Anna Stangl – Die Welt der Anima

Primavera, 2019

Eine beeindruckende Ausstellung in der Galerie Gerersdorfer, Wien, die noch bis 5. Juni 2019 zu sehen ist. Zeichnungen, die sich dem Betrachter in ihrer „Einfachheit“ erst beim tieferen Hinsehen erschließen, dann aber in Meditation münden können. Der Begriff „Interkulturelle Psychologie“ wäre eine gute Beschreibung dessen, was die Bilder aussagen.

Anna Stangl ist eine Künstlerin, die sich nicht aufdrängt, aber mehr als andere und sehr zielbewusst einen Dialog mit dem Betrachter führt. Ihre Zeichnungen sind nur auf den ersten Blick klar und einfach; wenn man sich näher darauf einlässt, lassen sie eine Tiefe erahnen, die vieles andeutet und vieles offen lässt. Man ahnt, dass die Künstlerin etwas darstellen will, das man nicht darstellen kann, aber eine Annäherung erlaubt, die der Betrachter weiterführen kann, wenn er sich darauf einlässt. Ein sehr eindrucksvolles Porträt der Künstlerin findet sich auf der Facebook-Seite der Galerie Gerersdorfer.

Kunst und Psyche

Zeichnen ist für Anna Stangl Lebensbewältigung, es gibt ihr Struktur; Dinge werden durch das Zeichnen klarer, wie durch Nachdenken oder Schreiben. Die Motive entstehen meist nicht aus der bewussten Vorstellung heraus, sondern aus sich, von innen, aus dem Unbewussten heraus. Der Schlaf ist ein wichtiges Thema, „ein Zustand, wo man ganz bei sich ist, und auch ins Unbewusste geht. Der Schlaf ist mit Träumen verbunden, und Träume sind eine der besten Quellen für meine Arbeit.

Kindheit II

Kunst kommt von innen, bei Anna Stangl ganz bewusst. „Im Traum oder im Tagtraum kommen mir mehr Ideen als wenn ich versuche, konzentriert eine Idee zu finden. In diesem sehr gelösten Zustand kommt meistens etwas hoch, wo ich mir denke, ah jetzt verstehe ich plötzlich, jetzt erklärt sich was. Oder es sind auch oft Geheimnisse im Traum, die mich dann interessieren, und wo ich mir denke, woher kommt das, wie kommt man nur drauf? Den Tagtraum versuche ich manchmal schon bewusst herbeizuführen, indem ich mich in die Hängematte leg und so einen kleinen Tagtraum einliege in meinem Atelier.“ Man kann in ihren Zeichnungen erspüren dieses Eingebunden sein und trotzdem ganz bei sich sein.

Verständlich, dass das Zeichnen ein Prozess ist, der sich über Wochen hinziehen kann. Der Zeit und auch Pausen braucht. Jede Zeichnung quasi eine Geburt von etwas Neuem. Was dabei zum Vorschein kommt, sind sehr intime und persönliche Geschichten. „Oft werden auch starke Gefühle gezeigt, und die größte Gefahr ist für mich dann immer die Bedrohung der Peinlichkeit oder dass es zu sentimental wird, davor fürchte ich mich selber oft.“ Der Betrachter versteht und ist dankbar für diese Offenheit, die alles andere als peinlich oder sentimental ist.

Anima und der Dialog mit dem Männlichen

Die Künstlerin taucht in ihre Seelenwelt, in ihr Inneres, in die Welt der Weiblichkeit. Es ist ein Weg, der im Konkreten beginnt, der von außen nach innen führt. „Man geht wahrscheinlich immer vom eigenen Körper aus, weil ich den am besten kenne und verstehe.“ Zentrales Thema ist daher der weibliche Körper, insofern er etwas Seelisches ausdrückt.

Sie stellt die Haltungen oft nach und weiß dann ganz genau, wie man sich in dieser Stellung fühlt. „…und dann treff ich, wenn ich Glück hab, auch die Stimmung, die das Bild ausmacht.“ Die Haltungen sind wie Mudras im Yoga. Zum ersten Mal klingt Asiatisches an, wenn auch nicht vordergründig.

