Projektionen rund um das Kopftuch

Obwohl die Psychologie des 20. Jahrhunderts kaum Spuren in den Köpfen der Gegenwart hinterlassen hat, ist doch vielen bewusst, dass die Fehler, die man an anderen abscheulich findet, meist die eigenen sind. Und dass man diese Tatsache Projektion nennt. Derzeit kann man wunderschön kollektive Projektionen beobachten, nämlich in der völlig unnötig hochkochenden Kopftuchdebatte.

Wer sich am Begriff „Islamophobie“ stört, kann auch das als kollektive Projektion sehen. Wer sich betroffen fühlt, ist der Projektion erlegen, denn die den Begriff verwenden, heißen nicht generell alles gut (sind also keine „Gutmenschen“), sondern tolerieren den Islam als Religion. Den Islamismus, Terrorismus und politischen Islam verurteilen sie genauso. Aber wer so projiziert, ist nicht mehr imstande, Fakten zu sehen – obwohl er immer den Begriff „Fakten“ im Mund führt.

Ein Lehrbeispiel ist der ominöse Kopftuch-Sager von Bundespräsident Alexander van der Bellen. Er wehrte sich dabei in einer Fragebeantwortung gegen die religiöse Überfrachtung (Projektion!) des Kleidungsstücks und meinte dann, wenn das so weiterginge (mit der kollektiven Projektion), dann müsse man irgendwann alle Frauen auffordern, Kopftuch zu tragen – aus Solidarität. Um das zu verdeutlichen, wies er darauf hin, dass in Dänemark die Menschen Judensterne trugen, aus Solidarität mit den Juden und um deren Deportation zu verhindern. Das ist KEIN Vergleich mit dem Antisemitismus, sondern ein Vergleich mit der Haltung der Solidarität, die damals die Menschen bewegt hat. Das zu unterscheiden überfordert anscheinend viele.

Für alle, die eine Übersetzung brauchen: BP VdB meinte, dass das Kopftuch ein Kopftuch ist. Und wenn es weiterhin für Projektionen missbraucht wird (von Inländerseite), dann braucht es drastische Bekundungen der Solidarität mit den Frauen, die aus verschiedensten Gründen Kopftuch tragen.

Es geht nicht an, eine Kultur unter Generalverdacht zu stellen, die Frauen zu unterdrücken. Fakt ist nur, dass es diejenigen, die wir unter dem Begriff „Islamisten“ zusammenfassen, tatsächlich tun. Das ist ein Missbrauch des Kopftuchs, der Frauen und des Islam!

Fakt ist auch, dass viele Musliminnen kein Kopftuch tragen. Auch unter diesen wird es solche geben, die sich unterdrückt fühlen, und solche, die es nicht tun. Fakt ist, dass viele Musliminnen es aus Gründen der eigenen Identität (die kann religiös begründet sein oder auch nicht), der Abgrenzung, des Protests oder was auch immer, tun. Und wer Augen hat, wird feststellen, dass es Musliminnen mit (sehr modischen) Kopftüchern gibt, die darunter hinaus sehr körperbetonte Kleidung tragen. Da sollte einem Inländer aufgehen, dass es sich einfach um eine andere Kultur und einen anderen Blick handelt.

Was hinter den Unterstellungen liegt

Wenn wir weggehen von der vordergründigen Argumentation, die in der Debatte immer etwas unterstellt (religiös, nicht religiös, Unterdrückung oder nicht…..), dann geht es ganz allgemein um das Thema Individuum und Gesellschaft oder Gemeinschaft. Der Mensch kommt aus der Symbiose (Mutter-Kind), entwickelt ein Ich (immer gegen Widerstände), schließt sich Gruppen an, und in dieser wechselhaften Alternative entwickelt er sich zum Individuum. Gruppen geben immer etwas vor, das reicht von harmlosen Zeichen der Mitgliedschaft bis zum Zwang und zur Unterdrückung. Ich-Bildung ist immer emanzipatorisch, will Unabhängigkeit von äußeren Vorgaben oder Zwängen. Das passt letztlich nie zusammen.

Religionen sind eigentlich Wege zur Selbständigkeit und Freiheit („Zur Freiheit hat euch Christus befreit“), das kann man theologisch begründen, führt hier aber zu weit. Die Kirchen haben außerdem dieser Befreiung meist zuwider gehandelt und erdrückende Auflagen entwickelt, die der eigenen Religion widersprechen. Das ist im Islam so wie im Christentum.

Viele entfliehen dem in eine säkulare Gesellschaft, glauben sich allein dadurch unabhängig – und erliegen neuen Zwängen (Markt, Wachstum, Ideologien, Geltung, Gruppenzwängen). Was anderes ist z.B. (um nur ein harmloses Beispiel zu nennen) die Mode? Es ist zwar ein subtilerer Zwang, aber es ist de facto Zwang. So ist der Minirock oder die Bauchfreiheit genauso Symbol der Unterdrückung wie das Kopftuch! Es steht ja auf dem frei liegenden Nabel nicht geschrieben, ob die Trägerin es aus Überzeugung tut oder weil sie es einfach schön findet, oder ob sie es tut, weil sie dem subtilen Zwang der Mode folgt und sich nicht getraut, dem etwas Eigenes entgegenzusetzen.

Theoretisch ist es leicht, sich dem Zwang der Mode zu entziehen, aber das setzt Ich-Stärke voraus. Praktisch handelt man sich durch diese Ich-Stärke ein Außenseitertum ein, das oft schwer zu ertragen, im Umkreis der Pubertät fast unmöglich ist. (Ist für Männer übrigens nicht anders). Tragischer wird es bei den buchstäblich beherrschenden Körperbildern. Dort endet es im Pathologischen (Diätwahn, Bulimie, „Schönheits“-OPs, von denen keine Körperregion verschont bleibt). Das Thema ließe sich endlos fortsetzen – aber bei uns gibt es ja keine Unterdrückung der Frau!

Mit anderen Worten: Wir fordern (in der unseligen Kopftuch-Debatte) von anderen die Emanzipation, für die wir selber zu schwach sind. Wir geben vor, für die Freiheit der anderen (der Musliminnen) zu kämpfen, für die zu kämpfen wir selbst zu feig sind.

 

Wer am meisten anfällig für Projektionen ist

Diese Projektionen vorausgesetzt ist es auch mehr als verständlich, dass vor allem diejenigen aggressiv gegen das Kopftuch sind, die hinter ihrem rechten Macho-Gehabe kein eigenes Ich entwickelt haben und sich in der Kollektivität einer Burschenschaft, der FPÖ, PEGIDA, AfD, Front National, und wie sie alle heißen, verstecken müssen. Wer keine Ich-Stärke entwickeln konnte, fühlt sich durch alles Fremde (vor allem das Fremde in sich selbst, denn um das geht es eigentlich) bedroht. Der muss sein zartes Ich schützen, so wie in den Schrebergärten sogar einzelne Tulpen mit Plastikzäunen „geschützt“ werden. Der braucht die Nationalität, um sein Ich-Vakuum zu füllen. Der braucht Zäune, um ein Ich vorzutäuschen.

