störungen sind „weiblich“, Autismus, ADHS, Narzissmus und z.B. Sexualstörungen sind „männlich“.

Die Unterschiede setzen sich im kognitiven Bereich fort. Auch hier sind es unterschiedliche Stärken: Frauen sind im Vorteil, wenn es darum geht, ein Problem im Gesamtkontext, inklusive Vernetzung mit der Umgebung zu erfassen und lebensnah zu managen. Die Stärke der Männer liegt hingegen in der Fokussierung auf Detailprobleme, alles andere auszublenden und das Problem abstrakt zu lösen. Männer denken distanziert, linear und fokussiert, Frauen mehr persönlich, vernetzt und assoziativ. Natürlich überlappen sich die Eigenschaften in der üblichen statistischen Weise, und das Schwarz-Weiß-Denken ist längst überholt. Männer ticken anders, Frauen auch, und insgesamt begegnen sie einander auf Augenhöhe.

Dass die psychologischen und kognitiven Unterschiede sich in verschiedenen Kulturen gleichen, spricht auch dafür, dass diese Unterschiede konstitutionell und nicht anerzogen sind. Außerdem verhalten sich Mädchen als Mädchen, bevor sie wissen, dass sie ein Mädchen sind; Buben ebenso. Auch das leidige Thema der Berufswahl lässt sich erklären. Männer arbeiten lieber sachbezogen, Frauen lieber personenbezogen. Dabei tritt etwas ganz Erstaunliches zutage: „Die größten psychologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern finden sich in den Ländern, die sich der Geschlechtergleichheit verschrieben haben.“ Eine Vorreiterrolle haben hier die skandinavischen Länder, und trotzdem entscheiden sich die Menschen dort vermehrt für geschlechtstypische Berufe. Wenn Männer und Frauen frei wählen können, entscheiden sie sich ihren unterschiedlichen Interessen und Fähigkeiten entsprechend.

Die Genderproblematik

Natürlich darf das Thema Gender nicht ausgeklammert werden. Das soziale Geschlecht ist ein realer Faktor und führt zu den bekannten Stereotypien, denen begegnet werden muss. Aber Gender hebt das biologische Geschlecht nicht auf, sondern kommt zu diesem hinzu und verzerrt es des öfteren. Historisch folgt, so Bonelli, auf die Verdrängung der Sexualität im 19. Jahrhundert die Verdrängung der geschlechtlichen Konstitution im 20. Jahrhundert. John Money, der den Begriff Gender etablierte, war fixiert darauf, dass der Mensch als geschlechtsloses Wesen auf die Welt kommt, und scheiterte mit einer versuchten Geschlechtszuschreibung/-umwandlung kläglich, verteidigte sein Experiment, das man (harmlos ausgedrückt) als Kunstfehler einstufen muss, auch noch, nachdem es mit dem Suizid des „Versuchsobjekts“ endete. Trotzdem sie davon wusste, behauptete Judith Butler, „sowohl das biologische Geschlecht (sex), als auch die Geschlechtsidentität (gender) seien ein Ergebnis des sprachlichen, historischen und politischen Kontextes“. Später wurde ihr vorgeworfen, das Anliegen der wirklichen Frauen verraten zu haben.

Komplementäre Ergänzung

Für Bonelli ist klar, dass man Sex und Gender nicht gegeneinander ausspielen kann, sondern beide zusammengenhören. Mann und Frau können und dürfen unterschiedlich sein und trotzdem gleiche Rechte besitzen und einander auf Augenhöhe begegnen. Dass das nicht immer harmonisch und auf Augenhöhe abgeht, illustriert der Autor an zahlreichen Fallbeispielen aus seiner psychotherapeutischen Praxis. Männer und Frauen haben jeweils „männliche“ und „weibliche“ Stärken und Schwächen in unterschiedlicher Ausprägung. Diese Unterschiede garantieren das erotische Prickeln, und bei Disharmonien die üblichen Probleme der Partnerbeziehung. Die „Lösung“ liegt immer darin, zu seinen Stärken und Schwächen zu stehen und sich dabei vom Partner ergänzen zu lassen. Weiters muss zur Erotik, die auf die Bedürfnisse abzielt, jene reife Entscheidung kommen, die nur auf Geben und auf das Du gerichtet ist und in der Antike „Agape“ genannt wurde. Aber auch hier gilt: es braucht immer beides.

Fazit: Das Buch ist eine solide Grundlage in der aktuellen Argumentation zum Thema Partnerschaft, Sex und Gender, angereichert mit den neuesten Studien. Dass man sich als Leser/in in den vielen Fallbeispielen da und dort selbst wiederfindet, liegt in der Natur der Sache. Die „Nebenwirkung“: Beim aufmerksamen Lesen können so manche Einsichten in die eigene/n Beziehung/en angestoßen werden, die mitunter weh tun, aber sehr heilsam sein können.