Anima, 2005

In Anna Stangls Zeichnungen dominiert das Weibliche. Sie stellt viel öfter Frauen dar als Männer, und im Video erzählt sie, dass Männer sich oft ein bisschen ausgeschlossen fühlen aus dieser Welt. Zu Unrecht, denn es ist die Welt der Anima (der Analytischen Psychologie von C.G: Jung), des Weiblichen im Mann. Die Seele ist gegengeschlechtlich, und Männer können in den Zeichnungen ihre eigene Seelenwelt, ihre Anima erkennen. Man kann durchaus sagen, dass die Künstlerin durch diese ihre weibliche Welt einen Dialog mit den Männern führt. Es ist mehr der liebliche Aspekt der Anima, nicht die tiefere Oktave, die es natürlich auch gibt. Insofern haben ihre Bilder sogar einen heilenden Effekt.

Schattenwelt

Das Weibliche in der Frau wie im Mann hat natürlich auch einen Schattenaspekt. Der drückt sich im zweiten großen Themenbereich, den Tieren aus. Wieder zeigt sich ein Doppelaspekt, das Animalische kann sanft oder bedrohlich sein. In Anna Stangls Bildern ist er selten bedrohlich, meist spielerisch. Die Schattenwelt ist integriert, eine Frucht des Zeichnens als Lebensbewältigung. So ist der Umgang mit Tiersymbolen auch meist harmonisch.

Amselflug, 2019

Wie selbstverständlich haben viele Bilder auch eine erotische Komponente. „Oft geht es da nur um eine Sehnsucht und eine Vorstellung. Das ist einfach eine schöne Seite des Lebens. … Es passiert von selbst, dass das immer wieder auch in den Bildern ein bisschen vorkommt.“ Da geht es dann um Zweisamkeit und Harmonie der Geschlechter, nicht um Macht, sondern um Ergänzung. Selbst das Animalische ist schon vermenschlicht. Auch die Tiere sind damit Teil dieser Bildersprache der Beziehung. Sie sind eigentlich Menschen. „Aber oft ist es einfacher, weil es dann mehr offen lässt, eine Beziehung mit einem Tier und einem Menschen darzustellen.“ 

Rote Fäden, 2004
Der Gute, 2015

Früher waren es oft Pferde, heute mehr Vögel, Hasen, Bären und Füchse. Wie Märchenfiguren, die verschiedene Eigenschaften darstellen. „Ich hab auch eine Zeit in Japan gelebt. Dort hat der Fuchs eine große Bedeutung…. Der haust im Wald und frisst die Kinder und die Frauen, aber er ist auch ein Schutzgeist. Das hat mir gut gefallen.“

Interkulturelles

Womit wir von der Psychologie her direkt beim Interkulturellen gelandet wären. Wie erwähnt, sind es keine asiatischen Motive, die sich in dem Vordergrund drängen würden. Die Biografie der Künstlerin ist durchzogen von Reisen in allen Kontinenten. Dabei wäre es einfacher aufzuzählen, wo sie nicht war. Ihre Kunst atmet eine globale Perspektive, nimmt „Fremdes“ auf, assimiliert es und prägt den immer eigenständigen Stil. Die Ambivalenz oder Komplementarität (Yin/Yang) ist allgegenwärtig. Das Männliche im Weiblichen (und umgekehrt), das Sanfte und Bedrohliche im Animalischen, das Eingebunden-Sein im Geflecht eines großen Ganzen. Man darf vermuten, dass die Künstlerin in vielen Welt- und Menschenbildern zuhause ist.

Heimat und inneres Kind

Dr. Margit Zuckriegl wies bei der Eröffnung der Ausstellung in der Galerie Gerersdorfer darauf hin, dass die Frauen in Anna Stangls Zeichnungen kein Alter haben, zeitlos sind. Im Porträt-Video erklärt die Künstlerin, dass sie sich schon als Kind stundenlang mit irgendwelchem kleinen Zeug beschäftigt habe. „Das war für mich der Inbegriff von Glücklich Sein. Das wollte ich eigentlich nie aufgeben. … Das war immer mein großer Wunsch, dass das so weitergeht. Mit großer Zähigkeit gelingt es dann auch, das zu verwirklichen. Was Besseres kann gar nicht sein.

