Kirche und Missbrauch – symbolisch gesehen

DSCN3997In unserer nüchtern-rationalen Begriffssprache sind die immer neu auftauchenden Missbrauchsskandale der Kirchen bloß verabscheuungswürdige Tatbestände. In bildhaft-symbolischer Sprache – die die Kirche leider selbst verlernt hat – liegt ein viel tieferer Bedeutungszusammenhang.

Der Missbrauch richtet sich vorwiegend gegen junge Menschen in und um die Pubertät, in der diese zur Sexualität erwachen. In diesem Erwachen werden sie nachhaltig geschädigt. Sie werden ihre natürliche, lebendige Sexualität nie mehr erleben können. Und zwar durch ein innerkirchliches Geschehen, das weit über den Tatbestand hinausgeht.

Nehmen wir dies als Symbolbild, als Bild einer Kirche, die (ihre) Sexualität unterdrückt, verteufelt und damit abspaltet. Der unterdrückte menschliche Trieb richtet sich gegen sich selbst, gegen Jungendgruppen und Ministranten, gegen die junge, nachwachsende Kirche sozusagen. Der unterdrückte Trieb ver-zwei-felter (zwei-geteilter, abspalten müssender) Priester, der nicht sein darf und in die Unterwelt, die Welt der Toten (der abgetöteten psychischen Inhalte) verdrängt wird, richtet sich mit Gewalt gegen die noch unberührte Kirche und zerstört nun das, was zum natürlich Menschlichen heranreifen könnte.

Die gespaltene Sexualität

Die Kirche war nie imstande, die Sexualität in ihrer Ganzheit wahrzunehmen und anzunehmen. Sie spaltete diese in die (notgedrungen gute oder wenigstens nicht böse) Zeugungskraft und die böse Unkeuschheit, der abzuschwören ist. Dass damit die Hölle, die dann eifrig gepredigt wurde, mit dieser Abspaltung erst geschaffen war, blieb ihr unbewusst. Die Hölle ist ja nicht ein Ort im Jenseits, sondern eine Schöpfung des Menschen, der sie sich selbst als Schattenwelt in sich schafft.

Einerseits wird das Dunkle, Animalische der Sexualität abgelehnt und abgespalten, andererseits kommt es gerade dadurch zu einer Fixierung auf diese dunkle Seite, womit auch die helle Seite verdrängt und geradezu verboten wird: die auch dem „Normal-Sterblichen“ mögliche irdische Ektase im Orgasmus, die ein Wiener Priester in einer Predigt im Stephansdom einmal als Vorgeschmack des Himmels bezeichnete.

Missbrauch durch das Wort

Damit zeigt sich an dieser Extremsituation des Missbrauchs, was die Einstellung der Kirche zur Sexualität bei den Menschen anrichtet. Sicher, es ist kein Massenphänomen, es ist nur ein Bruchteil der Priester betroffen. Es geht aber andererseits auch nicht nur um diese sexuellen Missbräuche. Es gibt genauso – wie erst kürzlich ein anderer Priester in Wien in seiner Predigt feststellte – einen Missbrauch des Wortes, durch eine engherzige Einstellung, durch Verurteilung, Fundamentalismus, durch verbale Verteufelung der Sexualität. Dieser Priester erzählte erschüttert von einer 85jährigen Frau, die in der Beichte gestand, dass sie ihren Mann nicht zu berühren wagt, weil das die Kirche doch verbietet. Das meinte er mit Missbrauch durch das Wort. Durch diese Einstellung der Kirche sind nicht Einzelne, sondern Generationen geschädigt, missbraucht worden. Nicht durch einzelne Priester, sondern im Kollektiv, nicht einzelne Opfer, sondern die Gesamtheit der „Schäfchen“. Mit der Verteufelung der Sexualität wird den Menschen auch dieser Vorgeschmack des Himmels vorenthalten. Verbunden mit der Hölle von Zwängen, Schuldgefühlen und menschlichen Tragödien. Dafür gibt es noch keine Entschuldigung der Kirche.

Das Konzil und die Gegensätze

1965 tagte das Zweite Vatikanische Konzil, das einen frischen Wind in die Kirche brachte. Von einem gewaltigen Aufbruch, den es tatsächlich brachte, war bald danach nichts mehr zu spüren. Die konservativen Gegenkräfte krochen aus allen Winkeln hervor. Und auf diese fallen die Missbrauchsskandale zurück. Alles enthält sein Gegensätzliches. Enantiodromie nannte das der antike Philosoph der Dynamik, Heraklit. Es abzuspalten schafft es nicht aus der Welt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass nach der Vermenschlichung der Kirche im Konzil nun erneut das Unmenschliche ans Licht kommt. Die Kirche muss ihren Schatten integrieren. Und vor allem ihre Einstellung zur Sexualität ändern. Die Skandale könnten ein reinigendes Feuer sein.

Von der Jugendsynode 2018 tönt es aus Rom: „Wir müssen die Stimme der Jugend hören!“ Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Die kümmert sich nämlich schon längst nicht mehr um die modrigen „Moralvorstellungen“ der Kirche. Sie versucht, auf sich allein gestellt, ihre eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Dass die nicht „unmoralisch“ sind, wissen wir aus zahlreichen Umfragen zu diesem Thema. Sie lassen zwar so manchem konservativen Bischof die Haare zu Berge stehen, aber es ist – im Gegensatz zu einem starren, bloß nachgebeteten Moralkodex – ein lebendiger Umgang mit sich und den anderen. Und das wirklich Entscheidende: Er kommt von innen, aus eigener Verantwortung, und nicht von oben, von einem kirchlichen Über-Ich. Eine von außen oder „oben“ übernommene Moral ist ohnehin unmoralisch.

Kirchturm und Katakomben

Um auf die Symbolik zurückzukommen: Die Kirchenbauten strecken sich hoch aufragend in den Himmel, ein Bild des Strebens nach Transzendenz. Unterhalb der Kirche liegen die Grabstätten von Bischöfen oder Fürsten, die der Kirche zugetan waren, manchmal Katakomben, eine eigene Unterwelt. Symbolisch ist das die Schattenwelt, die Unterwelt, oder die „Leichen im Keller“ der Kirche, das was verdrängt wurde und wird, was kaum zugänglich ist. Ein Bibelwort drängt sich auf: „Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr seid wie die Gräber, die außen weiß angestrichen sind und schön aussehen; innen aber sind sie voll Knochen, Schmutz und Verwesung.“ (Mt 23,27). Und manchmal drängt sich auch der Verdacht auf, dass die Kirche nicht die Sukzession der Apostel, sondern der Pharisäer ist – oder zumindest beides.

Mit der Abwertung und Verteufelung der Sexualität hat man diese als „Schmutz und Verwesung“ in die Unterwelt verbannt, von wo sie nur noch energiegeladener – auch in die eigenen Reihen – zurückkommt. Und da man auch die helle, schöne Seite verbannt hat, richtet sie umso mehr Schaden an. Nicht nur die Revolution frisst ihre Kinder, auch die Verdrängung und Abspaltung. Missbrauch, aber auch seelische Verkrüppelung (durch restriktive Vorschriften) von vielen ist das Ergebnis. Verhindert wird die natürliche Entfaltung des Lebendigen. Wenn man den Weg und das Leben verdrängt, dann wird auch die Wahrheit zur Perversität.

Und hinter all dem steht die Absurdität, dass Kirche von der Seele redet, aber von der Psyche keine Ahnung hat, und die Psychologie auch noch verteufelt. Wie es Eugen Drewermann noch mit voller Wucht zu spüren bekam. Mit der Psyche wird aber das eigentlich Menschliche verdrängt. Die verbleibende Kluft zwischen Materiellem und Geistigem wird damit zum Abgrund, der nicht zu überbrücken ist.