 

Raphael M. Bonelli

Frauen brauchen Männer (und umgekehrt)

Couchgeschichten eines Wiener Psychiaters

Kösel Verlag 2018, 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-466-34687-5
EUR 22,70

Die Illusion der Gewissheit

U1_978-3-498-03038-4.indd Das Gütesiegel „wissenschaftlich erwiesen“ oder „Wissenschaftler haben festgestellt“ erweckt den Glauben an die Allmacht der Wissenschaft. Die Schriftstellerin Siri Hustvedt hinterfragt dieses Gütesiegel und diesen Glauben und deckt unreflektierte Voraussetzungen auf. Als Frau ist sie den männlichen Strukturen des Wissenschaftsbetriebs anscheinend weniger ausgeliefert.

Um gleich mit einem Beispiel zu beginnen: Der Begriff „bio-psycho-sozial“ stellt in der Medizin einen großen Fortschritt dar. Das bisher ausschließlich Biologische wird ergänzt durch das Psychische und Soziale. Aber wenn man genauer hinsieht, dann trennt dieser Begriff genau das, was er vereinen will, auch wenn er ohne die Bindestriche geschrieben wird. Der Begriff wird dadurch für die Autorin kontraproduktiv. Er vernachlässigt das Weltbild und die Entwicklungsgeschichte. „Das Modell funktioniert im Grunde statisch.“ Und das Grundthema des Buches umschreibend: „Es ist immer wieder spannend zu sehen, in welchem Maß theoretische Modelle das Denken nicht nur erweitern, sondern auch sehr einschränken können.“ (Das erinnert an Einstein, der sagte dass wir nicht aus dem, was wir sehen, eine Theorie bilden, sondern die Theorie bestimmt, was wir sehen). Jedenfalls sehen wir oft nur das, was wir erwarten, und das gilt auch für Wissenschaftler.

Das Thema (vermeintliche) Gewissheit ist auch eine Auseinandersetzung mit René Descartes, der mit seiner Unterscheidung von res extensa und res cogitans getrennt hat, was zusammengehört, oder was nie getrennt war. Das zieht sich als roter Faden durch das Buch. Wissenschaft muss unterscheiden, aber wenn sie vergisst, dass sie von einem Ganzen ausgegangen ist, dann kommt es zu einer versteckten Gedankenakrobatik, um zu erklären, wie das Getrennte zusammenwirkt. Und das ist letztlich unmöglich. Sobald der Geist vom Körper, das Bewusstsein vom Gehirn getrennt ist, entstehen erst die unlösbaren Probleme, die wir kennen oder unterschlagen. Um den Dualismus zu verschleiern, kippt man in einen Pseudomonismus und der Geist wird – wie Descartes res extensa – dann auch zur Maschine.

Dann steht z.B. der Psychotherapie die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) entgegen. Diese „übernimmt den kartesianischen Dualismus, aber mit seinen Rätseln wollen sich seine Vertreter nicht befassen“. Es gibt immer schon unreflektierte Voraussetzungen in den Wissenschaften. Es gibt damit schon einhellig vorausgesetzte Antworten, bevor man anfängt zu forschen. So ist z.B. von angeborenen und erworbenen Eigenschaften die Rede, eine Unterscheidung, die aber sofort fragwürdig wird, wenn man nach der Grenze zwischen beiden fragt. Was genetisch vererbt ist, hängt außerdem davon ab, welche Vorstellung man von einem Gen hat. Im naturwissenschaftlichen Kontext hat es so etwas wie ein isoliertes Ding zu sein – was es aber nicht ist.

Breiten Raum nimmt die Metapher vom Hirn als Datenverarbeitungsmaschine ein, die z.B. den Konzepten der Künstlichen Intelligenz zugrunde liegt. Das Hirn wird auf die Verarbeitung von Information reduziert, womit ein Großteil der Komplexität der Wirklichkeit verloren geht und nur die abstrakten Strukturen der Logik übrigbleiben. Das Kreative wird unterschlagen, das Berechnende bleibt. Damit verbunden ist die Hoffnung (für andere die Befürchtung), dass Maschinen bald den Menschen überlegen sein werden. Diese Reduktion wurde längst entlarvt, die Hoffnung hat sich nicht erfüllt – aber die Metapher vom Hirn als Datenverarbeitungsmaschine hält sich eisern.

Ein anderer Trugschluss ist, dass Wissenschaft auf Fakten beruht. Das ist nicht falsch, aber diese Fakten müssen interpretiert werden. Fakten und Zahlen alleine erklären gar nichts. Man muss allerdings zwischen Fakten und Interpretation unterscheiden können.

