Hat Denken etwas mit der Wirklichkeit zu tun?

Unsere Logik funktioniert so, dass wir das, worum es eigentlich geht, nicht erkennen. Und das ist zunächst auch gut so, denn nur das garantiert die Offenheit, die durch diese Logik sonst verloren ginge.

dsc_0007In der Physik geht es um die Materie, in der Biologie um das Leben, in der Psychologie um die Seele, in der Philosophie um Weisheit, in der Theologie um Gott – und keine dieser Disziplinen kann erklären, worum es ihnen geht. Oberbegriffe sind nicht erklärbar. Die Physik kann nicht sagen, was Materie ist, sie verwendet nicht einmal diesen Begriff, sondern spricht von Masse, und das nur vorsichtig. Kein Biologe kann sagen, was Leben ist, usw.

Besonders schwierig hat es die Medizin. Sie behauptet krampfhaft, Naturwissenschaft zu sein, obwohl es um den Menschen geht, der in der Naturwissenschaft nicht vorkommt. Ärzte haben Menschen vor sich, beschäftigen sich aber nur mit deren Krankheit, nicht mit dem (gesunden) Menschen. Im Rahmen einer Ringvorlesung an der Uni Graz habe ich 1997 zum Thema „Hat Medizin etwas mit Gesundheit zu tun?“ gesprochen. Das Thema Gesundheit war damals etwas völlig Neues in der Medizin, die sich immer um Krankheit drehte. Allzu viel hat sich seither auch nicht geändert. Der Begriff „Prävention“ ist seither etabliert, hat aber immer noch nicht so viel mit Gesundheit zu tun, sondern bloß mit der „Verhinderung“ von Krankheit. Gesundheit würde sich um den Lebensstil und um den ganzen Menschen drehen, und da sind wiederum die Ärzte machtlos, denn da will niemand was ändern.

Hat Religion etwas mit Gott zu tun?, könnte man auch fragen. Wir sind gewohnt, Religion mit dem Glauben an Gott zu verwechseln. Doch sind die Menschen, die an Gott glauben und sich im Besitz der Wahrheit wähnen, wirklich religiös? Sehr oft nicht! Religion hat nicht (in erster Linie) mit Gott zu tun, sondern mit dem Menschen. Das Alte Testament ist voll von Mord und Totschlag, Hinterlist, Verleumdung und Lüge. Das der Religion oder gar Gott vorzuhalten, ist genauso dumm wie es blind zu ignorieren. Es geht ja um den Menschen, und da gibt es nichts schönzureden, der ist so, wie er ist. Das ist auch die theologische Aussage im Lebenslauf Jesu. Obwohl da nur die männliche Linie zählt – erst recht damals – kommen auch vier Frauen vor, Mörderinnen und Huren. Und bei den Männern fällt es nur deswegen nicht auf, weil deren Schattenseiten längst verdrängt wurden.

König David war ein mörderischer Kriegsherr. „Saul hat Tausend erschlagen, David aber Zehntausend.“ Und auch privat ging es um Mord und Ehebruch. Verheiratet war er mit mehreren Frauen. In religiöser Erinnerung ist David aber bloß als Verfasser vieler Psalmen und „das Haus Davids“, aus dem Jesus stammte, Davids andere Seite wird verdrängt. „David lebte vor dir [Gott] in Treue, Gerechtigkeit und mit aufrichtigem Herzen.“ Dass hier vom archetypischen Konflikt und Zwiespalt des Menschen die Rede ist, wie es in der Psychoanalyse wieder angesprochen wird, fällt kaum auf. In der Bibel steckt aber mehr Psychologie als in der modernen Psychologie bisher aufgearbeitet werden konnte.

Und wer Christus sieht, sieht Gott – allerdings ist Jesus auch Mensch als endliche Gestalt des Unendlichen, und selbst die Apostel haben ihn nicht erkannt, außer in Sternstunden, die ihnen „nicht Fleisch und Blut eingegeben hat“. Jesus hat gezeigt, wie Menschsein geht, und Religion hieße, ihm nachzufolgen. Wer glaubt, im Besitz der Wahrheit zu sein, nur weil er in die christliche Kultur hineingeboren ist, der ist bestenfalls ein Pharisäer, aber noch lange kein Christ.

Ähnlich verhält es sich mit der Physik, was für unser (pseudo-)naturwissenschaftliches Weltbild besser zu verstehen sein müsste – hätten wir nicht das letzte Jahrhundert verschlafen. Naturwissenschaften und speziell die Physik sind die methodische Beschränkung auf Materie in Raum und Zeit. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war die große Zeit der Physiker, die allesamt auch Philosophen waren: Max Planck, Albert Einstein, Niels Bohr, Werner Heisenberg, Wolfgang Pauli, Erwin Schrödinger, um nur einige zu nennen, die an der Quantenmechanik mitgearbeitet haben. In der nächsten Generation ist die Kluft zwischen Mathematik und Deutung wieder aufgebrochen. Hat Physik etwas mit Materie zu tun? Hans-Peter Dürr sagt es sehr drastisch: „Ich habe mich mein ganzes Forscherleben darum bemüht herauszubekommen, was Materie ist. Die Antwort ist ganz einfach: Es gibt sie nicht!“ Womit er nicht meint, dass alles Illusion ist, sondern dass unsere Vorstellung von Materie ein Produkt unseres Denkens ist, aber nicht der Wirklichkeit. Und dass die Materie im Innersten nichts mit unserer Vorstellung von Materie zu tun hat.