Das Lebendige in Zeiten des Umbruchs

DSCN3243Diskussionsbeitrag zu Ludger Verst: „Abschied vom leeren Himmel? Entstehen und Vergehen von Gottesbildern“. Entwicklungspsychologische Einblicke in den Religionsunterricht.

Ich behaupte einmal ganz dreist, dass die Menschheit im 17. Jahrhundert in ihre Pubertät eingetreten ist. Ihre Repräsentanten waren Galilei, Descartes und Newton. Alle drei durchaus noch dem vorpubertären Glauben unterworfen, war ihre Sache doch die Rebellion. Galilei wurde nicht der Ketzerei angeklagt – sein Weltbild wurde schon 1632, also vor dem Prozess von Rom approbiert – sondern wegen „Ungehorsams“. Er hatte seinen Freund, den Papst, in einer Schrift lächerlich gemacht, wie das Pubertierende eben mit ihren Eltern so machen.

Pubertierende leben in einem inneren Krieg. Die Neue Wissenschaft (Naturwissenschaft) entstand in den Kriegswirren des 30jährigen Krieges. Und es war ein Kampf um die Wahrheit (Herbert Pietschmann). Galilei wollte WISSEN – und die WAHRHEIT dem Papst überlassen. Descartes suchte ein Denken, das nicht sofort dazu führt, dass die Menschen einander den Schädel einschlagen.

Pubertierende sind noch in der äußersten Ablehnung der Eltern doch deren System verhaftet. So waren die Gründer der Naturwissenschaft in ihrem „Kampf“ um die Wahrheit und gegen die Dogmen der Kirche immer noch der aristotelischen Logik verhaftet. Die Gegner Galileis saßen ja nicht in Rom, sondern in Paris. Die Pariser Universität sah ihr aristotelisches Weltbild gefährdet.

Die Welt, wie sie nicht ist

Die neue Wissenschaft war nur ein erster Schritt heraus aus der Welt (der Eltern), wie wir sie erleben. „Galilei wagte es, die Welt so zu beschreiben, wie wir sie nicht erfahren. – Aber dafür mathematisch einfach.“ (Carl Friedrich von Weizsäcker). Es war letztlich die Revolte gegen die Anschaulichkeit. Wir können alle beobachten, dass eine Münze schneller zu Boden fällt als ein Blatt vom Baum. Die Naturwissenschaft behauptet, alle Körper fallen gleich schnell. Das tun sie nur im Vakuum, und ein solches gibt es nicht. Aber es lässt sich (Pietschmann)fantastisch damit rechnen.

Newton konkretisierte dann: Nicht was wir erleben, ist wirklich, sondern was wir messen können. Das hat sich unserem Weltbild eingeprägt: Wir können uns noch so schlecht fühlen, wenn das Fieberthermometer 36,8 zeigt, haben wir kein Fieber! Newton weiter: Wir müssen für alles eine Ursache finden. Aber Ursachen werden nicht gefunden, sondern erfunden (Pietschmann). Wenn wir „tatsächlich“ Fieber haben, fragen wir, was der Auslöser war. Wir werden zwar keinen finden, aber vielleicht haben wir drei Tage zuvor ohne Mantel den Müll rausgetragen. Und schon haben wir eine Ursache erfunden.

Es folgte das Jahrhundert der Aufklärung, das Pietschmann aber das Jahrhundert der Mechanik nennt. Die Aufklärung verkündete auch nicht das Ende der Religion, sondern das Dämmern einer neuen Religion. So schrieb der große Aufklärer Voltaire 1732 an Maupertius: „Ihr Erster Brief hat mich auf die neue Newtonsche Religion getauft, Ihr zweiter hat mir die Firmung gegeben. Ich bleibe voller Dankt für Ihre Sakramente. … Ich werde auf ewig Ihre Briefe bewahren, sie kommen von einem großen Apostel Newtons, des Lichts zur Erleuchtung der Heiden.“

Pubertierende bekämpfen vehement das Alte – meist mit denselben alten Mitteln. William Thomson (Lord Kelvin) bekannte: „Ich bin erst dann zufrieden, wenn ich von einer Sache ein mechanisches Modell herstellen kann. Nur dann kann ich sie verstehen.“ So bockig kann nur ein Pubertierender sein.

Was folgte, war wie die Pubertät der Menschheit, ein Übergang. Und bekanntlich haben Pubertierende eine eigene Sprache. Die neue Physik verwendet nicht mehr den Begriff „Kraft“, sondern „Energie“. Damit wurde der Kraft die letzte Lebendigkeit ausgetrieben, die nicht in den (pubertären) mechanistischen Denkrahmen passt. Energie ist rein materiell, und der Weg war frei für ein reduziertes Weltbild: Materie ist das einzig Existierende. Das Lebendige ist nur Fantasie.

Pubertäre Gottesbilder

Was hat das alles mit Religionspädagogik zu tun? Es ist der Versuch, die Biografie der Jugendlichen in einen allgemein menschlichen Rahmen zu stellen. Die Menschheit ist weit davon entfernt, rational zu denken, rational ist sie nicht einmal in der sogenannten Aufklärung.

Ludger Verst: „Bilder von „Gott“ entstehen bereits in den ersten Lebensjahren. Kinder ‚denken‘ in Bildern und Symbolen. Bis etwa zum 6. Lebensjahr ist ihr Denken anschaulich bestimmt. Vor dem Gottesgedanken steht also das Gottesbild. Das Gottesbild ist eine schöpferische Leistung des Kindes. Das Kind begreift: Gott gibt es, aber man kann ihn nicht sehen.“

Die Frage (der Pädagogik) ist: Wie kann der Übergang von der Anschaulichkeit zur Unanschaulichkeit der Wirklichkeit gelingen, ohne dass das Gemeinte verloren geht? Wie oben beschrieben, war die Naturwissenschaft ein erster Schritt heraus aus der Anschaulichkeit, indem sie eine „objektive“ Welt konstruierte und der Lebenswelt gegenüberstellte. Diese konstruierte objektive Welt ist aber zum allgemeinen Weltbild, und damit zur künstlichen Lebenswelt geworden, in der sich auch die heutigen Jugendlichen befinden. Der Übergang muss also IN dieser Welt gelingen, in der nur das Materielle real ist.

In dieser Welt ist „Gott“ eine leere Metapher. Die Aufgabe ist vielmehr, diese Welt der toten Materie wieder zu verlebendigen. Die Frage nach GOTT ist uncool, und viel wichtiger ist auch die Frage: Was ist LEBEN? Schon für diese Frage ist die Hürde hoch. Interessant wäre aber schon die Frage: Was ist WELT?

Also zurück zum „Weltbild“ der Physik. „Welt ist doch so viel mehr als Teilchen in Raum und Zeit“, stellte der Physik-Nobelpreisträger Erwin Schrödiger fest. Es gehört auch dazu, was der naturwissenschaftliche Denkrahmen ausschließt: das Lebendige, Einmalige, Kreative usw. Das könnte den Raum eröffnen für eine Diskussion mit den Jugendlichen.

Aber die Geschichte der Physik war Ende des 19. Jahrhunderts nur scheinbar zu Ende. Lord Kelvin und auch der Lehrer von Max Planck rieten vom Studium der Physik ab, weil da schon alles erforscht wäre. Doch ausgerechnet letzterer läutete ein neues Zeitalter ein. Die Quantenmechanik stellte die gesamte Physik auf den Kopf, und – besonders wichtig – sie zeigte, dass der europäische Denkrahmen nicht einmal imstande ist, die Materie zu erklären. Die Physik ist nicht mehr deterministisch, die Kausalität wird durch Wahrscheinlichkeit abgelöst, die Welt ist zwar mathematisch, aber nicht mehr physikalisch widerspruchsfrei zu erklären. Was dadurch bedingt ist, dass die Physik die anschauliche Welt hinter sich gelassen hat und versucht, den unanschaulichen Mikrokosmos zu erklären. Eindeutigkeit gibt es auch in der Physik nicht mehr.