Die Methode der wissenschaftlichen Analyse führt dazu, Details zu isolieren und Grenzen aufzustellen, die es vorher nicht gab. Daher gibt es in der Wissenschaft sehr oft Metaphern, die sich hartnäckig halten, obwohl sie längst widerlegt sind. Beispielsweise die Vorstellung von begrenzten Hirnarealen (Sehzentrum, Sprachzentrum usw.), die für eine bestimmte Funktion zuständig sind. Diese Areale sind zwar spezialisiert, aber weder begrenzt noch feststehend. Hinzu kommt, dass das Hirn nicht isoliert vom Körper agiert und der Mensch nciht isoliert von der Umwelt und von anderen.

Mit einem Zitat von Alfred N. Whitehead deutet Hustvedt die Richtung einer Lösung all dieser Probleme der Wissenschaft an: „Soll die Wissenschaft nicht zu einem Mischmasch von ad hoc-Hypothesen verkommen, dann muss sie philosophisch werden, und in eine tiefgreifende Kritik ihrer eigenen Grundlagen eintreten.“ Dazu muss sie zurück zu ihren Wurzeln im 17. Jahrhundert. Descartes und dann Newton haben die Welt der Naturwissenschaft auf eine tote Materie reduziert, die wie eine Maschine funktioniert. Seither müssen Naturwissenschaftler das Lebendige verdrängen oder zur Maschine degradieren.

Der Fehler ist, die Methode mit dem Gegenstand zu verwechseln. Um ein Ganzes zu untersuchen, muss es in Teile fragmentiert werden, aber wenn man glaubt, diese Teile wieder zu einem Ganzen zusammensetzen zu können, dann ist das eine Illusion. In der Wirklichkeit gibt es keine isolierten Teile, sondern nur ein zusammenhängendes Ganzes. Das Ganze ist nicht das Ergebnis der wissenschaftlichen Untersuchung, sondern geht ihr voraus. Wer Körper und Seele, Materie und Geist, Hirn und Denken trennt, darf sich nicht wundern, dass er deren Zusammenwirken hinterher nicht mehr versteht. Wer den Menschen zur Maschine macht, kann ihn nicht mehr zum Leben erwecken.

Wissenschaft beschreibt nicht die Welt, sondern konstruiert eine Welt. Modell und Wirklichkeit dürfen dabei nicht verwechselt werden. Die Autorin zitiert Werner Heisenberg: „Wir müssen uns daran erinnern, dass das, was wir beobachten, nicht die Natur selbst ist, sondern Natur, die unserer Art der Fragestellung ausgesetzt ist.“ Und wenn Humberto Maturana sagt: „Wir erschaffen die Welt, in der wir leben, indem wir in ihr leben“, dann gilt das auch für die Welt der Wissenschaft.

 

Siri Hustvedt, Die Illusion der Gewissheit

Rowohlt Verlag, 2. Aufl. 2018, 414 Seiten, EUR 24,00

ISBN 978 3 498 03038 4

 

Wie man mit Leid umgehen kann

Cover_LeidDas Buch von Thomas Hohensee nennt sich „Stärker als das größte Leid. In drei Schritten unerschütterlich durchs Leben“. Ratgeberliteratur eben. Die gibt’s wie Sand am Meer und ist auch so interessant wie dieser. Das Buch ist trotzdem lesenswert.

„Das Leben ist schwierig“, so das erste Unterkapitel. Und alles kann sich schlagartig ändern. Wie Menschen darauf reagieren ist unterschiedlich – und das hat Gründe. Die einen werden völlig aus der Bahn geworfen, die anderen sind unerschütterlich und gehen ihren Weg. Die Mehrheit liegt irgendwo dazwischen. Die Lösung, die der Autor vorschlägt, ist der Dreischritt von Akzeptanz, Sinngebung und Improvisation. Leid annehmen und verwandeln, dadurch könne man unerschütterlich werden. Die letzte Stufe werden nur wenige erreichen – das unterscheidet dieses Buch von der Ratgeberliteratur und macht es lesenswert. Obwohl ein „Alles ist lösbar“ immer wieder durchklingt. Aber darüber kann man hinweglesen.

Am interessantesten wird das Buch, wenn es von Laotse, Buddha oder den Stoikern erzählt. Und auch da, wo es immer wieder zu eigenem Denken anregt – auch das macht dieses Buch lesenswert, dafür wären Ratgeber eigentlich da. Plattitüden lassen sich offenbar nicht ganz vermeiden, aber immer wenn man durch solche Allheilmittel genervt ist, wird es wieder interessant und anregend.