Die Entwicklung der Quantentheorie und der daraus folgenden neuen oder erweiterten Logik ist, genauso wie die Psychologie und Psychotherapie, nicht in ein allgemeines Weltbild eingegangen, das um 1900 steckengeblieben ist. So werden Historiker späterer Zeiten unsere Epoche nicht hochtrabend als Wissenszeitalter, Postmoderne oder gar als aufgeklärtes Zeitalter beschreiben, sondern als diejenige Zeit, die mit der Gegenwart nicht zurechtgekommen ist. Sie werden verständnislos das herrschende Weltbild beschreiben, das auf das naturwissenschaftlich Beschreibbare eingeengt wurde, bei gleichzeitiger Verleugnung eben dieser Naturwissenschaft.

 

Wenn Atheisten und Religiöse zum Psychologen gehen…

religionDie Krux unserer Zeit ist nicht der Säkularismus, sondern das Verleugnen oder Verdrängen der Psyche, ein psychologischer Analphabetismus, der zur religiösen Unmusikalität führen muss.

Es ist immer wieder hochinteressant, wenn z.B. auf Facebook gläubige Christen mit gläubigen Atheisten diskutieren. Meist sind dann die Fundamentalisten unter sich, das Niveau ist zwar ähnlich, kommt aber an das Thema, das man diskutieren will, gar nicht heran. „Natürlich gibt es Gott, er hat ja die Welt geschaffen.“ „Das ist ein Märchen aus alten Zeiten, man kann Gott nicht beweisen, also gibt es ihn auch nicht.“ Damit wäre das Thema auch schon vollständig umrissen, das da Stoff für endlose Streitgespräche liefert. Eigentlich könnte man es damit auch vergessen, denn das Niveau ist meist unter jeder Kritik, und mit Religion hat das ohnehin nichts zu tun.

  1. Religion lässt sich nicht auf die Frage reduzieren, ob es Gott gibt oder nicht, noch weniger darauf, ob man ihn beweisen kann oder nicht. „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht!“, sagte schon Dietrich Bonhoeffer. Er wäre ja sonst ein Ding unter anderen, und damit wäre er wirklich zu beweisen. Und könnte man ihn beweisen, dann gäbe es ihn nicht! Da es nun nicht mal die Welt (als Ganzes) „gibt“ (Markus Gabriel), „gibt“ es auch Gott in dem Sinne nicht. Und Gott sei Dank kann man ihn nicht beweisen, denn dann wäre das ganze Reden von Gott unsinnig.

In religiöser Sprache heißt das „Du sollst dir kein Bild machen!“ Das heißt, jede Vorstellung von Gott ist irgendwie schon falsch. In atheistischer Sprache heißt das: Das Ganze kommt in der Welt nicht vor, es wäre aber unsinnig, es zu leugnen. Ob man es nun das Ganze, das Absolute oder Gott nennt, ist da nebensächlich.

Und das „Man kann ihn nicht beweisen, also gibt es ihn nicht“ ist so ein Stammtischsatz im pseudowissenschaftlichen Gewand. Beweisen kann man nur Sätze der Mathematik, sonst ist nichts in der Welt beweisbar, nicht mal die Naturgesetze. Die sind verlässlich, aber nicht beweisbar (Herbert Pietschmann). Wenn also Atheisten sich naturwissenschaftlich geben wollen, dann dürften sie das Wort „Beweis“ in dem Zusammenhang gar nicht in den Mund nehmen.

  1. Wer nur Naturwissenschaft als „Realität“ anerkennt, verdrängt die Wirklichkeit. „Real“ ist die dingliche, objektive Welt. Wirklich ist alles das, was wirkt. Wer sich hier ausschließlich an die Physik klammert, hat nicht begriffen, dass eben die Quantenphysik gezeigt hat, dass es eine bloß „objektive Realität“ gar nicht gibt. Die (physikalische) Welt ist immer so, wie wir hinschauen.

Natürlich wird den Religiösen immer die Aufklärung um die Ohren gehauen. Das ist aber eher ein Schuss, der nach hinten losgeht. Erstens ist das ein völlig naives Argument, denn es gibt nichts in der Welt, das nur positiv oder nur negativ wäre.  So hat auch die Aufklärung zum Segen der Menschheit mit vielem Unsinn aufgeräumt, aber andererseits das Weltbild auf Schrebergartenniveau reduziert. Es zählt nur mehr das Objektive, Gegenständliche, Reale! Und was ist mit all dem anderen? Ludwig Wittgenstein brachte es auf den Punkt: „Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ (Tractatus 6.52)

Wer sich nur an die Naturwissenschaft hält, die sich mit Materie in Raum und Zeit befasst (ohne sagen zu können, was Materie ist; und sie tut das auch nicht), hat damit alles Menschliche ausgeschlossen! Die Frage „Was ist der Mensch?“ versucht nämlich das gesamte Fächerspektrum – von der Physik über die Biologie und Psychologie, bis zur Philosophie und Theologie – gemeinsam zu beantworten. Am allerwenigsten aber die Naturwissenschaft, und die am allerwenigsten, wenn man die Quantenphysik außen vor lässt.

