Mit der Seele auf Du

Das Rote Buch von C.G. Jung beginnt damit, dass er seine Seele als Person anspricht, vom Geist der Tiefe dazu aufgefordert. Sie tritt ihm, verloren gegangen, wieder entgegen. Dasselbe finden wir im Yoga, im Tantra und in jeglicher Mystik.

In seiner Biografie „Erinnerungen, Träume Gedanken“ berichtet Jung, dass er sich schon als Jugendlicher als zwei Personen erlebt hat, die er auch zunächst als Person 1 und Person 2 bezeichnete, später dann als Ich und Selbst. Das eine ist das bewusste Ich, das andere ein Übergreifendes, Wissendes, „eines kollektiven Geistes, dessen Lebensjahre Jahrhunderte bedeuten“. … „Nr. 2 war in der Tat ein ‚Gespenst‘, das heißt, ein Geist, der an Macht dem Weltdunkel gewachsen war.“(1) Das ist auch ein Beispiel dafür, dass ein dualistisches und monistisches Weltbild nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten, sie gehören als Gegensätze komplementär zusammen. Wer sich nicht als gespalten erlebt, kann zu keiner Vereinigung kommen, die Jung dann Individuation nennt.

Das Unbewusste tritt uns in vielen Aspekten und Gestalten entgegen, als innere Bilder und Stimmen, und es ist nicht entscheidend, ob wir sie als „innerpsychisch“ oder als eigenständige „Geister“ bezeichnen. Es geht in der Psyche nicht um eine Außenwelt, sondern um die Innenwelt, aber als Welt ist sie – dem Ich gegenüber – wieder so etwas wie eine (dem Ich) äußere und objektive Welt. Es geht darum, sich diese zunächst fremden inneren Aspekte vertraut zu machen. Dabei verhalten sich Archetypen immer auch wie eigene Entitäten mit eigenem Bewusstsein und Wissen, das weit über das Ichbewusstsein und dessen Wissen hinausgeht, und sogar in einem kollektiven Wissen der Menschheit mündet.

Seelisches Erleben ist daher zunächst eine Begegnung mit etwas Fremdem, Eigenständigem, beinahe Persönlichem, das erst nach und nach in einem Prozess der Individuation assimiliert und integriert werden kann. Erst die Vereinigung der Gegensätze (männlich – weiblich, oben – unten) führt zum Einheitserleben des Selbst.
Die Auseinandersetzung mit dem Unbewussten, mit der eigenen Psyche ist zudem eine Gratwanderung zwischen Psychose, Paranoia oder wie immer man das bezeichnen will, und dem bewussten Erleben einer inneren, und doch anderen Welt des Numinosen. So beginnt Jung am Anfang des Roten Buches mit seiner Seele zu reden. Philemon, sein innerer Guru (wie ihm später ein Inder erklärt), bringt ihm bei, „dass es Dinge in der Seele gibt, die nicht ich mache, sondern die sich selber machen und ihr eigenes Leben haben“.(2) Mit anderen Worten: Es gibt eine psychische Objektivität, eine Wirklichkeit der Seele.

Die innere gegengeschlechtliche Ergänzung
Die Auseinandersetzung mit der inneren Welt ist komplex (Persona, Schatten, Anima/Animus, der Held, der/die Alte Weise…). Die Seele als das noch unbekannte Andere ist aber als solche gegengeschlechtlich. So muss der Mann mit seiner inneren weiblichen Seite in Kontakt kommen, die Frau mit ihrer inneren männlichen Seite. Dieser eine Aspekt ist wieder komplex. Archetypen sind mehrdimensional, haben eine Bedeutung auf allen Ebenen. So ist auch die Anima (und der Animus) nicht eindeutig, sondern vielschichtig. Wie alle archetypischen Bilder hat sie ein breites Bedeutungsspektrum, wie alles Lebendige.

Schon bei der ersten Begegnung mit der Anima in der Mutter geht es um einen komplexen Menschen. Dieses Bild setzt sich fort in der Partnerin, die dem inneren Bild der Anima mehr oder weniger entspricht oder entsprechen sollte. Was diesem Bild nicht nahekommt, projizieren wir. Wobei Projektion nichts Negatives ist, innen und außen sind nicht zu trennen. Wir haben ein inneres Bild vom Partner (das Bild der eigenen Seele, der Anima, des Animus), und wenn der/die Geliebte dem nahekommt, dann fühlen wir uns vertraut und „seelenverwandt“. Es bleibt aber immer auch Fremdes und das wird zur Lebensaufgabe. Im Idealfall wachsen das innere Bild und die äußere Person zusehends zusammen, wobei sich beide wandeln.

Das Spektrum des Weiblichen / Männlichen
Wie auch das Männliche umfasst der Archetypus des Weiblichen ein enormes Spektrum. Zumeist ist das keine Einheit, sondern gespalten in hellere und dunklere Seiten oder Aspekte. Jung spricht auch von der Zweideutigkeit der Anima. Wir kennen das vom Mythos der Hure und der Heiligen. Der Mann, der das klassisch nicht zusammenbringt, sucht das eine im Bordell und das andere in der Ehe. Wobei sich so die Frau nicht als Frau gesehen fühlt, außer sie identifiziert sich auch nur mit dem hellen Teil und verdrängt das Dunkle in sich. Dieses Dunkle ist ja nichts Negatives, sondern der eine, basale Teil des animal rationale, das der Mensch ist.

Der Mann, der sich selbst und seine seelische Bandbreite einigermaßen kennengelernt hat, wird auch in seiner Partnerin dieses Spektrum schätzen. Bei einem Mann, der seine Frau „vergöttert“, kann eine Frau auch ihre dunkle Seite leben. Wenn beide das ganze Spektrum leben können, dann ist das Animalische nicht mehr negativ und das Engelhafte oder Göttinnenhafte nicht mehr abstrakt. Beides kann ins Liebes- und Lebensspiel eingebunden und verbunden werden. Es kann dadurch nicht nur zur Vereinigung von Männlichem und Weiblichen (äußerlich und innerlich), sondern auch von oben und unten kommen. Das Animalische und das Göttliche verlieren ihren Charakter der Ausschließlichkeit, sondern ergänzen sich komplementär.

Über die Zeit seiner Auseinandersetzung mit dem Unbewussten sagt Jung: „Damals stellte ich mich in den Dienst der Seele. Ich habe sie geliebt und habe sie gehasst, aber sie war mein größter Reichtum. Dass ich mich ihr verschrieb, war die einzige Möglichkeit, meine Existenz als eine relative Ganzheit zu leben und auszuhalten.“(3) Der Gegensatz zwischen Bewusstsein und Unbewusstem, zwischen äußerer und innerer Welt, die Zweideutigkeit der Anima sind die Voraussetzung für das Erleben der Ganzheit.

Anima und Shakti
Jung hat sich mit antiken, aber auch sehr viel mit asiatischen Kulturen beschäftigt, weil er Ähnliches in den Träumen seiner KlientInnen gefunden hat. Im Yoga, Buddhismus oder Tantra finden sich Elemente, die genau den Archetypen Jungs entsprechen. Dort sind Philosophie und Psychologie nicht so getrennt wie bei uns im Westen. So ist die Bandbreite des Seelischen dort selbstverständlich. Die Gottheiten sind weniger abstrakt als psychisch zu verstehen, es gibt meist einen „positiven“ und einen „negativen“, einen lieblichen und einen schrecklichen Aspekt. Die männlichen Gottheiten werden mit ihrer Shakti (ihrem weiblichen Aspekt, welcher der Anima entspricht) dargestellt, und die (männlichen wie weiblichen) Gottheiten haben auch meist zwei gegensätzliche Aspekte. Am augenfälligsten ist der schreckliche Aspekt der Kali, die blutrünstig mit Totenkopf-Girlande um den Hals dargestellt wird. Aber auch dieser Aspekt ist nicht bloß „negativ“. Es ist der zerstörerische Aspekt, aber als Zerstörer der (Ich-)Illusion ist dieser Aspekt schon wieder positiv. Außerdem sind Werden und Vergehen beide notwendig für das Weltgeschehen. Da ist jedenfalls mehr Psychologie drin als in so mancher westlichen Psychologie.

Besonders augenfällig ist dieses Spiel von Männlich und Weiblich im Tantra. Der ist zwar im Westen zum vorwiegend sexuellen Spiel degeneriert, wie alles, was von Asien in den Westen kommt, aber ursprünglich geht es um die Auseinandersetzung mit der eigenen gegengeschlechtlichen Seite, also der Seele als der inneren Göttin. Es ist dabei nicht so wesentlich, ob das mit oder ohne konkrete Partnerin geschieht. Die tantrischen Mystiker leben mit ihrer inneren Göttin eine beinahe reale Beziehung. Wenn sie eine Partnerin haben, dann sehen sie auch in dieser die Shakti, die innere Göttin, und sie wird dieser auch immer ähnlicher.

Dazu ist die Annäherung der Projektion der Anima und der konkreten Partnerin, wie oben beschrieben, quasi eine Vorstufe. Wenn C.G. Jung seine Seele als Person anspricht, dann ist das nicht viel anders. Das bewusste Ich tritt in Verbindung mit der bislang unbewussten Anima, die einen viel weiteren und tieferen Horizont hat als das bewusste Ich. In der Sprache des Tantra tritt der Mystiker in Beziehung zu seiner inneren Göttin, wobei „innen“ oder „jenseitig“ nur verschiedene Ausdrucksweisen sind, die durchaus gleichbedeutend nebeneinanderstehen können.

Der erotische Aspekt des Spirituellen
Das wirft auch ein ganz anderes Licht auf die Begegnung von Mann und Frau, die immer auch eine Begegnung mit dem eigenen gegengeschlechtlichen Seelenanteil ist. Letztlich geht es darum, Abgespaltenes und darum Fremdes wieder hereinzuholen. Dadurch wird wiederum die Sexualität eine viel weitere Bandbreite erhalten, wird seelische Begegnung mit körperlichem Ausdruck sein. Die Vereinigung wird auch Vereinigung der Pole im Außen und Innen, und auch von Unten und Oben sein. Es wird ein Spiel zwischen Vertrautem und Fremden, dem Seelenverwandten und dem ganz Anderen. Auch zwischen Erfahren und Lernen, das nie an ein Ende kommen wird.

Da die Anima aus den Tiefen des Unbewussten kommt, tritt sie dem Mann auch als die Sophia oder Weisheit entgegen. Und da sie auch die dunklen Aspekte umfasst, muss der Mann diese nicht länger abspalten. Der erotische Aspekt ist vom spirituellen nicht zu trennen. Der tantrische Mystiker hat eine durchaus erotische Beziehung zu seiner inneren Göttin, die wiederum nicht verehrt oder angebetet (was eine gewisse Distanz voraussetzt), sondern geliebt werden will.

