Selbstliebe

Es ist heute so inflationär von Selbstliebe die Rede, und das klingt doch so oft nach Selbstillusion.

Selbstliebe hat wie alles in der Welt zwei Seiten.

Die eine ist: Ich sollte mich selbst so wie ich bin, mit allen, auch den dunkelsten Ecken und Kanten, erkennen und lieben.

Die zweite ist: Ich sollte mich hineinlieben in das Ideal meiner selbst. In religiöser Sprache: so wie Gott mich gewollt hat.

Diese Sprache ist vielen zuwider, aber es besagt nur, dass dieses „Bild“ aus einem unendlich größeren Rahmen stammt, als der, in dem ich konkret lebe.

Jedenfalls heißt Selbstliebe, diese Diskrepanz, die manchmal ein Abgrund ist, zwischen miserabler endlicher Realität und unendlichem Seinkönnen auszuhalten.

Wahrheit und Relativität

Zum Streit zwischen den Hütern der Wahrheit und den Verteidigern des Relativen (beides abwertend in Richtung Gegner gemünzt) wäre zunächst zu sagen, dass es diesen Streit spätestens seit Parmenides und Heraklit gibt. Ersterer betonte das Sein, letzterer das Werden, und bis heute schlug das Pendel in der Geschichte mal in die eine, mal in die andere Richtung aus. Also nichts Neues unter der Sonne, wenn heute in der Kirche Konservative und Progressive aufeinanderprallen.

Verzweifelt könnte man anbringen, dass das 2. Vatikanische Konzil genau diesen Widerspruch überwinden wollte und auch überwunden hat, mit der Formel: Zurück zum Ursprung, aber in der Sprache der heutigen Zeit. Allerdings sind die Gräben nach dem Konzil wieder aufgebrochen, und angesichts des jetzigen Papstes ist der Widerstreit zwischen Reformern und Bewahrern wieder so eklatant, dass manche schon von drohender Spaltung sprechen.

Aus philosophischer und tiefenpsychologischer Sicht ist dieser Streit absurd. Bewahren kann man nur etwas, wenn man seine Weiterentwicklung nicht blockiert; und eine Reform wird immer näher zum Ursprung führen müssen.  Psychologisch ist es ein Konflikt, der entweder in die Tragik des Widerstreits oder in die Komplementarität mündet. Letzteres meint, dass Gegensätze einander nicht ausschließen, sondern ergänzen. Philosophisch ist Sein/Identität gar nicht denkbar ohne Werden/Diversität, Einheit nicht ohne Vielfalt und Absolutes nicht ohne Relatives. Wir sind von der Geburt bis zum Tod derselbe Mensch, der sich ständig wandelt. Stagnation wäre vorweggenommener Tod. Wenn wir jemand nach sieben Jahren wieder treffen, dann ist kein einziges bekanntes Atom oder Molekül mehr an ihm, er ist materiell ein völlig anderer, aber doch dieselbe Person.

Und was Wahrheit und Relativität betrifft, brauchen wir auch beides. In der Welt ist alles relativ, gegensätzlich, zwiespältig, gebrochen. Es ist alles Fragment, aber wir brauchen auch das Ganze, das Absolute, nicht als Ding, als Realität, sondern als Orientierung. Orientierung für einen Weg, ein Werden, eine Entwicklung, die in die Offenheit des Unnennbaren führt. Und diese Offenheit bewahrt uns vor dem mentalen Gefängnis des „Es gibt nur…“

Verhängnisvoll wird es, wenn etwas Relatives absolut gesetzt wird. Wird ein Wert, z.B. Gerechtigkeit, absolut gesetzt, dann werden andere – an sich „gleichwertige“ – ebenfalls absolut gesetzt und bekämpft. Wird das Gesetz absolut gesetzt, muss alles, was sich nicht in die Norm pressen lässt – und das ist eigentlich alles Menschliche – mit kalter Grausamkeit verfolgt werden. Wird das Eigenständige (das dann genau nicht eigenständig ist) absolut gesetzt, dann wird das Fremde (das eigentlich das eigene, innere, nach außen projizierte Fremde ist) im anderen abgewertet, bekämpft und gehasst. (Die Tragik der Politik). Wird die (eigene) Wahrheit als absolut verteidigt, wird jeder Andersdenkende zum Häretiker gestempelt. (Die Tragik der Religion). Wenn man glaubt, Wahrheit zu besitzen, dann ist man schon beim goldenen Kalb – das in menschliche, relative Vorstellung gepresste Absolute. Jeder, der sich im Besitz der „Wahrheit“ wähnt, macht (nicht nur) die Kunstschätze in seinen Kirchen zu goldenen Kälbern. Dasselbe macht der gläubige Atheist, der sein „Es gibt nicht“ absolut setzt, alle anderen für dumm erklären muss, und nicht einmal erklärt, wogegen er ist. Alles das kennen wir aus der Geschichte. Weltlich heißt das Fanatismus, biblisch Götzendienst.