  1. Wir sind nicht vom mythologischen ins Zeitalter der Aufklärung gekommen (die steht uns eigentlich noch bevor!), sondern vom Zeitalter der Mythologie ins Zeitalter der Verdrängung. Unser Weltbild ist ungefähr um 1900 steckengeblieben. Dann kamen zwei Großereignisse, nämlich die Quantenmechanik und die Tiefenpsychologie. Aber erstere ist so unverständlich, dass sie nie in eine allgemeines Weltbild eingegangen wäre, und zu letzterer sagte Erwin Ringel: „Wir leben so, als ob das Unbewusste nie entdeckt worden wäre.“ Über weite Strecken ist das heute noch so.

Wir leben daher nicht nur in einem säkularen Zeitalter, das die Religion verdrängt hat, sondern auch in einem pseudo-naturwissenschaftlichen Zeitalter, das die Psychologie verdrängt. Das Peinliche daran: Die Psyche ist ja nicht etwas, das wir haben, sondern das wir SIND. Wir verdrängen damit unser Menschsein (siehe Wittgenstein). Wir glauben damit an „Tatsachen“, nicht daran, dass alle Tatsachen interpretiert werden (müssen). Selbst die Quantentheorie ist zwar die meist „bewiesene“ Theorie der Physik, sie muss aber interpretiert werden, und über die Deutung der Quantentheorie sind sich die Physiker auch nach 100 Jahren noch nicht einig. Außerdem: „Auch die Wissenschaft spricht nur in Gleichnissen“ (Hans-Peter Dürr). Wer auf Fakten insistiert, verdrängt, dass es bloße Fakten nicht gibt.

  1. Die Inkompatibilität der (fundamentalistischen) Atheisten und Religiösen liegt daran, dass das „Bindeglied“ fehlt oder von beiden Seiten verdrängt wird, nämlich die Psychologie. Beide lesen die Bibel, als wären das „Fakten“ (die es, wohl gemerkt, nicht mal in der Physik gibt). Mit anderen Worten: Beide Seiten lesen die Bibel wörtlich. Dazu sagt die Bibel selbst: „Der Buchstabe tötet, nur der Geist macht lebendig!“ Es geht nicht um Begriffe (die Begriffssprache ist eine neuzeitliche Erfindung), damals gab es nur eine Bilder- bzw. Symbolsprache. Während Begriffe ganz klar die (dingliche) Oberfläche von Phänomenen ausdrücken, sprechen Symbole diffus von der Ganzheit eines Phänomens auf allen Ebenen. Diese Symbole können daher historisch, psychologisch, philosophisch oder theologisch ausgelegt werden, und sie werden auf allen Ebenen stimmig sein. Und die Frage „Wie war es wirklich?“ ist eine neuzeitliche Frage, die sich vorher nie gestellt hat. Diese Frage ist eine Präzisierung, aber auch Einengung.

Wer wirklich religiös ist, liest die Bibel als seine eigene Geschichte. Er ist der Lahme, der nicht weiterkommt, der Blinde, der nicht sehen kann, der Taube, der nicht hört, er lässt sich heilen und ist in allen Episoden selbst involviert. Die Bibel ist ihm Geschichte des Menschseins mit allen Gräueln, die es auch auszeichnen. Das ist nicht „brutal“, sondern realistisch. Und es gibt in der Bibel eine menschliche Evolution, lange bevor Darwin diesen Begriff geprägt hat. Vom Ausrotten des ganzen Stammes, wenn einer daraus einen Mord beging, über das „maßvollere“ Aug um Auge bis zum „Liebe deinen Nächsten und sogar deine Feinde“. Religion wäre ohne Evolution und Entwicklung völliger Unsinn.

  1. Abgesehen davon, wie religiöse Texte zu lesen sind, nämlich in der Bilder- und Symbolsprache, in der sie damals geschrieben wurden, gibt es noch etwas anderes, das zu differenzieren wäre: Es geht gar nicht vordergründig um die Frage, ob es Gott gibt oder nicht gibt, sondern darum, dass wir sozusagen Psyche SIND und das Göttliche unbestreitbar psychische Wirklichkeit ist. In diesem Sinne kann man gar nicht leugnen, dass es Gott (als psychische Wirklichkeit) gibt.

„Der Gottesbegriff ist nämlich eine schlechthin notwendige psychologische Funktion irrationaler Natur, die mit der Frage nach der Existenz Gottes überhaupt nichts zu tun hat. Denn diese letztere Frage kann der menschliche Intellekt niemals beantworten; noch weniger kann es irgendeinen Gottesbeweis geben. Überdies ist ein solcher auch überflüssig; denn die Idee eines übermächtigen, göttlichen Wesens ist überall vorhanden, wenn nicht bewusst, so doch unbewusst, denn sie ist ein Archetypus. Irgendetwas in unserer Seele ist von superiorer Gewalt … Ich halte es darum für weiser, die Idee Gottes bewusst anzuerkennen; denn sonst wird einfach irgendetwas anderes zum Gott, in der Regel etwas sehr Unzulängliches und Dummes, was ein ‚aufgeklärtes‘ Bewusstsein so etwa aushecken mag.“ (C.G. Jung, „Über die Psychologie des Unbewussten“)

Damit ist auch klar, was der Schatten der Aufklärung oder eines pseudo-naturwissenschaftlichen Weltbildes ist: Der Mensch ist nicht nur bewusste Rationalität, sondern auch und viel mehr irrationales Unbewusstes. Wer nur auf dem Rationalen insistiert, verdrängt das Irrationale, das ins Unbewusste sinkt, und dort wirkt, bis es an irgendeiner Stelle wieder aufbricht.