Dschungel, 2028

So atmen auch ihre Zeichnungen dieses Glücklich-Sein des inneren Kindes, das sich die Künstlerin im Erwachsen-Werden und Erwachsen-Sein eindeutig bewahrt hat. Es war sicher ein langer Prozess, der sie durch viele Länder und viele innere Stationen dahin geführt hat, wo sie jetzt ist. Das Ergebnis ist eine fühlbare Harmonie von innen und außen, was sie in einem sehr schönen Satz ausdrückt: „Es gibt so eine ganz starke Sehnsucht nach Schönheit und Harmonie bei mir, was auch eine Gefahr ist, das weiß ich schon, aber es fließen dann manchmal irritierende Elemente von selber rein. Und das ist auch gut so. Irgendein schwarzer Kopf oder sonst was. Aber es gibt diese starke Sehnsucht nach der Schönheit und der Perfektion.“

ruminant touch, 2003

Das taoistische Motiv der Monade, des dunklen Punktes im Hellen und umgekehrt, was zusammen erst so etwas wie die Harmonie ergibt. So irritieren die irritierenden Momente auch nicht, sondern sie gehören zum harmonischen Ganzen dazu.

© R. Harsieber

Anna Stangl
Die Vögel, 2017
Behütet, 2018
Verbunden, 2000
Test of Courage, 2005
Pflanze zärtlich, 2008
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Gedanken zu den „Wortkörpern“ von Johann Berger

32202744_2403905552960308_6426007451253866496_nAm 24. Mai 2018 wurde im traditionsreichen Palais Strozzi in Wien, organisiert vom „Complexity Science Hub Vienna“, einem Institut, das sich der Komplexitäts-forschung widmet, die Ausstellung „Wortkörper“ von Johann Berger eröffnet – ebenso gelungen wie spannungsgeladen. Innovative Wissenschaft in einem traditionsreichen Gebäude präsentiert ebenso innovative Kunst, die auf antike Begriffe rekurriert.

DSCN4650_webBerger unternimmt etwas, das es bislang nicht gegeben hat. Er nimmt Begriffe aus dem Griechischen und Hebräischen, nimmt den Buchstaben das Nacheinander, setzt sie hintereinander und entwickelt daraus eine buchstäblich begreifbare Form. Im Innenhof des Gartenpalais steht außerdem noch etwas erstmals Realisiertes, ein Objekt, das als 3D-Druck aus Beton entstanden ist, aus der Entwicklungsabteilung des Bauunternehmens Baummit.

Kunst wird dann bedeutsam, wenn sie beim Betrachter das Innere anrührt und/oder zum Denken anregt. Dazu fordert die doppelte Spannung zwischen Tradition und Innovation geradezu heraus.  Man kann sagen, dass bereits Aristoteles die komplexe Natur zu erschließen versuchte. Der kulturelle rote Faden reicht bis zur Naturwissenschaft, die aber lange Zeit eine Theorie einfachster Systeme war. Erst in heutiger Zeit versucht man, der Komplexität der Natur gerecht zu werden.

Johann Berger nimmt antike Begriffe in griechischer und hebräischer Schrift, und setzt die Worte dreidimensional in den Raum, so dass sie buchstäblich begreifbar werden. Damit passiert etwas, das es bisher noch nicht gegeben hat, das aber auch der heutigen Verwendung von Worten einen Spiegel vorhält. Wir wollen „begreifen“, wir definieren, d.h. wir grenzen den Begriff ein. Dass dadurch nicht nur etwas klarer wird, sondern auch etwas verloren geht, kommt uns nicht mehr in den Sinn.

 

In der Antike waren die Sprachen bildhafter und weniger begrifflich als heute. Auch eine klare Bedeutung war mehrdeutig. So war das hebräische Wort für „Vater“ auch das Wort für „Ursprung“. Letzteres geht verloren, wenn Fundamentalisten es nur mehr anthropomorph als „Vater“ verwenden. Zudem erleben Worte einen Bedeutungswandel. Sprache ist lebendig und wandelt sich ständig. Wer heute an einen „persönlichen“ Gott glaubt, der glaubt so ziemlich das Gegenteil dessen, was damals darunter verstanden wurde. Persona war die Maske im griechischen Theater, die „Person“ (im heutigen Sinne) dahinter, der Schauspieler, blieb unsichtbar und verlieh der Maske das Leben, den Charakter. Als der Begriff der Trinität kreiert wurde, dachte man wohl mehr an drei Masken als an drei „Personen“.