„Es sind nicht die Ereignisse, die darüber bestimmen, ob man leidet.“ Es ist die Reaktion darauf oder die innere Einstellung dazu. Es hängt auch davon ab, „welche Programme man in früher Kindheit aufgespielt bekommen hat“. Es gibt allerdings Traumata, die so tief sind, dass sie sich so nicht „heilen“ lassen. Wenn man akzeptiert, dass das Buch nicht für solche Extremsituationen geschrieben wurde, dann liest sich das Buch sehr gut. „Es kommt eben nicht darauf an, wie schlimm ein Erlebnis tatsächlich ist, sondern wie wir es bewerten.“ Der Satz ist richtig, hat aber seine Grenzen.

Gleichmut, die Dinge so nehmen, wie sie sind, macht schon mal vieles leichter. Den Erlebnissen einen Sinn geben, macht wirklich Sinn. Wobei klar sein muss: „Dinge haben nicht von sich aus Sinn, aber man kann ihnen diesen verleihen.“ Und dann wäre noch die Improvisation oder Flexibilität oder Anpassungsfähigkeit oder Kreativität.

Da wären wir an so einem Punkt, wo sich das Weiterdenken lohnt. Die Überwindung von Gewohnheit ist schwierig, vor allem deshalb, weil sie im allgemeine Weltbild verankert ist. Dieses lehnt nicht an die Naturwissenschaft an, insbesondere an die Physik. Deren Methode ist die Analyse und die ist statisch. Sie zerlegt die dynamische Wirklichkeit in statische Teilchen. Wenn der Autor Laotse, Buddha oder die Stoiker zitiert, dann sind das dynamische Weltbilder, die den natürlichen Wandel im Auge haben. Nicht festhalten, sondern loslassen. Nicht die Objekte, sondern der Weg ist wichtig. Tun und Loslassen gehören zusammen. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Yin und Yang. Das innere Gleichgewicht ist kein Ruhezustand, sondern ein dynamisches Ausbalancieren. Dynamik heißt auch: Es gibt nichts Vollkommenes. Perfektionismus ist statisch, damit starr und unnatürlich.

Auch wenn uns manchmal Grenzen gesetzt sind, über die wir nicht hinauskommen, so gilt doch dieser Satz, der fast das Motto des Buches sein könnte: „Menschen überschätzen, was an einem Tag möglich ist, und unterschätzen, was sie in einem Jahr bewegen können.“ Auch das führt weg von einem statischen Weltbild, das aus dieser Sicht beinahe schon pathologisch ist, auch wenn es der Mehrheit entspricht.

 

Thomas Hohensee
Stärker als das größte Leid
In drei Schritten unerschütterlich durchs Leben
Nymphenburger Verlag, 2018
ISBN: 987-3-485-02952-0

EUR 16,50x

Das Buch der Bilder

Cover_Jung_Buch der BilderAm 24. April 1948 wurde das C.G. Jung-Institut Zürich gegründet. 2018 besteht es somit seit 70 Jahren.  Um das zu feiern, braucht es etwas Besonderes: Patientenbilder aus dem Institut, die bisher einem größeren Publikum nicht zugänglich waren, in Buchform. Gleichzeitig sind die Bilder im Museum im Lagerhaus, St. Gallen (noch bis 8. Juli 2018) zu sehen. Das Buch ist also gleichzeitig ein Ausstellungskatalog.

Jolande Jacobi begann Ende der 1950er Jahre, ca. 4500 Bilder von Jungs Patienten zu archivieren, dazu ca. 6000 Bilder ihrer eigenen Patienten. Die Bilder bestechen nicht nur durch ihre archetypische Aussagekraft, sondern auch durch ihre künstlerische Gestaltung.

C. G. Jung hatte selbst seine Träume, Imaginationen und Visionen gemalt, z.B. in seinem berühmten Roten Buch, eine intensive Auseinandersetzung mit dem kollektiven Unbewussten. Er entwickelte dazu die Aktive Imagination und hielt auch seine Patienten an, damit zu experimentieren und die Bilder zu malen. Dies ist einerseits ein besonderer Zugang zu sich selbst, andererseits bezeichnete Jung Menschen ohne Zugang zum eigenen Mythos als „Entwurzelte“. Dieser Zugang beruht darauf, so Jung, „dass man das Bewusstsein veranlasst, mit dem Unbewussten zusammenzuarbeiten, wodurch dieses dem Bewusstsein integriert wird.“ Dahinter steht die Ansicht, dass die Innenwelt real ist, und in diesen Bildern sichtbar wird.

Eine zentrale Rolle spielt die Symbolik der seelischen Ganzheit im Mandala, der ein Kapitel von Verena Kast gewidmet ist. Immer wiederkehrende Symbole sind Sonne, Licht, Wasser, Schlange, Lebensbaum, das Weltenei und natürlich der Mensch. Da es sich bei den Bildern meist um Serien handelt, ist eine Entwicklung abzulesen. Da es auch um Kollektives geht, sind sie zu deuten, auch wenn der persönliche Hintergrund meist nicht bekannt ist. Es geht um Wandlung, um Leben und Tod, um den Bezug des Endlichen zum Unendlichen, um die Erfahrung des Verbundenseins mit sich selbst, mit den anderen und mit etwas größerem Umfassenderen.