  1. Damit sind wir bei der Ambivalenz, der Zwiespältigkeit oder Gebrochenheit des menschlichen Seins. Leben heißt immer Gegensatz. (Politische) Utopien sind einseitige „Vergöttlichungen“ von Idealen, inklusive Verdrängen des (dämonischen) Gegenpols. Der lässt sich verdrängen, aber nicht auf lange Sicht. Einseitige Weltbilder haben sich daher immer als gefährlich erwiesen.

„So schön und vollkommen der Mensch seine Vernunft finden darf, so gewiss darf er auch sein, dass sie immerhin nur eine der möglichen geistigen Funktionen ist und sich nur mit einer ihr entsprechenden Seite der Weltphänomene deckt. Auf allen Seiten aber liegt drum herum das Irrationale, das mit Vernunft nicht Übereinstimmende. Und dieses Irrationale ist ebenfalls eine psychologische Funktion, eben das kollektive Unbewusste, während die Vernunft wesentlich an das Bewusstsein gebunden ist.“ (C.G. Jung, ebda.)

Keine Aufklärung kann verhindern – nur verdrängen – dass das Irrationale auch im Menschen ist. Und da es über den individuellen Menschen hinausgeht, ist es schon deshalb nicht in den Griff zu bekommen. Dabei darf man auch die regulierende Funktion der Gegensätze nicht vergessen, die schon Heraklit erwähnt hat, der sagte, dass alles einmal in sein Gegenteil hineinlaufe. „So läuft die rationale Kultureinstellung notwendigerweise in ihr Gegenteil, nämlich in die irrationale Kulturverwüstung.“ Jung hat diesen Satz während des Ersten Weltkriegs geschrieben. 1925 ergänzte er in einer Fußnote: „Ich habe ihn in seiner ursprünglichen Form stehen lassen; denn er enthält eine Wahrheit, die sich noch mehr als einmal im Verlauf der Geschichte bestätigen wird.“ 1942 fügte er noch hinzu: „Wie die gegenwärtigen Ereignisse zeigen, hat die Bestätigung nicht allzu lange auf sich warten lassen. Wer will eigentlich diese blinde Zerstörung? …. Aber alle helfen dem Dämon mit letzter Hingabe. O sancta simplicitas!“

Es kann gefährlich sein, sich nur mit der Vernunft zu identifizieren, der Mensch ist nicht bloß vernünftig und wird es niemals sein, betont Jung. „Das Irrationale soll und kann nicht ausgerottet werden. Die Götter können und dürfen nicht sterben.“ Eher können und müssen wir es integrieren und auch noch unterscheiden zwischen individueller und kollektiver Psyche. Was wir heute nur an der Religion (vermittelt durch die Psychologie, ohne die Religion nicht zu verstehen ist) lernen können, ist das Auseinandergerissensein in die Gegensatzpaare, das schon Heraklit angesprochen hat. Wer das Göttliche (in seiner Psyche) verdrängt, läuft Gefahr, dass es als Dämon irgendwo wieder zutage tritt. Genau das passierte in der Aufklärung: Die einseitige Vergöttlichung von Idealvorstellungen rief den Gegensatz auf den Plan, und die Aufklärung klang aus in den Grausamkeiten der Französischen Revolution. Was von den Aufklärungsgläubigen wiederum verdrängt werden muss.

Ebenso ergeht es aber den Religiösen: Wenn sie sich an einen einseitig verklärten „Wahrheitsbesitz“ halten, dann wird der eigene Schatten immer mächtiger. Das äußert sich in Ausgrenzung und Verteufelung: die anderen sind alle Lügner, wurden oft tatsächlich ausgerottet (Albigenser, Inquisition – obwohl das das Weltliche mindestens ebenso am Werk war), in einer „Moral“, die über Leichen geht. Die Islamophobie geht heute wieder genau in diese Richtung.

  1. Fundamentalistische Atheisten verleugnen durch ihre Vergöttlichung der Ratio alles Menschliche, das auf innerer Gegensätzlichkeit, Konflikt und Entzweiung (mit sich selbst) beruht. Ihre Welt ist immer nur die halbe Welt.

Fundamentalistische Religiöse richten ihren „verklärten“ Blick auf Gott, während ihr eigener verdrängter Schatten sie unbarmherzig, kalt und empathielos macht.

Beide verkrallen sich in die Frage, ob es Gott gibt oder nicht gibt, und vergessen dabei, dass Religion in ihrem Wesen vielmehr die Frage nach dem Menschsein ist.

Diese endlosen Diskussionen belegen nur einen religiösen Analphabetismus auf beiden Seiten.

Todestrieb

So gibt es ihn doch,

den Todestrieb?

Nicht als Drang zur Vernichtung,

sondern wehmütiges Drängen

in ein anderes, nicht dieses Leben.

 

Als Suche nach dem Ideal,

von Grenzen nur behindert,

der Endlichkeit zu entgehen,

dem Hier zu sterben,

um dort scheinbar zu leben.

 

Es wäre so einfach

sich der Begrenzung zu ergeben.

Der bunte Vogel

singt auch im Käfig,

und im Träumen wär er frei.

 

Doch ist es so schwer

im Gestein das Ewige zu sehen.

So verwerfen wir den Stein,

wieder verbunden im Innern,

dem Außen entschwunden.