„Das Kind begreift: Gott gibt es, aber man kann ihn nicht sehen.“

Wie kommt es aus diesem Widerspruch heraus? Wir brauchen z.B. ZWEI anschauliche und widersprüchliche Bilder (Teilchen und Welle), um EIN Phänomen (Elementar-teilchen) zu erklären. Grob und nicht ganz richtig könnten wir sagen: Teilchen ist das, was man sehen kann, Welle nicht. Und doch ist es dasselbe. Außerdem ist die Frage, ob es diese Teilchen GIBT, nicht mehr zu beantworten. Ein Elementarteilchen IST nicht, sondern WIRKT. Es ist überhaupt nur in WECHSELWIRKUNG. So wie auch der Mensch nicht IST, sondern WIRD, und das nicht als isoliertes Ich, sondern nur in BEZIEHUNG.

Gibt es mich als „anschauliches“ Ich überhaupt? Oder braucht es etwas Unanschauliches, nämlich Beziehung, um zu sein? Wir kamen durch Beziehung in diese Welt, und wurden durch Beziehung (Mutter, Eltern, Umgebung) zu dem, was wir sind. Niemand ist ohne Beziehung lebensfähig. In Japan ist dieses Dazwischen, diese Beziehung wichtiger als Ich und Du. Und jetzt kommt ausgerechnet die Physik daher, und muss feststellen, dass in es der Mikrowelt keine Dinge oder Objekte gibt, sondern nur Beziehung – und zwar nicht Beziehung von etwas, sondern nur Beziehung (Hans-Peter Dürr). Die Frage, was gibt es, verliert an Bedeutung.

Und am anderen Ende der Skala: In Gott sind nicht drei Personen, sondern Gott ist reines Beziehungsgeschehen. So erklärt die Theologie die Trinität. Und: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht!“ (Dietrich Bonhoeffer).

 

© 2018 R. Harsieber

Foto: RH

Die Notwendigkeit, Gesetze zu übertreten

Italienern oder Südländern, die zum ersten Mal nach Österreich oder Deutschland kommen, fällt vor allem eines auf: Menschen, die um 2.00 Uhr in der Nacht – kein Auto weit und breit in Sicht – vor einer roten Ampel stehen und geduldig warten, bis sie sich endlich erbarmt und auf grün schaltet. Je nach Temperament sind die Beobachter solcher Szenen irritiert oder lachen sich zu Tode.

Volke Tegetthoff erzählte beim 3. C.G. Jung Symposium, Oktober 2018 in Bruck an der Leitha unter anderen folgende Geschichte:

DSC_0306[1]Ein Schüler hatte sehr lange bei seinem Meister gelernt und sollte nach einer letzten Prüfung ins Leben entlassen werden. Der Meister stellte ihm folgende Aufgabe: Er zeigte ihm einen Vogelkäfig und verlangte vom Schüler, den Vogel, der nicht und nicht sang, mit dem, was er bei ihm gelernt hatte, zum Singen zu bringen. Nur eines war ihm verboten: Er durfte die Käfig-Tür nicht öffnen. Dann ließ er ihn mit dem Vogel allein.
Der Schüler versuchte alles, er gab ihm zu fressen und zu trinken. Der Vogel sang nicht. Er erzählte die schönsten Geschichten, der Vogel sang nicht. Er sang ihm alle Lieder vor, die er kannte. Der Vogel sang nicht. Erschöpft wusste er nicht mehr weiter.
Da kam der Meister zurück, sah die Bescherung, schüttelte den Kopf und sah ihm tief in die Augen. „Du hast nichts gelernt. Du hat überhaupt nichts gelernt.“ Der Meister ging zum Käfig, öffnete die Tür, der Vogel flog ins Freie und sang voll Freude. „Aber Meister“, antwortete verdattert der Schüler, „gerade das hast du mir ja verboten!“
„Du hat nichts verstanden“, wiederholte der Meister. „Mit dem Verbot habe ich dir doch schon den Hinweis gegeben, wo die Lösung zu finden ist. Du aber hast das Gesetz über die Empathie und das Leben gestellt. Nichts hat du verstanden!“

Manchmal ist es sogar notwendig, das Gesetz zu ignorieren.

Auch in der Bibel gibt e ähnliche Erzählungen. Etwa als die Jünger am Sabbat die Kornähren aßen, und Jesus erklärt: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“ (Mk 2,23-28). Oder als einige der Jünger ihr Brot mit ungewaschenen Händen aßen. (Mk 7,1-15).

Manchmal muss man die wörtliche Aussage eines Gesetzes übertreten, um seinen Sinn zu erfüllen.

In den 1970er Jahren war ich in einer Yogagemeinschaft. Es war dort strikt verboten den Ashram mit Schuhen zu betreten. Doch einmal erzählte der Swami, das er selbst als Schüler einmal den Ashram bewusst mit Schuhen betreten hatte, um zu sehen, wie es sich anfühlt, das Gesetz zu übertreten.

Wer keine Vorstellung davon hat, wie es ist, ein Gesetz zu übertreten, der kann es auch nicht bewusst und selbstbestimmt halten.

Ethik kommt von innen
Wir lernen, was gut und was schlecht ist, zunächst von den Eltern, Lehrern, Vorgesetzten usw. Nach Freud bauen wir damit ein Über-Ich auf. Die Formel dafür: MAN tut dies, oder man tut jenes nicht. Es gibt Menschen, die ein Leben lang danach leben und sich für moralisch halten. Doch das hat nichts mit Moral zu tun. Die Intention kommt nicht vom Ich, sondern von außen. Moral heißt, ein Ich aufzubauen und aus diesem Ich heraus, aus eigener Überzeugung selbstbestimmt zu handeln. Wer das Richtige tut, nur weil „man“ es so macht, ist eigentlich unmoralisch, auch wenn er sich richtig verhält. Ethisch sind nur die eigenen Überzeugungen, nicht von außen übernommene Moralvorstellungen. Ethik kommt von innen, nicht von außen.
Ein starkes Über-Ich ist immer verbunden mit einem schwachen Ich, eine labile Situation, die leicht kippen kann. Etwas Unvorhergesehenes im äußeren Leben, oder aufbrechende unbewusste Tendenzen können unberechenbare Reaktionen auslösen, die nicht mehr durch das Über-Ich reguliert werden können. Im Extremfall führt das zu Verbrechen, die ein Mensch begeht, den die Nachbarn als netten und biederen Menschen beschreiben.

Ein starkes Über-Ich verhindert, sich mit dem eigenen Schatten zu beschäftigen. Aus irgendeinem Auslöser mit diesem Schatten konfrontiert, ist man ihm hilflos ausgeliefert, und alle Über-Ich „Moral“ kann zusammenbrechen.

Alle obigen Erzählungen handeln davon, dass ein zu starkes Über-Ich die spontane Lebendigkeit verhindert. Daher ist es unter Umständen wichtig, auch einmal Gesetze bewusst zu übertreten. Damit richtet sich der Fokus auf das Ich, und vom äußeren Wortlaut weg auf den inneren Sinn von Gesetzen. Erst dadurch wird bewusstes, selbstbestimmtes ethisches Handeln möglich.

Männliches und Weibliches

Mann&Frau2Im Billrothhaus in Wien fand Mitte Oktober eine Fachtagung „Mann & Frau“ statt. Veranstalter waren die Sigmund Freud Privat Universität Wien, das Institut für Ehe und Familie (IEF) und das Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie (RPP).