(1) C.G. Jung: Erinnerungen, Träume Gedanken, Patmos Verlag, 19. Aufl. 2016, S 108 f.
(2) Erinnerungen, S 204
(3) Erinnerungen, S 214

 

Sponsored Post Learn from the experts: Create a successful blog with our brand new courseThe WordPress.com Blog

WordPress.com is excited to announce our newest offering: a course just for beginning bloggers where you’ll learn everything you need to know about blogging from the most trusted experts in the industry. We have helped millions of blogs get up and running, we know what works, and we want you to to know everything we know. This course provides all the fundamental skills and inspiration you need to get your blog started, an interactive community forum, and content updated annually.

Ein Physiker und eine Philosophin spielen mit der Zeit

Cover_Lesch_Forstner_Das Buch ist ein Dialog zwischen Harald Lesch (Physiker, Kosmologe, Philosoph) und Karlheinz A. Geißler (Wirtschaftspädagoge, Sozialforscher) über die Zeit, der dann (im Buch parallel) noch einmal von Ursula Forstner (Philosophin) und Alfred N. Whitehead (Philosoph, 1861-1947) in einem fiktiven Dialog interpretiert wird. Klingt kompliziert, liest sich aber hervorragend.

Ganz „nebenbei“ kommt auch zur Sprache, was Naturwissenshaft ist und was sie nicht ist. Das beginnt schon, wenn Karlheinz Geißler im Vorwort erwähnt, es fehle auch der abschließende Beweis für die Existenz der Zeit. Dazu fällt mir gleich Herbert Pietschmann ein, der immer wieder betont, dass man nicht mal die Naturgesetze beweisen kann. Wer also sagt, er glaube nur, was man beweisen kann, der sagt damit nur, dass er gar nichts glauben kann, auch nichts Physikalisches.
Warum gerade Whitehead, erklärt Harald Lesch in einem Nachwort: Er hat in einer Zeit, in der die Grundlagen der modernen Naturwissenschaft entwickelt wurden, einen metaphysischen (Gegen)Entwurf über Welt und Mensch vorgeschlagen.

Zeiträume statt Zeitpunkte
Lesch und Geißler einigen sich eingangs: Es gibt nicht die Zeit, sondern nur eine (räumliche, lineare, eigentlich punktuelle) Vorstellung von Zeit. Whitehead unterscheidet zwischen Abstraktem (das nur im Denken vorkommt) und Konkretem, und konkret sind nur Ereignisse. Auch wenn wir immer vom konkreten Einzelfall abstrahieren müssen, darf man Abstraktes nicht für Konkretes halten. Auch die Naturwissenschaft muss vom Konkreten absehen, sie arbeitet mit Abstraktionen. Sie rechnet z.B. mit Massenpunkten, die gibt es nur in der Mathematik und im Denken, aber nicht in der Natur, die man vorgibt zu untersuchen. Genauso gibt es keine Zeitpunkte, auch das sind Abstraktionen, die in der Natur nicht vorkommen.
Was wir wahrnehmen, sind Veränderungen, und die sind fließend. Physik kommt von der Erfahrung zu den Abstraktionen, die sie am Experiment prüft, Philosophie ist das hinterfragen der Abstraktionen, die sie an der Erfahrung prüft. So zumindest Whitehead. Aber auch Lesch gibt zu: „Abstrakter als die physikalische Zeitvorstellung kann es überhaupt nicht werden.“ Sie rechnet ja nur mit der Uhr, die Geißer als „irrsinnige Vorstellung“ bezeichnet. Denn damit verschwindet das Fließen der Zeit, die objektiviert und mechanisiert, der Subjektivität und Qualität beraubt wird. Durch die Miniaturisierung der Technik kann man diese Uhr als Handschellen (Lesch) am Handgelenk tragen.

Naturwissenschaft als qualitätsfreie Zone
Die Physik ist eine „qualitätsfreie Zone“. „Bei uns hat überhaupt nichts Qualität…. Man könnte uns Physiker auch als Lageristen der Natur bezeichnen.“ (Lesch). Sie machen sozusagen regelmäßig Inventur und haben dann ihre nackten Zahlen. „…die Physik ein Hochstapelregal“ (Geißler). Darauf Lesch: „In einer Weise ja, wir sind Hochstapler und wir stapeln ziemlich hoch!“ Wie man sieht, können sich Physiker selbst auf die Schaufel nehmen, auch wenn das den Physikalisten die Schamröte ins Gesicht treiben würde.
Die Replik des (fiktiven) Whitehead: „Die Naturwissenschaften haben uns viel erklären können, aber sie sind zu dogmatisch. Sie sind mit ihrer Weltsicht im 17. Jahrhundert stecken geblieben und betrachten materielle Objekte immer noch als die grundlegenden Einheiten unseres Universums.“ Nicht nur das, „im materialistischen Weltbild leben die Denkmuster des Mittelalters weiter.“ Aber auch Materie ist nur eine sehr fragwürdige Abstraktion, die es so in der Natur gar nicht gibt.

Ereignisse statt Bausteine
Zurück zur Zeit: Die Naturwissenschaft kennt keine Vergangenheit und keine Zukunft. Wir erleben Erinnerungen und Erwartungen, und die kommen in der Naturwissenschaft nicht vor. Dort gibt es nur abstrakte Zeitpunkte, die linear mittels Ursache und Wirkung zu einem Früher oder Später verbunden werden. Mit wirklichen Ereignissen hat das nichts zu tun.
Für Whitehead sind nicht kleinste Bausteine, sondern konkrete Ereignisse, Prozesse die grundlegenden Einheiten unseres Universums. Es gibt auch keine linearen Verbindungen, sondern komplexe Zusammenhänge. Es geht auch nicht um etwas Statisches, sondern um etwas Dynamisches, um Dauer, um Zeiträume, nicht um abstrakte Zeitpunkte. Man möge sich nur fragen, wann der Frühlingsanfang ist. Das ist ein Werden und kein Beginn. Wann immer man historisch etwas beginnen lässt, es ist kein Anfang. Beginnt die Naturwissenschaft mit Galilei, Descartes und Newton? Beginnt sie mit Cusanus? Oder Mit Aristoteles? Auch der hatte Vorläufer. Geschichte ist das Fließen der Ereignisse.
Pünktlichkeit ist eine Erfindung der Industriegesellschaft. Vorher gab es die nicht, und in manchen Regionen der Erde gibt es sie auch heute noch nicht. Und auch der Frühling kümmert sich nicht um das Datum. Datum ist das Gegebene. Wenn etwas gegeben ist, in Mathematik oder Physik, dann ist es bereits abstrakt, losgelöst von der Erfahrung, die immer konkret und individuell, also nicht reproduzierbar ist.

Es gibt keine abgrenzbare Gegenwart
Der abstrakte, mechanische Zeitbegriff taugt nicht für das Konkrete (Whitehead). Die Aneinanderreihung von Zeitpunkten ist kein Leben (Geißler). Das Festgestellte täuscht nur Beständigkeit vor. Beständigkeit im Leben ist ständiges Werden! Was man berechnen kann, ist nicht (mehr) lebendig. Vergangenes ist nur, indem es gegenwärtig ist. Gegenwart ist ein Prozess, in dem bisher Mögliches wirklich wird.
Zeit ist auch keine Abfolge von Zeitpunkten. Wir denken uns die Gegenwart als abstrakten Zeitpunkt, ohne Bezug zu Vergangenheit und Zukunft. In Wirklichkeit gibt es nur den Zeitraum des Werdens, Ereignisse, die ihre je eigene Dauer haben. Es gibt keine abgrenzbare Gegenwart. Zeit ist aufeinanderfolgendes Werden (Forstner). Und dieses Werden eines Ereignisses ist ein unteilbares Ganzes (Whitehead).

Es gibt grundsätzlich Unerreichbares
Die Physik, die sich auf das Messen verlegt hat, muss fragmentieren. Damit „gibt es einen Teil der Welt, der grundsätzlich unerreichbar ist.“ (Lesch). Aber selbst das exakte Messen gibt es nicht, Exaktheit ist eine Abstraktion. Immer gibt es einen Fehlerbereich, der angegeben werden muss, damit eine Messung als wissenschaftlich gilt.
Irgendwie offen bleibt die Frage, ob es wirklich Fortschritt ist, dass wir immer abstrakter werden.
Harald Lesch, Ursula Forstner
Ein Physiker und eine Philosophin spielen mit der Zeit
Patmos Verlag 2019, 122 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN-13: 978-3-8436-1125-1
EUR 17.00

Von der Abstraktion des „Hier und Jetzt“

Östliches und westliches Denken sind komplementär, was heißt, sie sind inkompatibel, aber einander ergänzend. So sind die Modeerscheinungen „Achtsamkeit“ und „Leben im Hier und Jetzt“ bloß unverstandene Floskeln, wenn sie in westlicher Sprache, im westlichen Weltbild aufgefasst werden.

Unser westliches Weltbild ist ein (pseudo)naturwissenschaftliches, ob wir wollen oder nicht, das ist uns seit vier Jahrhunderten eingebrannt. Naturwissenschaft analysiert, d.h. zerlegt alles in kleinste Teilchen und rechnet mit mathematischen Punkten, die es real nicht gibt. Die Zeit ist das größte Problem, weil damit genauso umgegangen wird. Alles wird reduziert auf Zeitpunkte, die aber keinem Erleben entsprechen. Wir erleben keine Zeitpunkte, sondern Zeiträume. Zeitpunkte gibt es genauso wenig wie kleinste „Teilchen“.

Auch die Gegenwart wird damit zu einem abstrakten Punkt, den es nirgends gibt. Wer beim (asiatischen) Hier und Jetzt an diesen abstrakten Punkt denkt, kommt aus dem westlichen Denken nicht heraus und kann das, was damit gemeint ist, gar nicht verstehen, das eben nicht naturwissenschaftlich und nicht fragmentierend ist.
Naturwissenschaft muss exakt messen, und auch diese Exaktheit ist eine Abstraktion, die es im Konkreten nicht gibt. Kaschiert wird das mit der notwendigen Angabe einer Fehlertoleranz, die dann großzügig ignoriert wird, um von der Unmöglichkeit des exakten Messens abzulenken.

Wer beim „Leben im Hier und Jetzt“ an diesen abstrakten Zeitpunkt denkt, der hat das „Leben“ in dieser Formulierung unterschlagen. Er/sie denkt an eine „reine“ Gegenwart ohne Vergangenheit und Zukunft. Sich hinsetzen und bloß nicht an Vergangenheit oder Zukunft denken ist nicht das, was im Buddhismus darunter verstanden wird. Zwar stimmt das nicht an Vergangenes und Zukünftiges denken, aber das bedeutet den Geist konzentrieren, aber in einer „Essenz“ und nicht in einem Punkt. Das bedeutet nicht Gegenwart, abgegrenzt von Vergangenheit und Zukunft, sondern Gegenwart, in der alles Vergangene und Zukünftige konzentriert enthalten, gegenwärtig ist. Das ist es auch, was mit „Achtsamkeit“ gemeint ist.