Jung leitet seine Patienten an, das zuerst passiv Geschaute auch aktiv zu gestalten, und zwar, „um Wirkung zu erzeugen“. Schon die Aktive Imagination ist ein aktives Zulassen. Das so Entstandene zu malen, bringt nicht nur eine weitere Konkretisierung, sondern ist selbst ein dynamischer Vorgang. Die Bilder sind wie Standbilder eines Films, der in der Serie sichtbar wird. Wichtiger noch ist, dass sich im Prozess des Malens das geschaute Bild weiter verändert.

Dies erinnert mich an ein zentrales Thema der Quantenphysik, die fast parallel zur Tiefenpsychologie entwickelt, aber kaum je im Zusammenhang gesehen wurde. Jede Messung verändert das Gemessene. Auch Wahrnehmung ist Messung. Im Hinschauen verändere ich, und verändert sich (aus dem Unbewussten) das Geschaute.

Daher ist eine Analyse nie zu Ende, wie der Kunsthistoriker Philip Ursprung am Ende seines Beitrags feststellt. Er legt außerdem dar, dass die Aktive Imagination nur dann funktioniert, wenn die Transformation eines inneren Bildes zugelassen wird, bevor sie in Worte gefasst wird. Wie auch beim Deutungsprozess darf die Bedeutung nicht vorschnell fixiert werden.

Wieder erstaunt die Parallele zur Quantenphysik. Durch die Messung werden die Eigenschaften eines Quantenphänomens „nicht festgestellt, sondern hergestellt“ (Herbert Pietschmann). Vor der Messung hat das Phänomen keine Eigenschaften, auch nicht das der Existenz. Es ist sozusagen überall und nirgends, als Überlagerung (Superposition) aller Möglichkeiten. Erst durch die Messung „kollabiert“ eine Möglichkeit in die Realität. In der Aktiven Imagination wie in der Deutung wird den Möglichkeiten (der Mehrdeutigkeit von archetypischen Symbolen) Raum gegeben, bis sich eine herauskristallisiert und verbalisiert, festgestellt werden kann. Physikalisch befinden wir uns vor der Messung in der Dimension der raum- und zeitlosen Wirklichkeit. Die psychologische Parallele dazu ist das kollektive Unbewusste, selbst nie zugänglich, aber in den archetypischen Bildern jeweils konkretisiert, ohne das Ganze (in der physikalischen Parallele die Superposition aller Möglichkeiten) je ausschöpfen zu können.

In der Aktiven Imagination und im Malen geht es darum, Wirkung (aus dem Unbewussten) zuzulassen. Der Patient malt sich immer selbst, lässt sich gestalten und gestaltet sich selbst. Die „abgeschlossene“ Therapie entlässt den Patienten als nun Erwachsenen, der nun ein Werkzeug hat, mit dem er an sich weiterarbeiten kann. Die Jung’sche Analytische Psychologie ist damit nicht nur für psychisch Kranke, sondern auch für „Gesunde“ zuständig.

Das vorliegende Buch gibt damit nicht nur einen Überblick über die Arbeit C.G. Jungs und seiner Schule (die er nie gründen wollte), sondern regt auch an, sich mit sich selbst und eigenen Assoziationen, Bildern und Gedanken zu beschäftigen.

 

Ruth Amman, Verena Kast, Ingrid Riedel (Hg.)

Das Buch der Bilder

Schätze aus dem Archiv des C.G. Jung-Instituts Zürich

Patmos Verlag 2018, 250 Seiten, Hardcover, ca. 250 Abb.

ISBN: 978-3-8436-1017-9

EUR 30,00  – Subskriptionspreis bis 12.6.2018, danach ca. EUR 36,00

Ernst Jünger – Personifikation eines Jahrhunderts

9783476045621Niels Penke: Jünger und die Folgen, J.B. Metzler Verlag 2018

Ernst Jünger ist ein „umstrittener“ Autor, an den alle politischen Lager und Denkweisen anschließen konnten. Die Zuschreibungen reichen von „schlechtester Schriftsteller von Rang“ über „veredelter Faschist“ bis hin zur „Jahrhundertfigur“. Die meisten dieser Zuschreibungen reagieren auf Momentaufnahmen, auf Standbilder statt auf den ganzen Film. Am einleuchtendsten ist daher auch „das menschgewordene zwanzigste Jahrhundert“ (Paul Virilio). Er lebte nicht nur in diesem Jahrhundert, er repräsentierte es auch in allen seinen Facetten. Sein Werdegang vom Rechts-Revolutionär zum Konservativen, in dem sich durchaus auch Links-Revolutionäre wiederfinden konnten, hat in allen politischen Lagern Ablehnung und Zustimmung erfahren.
Jünger ist vor allem ein Mann der Gegensätze, der – wenn man sein Leben als Ganzes sieht – das Gegenteil nicht ausgeklammert hat. So hat er sich auch am Ende von seiner anfänglichen faschistischen Ära nicht distanziert (wie ihm vorgeworfen wird), sondern diese als Teil seines Lebens umgedeutet und integriert.