Besonders interessant wird es, wenn man sich weigert, die Gegensätze als (zu eliminierenden) Gegensatz stehen zu lassen, und komplementär beides als einander ergänzend sehen will. Dann wird man für die Bewahrer der Konservative, und für die Reformer der Progressive. Denn wer komplementär denkt, wird bei jeder einseitigen Aussage die jeweils andere (als Ergänzung) betonen, und findet sich dann in der jeweils passenden Schublade der linear Denkenden wieder. Denn die können nur vereinfachen und mit der Komplexität der Wirklichkeit nichts anfangen. Wer versucht, der Komplexität gerecht zu werden, wird aus Unverständnis einfach ins andere Eck gestellt.

Gegensätze und Komplementäres

Im gegenwärtig beherrschenden fragmentierenden Denken stellt sich immer wieder die Frage nach dem Ganzen – und da wieder nach einem abstrakten und einem lebendigen Ganzen. Davor aber die Frage, wie man mit Gegensätzen umgeht.

Dies ist die Welt der Dualität, sagen Esoteriker. Die gilt es zu überwinden, was für viele in einer Weltflucht (buchstäblich) endet. Andern Orts tobt ein Kampf zwischen Materialisten, Naturalisten, Wissenschaftsgläubigen und Religiösen, Spirituellen. An der Oberfläche ist es meist ein Krieg zwischen wissenschaftlichen und religiösen Fundamentalisten. Wir leben in einer Zeit der Polarisation, nicht nur zwischen Arm und Reich, sondern auch zwischen Weltbildern.

Der Streit hat verschiedene Dimensionen, nicht nur intellektuelle. Psychologisch steht dahinter ein Schwarz-Weiß-Denken, das zur Projektion neigt. Man vertritt selbst das Gute, die Anderen, Fremden immer das Böse. Das tritt ja aktuell in der Flüchtlingskrise wie eine Krankheit zutage. Dieses Denken neigt zu Extrempositionen, aus denen alle Grauwerte, alles dazwischen verschwindet.

Wenden wir uns diesen Grauwerten und Zwischentönen zu, dann sind wir in der Psychologie. Und die Psychotherapie hat es auch mit Extremen des Menschlichen zu tun, mit Neurotisierungen, Traumatisierungen und inneren Konflikten. Während das „wissenschaftliche“ Denken die Zeit in Standbilder zerlegt und analysiert, wodurch die Zeit selbst verloren geht, beschäftigt sich die Psychologie mit eben dieser Zeit in der Entwicklung des Menschen und seiner Konflikte. Eine Psychotherapeutin arbeitet daher weniger mit Begriffen als mit Mustern, Tendenzen, Überwältigendem. Nicht mit Fakten, sondern Deutungen. Die nicht „richtig“ sind, sondern stimmig sein müssen. Und zwar in erster Linie für den Klienten und nicht für den Therapeuten.

Damit sind wir bei einer anderen Dimension, der des Religiösen. Religion ist nicht Wissenschaft, da haben die naiven Atheisten um Richard Dawkins Recht. Sie muss daher auch nicht aus logischen Gründen von zwei Gegensätzen einen eliminieren. Es geht in der Bibel nicht wissenschaftlich, sondern menschlich zu. Auffällig ist, dass es in der Bibel von Anfang an um Gegensätze und Konflikte geht – wie im richtigen Leben. Kain und Abel, Jakob und Esau, Ägypten und das Gelobte Land. Oder um den verlorenen und den gebliebenen Sohn im Gleichnis vom barmherzigen Vater. Es geht um menschliche Dimensionen und Konflikte. Außerdem geht es um Zeit und Entwicklung.

Das Alte Testament wurde in einem Zeitraum von etwa 1000 Jahren geschrieben, und vieles, das immer wieder als Widersprüche angeprangert wird, ergibt sich schon daraus. Das „Aug um Auge“ war in einer Zeit, in der bei einem Mord der ganze Stamm des Mörders hingemetzelt wurde, ein ungeheurer Fortschritt. Die zehn Gebote kommen zweimal vor, in der ersten Version sind Frauen noch unter Hausrat und Tieren vermerkt, in der zweiten Version als Personen.

Wer religiöse Bücher so liest, wie sie zu lesen sind, nämlich als sich selbst betreffend, wird zugestehen, dass sowohl Abel, als auch Kain in ihm sind. Dass Ägypten, das Gelobte Land und die Wüste dazwischen die Zerbrochenheit des eigenen menschlichen Lebens darstellen. Und bei genauerem Hinsehen wird man feststellen, dass religiöse Schriften mehr Psychologie enthalten als psychologische Fachbücher. Was naive Religionskritiker natürlich ignorieren, weil sie auch die Psychologie verdrängen. Aber die Psyche ist das, was wir sind, alles andere – auch und vor allem das „Objektive“ – ist uns nur indirekt zugänglich.

Menschsein heißt, mit Gegensätzlichem umgehen zu müssen. Menschsein heißt, im Namen der Gerechtigkeit oder der Religion Kriege zu führen. Menschsein heißt, die über alles Geliebten zu verletzen, ohne es zu wollen. Menschsein heißt, sich zu entscheiden, das eine zu tun oder das andere, und in beiden Fällen jemanden zutiefst zu verletzen. Menschsein heißt auch, dass es vor Gericht um Recht, aber nicht um Gerechtigkeit gehen kann. Menschsein heißt, die eigene Endlichkeit und Begrenztheit anzunehmen, ohne die Ausrichtung auf das Unendliche zu verlieren.