In der Psychologie ist es nicht anders. Psychotherapie könnte nicht funktionieren, wären wir abstrakte Ichs (für die wir uns halten). Sie kann funktionieren, weil Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart enthalten sind. Nur so ist es auch möglich, das Vergangene (den Einfluss des Vergangenen auf die Gegenwart) zu ändern.
Damit ist das Ziel (Samadhi oder Satori) oder das Nirvana nicht Nichts, sondern Alles. Wie das Selbst bei C.G. Jung Mittelpunkt und alles umfassend zugleich.

Grob gesprochen gibt es nur zwei mögliche Weltbilder (natürlich in allen möglichen Variationen): das statische (Sein) und das Dynamische (Werden). Europa hat sich – zumindest seit der Naturwissenschaft, die aber schon bei Aristoteles beginnt – für das statische entschieden. Es geht um Seiendes, nicht um Werdendes, um eine Außenwelt, nicht um die Innenwelt, um Dingliches, nicht um Beziehung oder Prozesshaftes, um tote Materie, nicht um Lebendiges. Es leuchtet zwar immer wieder auch das andere oder sogar die Synthese auf (Platon, Leibniz, Hegel, Whitehead, Jung, Quantenphysik), aber in ein allgemeines Weltbild ist das bisher nicht eingegangen.

Ein anderer abstrakter Begriff ist jener der Grenze. Wir müssen alles begrenzen oder abgrenzen, sprich definieren. Damit entfernen wir uns aber von der Wirklichkeit, die wir erleben. Durch Messung kommen wir zum Teilchenbild (siehe Doppelspaltexperiment), verlieren dabei aber das Wellenbild, das uns sagen würde, dass alles eine untrennbare Einheit mit der Umgebung (Feldbegriff) und letztlich mit allem ist. Nichts ist wirklich isoliert, alles ist kontextabhängig. So gibt es auch keine Grenze zwischen Gegenwart und Vergangenheit oder Gegenwart und Zukunft.

„Achtsamkeit“ oder „Leben im Hier und Jetzt“ ist somit kein Rückzug in eine Grenze, die uns von Vergangenheit und Zukunft abgrenzt, denn die gibt es nicht. Gegenwart ist kein Zeitpunkt, sondern Gewordenes, in dem alles enthalten ist.

In einem statischen Weltbild (das zumindest seit 400 Jahren vorherrscht) bedeutet „Achtsamkeit“ oder „Leben im Hier und Jetzt“ sich von Vergangenheit und Zukunft abgrenzen, so wie Dinge oder Objekte (angeblich) an ihrer Oberfläche begrenzt sind. Das wäre eine abstrakten Gegenwart, die es eigentlich nicht gibt.

In einem dynamischen Weltbild (das zum Leben passt, denn „alles fließt“) bedeutet „Achtsamkeit“ oder „Leben im Hier und Jetzt“, dass Vergangenheit und Zukunft in einem komprimierten Zeitraum (nicht Zeitpunkt) anwesend sind. Dann entspricht es dem Alles-Eins-Sein. Dann ist es Mitte und Alles zugleich. Um im Hier und Jetzt zu leben, muss man sein Bewusstsein konzentrieren und ausdehnen, bis es alles in Liebe umfasst.

Chagall – Die Sprache der Bilder

Weber_Chagall.tifWer einen Überblick über das Lebenswerk von Marc Chagall sucht, sein Leben, Wirken und Schaffen nach-vollziehen will, vom Früh-werk bis zu den späten Glas-fenstern, über seine Art zu denken und zu malen, zu leben und zu lieben, seine Motive und Motivationen, seine Erinnerungen und Ahnungen, seinen Gegen-sätze verbindenden Charak-ter, der ist mit diesem Buch von Annette Weber sehr gut bedient.

Marc Chagall war schon mit seinem Frühwerk berühmt und gefeiert, zuallererst in Berlin. In Paris wurde er zu einem der ganz großen Maler des 20. Jahrhunderts. Damit blieb ihm das typische Künstlerschicksal (etwa eines Van Gogh) bereits nach seiner Ausbildungszeit erspart.

1914 hatte Chagall in Berlin – nach seinem ersten Paris-Aufenthalt – seine erste Einzelausstellung, und die Begeisterung der deutschen Kunstsammler hielt an. Erst für die Nationalsozialisten galten die Werke des 1887 geborenen jüdischen Malers aus dem Zarenreich als entartete Kunst. Für seinen Rang als Künstler war das nur ein kurzes Intermezzo. Für die deutschen Galeristen, Kunstsammler und Kritiker war Chagall schon vor dem Ersten Weltkrieg einer der großen Maler der Moderne. Picasso bezeichnete ihn neben Matisse als bedeutendsten Meister der Farbe im 20. Jahrhundert.

Es war aber auch sein ganz eigener symbolhaft märchenhafter Stil, mit dem er die Innenwelt imaginierte, der nicht nur einen neuen Aufbruch in der Kunst markierte, sondern auch in eine Zeit passte, in der eine ganze Schar von Nobelpreisträgern die absurd erscheinende Quantentheorie entwickelte und C.G Jung seine Analytische Psychologie. Chagalls Werke sind ins Bild gesetzte aktive Imaginationen. Es war eine Zeit des Umbruchs und Aufbruchs, politisch, künstlerisch, wissenschaftlich. Es ist die Zeit, in der Niels Bohr und C. G. Jung zeitgleich den Begriff der Komplementarität kreieren, äußerste Gegensätze, die nur zusammen die Wirklichkeit bilden.

Chagalls Schaffen ist ebenfalls geprägt durch die Zusammenschau von Gegensätzen, ist nach innen gewandter Ausdruck. Ein kleines Aquarell in Graublau, mit dem Titel „Erinnerung“, aus 1914, ist Programm für sein Lebenswerk: der wandernde Jude, seine Erinnerung an die Heimat (in Form eines typischen Hauses, die Anima in der Tür), auf dem Rücken in die Welt tragend. Chagalls Rückschau auf die Welt des jüdischen Schtetl und die Welt russischer Bauern ist Erinnerung und allgemein Menschliches zugleich. Wie in der Jung’schen Traumdeutung zeigen die Bilder einerseits Biografisches, sie sind aber auch ganz allgemein menschlicher Ausdruck existenziellen Ausgeliefert-Seins. Gestaltungen des individuellen und gleichzeitig kollektiven Unbewussten. Daran liegt es, dass man seine zutiefst vom Chassidismus geprägten Bilder nicht primär als jüdisch, sondern allgemein gültig erlebt.

Paris 1910-1014

In Paris erlebte Chagall das Drängen vieler Künstler wie Picasso, Matisse, Delaunay, Léger und andere, die versuchten, die Wirklichkeitswiedergabe zu durchbrechen. Während aber viele über den Kubismus in die (rationale) Abstraktion und ein anderes Sehen gingen, verfolgte Chagall den Weg der Tiefenimagination, ohne die figurative Malerei aufzugeben, die er für die Symbolik der Innenwelt brauchte. Die bloß andere Wahrnehmung der Moderne schien ihm zu wenig. „Ich hatte den Eindruck, dass wir uns noch auf der Oberfläche der Sache bewegten, dass wir Angst hatten, in das Chaos hinab-zutauchen, die gewohnte Oberfläche unter unseren Füßen zu zerbrechen und umzukehren.“ Ihm geht es nicht um Abstraktion, sondern um Vertiefung und Verlebendigung.

Weber_Chagall4.tif„Das gelbe Zimmer“ zeigt das beendete Sabbatmahl, und jetzt beginnt sich die traditionelle Feier zu vollenden. Die männliche Figur wendet sich dem (weiblichen) Mond zu, wie von ihm magisch angezogen. Die Mutter mit durch die Tradition verkehrtem Kopf, nach oben blickend, gegenüber die mütterliche Kuh, das eigentlich Weibliche verkörpernd, das durch die Religion abgewertet wird.

Chagall setzt sich zwar eingehend mit den Strömungen seiner Zeit auseinander, aber „Impressionismus und Kubismus sind mir fremd. Kunst scheint mir vor allem ein Seelenzustand zu sein.“ Wie die Psyche Realität und Vision zu einer Einheit verbindet, so auch die Bilder Chagalls.

Wieder in Witebsk

Am Beginn seiner zweiten russischen Periode malt Chagall vier monumentale „alte Juden“, die zu seinen bedeutendsten Werken gehören. Sie vereinen ikonenhaft in archetypischer Weise den alten Bettler mit dem jüdischen Propheten. Sie verkörpern die Heimatlosigkeit des Menschen, des ewig Wandernden, wie auch die Heimat der chassidischen Juden in der ihnen eigenen Spiritualität. Bildfüllend, fast lebensgroß sprechen sie den Betrachter an, womit das dialogische Denken Martin Bubers anklingt. Es sind Seelenbilder, wie auch das Motiv des über Witebsk schwebenden Dorfgehers und Wanderbettlers, der „über die Häuser geht“ und von nun an immer wieder in Chagalls Bildern auftaucht.

Inzwischen auch in Russland von Sammlern, Kritikern und Galeristen geschätzt, ist nun seine jüdische Herkunft kein Makel mehr, sondern Garant für Authentizität. Chagall konnte sich jetzt sogar, entgegen seinen früheren Intentionen, doch ein Leben in Russland vorstellen. 1918 wird Chagall zum Kunstkommissar seiner Heimatstadt Witebsk ernannt, was seiner Frau Bella aus guten Gründen missfiel. Unstimmigkeiten mit Lenins Apparatschiks ließen nicht lange auf sich warten. Eine Kunstschule des Volkes wurde gegründet mit dem Schwerpunkt jüdische Kunst, und ein Museum geplant. Das anspruchsvolle Projekt Chagalls wurde angenommen und dieser als Direktor beauftragt. Die Kunstschule wurde 1919 gegründet und Chagall nahezu sofort von zwei Lehrern ausgebootet, die andere künstlerische Vorstellungen hatten.

Chagall arbeitet tief erschüttert an seiner eigenen Identität. Höhepunkt: „Die Erschütterung. Selbstportrait mit Muse“, 1917/18. Das Bild zeigt den Maler in einer nächtlichen Vision an seiner Staffelei, beim Einbruch einer anderen Welt, in der ein Engel oben und unten mit den Gesten seiner Hände verbindet. Es zeigt kubistische Formensprache und Auseinandersetzung mit der Moderne, ebenso sein Ringen um stilistisch eigenständige Inhalte. In „Kubistische Landschaft“ stellt er das Schicksal der Kunstschule dar. Die kleine Darstellung der Schule geht beinahe unter in der abstrakt kubistischen Landschaft. In „Das graue Haus“ und endgültig in „Das blaue Haus“ kündigt sich an, dass sein Bleiben in Russland keine Dauer hat. 1920 ging Chagall – nachdem der Staat 12 von 15 seiner Werke einer Ausstellung revolutionärer Kunst in Petrograd angekauft hatte – als Theatermaler nach Moskau.