 

Wie tiefgehend und so real,

doch eine andere Realität.

Dem Hier und Jetzt verdorben,

denn im Realen nicht zu sein,

nennt man doch gestorben.

 

Das Leben im Ideal ist stilles Glück,

das Endlichkeit nicht bieten kann.

Doch  wiegt ein einziges Aufblitzen

durch Begrenzung hindurch

knochenlose Verbundenheit auf.

Selbstliebe

Es ist heute so inflationär von Selbstliebe die Rede, und das klingt doch so oft nach Selbstillusion.

Selbstliebe hat wie alles in der Welt zwei Seiten.

Die eine ist: Ich sollte mich selbst so wie ich bin, mit allen, auch den dunkelsten Ecken und Kanten, erkennen und lieben.

Die zweite ist: Ich sollte mich hineinlieben in das Ideal meiner selbst. In religiöser Sprache: so wie Gott mich gewollt hat.

Diese Sprache ist vielen zuwider, aber es besagt nur, dass dieses „Bild“ aus einem unendlich größeren Rahmen stammt, als der, in dem ich konkret lebe.

Jedenfalls heißt Selbstliebe, diese Diskrepanz, die manchmal ein Abgrund ist, zwischen miserabler endlicher Realität und unendlichem Seinkönnen auszuhalten.

Wahrheit und Relativität

Zum Streit zwischen den Hütern der Wahrheit und den Verteidigern des Relativen (beides abwertend in Richtung Gegner gemünzt) wäre zunächst zu sagen, dass es diesen Streit spätestens seit Parmenides und Heraklit gibt. Ersterer betonte das Sein, letzterer das Werden, und bis heute schlug das Pendel in der Geschichte mal in die eine, mal in die andere Richtung aus. Also nichts Neues unter der Sonne, wenn heute in der Kirche Konservative und Progressive aufeinanderprallen.

Verzweifelt könnte man anbringen, dass das 2. Vatikanische Konzil genau diesen Widerspruch überwinden wollte und auch überwunden hat, mit der Formel: Zurück zum Ursprung, aber in der Sprache der heutigen Zeit. Allerdings sind die Gräben nach dem Konzil wieder aufgebrochen, und angesichts des jetzigen Papstes ist der Widerstreit zwischen Reformern und Bewahrern wieder so eklatant, dass manche schon von drohender Spaltung sprechen.

Aus philosophischer und tiefenpsychologischer Sicht ist dieser Streit absurd. Bewahren kann man nur etwas, wenn man seine Weiterentwicklung nicht blockiert; und eine Reform wird immer näher zum Ursprung führen müssen.  Psychologisch ist es ein Konflikt, der entweder in die Tragik des Widerstreits oder in die Komplementarität mündet. Letzteres meint, dass Gegensätze einander nicht ausschließen, sondern ergänzen. Philosophisch ist Sein/Identität gar nicht denkbar ohne Werden/Diversität, Einheit nicht ohne Vielfalt und Absolutes nicht ohne Relatives. Wir sind von der Geburt bis zum Tod derselbe Mensch, der sich ständig wandelt. Stagnation wäre vorweggenommener Tod. Wenn wir jemand nach sieben Jahren wieder treffen, dann ist kein einziges bekanntes Atom oder Molekül mehr an ihm, er ist materiell ein völlig anderer, aber doch dieselbe Person.

Und was Wahrheit und Relativität betrifft, brauchen wir auch beides. In der Welt ist alles relativ, gegensätzlich, zwiespältig, gebrochen. Es ist alles Fragment, aber wir brauchen auch das Ganze, das Absolute, nicht als Ding, als Realität, sondern als Orientierung. Orientierung für einen Weg, ein Werden, eine Entwicklung, die in die Offenheit des Unnennbaren führt. Und diese Offenheit bewahrt uns vor dem mentalen Gefängnis des „Es gibt nur…“

Verhängnisvoll wird es, wenn etwas Relatives absolut gesetzt wird. Wird ein Wert, z.B. Gerechtigkeit, absolut gesetzt, dann werden andere – an sich „gleichwertige“ – ebenfalls absolut gesetzt und bekämpft. Wird das Gesetz absolut gesetzt, muss alles, was sich nicht in die Norm pressen lässt – und das ist eigentlich alles Menschliche – mit kalter Grausamkeit verfolgt werden. Wird das Eigenständige (das dann genau nicht eigenständig ist) absolut gesetzt, dann wird das Fremde (das eigentlich das eigene, innere, nach außen projizierte Fremde ist) im anderen abgewertet, bekämpft und gehasst. (Die Tragik der Politik). Wird die (eigene) Wahrheit als absolut verteidigt, wird jeder Andersdenkende zum Häretiker gestempelt. (Die Tragik der Religion). Wenn man glaubt, Wahrheit zu besitzen, dann ist man schon beim goldenen Kalb – das in menschliche, relative Vorstellung gepresste Absolute. Jeder, der sich im Besitz der „Wahrheit“ wähnt, macht (nicht nur) die Kunstschätze in seinen Kirchen zu goldenen Kälbern. Dasselbe macht der gläubige Atheist, der sein „Es gibt nicht“ absolut setzt, alle anderen für dumm erklären muss, und nicht einmal erklärt, wogegen er ist. Alles das kennen wir aus der Geschichte. Weltlich heißt das Fanatismus, biblisch Götzendienst.