Das 19. Jahrhundert war vom Biologismus geprägt, Mann und Frau wurden nur durch die Brille des „kleinen Unterschieds“ gesehen, im Wesentlichen die primären Geschlechtsorgane. Dass dies eine naive Verkürzung der Situation war, ist nicht zu leugnen, und daher kam es im 20. Jahrhundert zur Gegenbewegung des Genderismus. Die Biologie ist bedeutungslos, es lebe die soziale Differenzierung und Beliebigkeit. Gegenbewegungen kommen immer überspitzt daher, sonst würden sie nicht wahrgenommen, so Raphael Bonelli (der auch ein Buch zum Tagungsthema veröffentlicht hat). Aber auf These und Antithese folgt die Synthese im 21. Jahrhundert in der Gender-Medizin. Diese hat die Unterschiede im Männlichen und Weiblichen entdeckt, die bis ins Hirn und in jede Zelle des Körpers reichen, und sie hat keine Berührungsängste mit dieser Diversität. Es ist aber auch klar, dass soziale Prägungen hinzukommen, die man sich ebenfalls genau anschauen und notfalls in vernünftige Bahnen lenken muss. Bonelli kennzeichnet die drei Phasen als Geschlechter-Narzissmus (19. Jhdt.), Geschlechter-Konkurrenz (20. Jhdt.) und Geschlechter-Ergänzung (21. Jhdt.). Seine Take-Home-Botschaft: Mann und Frau sind verschieden, ergänzen sich aber wunderbar.

Wer symbolisch denken kann, ist dabei eindeutig im Vorteil. Da geht es nämlich um das Prinzip Männlichkeit und Weiblichkeit, das in unterschiedlicher Ausprägung bei Mann und Frau vorkommt. Das beginnt bei den Hormonen im männlichen und weiblichen Körper, wie die Gynäkologin Doris Gruber in ihrem Vortrag „Die Biologie des Liebeslebens“ ausführte. Das wirkt sich natürlich im sozialen Bereich aus, führt nicht nur zu geschlechtsspezifischen psychosozialen Krisen (Beate Wimmer-Puchinger), sondern auch dazu, dass Frauen die längste Zeit aus der Wissenschaft ausgeschlossen waren und es immer noch schwer haben.

Raphael Bonelli präsentierte neueste Studien zur Geschlechterdifferenz bis hin zu Unterschieden im Gehirn und der unterschiedlichen Lösung von Aufgaben. Dass der genetische Unterschied zwischen Mann und Frau gerade mal 1.5 Prozent ausmacht und laut das 20. Jahrhundert überlebenden Genderfanatikern vernachlässigbar sei, entkräftet er damit, dass auch der genetische Unterschied zwischen Mensch und Affe 1,5 Prozent beträgt. Also irgendwas muss an den 1,5 Prozent doch dran sein. Außerdem verhalten sich Mädchen als Mädchen und Buben als Buben, noch bevor sie selbst den Unterschied kennen. Männer sind tendenziell funktional-sachbezogen, Frauen beziehungsorientiert-personenbezogen, und das schon unmittelbar nach der Geburt. Auch das Gehirn ist männlich oder weiblich. Männer lösen Aufgaben vorwiegend mit der grauen Substanz (Nervenzellkörper), Frauen mit der weißen Substanz (Nervenfasern, Leitungsbahnen, Verbindungen). Männer denken linear und fokussiert, Frauen vernetzt und assoziativ.

Kränkungen – Angst vor Liebesentzug
In einer nicht funktionierenden Partnerschaft – wie im Leben überhaupt – geht es sehr oft um Kränkungen. Der Psychiater Reinhard Haller begann bei Kain und Abel, der Urerzählung der Kränkung, und spannte den Bogen bis zum aktuellen Terrorismus, der auf einer Kränkung beruht und sich gegen die „heile Welt“ richtet, an der die Protagonisten nicht teilhaben können. Heute häufen sich auch die Fälle, wo jemand tabula rasa in der Familie macht, oder die Schulmassaker, die oft auf einer an sich kleinen Kränkung beruhen, die aber ein Fass zum überlaufen bringen. Diese Kränkungen sind nur äußerlich Kleinigkeiten, innerlich sind sie furchtbar. Kränkungen sind eine nachhaltige Erschütterung des innersten Selbst und seiner Werte, die Urangst dahinter der Liebesverlust, die Angst, nicht geliebt zu werden. Wobei Kränkungen immer einen wahren Kern haben.
Eine radikale Form ist die Demütigung, die einem den letzten Mut raubt. Viele große Kriege begannen mit einer Demütigung. So der Erste Weltkrieg mit der Ermordung des ohnehin unbeliebten Thronfolgers, das Ergebnis waren Millionen Tote. Hitler versprach einem gedemütigten Volk die endgültige Lösung.
Die Beleidigung ist die staatlich anerkannte Form der Kränkung, die sonst weder in der medizinischen oder psychiatrischen Ausbildung, noch irgendwo im Rechtssystem vorkommt. Interkulturell heikel ist der Ehrbegriff, der in anderen Kulturen eine ganz andere Bedeutung hat als bei uns. Die Blutrache zieht oft eine Spur über Jahrhunderte hinweg. Verbitterung ist die unheilbare Form der Kränkung. Mobbing kann man als die systematische Kränkung betrachten.
Die Wurzel aller Kränkungen ist die Angst vor Liebesverlust, daher ein zentrales Thema in einer Partnerschaft. Liebe ist auch die Positivresonanz der wichtigsten Person im Leben. Sehr oft kommt es zur Enttäuschung, die sich gegen sich selbst richtet, weil dem ja eine Täuschung vorangegangen ist. Fehlendes Lob oder Nichtbeachtung ist eine permanente Kränkung. Oft endet das im Schweigen, Ausdruck tiefen Getroffenseins, aber auch großer Aggression. Partnerschaft ist oft auch ein Machtkampf, die Lösung kann darin liegen, sich in den anderen hineinzuversetzen.
Die heutige Gesellschaft ist geprägt von einem zunehmenden Narzissmus, wobei dieser nicht Eigenliebe ist, sondern Eigensucht. Ein Narzisst saugt Lob und Bewunderung auf, wertet andere ab, zu Liebe und Empathie ist er nicht fähig. Daher die zunehmende Kälte und Entsolidarisierung der Gesellschaft.

Der Mythos von Mann und Frau
Das theologische Verhältnis von Sexus, Eros und Agape erläuterte Joseph Spindelböck, wobei man sich gewünscht hätte, dass er den Kirchensprech in eine Sprache übersetzt hätte, die die Menschen heute verstehen. So kamen eher die Probleme der Kirche als die von Mann und Frau zur Sprache.

Die Theologin und Philosophin Hanna Barbara Gerl-Falkovitz brachte gewohnt virtuos die geheimnisvolle Spannung zwischen Mann und Frau im interkulturellen Kontext zur Sprache. In Indien, wo Ehen von den Eltern gestiftet werden, ist die Hochzeitsnacht kein Akt personaler Liebe, sondern ein sakraler Vollzug der Weltschöpfung. Shiva und Shakti sind die Symbole des Männlichen und Weiblichen. Wobei das Männliche Prinzip Ruhe, Sein und Ewigkeit ausrückt, das Weibliche Zeit, Energie und Dynamik. Der Geschlechtsakt drückt das Prinzip des Daseins, das Geheimnis des Ganzen aus.
In China ist der Kaiser für den Tag, die Kaiserin für die Nacht zuständig. Er regelt die Geschicke des Staates, ist zuständig für das Ganze, sie muss eigentlich nur da sein. In Persien, beim Schachspiel, tut der König nichts, die Dame kämpft. Mythologisch ist Männliches und Weibliches scheinbar austauschbar. Allerdings muss man auch sehen, dass im Asiatischen Ruhe nicht Passivität, sondern höchste Energie bedeutet.