Diese Mehrdimensionalität der (mehr bildhaften) Wortbedeutungen ist verloren gegangen. Selbst die hebräischen Buchstaben sind keine Zeichen, sondern Bilder, Symbole, die auch in Zahlen ausgedrückt werden können, wodurch ihre Bedeutung klarer und gleichzeitig vieldeutiger wird. Dies alles schwingt in Bergers „Wortkörpern“ mit, durch die paradoxe Situation, dass gerade durch das „festgestellte“ statische Objekt die ganze Kulturgeschichte mitschwingt. Dadurch wird ein Finger auf den wunden Punkt unserer Kultur gelegt, nämlich dass unsere Begriffe die Dimension der Zeit, ihren dynamischen, mehrdimensionalen und vieldeutigen Charakter verloren haben.

Das ist jedoch nicht nur der Sprache geschuldet, sondern dem vorherrschenden Weltbild, das ein zutiefst statisches ist, dem die Zeit, jegliche Dynamik, jegliche Entwicklung fremd ist. Das europäische Denken zerlegt die Welt in kleinste Teilchen, das Ergebnis sind ganz scharfe Standbilder, mit denen der dynamische Film der Wirklichkeit aber verloren ist. Der zweite Strang der europäischen Kultur, der schon bei Heraklit („Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss“, „panta rhei“ = alles fließt) anklingt, spielt eine zunehmend unbewusste, verdrängte, inferiore Rolle. Nicht zufällig ist die Frage der Zeit für die heutige Leitwissenschaft Physik ein unlösbares Problem. Selbst das Zusammenfügen der Standbilder zu einem großen Ganzen ergibt immer noch keinen Film.

Es ist das Verdienst Johann Bergers, dass er durch seine „festgestellten“, materialisierten Formen auf die lebendige Tradition verweist, auf das Fließen, auch der Übergänge zwischen den Buchstaben. Der Betrachter wird angeregt, nicht nur den Prozess der Entstehung des Objekts, wie auch der ursprünglichen Worte mitzudenken, wodurch Verlorenes wieder lebendig werden kann.

 

Manfred Kochs Welt-Bilder

Koch_printempsDie Kunst Manfred Kochs besteht vor allem darin, Bewegung in einem statischen Medium einzufangen. Dazu braucht es Technik, Geduld und ein offenes Welt- und Menschenbild.

Unser gewohntes Weltbild ist ein durch und durch statisches. Wir sehen Objekte und Dinge, die auch wenn sie sich bewegen, ohne Veränderung in sich sind. Heraklits „panta rhei“ war dagegen offensichtlich machtlos. Wir sehen das Fließen der Dinge nicht. Wir sehen ein Gebäude als „Objekt“, vernachlässigen seine Geschichte, die vom Bau bis zum Verfall reicht. Die Bewegung ist zu langsam, als dass sie uns auffallen würde. Und doch ist sogar ein Berg in fließender Bewegung, wurde einmal vor langer Zeit aufgefaltet und schrumpft dann Millimeter für Millimeter.

Wir denken sozusagen in Standbildern (Dingen, Objekten) und übersehen den Film (die Geschichte), der die Wirklichkeit ausmacht. Unsere Bilder der Wirklichkeit haben noch nicht laufen gelernt. Dazu kommt, dass wir uns an ein (pseudo)naturwissenschaftliches Weltbild klammern, und (die klassische) Naturwissenschaft darin besteht, die Welt in kleinste Teilchen (Standbilder) zu zerlegen. Erst nach 1900 kam diese Teilchenwelt ins Wanken, zumindest in der Physik. Teilchenbild und Wellenbild gehören komplementär zusammen. Im Gegensatz zur klassischen hat aber die moderne Physik kaum einen Einfluss auf unser Weltbild.

In der Welt Manfred Kochs gibt es Foto und Film, festgehalten mit einem „Objektiv“, das Objekte darstellt oder „bewegte Bilder“. Im Film laufen die Bilder so schnell vor unserem Auge ab, dass sie wie Bewegung erscheinen. In dieser „Bewegung“ verstecken sich die Standbilder. Das Faszinierende an Kochs Fotos ist, dass er im statischen Bild Bewegung sichtbar macht, dass er Ruhe und Bewegung nebeneinander in komplementäre Spannung stellt. Seine Fotos fangen nicht Objekte ein, sondern Momente einer Bewegung, einer Geschichte. Das Festgehaltene ist nicht Objekt, sondern Verdichtung von Zeitlichem. Sinnliches wird damit auch zum Sinnhaften, über sich Hinausweisenden, Fotografie zur Philosophie.