Der Krieger
Jüngers Schaffen beginnt mit einer schwer verdaulichen Verherrlichung des Krieges. Doch hat dies einen eher mythischen Charakter. Er beschreibt ihn wie einen Initiationsritus des Erwachsenwerdens, das aber ausbleibt, weil sein Mythos des Helden im Pubertären steckenbleibt. Er nimmt zunächst das Leben als Kampf in den Mythos der Initiation hinein, die er vom Ereignis zur Daseinsweise aufbläht. Es geht gar nicht darum, wofür man kämpft, sondern nur dass und wie man kämpft. So nimmt er den Mythos ins Konkrete und legt eine steile militärische Karriere hin. Er ist ein pubertärer Träumer, der an die Stelle der Erziehung die Selbstbildung setzt, diese Fantasie aber ganz konkret umsetzt.
Als Kind der beginnenden Moderne revoltiert Jünger gegen eben diese, versucht sich in der Fremdenlegion in Afrika, als Gestalt gewordener Bubentraum, heiß, gefährlich „ein nur für Männer geschaffenes Land“. Am Beginn des 1. Weltkrieges meldet er sich freiwillig, befürchtet, dass der Krieg zu schnell zu Ende sein könnte, und er nicht mehr diese Augenblicke erleben dürfe, „die man als die eigentliche Männertaufe bezeichnen kann“. Die nationalistischen Züge sind dabei nur Hintergrund.
Schon hier wird deutlich, wie aktuell Jünger für das beginnende 21. Jahrhundert ist. Wie es dazu kommen kann, dass mit pubertärem Protest rechtsradikale Gesinnung wieder aufleben kann. Im Gewand des politischen Protests wird unreflektiertes Innenleben nach außen projiziert.
Ambivalent gegensätzlich wie die Zeit der Pubertät ist das Erstlingswerk „Im Stahlgewitter“. Eine Verherrlichung des Krieges an sich, in dem sich der Autor zum Helden stilisiert, bis hin zur Frage „Wann hat dieser Scheißkrieg ein Ende?“ Jünger erzählt, mit neutralem Abstand, „wie es war“. „Innere wie äußere Abhärtung, die ihre Vollendung in der großen und ‚männlichen‘ Gleichgültigkeit findet, sind das Ziel.“ Er schafft es nicht bis zum erwachsenen Gleichmut, bleibt in der Gleichgültigkeit stecken. Abstumpfung wird als Abhärtung interpretiert, Empathielosigkeit als „unbeeindruckte Haltung“ und „neutraler Blick“ idealisiert. Er beschreibt entsetzliche Szenen, aber „in solchen Augenblicken triumphiert der menschliche Geist über die gewaltigen Äußerungen der Materie“. Schon hier zeigt sich das philosophische, ja religiöse Moment, das erst viel später zum Tragen kommt.
Der Krieger geht im Kollektiv auf, obwohl er im Grabenkampf auf sich allein gestellt ist. Später wird Jünger den entindividualisierten Arbeiter als Ideal hinstellen, und am Ende wieder das Individuum in den Blick nehmen. Den Krieg beendet Jünger als Verwundeter, er überlebt und wird als Kriegsheld mit den höchsten Auszeichnungen bedacht.

Verarbeitung
Danach studiert er Zoologie und Philosophie, setzt sich mit der Vereinigung von Form und Materie und dem Begriff des Mechanismus auseinander. Sein literarisches Schaffen bleibt der Verarbeitung der Kriegserlebnisse verpflichtet, wird aber immer wieder umgedeutet, z.B. in „Der Kampf als inneres Erlebnis“, in dem er den Krieg zum Selbstzweck erhebt. Das brachte ihm den Vorwurf der „Kriegsverherrlichung“ ein. Jünger wird aber immer mehr zum Beobachter menschlicher Gegebenheiten, der die dunkle Seite nicht verleugnet: „Das wird bleiben, solange Menschen Kriege führen, und Kriege werden geführt, solange noch das tierische Erbe im Blute kreist.“
Hier wird deutlich, dass man Jünger vor allem (kollektiv-)psychologisch sehen muss. Er thematisiert (mit seinem Leben) die Ambivalenz des Lebendigen. Wie im indischen Mythos der Kali ist ihm Zerstörung und Schöpfung eins. Nur ist es bei ihm ein männlicher Mythos, der dem Westen wohl mehr entspricht: „Der Kampf ist nicht nur eine Vernichtung, sondern auch die männliche Form der Zeugung, und so kämpft nicht einmal der umsonst, welcher für Irrtümer ficht.“ Letztlich geht es um einen Reifungsprozess, „Tempestatibus maturesco – Im Stürmen reife ich“ ist sein späteres Exlibris.
„Ich hasse die Demokratie wie die Pest“, so Jüngers Bekenntnis. Wohl weil er darin die Kapitulation des Kämpfens sah. Bevor man sich aber darüber aufregt, möge man daran denken, dass heute rechte Parteien (wieder) an die Macht drängen, und wenn sie demokratisch gewählt in einer Regierung sitzen, dann wird von den Halbrechten oft argumentiert, dass Demonstrationen gegen diese Regierungen „undemokratisch“ und links-linker Terror wären. Dann möge man Milde walten lassen und Jünger zugestehen, dass er eine falsch verstandene Demokratie meinte – die aber Realität ist.