Im Mythos, so Gerl-Falkovitz, ist die Frau das Abenteuer des Mannes, das der Mann zu lösen hat, indem er meist drei Aufgaben erfüllen muss. So fordert Brunhilde den Helden zum Dreikampf heraus, bei dem sie sich als die Stärkere erweist, aber er sie dennoch mit List besiegt. Erst dadurch kommt eine Beziehung auf Augenhöhe zustande. Bei Wagner fügt das Schicksal einen Keil zwischen die beiden. Nach der Ermordung Siegfrieds verbrennt sie sich gemeinsam mit ihm auf dem Scheiterhaufen in einer endgültigen Ehe.
In der Bibel ist Eva kein Name, sondern bedeutet Leben schlechthin, die Unergründlichkeit des Lebens. Bezeichnend auch im Mythos, dass die Frau keinem Zwang unterliegt, sie kann auch 1000 Jahre warten. Sie ist bleibendes Geheimnis, lockende Andersheit. Beziehung ist immer ein Hinausgehen aus mir selbst. Diese bleibende Fremdheit führt in letzter Konsequenz zur Andersheit, die zum Wesen Gottes gehört. So ist die menschliche Geschlechtlichkeit letztlich die Durchsicht auf Gott. So kann Erotik zum „Fenster in die Differenz in Gott werden, ohne dass Gott Mann und Frau wäre.“

Frauen brauchen Männer (und umgekehrt)

Frauen brauchen Maenner und umgekehrt von Raphael BonelliDiese „Couchgeschichten eines Wiener Psychiaters“, so der Untertitel des Buches, ist ein Plädoyer für den (gar nicht so kleinen) Unterschied zwischen den Geschlechtern und deren komplementäre Ergänzung.

In Zeiten, in denen ganze Universitätsinstitute im Namen der Genderforschung den Unterschied nivellieren oder unter den Teppich kehren wollen, klingt der Titel anrüchig. Andererseits ist die Genderforschung notwendig, wenn sie sich um das bemüht, was der Name schon sagt: um das soziale Geschlecht. Das biologischen Geschlecht sollte sie denen überlassen, die was davon verstehen, und sogar die haben erst vor nicht allzu langer Zeit erkannt, wie sehr der Unterschied sogar in der Medizin bisher sträflich vernachlässigt wurde. Das biologische Geschlecht geht nämlich weit über die Sexualorgane hinaus, es umfasst auch das Gehirn (Größe und Struktur) und den ganzen Körper bis in die Zellstruktur.

Männer und Frauen haben verschiedene Stärken und Schwächen, werden unterschiedlich krank – so ist der Autismus eine eher männliche, die Depression eher eine weibliche Erkrankung – Medikamente wirken anders, die Symptome (etwa bei Herzinfarkt sind völlig andere). Die Liste lässt sich fortsetzen. 2001 gab die WHO eine Empfehlung heraus, Strategien gegen die Verdrängung des Unterschieds und für eine geschlechtsspezifische Gesundheitsvorsorge zu entwickeln. Das alles schildert der Autor umfassend und mit den aktuellsten Studien belegt.

Psychische und kognitive Unterschiede

Dass sich die körperliche und hormonelle Konstitution auch psychisch fortsetzt, ist nicht verwunderlich, so dass auch hier das biologische vor dem sozialen Geschlecht besteht. Die Unterschiede treten schon bei Neugeborenen zutage. Buben schauen intensiver auf Objekte, Mädchen auf Gesichter. Und das wäre auch schon die allgemeinste Definition des Unterschieds: Männer sind mehr objektbezogen, Frauen mehr personbezogen. Daher sind Frauen in der Empathie (wir reden immer von Durchschnittswerten) den Männern bei weitem überlegen. Frauen sind vielseitiger und stärker vernetzt, während Männer stärker fokussieren und zum Spezialistentum neigen. Auch im Negativen zeigt sich der Unterschied: Essstörungen, Angst, Depression und z.B. Borderline-Störungen sind „weiblich“, Autismus, ADHS, Narzissmus und z.B. Sexualstörungen sind „männlich“.

Die Unterschiede setzen sich im kognitiven Bereich fort. Auch hier sind es unterschiedliche Stärken: Frauen sind im Vorteil, wenn es darum geht, ein Problem im Gesamtkontext, inklusive Vernetzung mit der Umgebung zu erfassen und lebensnah zu managen. Die Stärke der Männer liegt hingegen in der Fokussierung auf Detailprobleme, alles andere auszublenden und das Problem abstrakt zu lösen. Männer denken distanziert, linear und fokussiert, Frauen mehr persönlich, vernetzt und assoziativ. Natürlich überlappen sich die Eigenschaften in der üblichen statistischen Weise, und das Schwarz-Weiß-Denken ist längst überholt. Männer ticken anders, Frauen auch, und insgesamt begegnen sie einander auf Augenhöhe.

Dass die psychologischen und kognitiven Unterschiede sich in verschiedenen Kulturen gleichen, spricht auch dafür, dass diese Unterschiede konstitutionell und nicht anerzogen sind. Außerdem verhalten sich Mädchen als Mädchen, bevor sie wissen, dass sie ein Mädchen sind; Buben ebenso. Auch das leidige Thema der Berufswahl lässt sich erklären. Männer arbeiten lieber sachbezogen, Frauen lieber personenbezogen. Dabei tritt etwas ganz Erstaunliches zutage: „Die größten psychologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern finden sich in den Ländern, die sich der Geschlechtergleichheit verschrieben haben.“ Eine Vorreiterrolle haben hier die skandinavischen Länder, und trotzdem entscheiden sich die Menschen dort vermehrt für geschlechtstypische Berufe. Wenn Männer und Frauen frei wählen können, entscheiden sie sich ihren unterschiedlichen Interessen und Fähigkeiten entsprechend.

Die Genderproblematik

Natürlich darf das Thema Gender nicht ausgeklammert werden. Das soziale Geschlecht ist ein realer Faktor und führt zu den bekannten Stereotypien, denen begegnet werden muss. Aber Gender hebt das biologische Geschlecht nicht auf, sondern kommt zu diesem hinzu und verzerrt es des öfteren. Historisch folgt, so Bonelli, auf die Verdrängung der Sexualität im 19. Jahrhundert die Verdrängung der geschlechtlichen Konstitution im 20. Jahrhundert. John Money, der den Begriff Gender etablierte, war fixiert darauf, dass der Mensch als geschlechtsloses Wesen auf die Welt kommt, und scheiterte mit einer versuchten Geschlechtszuschreibung/-umwandlung kläglich, verteidigte sein Experiment, das man (harmlos ausgedrückt) als Kunstfehler einstufen muss, auch noch, nachdem es mit dem Suizid des „Versuchsobjekts“ endete. Trotzdem sie davon wusste, behauptete Judith Butler, „sowohl das biologische Geschlecht (sex), als auch die Geschlechtsidentität (gender) seien ein Ergebnis des sprachlichen, historischen und politischen Kontextes“. Später wurde ihr vorgeworfen, das Anliegen der wirklichen Frauen verraten zu haben.

Komplementäre Ergänzung

Für Bonelli ist klar, dass man Sex und Gender nicht gegeneinander ausspielen kann, sondern beide zusammengenhören. Mann und Frau können und dürfen unterschiedlich sein und trotzdem gleiche Rechte besitzen und einander auf Augenhöhe begegnen. Dass das nicht immer harmonisch und auf Augenhöhe abgeht, illustriert der Autor an zahlreichen Fallbeispielen aus seiner psychotherapeutischen Praxis. Männer und Frauen haben jeweils „männliche“ und „weibliche“ Stärken und Schwächen in unterschiedlicher Ausprägung. Diese Unterschiede garantieren das erotische Prickeln, und bei Disharmonien die üblichen Probleme der Partnerbeziehung. Die „Lösung“ liegt immer darin, zu seinen Stärken und Schwächen zu stehen und sich dabei vom Partner ergänzen zu lassen. Weiters muss zur Erotik, die auf die Bedürfnisse abzielt, jene reife Entscheidung kommen, die nur auf Geben und auf das Du gerichtet ist und in der Antike „Agape“ genannt wurde. Aber auch hier gilt: es braucht immer beides.