Besonders interessant wird es, wenn man sich weigert, die Gegensätze als (zu eliminierenden) Gegensatz stehen zu lassen, und komplementär beides als einander ergänzend sehen will. Dann wird man für die Bewahrer der Konservative, und für die Reformer der Progressive. Denn wer komplementär denkt, wird bei jeder einseitigen Aussage die jeweils andere (als Ergänzung) betonen, und findet sich dann in der jeweils passenden Schublade der linear Denkenden wieder. Denn die können nur vereinfachen und mit der Komplexität der Wirklichkeit nichts anfangen. Wer versucht, der Komplexität gerecht zu werden, wird aus Unverständnis einfach ins andere Eck gestellt.

Gegensätze und Komplementäres

Im gegenwärtig beherrschenden fragmentierenden Denken stellt sich immer wieder die Frage nach dem Ganzen – und da wieder nach einem abstrakten und einem lebendigen Ganzen. Davor aber die Frage, wie man mit Gegensätzen umgeht.

Dies ist die Welt der Dualität, sagen Esoteriker. Die gilt es zu überwinden, was für viele in einer Weltflucht (buchstäblich) endet. Andern Orts tobt ein Kampf zwischen Materialisten, Naturalisten, Wissenschaftsgläubigen und Religiösen, Spirituellen. An der Oberfläche ist es meist ein Krieg zwischen wissenschaftlichen und religiösen Fundamentalisten. Wir leben in einer Zeit der Polarisation, nicht nur zwischen Arm und Reich, sondern auch zwischen Weltbildern.

Der Streit hat verschiedene Dimensionen, nicht nur intellektuelle. Psychologisch steht dahinter ein Schwarz-Weiß-Denken, das zur Projektion neigt. Man vertritt selbst das Gute, die Anderen, Fremden immer das Böse. Das tritt ja aktuell in der Flüchtlingskrise wie eine Krankheit zutage. Dieses Denken neigt zu Extrempositionen, aus denen alle Grauwerte, alles dazwischen verschwindet.

Wenden wir uns diesen Grauwerten und Zwischentönen zu, dann sind wir in der Psychologie. Und die Psychotherapie hat es auch mit Extremen des Menschlichen zu tun, mit Neurotisierungen, Traumatisierungen und inneren Konflikten. Während das „wissenschaftliche“ Denken die Zeit in Standbilder zerlegt und analysiert, wodurch die Zeit selbst verloren geht, beschäftigt sich die Psychologie mit eben dieser Zeit in der Entwicklung des Menschen und seiner Konflikte. Eine Psychotherapeutin arbeitet daher weniger mit Begriffen als mit Mustern, Tendenzen, Überwältigendem. Nicht mit Fakten, sondern Deutungen. Die nicht „richtig“ sind, sondern stimmig sein müssen. Und zwar in erster Linie für den Klienten und nicht für den Therapeuten.

Damit sind wir bei einer anderen Dimension, der des Religiösen. Religion ist nicht Wissenschaft, da haben die naiven Atheisten um Richard Dawkins Recht. Sie muss daher auch nicht aus logischen Gründen von zwei Gegensätzen einen eliminieren. Es geht in der Bibel nicht wissenschaftlich, sondern menschlich zu. Auffällig ist, dass es in der Bibel von Anfang an um Gegensätze und Konflikte geht – wie im richtigen Leben. Kain und Abel, Jakob und Esau, Ägypten und das Gelobte Land. Oder um den verlorenen und den gebliebenen Sohn im Gleichnis vom barmherzigen Vater. Es geht um menschliche Dimensionen und Konflikte. Außerdem geht es um Zeit und Entwicklung.

Das Alte Testament wurde in einem Zeitraum von etwa 1000 Jahren geschrieben, und vieles, das immer wieder als Widersprüche angeprangert wird, ergibt sich schon daraus. Das „Aug um Auge“ war in einer Zeit, in der bei einem Mord der ganze Stamm des Mörders hingemetzelt wurde, ein ungeheurer Fortschritt. Die zehn Gebote kommen zweimal vor, in der ersten Version sind Frauen noch unter Hausrat und Tieren vermerkt, in der zweiten Version als Personen.

Wer religiöse Bücher so liest, wie sie zu lesen sind, nämlich als sich selbst betreffend, wird zugestehen, dass sowohl Abel, als auch Kain in ihm sind. Dass Ägypten, das Gelobte Land und die Wüste dazwischen die Zerbrochenheit des eigenen menschlichen Lebens darstellen. Und bei genauerem Hinsehen wird man feststellen, dass religiöse Schriften mehr Psychologie enthalten als psychologische Fachbücher. Was naive Religionskritiker natürlich ignorieren, weil sie auch die Psychologie verdrängen. Aber die Psyche ist das, was wir sind, alles andere – auch und vor allem das „Objektive“ – ist uns nur indirekt zugänglich.

Menschsein heißt, mit Gegensätzlichem umgehen zu müssen. Menschsein heißt, im Namen der Gerechtigkeit oder der Religion Kriege zu führen. Menschsein heißt, die über alles Geliebten zu verletzen, ohne es zu wollen. Menschsein heißt, sich zu entscheiden, das eine zu tun oder das andere, und in beiden Fällen jemanden zutiefst zu verletzen. Menschsein heißt auch, dass es vor Gericht um Recht, aber nicht um Gerechtigkeit gehen kann. Menschsein heißt, die eigene Endlichkeit und Begrenztheit anzunehmen, ohne die Ausrichtung auf das Unendliche zu verlieren.