Wendung nach innen
Nach dem Krieg verkehrt Jünger in rechtsradikalen Kreisen und sucht genauso den Schulterschluss mit linken Revolutionären bis hin zu den „Salon-Kommunisten“. Es geht ihm unter dem Thema des Krieges und dann der Revolution nicht um konkrete Ideologien, sondern um die große Veränderung. Jünger ist übrigens zu diesem Zeitpunkt vom Kriegshelden zum Schreibtischtäter mutiert, der sich gar nicht um eine Umsetzung seiner Ideen der Revolution bemüht. Vielmehr ist es eine Wende nach innen: „Dies hat alles seinen Sinn, einen tiefen Sinn, der sich auch in mir erfüllt.“ Der Kriegsschauplatz wird zunehmend zum inneren Schauplatz.
Jünger distanziert sich vom Nationalsozialismus, der aber nie seinen Intentionen entsprochen hat. Dass er sich nie von seinen frühen Schriften distanziert hat, sie nur umgedeutet hätte, wird ihm vorgeworfen. Aber er kann sich auch gar nicht von seinem Leben distanzieren, das er als Prozess auffasst. Vergangenheitsbewältigung heißt bei ihm nicht Distanzierung, die nichts ungeschehen machen kann, sondern Integration und Umwandlung. Er ist damit vielleicht realistischer als viele seiner Kritiker.
In einer neuen Wendung bezeichnet er das frühere Schaffen als sein „Altes Testament“. Inzwischen wandelt sich sein früherer unerbittlich kalte Blick der Zerstörung in eine entspannte, bisweilen heitere Vita contemplativa in den späteren Werken. Seine Versuche, ein neues Leben zu beschreiben, münden mehrmals am Ende in einer Flucht ins Unbestimmte. Er beginnt allmählich, sein Scheitern anzunehmen. Die Frage, wie Neues entsteht, ist noch nicht beantwortbar. „Alle Menschen und Dinge dieser Zeit drängen einem magischen Nullpunkt zu. Ihn passieren heißt, der Flamme eines neuen Lebens ausgeliefert zu sein; ihn passiert zu haben, ein Teil der Flamme zu sein.“
Der Krieg wird ihm zum Motor gesellschaftlicher Transformation. Der „Geist des Fortschritts“ und der „Genius des Krieges“ sind ihm zwei Seiten eines Ereignisses. Sein Kampf gilt noch dem für ihn fragwürdigen Begriff der individuellen Freiheit. Es schwebt ihm ein Transformationsprozess im Zeichen des Arbeiters als kollektiver Typus vor. Jeder ist ersetzbar, es geht nur um die Funktionalität. Das klingt weniger absurd, wenn man Jünger als Diagnostiker sieht. Die Realität gab und gibt ihm Recht.
Ein endgültiger innerer Wandel vollzieht sich in der Mitte der 1930er Jahre. Jünger zieht sich zurück an einen naturbelassenen Rand der zivilisierten Welt in Norwegen. In dem Roman „Auf den Marmorklippen“ entwirft er einen ästhetischen Nicht-Faschismus, der sich gegen die Barbarei stellt, die zufällig als faschistisch auftritt. Am Ende steht – wie noch öfter – keine Lösung, sondern eine Flucht als Eingeständnis eines Scheiterns.