Fazit: Das Buch ist eine solide Grundlage in der aktuellen Argumentation zum Thema Partnerschaft, Sex und Gender, angereichert mit den neuesten Studien. Dass man sich als Leser/in in den vielen Fallbeispielen da und dort selbst wiederfindet, liegt in der Natur der Sache. Die „Nebenwirkung“: Beim aufmerksamen Lesen können so manche Einsichten in die eigene/n Beziehung/en angestoßen werden, die mitunter weh tun, aber sehr heilsam sein können.

 

Raphael M. Bonelli

Frauen brauchen Männer (und umgekehrt)

Couchgeschichten eines Wiener Psychiaters

Kösel Verlag 2018, 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-466-34687-5
EUR 22,70

Theodizee, Holocaust und Verantwortung

Dieser Tage ist Johann Baptist Metz 90 Jahre alt geworden. Abgesehen davon, dass er ein charismatischer Lehrer war, hat er eine der brennendsten Fragen seiner – und unserer -Zeit gestellt: die alte Frage, wie Gott das zulassen kann, oder in der heutigen Form: Wie ist Theologie, wie ist Religion nach Auschwitz überhaupt noch denkbar?

Die bürgerliche Religion, in die sich die meisten Religiösen wieder zurückgezogen haben, während die anderen sich überhaupt abwandten, ist nicht mehr möglich. Der gute Gott, der alles lenkt und beherrscht, ist zur Blasphemie geworden. Das kann man einem Gott nicht (mehr) unterstellen. Die süßliche Religion ist nicht mehr glaubwürdig, sie ist sogar abschreckend und ein wesentlicher Grund dafür, dass sich viele abwenden und Atheisten oder Agnostiker werden.
Ebenso werden die mit Klauen und Zähnen verteidigten konfessionellen Grenzen hinfällig und einfach nur lächerlich. Alle Streitpunkte verblassen, wenn es um das Wesentliche geht. Ökumene kann doch nicht darin bestehen, die Vielfalt zu nivellieren, sondern nur darin, sich endlich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Wie konnte Gott den Holocaust zulassen?

Es ist zuallererst die Frage, wie wir uns „Gott“ vorstellen. Im Alten Testament steht noch: Du sollst dir kein Bild machen! Und doch: Auf dem Weg durch die Wüste (des Lebens) haben die Israeliten (wir) sich ein goldenes Kalb gegossen, das sie anbeteten, weil sie vom Gott des Mose keine Vorstellung hatten und haben konnten. In vielen Kirchen finden wir noch den alten Mann mit weißem Bart. Eigentlich eine Häresie.
Religiöse Schriften – für Christen das Alte und Neue Testament – handeln nicht von Gott, sondern vom Menschen und seiner Beziehung zum Unendlichen. Das oft in gleichnishafter und symbolischer Sprache, die wir heute trotz Tiefenpsychologie nicht mehr verstehen. So lesen wir die Schriften als Schriften über Gott. Damit brauchen wir uns nicht um die menschlichen Tragödien zu kümmern. Es ist eine einzige Projektion. Nicht die Schriften, sondern unsere Lesart. So gesehen ist bürgerliche Religion, ist die übliche Lesart der Bibel verantwortungslos.
In dieser Lesart verdrängen Christen am liebsten das ganze Alte Testament, weil es ja an manchen Stellen so grausam ist. Dabei ist das bloß Realismus. Es war der Mörder Mose, der die Israeliten aus der inneren Abhängigkeit befreien und die innere Wüste in Beziehung zum Unendlichen bringen wollte. Und dann ein symbolisches Bild, das eigentlich Kern des Christentums sein sollte: Die Israeliten werden als Folge ihres Verhaltens reihenweise von Schlangen gebissen und sterben. Doch Mose findet – mit Hilfe des Unendlichen – auch dafür eine Lösung: Er machte eine Schlange aus Kupfer und hängte sie an einer Fahnenstange auf. Jeder, der von einer Schlange gebissen wurde, blieb am Leben, wenn er zu der Schlange aufschaute (Num. 21,4-9).
Die Schlange als Symbol des Bösen ist auch das Symbol des Heils. Die erhöhte Schlange ist auch der erhöhte Heiland. Goethe drückte das im Faust so aus: „Ich bin der Geist, der stets verneint, ein Teil von jener Kraft, der stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Um heil (ganz) zu werden, reicht eine süßliche Religion nicht aus. Das Negative will gesehen und umgewandelt werden. Es abzuspalten – wie es die Kirche getan hat und tut – ist der falsche Weg. Ins Unbewusste verdrängt, wächst seine Kraft und bricht irgendwann hervor. Schlimmer als je zuvor.
Nach der schier unfassbaren Verhöhnung des Humanen durch Auschwitz ist eine Verherrlichung Gottes, der „alles so herrlich regieret“, nicht mehr möglich. J. B. Metz: „Wir Christen kommen niemals mehr hinter Auschwitz zurück; über Auschwitz hinaus aber kommen wir, genau besehen, nicht mehr allein, sondern nur noch mit den Opfern von Auschwitz.“ Wir können von Gott nicht reden, ohne das größte Übel mit hinein zu nehmen – auch wenn das völlig irrational ist. Im Absoluten ist Rationales und Irrationales eins, weil es weder das eine, noch das andere ist, sondern ganz was anderes. Aber darüber können wir nichts sagen.
In der Bildersprache religiöser Schriften: Der Gott des Mose ist unvorstellbar. Selbst in der Beziehung („Offenbarung“) sagt er nichts als „Ich bin“. Alles andere wäre bereits menschliche Vorstellung. Als Wesen der Endlichkeit brauchen wir allerdings unsere goldenen Kälber, müssen allerdings aufpassen, dass wir nicht von den Schlangen gebissen werden, die die Entwicklung des Menschen in Gang gesetzt haben. Teilhard de Chardin würde, wie Sri Aurobindo von Involution und Evolution sprechen.
Die europäische Kulturgeschichte beginnt schon in der Antike mit der Vorstellung vom Sein (Parmenides) und Werden (Heraklit). Diese beiden (statische und dynamische) Weltbilder ziehen sich durch die Geschichte, und das statische Weltbild gewann mit der Naturwissenschaft und dem daraus entstehenden Weltbild der „modernen“ Gesellschaft die Oberhand. Doch sogar die Physik kommt am Ende zu der Ansicht, dass beide Sichten notwendig sind. Teilchen (Statik) und Welle (Dynamik) sind eins (Feld). Wir brauchen die Gegensätze, um die Wirklichkeit komplementär zu beschreiben. Das Aristotelische Entweder-Oder hat nach zweieinhalb Jahrtausenden ausgedient. Sogar die physikalische Welt (die sich als Methode von der geistigen Welt losgesagt hat) ist im Innersten ganz und eins. Es gibt nur das Ganze, es gibt keine Teile, obwohl wir darüber reden müssen.
Schwieriger ist es, wenn es nicht um Sein oder Nicht-Sein geht, sondern um Gut und Böse. Wir müssen annehmen, dass auch dieses Gegensatzpaar komplementär zusammengehört. Dass das Positive nicht denkbar ist ohne das Negative. Das ist genauso unvorstellbar wie Teilchen und Welle als ein Quantenphänomen. Es gibt da nur einen Ausweg: Unser Weltbild ist ein zutiefst statisches, die Dynamik fehlt völlig. In diesem statischen Weltbild ist Komplementarität nicht vorstellbar. Wir müssen also lernen, dynamisch und ganzheitlich zu denken.
Die Quantenphysik ist voll mit völlig verrückten Ideen, die sich dann als richtig erwiesen. Ebenso verrückt erscheint ein Satz von Leibniz: Diese Welt ist die beste aller Welten. Aus der statischen Teilchensicht ist das Unsinn. Aber Leibniz lebte am Beginn der Naturwissenschaft, hat aber das statische Weltbild nicht mitgemacht. Seine Philosophie ist Dynamik. Die Welt ist deshalb die beste aller denkbaren Welten, weil sie entwicklungsfähig ist.
Naturwissenschaft und Religion stehen heute deshalb so unversöhnlich gegenüber, weil auch die Religion ein dynamisches Weltbild vertritt, das vom statischen Weltbild der Gesellschaft nicht mehr verstanden wird. Es geht nicht um Gott oder das Sein, sondern um den Menschen und sein Werden. Vom statischen Denken widerspricht sich die Bibel laufend. Vom dynamischen Denken korrigiert sie sich ständig, weil der Mensch in Evolution ist. Die Bibel ist auch insofern unlogisch (bezogen auf die aristotelische Logik), weil sie die Gegensätze nicht eliminiert, sondern bestehen lässt, weil sie komplementär zusammengehören.
Und wenn eine süßliche Religion nach Auschwitz nicht mehr möglich ist, wenn der Gott, der alles in seiner Güte lenkt und steuert, tot ist (Nietzsche), dann wirft uns das zurück auf das, was Religion wirklich ist: Menschsein als Entwicklung zu sehen, was C.G. Jung als Individuation bezeichnet hat. Diese Entwicklung ist nicht von einem Gott gesteuert, wir sind ja keine Marionetten, sondern sie liegt in unserer eigenen Verantwortung. An Gott zu glauben oder nicht, ist nicht das Entscheidende. Es bleibt dabei ohnehin offen, woran man da glaubt oder nicht glaubt. Es geht einzig und allein darum, die Verantwortung für das eigene Sein und vor allem Werden zu übernehmen.
Um es drastisch zu sagen: Viele, die man als konservative Fundamentalisten bezeichnet, sind diejenigen, die ihr inneres Auschwitz leben. Die glauben, die Wahrheit zu besitzen und alle anderen der Lüge bezichtigen, für die alle anderen Religionen und sogar Konfessionen Teufelswerk sind. Diesen inneren Gesinnungs-Holocaust müssten wir heute überwinden. Verantwortliche Entwicklung schließt das innere und äußere Fremde mit ein.