Was uns hier als Heimat- und Nationalbewusstsein verkauft wird, und womit Stärke vorgetäuscht wird, ist pure Existenzangst. Vergleichbar dem Gefühl eines Neugeborenen, das sich plötzlich dem grellen Licht dieser Welt ausgeliefert fühlt, und das am liebsten wieder in den Mutterleib zurückkriechen würde. Es muss aber den oft rauen Weg der Ich-Bildung und Selbstfindung gehen, der in der Pubertät in eine Krise gerät, die aber in die Selbständigkeit führen sollte. Rechte Gemüter sind in dieser pubertären Krise steckengeblieben und weigern sich, selbständig zu denken. Sie suchen Schutz im Mutterleib von Kollektiven wie Burschenschaften, Parteien usw., die vorgeben, für den Schutz des kaum vorhandenen Ichs zu kämpfen.

Dass deren Führer nur das eigene, kaum vorhandene Ich ummauern wollen, bleibt unbewusst. Sie lehnen die EU z.B. ab, weil sie darin nur das Europa der Projektionen sehen können. Hätten sie genügend Ich- und Selbstbewusstsein, würden sie Europa nicht als Bedrohung (ihres zarten Ichs) sehen, sondern als mögliche Stärke der Gemeinsamkeit. Dann würden sie die zweifellos vorhandenen Schwächen dieser Gemeinschaft beseitigen und verbessern wollen, statt sie bloß zu bekämpfen. Dann würden sei an einem gemeinsamen Haus (in dem alle ihre individuellen Räume bewohnen können) bauen, statt das gesamte Gebäude niederreißen zu wollen.

 

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Feindbild Facebook

Ein Artikel auf „Galileo“: „Die Filterblase: Wie Facebook dabei ist, uns alle zu Feinden zu machen“ macht genau das, was er im Artikel Facebook zuschreibt: er kreiert ein neues Feindbild. Dabei wäre es bloß notwendig, mit dem Medium umgehen zu lernen. Dafür gibt es auch Tipps am Ende des Galileo-Artikels.

Zunächst wäre festzuhalten: Der Artikel stammt von einer seriösen Internet-Seite, und das ist, wie wir alle wissen (sollten), ziemlich wichtig. Aber wovon reden wir? Das Internet ist eine Kulturtechnik, wie es auch der Buchdruck war, nur eben schneller und fast auf Anhieb fast allen zugänglich. Kulturtechniken sind nicht per se gut oder böse, sondern ein Werkzeug, mit dem man umgehen lernen muss.

Der Artikel beginnt mit dem Satz: „Facebook und Twitter haben dazu beigetragen, Donald Trump zum Präsidenten zu machen.“ Das kann man nicht leugnen. Nach Schätzungen stammten 30 % der Twitter-Einträge pro Trump von Mini-Programmen und nicht von Usern. Das Internet ist eben noch weit geduldiger als Papier (Bücher, Zeitschriften, Zeitungen, Prospekte, Plakate,…), und eben auch offen für sinnvolle und unsinnige Inhalte.

Der Kritikpunkt des Autors ist: FB kreiert eine eigene, eingeschränkte Welt (so genannte „Filterbubbles“), in der wir uns bewegen und die wir damit verfestigen. Da stellt sich die Frage: Was ist denn daran so neu? Außer dass es schneller und „besser“ geht, gar nichts. Das Internet/FB wirkt nur wie ein Teleskop, es macht sichtbar, was ohnehin da ist. Es macht keinen anderen Menschen aus mir, sondern es macht den Menschen, der ich bin, transparenter.

Der Artikel nennt „zwei wirklich gefährliche Effekte“:

„Erstens wird der am ehesten gehört, der am lautesten brüllt.“ Viele Likes, große Reichweite, und Populisten können damit grandios umgehen. Aber ist das ein Alleinstellungsmerkmal von FB? Das ist doch im wirklichen Leben ganz genauso! Es wird durch FB nur verdichtet und deutlicher.

„Zweitens leben wir alle in kleinen Welten, die wir uns selbst erschaffen haben.“ Im Klartext: Nicht FB „erschafft“, sondern wir erschaffen selbst. FB „hilft“ uns nur dabei. Das, womit wir uns gehäuft beschäftigen, wird uns in der Timeline präsentiert. Das bläst die eigene Meinung künstlich auf (eben „Filterbubbles“), während gegenteilige Meinungen und Informationen ausgeblendet oder bekämpft werden. „Wir alle schließen uns in Filterbubbles ein.“ Auch das wäre ohne FB nicht anders. FB komprimiert bloß.

Facebook ist das, was wir daraus machen

Es herrscht ja auch die Meinung, FB wäre nur geeignet für Oberflächliches, für Katzenfotos, Essenspostings und Befindlichkeitsmeldungen. Tiefschürfendes gehe nicht. Letzteres ist natürlich schwieriger an die User zu bringen, aber wer es versucht, wird sehen: es geht! Dass man mit religiösen Fundamentalisten und Atheisten wunderbar über Religion diskutieren oder (was klarerweise leichter ist) streiten kann, wundert nicht wirklich. Das ist eben Meinungspornografie. Aber man kann auch z.B. über Quantenmechanik diskutieren, wenn auch viel eher mit Frauen als mit Männern. (Aber das ist ein eigens Thema). Genauso kann man über Tiefenpsychologie diskutieren, wenn man es nur versucht.

Natürlich gibt es auch dabei Voraussetzungen, aber wieder wie im wirklichen Leben. Das Leben in den „Filterbubbles“ muss man nicht negativ sehen. Positiv formuliert heißt das, ich kann mir meine „Freunde“ selbst aussuchen. Mit denen kann ich dann eben Katzenfotos tauschen, am Krieg der Faschisten mit dem Gutmenschen teilnehmen, oder über Quantenmechanik, Tiefenpsychologie, Philosophie, Politik und Religion diskutieren.

Die „Filterbubbles“ führen dazu, sich in einer eigenen, immer begrenzteren Welt einzugraben, Gegenteiliges auszuschließen, auszugrenzen und zu bekämpfen, was zu einer immer größeren Polarisierung führt. Wunderbar zu beobachten im US-Wahlkampf, in dem es nicht mehr um Argumente, sondern um den Aufeinanderprall zweier Ideologien ging. Amerika ist gespalten, und es ist unwahrscheinlich, dass es nach der Wahl wieder ein „geeintes“ Amerika gibt. Die Anti-Trump-Demos beweisen das zur Genüge.

Ähnlich in Österreich die Bundespräsidentenwahl, in der „Rechts“ und „Links“, „Rechtsradikale“ und „linke Gutmenschen“ aufeinanderprallen. Auch dieser Krieg wird durch FB und Twitter nur verstärkt, weil sich dort die Wogen viel schneller aufschaukeln können. Da wir die erste Wahlanfechtung schon hinter uns haben, ist es ebenso unwahrscheinlich, dass nach der Wiederholungswahl wieder ein „einig Volk“ entstehen wird.

Das Gift der Polarisierung

An dieser Polarisierung ist aber nicht FB schuld, sie wird durch FB nur verstärkt. Dahinter steckt viel Tieferes. Das großpolitische Lagerdenken war nach dem Mauerfall passé, die Weltpolitik wurde komplex – und wie sich heute immer deutlicher zeigt: Wir sind dem nicht gewachsen. Unser Denken ist mit Komplexität schlicht überfordert.