Über Berlin nach Paris

Als die Lebensumstände im Bürgerkrieg zunehmend schwieriger wurden, fasste er den Entschluss, Russland für immer den Rücken zu kehren. Seine in Russland verbleibenden Werke dieser Epoche wanderten in die Depots, galt Chagall ja jetzt als dekadent-westlicher Maler und Jude.

Chagall blieb nur ein knappes Jahr in Berlin, erlernte hier aber die Technik des Holzschnitts und die Kunst der Radierung, illustrierte damit seine Lebenserinnerungen und erwies sich auch damit als überragendes Talent. Er gehörte damit (wieder) zu den Größen der Berliner Kunstszene. Eine Minderheit begeisterter Sammler kaufte beinahe sein gesamtes Frühwerk auf.

Auch in Paris musste Chagall wieder ganz von vorne beginnen, etablierte sich schnell als angesehener Maler, mit regelmäßiger – auch internationaler – Ausstellungstätigkeit. André Breton propagierte 1924 den Surrealismus, die Aufhebung der scheinbaren Gegensätze von Traum und Wirklichkeit, und erkannte Chagall als Ahnherrn dieser Strömung. Der lehnte jedoch ab, sich dieser Richtung anzuschließen. Chagall ging immer seine eigenen Wege. Außerdem scharte er seine eigene Gruppe von Malern, Intellektuellen und Literaten um sich. In Paris schuf Chagall Illustrationen zu Gogols „Tote Seelen“ und die Fabeln von La Fontaine. Als eines seiner Hauptwerke gelten die Radierungen zur Bibel, ein Projekt, das ihn 20 Jahre lang beschäftigte. Wobei ihn eine Reise ins Land der Bibel für sein weiteres Leben prägte und biblische Motive nun häufig in seinen Werken auftauchen.

Chagall stellt die Bibel nicht als Ausdruck des jüdischen Volkes dar, sondern als Zeugnis universal gültiger Menschlichkeit. Das gilt auch für die Kreuzigungsszene, der wir jetzt öfter in seinen Werken begegnen, die Jesus als universale Leidensgestalt darstellen, mit der sich Juden und Christen gleichermaßen identifizieren können. Außerdem bezieht er sie direkt auf das politische Unrecht der Gegenwart und die Verbrechen an der Menschlichkeit.

Emigration in die USA

Vor den deutschen Truppen floh Chagall 1940 zunächst nach Südfrankreich und emigrierte 1941 in die USA. Neben Bühnenbildern kreisten seine Arbeiten nun um die Themen Krieg, Pogrom und Leiden. Damit ist er einer der ersten weltweit anerkannten Künstler, die sich mit der Massenvernichtung, der Schoa auseinandersetzen. Er selbst sieht es als Auftrag, Mitmenschlichkeit zu propagieren. Das 1947/48 fertiggestellte Triptychon „Résistance, Résurrection, Libération“ verbindet die Schrecken der Ereignisse mit der Hoffnung auf Erneuerung.

Weber_Chagall3_Triptychon.tif

1948 kehrte Chagall nach Paris zurück, 1952 zog er nach Südfrankreich in unmittelbare Nähe zu Picasso und Matisse.

 

Südfrankreich und sakrale Kunst

Gleichzeitig mit Picasso wandte sich Chagall der Kunst der Keramik zu, und die beiden wurden zu den bedeutendsten Schöpfern von Kunstkeramik und damit zu Rivalen. Daneben widmete sich Chagall wieder der Farblithographie und nahm auch die Radierungen zur Bibel wieder auf. Biblische Themen rückten auch in seinen großen Ölgemälden in den Mittelpunkt seines Schaffens. Gemeinsam mit Matisse, Léger und Lipchitz arbeitete er an der Ausstattung einer Kirche in Savoyen. 1956 schuf er für die Taufkapelle das Keramikbild „Durchzug durch das Rote Meer“ und danach sein erstes monochromes Glasfenster. Seine kontemplative Kunst hatte längst die Konfessionsgrenzen überwunden. Die aufgegebene Kalvarienbergkapelle in Vence konzipierte er als christlichen Gebetsraum neu.

In monumentalen Einzelbildern zur Bibel tritt immer wieder das Motiv des Brautpaars auf, das individuelle und kollektive, jüdische und christliche Symbolik im Bild der universalen Liebe vereint. Große politische Bedeutung hat in der Nachkriegszeit der Auftrag, die Glasfenster der im Krieg schwer beschädigten Pfarrkirche St. Stephan in Mainz zu gestalten. Chagalls Alterswerk ist denn auch geprägt von Monumentalaufträgen für den öffentlichen Raum: das Frankfurter Schauspiel- und Opernhaus, die Knesset in Jerusalem, die Pariser Opéra Garnier, das UNO Hauptquartier und die Metropolitan Opera in New York, Glasfenster für die Synagoge des Hadassah Medical Center in Jerusalem, die weltweit Aufsehen erregten, sowie christliche Kirchen, wie z.B. die Kathedralen von Reims und Metz, die Union Church in Pocanto Hills, USA, die All Saints‘ Church in Tudelay, GB, und vor allem im Chor des Fraumünsters in Zürich.

Botschafter der Menschlichkeit

Chagall starb 1985 im Alter von 97 Jahren. Er schaffte es nicht mehr zur Eröffnung seiner großen Ausstellung in der Royal Academy of Art in London, die insbesondere seinem Frühwerk gewidmet war, in dem sich sein Lebenswerk konstelliert hatte. Nämlich die Themen aus dem russisch-jüdischen Schtettl zu universalen Themen wachsen zu lassen, geprägt von der Vereinigung der Gegensätze von Unheil und Erhabenheit, von Leiden und Hoffnung, von Mythischem und Realem, Bewusstem und Unbewusstem, von jüdischer und christlicher Kultur. Das alles in seinen unvergleichlichen Farben. So wurde er zum weltweit anerkannten Botschafter der Menschlichkeit.

Annette Weber
Chagall. Die Sprache der Bilder
wbg Theiss 2018, 352 Seiten, 142 Illustrationen, farbig
ISBN 978-3-8062-3750-4
99 Euro; ab 01.02.2019: 129,00 Euro

 

© R. Harsieber

Kirche und Missbrauch – symbolisch gesehen

DSCN3997In unserer nüchtern-rationalen Begriffssprache sind die immer neu auftauchenden Missbrauchsskandale der Kirchen bloß verabscheuungswürdige Tatbestände. In bildhaft-symbolischer Sprache – die die Kirche leider selbst verlernt hat – liegt ein viel tieferer Bedeutungszusammenhang.

Der Missbrauch richtet sich vorwiegend gegen junge Menschen in und um die Pubertät, in der diese zur Sexualität erwachen. In diesem Erwachen werden sie nachhaltig geschädigt. Sie werden ihre natürliche, lebendige Sexualität nie mehr erleben können. Und zwar durch ein innerkirchliches Geschehen, das weit über den Tatbestand hinausgeht.

Nehmen wir dies als Symbolbild, als Bild einer Kirche, die (ihre) Sexualität unterdrückt, verteufelt und damit abspaltet. Der unterdrückte menschliche Trieb richtet sich gegen sich selbst, gegen Jungendgruppen und Ministranten, gegen die junge, nachwachsende Kirche sozusagen. Der unterdrückte Trieb ver-zwei-felter (zwei-geteilter, abspalten müssender) Priester, der nicht sein darf und in die Unterwelt, die Welt der Toten (der abgetöteten psychischen Inhalte) verdrängt wird, richtet sich mit Gewalt gegen die noch unberührte Kirche und zerstört nun das, was zum natürlich Menschlichen heranreifen könnte.

Die gespaltene Sexualität

Die Kirche war nie imstande, die Sexualität in ihrer Ganzheit wahrzunehmen und anzunehmen. Sie spaltete diese in die (notgedrungen gute oder wenigstens nicht böse) Zeugungskraft und die böse Unkeuschheit, der abzuschwören ist. Dass damit die Hölle, die dann eifrig gepredigt wurde, mit dieser Abspaltung erst geschaffen war, blieb ihr unbewusst. Die Hölle ist ja nicht ein Ort im Jenseits, sondern eine Schöpfung des Menschen, der sie sich selbst als Schattenwelt in sich schafft.

Einerseits wird das Dunkle, Animalische der Sexualität abgelehnt und abgespalten, andererseits kommt es gerade dadurch zu einer Fixierung auf diese dunkle Seite, womit auch die helle Seite verdrängt und geradezu verboten wird: die auch dem „Normal-Sterblichen“ mögliche irdische Ektase im Orgasmus, die ein Wiener Priester in einer Predigt im Stephansdom einmal als Vorgeschmack des Himmels bezeichnete.

Missbrauch durch das Wort

Damit zeigt sich an dieser Extremsituation des Missbrauchs, was die Einstellung der Kirche zur Sexualität bei den Menschen anrichtet. Sicher, es ist kein Massenphänomen, es ist nur ein Bruchteil der Priester betroffen. Es geht aber andererseits auch nicht nur um diese sexuellen Missbräuche. Es gibt genauso – wie erst kürzlich ein anderer Priester in Wien in seiner Predigt feststellte – einen Missbrauch des Wortes, durch eine engherzige Einstellung, durch Verurteilung, Fundamentalismus, durch verbale Verteufelung der Sexualität. Dieser Priester erzählte erschüttert von einer 85jährigen Frau, die in der Beichte gestand, dass sie ihren Mann nicht zu berühren wagt, weil das die Kirche doch verbietet. Das meinte er mit Missbrauch durch das Wort. Durch diese Einstellung der Kirche sind nicht Einzelne, sondern Generationen geschädigt, missbraucht worden. Nicht durch einzelne Priester, sondern im Kollektiv, nicht einzelne Opfer, sondern die Gesamtheit der „Schäfchen“. Mit der Verteufelung der Sexualität wird den Menschen auch dieser Vorgeschmack des Himmels vorenthalten. Verbunden mit der Hölle von Zwängen, Schuldgefühlen und menschlichen Tragödien. Dafür gibt es noch keine Entschuldigung der Kirche.

Das Konzil und die Gegensätze

1965 tagte das Zweite Vatikanische Konzil, das einen frischen Wind in die Kirche brachte. Von einem gewaltigen Aufbruch, den es tatsächlich brachte, war bald danach nichts mehr zu spüren. Die konservativen Gegenkräfte krochen aus allen Winkeln hervor. Und auf diese fallen die Missbrauchsskandale zurück. Alles enthält sein Gegensätzliches. Enantiodromie nannte das der antike Philosoph der Dynamik, Heraklit. Es abzuspalten schafft es nicht aus der Welt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass nach der Vermenschlichung der Kirche im Konzil nun erneut das Unmenschliche ans Licht kommt. Die Kirche muss ihren Schatten integrieren. Und vor allem ihre Einstellung zur Sexualität ändern. Die Skandale könnten ein reinigendes Feuer sein.