Dazu kommt man nicht, indem man ein Motiv erfasst und auf den Auslöser drückt. Zur Inszenierung gehört ganz wesentlich das Warten, das Warten auf den richtigen Augenblick (Chairos), in dem Vergangenes und Zukünftiges mit eingefangen werden. Ein konkreter Ort und ein konkreter Zeitpunkt, die über sich hinausweisen. Es wird ein ganz bestimmter Augenblick eingefangen, in dem aber die Bewegung erhalten bleibt und im Kontrast zum statischen Teil des Fotos steht. Oft sind es mehrere Räume, die ineinander übergehen, und Bewegungen, die den ruhenden Teil der Komposition aus der Reserve zu locken scheinen.

Wie in jedem Kunstwerk ist das Bild der „Endpunkt“ eines Prozesses der Gestaltung. Dieser ist dann für den Betrachter der „Ausgangspunkt“ eines Prozesses, der vom Raum, den das Bild eröffnet, in den Innenraum, die Innenwelt des Betrachters führt. Das Bild ist die Mitte oder der Schnittpunkt zwischen der inneren Einstellung des Künstlers und der Innenwelt des Betrachters.  Die Fotos weisen dadurch ins Symbolhafte, sind mehrschichtig und mehrdeutig. Oft erzählen Details, die man beim ersten Blick gar nicht sieht, eine eigene Geschichte, die aber dem ganzen Bild eine neue Wende gibt.

Anders und doch nicht anders in der Serie „Übergangenes“, die Abbildungen von verwitterten Pariser Zebrastreifen. Hier erzählt gerade das statische Muster eine bewegte Geschichte.

Manfred Koch geht es nicht (nur) darum, etwas Äußeres festzuhalten, sondern aus sich heraus etwas zu gestalten. Gute Kunst ist immer auch ein Offenlegen des eigenen Inneren. Im Bild oder Foto trifft dieses Offengelegte dann auf die Innenwelt des Betrachters, wo etwas angerührt wird, das nicht vorhersehbar ist. Das Foto stellt eine Beziehung zwischen Künstler und Betrachter her, zwischen zwei Innenwelten, die einander durch das Foto in seiner Vieldeutigkeit begegnen.

Eine andere Spannung ist, dass jedem Foto eine genaue Vorstellung der Komposition zugrunde liegt. Und doch soll ein Ereignis festgehalten werden, das nicht vorhersehbar ist. Es ist ein Warten auf eine Begegnung, in der Geplantes und Zufälliges, nicht Berechenbares verschmelzen. Scheinbar Alltägliches bekommt durch den herausgehobenen Augenblick eine tiefere Bedeutung.

Manfred Kochs Fotos laden dazu ein, die „Dinge“ anders sehen zu lernen, das gewohnte Wahrnehmen und damit das gewohnte Denken zu übersteigen. Das europäische Denken ist ein Denken in einander ausschließenden Gegensätzen. In Kochs Fotos stehen die Gegensätze nebeneinander, schließen einander nicht aus, sondern kommunizieren miteinander, verweisen aufeinander und auf die Einheit des „panta rhei“. Auf die Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit der Welt, die der modernen Sucht nach Eindeutigkeit, die es in der Natur gar nicht gibt, widersteht. Koch arbeitet mit seiner Kamera an einem neuen Welt-Bild.

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„Die Kraft des Alters“

Am 16. Nov. 2017 wurde die Ausstellung „Die Kraft des Alters“ im Unteren Belvedere in Wien eröffnet. Das Interesse überstieg beinahe das Fassungsvermögen der Räumlichkeiten. Die Ausstellung ist bis 4. März 2018 zu sehen. Zu sehen sind insgesamt 174 Werke von 105 Künstlerinnen und Künstlern.