Hinter dieser Zuspitzung steckt noch Tieferes: Der ungeheuer erfolgreiche Siegeszug der Naturwissenschaft wurde teuer erkauft mit der Preisgabe der Komplexität und der Ganzheit. Leider ist das Leben aber komplex. Naturwissenschaft analysiert, zerlegt in kleinste Teile, weil es unmöglich ist, viele Parameter, die zusammenspielen, gleichzeitig wissenschaftlich zu erfassen. Die Methode ist das Experiment, eine vereinfachte Situation, die so in der Natur nicht vorkommt. Mit anderen Worten: Naturwissenschaft konstruiert eine objektive Welt, in der das Subjekt, der Mensch und das wirkliche Leben nicht vorkommen, ausgeklammert werden müssen.

Das wäre an sich nicht tragisch, ist das doch eine höchst erfolgreiche Methode. Tragisch wird es, wenn man meint, damit die „Welt“ erklären zu können. Damit wird die Methode zur Ideologie, und wie alle Ideologien gefährlich. Dann sieht man nicht mehr, dass man mit dem Subjekt das Menschliche aus der Welt hinausgedrängt hat, und wundert sich über eine unmenschliche Welt. Dann sieht man auch nicht mehr, dass sich die Naturwissenschaft längst weiterentwickelt hat, mit der Quantentheorie wieder „ganzheitlich“ geworden ist. Das ideologische, pseudo-naturwissenschaftliche Weltbild muss um 1900 stehenbleiben. Der „Alltagsverstand“ kann weder die Quantentheorie, noch die Tiefenpsychologie verstehen, weil die über eine längst überholte Logik hinausgehen.

Um nur einen Aspekt zu nennen: In beiden Disziplinen gilt das Entweder-Oder nicht mehr. Aber genau an dieses Entweder-Oder, diese Schwarz-Weiß-Malerei, dieses politische Rechts-Links-Schema klammern wir uns, als lebten wir immer noch im 19. Jahrhundert. Erst wenn wir das überwinden, könnte es wieder heißen: Willkommen im wirklichen (komplexen) Leben. Vielleicht würde dann sogar die Politik wieder legendig.

Facebook macht uns jedenfalls nicht zu Feinden, sondern macht uns unsere vorhandene und wachsende feindliche Gesinnung bewusst.

Gegensätze und Auferstehung

Warum sind fundamentale Christen und Rechtsradikale einander so ähnlich? Warum wählten 81 Prozent der evangelikalen Wähler den Inbegriff des „bad boy“, Donald Trump? Psychologisch ist es nur zu verständlich, dass diejenigen, die sich „ganz“ dem Guten verschreiben, das „Böse“ verdrängen und abgespalten haben, und genau deshalb auf jemand hereinfallen, auf den sie es projizieren können. Es scheinen die Hyper-Christlichen zu sein, und doch ist das Christentum selbst ganz anders.

Mit Christi Geburt wurde die Welt gespalten in Oben und Unten, Himmel und Hölle, den Herrn des Himmels und den Herrn der Erde.  Im aktuellen Geschehen war diese Spaltung dazu da, das Bild Gottes, die imago dei, klar herauszustellen. Und wiewohl Christus als die Ikone Gottes das Symbol der Ganzheit ist, so muss er doch, um wirklich Ganzheit zu werden, das Untere auch integrieren, daher „hinabgestiegen in die Hölle“, um auch das Böse hineinzunehmen in die Auferstehung.

Dies ist der Teil des Mysteriums, der im danach entstandenen Christentum fehlt, abgespalten und verdrängt wird. Daraus entstehen Leibfeindlichkeit, Weltabgewandtheit, Selbstgeißelung usw., die allesamt dem Christentum eigentlich fremd sind. Die Trennung musste erfolgen, um das Obere, das Himmelreicht Gottes sichtbar zu machen. Aber wenn man genau hinschaut, ist es nicht bei dieser Trennung geblieben.

Noch im Alten Testament, etwa bei Hiob, ist der Teufel bloß der Versucher des Menschen, Gott noch viel näher, beinahe ein Berater Gottes. Zum Antichrist wird er erst im Neuen Testament. Er ist immer noch der Versucher, aber bereits der Herr der Welt, der gestürzt werden muss. Und doch wird die Nähe zu Christus und der Notwendigkeit der Vereinigung der Gegensätze im Neuen Testament immer wieder angespielt.

Jesus wählt auch Judas, quasi den Vertreter des Teufels, unter seine Jünger, eben weil er dessen Tragik voraussah. Das Gute ist nicht zu schaffen, wenn das Böse nicht integriert wird. Die Parallele zwischen Petrus und Judas ist auch nicht zu übersehen. Beide verraten Jesus. Man könnte sogar sagen, dass der Verrat des Judas der geringere war, könnte man ihm doch eine „gute“ Absicht unterstellen, Jesus damit herauszufordern, sich als (politischer) Messias zu outen, während der Verrat des Petrus reine Feigheit war. Nur die Reaktion ist anderes: Während Petrus sich wieder öffnet und die kleinlich-ängstliche Ich-Zentriertheit wieder aufgibt, verschließt sich Judas darin und richtet sich selbst.

Während des Gerichtsverfahrens ist der Schatten Christi ganz nahe: Die Menge fordert anstatt der Freilassung Jesus die des Barabbas. Und Bar-abbas heißt nichts anderes als (auch) Sohn des Vaters. Immer noch geht es um das Wählen des einen oder des anderen. Die „Menge“ will einen irdischen, politischen Messias, nicht einen weltabgewandt-himmlischen. Die Doppelnatur Christi kann sie nicht begreifen.

Am Beispiel der beiden Mitgekreuzigten wird aber dann gezeigt, wie hauchdünn der Gegensatz ist. Beim einen bedarf es nur eines einzigen Satzes („Denk an mich, wenn du im Paradies bist“), und er kann sein ganzes verbrecherisches Leben mit in den Himmel nehmen.

Schon im Gleichnis vom verlorenen Sohn oder vom gütigen Vater wurde gezeigt, dass dem etwas Entscheidendes fehlt, der sich allein dem Guten verschreibt. Der Schatten ist dann in Form des Neides immer wieder da. Dagegen wird ein Fest gefeiert, wenn jemand sein ganzes elendes Leben zurück- und damit mitbringt. Denn es geht dabei nicht um die „späte Einsicht“ (die wäre rein intellektuell und existenziell ziemlich dürftig), sondern darum, dass er sein verunglücktes Leben ins Ganze integriert. Das ist es, was er dem anderen, der stets der „Gute“ war, voraushat.

Ohne das „Hinabgestiegen in die Hölle“ wäre die Auferstehung nichtssagend. Sterben ist ja nichts Außergewöhnliches. „Leben in Fülle“ ist nur möglich, wenn die „Toten“ zum Leben erweckt, die „Hölle“ integriert, „Oben“ und „Unten“ verbunden werden.

Das Leben im „Guten“ ist eine Illusion, hat keinerlei Substanz. Wenn Christen immer noch glauben, das Böse bekämpfen zu müssen, zwischen Wir (die Guten) und die anderen (das Böse) unterscheiden und trennen zu müssen (auch in der Flüchtlingsfrage und im Anhimmeln von rechten Parteien), dann kann es sein, dass sie das Christentum gar nicht verstanden haben.

Nicht angeloben oder entlassen?

Der Sommer ist gerettet: Statt ins Kabarett Simpl zu gehen, kann man simple Interviews und Sager aus der Mitte des politischen rechten Rands konsumieren.