Von der Jugendsynode 2018 tönt es aus Rom: „Wir müssen die Stimme der Jugend hören!“ Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Die kümmert sich nämlich schon längst nicht mehr um die modrigen „Moralvorstellungen“ der Kirche. Sie versucht, auf sich allein gestellt, ihre eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Dass die nicht „unmoralisch“ sind, wissen wir aus zahlreichen Umfragen zu diesem Thema. Sie lassen zwar so manchem konservativen Bischof die Haare zu Berge stehen, aber es ist – im Gegensatz zu einem starren, bloß nachgebeteten Moralkodex – ein lebendiger Umgang mit sich und den anderen. Und das wirklich Entscheidende: Er kommt von innen, aus eigener Verantwortung, und nicht von oben, von einem kirchlichen Über-Ich. Eine von außen oder „oben“ übernommene Moral ist ohnehin unmoralisch.

Kirchturm und Katakomben

Um auf die Symbolik zurückzukommen: Die Kirchenbauten strecken sich hoch aufragend in den Himmel, ein Bild des Strebens nach Transzendenz. Unterhalb der Kirche liegen die Grabstätten von Bischöfen oder Fürsten, die der Kirche zugetan waren, manchmal Katakomben, eine eigene Unterwelt. Symbolisch ist das die Schattenwelt, die Unterwelt, oder die „Leichen im Keller“ der Kirche, das was verdrängt wurde und wird, was kaum zugänglich ist. Ein Bibelwort drängt sich auf: „Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr seid wie die Gräber, die außen weiß angestrichen sind und schön aussehen; innen aber sind sie voll Knochen, Schmutz und Verwesung.“ (Mt 23,27). Und manchmal drängt sich auch der Verdacht auf, dass die Kirche nicht die Sukzession der Apostel, sondern der Pharisäer ist – oder zumindest beides.

Mit der Abwertung und Verteufelung der Sexualität hat man diese als „Schmutz und Verwesung“ in die Unterwelt verbannt, von wo sie nur noch energiegeladener – auch in die eigenen Reihen – zurückkommt. Und da man auch die helle, schöne Seite verbannt hat, richtet sie umso mehr Schaden an. Nicht nur die Revolution frisst ihre Kinder, auch die Verdrängung und Abspaltung. Missbrauch, aber auch seelische Verkrüppelung (durch restriktive Vorschriften) von vielen ist das Ergebnis. Verhindert wird die natürliche Entfaltung des Lebendigen. Wenn man den Weg und das Leben verdrängt, dann wird auch die Wahrheit zur Perversität.

Und hinter all dem steht die Absurdität, dass Kirche von der Seele redet, aber von der Psyche keine Ahnung hat, und die Psychologie auch noch verteufelt. Wie es Eugen Drewermann noch mit voller Wucht zu spüren bekam. Mit der Psyche wird aber das eigentlich Menschliche verdrängt. Die verbleibende Kluft zwischen Materiellem und Geistigem wird damit zum Abgrund, der nicht zu überbrücken ist.

Das Lebendige in Zeiten des Umbruchs

DSCN3243Diskussionsbeitrag zu Ludger Verst: „Abschied vom leeren Himmel? Entstehen und Vergehen von Gottesbildern“. Entwicklungspsychologische Einblicke in den Religionsunterricht.

Ich behaupte einmal ganz dreist, dass die Menschheit im 17. Jahrhundert in ihre Pubertät eingetreten ist. Ihre Repräsentanten waren Galilei, Descartes und Newton. Alle drei durchaus noch dem vorpubertären Glauben unterworfen, war ihre Sache doch die Rebellion. Galilei wurde nicht der Ketzerei angeklagt – sein Weltbild wurde schon 1632, also vor dem Prozess von Rom approbiert – sondern wegen „Ungehorsams“. Er hatte seinen Freund, den Papst, in einer Schrift lächerlich gemacht, wie das Pubertierende eben mit ihren Eltern so machen.

Pubertierende leben in einem inneren Krieg. Die Neue Wissenschaft (Naturwissenschaft) entstand in den Kriegswirren des 30jährigen Krieges. Und es war ein Kampf um die Wahrheit (Herbert Pietschmann). Galilei wollte WISSEN – und die WAHRHEIT dem Papst überlassen. Descartes suchte ein Denken, das nicht sofort dazu führt, dass die Menschen einander den Schädel einschlagen.

Pubertierende sind noch in der äußersten Ablehnung der Eltern doch deren System verhaftet. So waren die Gründer der Naturwissenschaft in ihrem „Kampf“ um die Wahrheit und gegen die Dogmen der Kirche immer noch der aristotelischen Logik verhaftet. Die Gegner Galileis saßen ja nicht in Rom, sondern in Paris. Die Pariser Universität sah ihr aristotelisches Weltbild gefährdet.

Die Welt, wie sie nicht ist

Die neue Wissenschaft war nur ein erster Schritt heraus aus der Welt (der Eltern), wie wir sie erleben. „Galilei wagte es, die Welt so zu beschreiben, wie wir sie nicht erfahren. – Aber dafür mathematisch einfach.“ (Carl Friedrich von Weizsäcker). Es war letztlich die Revolte gegen die Anschaulichkeit. Wir können alle beobachten, dass eine Münze schneller zu Boden fällt als ein Blatt vom Baum. Die Naturwissenschaft behauptet, alle Körper fallen gleich schnell. Das tun sie nur im Vakuum, und ein solches gibt es nicht. Aber es lässt sich (Pietschmann)fantastisch damit rechnen.

Newton konkretisierte dann: Nicht was wir erleben, ist wirklich, sondern was wir messen können. Das hat sich unserem Weltbild eingeprägt: Wir können uns noch so schlecht fühlen, wenn das Fieberthermometer 36,8 zeigt, haben wir kein Fieber! Newton weiter: Wir müssen für alles eine Ursache finden. Aber Ursachen werden nicht gefunden, sondern erfunden (Pietschmann). Wenn wir „tatsächlich“ Fieber haben, fragen wir, was der Auslöser war. Wir werden zwar keinen finden, aber vielleicht haben wir drei Tage zuvor ohne Mantel den Müll rausgetragen. Und schon haben wir eine Ursache erfunden.

Es folgte das Jahrhundert der Aufklärung, das Pietschmann aber das Jahrhundert der Mechanik nennt. Die Aufklärung verkündete auch nicht das Ende der Religion, sondern das Dämmern einer neuen Religion. So schrieb der große Aufklärer Voltaire 1732 an Maupertius: „Ihr Erster Brief hat mich auf die neue Newtonsche Religion getauft, Ihr zweiter hat mir die Firmung gegeben. Ich bleibe voller Dankt für Ihre Sakramente. … Ich werde auf ewig Ihre Briefe bewahren, sie kommen von einem großen Apostel Newtons, des Lichts zur Erleuchtung der Heiden.“

Pubertierende bekämpfen vehement das Alte – meist mit denselben alten Mitteln. William Thomson (Lord Kelvin) bekannte: „Ich bin erst dann zufrieden, wenn ich von einer Sache ein mechanisches Modell herstellen kann. Nur dann kann ich sie verstehen.“ So bockig kann nur ein Pubertierender sein.

Was folgte, war wie die Pubertät der Menschheit, ein Übergang. Und bekanntlich haben Pubertierende eine eigene Sprache. Die neue Physik verwendet nicht mehr den Begriff „Kraft“, sondern „Energie“. Damit wurde der Kraft die letzte Lebendigkeit ausgetrieben, die nicht in den (pubertären) mechanistischen Denkrahmen passt. Energie ist rein materiell, und der Weg war frei für ein reduziertes Weltbild: Materie ist das einzig Existierende. Das Lebendige ist nur Fantasie.

Pubertäre Gottesbilder

Was hat das alles mit Religionspädagogik zu tun? Es ist der Versuch, die Biografie der Jugendlichen in einen allgemein menschlichen Rahmen zu stellen. Die Menschheit ist weit davon entfernt, rational zu denken, rational ist sie nicht einmal in der sogenannten Aufklärung.

Ludger Verst: „Bilder von „Gott“ entstehen bereits in den ersten Lebensjahren. Kinder ‚denken‘ in Bildern und Symbolen. Bis etwa zum 6. Lebensjahr ist ihr Denken anschaulich bestimmt. Vor dem Gottesgedanken steht also das Gottesbild. Das Gottesbild ist eine schöpferische Leistung des Kindes. Das Kind begreift: Gott gibt es, aber man kann ihn nicht sehen.“

Die Frage (der Pädagogik) ist: Wie kann der Übergang von der Anschaulichkeit zur Unanschaulichkeit der Wirklichkeit gelingen, ohne dass das Gemeinte verloren geht? Wie oben beschrieben, war die Naturwissenschaft ein erster Schritt heraus aus der Anschaulichkeit, indem sie eine „objektive“ Welt konstruierte und der Lebenswelt gegenüberstellte. Diese konstruierte objektive Welt ist aber zum allgemeinen Weltbild, und damit zur künstlichen Lebenswelt geworden, in der sich auch die heutigen Jugendlichen befinden. Der Übergang muss also IN dieser Welt gelingen, in der nur das Materielle real ist.

In dieser Welt ist „Gott“ eine leere Metapher. Die Aufgabe ist vielmehr, diese Welt der toten Materie wieder zu verlebendigen. Die Frage nach GOTT ist uncool, und viel wichtiger ist auch die Frage: Was ist LEBEN? Schon für diese Frage ist die Hürde hoch. Interessant wäre aber schon die Frage: Was ist WELT?

Also zurück zum „Weltbild“ der Physik. „Welt ist doch so viel mehr als Teilchen in Raum und Zeit“, stellte der Physik-Nobelpreisträger Erwin Schrödiger fest. Es gehört auch dazu, was der naturwissenschaftliche Denkrahmen ausschließt: das Lebendige, Einmalige, Kreative usw. Das könnte den Raum eröffnen für eine Diskussion mit den Jugendlichen.

Aber die Geschichte der Physik war Ende des 19. Jahrhunderts nur scheinbar zu Ende. Lord Kelvin und auch der Lehrer von Max Planck rieten vom Studium der Physik ab, weil da schon alles erforscht wäre. Doch ausgerechnet letzterer läutete ein neues Zeitalter ein. Die Quantenmechanik stellte die gesamte Physik auf den Kopf, und – besonders wichtig – sie zeigte, dass der europäische Denkrahmen nicht einmal imstande ist, die Materie zu erklären. Die Physik ist nicht mehr deterministisch, die Kausalität wird durch Wahrscheinlichkeit abgelöst, die Welt ist zwar mathematisch, aber nicht mehr physikalisch widerspruchsfrei zu erklären. Was dadurch bedingt ist, dass die Physik die anschauliche Welt hinter sich gelassen hat und versucht, den unanschaulichen Mikrokosmos zu erklären. Eindeutigkeit gibt es auch in der Physik nicht mehr.