In religiöser Sprache geht es dabei um das Irdische und das Göttliche. Beides letztlich in uns. Während wir diskutieren, kritisieren, spotten über das Religiöse, übersehen wir, dass es um etwas ganz anderes geht. Jesus ist, nach Lehre der Kirche, „wahrer Gott und wahrer Mensch“. Er ist ganz „beim Vater“ (was auch „Ursprung“ bedeutet) und ganz Mensch, in all seiner Endlichkeit und Gebrochenheit. Und er nennt die Menschen Brüder und Schwestern, was heißt, ihm „gleich“ zu sein. Heißt, auch unser Menschsein geht weit über das bloße Menschsein hinaus, umfasst in aller Endlichkeit und Gebrochenheit doch immer Endliches und Unendliches.  Dies zusammenzubringen, ohne das äußerste Gegensätzliche zu negieren, ist Aufgabe der Psychotherapie und in tieferer Dimension des Religiösen.

Psychotherapie will Widerstreitendes komplementär vereinen, was heißt, alles Menschliche anzunehmen, die menschlichen Abgründe nicht zu negieren, sondern zu integrieren. Religion zeigt nicht, was das Unendliche oder Gott ist – es ist nicht möglich, sich ein Bild davon zu machen – sondern was Menschsein bedeutet. Von der Geburt eines geistigen Funkens im Stall der menschlichen Abgründe über das Annehmen des Leidens an den Widersprüchen bis zur Auferstehung von den Toten, dem Bewusstwerden des Unbewussten, wodurch auch das Unterste „gehoben“ und integriert wird. Dazwischen liegen viele „Wunder“ der Verwandlungen, die Augen und Ohren öffnen und wieder beweglich, entwicklungsfähig machen.

Zeitpunkt und Zeitfluss

Mit dem begrifflichen Denken, dem Beharren auf Fakten und dem wissenschaftlichen Analysieren wird etwas Wesentliches unterschlagen: die Zeit. Dem fragmentierenden Denken geht das Fließen der Zeit verloren.

Wir können in Bildern oder in Begriffen denken, mythisch oder philosophisch, symbolisch oder begrifflich. Im Mythos ist der Mensch Teil der Natur und fühlt sich wie vom Strudel der Zeit mitgerissen. Mit dem Erwachen der Philosophie nimmt er sich als Subjekt aus der Natur heraus, stellt sich dem Strudel entgegen. Es ist wie ein Anhalten der Zeit. Heraklit konnte noch sagen: Panta rhei, alles fließt. Niemand steigt zweimal in denselben Fluss. Das Wasser ist im nächsten Augenblick schon ein anderes, und auch ich bin nicht mehr derselbe. Es ist noch nichts „festgestellt“.

In dem Moment, wo wir damit beginnen, uns selbst als Subjekt aus der Natur herauszunehmen, im Außen zu analysieren, beginnen wir festzustellen. Was wir als Fakten festhalten, ist festgestellt, ist Momentaufnahme. Der Film des Lebens wird angehalten und in Standbilder aufgelöst. Das Fließen der Zeit, der Wandel, das Leben gehen verloren. Was wir exakt feststellen, ist aus dem Kontext herausgelöst und in seiner Nicht-Zeitlichkeit im nächsten Augenblick schon wieder bedeutungslos.

Dazu kommt, dass Begriffe eindeutig sein sollten (zumindest in Annäherung), während Bilder und Symbole immer mehrdeutig waren. Die Wissenschaft kann mit Mehrdeutigkeit nicht umgehen und sie daher auch nicht zulassen. Damit geht das Leben verloren, das immer mehrdeutig und multidimensional ist.

Weiters sind Begriffe allgemein(gültig). In der Natur und im Leben ist aber alles einmalig. Es gibt keine zwei gleichen Menschen, auch Zwillinge sind nicht gleich. Es gibt nicht einmal zwei gleiche Schneeflocken. Es ist nicht so, dass wir den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen, sondern umgekehrt sehen wir den einzelnen Baum nicht, weil wir den Begriff des Waldes gebildet haben. Auch wenn wir vom Allgemeinen zum Besonderen schreiten, und Nadel- und Laubbäume, Fichten und Tannen, Buchen und Ahorn unterscheiden – wir kommen wissenschaftlich nie zum einzelnen Baum. Den können wir sehen, zeigen, malen, fotografieren, aber sobald wir beginnen, ihn detailliert zu beschreiben, ist er als Phänomen nicht mehr im Blick. Und die Zeit, seine ganze Entwicklung, kommt weder im Sehen, noch im Beschreiben vor. Nur das Symbol verdichtet Phänomen, Zeit und Dimensionen.

„Zeit“ in der Wissenschaft bedeutet Berechnen von Zeitpunkten. Die Zeit geht sozusagen im Raum auf und ihr Charakteristikum, das Fließen, geht verloren. Das wird besonders deutlich in der Elementarteilchenphysik: Wenn man ein Teilchen an einem Ort A misst, und dann an einem Ort B, dann ist es unzulässig zu sagen, es hätte sich von A nach B bewegt. Es geht nicht nur die Zeit, sondern auch die Identität verloren. Da es außerdem immer nur um Zeitpunkte geht, kann die Physik den „Zeitpfeil“, das Fließen der Zeit in eine Richtung, gar nicht erklären.