Zumindest bis zur nächsten Wahl bleibt uns das butterweiche Antlitz des Norbert Hofer erhalten. Nach der Wahl wird es ohnehin erstarren, entweder weil er nicht Bundespräsident wird oder weil er es wird: „Sie werden sehen, was noch alles möglich wird!“ So ähnlich lautete seine Drohung vor laufenden Kameras.

Fairnessabkommen lehnt Hofer ab. Egal, er würde sich ohnehin nicht daran halten. So ehrlich ist er zumindest. Inzwischen übt er sich schon mal in Untergriffen Richtung Gegner. So entwindet er sich den ständigen Journalistenfragen, ob er denn wirklich eine Regierung entlassen würde, wenn sie ihm nicht passt, mit einem scheinbaren „Seitenhieb“ auf den Gegenkandidaten. Der würde Strache als Kanzler oder Hofer als Minister nicht angeloben. Dass Alexander van der Bellen auch seine Gründe dafür auf den Tisch legt, ist für Hofer nebensächlich. Hofer befleißigt sich sofort, dass er jede Regierung angeloben würde, egal aus welcher Partei.

Damit verkleidet er sich gekonnt als Demokrat, man möge ihm das abnehmen. Er hat ja ohnehin sein Auffangnetz dahinter aufgespannt. Er würde jede Regierung (also abgesehen von einer rechten) entlassen, wenn sie ihm nicht passt. Und das wohl so lange, bis sie ihm passt. (So wie wir jetzt anscheinend so lange wählen müssen, bis Hofer endlich gewinnt). Hofer präsentiert sich damit im ersten Schritt (Angelobung einer Regierung) „demokratisch“, nur um im zweiten Schritt (wenn ihm eine Regierung nicht passt) den Diktator zu geben.

Auf die Frage, warum er glaube, am 2. Oktober mehr Stimmen zu gewinnen als VdB, antwortete Hofer ungeniert: „Ich stehe für Kontinuität. Ich grenze keine Partei aus. Sollte ich gewählt werden, dann will ich bei einer Wiederwahl auch alle zwölf Jahre Bundespräsident sein.“ Seine „Kontinuität“ sieht dabei so aus, dass er mit vielen Konventionen bricht, die wir bisher von diesem Amt gewohnt waren. Er grenze keine Partei aus, entlässt sie aber, wenn sie ihm nicht passt. Außerdem klingt das „Ich grenze keine Partei aus“ von einem, der sich zu einer Partei bekennt, deren Kernkompetenz ausschließlich das Ausgrenzen ist, wie glatter Hohn. Das ist tatsächlich Marke Kabarett. Und mit den 12 Jahren – ein fieser Seitenhieb auf das Alter seines Gegenkandidaten – bedient er die anscheinend von seiner Partei ins Leben gerufenen, wirklich grauslichen Untergriffe auf eine angebliche Krankheit des „Gegners“.

Für alle ohne blaubraune Sonnenbrille ist das die Masche des Norbert Hofer: mit schleimigem Lächeln dem anderen die größten Gemeinheiten ins Gesicht zu schleudern, seine diktatorische rechte Gesinnung notdürftig mit einem ach so demokratischen Mäntelchen zu umkleiden.

Die jetzige Regierungsmannschaft ist neu, und die würde Hofer selbstverständlich akzeptieren – aber nicht ohne deren Abgang bereits vorzubereiten. „Sorgen bereitet mir die neue SPÖ-Staatssekretärin“ (Muna Duzdar). Und zwar deren Idee, mehr Migranten in den öffentlichen Dienst zu bringen. Diese Idee diffamiert Hofer als „positive Diskriminierung“. Das Wort „positiv“ klingt ja so freundlich wie seine aufgesetzte Miene. „Das ist der falsche Weg. Denn was zählen muss, ist einzig und allein die Qualifikation.“ Was so offen klingt wie die FPÖ und speziell Hofer nie im Leben sind. Tatsächlich würden sie dem nur dann zustimmen, wenn Deutschtum als Qualifikation gilt. Die aber ist sowieso vorgesehen, wenn die Regierung so lange entlassen wird, bis sie rechts-tauglich ist.

Hofer verschleiert ja nicht mal, dass das einzige Kriterium für seine Entlassung jeder Regierung ist, dass diese nicht rechtslastig ist. So wie das einzige Kriterium einer Wahlanfechtung – auf Basis auch von Ungereimtheiten in den eigenen Reihen – war, dass Kandidat Hofer knapp unterlegen ist.

Klar, dass auch kein Fairness-Abkommen zustande kam. Enthalten hätte es ja auch eine Mindestvereinbarung betreffend Fairness, mit der klargestellt worden wäre, dass Diffamierungen, Angriffe auf die Privatsphäre der Kandidaten und ihrer Familie sowie „dirty campaigning“ zu unterlassen sind. Genau darauf ist aber die FPÖ spezialisiert!

Ewald Stadler: „Glauben ist keine Privatsache“

Nachdem Ewald Stadler schon zwischen eingen (rechten) Parteien hin und her gependelt ist, hat er nun eine eigene Partei, die REKOS (die Reformkonservativen) gegründet und tritt mit dieser zur Europawahl an. Der Zeitschrift „Das Biber“ gab er ein Interview über seine religiösen Ansichten.

Glauben mag keine Privatsache sein, aber auch nicht etwas, das man den anderen so penetrant aufzwingen muss.
Aber wenn schon so öffentlich, dann hat Ewald Stadler auch eine Antwort verdient. Es lohnt sich bei jeder einzelnen Frage! Man muss es ja nicht so bitter ernst nehmen wie Herr Stadler.

 Interview:

Der Rekos-Spitzenkandidat Ewald Stadler ist ein strenggläubiger Christ. Deswegen will er alle österreichischen Moslems zum Christentum bekehren – Den Anfang macht er mit unseren zwei Redakteuren.

Von Dudu Gencel, Amar Rajkovic und Susanne Einzenberger
und kommentiert von Robert Harsieber

 Biber: Wofür steht ihre jetzige Partei „Rekos“?
Ewald Stadler: Die REKOS (Reformkonservativen) stehen für christliche Werte. Ohne das Christentum hätte es in Europa keine kulturelle Blüte gegeben. Das soll man nicht wegleugnen, wie es die Europäische Union versucht.

In der Zeit der Hochblüte Andalusiens hat Europa allerdings einige Nachhilfestunden von Moslems bekommen. Nachsitzen in Sachen Philosophie (Aristoteles) und Wissenschaft (Mathematik, Algebra, Medizin, Architektur usw.). Wer weiss, vielleicht schafft Europa noch die Matura / das Abitur und erinnert sich so nebenbei auch an die frühe Unterstützung.

 Sind Sie streng gläubig?
Was heißt „streng gläubig“? Ich versuche meinem katholischen Glauben in der Praxis nachzukommen, mehr schlecht als recht. Deswegen gibt es bei uns das Bußsakrament, um immer wieder mit dem lieben Gott neu anfangen zu können.

Mehr schlecht als recht – da hat er Recht! Da kann man ihm beim besten Willen nicht widersprechen. Nicht wenn man seine Antworten liest. Und gegen das Bußsakrament scheint er schon immun zu sein.

Wie steht es um Andersgläubige und Ungläubige?
Den Unglauben lehne ich zutiefst ab. Das Verhältnis zwischen Katholiken und Andersgläubigen ist traditionell als das Verhältnis zwischen Wahrheit und Irrtum definiert worden. Jeder hat das Recht zu irren. Es ist Aufgabe des Katholiken auf den Irrtum hinzuweisen.