„Das Kind begreift: Gott gibt es, aber man kann ihn nicht sehen.“

Wie kommt es aus diesem Widerspruch heraus? Wir brauchen z.B. ZWEI anschauliche und widersprüchliche Bilder (Teilchen und Welle), um EIN Phänomen (Elementar-teilchen) zu erklären. Grob und nicht ganz richtig könnten wir sagen: Teilchen ist das, was man sehen kann, Welle nicht. Und doch ist es dasselbe. Außerdem ist die Frage, ob es diese Teilchen GIBT, nicht mehr zu beantworten. Ein Elementarteilchen IST nicht, sondern WIRKT. Es ist überhaupt nur in WECHSELWIRKUNG. So wie auch der Mensch nicht IST, sondern WIRD, und das nicht als isoliertes Ich, sondern nur in BEZIEHUNG.

Gibt es mich als „anschauliches“ Ich überhaupt? Oder braucht es etwas Unanschauliches, nämlich Beziehung, um zu sein? Wir kamen durch Beziehung in diese Welt, und wurden durch Beziehung (Mutter, Eltern, Umgebung) zu dem, was wir sind. Niemand ist ohne Beziehung lebensfähig. In Japan ist dieses Dazwischen, diese Beziehung wichtiger als Ich und Du. Und jetzt kommt ausgerechnet die Physik daher, und muss feststellen, dass in es der Mikrowelt keine Dinge oder Objekte gibt, sondern nur Beziehung – und zwar nicht Beziehung von etwas, sondern nur Beziehung (Hans-Peter Dürr). Die Frage, was gibt es, verliert an Bedeutung.

Und am anderen Ende der Skala: In Gott sind nicht drei Personen, sondern Gott ist reines Beziehungsgeschehen. So erklärt die Theologie die Trinität. Und: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht!“ (Dietrich Bonhoeffer).

 

© 2018 R. Harsieber

Foto: RH

Die Notwendigkeit, Gesetze zu übertreten

Italienern oder Südländern, die zum ersten Mal nach Österreich oder Deutschland kommen, fällt vor allem eines auf: Menschen, die um 2.00 Uhr in der Nacht – kein Auto weit und breit in Sicht – vor einer roten Ampel stehen und geduldig warten, bis sie sich endlich erbarmt und auf grün schaltet. Je nach Temperament sind die Beobachter solcher Szenen irritiert oder lachen sich zu Tode.

Volke Tegetthoff erzählte beim 3. C.G. Jung Symposium, Oktober 2018 in Bruck an der Leitha unter anderen folgende Geschichte:

DSC_0306[1]Ein Schüler hatte sehr lange bei seinem Meister gelernt und sollte nach einer letzten Prüfung ins Leben entlassen werden. Der Meister stellte ihm folgende Aufgabe: Er zeigte ihm einen Vogelkäfig und verlangte vom Schüler, den Vogel, der nicht und nicht sang, mit dem, was er bei ihm gelernt hatte, zum Singen zu bringen. Nur eines war ihm verboten: Er durfte die Käfig-Tür nicht öffnen. Dann ließ er ihn mit dem Vogel allein.
Der Schüler versuchte alles, er gab ihm zu fressen und zu trinken. Der Vogel sang nicht. Er erzählte die schönsten Geschichten, der Vogel sang nicht. Er sang ihm alle Lieder vor, die er kannte. Der Vogel sang nicht. Erschöpft wusste er nicht mehr weiter.
Da kam der Meister zurück, sah die Bescherung, schüttelte den Kopf und sah ihm tief in die Augen. „Du hast nichts gelernt. Du hat überhaupt nichts gelernt.“ Der Meister ging zum Käfig, öffnete die Tür, der Vogel flog ins Freie und sang voll Freude. „Aber Meister“, antwortete verdattert der Schüler, „gerade das hast du mir ja verboten!“
„Du hat nichts verstanden“, wiederholte der Meister. „Mit dem Verbot habe ich dir doch schon den Hinweis gegeben, wo die Lösung zu finden ist. Du aber hast das Gesetz über die Empathie und das Leben gestellt. Nichts hat du verstanden!“

Manchmal ist es sogar notwendig, das Gesetz zu ignorieren.

Auch in der Bibel gibt e ähnliche Erzählungen. Etwa als die Jünger am Sabbat die Kornähren aßen, und Jesus erklärt: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“ (Mk 2,23-28). Oder als einige der Jünger ihr Brot mit ungewaschenen Händen aßen. (Mk 7,1-15).

Manchmal muss man die wörtliche Aussage eines Gesetzes übertreten, um seinen Sinn zu erfüllen.

In den 1970er Jahren war ich in einer Yogagemeinschaft. Es war dort strikt verboten den Ashram mit Schuhen zu betreten. Doch einmal erzählte der Swami, das er selbst als Schüler einmal den Ashram bewusst mit Schuhen betreten hatte, um zu sehen, wie es sich anfühlt, das Gesetz zu übertreten.

Wer keine Vorstellung davon hat, wie es ist, ein Gesetz zu übertreten, der kann es auch nicht bewusst und selbstbestimmt halten.

Ethik kommt von innen
Wir lernen, was gut und was schlecht ist, zunächst von den Eltern, Lehrern, Vorgesetzten usw. Nach Freud bauen wir damit ein Über-Ich auf. Die Formel dafür: MAN tut dies, oder man tut jenes nicht. Es gibt Menschen, die ein Leben lang danach leben und sich für moralisch halten. Doch das hat nichts mit Moral zu tun. Die Intention kommt nicht vom Ich, sondern von außen. Moral heißt, ein Ich aufzubauen und aus diesem Ich heraus, aus eigener Überzeugung selbstbestimmt zu handeln. Wer das Richtige tut, nur weil „man“ es so macht, ist eigentlich unmoralisch, auch wenn er sich richtig verhält. Ethisch sind nur die eigenen Überzeugungen, nicht von außen übernommene Moralvorstellungen. Ethik kommt von innen, nicht von außen.
Ein starkes Über-Ich ist immer verbunden mit einem schwachen Ich, eine labile Situation, die leicht kippen kann. Etwas Unvorhergesehenes im äußeren Leben, oder aufbrechende unbewusste Tendenzen können unberechenbare Reaktionen auslösen, die nicht mehr durch das Über-Ich reguliert werden können. Im Extremfall führt das zu Verbrechen, die ein Mensch begeht, den die Nachbarn als netten und biederen Menschen beschreiben.

Ein starkes Über-Ich verhindert, sich mit dem eigenen Schatten zu beschäftigen. Aus irgendeinem Auslöser mit diesem Schatten konfrontiert, ist man ihm hilflos ausgeliefert, und alle Über-Ich „Moral“ kann zusammenbrechen.

Alle obigen Erzählungen handeln davon, dass ein zu starkes Über-Ich die spontane Lebendigkeit verhindert. Daher ist es unter Umständen wichtig, auch einmal Gesetze bewusst zu übertreten. Damit richtet sich der Fokus auf das Ich, und vom äußeren Wortlaut weg auf den inneren Sinn von Gesetzen. Erst dadurch wird bewusstes, selbstbestimmtes ethisches Handeln möglich.

Männliches und Weibliches

Mann&Frau2Im Billrothhaus in Wien fand Mitte Oktober eine Fachtagung „Mann & Frau“ statt. Veranstalter waren die Sigmund Freud Privat Universität Wien, das Institut für Ehe und Familie (IEF) und das Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie (RPP).

Das 19. Jahrhundert war vom Biologismus geprägt, Mann und Frau wurden nur durch die Brille des „kleinen Unterschieds“ gesehen, im Wesentlichen die primären Geschlechtsorgane. Dass dies eine naive Verkürzung der Situation war, ist nicht zu leugnen, und daher kam es im 20. Jahrhundert zur Gegenbewegung des Genderismus. Die Biologie ist bedeutungslos, es lebe die soziale Differenzierung und Beliebigkeit. Gegenbewegungen kommen immer überspitzt daher, sonst würden sie nicht wahrgenommen, so Raphael Bonelli (der auch ein Buch zum Tagungsthema veröffentlicht hat). Aber auf These und Antithese folgt die Synthese im 21. Jahrhundert in der Gender-Medizin. Diese hat die Unterschiede im Männlichen und Weiblichen entdeckt, die bis ins Hirn und in jede Zelle des Körpers reichen, und sie hat keine Berührungsängste mit dieser Diversität. Es ist aber auch klar, dass soziale Prägungen hinzukommen, die man sich ebenfalls genau anschauen und notfalls in vernünftige Bahnen lenken muss. Bonelli kennzeichnet die drei Phasen als Geschlechter-Narzissmus (19. Jhdt.), Geschlechter-Konkurrenz (20. Jhdt.) und Geschlechter-Ergänzung (21. Jhdt.). Seine Take-Home-Botschaft: Mann und Frau sind verschieden, ergänzen sich aber wunderbar.

Wer symbolisch denken kann, ist dabei eindeutig im Vorteil. Da geht es nämlich um das Prinzip Männlichkeit und Weiblichkeit, das in unterschiedlicher Ausprägung bei Mann und Frau vorkommt. Das beginnt bei den Hormonen im männlichen und weiblichen Körper, wie die Gynäkologin Doris Gruber in ihrem Vortrag „Die Biologie des Liebeslebens“ ausführte. Das wirkt sich natürlich im sozialen Bereich aus, führt nicht nur zu geschlechtsspezifischen psychosozialen Krisen (Beate Wimmer-Puchinger), sondern auch dazu, dass Frauen die längste Zeit aus der Wissenschaft ausgeschlossen waren und es immer noch schwer haben.

Raphael Bonelli präsentierte neueste Studien zur Geschlechterdifferenz bis hin zu Unterschieden im Gehirn und der unterschiedlichen Lösung von Aufgaben. Dass der genetische Unterschied zwischen Mann und Frau gerade mal 1.5 Prozent ausmacht und laut das 20. Jahrhundert überlebenden Genderfanatikern vernachlässigbar sei, entkräftet er damit, dass auch der genetische Unterschied zwischen Mensch und Affe 1,5 Prozent beträgt. Also irgendwas muss an den 1,5 Prozent doch dran sein. Außerdem verhalten sich Mädchen als Mädchen und Buben als Buben, noch bevor sie selbst den Unterschied kennen. Männer sind tendenziell funktional-sachbezogen, Frauen beziehungsorientiert-personenbezogen, und das schon unmittelbar nach der Geburt. Auch das Gehirn ist männlich oder weiblich. Männer lösen Aufgaben vorwiegend mit der grauen Substanz (Nervenzellkörper), Frauen mit der weißen Substanz (Nervenfasern, Leitungsbahnen, Verbindungen). Männer denken linear und fokussiert, Frauen vernetzt und assoziativ.