Zeit ist kein naturwissenschaftlicher, sondern ein psychologischer „Begriff“. Zeit kann man nicht beschreiben, sondern nur erleben. Psychologie ist nicht Naturwissenschaft, auch wenn sie das oft vorzugeben versucht hat. Zeit ist eben nicht objektiv. Deshalb zeigt eine Uhr Zeitpunkte, aber nicht Zeit. Deshalb können Afrikaner zu Europäern sagen: Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit. Von zwei Menschen, die „objektiv“ (nach der Uhr) eine Stunde erleben, fühlt der eine das als lange Zeit, der andere als rasend kurz, für einen dritten wird eine Sekunde innerhalb dieser Stunde zur Ewigkeit.

Auch der „Zeitpfeil“, das „Vergehen“ der Zeit, die von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft „fließt“, ist eine wissenschaftliche Konstruktion. Wer eine Psychotherapie durchmacht oder sich selbst analytisch betrachtet, der spürt Vergangenem und Zukünftigem in der Gegenwart nach. Erlebt die Vergangenheit in der Gegenwart, die Forderungen der (vielleicht schon längst verstorbenen) Eltern, und wie die Wunden der Vergangenheit auch noch die Zukunft bestimmen. Der erlebt, wie man Vergangenes wiedererleben und sogar verändern kann. Wie durch das Verändern des Vergangenen die Zukunft eine andere wird.

Es ist nicht verwunderlich, dass mit einem pseudo-naturwissenschaftlichen Weltbild auch das Verdrängen der Psychologie verbunden ist. Psychologie ist als Wissenschaft des Lebendigen eine Gratwanderung zwischen Begriffs- und Symbolsprache. Es gibt selbstverständlich Begriffs- und Theoriebildung, aber Inhalt sind (auch) Bilder, Symbole, Mythen, Träume. Das Beschreiben muss das Grenzenlose im Begrenzten, das Mehrdimensionale und Mehrdeutige im Bild, im Symbol bestehen lassen.
Dazu wäre anzumerken, dass wir vieles aus der Psychologie in ihrer Vor-Geschichte finden: über Augustinus und Ignatius von Loyola bis zurück zu Heraklit. Aber gleichzeitig mit der Etablierung der Psychologie und Psychoanalyse kommt es zu einer signifikanten Seelenvergessenheit. Das allgemeine Weltbild lehnt sich an die Physik an – noch dazu an die Physik des ausgehenden 19. Jahrhunderts, und bleibt dort stecken – was psychologisch einem Rückfall aus der Beziehung des Ich-Du in die des Ich-Es entspricht, wodurch auch das Ich verlorengeht.

Während der Naturwissenschaftler sozusagen am Flussufer steht und die Tropfen zählt, begibt sich der Psychologe ins Wasser und versucht, die Information der Tropfen wahrzunehmen, die diese seit der Quelle aufgenommen und weitertransportiert haben, und die sie weitertreiben Richtung Meer. In dieser Sicht gibt es keinen Standpunkt, nur das Fließen der Zeit. Wer sich diesem Fließen aussetzt, muss seinen Standpunkt aufgeben, und wer auf seinem Standpunkt beharrt, dem bleibt das Leben verborgen.

In gewisser Hinsicht ist das auch ein Zurückgehen hinter die Subjekt-Objekt-Spaltung. Es interessieren nicht so sehr die Elternobjekte, sondern die inneren Eltern, nicht so sehr das objektiv Manifeste, sondern das Verinnerlichte und Verdrängte. Das „Objektive“ dient nur dazu, das Subjekt sichtbar zu machen. Wir müssen wieder werden wie die Kinder, d.h. längst „Vergangenes“ (aber immer auch gegenwärtig Wirkendes) muss wieder aufgenommen, bearbeitet und integriert weitergetragen werden. Erst dadurch ist ein erwachsenes Leben möglich.

Nun ist der Mensch Bürger zweier Welten. Er lebt in der objektiven Realität, gleichzeitig aber auch in diesem Fluss des Lebens, der alles in sich enthält, von der Quelle bis zum Meer. Er muss immer wieder „feststellen“, darf aber nicht verdrängen, dass es hinter diesen Standbildern einen Film gibt. Dass die Standbilder zwar objektiv sind, aber jeder in seinem eigenen Film lebt, der nicht feststehend, sondern immer veränderbar ist. In diesem Film lässt sich sogar die Vergangenheit ändern, zwar nicht die Standbilder der Vergangenheit, aber man kann dem Fließen der Partikel eine andere Richtung geben, die auch immer schon da war, aber nicht konkret werden konnte.

Das ist wie in der Quantenmechanik (die eine neue Logik eröffnen würde): Die Wirklichkeit ist die Überlagerung aller Möglichkeiten. Die Realität entsteht durch Messung, durch Hinschauen, und wird dadurch festgestellt. Durch eine andere Art des Experiments, des Hinschauens, können wir eine andere Möglichkeit realisieren, feststellen. In einer Psychotherapie geschieht nichts Anderes: Durch eine andere Art des Hinschauens auf die Vergangenheit wird eine andere Möglichkeit realisiert und damit die Vergangenheit „verändert“. Auch wenn das Wasser dasselbe ist, kann man den Fluss nachträglich umbetten. Das Fließen der Zeit ist ein anderes geworden. Der Erlebende ebenfalls.