Gott fragt Ewald Stadler, was er zutiefst ablehnt – und bemerkt, dass er die Bibel revidieren muss. Das Verhältnis von Wahrheit und Irrtum geht leider auch quer durch das „Christentum“. Es ist Aufgabe des Katholiken (seit dem Konzil ganz besonders), seinem eigenen Irrtum nachzuspüren. Aber natürlich hat jeder das Recht auf seinen eigenen Irrtum – auch ein Ewald Stadler.

Es gibt Studien, die besagen, dass 50% der Österreicher Atheisten sind. Ist ihre Weltanschauung nicht überholt?
Ich sage Ihnen, dass ich auf diese Studien pfeife, weil Gott nicht davon abhängt, ob eine Studie beweist, dass 50% der Österreicher Atheisten sind. Gott bleibt ewig. Ewig, wie er war und wie er sein wird.

Schon gut, aber er ist nicht nur ewig, sondern auch barmherzig. (Das Wort für „Barmherzigkeit“ ist im Hebräischen übrigens auch das Wort für „Mutterschoß“ – soviel zum „männlichen“ Gott der Bibel, dessen Eigenschaften mehr weiblich als männlich sind, aber das ist ein anderes Thema).

Kann dieser besagte Gott auch neben anderen Göttern leben?
Nein. Da ist er sehr eifersüchtig. Das sehen Sie gleich schon im ersten der zehn Gebote: „Du sollst keine Götter neben mir haben.“

Ganz besonders peinliche Antwort! Stadler redet auf der Ebene von Göttern (was biblisch Götzen entspricht) und nicht von dem einen Gott, von dem alle reden, die von einem Gott reden, ob sie ihn nun Gott oder Allah oder Brahman oder sonstwie nennen. Wenn Stadler seinen Gott neben die anderen stellt, dann ist er ein Polytheist.

In Österreich sind 5% der Bevölkerung Moslems. Es gibt im ganzen Land aber nur drei Moscheen mit Minaretten. Ist das nicht zu wenig?
Nein. Es wäre unsere Aufgabe mit diesen 5% in einen ehrlichen religiösen Dialog zu treten, um ihnen das Heil zu vermitteln, d.h. um ihnen die Wahrheit Gottes zu übermitteln.

Bitte verschont unsere muslimischen Nachbarn mit der Wahrheit Stadlers. Die würde sie entweder fanatisieren oder zu Atheisten werden lassen – oder kalt lassen, was noch am besten wäre. Aus einem ehrlichen religiösen Dialog müsste sich vor allem Stadler raushalten.

Also sie zu konvertieren?
Ja – um sie zur Konversion zu bringen. Wieso schicken wir sonst Missionare nach Afrika? Bei uns tun wir so, als ob der Islam die gleichwertige Wahrheit wie die katholische Kirche vertrete. Das ist nicht der Fall.

An „religiöser“ Arroganz nicht zu überbieten! Wer die Wahrheit hat, entscheidet – Gott sei‘s gedankt – nicht Ewald Stadler. Abgesehen davon, dass man wohl kaum im Besitz der Wahrheit sein kann. Auch wenn Christus „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ ist, „haben“ Christen deswegen noch lange nicht die Wahrheit. Selbst die Apostel, die drei Jahre mit ihm waren, haben ihn nicht erkannt. Aber Bescheidenheit war nie des Stadlers Zier.

Sie sprechen viel von Religion und Glauben, von der christlichen Erlösung und Jesus Christus. Hat der Glauben überhaupt was in der Politik verloren?
Glaube und Staat haben notgedrungen etwas miteinander zu tun. Der Staat ist verpflichtet nach den Vorgaben der Bibel nichts zu tun, was das Heil der Menschen gefährdet. Umgekehrt ist die Kirche verpflichtet auf den Staat einzuwirken, dass das Heil der Menschen gewahrt bleibt. Das können Sie an keinem Problem so deutlich machen, wie an der Abtreibungsfrage.

Der Staat ist verpflichtet, die Rahmenbedingungen für alle zu schaffen (das inkludiert auch die Moslems im Staat). Die Kirche hat die Aufgabe, nicht sich einzumischen, sondern zu mahnen, auf offensichtlich Unethisches hinzuweisen. Und der Staat hat nicht Ideale zu vertreten (das hat noch immer zu blutigen Revolutionen geführt), sondern die nächsten Schritte zum relativ Besseren einzuleiten.

Warum erwähnen Sie immer wieder die Abtreibung? Ist das so ein großes Thema?
Weil es ein zentraler Punkt ist. Ich glaube, dass das einer der größten Wunden ist, die wir derzeit in den westlichen Gesellschaften haben. Dass wir die Tötung eines Ungeborenen und damit eines ungeschützten wehrlosen Menschen zulassen.

Sicher ein wunder Punkt. Aber das Gesetz ist ohnehin eindeutig: Abtreibung ist verboten, wird aber in den ersten drei Monaten nicht strafverfolgt. Aufgabe des Staates wäre es, den Betroffenen zu helfen – und bleibt da viel schuldig.

Sie haben im Interview mit der Tageszeitung „Die Presse“ gesagt, dass Ärzte dafür strafbar gemacht werden sollen und Müttern geholfen werden soll. Wie kann man einer Mutter helfen, die das Kind per se nicht austragen möchte?
Das ist nicht der Regelfall. Die überwiegende Zahl der Frauen, die eine Abtreibung in Erwägung zieht, ist in einer Notsituation. Zum Teil Druck aus dem Elternhaus, vom Ehepartner, vom Freund, monetärer Druck durch fehlendes Einkommen, sozialer Druck durch beengte Wohnverhältnisse. Da hätte der Staat die Aufgabe zu helfen, anstatt die Abtreibung anzubieten. Nur ein verschwindend geringer Teil der Frauen ist willens ihr Kind umzubringen. Viele Frauen wären froh, wenn ihnen geholfen würde.

Der Staat wäre verpflichtet Lösungen anzubieten. Alles andere hängt an der Frage, wann Leben beginnt. Und die kann niemand wirklich beantworten. Da sollte natürlich noch viel diskutiert werden, aber auf dieses Niveau begibt sich Herr Stadler nicht.

Was ist aber bei Vergewaltigungen? Gibt es dafür Ausnahmen?
Das ist aber der Extremfall, das ist kein Regelfall. Letztendlich ist es die Entscheidung der Frau, die sie dann auch vor Gott verantworten muss. Aber auch da gibt es Hilfe. Diese Hilfe fehlt aber im Moment. Die Hilfe wurde seinerzeit versprochen, aber ist bis heute nicht gekommen. Das ist ja auch der Grund des Stillhaltens durch den Kardinal König seinerseits bei Einführung der Abtreibung. Man hat umfangreiche Hilfe versprochen, aber nichts davon wurde eingeführt. Die Frauen sind allein gelassen. Das ist ein Verbrechen. Wir machen uns damit indirekt mitschuldig an der Kindstötung, weil wir die Frauen im Stich lassen. Das ist ein Vorwurf, den sich der Staat von der Kirche gefallen lassen müsste und die Kirche hätte das Recht jeden Tag diesen Vorwurf zu erheben. Beide tun es nicht.