In religiöser Sprache geht es dabei um das Irdische und das Göttliche. Beides letztlich in uns. Während wir diskutieren, kritisieren, spotten über das Religiöse, übersehen wir, dass es um etwas ganz anderes geht. Jesus ist, nach Lehre der Kirche, „wahrer Gott und wahrer Mensch“. Er ist ganz „beim Vater“ (was auch „Ursprung“ bedeutet) und ganz Mensch, in all seiner Endlichkeit und Gebrochenheit. Und er nennt die Menschen Brüder und Schwestern, was heißt, ihm „gleich“ zu sein. Heißt, auch unser Menschsein geht weit über das bloße Menschsein hinaus, umfasst in aller Endlichkeit und Gebrochenheit doch immer Endliches und Unendliches.  Dies zusammenzubringen, ohne das äußerste Gegensätzliche zu negieren, ist Aufgabe der Psychotherapie und in tieferer Dimension des Religiösen.

Psychotherapie will Widerstreitendes komplementär vereinen, was heißt, alles Menschliche anzunehmen, die menschlichen Abgründe nicht zu negieren, sondern zu integrieren. Religion zeigt nicht, was das Unendliche oder Gott ist – es ist nicht möglich, sich ein Bild davon zu machen – sondern was Menschsein bedeutet. Von der Geburt eines geistigen Funkens im Stall der menschlichen Abgründe über das Annehmen des Leidens an den Widersprüchen bis zur Auferstehung von den Toten, dem Bewusstwerden des Unbewussten, wodurch auch das Unterste „gehoben“ und integriert wird. Dazwischen liegen viele „Wunder“ der Verwandlungen, die Augen und Ohren öffnen und wieder beweglich, entwicklungsfähig machen.

Zeitpunkt und Zeitfluss

Mit dem begrifflichen Denken, dem Beharren auf Fakten und dem wissenschaftlichen Analysieren wird etwas Wesentliches unterschlagen: die Zeit. Dem fragmentierenden Denken geht das Fließen der Zeit verloren.

Wir können in Bildern oder in Begriffen denken, mythisch oder philosophisch, symbolisch oder begrifflich. Im Mythos ist der Mensch Teil der Natur und fühlt sich wie vom Strudel der Zeit mitgerissen. Mit dem Erwachen der Philosophie nimmt er sich als Subjekt aus der Natur heraus, stellt sich dem Strudel entgegen. Es ist wie ein Anhalten der Zeit. Heraklit konnte noch sagen: Panta rhei, alles fließt. Niemand steigt zweimal in denselben Fluss. Das Wasser ist im nächsten Augenblick schon ein anderes, und auch ich bin nicht mehr derselbe. Es ist noch nichts „festgestellt“.

In dem Moment, wo wir damit beginnen, uns selbst als Subjekt aus der Natur herauszunehmen, im Außen zu analysieren, beginnen wir festzustellen. Was wir als Fakten festhalten, ist festgestellt, ist Momentaufnahme. Der Film des Lebens wird angehalten und in Standbilder aufgelöst. Das Fließen der Zeit, der Wandel, das Leben gehen verloren. Was wir exakt feststellen, ist aus dem Kontext herausgelöst und in seiner Nicht-Zeitlichkeit im nächsten Augenblick schon wieder bedeutungslos.

Dazu kommt, dass Begriffe eindeutig sein sollten (zumindest in Annäherung), während Bilder und Symbole immer mehrdeutig waren. Die Wissenschaft kann mit Mehrdeutigkeit nicht umgehen und sie daher auch nicht zulassen. Damit geht das Leben verloren, das immer mehrdeutig und multidimensional ist.

Weiters sind Begriffe allgemein(gültig). In der Natur und im Leben ist aber alles einmalig. Es gibt keine zwei gleichen Menschen, auch Zwillinge sind nicht gleich. Es gibt nicht einmal zwei gleiche Schneeflocken. Es ist nicht so, dass wir den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen, sondern umgekehrt sehen wir den einzelnen Baum nicht, weil wir den Begriff des Waldes gebildet haben. Auch wenn wir vom Allgemeinen zum Besonderen schreiten, und Nadel- und Laubbäume, Fichten und Tannen, Buchen und Ahorn unterscheiden – wir kommen wissenschaftlich nie zum einzelnen Baum. Den können wir sehen, zeigen, malen, fotografieren, aber sobald wir beginnen, ihn detailliert zu beschreiben, ist er als Phänomen nicht mehr im Blick. Und die Zeit, seine ganze Entwicklung, kommt weder im Sehen, noch im Beschreiben vor. Nur das Symbol verdichtet Phänomen, Zeit und Dimensionen.

„Zeit“ in der Wissenschaft bedeutet Berechnen von Zeitpunkten. Die Zeit geht sozusagen im Raum auf und ihr Charakteristikum, das Fließen, geht verloren. Das wird besonders deutlich in der Elementarteilchenphysik: Wenn man ein Teilchen an einem Ort A misst, und dann an einem Ort B, dann ist es unzulässig zu sagen, es hätte sich von A nach B bewegt. Es geht nicht nur die Zeit, sondern auch die Identität verloren. Da es außerdem immer nur um Zeitpunkte geht, kann die Physik den „Zeitpfeil“, das Fließen der Zeit in eine Richtung, gar nicht erklären.