Philosophie

Philosophen werden allgemein als Denker bezeichnet, doch das trifft es nicht.

Wenn sich Philosophie auf das Denken beschränkt, dann ist das die Absolutsetzung des Rationalen unter Verdrängung alles anderen. Verdrängung führt aber nicht zur Erkenntnis, sondern zur Angst, die immer eine Verengung des Horizonts bedeutet.
Die übliche Definition des Menschen als „animal rationale“ ist so eine Einengung, zumindest, wenn wir „rationale“ als rational übersetzen. Das griechische „zoon logon echon“ bedeutete allerdings noch wesentlich mehr. Daher muss man das „animal rationale“ übersetzen mit „vernunftbegabtes Wesen“. Und „Vernunft“ (von „vernehmen“) ist weit mehr als Rationalität, ist so etwas wie die Verbindung von Logik, Einfühlung und Intuition.

Philosophie war ursprünglich der Name für Wissenschaft. Erst als sich die Einzelwissenschaften aus der Philosophie abspalteten, wurde diese eine eigene Disziplin. Trotzdem waren und sind Philosophen meist vertraut mit den Wissenschaften, und an den Universitäten war die Philosophische Fakultät ein Dach für die Wissenschaften. Lange Zeit waren nur die Juridische und die Theologische Fakultät davon getrennt. Heute gibt es die interessante Entwicklung, dass die Kunstakademien und -hochschulen in Universitäten umbenannt werden. Es war wohl ein Fehler, das Kreative aus dem Universalen auszuschließen, was aber am wissenschaftlichen Weltbild und dem Ausschluss des Lebendigen und Menschlichen aus diesem liegt.

Universalität

Umgekehrt ist das gesamte Fächerspektrum der Universitäten nichts als die gemeinsame Antwort auf die eine Kant’sche Frage: Was ist der Mensch? Das sieht man sehr schön an der modernen Physik, in der es nicht um die Beschreibung der Natur, sondern um unsere Sicht der Natur geht, also letztlich nicht um objektives Wissen, sondern um Erkenntnistheorie, um die Frage: Was kann der Mensch wissen? Die (objektive) Natur direkt zu beschreiben ist nicht Aufgabe der Naturwissenschaft. Objektivität ist eine der Kategorien, die inzwischen obsolet geworden sind.

In der Logik geht es nicht um Naturgesetze, sondern um Denkgesetze. Es ist die Methode, mit der wir an die Natur herangehen, die die Forschung bestimmt, aber auch das, was wir durch diese finden können. In der auf Aristoteles zurückgehenden und durch die Naturwissenschaft präzisierten Logik haben wir uns jahrhundertelang bewegt. Die Quantenmechanik ist damit nicht zu begreifen, sie geht über unsere gewohnte Logik, unser gewohntes Sehen der Realität hinaus, durchbricht und erweitert den Rahmen unseres Sehens.

Vom Gegensatz zur Komplementarität

Daher konnte Richard Feynman sagen: Wer die Quantentheorie verstanden hat, hat sie nicht verstanden. Das Messen verändert das Gemessene, das Sehen verändert die Welt, und die Wissenschaft verändert das Denken, verändert, was es heißt zu verstehen. Zumindest die westliche Logik musste bisher von zwei gegensätzlichen Aussagen eine eliminieren, weil nur eine richtig sein konnte. Jetzt wird aus Gegensätzen Komplementarität, Gegensätze schließen einander nicht aus, sondern ergänzen sich. Es ist nicht mehr sinnvoll, von der Identität von Elementarteilchen zu reden, und wenn diese entweder Teilchen oder Welle sind, je nachdem wie wir das Experiment anlegen, dann ist auch die Eindeutigkeit als Kriterium verloren gegangen. „Die Eigenschaft von Quantenphänomenen wird durch die Messung nicht festgestellt, sondern hergestellt“ (Herbert Pietschmann). Die Materie ist nicht aus kleinsten Bausteinen aufgebaut, sondern aus „etwas“ (bereits dieser Begriff ist falsch), das nichts mit unserer Vorstellung von Materie gemein hat. Wenn wir im Doppelspaltexperiment nicht am Spalt, sondern dahinter die Messung vornehmen, dann messen wir, und legen damit fest und ändern, wie sich das Teilchen vorher (in der Vergangenheit) „entschieden“ hat.

Plötzlich wird transparent, dass Denken und Logik auf das Erfassen einer objektiven Außenwelt abgezielt hat, die es eigentlich so nicht gibt. Andererseits wird auch schlagartig klar, dass die Psychologie es deshalb so schwer hat, weil sie eine Innenwelt beschreibt, die völlig anderen Gesetzen und einer ganz anderen Logik folgt. Da ist nichts eindeutig, sondern alles ist mehrdeutig, es können sich verschiedene Identitäten ausbilden, Gegensätze bestehen nebeneinander und bilden unsere inneren Konflikte, die wir durch Eliminieren eines Gegensatzes nicht lösen können. Viel wichtiger als Begriffe sind Symbole, die der Vielfalt, Mehrdeutigkeit und Mehrdimensionalität des Lebens gerecht werden.