Auf den Extremfall geht er nicht wirklich ein. Komischerweise lässt sich nicht mal die Kirche von Herrn Stadler vorschreiben, was sie zu tun hat. Woran das wohl liegt? Und wenn die Kirche hier überraschend vernünftig agiert, dann wird ihr das natürlich von Stadler vorgeworfen. Es gibt doch keinen einleuchtenden Grund, warum sich die Kirche nicht Herrn Stadler unterwerfen sollte.

Deswegen ist der Glaube auch so wichtig?
Das ist ein Beispiel, wo Staat und Kirche zusammenzuwirken hätten. Deswegen ist es für mich eine Häresie (Ketzerei) zu sagen, da ist der Staat und da ist die Kirche. Die haben sozusagen zwei getrennte Supermärkte – der eine bietet Brot an, der andere nur Fleisch. Das ist einfach ein Blödsinn. Es gibt seit Augustinus eine klare Vorstellung davon, wie Staat und Kirche zusammenzuwirken haben. Früher hat man das die zwei Schwertertheorie genannt – das weltliche Schwert und das geistliche Schwert. Die Vorstellung der Trennung von Staat und Kirche ist eine Vorstellung des Laizismus und des Säkularismus der französischen Revolution. Davor hat es das nicht gegeben.

Wenn Stadler klare Vorstellungen hat, dann wird’s brenzlig. Noch weiter davor, also bei Jesus selbst, hat es diese Trennung  nicht gegeben. Augustinus war 400 Jahre später. Und heute kann ich mir den Papst wirklich nicht mehr als Samurai mit Schwert vorstellen. Der einzige Schwertführer ist Herr Stadler selbst. Aber christlich ist das nicht zu legitimieren.

Aber nur weil die Vorstellung später gekommen ist, heißt das ja nicht, dass sie falsch ist.
Aus der kirchlichen Position betrachtet ist sie falsch.

Aus Stadler’scher Position, meint er. Die kirchliche Position ist eine ganz andere, und die interessiert ihn ja gar nicht.

Sollte der Glaube nicht Privatsache sein?
Nein, der Glaube ist keine Privatsache.

Christentum ist eine Beziehungsreligion und Beziehung ist im Kern nicht öffentlich, auch wenn sie in die Öffentlichkeit hineinreicht.

Wie ist Ihre Meinung zur europäischen Gemeinschaft, wie sie jetzt ist? Ist sie heilig genug?
Die EU leugnet Gott sogar. Das ist auch der Vorwurf, den ich ihr mache. Sie versucht ein neues Ersatzwertesystem zu kreieren, die sogenannten europäischen Werte, von denen aber keiner weiß, was sie sein sollen. Keiner kann diese sogenannten europäischen Werte definieren. Deswegen ist das auch so eine Art verlogene Debatte, in der Europa versucht sich von den eigenen christlichen Wurzeln abzuschneiden.

Die Stadler‘schen Werte kann er vielleicht sogar klar definieren – aber Gott möge uns vor diesen beschützen! Außerdem: Wie wär’s mit menschlichen Werten, Herr Stadler? Die wären dann nicht direkt christlich, muslimisch oder buddhistisch, aber diesen nicht unähnlich. Warum tun Sie sich mit menschlichen Werten so schwer?

Wenn sie schon erleuchtet sind oder schon in Berührung mit Jesus waren – Passiert das im Kindesalter – oder wann fällt die Entscheidung, wie man ein guter Christ wird?
Das kann Ihnen jederzeit passieren. Es gibt Atheisten, die sich noch im Sterbebett bekehrt haben. Zwei Prominente will ich Ihnen nennen. Einer der gehässigsten Kirchenverfolger war der Philosoph Voltaire. Er hat sich noch am Sterbebett bekehrt. Ein anderer war der Feldherr Napoleon, wie man heute weiß.

Tja, und Herr Stadler hat gar nicht so lange gewartet wie Napoleon, führt sich aber immer noch so auf!

Da ich ja nicht christlich aufgewachsen bin, erklären Sie mir ganz kurz den Unterschied zwischen Kreuz und Kruzifix?
Kreuz ist die Kreuzdarstellung ohne Korpus darauf. Kruzifix ist das Kreuz mit dem Korpus darauf. Das ist ein riesiger Unterschied. Kennt der Strache übrigens auch nicht, da sind Sie nicht allein.

Strache kennt vieles nicht, und Stadler offenbar auch nicht. Zumindest vom Konzil aufwärts nicht.

Welches soll im Klassenzimmer hängen? Das Kreuz oder das Kruzifix?
Das steht im Gesetz. Also soll das Kruzifix auch dort hängen.

Wenn ihm das Gesetz passt, dann ist er natürlich für das Gesetz. War nicht anders zu erwarten.

Na gut. Nur weil es im Gesetz steht, muss es ja nicht so sein. Gesetze werden novelliert.
Ich habe eine Position dazu. Meine Position ist klipp und klar. Das hat in öffentlichen Gebäuden zu hängen – und nicht nur in Klassenzimmern – sondern in allen öffentlichen Gebäuden. Ich bedauere ja, dass im Parlament in keinem der allgemein zugänglichen Räume ein einziges Kruzifix hängt. Auch im EU-Parlament. Dort finden Sie zwar gleich zu Beginn, wenn Sie hineingehen, eine Freimaurersteinsetzung, aber kein einziges Kreuz oder Kruzifix.

Stadler hat immer eine Position, klipp und klar. Mal auf der einen, mal auf der anderen Seite, aber immer klipp und klar!

Sie stehen ja auch dem Parlament sehr kritisch gegenüber. Wieso wollen Sie denn unbedingt hinein gewählt werden? Wieso möchten Sie in eine Institution, welche Sie eigentlich abschaffen möchten?
Weil Sie gewisse Dinge nur von innen verändern können. Sie müssen in die Institution. Es gibt zwei Möglichkeiten die Dinge zu verändern: Entweder evolutionär oder revolutionär. Ich bin kein Revolutionär. Ich bin für die evolutive Vorgangsweise. D.h. Sie müssen sich an Regeln halten und Sie können innerhalb der Institution Dinge verändern, aber nicht außerhalb. Außerhalb gelingt es nur Revolutionären. Und Revolutionen haben furchtbare Folgen gezeitigt. Das ist nicht meine Sache.

Bleibt als letzte Frage, ob die Stadler‘sche evolutionäre Veränderung nicht auch furchtbare Folgen hätte?

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Gesundheitsreform: „Neu ist, dass es zu tun ist…”

“Best Point of Service”, einer der zentralen Begriffe im Gesetzestext zur aktuellen Gesundheitsreform. Allerdings wäre schon viel gewonnen, wenn klar wäre, was damit gemeint ist. Eine Veranstaltung der Karl Landsteiner Gesellschaft versuchte, dies zu klären.

In einem Impulsreferat versuchte Dr. Reinhold Glehr, Präsident, Österreichische Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin, eine Definition: „die richtige Leistung zur richtigen Zeit am richtigen Ort in der richtigen Qualität“. Eine konkretere Antwort scheitert an der Komplexität, die heute zunehmend bewusst wird. Es gäbe zu viele Variablen, um damit klar zu kommen.