Zeit ist kein naturwissenschaftlicher, sondern ein psychologischer „Begriff“. Zeit kann man nicht beschreiben, sondern nur erleben. Psychologie ist nicht Naturwissenschaft, auch wenn sie das oft vorzugeben versucht hat. Zeit ist eben nicht objektiv. Deshalb zeigt eine Uhr Zeitpunkte, aber nicht Zeit. Deshalb können Afrikaner zu Europäern sagen: Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit. Von zwei Menschen, die „objektiv“ (nach der Uhr) eine Stunde erleben, fühlt der eine das als lange Zeit, der andere als rasend kurz, für einen dritten wird eine Sekunde innerhalb dieser Stunde zur Ewigkeit.

Auch der „Zeitpfeil“, das „Vergehen“ der Zeit, die von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft „fließt“, ist eine wissenschaftliche Konstruktion. Wer eine Psychotherapie durchmacht oder sich selbst analytisch betrachtet, der spürt Vergangenem und Zukünftigem in der Gegenwart nach. Erlebt die Vergangenheit in der Gegenwart, die Forderungen der (vielleicht schon längst verstorbenen) Eltern, und wie die Wunden der Vergangenheit auch noch die Zukunft bestimmen. Der erlebt, wie man Vergangenes wiedererleben und sogar verändern kann. Wie durch das Verändern des Vergangenen die Zukunft eine andere wird.

Es ist nicht verwunderlich, dass mit einem pseudo-naturwissenschaftlichen Weltbild auch das Verdrängen der Psychologie verbunden ist. Psychologie ist als Wissenschaft des Lebendigen eine Gratwanderung zwischen Begriffs- und Symbolsprache. Es gibt selbstverständlich Begriffs- und Theoriebildung, aber Inhalt sind (auch) Bilder, Symbole, Mythen, Träume. Das Beschreiben muss das Grenzenlose im Begrenzten, das Mehrdimensionale und Mehrdeutige im Bild, im Symbol bestehen lassen.
Dazu wäre anzumerken, dass wir vieles aus der Psychologie in ihrer Vor-Geschichte finden: über Augustinus und Ignatius von Loyola bis zurück zu Heraklit. Aber gleichzeitig mit der Etablierung der Psychologie und Psychoanalyse kommt es zu einer signifikanten Seelenvergessenheit. Das allgemeine Weltbild lehnt sich an die Physik an – noch dazu an die Physik des ausgehenden 19. Jahrhunderts, und bleibt dort stecken – was psychologisch einem Rückfall aus der Beziehung des Ich-Du in die des Ich-Es entspricht, wodurch auch das Ich verlorengeht.

Während der Naturwissenschaftler sozusagen am Flussufer steht und die Tropfen zählt, begibt sich der Psychologe ins Wasser und versucht, die Information der Tropfen wahrzunehmen, die diese seit der Quelle aufgenommen und weitertransportiert haben, und die sie weitertreiben Richtung Meer. In dieser Sicht gibt es keinen Standpunkt, nur das Fließen der Zeit. Wer sich diesem Fließen aussetzt, muss seinen Standpunkt aufgeben, und wer auf seinem Standpunkt beharrt, dem bleibt das Leben verborgen.

In gewisser Hinsicht ist das auch ein Zurückgehen hinter die Subjekt-Objekt-Spaltung. Es interessieren nicht so sehr die Elternobjekte, sondern die inneren Eltern, nicht so sehr das objektiv Manifeste, sondern das Verinnerlichte und Verdrängte. Das „Objektive“ dient nur dazu, das Subjekt sichtbar zu machen. Wir müssen wieder werden wie die Kinder, d.h. längst „Vergangenes“ (aber immer auch gegenwärtig Wirkendes) muss wieder aufgenommen, bearbeitet und integriert weitergetragen werden. Erst dadurch ist ein erwachsenes Leben möglich.

Nun ist der Mensch Bürger zweier Welten. Er lebt in der objektiven Realität, gleichzeitig aber auch in diesem Fluss des Lebens, der alles in sich enthält, von der Quelle bis zum Meer. Er muss immer wieder „feststellen“, darf aber nicht verdrängen, dass es hinter diesen Standbildern einen Film gibt. Dass die Standbilder zwar objektiv sind, aber jeder in seinem eigenen Film lebt, der nicht feststehend, sondern immer veränderbar ist. In diesem Film lässt sich sogar die Vergangenheit ändern, zwar nicht die Standbilder der Vergangenheit, aber man kann dem Fließen der Partikel eine andere Richtung geben, die auch immer schon da war, aber nicht konkret werden konnte.

Das ist wie in der Quantenmechanik (die eine neue Logik eröffnen würde): Die Wirklichkeit ist die Überlagerung aller Möglichkeiten. Die Realität entsteht durch Messung, durch Hinschauen, und wird dadurch festgestellt. Durch eine andere Art des Experiments, des Hinschauens, können wir eine andere Möglichkeit realisieren, feststellen. In einer Psychotherapie geschieht nichts Anderes: Durch eine andere Art des Hinschauens auf die Vergangenheit wird eine andere Möglichkeit realisiert und damit die Vergangenheit „verändert“. Auch wenn das Wasser dasselbe ist, kann man den Fluss nachträglich umbetten. Das Fließen der Zeit ist ein anderes geworden. Der Erlebende ebenfalls.