Welt oder Leben

Zurück in der Außenwelt wird wiederum klar, dass auch da unsere Gesetze der Logik nicht gelten. Die gelten nur für eine abstrakte Außenwelt. In der Natur ist nichts eindeutig, nichts reproduzierbar, es herrscht Vielfalt und Kreativität. Vieles ist nicht quantifizierbar, vor allem wenn es um Leben und den Menschen geht. Das heißt, wenn es um unsere Lebenswirklichkeit, auch um unsere Außenwelt geht, dann hat die Psychologie mehr zu sagen als die Physik. Daher sagt Ludwig Wittgenstein in seinem Tractatus logico-philosophicus (6.52): „Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen Fragen der Wissenschaft beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ Die Naturwissenschaft war deshalb so immens erfolgreich. weil sie das Leben und den Menschen als Subjekt methodisch ausgeschlossen hat. Der kommt aber in der Quantenmechanik durch die Hintertür wieder herein, womit die Quantentheorie zunächst völlig unverständlich wirkt.

Während durch die in der naturwissenschaftlichen Methode notwendige Analyse die Zeit in Momentaufnahmen verschwindet, steckt im Sehen eines „Gegenstandes“ nicht nur das „Subjekt“, sondern die gesamte Biographie des Betrachters. In menschlichen Beziehungen wird es noch komplexer. Da werden Gegensätze zu Konflikten, und zuvor geht es um die inneren Konflikte, Traumata usw., um fixierte Muster, die wir solange wiederholen, bis wir sie verändern. Auch da gibt es „Gesetze“ und eine eigene Logik, Objektivität spielt aber eine untergeordnete Rolle.

Was ist der Mensch?

In der Philosophie wie in den Wissenschaften geht es um eine einzige Frage: Was ist der Mensch? Und es geht nicht primär um Denken – das verändert sich im Laufe der Zeit und der (biographischen) Entwicklung – sondern um Staunen und Fragen. Denken legt eine Struktur über das Gedachte, bändigt und verformt es gleichzeitig, Staunen erkennt etwas als fragwürdig, und Fragen lässt offen. Denken wäre, neben Fühlen, Wollen, Träumen, Intuition usw., eine Unterabteilung der Psychologie. Das Denken des Philosophen, das der Frage nach dem Menschen nachgehen will, muss den ganzen Menschen, das ganze Leben einschließen. Daher ist Philosophie nicht ohne das Spektrum der Wissenschaften zu sehen, insbesondere diejenigen, die über den gewachsenen Denkrahmen hinausgehen, wie eben die Tiefenpsychologie und die Quantentheorie.

Aus demselben Grund wurden – und geachtet dessen, dass der Mensch auch ein spirituelles Wesen ist – die Religionswissenschaft und die Theologie aus dem „modernen“ Weltbild verdrängt, das im ausgehenden 19. Jahrhundert steckengeblieben ist. Denn weder die Tiefenpsychologie noch die moderne Physik mit Relativitätstheorie, Quantentheorie und Chaostheorie sind in ein modernes Weltbild eingegangen. Dem rational-begrifflichen Denken entsprechend sind nur einige – meist missdeutete – Begriffe in die allgemeine Sprache eingegangen, wie „Relativität“ oder „Quantensprung“ aus der Physik, „Unbewusstes“ oder „Komplex“ aus der Psychologie, und dass die Chaostheorie nichts mit dem Chaos zu tun hat, bemerkt auch kaum jemand.

In der Philosophie geht es jedenfalls ums Ganze, allerdings nicht um das Denken des Ganzen, denn das ist nicht möglich. Die „Objektivität“ einer (abstrakten) Außenwelt suggeriert, dass man auch das Ganze von außen betrachten kann – dann wäre es aber nicht das Ganze. Man kann sich dem nur von innen her nähern, in Offenheit. Und wenn Philosophie aufs Ganze geht, dann kann es das nicht mit dem Denken, sondern muss mit dem ganzen Menschen geschehen. Da müsste auch alles einschließen, was die Naturwissenschaft ausgeschlossen hat: Einmaligkeit, Vieldeutigkeit, Einfühlung, Intuition, Kreativität, Träume, Ängste, Konflikte, Dynamik, die Zerrissenheit des Menschen zwischen dem Absoluten (dem, was er absolut setzt) und dem Konkreten, Endlichen, dessen Enge mit Angst besetzt ist.

Leben und Beziehung

Es geht nicht um „Wissen“ von „Etwas“, es geht ums Leben. Nicht um Subjekt und Objekt, sondern um Beziehung. Auch in der Mikrowelt der Elementarteilchen geht es nicht um kleinste „Bausteine“, sondern „um Beziehung, aber nicht Beziehung von etwas, sondern nur um Beziehung“ (Hans-Peter Dürr). Genau um das, um reine Beziehung, geht es nach theologischer „Definition“ bei der Trinität. Und dazwischen soll es um etwas anderes gehen?

Der Sinn des Ganzen, nach dem nicht nur Philosophen fragen, ist nicht der Sinn von „Etwas“, sondern der Sinn unseres je eigenen Lebens. Das zeigt sich nicht im Gegenüber zur „Welt“, sondern im Miteinander der Menschen. Nicht im Wissen, sondern im Leben und Lieben. Das zu verstehen ist ohne (Tiefen-)Psychologie, ohne Innenschau gar nicht möglich. Und diese Innenschau legt nicht ein Sosein offen, sondern eine Dynamik, innere Konflikte, Traumata und Muster, die immer zum selben Chaos führen. Und es geht nicht um das Eliminieren von Gegensätzen, sondern darum, sie in Komplementarität stehenzulassen, aber sozusagen die unscharfen (unbewussten) Bilder dynamisch scharfzustellen.