Dr. Clemens Martin Auer, Sektionschef im Bundesministerium für Gesundheit, brachte es gleich eingangs auf den Punkt: „Vieles an dieser Analyse ist alt, neu ist nur, dass es zu tun ist!“ Um später hinzuzusetzen: „Sie müssten mich und Probst mit nassen Fetzen vom Podium jagen, wenn wir es jetzt nicht tun!“

Einfach wiederzukäuen, was seit Jahrzehnten ohnehin klar ist, bringt uns also nicht weiter. Versuchen wir’s einmal etwas anders:

1. Am Anfang steht die Einsicht, dass wir zwar „eines der besten Gesundheitssysteme“ haben, dass aber so einiges im Argen liegt. Und je länger alles klar ist, aber nichts getan wird, desto auffälliger wird das, was nicht stimmt in diesem System. Wir brauchen nicht nur ein gutes, sondern ein zeitgemäßes Gesundheitssystem.

2. Unser Gesundheitssystem ist spitalslastig (Auer). Was ganz besonders im Argen liegt, ist die Geringschätzung der Allgemeinmedizin, der schleichende Kompetenzentzug der Allgemeinmediziner, die Abwertung der Hausärzte und der Gesprächsmedizin. Dem gegenüber steht eine völlige Überschätzung der Hochtechnologie und der Aussagekraft von evidenzbasierten Studien.

3. Am Anfang steht die Frage: „Wos brauch ma des?“ Nämlich Hausärzte, Allgemein- und Familienmedizin. Wer Hausarzt sagt, sagt Kontinuität, wer Allgemeinmedizin sagt, sagt Gesprächsmedizin (die er heute nahezu unentgeltlich erbringen darf). Inkludiert ist der Blick für das Individuelle, das nicht Reproduzierbare (!), den ganz konkreten Patienten, der in den evidenzbasierten Studien nicht vorkommt. DEN Patienten (wie ihn die EBM braucht) gibt es leider nicht.

4. „Wir haben fast zu viel von allem“, stellte Dr. Josef Probst, Generaldirektor, Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger, unisono mit Dr. Auer fest. Nämlich die meisten Ärzte pro 10.000 Einwohner, Hochtechnologie und die entsprechenden Geräte usw. Es fehlt nur gewaltig an einer geeigneten und zeitgemäßen Struktur. Allerdings muss man bei den Köpfen einkalkulieren, dass in nächster Zeit eine Pensionierungswelle auf uns zukommt. Wodurch andererseits eine Erneuerung leichter durchzubringen sein wird.

5. Womit wir beim Umbruch der Arbeitswelt und der Einstellung zu dieser wären. Fakt ist eine zunehmende Feminisierung der Ärzteschaft (Auer, Probst). Was der bisherigen maskulinen Medizin nur gut tun kann! Es bedurfte der Publikumsdiskussion, um diese Tatsache zu gendern und festzustellen, dass heute auch Männer ganz andere Vorstellungen vom Beruf haben.

6. Ärzte sind Einzelkämpfer, das war einmal – zumindest generell.  „Junge Ärzte möchten nicht als Einzelkämpfer arbeiten, aber auch nicht in der Hackordnung eines Krankenhauses.“ (Auer). Es wird sie weiter geben, aber daneben andere, zeitgemäßere Arbeitsformen, Ärztezentren, Ärztenetzwerke, Kooperation mit diplomierter Pflege und anderen Gesundheitsberufen, Tageskliniken. „Unnötig im Spital liegen ist nicht gesund!“ (Probst). Aber, so Dr. Auer, die Ärzteschaft wird sich selbst um neue Organisationsformen kümmern müssen, sonst werden es andere machen, und die Ärzte werden sich als Angestellte wiederfinden.

6. Es wird nicht gehen ohne neue Vertragsformen, neue Honorierungsmodelle und Bezahlformen (Auer). „Es hat rationale Gründe, Gruppenpraxen nicht zu machen“ (Mag. Andrea Fried, Bundesgeschäftsführerin, ARGE Selbsthilfe Österreich), z.B. finanzielle Einbußen. Es braucht daher eine radikale Reform der Honorierung. „Wir haben keine evidenzbasierte, sondern eine honorarbasierte Medizin.“ (Fried). Und Mag. Fried bringt gleich ein Beispiel: In Kärnten machen Allgemeinmediziner ein Blutbild, um dann zu entscheiden, ob Antibiotikum oder nicht. In Wien fragen sie, ob der Auswurf grün oder sonstwas ist, und verschreiben in jedem Fall Antibiotika. In Kärnten wird das Blutbild bezahlt, in Wien nicht… In diesem Zusammenhang gesteht Sektionschef Auer einen großen Fehler ein: Er habe erst vor kurzem zum ersten Mal eine Honorarordnung einer Gebietskrankenkasse eingesehen, und da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, und er wusste plötzlich, warum manches so ist, wie es ist. Wenn z. B. Wundwechsel in Wien nicht bezahlt wird, dann wird es den in Wien nicht geben. Auch Dr. Probst gestand, dass er nicht alle Honorarordnungen kenne. Aber das kann ein Einzelner wahrscheinlich auch nicht.

7. Es braucht Transparenz. Auch da waren alle ziemlich einig. Dr. Auer setzt hinzu: „Das passt nicht allen!“ Und weiter: „Das Geld vernünftig auszugeben, wäre auch früher schon möglich gewesen. Möglicherweise erfreulich: Es gibt einen konkreten Zeitplan. Bis Sommer soll das Modell definiert sein, dann werden Pilotprojekte aufgesetzt. „Am 1.1.2016 wird die Welt nicht neu sein“, so Dr. Auer, „es wird Parallelität geben, und es wird ein evolutionärer Prozess sein.“

8. Natürlich braucht es eine Ausbildungsreform. Es fehlt eine zeitgemäße Ausbildung (Auer). Stichwort Lehrpraxis, da wäre sofort etwas zu tun (Probst). Stichwort: die Guten gehen ins Ausland. Oder: „Wir sollten auch prüfen, ob wir mit den Aufnahmetests nicht Menschen herausfiltern, die gute Ärzte, gute Allgemeinmediziner geworden wären!“ (Probst).

9. Wenn die Perspektive nicht eine Gesamtreform ist, dann wird alles so bleiben, wie es ist! Dass Reform als Flickwerk nicht funktioniert, haben wir bereits evaluiert. Aber wie hieß es doch so schön: „Neu ist nur, dass es zu tun ist!“

PS.:

10. Was (wieder) nicht zur Sprache kam: Wo in unserem viel gepriesenen Gesundheitssystem das Geld einfach beim Fenster hinausgeschmissen wird. Etwa am Lebensende, wo immer behauptet wird, dass im letzten (halben) Jahr mehr ausgegeben wird als all die Jahre zuvor. Was aber nicht (nur) daran liegt, das die Menschen in dieser Phase meist krank sind, sondern auch und vor allem daran, dass in dieser Phase noch einmal alles technisch Mögliche aufgefahren wird, was oft sinnlos ist und die Patienten nur unnötig quält. Ausrede ist immer die juridische Perspektive, aber kein Jurist der Welt verlangt, dass alles, was technisch möglich ist, auch in jedem Fall gemacht werden muss. Hier hätten wir einen klassischen Fall von Umschichtung der Ressourcen: Weg von unnötiger Hochtechnologie, hin zur bitter notwendigen Palliativmedizin.

Die beste aller Regierungsformen

Da sind wir uns doch einig: die Demokratie. Aber auch da gibt es verschiedene Ausprägungen, und der Populismus ist europaweit dabei, die Demokratie zu untergraben. Worauf also steuern wir zu? Auf ein Revival oder eine Demontage der Demokratie?