Menschwerdung
Im Zweiten Weltkrieg ist Jünger Teil der High Society in der besetzten Stadt Paris, und er kann hier Menschenleben retten, indem er sie vor geplanten Razzien warnt. Dem Massenmord, von dem er Zeuge wird, steht er beschämt und hilflos gegenüber. Innerlich vollzieht sich eine Wendung zum Religiösen. Waren seine frühen Schriften geprägt von der Härte des Gesetzes, das er Krieg nannten, vollzieht sich in den aktuellen Tagebüchern mit einer Hinwendung zur Milde und Empathie so etwas wie die Menschwerdung des Autors. Dies führt nicht zu einer Ablehnung der Vergangenheit, sondern zur Einsicht, dass Schöpfung nur über Zerstörung möglich ist. Psychologisch geht es darum, das Vergangene, auch wenn es noch so schrecklich ist, nicht zu verleugnen, sondern zu bewahren und zu integrieren.
Jünger wird versöhnlich, glaubt an die Notwendigkeit einer neuen „Freundschaft“ zwischen den Kontrahenten Frankreich und Deutschland. Er selbst nimmt sich wie üblich nicht aus dem Geschehen heraus, steht hinter seinem Opus als Ganzem, überhöht sich als Repräsentant einer Elite von Meistern, die den Frieden aus dem Chaos schöpfen können. Er wird quasi vom Kriegshelden zum Stifter einer neuen Theologie, die den neuen Menschen hervorbringt, der zur Versöhnung fähig ist. Dazu müsse man sich von jeglicher nationaler Überheblichkeit freimachen.

Utopien
Das Spätwerk ist geprägt von Utopien. „Heliopolis.Rückblick auf eine Stadt“ endet wieder mit einer Flucht, von der nicht mehr berichtet wird. In „Der Waldgang“ thematisiert er die Furcht vor Abhängigkeiten und vor dem Nihilismus, vor dem „Kult der Gemeinschaft“, der den Einzelnen einschränkt. Jünger beginnt aber auch, über eine Lösung nachzudenken, entwickelt seine Zwei-Reiche-Lehre, den Gegensatz zwischen der sinn- und heillosen Wüste der diesseitigen Welt und einem überzeitlichen, ewigen Jenseits. Idealbild ist der Einzelne, der „Priester aus Eigenem“. In einem Akt des (nun) inneren Widerstandes bricht er sich Bahn im Ausweglosen.
In „Besuch auf Godenholm“, in einer Zeit nach dem Zusammenbruch in einer abgeschiedenen Insel im Norden, machen Besucher eine Selbsterfahrung, die sie kuriert. Jünger experimentiert mit Drogen; Kampf, Eros und Drogenrausch werden ihm Zugangsformen zu anderen Wahrnehmungen, später zu Transzendenzerfahrungen.
Der Roman „Eumeswil“ stellt sozusagen Jüngers „Neues Testament“ dar. Es geht um das Ende der Geschichte und der Zivilisation, die zur „großen Deponie“ geworden und der Schutt nicht mehr bewältigbar ist. Die bisherigen Entwürfe endeten folgerichtig immer in einer Flucht, diesmal ist es ein Aufbruch, der als „große Jagd“ in einen verheißungsvoll-phantastischen Wald führt, von dem nicht mehr erzählt wird. Aber es ist kein „weg von“ mehr, sondern ein „hin zu“.
Zwei Jahre vor seinem Tod konvertiert Jünger zum Katholizismus. Als er stirbt, erscheint es, als würde „das Jahrhundert zu Grabe getragen“ (Durs Grünbein). Was mit einem „Stahlgewitter“ begann, endet nun in einem Mediengewitter. Die Nachrufe übertönen alles andere.

Resümee
Man wird Jünger nicht gerecht, wenn man einzelne seiner Werke rezipiert. Er ist nur von seinem Gesamtwerk her zu verstehen, in dem er selbst als Protagonist eine Wandlung vom Krieger zum „Heiler“ vollzieht, wobei sich die letzte Stufe im „Wald“ verliert.
Seine Wandlungen vom Rechtsradikalen zum Verinnerlichten, vom Pubertierenden zum reifen, abgeklärten Erwachsenen, vom Stürmer zum inneren Rückzug, vom Aufgehen im Kollektiv zur Selbsterfahrung des Individuums, vom Mythos des Helden zum Mythos des Heilsbringers können nur im Gesamten beurteilt werden.
Zustimmung und Kritiken aus allen politischen Lagern betreffen meist einzelne Stationen seines Lebens, gehen auch insofern ins Leere, weil es bei Jünger mehr um den Mythos als um die konkrete Wirklichkeit geht, auch wenn er dieses minutiös und seismografisch beschreibt.
Als Verkörperung des 20. Jahrhunderts ist Jünger im 21. Jahrhundert aktueller denn je. An ihm lässt sich nachvollziehen, wie verschiedenste innere Strömungen (pubertäre Heldenfantasien, Lebenskampf, Protest, Nihilismus, usw.) von rechtspopulistischen Parteien aufgegriffen, nivelliert und manipuliert werden, obwohl derartig platte Partei-Ideologie nie wirklich gemeint ist.
„Ihn zu verstehen wird nötig sein, wenn man die Geistesgeschichte Deutschlands in unseren Zeiten verstehen will.“ (Erich Fried 1965).