Damit wird die Psychoanalyse zur Philosophie, weil das Heilen von psychischen Erkrankungen nur ein Teil ist, der wesentlichere Teil wäre, das Leben an sich wieder in eine Dynamik zu bringen. Weil der Mensch nicht ist, was er ist, sondern erst werden soll, was er ist oder sein könnte. Dabei helfen Beziehungen weit mehr als das Denken. Der Liebende sieht den Geliebten so, wie er sein könnte, und über vieles hinweg, was ist. Liebe überantwortet den anderen in die ihm eigene Dynamik. Beide verlieren den zuvor festen Standpunkt und finden sich wieder im Fluss des Lebens, dessen Ziel sie als Orientierung vor Augen haben, das aber völlig offen ist.

Daher kann ein naturalistisches Weltbild mit Liebe nichts anfangen. Nicht weil sie nur biologisch gesehen wird, sondern weil sie die Vereinigung der Gegensätze ist, deren „Auflösung“ in Komplementarität, die sie stehen und sich ergänzen lässt. Weil sie nicht nur den Himmel auf Erden bringt, sondern auch die Hölle auf Erden integriert. Weil sie nichts aus-, sondern alles einschließt. Nicht Einheit im Gegensatz zum Getrenntsein, sondern Einheit von Getrenntem. Weil sie nur erfahren werden kann – unnennbar, unsagbar, unbegreiflich, unbeschreiblich und überwältigend.

Warum es Gott nicht gibt

Wenn sich gläubige Fundamentalisten und Neoatheisten über die Frage streiten, ob es Gott gibt, dann diskutieren sie nicht über Religion. Die Frage, ob es Gott gibt, hat mit Religion nichts zu tun.

„Es gibt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Gott!“ So ähnlich plakatierte es Richard Dawkins. Wobei man aufgrund dieser Äußerung nicht annehmen würde, dass er Wissenschaftler ist. Ein Wissenschaftler muss unter anderem differenzieren können. Religion zählt zu den vielfältigsten Erscheinungen des Planeten. Da von DER Religion zu sprechen, ist bestenfalls unwissenschaftlich.

Es gibt den Monotheismus, da ist Gott das Ganze und noch mehr. Es gibt den Polytheismus, da geht es (auch) um das (eine) Absolute und dessen Erscheinungen und Eigenschaften. Es gibt die griechisch-römische Götterwelt, eine erstaunlich moderne mythologische Psychologie. Es gibt den Schamanismus, da geht es um inner- und außerpsychische Kräfte. Und jede Religion beherbergt das ganze Spektrum vom Primitiven über das Intellektuelle bis zum Mystischen. Damit ist die Frage, ob es Gott gibt, eine Scheinfrage, weil nicht präzisiert wird, was damit gemeint ist.

Außer man stellt sich auf den Standpunkt des Naturalismus und behauptet, dass es außerhalb dessen, was Naturwissenschaft erforscht, nichts gibt. Das wäre aber eine an Dummheit grenzende Aussage. Denn wie immer man Naturwissenschaft definiert, als Methode, das für alle Menschen in gleicher Weise Gültige zu beschreiben, als Untersuchung vom Materie in Raum und Zeit, als Beschreibung der Welt (in der der Mensch nicht vorkommt), immer geht es um einen Bereich, der begrenzt wird, um ihn genau untersuchen zu können. Es ist damit in der Definition von Naturwissenschaft bereits enthalten, dass es sehr wohl etwas außerhalb gibt: Geschichte, Literatur, Kunst,Politik, Staaten, Träume, Gedanken, oder kurz: den Menschen.

Fetischismus und Religion

Markus Gabriel unterscheidet zwei Formen der Religion: Die erste Form wäre der Fetischismus, die Vorstellung, dass „Etwas“ hinter allem steht. Fetischismus ist die Projektion von übernatürlichen Kräften auf einen Gegenstand, den man selbst gemacht hat, um die eigene Identität in ein rationales Ganzes zu integrieren. Das gilt für manche Religionen genauso wie für die Wissenschaft. Ob man dieses Ganze „Gott“ oder „big bang“ nennt, ist nebensächlich. Daher ist für Gabriel das wissenschaftliche Weltbild nur eine Religion unter anderen.

Es gibt aber noch eine andere Form von Religion, von der Friedrich Schleiermacher spricht: Darin geht es um das Unendliche und das Verhältnis des Menschen zu diesem. Während es in der Naturwissenschaft um die Welt geht (unter Ausschluss des Menschen), geht es in der Religion um den Menschen und sein Verhältnis zu einem nicht verfügbaren und unfassbaren Unendlichen. Gott ist eine Chiffre für das Ganze. Das Ganze ist alles, was es gibt, nur das Ganze selbst kann im Ganzen nicht vorkommen, sonst wäre es nicht das Ganze. In dem Sinne, wie es alles gibt, gibt es das Ganze daher nicht (Markus Gabriel: „Warum es die Welt nicht gibt“ *).