Eine Ausstellung zu diesem Thema gab es bisher noch nicht. Das Alter wird verdrängt, alte Menschen abgeschoben und versteckt. „Im Prinzip ist das Altwerden bei uns erlaubt, aber es wird nicht gerne gesehen.“ Mit diesem Zitat des Kabarettisten Dieter Hildebrandt begann die Kuratorin der Ausstellung, Sabine Fellner, ihre Einführung. Nicht Sichtbares sichtbar zu machen, war immer schon das Privileg der Kunst. Warum also nicht Künstler/innen zu diesem Thema befragen?

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Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien

Sichtbar wird, dass die Einstellung zum Alter sich wandelt. In früheren Zeiten und anderen Kulturen galt das Alter als ehrbar. Heute ist der weise Alte vergessen und an seine Stelle der senile Alte getreten. Von Stefan Zweig wissen wir, dass in der Zeit des Fin de Siécle Wiens Jugend als Karrierehemmnis galt. Wer es zu was bringen wollte, machte sich älter. Aber gegen sein Lebensende wunderte er sich, dass „Vierzigjährige alles tun, um wie Dreißigjährige auszusehen und Sechzigjährige wie Vierzigjährige“. Von dieser Wandlung der Einstellung leben heute die Mode- und Kosmetikindustrie sowie die Schönheitschirurgie. Auch die Medien leben von diesem Partisanenkrieg gegen das Altern, der mit „anti aging“ umschrieben wird. Das Alter wird nicht als natürlicher Lebensabschnitt gesehen, sondern  als etwas Pathologisches, das therapiert werden muss. In den USA gibt es heute allerdings bereits einen Trend gegen dieses „anti aging“. Denn Alter ist nicht nur Defizit, sondern auch Gewinn.

Tatsächlich herrscht aber noch der Jugendwahn. Schon das Erwachsenwerden ist suspekt, und das Alter beinahe nicht existent. Jedermann hat bis ins hohe Alter jugendlich auszusehen und jede Frau muss möglichst mit 40 aufhören zu altern oder wenigstens unsichtbar bleiben. Sabine Fellner stellt auch den Gegentrend, der heute schon zu beobachten ist, wenn über 70-jährige Models über den Laufsteg trippeln, infrage. Denn selbst die haben noch Jugendlichkeit auszustrahlen, womit sie genau das konterkarieren, was diese Ausstellung, wie Stella Rollig, die Generaldirektorin des Belvedere, erläutert, herausstellen will: dass Alter auch für Macht, Erfahrung, Lebensweisheit, Kontemplation, Würde, Lebenslust und Triumph über Konventionen steht.

Es ist die Kunst, die die Ästhetik des Alters und des Alterns ins Blickfeld rückt. Künstlerinnen wie Margot Pilz oder Martha Wilson stellen den Jugendwahn infrage, zeigen die Spuren des Lebens an Körpern mit Ironie und Ästhetik. Die Benachteiligung der Frau in Bezug auf das Alter wird in der Ausstellung thematisiert und infrage gestellt. Auch Frauen gewinnen im Alter an Persönlichkeit und Souveränität, bemerkt wird es meist nur bei Männern. So vermittelt ein Gemälde der amerikanischen Malerin Aleah Chapin die pralle Lebenslust im Alter: Frauen jenseits der 50, nackt, mit allen Falten, ergraut und ohne Beschönigung, aber in ihrer Stärke, Vitalität, Unabhängigkeit und Verbundenheit – eine neue Form der Schönheit jenseits des Klischees.

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Aleah Chapin, The Last Droplets Of The Day, 2015. Foto: Martin Url

Kunst zeigt auch die positiven Seiten des Alters: Man kann sich über frühere Zwänge hinwegsetzen, sich dem Wesentlichen zuwenden, Qualitäten entwickeln, die einem Jüngeren noch verborgen sind. Sexualität im Alter ist den Betroffenen kein Tabuthema, Defizite – besonders männliche – können durch eine neue Intensität ausgeglichen werden. Johannes Grützkes „Vier alte Männer von einer Frau durchwoben“ zeigen einen möglichen „Ausweg“, sich mit einer jungen Frau zu verjüngen, ein Weg, den umgekehrt auch selbstbewusste Frauen immer mehr beschreiten.