Die Illusion der Gewissheit

U1_978-3-498-03038-4.indd Das Gütesiegel „wissenschaftlich erwiesen“ oder „Wissenschaftler haben festgestellt“ erweckt den Glauben an die Allmacht der Wissenschaft. Die Schriftstellerin Siri Hustvedt hinterfragt dieses Gütesiegel und diesen Glauben und deckt unreflektierte Voraussetzungen auf. Als Frau ist sie den männlichen Strukturen des Wissenschaftsbetriebs anscheinend weniger ausgeliefert.

Um gleich mit einem Beispiel zu beginnen: Der Begriff „bio-psycho-sozial“ stellt in der Medizin einen großen Fortschritt dar. Das bisher ausschließlich Biologische wird ergänzt durch das Psychische und Soziale. Aber wenn man genauer hinsieht, dann trennt dieser Begriff genau das, was er vereinen will, auch wenn er ohne die Bindestriche geschrieben wird. Der Begriff wird dadurch für die Autorin kontraproduktiv. Er vernachlässigt das Weltbild und die Entwicklungsgeschichte. „Das Modell funktioniert im Grunde statisch.“ Und das Grundthema des Buches umschreibend: „Es ist immer wieder spannend zu sehen, in welchem Maß theoretische Modelle das Denken nicht nur erweitern, sondern auch sehr einschränken können.“ (Das erinnert an Einstein, der sagte dass wir nicht aus dem, was wir sehen, eine Theorie bilden, sondern die Theorie bestimmt, was wir sehen). Jedenfalls sehen wir oft nur das, was wir erwarten, und das gilt auch für Wissenschaftler.

Das Thema (vermeintliche) Gewissheit ist auch eine Auseinandersetzung mit René Descartes, der mit seiner Unterscheidung von res extensa und res cogitans getrennt hat, was zusammengehört, oder was nie getrennt war. Das zieht sich als roter Faden durch das Buch. Wissenschaft muss unterscheiden, aber wenn sie vergisst, dass sie von einem Ganzen ausgegangen ist, dann kommt es zu einer versteckten Gedankenakrobatik, um zu erklären, wie das Getrennte zusammenwirkt. Und das ist letztlich unmöglich. Sobald der Geist vom Körper, das Bewusstsein vom Gehirn getrennt ist, entstehen erst die unlösbaren Probleme, die wir kennen oder unterschlagen. Um den Dualismus zu verschleiern, kippt man in einen Pseudomonismus und der Geist wird – wie Descartes res extensa – dann auch zur Maschine.

Dann steht z.B. der Psychotherapie die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) entgegen. Diese „übernimmt den kartesianischen Dualismus, aber mit seinen Rätseln wollen sich seine Vertreter nicht befassen“. Es gibt immer schon unreflektierte Voraussetzungen in den Wissenschaften. Es gibt damit schon einhellig vorausgesetzte Antworten, bevor man anfängt zu forschen. So ist z.B. von angeborenen und erworbenen Eigenschaften die Rede, eine Unterscheidung, die aber sofort fragwürdig wird, wenn man nach der Grenze zwischen beiden fragt. Was genetisch vererbt ist, hängt außerdem davon ab, welche Vorstellung man von einem Gen hat. Im naturwissenschaftlichen Kontext hat es so etwas wie ein isoliertes Ding zu sein – was es aber nicht ist.

Breiten Raum nimmt die Metapher vom Hirn als Datenverarbeitungsmaschine ein, die z.B. den Konzepten der Künstlichen Intelligenz zugrunde liegt. Das Hirn wird auf die Verarbeitung von Information reduziert, womit ein Großteil der Komplexität der Wirklichkeit verloren geht und nur die abstrakten Strukturen der Logik übrigbleiben. Das Kreative wird unterschlagen, das Berechnende bleibt. Damit verbunden ist die Hoffnung (für andere die Befürchtung), dass Maschinen bald den Menschen überlegen sein werden. Diese Reduktion wurde längst entlarvt, die Hoffnung hat sich nicht erfüllt – aber die Metapher vom Hirn als Datenverarbeitungsmaschine hält sich eisern.

Ein anderer Trugschluss ist, dass Wissenschaft auf Fakten beruht. Das ist nicht falsch, aber diese Fakten müssen interpretiert werden. Fakten und Zahlen alleine erklären gar nichts. Man muss allerdings zwischen Fakten und Interpretation unterscheiden können.

Die Methode der wissenschaftlichen Analyse führt dazu, Details zu isolieren und Grenzen aufzustellen, die es vorher nicht gab. Daher gibt es in der Wissenschaft sehr oft Metaphern, die sich hartnäckig halten, obwohl sie längst widerlegt sind. Beispielsweise die Vorstellung von begrenzten Hirnarealen (Sehzentrum, Sprachzentrum usw.), die für eine bestimmte Funktion zuständig sind. Diese Areale sind zwar spezialisiert, aber weder begrenzt noch feststehend. Hinzu kommt, dass das Hirn nicht isoliert vom Körper agiert und der Mensch nciht isoliert von der Umwelt und von anderen.

Mit einem Zitat von Alfred N. Whitehead deutet Hustvedt die Richtung einer Lösung all dieser Probleme der Wissenschaft an: „Soll die Wissenschaft nicht zu einem Mischmasch von ad hoc-Hypothesen verkommen, dann muss sie philosophisch werden, und in eine tiefgreifende Kritik ihrer eigenen Grundlagen eintreten.“ Dazu muss sie zurück zu ihren Wurzeln im 17. Jahrhundert. Descartes und dann Newton haben die Welt der Naturwissenschaft auf eine tote Materie reduziert, die wie eine Maschine funktioniert. Seither müssen Naturwissenschaftler das Lebendige verdrängen oder zur Maschine degradieren.