Kränkungen – Angst vor Liebesentzug
In einer nicht funktionierenden Partnerschaft – wie im Leben überhaupt – geht es sehr oft um Kränkungen. Der Psychiater Reinhard Haller begann bei Kain und Abel, der Urerzählung der Kränkung, und spannte den Bogen bis zum aktuellen Terrorismus, der auf einer Kränkung beruht und sich gegen die „heile Welt“ richtet, an der die Protagonisten nicht teilhaben können. Heute häufen sich auch die Fälle, wo jemand tabula rasa in der Familie macht, oder die Schulmassaker, die oft auf einer an sich kleinen Kränkung beruhen, die aber ein Fass zum überlaufen bringen. Diese Kränkungen sind nur äußerlich Kleinigkeiten, innerlich sind sie furchtbar. Kränkungen sind eine nachhaltige Erschütterung des innersten Selbst und seiner Werte, die Urangst dahinter der Liebesverlust, die Angst, nicht geliebt zu werden. Wobei Kränkungen immer einen wahren Kern haben.
Eine radikale Form ist die Demütigung, die einem den letzten Mut raubt. Viele große Kriege begannen mit einer Demütigung. So der Erste Weltkrieg mit der Ermordung des ohnehin unbeliebten Thronfolgers, das Ergebnis waren Millionen Tote. Hitler versprach einem gedemütigten Volk die endgültige Lösung.
Die Beleidigung ist die staatlich anerkannte Form der Kränkung, die sonst weder in der medizinischen oder psychiatrischen Ausbildung, noch irgendwo im Rechtssystem vorkommt. Interkulturell heikel ist der Ehrbegriff, der in anderen Kulturen eine ganz andere Bedeutung hat als bei uns. Die Blutrache zieht oft eine Spur über Jahrhunderte hinweg. Verbitterung ist die unheilbare Form der Kränkung. Mobbing kann man als die systematische Kränkung betrachten.
Die Wurzel aller Kränkungen ist die Angst vor Liebesverlust, daher ein zentrales Thema in einer Partnerschaft. Liebe ist auch die Positivresonanz der wichtigsten Person im Leben. Sehr oft kommt es zur Enttäuschung, die sich gegen sich selbst richtet, weil dem ja eine Täuschung vorangegangen ist. Fehlendes Lob oder Nichtbeachtung ist eine permanente Kränkung. Oft endet das im Schweigen, Ausdruck tiefen Getroffenseins, aber auch großer Aggression. Partnerschaft ist oft auch ein Machtkampf, die Lösung kann darin liegen, sich in den anderen hineinzuversetzen.
Die heutige Gesellschaft ist geprägt von einem zunehmenden Narzissmus, wobei dieser nicht Eigenliebe ist, sondern Eigensucht. Ein Narzisst saugt Lob und Bewunderung auf, wertet andere ab, zu Liebe und Empathie ist er nicht fähig. Daher die zunehmende Kälte und Entsolidarisierung der Gesellschaft.

Der Mythos von Mann und Frau
Das theologische Verhältnis von Sexus, Eros und Agape erläuterte Joseph Spindelböck, wobei man sich gewünscht hätte, dass er den Kirchensprech in eine Sprache übersetzt hätte, die die Menschen heute verstehen. So kamen eher die Probleme der Kirche als die von Mann und Frau zur Sprache.

Die Theologin und Philosophin Hanna Barbara Gerl-Falkovitz brachte gewohnt virtuos die geheimnisvolle Spannung zwischen Mann und Frau im interkulturellen Kontext zur Sprache. In Indien, wo Ehen von den Eltern gestiftet werden, ist die Hochzeitsnacht kein Akt personaler Liebe, sondern ein sakraler Vollzug der Weltschöpfung. Shiva und Shakti sind die Symbole des Männlichen und Weiblichen. Wobei das Männliche Prinzip Ruhe, Sein und Ewigkeit ausrückt, das Weibliche Zeit, Energie und Dynamik. Der Geschlechtsakt drückt das Prinzip des Daseins, das Geheimnis des Ganzen aus.
In China ist der Kaiser für den Tag, die Kaiserin für die Nacht zuständig. Er regelt die Geschicke des Staates, ist zuständig für das Ganze, sie muss eigentlich nur da sein. In Persien, beim Schachspiel, tut der König nichts, die Dame kämpft. Mythologisch ist Männliches und Weibliches scheinbar austauschbar. Allerdings muss man auch sehen, dass im Asiatischen Ruhe nicht Passivität, sondern höchste Energie bedeutet.

Im Mythos, so Gerl-Falkovitz, ist die Frau das Abenteuer des Mannes, das der Mann zu lösen hat, indem er meist drei Aufgaben erfüllen muss. So fordert Brunhilde den Helden zum Dreikampf heraus, bei dem sie sich als die Stärkere erweist, aber er sie dennoch mit List besiegt. Erst dadurch kommt eine Beziehung auf Augenhöhe zustande. Bei Wagner fügt das Schicksal einen Keil zwischen die beiden. Nach der Ermordung Siegfrieds verbrennt sie sich gemeinsam mit ihm auf dem Scheiterhaufen in einer endgültigen Ehe.
In der Bibel ist Eva kein Name, sondern bedeutet Leben schlechthin, die Unergründlichkeit des Lebens. Bezeichnend auch im Mythos, dass die Frau keinem Zwang unterliegt, sie kann auch 1000 Jahre warten. Sie ist bleibendes Geheimnis, lockende Andersheit. Beziehung ist immer ein Hinausgehen aus mir selbst. Diese bleibende Fremdheit führt in letzter Konsequenz zur Andersheit, die zum Wesen Gottes gehört. So ist die menschliche Geschlechtlichkeit letztlich die Durchsicht auf Gott. So kann Erotik zum „Fenster in die Differenz in Gott werden, ohne dass Gott Mann und Frau wäre.“

Frauen brauchen Männer (und umgekehrt)

Frauen brauchen Maenner und umgekehrt von Raphael BonelliDiese „Couchgeschichten eines Wiener Psychiaters“, so der Untertitel des Buches, ist ein Plädoyer für den (gar nicht so kleinen) Unterschied zwischen den Geschlechtern und deren komplementäre Ergänzung.

In Zeiten, in denen ganze Universitätsinstitute im Namen der Genderforschung den Unterschied nivellieren oder unter den Teppich kehren wollen, klingt der Titel anrüchig. Andererseits ist die Genderforschung notwendig, wenn sie sich um das bemüht, was der Name schon sagt: um das soziale Geschlecht. Das biologischen Geschlecht sollte sie denen überlassen, die was davon verstehen, und sogar die haben erst vor nicht allzu langer Zeit erkannt, wie sehr der Unterschied sogar in der Medizin bisher sträflich vernachlässigt wurde. Das biologische Geschlecht geht nämlich weit über die Sexualorgane hinaus, es umfasst auch das Gehirn (Größe und Struktur) und den ganzen Körper bis in die Zellstruktur.

Männer und Frauen haben verschiedene Stärken und Schwächen, werden unterschiedlich krank – so ist der Autismus eine eher männliche, die Depression eher eine weibliche Erkrankung – Medikamente wirken anders, die Symptome (etwa bei Herzinfarkt sind völlig andere). Die Liste lässt sich fortsetzen. 2001 gab die WHO eine Empfehlung heraus, Strategien gegen die Verdrängung des Unterschieds und für eine geschlechtsspezifische Gesundheitsvorsorge zu entwickeln. Das alles schildert der Autor umfassend und mit den aktuellsten Studien belegt.

Psychische und kognitive Unterschiede

Dass sich die körperliche und hormonelle Konstitution auch psychisch fortsetzt, ist nicht verwunderlich, so dass auch hier das biologische vor dem sozialen Geschlecht besteht. Die Unterschiede treten schon bei Neugeborenen zutage. Buben schauen intensiver auf Objekte, Mädchen auf Gesichter. Und das wäre auch schon die allgemeinste Definition des Unterschieds: Männer sind mehr objektbezogen, Frauen mehr personbezogen. Daher sind Frauen in der Empathie (wir reden immer von Durchschnittswerten) den Männern bei weitem überlegen. Frauen sind vielseitiger und stärker vernetzt, während Männer stärker fokussieren und zum Spezialistentum neigen. Auch im Negativen zeigt sich der Unterschied: Essstörungen, Angst, Depression und z.B. Borderline-Störungen sind „weiblich“, Autismus, ADHS, Narzissmus und z.B. Sexualstörungen sind „männlich“.

Die Unterschiede setzen sich im kognitiven Bereich fort. Auch hier sind es unterschiedliche Stärken: Frauen sind im Vorteil, wenn es darum geht, ein Problem im Gesamtkontext, inklusive Vernetzung mit der Umgebung zu erfassen und lebensnah zu managen. Die Stärke der Männer liegt hingegen in der Fokussierung auf Detailprobleme, alles andere auszublenden und das Problem abstrakt zu lösen. Männer denken distanziert, linear und fokussiert, Frauen mehr persönlich, vernetzt und assoziativ. Natürlich überlappen sich die Eigenschaften in der üblichen statistischen Weise, und das Schwarz-Weiß-Denken ist längst überholt. Männer ticken anders, Frauen auch, und insgesamt begegnen sie einander auf Augenhöhe.

Dass die psychologischen und kognitiven Unterschiede sich in verschiedenen Kulturen gleichen, spricht auch dafür, dass diese Unterschiede konstitutionell und nicht anerzogen sind. Außerdem verhalten sich Mädchen als Mädchen, bevor sie wissen, dass sie ein Mädchen sind; Buben ebenso. Auch das leidige Thema der Berufswahl lässt sich erklären. Männer arbeiten lieber sachbezogen, Frauen lieber personenbezogen. Dabei tritt etwas ganz Erstaunliches zutage: „Die größten psychologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern finden sich in den Ländern, die sich der Geschlechtergleichheit verschrieben haben.“ Eine Vorreiterrolle haben hier die skandinavischen Länder, und trotzdem entscheiden sich die Menschen dort vermehrt für geschlechtstypische Berufe. Wenn Männer und Frauen frei wählen können, entscheiden sie sich ihren unterschiedlichen Interessen und Fähigkeiten entsprechend.

Die Genderproblematik

Natürlich darf das Thema Gender nicht ausgeklammert werden. Das soziale Geschlecht ist ein realer Faktor und führt zu den bekannten Stereotypien, denen begegnet werden muss. Aber Gender hebt das biologische Geschlecht nicht auf, sondern kommt zu diesem hinzu und verzerrt es des öfteren. Historisch folgt, so Bonelli, auf die Verdrängung der Sexualität im 19. Jahrhundert die Verdrängung der geschlechtlichen Konstitution im 20. Jahrhundert. John Money, der den Begriff Gender etablierte, war fixiert darauf, dass der Mensch als geschlechtsloses Wesen auf die Welt kommt, und scheiterte mit einer versuchten Geschlechtszuschreibung/-umwandlung kläglich, verteidigte sein Experiment, das man (harmlos ausgedrückt) als Kunstfehler einstufen muss, auch noch, nachdem es mit dem Suizid des „Versuchsobjekts“ endete. Trotzdem sie davon wusste, behauptete Judith Butler, „sowohl das biologische Geschlecht (sex), als auch die Geschlechtsidentität (gender) seien ein Ergebnis des sprachlichen, historischen und politischen Kontextes“. Später wurde ihr vorgeworfen, das Anliegen der wirklichen Frauen verraten zu haben.