Belvedere_HeidiBleibt die Schattenseite des Alterns, das Thema Krankheit, das natürlich im Alter brisanter wird und sogar von der Kunst eher scheu abgehandelt wird. Hier sticht Heidi Harsiebers „X-Ray“ hervor, die den zur Strahlentherapie nach Brustkrebs vorbereiteten Körper in Kontrast zur sinnlichen Darstellung einer Hexenverbrennung stellt. Womit die Verbrennung und Strahlung tatsächlich in eine Kraft des Alters münden kann.

Heidi Harsieber, x-ray, 2001.
© Bildrecht, Wien, 2017

Das wirkt weit expressiver und explosiver als die Beschäftigung mit der immer noch ästhetischen Vergänglichkeit durch Egon Schiele , Gustav Klimt, Birgit Jürgenssen, Roman Opalka. Ein anderer Kontrast bildet das stille Leiden in Regina Hüglis Porträtserien von Demenzkranken.

Belvedere_TennesonDen Trend zur Ausmerzung der Spuren des Alterns nimmt Martha Wilson aufs Korn, indem sie Gesichter zeigt, die durch Schönheitsoperationen „optimiert“wurden, wodurch der Charakter eines Menschen, seine Identität, Individualität und Lebendigkeit gänzlich verloren geht. Die angebliche Schönheit besteht in einer Auslöschung des Lebendigen.

Das Gegenkonzept stellt Joyce Tenneson vor, indem sie in ihren Fotoarbeiten die Attraktivität und Würde des Alters darstellt.

Joyce Tenneson, Christine Lee, 2002. © Joyce Tenneson

 

Ein anderes Thema ist die zunehmende Einsamkeit im Alter. Auch die hat zwei Seiten: das zunehmende Leiden an der Einsamkeit und das Bedürfnis nach Einsamkeit (z.B. Elsa Spitzers „Frau mit Schirm“). Aber auch Verbundenheit und Beziehung ist – vielleicht sogar intensiver – immer noch Thema (Harry Weber: „Paar im Altersheim Lainz“), auch generationenüberreifend (Christine Turnauer: „Sybil Graburn und und Linda Mcnally, Mutter und Tochter“, Joseph Floch: „Frau Weiss und ihre Töchter Liese und Lene“, Claudia Schumann: display (ROSA)“).

Das Altern ist so vielschichtig wie das Menschsein und so widersprüchlich wie das Leben. Pablo Picasso (vertreten durch „Tableau de famille“) schaffte es, die Spannung des Themas in einem einzigen Satz zu kristallisieren: Man müsse schon sehr lange leben, „um jung zu werden”.

 

„Die Kraft des Alters“

bis 4. März 2018, Unteres Belvedere in Wien, täglich 10.00 bis 18.00 Uhr, freitags 10.00 bis 21.00 Uhr.

Wi(e)der die Kunst

Ein Rundgang durch die (Grazer) Kunstszene. Große Namen können langweilen. Hat Kunst noch Bedeutung? Am Rande sogar eine sehr dichte. Gedanken zu einer Austellung von Friedl Kubelka in der Camera Austria.

Natürlich heißt Kunst immer auch: Alles ist möglich. Einem Inhalt Ausdruck zu verleihen soll keine Grenzen gesetzt sein. Aber Inhaltsloses oder Belangloses künstlich aufzublähen, geht an der Intention doch allzu weit vorbei. Da hilft es auch nichts, wenn ein großer Name drunter steht.

Und dann in der Camera Austria die Ausstellung Friedl Kubelka: Atelier d’Expression (Dakar). Kunst überschreitet Grenzen, innere und äußere, geografische, politische, gesellschaftliche, psychische, nicht zuletzt des Kunstmarktes. Friedl Kubelka besuchte mehrmals das Atelier d‘ Expression in Dakar, Senegal, eine psychiatrische Einrichtung an der UniKlinik, die den Patienten unter anderem künstlerisches Arbeiten ermöglicht. Die Ausstellung zeigt fotografische Doppel-Portraits der Patienten und einen Film über sie. Eingebunden in die Ausstellung sind Bilder der Akteure. Höhepunkt war die von Friedl Kubelka und Georg Gröller initiierte Auktion dieser Bilder, in der alle verkauft werden konnten. Damit wurden diese Künstler, die nie die Gelegenheit hätten, die geringste Rolle in der Kunstszene zu spielen, in diese einbezogen. Hier wurde die Grenze zu den „Outsiders“ in einen verbindenden Brückenschlag verwandelt.