Um es gleich vorwegzunehmen: Es geht nicht um die formale Regierungsform, sondern um die Menschen, die eine Gesellschaft organisieren. Und um noch etwas vorwegzunehmen: Demokratie wird in demokratischen Ländern massiv missverstanden: als Herrschaft der Mehrheit(en). Demokratie bedeutet aber nicht, dass die Mehrheit bestimmt, sondern dass die Minderheiten gehört werden. Und da geht der Europatrend in die verkehrte Richtung.

Aber beginnen wir in den USA: Da haben wir eine demokratische Verpackung, und dahinter eine Diktatur der Lobbys, für die der jeweilige „mächtigste Mann der Welt“ das Feigenblatt abgeben darf. Oder er spielt, wie George Bush, zu offensichtlich mit. Direkte Demokratie gibt es in einigen Bundesstaaten, das Amt des Obersten machen sich die Milliardäre untereinander aus, das Amt ist teuer erkauft. Natürlich nach den Regeln der Demokratie – ohne Risiko, es steht ja nichts anderes zur Wahl.

In Europa hat die Schweizerische direkte Demokratie irgendwie Vorbildwirkung – sogar für die Rechtsparteien, und das mit gutem Grund. Die Schweiz zeigt vor, dass das ganz gut, aber doch nicht so recht funktioniert. Das Volk über alles abstimmen zu lassen bedeutet in der Praxis oft, die Minderheiten nicht zu hören, sondern zum Schweigen zu bringen. Dagegen gibt es noch kein Medikament. Und seit die Populisten aller Länder sich der Demokratie annehmen, ist diese enorm gefährdet.

Schon bei der Abstimmung gegen die Minarette war klar geworden, dass wenn alle mitbestimmen, es sehr wahrscheinlich wird, dass die Nicht-Betroffenen den Ausgang der Wahl bestimmen. Wo Moslems leben, stimmt die Mehrheit für die Minarette, in Regionen, die noch keinen Moslem zu Gesicht bekommen haben, ist die Mehrheit dagegen. Unbestimmte bis unbegründete Ängste dominieren die Abstimmung. Detto bei der kürzlich abgehaltenen Abstimmung gegen die „Masseneinwanderung“ (Das Wort allein genügte, um das Wahlergebnis zu manipulieren). Zu zweifelhaftem Ruhm brachte es dabei die Gemeinde Horrenbach-Buchen, 260 Einwohner, die Abstimmung ging mit 117 zu 8 Stimmen gegen die „Masseneinwanderung“ aus. Das „beste“ Ergebnis für die SVP. Dabei kennen die Horrenbacher die fremden Eindringlinge bestenfalls aus den Medien, denn nach Horrenbach-Buchen hat sich noch keiner verirrt. Aber sie wissen ganz genau, was auf sie – oder die anderen – zukommt, sollten sie in Massen auftauchen. Wieder einmal haben die gewonnen, die vom Problem keine Ahnung haben – und das ist eben direkte Demokratie.

Nichts gegen Demokratie! Sie ist natürlich die unserem Sicherheitsbedürfnis am besten entsprechende Regierungsform. Sie gibt uns das Gefühl, mitbestimmen zu dürfen. Ob dahinter dann die Lobbys diktieren oder die Ignoranten, das ist eben mehr Bestimmung als Mitbestimmung.

Es gibt keine Alternative zur Demokratie, keine Frage! Sie ist die beste aller möglichen Regierungsformen, aber noch immer keine allzu gute. Darüber darf, soll und muss diskutiert werden. Ihre Unzulänglichkeit hat keine wirkliche Alternative, aber sie zu verbessern, davon dürfen wir doch träumen, odr?

So wie die Zeit der Volkskirche vorbei ist, so auch die Zeit der Volksparteien. Die Wahlergebnisse nähern sich immer mehr dem Unentschieden an. Was aber ist dann eine demokratische, dem „Wählerwillen“ entsprechende  Regierungsbildung? Es wird keine einzelne Partei in Zukunft regieren können, in Österreich ist wohl zum letzten Mal eine Regierung aus zwei Parteien gebildet worden. Bei der nächsten Wahl wird sich auch das nicht mehr ausgehen. In Italien z.B. ist die Parteienlandschaft so differenziert und so fließend, dass nicht die Demokratie, sondern das Chaos regiert, und das seit langem. Das einzig Stabile sind korrupte und mafiotische Strukturen. Und das nennt sich dann Demokratie?

Sollten alle Parteien entsprechend ihrem Wahlergebnis in der Regierung vertreten sein? Könnte das wechselnde Mehrheiten in Sachfragen ermöglichen? Würde das zu mehr Vernunft oder zu mehr italienischen Verhältnissen führen?

Das Problem sind immer die Menschen

Aber die Organisationsform ist gar nicht das eigentliche Problem. Das wirkliche Problem ist, dass sowohl die Wähler/innen als auch die Gewählten Menschen sind. Die Wähler lassen sich manipulieren, siehe die aufstrebenden Rechtsparteien, die auf der Klaviatur der Ängste spielen, natürlich zu ihrem eigenen Vorteil. Und auch generell geht es um Macht und Machterhalt, genauso wie in Monarchien oder Diktaturen. Und damit sind wir bei der Kernfrage: Wie kann man eine Regierung dazu bringen, das zu tun, wofür sie gewählt wurde? Nämlich die Belange des Staates, des Volkes zu vertreten und nicht die eigenen Interessen. Dafür braucht es keine bestimmte Regierungsform, sondern vor allem einen bestimmten Menschentypus.

Damit sind wir unweigerlich bei Platon, der gemeint hat, dass Philosophen regieren sollten. Also diese heute vom Aussterben bedrohte Spezies. Zur Erinnerung: Philosophen sind diejenigen, die vorwiegend Fragen stellen, ohne vorzugeben, dass sie die Antwort hätten. Und sie fragen vor allem danach, was für den Menschen im Allgemeinen (und nicht für die eigene Tasche) wirklich wesentlich ist. Sie würden in einer Regierung fragen, was für die Menschen, die sie vertreten, wesentlich und gut ist.

Andererseits: Demokratie setzt auch mündige, vernünftige Bürger voraus. An deren Mangel scheitert die Demokratie. Da hilft eigentlich nur die Evolution. Ist der Mensch lernfähig oder nicht? Wir leben in einer Zeit der Ich-AGs, aber wirkliche Selbstbestimmung ist ein Fremdwort. Und Fremdbestimmung, Manipulation zerstören jede Demokratie.

Aber vielleicht brechen ja gerade jetzt andere Zeiten auf. Die Volkskirche ist passé, die imperiale Kirche ist passé, und in Krisenzeiten besinnt man sich auf das Wesentliche. Und auf das scheint der neue Papst hinzusteuern. Religion ist nicht Manipulation und Unterdrückung, sondern Hinführung zur Emanzipation von Fremdbestimmung hin zur Selbstbestimmung. Etwas ganz Neues und doch die alte Botschaft. Und Politik und Gesellschaft erfordern heute genau das. Es geht um das Volk Gottes in der Kirche – und um das mündige Volk in der Demokratie. So nahe waren Religion und Politik noch nie. Die Trennung von Staat und Kirche darf nicht angetastet werden, aber die Menschen sollten – in Staat und Kirche – endlich reif werden.