Komplementäre Ergänzung

Für Bonelli ist klar, dass man Sex und Gender nicht gegeneinander ausspielen kann, sondern beide zusammengenhören. Mann und Frau können und dürfen unterschiedlich sein und trotzdem gleiche Rechte besitzen und einander auf Augenhöhe begegnen. Dass das nicht immer harmonisch und auf Augenhöhe abgeht, illustriert der Autor an zahlreichen Fallbeispielen aus seiner psychotherapeutischen Praxis. Männer und Frauen haben jeweils „männliche“ und „weibliche“ Stärken und Schwächen in unterschiedlicher Ausprägung. Diese Unterschiede garantieren das erotische Prickeln, und bei Disharmonien die üblichen Probleme der Partnerbeziehung. Die „Lösung“ liegt immer darin, zu seinen Stärken und Schwächen zu stehen und sich dabei vom Partner ergänzen zu lassen. Weiters muss zur Erotik, die auf die Bedürfnisse abzielt, jene reife Entscheidung kommen, die nur auf Geben und auf das Du gerichtet ist und in der Antike „Agape“ genannt wurde. Aber auch hier gilt: es braucht immer beides.

Fazit: Das Buch ist eine solide Grundlage in der aktuellen Argumentation zum Thema Partnerschaft, Sex und Gender, angereichert mit den neuesten Studien. Dass man sich als Leser/in in den vielen Fallbeispielen da und dort selbst wiederfindet, liegt in der Natur der Sache. Die „Nebenwirkung“: Beim aufmerksamen Lesen können so manche Einsichten in die eigene/n Beziehung/en angestoßen werden, die mitunter weh tun, aber sehr heilsam sein können.

 

Raphael M. Bonelli

Frauen brauchen Männer (und umgekehrt)

Couchgeschichten eines Wiener Psychiaters

Kösel Verlag 2018, 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-466-34687-5
EUR 22,70

Theodizee, Holocaust und Verantwortung

Dieser Tage ist Johann Baptist Metz 90 Jahre alt geworden. Abgesehen davon, dass er ein charismatischer Lehrer war, hat er eine der brennendsten Fragen seiner – und unserer -Zeit gestellt: die alte Frage, wie Gott das zulassen kann, oder in der heutigen Form: Wie ist Theologie, wie ist Religion nach Auschwitz überhaupt noch denkbar?

Die bürgerliche Religion, in die sich die meisten Religiösen wieder zurückgezogen haben, während die anderen sich überhaupt abwandten, ist nicht mehr möglich. Der gute Gott, der alles lenkt und beherrscht, ist zur Blasphemie geworden. Das kann man einem Gott nicht (mehr) unterstellen. Die süßliche Religion ist nicht mehr glaubwürdig, sie ist sogar abschreckend und ein wesentlicher Grund dafür, dass sich viele abwenden und Atheisten oder Agnostiker werden.
Ebenso werden die mit Klauen und Zähnen verteidigten konfessionellen Grenzen hinfällig und einfach nur lächerlich. Alle Streitpunkte verblassen, wenn es um das Wesentliche geht. Ökumene kann doch nicht darin bestehen, die Vielfalt zu nivellieren, sondern nur darin, sich endlich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Wie konnte Gott den Holocaust zulassen?

Es ist zuallererst die Frage, wie wir uns „Gott“ vorstellen. Im Alten Testament steht noch: Du sollst dir kein Bild machen! Und doch: Auf dem Weg durch die Wüste (des Lebens) haben die Israeliten (wir) sich ein goldenes Kalb gegossen, das sie anbeteten, weil sie vom Gott des Mose keine Vorstellung hatten und haben konnten. In vielen Kirchen finden wir noch den alten Mann mit weißem Bart. Eigentlich eine Häresie.
Religiöse Schriften – für Christen das Alte und Neue Testament – handeln nicht von Gott, sondern vom Menschen und seiner Beziehung zum Unendlichen. Das oft in gleichnishafter und symbolischer Sprache, die wir heute trotz Tiefenpsychologie nicht mehr verstehen. So lesen wir die Schriften als Schriften über Gott. Damit brauchen wir uns nicht um die menschlichen Tragödien zu kümmern. Es ist eine einzige Projektion. Nicht die Schriften, sondern unsere Lesart. So gesehen ist bürgerliche Religion, ist die übliche Lesart der Bibel verantwortungslos.
In dieser Lesart verdrängen Christen am liebsten das ganze Alte Testament, weil es ja an manchen Stellen so grausam ist. Dabei ist das bloß Realismus. Es war der Mörder Mose, der die Israeliten aus der inneren Abhängigkeit befreien und die innere Wüste in Beziehung zum Unendlichen bringen wollte. Und dann ein symbolisches Bild, das eigentlich Kern des Christentums sein sollte: Die Israeliten werden als Folge ihres Verhaltens reihenweise von Schlangen gebissen und sterben. Doch Mose findet – mit Hilfe des Unendlichen – auch dafür eine Lösung: Er machte eine Schlange aus Kupfer und hängte sie an einer Fahnenstange auf. Jeder, der von einer Schlange gebissen wurde, blieb am Leben, wenn er zu der Schlange aufschaute (Num. 21,4-9).
Die Schlange als Symbol des Bösen ist auch das Symbol des Heils. Die erhöhte Schlange ist auch der erhöhte Heiland. Goethe drückte das im Faust so aus: „Ich bin der Geist, der stets verneint, ein Teil von jener Kraft, der stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Um heil (ganz) zu werden, reicht eine süßliche Religion nicht aus. Das Negative will gesehen und umgewandelt werden. Es abzuspalten – wie es die Kirche getan hat und tut – ist der falsche Weg. Ins Unbewusste verdrängt, wächst seine Kraft und bricht irgendwann hervor. Schlimmer als je zuvor.
Nach der schier unfassbaren Verhöhnung des Humanen durch Auschwitz ist eine Verherrlichung Gottes, der „alles so herrlich regieret“, nicht mehr möglich. J. B. Metz: „Wir Christen kommen niemals mehr hinter Auschwitz zurück; über Auschwitz hinaus aber kommen wir, genau besehen, nicht mehr allein, sondern nur noch mit den Opfern von Auschwitz.“ Wir können von Gott nicht reden, ohne das größte Übel mit hinein zu nehmen – auch wenn das völlig irrational ist. Im Absoluten ist Rationales und Irrationales eins, weil es weder das eine, noch das andere ist, sondern ganz was anderes. Aber darüber können wir nichts sagen.
In der Bildersprache religiöser Schriften: Der Gott des Mose ist unvorstellbar. Selbst in der Beziehung („Offenbarung“) sagt er nichts als „Ich bin“. Alles andere wäre bereits menschliche Vorstellung. Als Wesen der Endlichkeit brauchen wir allerdings unsere goldenen Kälber, müssen allerdings aufpassen, dass wir nicht von den Schlangen gebissen werden, die die Entwicklung des Menschen in Gang gesetzt haben. Teilhard de Chardin würde, wie Sri Aurobindo von Involution und Evolution sprechen.
Die europäische Kulturgeschichte beginnt schon in der Antike mit der Vorstellung vom Sein (Parmenides) und Werden (Heraklit). Diese beiden (statische und dynamische) Weltbilder ziehen sich durch die Geschichte, und das statische Weltbild gewann mit der Naturwissenschaft und dem daraus entstehenden Weltbild der „modernen“ Gesellschaft die Oberhand. Doch sogar die Physik kommt am Ende zu der Ansicht, dass beide Sichten notwendig sind. Teilchen (Statik) und Welle (Dynamik) sind eins (Feld). Wir brauchen die Gegensätze, um die Wirklichkeit komplementär zu beschreiben. Das Aristotelische Entweder-Oder hat nach zweieinhalb Jahrtausenden ausgedient. Sogar die physikalische Welt (die sich als Methode von der geistigen Welt losgesagt hat) ist im Innersten ganz und eins. Es gibt nur das Ganze, es gibt keine Teile, obwohl wir darüber reden müssen.
Schwieriger ist es, wenn es nicht um Sein oder Nicht-Sein geht, sondern um Gut und Böse. Wir müssen annehmen, dass auch dieses Gegensatzpaar komplementär zusammengehört. Dass das Positive nicht denkbar ist ohne das Negative. Das ist genauso unvorstellbar wie Teilchen und Welle als ein Quantenphänomen. Es gibt da nur einen Ausweg: Unser Weltbild ist ein zutiefst statisches, die Dynamik fehlt völlig. In diesem statischen Weltbild ist Komplementarität nicht vorstellbar. Wir müssen also lernen, dynamisch und ganzheitlich zu denken.
Die Quantenphysik ist voll mit völlig verrückten Ideen, die sich dann als richtig erwiesen. Ebenso verrückt erscheint ein Satz von Leibniz: Diese Welt ist die beste aller Welten. Aus der statischen Teilchensicht ist das Unsinn. Aber Leibniz lebte am Beginn der Naturwissenschaft, hat aber das statische Weltbild nicht mitgemacht. Seine Philosophie ist Dynamik. Die Welt ist deshalb die beste aller denkbaren Welten, weil sie entwicklungsfähig ist.
Naturwissenschaft und Religion stehen heute deshalb so unversöhnlich gegenüber, weil auch die Religion ein dynamisches Weltbild vertritt, das vom statischen Weltbild der Gesellschaft nicht mehr verstanden wird. Es geht nicht um Gott oder das Sein, sondern um den Menschen und sein Werden. Vom statischen Denken widerspricht sich die Bibel laufend. Vom dynamischen Denken korrigiert sie sich ständig, weil der Mensch in Evolution ist. Die Bibel ist auch insofern unlogisch (bezogen auf die aristotelische Logik), weil sie die Gegensätze nicht eliminiert, sondern bestehen lässt, weil sie komplementär zusammengehören.
Und wenn eine süßliche Religion nach Auschwitz nicht mehr möglich ist, wenn der Gott, der alles in seiner Güte lenkt und steuert, tot ist (Nietzsche), dann wirft uns das zurück auf das, was Religion wirklich ist: Menschsein als Entwicklung zu sehen, was C.G. Jung als Individuation bezeichnet hat. Diese Entwicklung ist nicht von einem Gott gesteuert, wir sind ja keine Marionetten, sondern sie liegt in unserer eigenen Verantwortung. An Gott zu glauben oder nicht, ist nicht das Entscheidende. Es bleibt dabei ohnehin offen, woran man da glaubt oder nicht glaubt. Es geht einzig und allein darum, die Verantwortung für das eigene Sein und vor allem Werden zu übernehmen.
Um es drastisch zu sagen: Viele, die man als konservative Fundamentalisten bezeichnet, sind diejenigen, die ihr inneres Auschwitz leben. Die glauben, die Wahrheit zu besitzen und alle anderen der Lüge bezichtigen, für die alle anderen Religionen und sogar Konfessionen Teufelswerk sind. Diesen inneren Gesinnungs-Holocaust müssten wir heute überwinden. Verantwortliche Entwicklung schließt das innere und äußere Fremde mit ein.