Hier die Fotografin, ihr Blick (durch die Kamera) auf psychiatrische Patienten, ein Blick, der ihnen die Würde so sehr belässt, dass niemand ein Krankheitsbild dahinter vermuten würde, daneben deren Werke, deren Stil einzuordnen vergebliche Mühe wäre. Der Begriff „Outsider Art“ wird zur Fata Morgana degradiert. Die Bilder stehen für sich und wurden als solche gewürdigt.

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Was wäre Kunst, die nicht hinters Licht führt? Die nicht zum Denken anregt und innere Grenzen sprengt? Die Idee stammt von Georg Gröller, Psychotherapeut und Ehemann der Künstlerin. Er verführt zum Nachdenken über Fremdes, das Fremde und die Fremden, und führt über psychologische, soziale, gesellschaftliche und politische Grenzen. Wer sich darauf einlässt, dringt ein in eine Welt, die von Fatalismus und einer mythischen Weltsicht geprägt ist, die wir als rückständig bezeichnen würden. Um zu hören, dass genauso das, im Verein mit einer größeren Eingebundenheit in die Familie, der Grund dafür ist, dass die psychiatrischen Krankheitsbilder im Wesentlichen dieselben sind wie in „zivilisierten“ Ländern, aber einen milderen Verlauf nehmen und eine bessere Prognose haben. Weil sie natürlichen und übernatürlichen äußeren Ursachen zugeschrieben werden, sind die Erkrankungen weniger destruktiv, die Patienten zeigen weniger Scham und größeres Selbstvertrauen als die in Europa.

Georg Gröller bringt es auf den Punkt: „Eine mythische Erklärung der Welt wäre in dieser Frage einer aufgeklärten Rationalität des Abendlandes überlegen.“ Natürlich haben wir letzterer unseren Fortschritt zu verdanken, den niemand missen möchte, aber meist wird der Preis dafür unterschlagen: „die zunehmende Verdinglichung unserer Beziehungen zur Welt, zu den anderen und schließlich auch zu uns selbst – und, was vielleicht noch schwerer wiegt, die zunehmende Verleugnung einer letztlich unhintergehbaren Ohnmacht.“

Vor der jeglicher Machbarkeitswahn kapitulieren muss. Wir können unser mythisches und religiöses Leben verleugnen, dem über die Grenzen hinausgehenden Transzendenten entgehen wir auch in der Psyche nicht. Daher muss die Hardcore-Aufklärung auch das Psychische verdrängen, womit aber alles verdinglicht und das Leben erstarrt und ausgeschlossen wird.

Ein Blick auf Afrika zeigt, dass sich viele Menschen dort nach dem Fortschritt Europas sehnen und auch dorthin aufbrechen, dass noch mehr aber intuitiv erkennen,  dass der Preis zu hoch ist. Sie sehen, dass sie das Opfer der Verdinglichung und Verleugnung bringen müssten, und dass Europa in all seinem Reichtum immer mehr innerlich verarmt. Dies zu sehen wäre auch unsere Aufgabe.

Wenn Georg Gröller uns aufzeigt, dass im Senegal die Idee des Schicksals größer ist als die des Fortschritts, dann führt er uns zwar nicht auf einen Weg zurück. „Aber eines könnten wir aus der Haltung der Schicksalsergebenheit lernen: dass wir das Obsessive an der Idee einer möglichen vollständigen Beherrschung unseres Lebens aufgeben – gerade das nämlich lässt uns paradoxerweise immer mehr vom Herrn zum Sklaven werden.“

So ist es vielleicht nicht übertrieben, in diesem Gemeinschaftsprojekt von Künstlerin, Psychotherapeuten, künstlerisch tätigen Patienten, grenzüberschreitend und überbrückend, letztlich auch – wer sich dazu anregen ließ – von außen nach innen, die Idee eines Gesamtkunstwerks dämmern zu sehen, das große Namen und den kommerziellen Kunstbetrieb locker in den Schatten stellt. So wie nämlich seit 100 Jahren eine bloß „objektive“ Naturwissenschaft nicht mehr möglich ist, weil das „Subjekt“ aus der Welt nicht zu extrahieren ist, so wird auch Kunst letztlich erst in der Beteiligung zum Kunst-(wirkenden)-Werk.