Genau das sagt aber bereits die negative Theologie, z.B. Meister Eckehart, wenn er vom Nichts spricht. Oder das Nirvana des Buddhismus, das kein logisches Nichts, sondern ein Nicht-Etwas ist. Oder Dietrich Bonhoeffer: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“ Die Religionen selbst sind also mitunter weit vernünftiger als ihre eindimensionalen Kritiker. Auch heißt es: Du sollst dir kein Bild machen! Eine Abkehr vom Fetischismus. Gott ist nur die Idee, dass das Ganze sinnvoll ist, auch wenn es unsere Fassungskraft übersteigt.
Im Verhältnis zum Unendlichen gibt es nach Schleiermacher auch nicht eine einzige wahre Religion, sondern unendlich viele Zugänge. Und genauso antwortete Joseph Ratzinger auf die Frage, wie viele Wege zu Gott es gäbe? Seine Antwort: „So viele wie es Menschen gibt.“

Religionskritik

Religionskritiker haben ja völlig recht: Das was sie attackieren (das religiöse Weltbild als Fetisch), hat aber wenig mit Religion im eigentlichen Sinne zu tun. Religion ist nicht der Glaube an einen Gott, an ein Etwas, sondern Religion ist eine Form der Sinnsuche, ist der Umweg über ein nicht verfügbares Ganzes zu sich selbst. Der Mensch kann sich als geistiges Wesen zu sich selbst als einem anderen verhalten. Umgekehrt verhält er sich zu anderen wie zu sich selbst. („Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“). Daher kann er sich am Besten in Beziehungen selbst erkennen. Der Mensch ist ein Beziehungswesen. Damit beginnt Religion und damit beginnt Bewusstsein.

Kierkegaard definiert „Gott“ als die Tatsache, „dass alles möglich ist“. Er ist die Distanz zu uns selbst, in der wir den Boden unter den Füßen verlieren und zu verstehen beginnen, dass uns alle Möglichkeiten offenstehen. Menschen können sich nicht nur zu sich selbst verhalten, sondern sich auch ändern. Der Mensch ist radikale Offenheit.

Wissenschaft und Religion kommen einander gar nicht in die Quere. In der Naturwissenschaft geht es um die Welt ohne den Menschen, in der Religion geht es um die Welt der Menschen. Wobei es interessant ist, dass es zumindest in der modernen Physik nicht (mehr) um die Natur geht, sondern um unser Sehen der Natur. Und dieses Sehen verändert das Gesehene. Auch aus der Naturwissenschaft lässt sich der Mensch nicht auf Dauer verdrängen. Aber das ist ein eigenes, spannendes Thema.

Aberglaube und Offenheit

Religion bezieht sich auf den menschlichen Geist, der nicht in sich abgeschlossen, definierbar ist, sondern auf ein Unverfügbares hin offen ist. Gott ist kein „Etwas“ in der Welt, d.h. so wie es in diesem Sinne die Welt oder das Ganze nicht gibt, so gibt es auch Gott nicht (Bonhoeffer). Jede Vorstellung von Gott ist bereits Aberglauben und Fetischismus.

Religion schlichtweg als Aberglauben abzutun, ist jedenfalls kindisch. Markus Gabriel, der sich selbst nicht als gläubigen Menschen bezeichnet, kann trotzdem sagen: „Ohne die Religion wäre es niemals zur Metaphysik, ohne die Metaphysik niemals zur Wissenschaft und ohne die Wissenschaft niemals zu den Erkenntnissen gekommen, die wir heute formulieren können.“ Solange sich Religionskritik geschichtsvergessen in defiziente und pathologische Formen von Religion verbeißt, kann man sie jedenfalls getrost ignorieren.

 

* Markus Gabriel: „Warum es die Welt nicht gibt“, Ullstein Verlag, 8. Aufl. 2013

Gleichnis

Wenn das, was wir sehen
nur ist, was wir säen,
dann ist das, was bloß objektiv wir nennen,
das, was wir gar nicht wahrnehmen können.

Selbst wenn du die Bibel auswendig kannst,
und glaubst, dass du den Inhalt kennst,
hast du sie buchstäblich veräußerlicht,
tief verinnerlicht hast du sie nicht.

Buchstaben und Worte aneinandergereiht,
sind wie Boote mit kostbarem Inhalt.
Doch nur Tod auf Booten gedeiht,
die hölzern vermodern ohne Gehalt.

Der Buchstabe tötet,
beraubt, ohne Sinn,
nur der Geist macht lebendig
nur Leben Gewinn.

Begriffe begreifen Begrenztes,
deutlich, exakt, doch nicht wirklich.
Symbole schildern dunkel in Bildern,
auf allen Ebenen ergeben Lebendes.

Was so festgefügt uns erscheint und gefällt,
ist die Illusion von Platons Schattenwelt.
Woraus diese Welt scheinbar zusammengefügt,
dem Kleinsten wie dem Ganzen niemals genügt.

Ob physikalische Begriffe oder religiöse Erzählung,
erst mit dem Unbegreiflichen in Vermählung
Sichtbares mit Unsichtbarem fest verbindet,
und gleichnishaft zur Wirklichkeit erfindet.