Der Fehler ist, die Methode mit dem Gegenstand zu verwechseln. Um ein Ganzes zu untersuchen, muss es in Teile fragmentiert werden, aber wenn man glaubt, diese Teile wieder zu einem Ganzen zusammensetzen zu können, dann ist das eine Illusion. In der Wirklichkeit gibt es keine isolierten Teile, sondern nur ein zusammenhängendes Ganzes. Das Ganze ist nicht das Ergebnis der wissenschaftlichen Untersuchung, sondern geht ihr voraus. Wer Körper und Seele, Materie und Geist, Hirn und Denken trennt, darf sich nicht wundern, dass er deren Zusammenwirken hinterher nicht mehr versteht. Wer den Menschen zur Maschine macht, kann ihn nicht mehr zum Leben erwecken.

Wissenschaft beschreibt nicht die Welt, sondern konstruiert eine Welt. Modell und Wirklichkeit dürfen dabei nicht verwechselt werden. Die Autorin zitiert Werner Heisenberg: „Wir müssen uns daran erinnern, dass das, was wir beobachten, nicht die Natur selbst ist, sondern Natur, die unserer Art der Fragestellung ausgesetzt ist.“ Und wenn Humberto Maturana sagt: „Wir erschaffen die Welt, in der wir leben, indem wir in ihr leben“, dann gilt das auch für die Welt der Wissenschaft.

 

Siri Hustvedt, Die Illusion der Gewissheit

Rowohlt Verlag, 2. Aufl. 2018, 414 Seiten, EUR 24,00

ISBN 978 3 498 03038 4

 

Wie man mit Leid umgehen kann

Cover_LeidDas Buch von Thomas Hohensee nennt sich „Stärker als das größte Leid. In drei Schritten unerschütterlich durchs Leben“. Ratgeberliteratur eben. Die gibt’s wie Sand am Meer und ist auch so interessant wie dieser. Das Buch ist trotzdem lesenswert.

„Das Leben ist schwierig“, so das erste Unterkapitel. Und alles kann sich schlagartig ändern. Wie Menschen darauf reagieren ist unterschiedlich – und das hat Gründe. Die einen werden völlig aus der Bahn geworfen, die anderen sind unerschütterlich und gehen ihren Weg. Die Mehrheit liegt irgendwo dazwischen. Die Lösung, die der Autor vorschlägt, ist der Dreischritt von Akzeptanz, Sinngebung und Improvisation. Leid annehmen und verwandeln, dadurch könne man unerschütterlich werden. Die letzte Stufe werden nur wenige erreichen – das unterscheidet dieses Buch von der Ratgeberliteratur und macht es lesenswert. Obwohl ein „Alles ist lösbar“ immer wieder durchklingt. Aber darüber kann man hinweglesen.

Am interessantesten wird das Buch, wenn es von Laotse, Buddha oder den Stoikern erzählt. Und auch da, wo es immer wieder zu eigenem Denken anregt – auch das macht dieses Buch lesenswert, dafür wären Ratgeber eigentlich da. Plattitüden lassen sich offenbar nicht ganz vermeiden, aber immer wenn man durch solche Allheilmittel genervt ist, wird es wieder interessant und anregend.

„Es sind nicht die Ereignisse, die darüber bestimmen, ob man leidet.“ Es ist die Reaktion darauf oder die innere Einstellung dazu. Es hängt auch davon ab, „welche Programme man in früher Kindheit aufgespielt bekommen hat“. Es gibt allerdings Traumata, die so tief sind, dass sie sich so nicht „heilen“ lassen. Wenn man akzeptiert, dass das Buch nicht für solche Extremsituationen geschrieben wurde, dann liest sich das Buch sehr gut. „Es kommt eben nicht darauf an, wie schlimm ein Erlebnis tatsächlich ist, sondern wie wir es bewerten.“ Der Satz ist richtig, hat aber seine Grenzen.

Gleichmut, die Dinge so nehmen, wie sie sind, macht schon mal vieles leichter. Den Erlebnissen einen Sinn geben, macht wirklich Sinn. Wobei klar sein muss: „Dinge haben nicht von sich aus Sinn, aber man kann ihnen diesen verleihen.“ Und dann wäre noch die Improvisation oder Flexibilität oder Anpassungsfähigkeit oder Kreativität.

Da wären wir an so einem Punkt, wo sich das Weiterdenken lohnt. Die Überwindung von Gewohnheit ist schwierig, vor allem deshalb, weil sie im allgemeine Weltbild verankert ist. Dieses lehnt nicht an die Naturwissenschaft an, insbesondere an die Physik. Deren Methode ist die Analyse und die ist statisch. Sie zerlegt die dynamische Wirklichkeit in statische Teilchen. Wenn der Autor Laotse, Buddha oder die Stoiker zitiert, dann sind das dynamische Weltbilder, die den natürlichen Wandel im Auge haben. Nicht festhalten, sondern loslassen. Nicht die Objekte, sondern der Weg ist wichtig. Tun und Loslassen gehören zusammen. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Yin und Yang. Das innere Gleichgewicht ist kein Ruhezustand, sondern ein dynamisches Ausbalancieren. Dynamik heißt auch: Es gibt nichts Vollkommenes. Perfektionismus ist statisch, damit starr und unnatürlich.

Auch wenn uns manchmal Grenzen gesetzt sind, über die wir nicht hinauskommen, so gilt doch dieser Satz, der fast das Motto des Buches sein könnte: „Menschen überschätzen, was an einem Tag möglich ist, und unterschätzen, was sie in einem Jahr bewegen können.“ Auch das führt weg von einem statischen Weltbild, das aus dieser Sicht beinahe schon pathologisch ist, auch wenn es der Mehrheit entspricht.

 

Thomas Hohensee
Stärker als das größte Leid
In drei Schritten unerschütterlich durchs Leben
Nymphenburger Verlag, 2018
ISBN: 987-3-485-02952-0

EUR 16,50x

Gedanken zu den „Wortkörpern“ von Johann Berger

32202744_2403905552960308_6426007451253866496_nAm 24. Mai 2018 wurde im traditionsreichen Palais Strozzi in Wien, organisiert vom „Complexity Science Hub Vienna“, einem Institut, das sich der Komplexitäts-forschung widmet, die Ausstellung „Wortkörper“ von Johann Berger eröffnet – ebenso gelungen wie spannungsgeladen. Innovative Wissenschaft in einem traditionsreichen Gebäude präsentiert ebenso innovative Kunst, die auf antike Begriffe rekurriert.

DSCN4650_webBerger unternimmt etwas, das es bislang nicht gegeben hat. Er nimmt Begriffe aus dem Griechischen und Hebräischen, nimmt den Buchstaben das Nacheinander, setzt sie hintereinander und entwickelt daraus eine buchstäblich begreifbare Form. Im Innenhof des Gartenpalais steht außerdem noch etwas erstmals Realisiertes, ein Objekt, das als 3D-Druck aus Beton entstanden ist, aus der Entwicklungsabteilung des Bauunternehmens Baummit.

Kunst wird dann bedeutsam, wenn sie beim Betrachter das Innere anrührt und/oder zum Denken anregt. Dazu fordert die doppelte Spannung zwischen Tradition und Innovation geradezu heraus.  Man kann sagen, dass bereits Aristoteles die komplexe Natur zu erschließen versuchte. Der kulturelle rote Faden reicht bis zur Naturwissenschaft, die aber lange Zeit eine Theorie einfachster Systeme war. Erst in heutiger Zeit versucht man, der Komplexität der Natur gerecht zu werden.

Johann Berger nimmt antike Begriffe in griechischer und hebräischer Schrift, und setzt die Worte dreidimensional in den Raum, so dass sie buchstäblich begreifbar werden. Damit passiert etwas, das es bisher noch nicht gegeben hat, das aber auch der heutigen Verwendung von Worten einen Spiegel vorhält. Wir wollen „begreifen“, wir definieren, d.h. wir grenzen den Begriff ein. Dass dadurch nicht nur etwas klarer wird, sondern auch etwas verloren geht, kommt uns nicht mehr in den Sinn.

 

In der Antike waren die Sprachen bildhafter und weniger begrifflich als heute. Auch eine klare Bedeutung war mehrdeutig. So war das hebräische Wort für „Vater“ auch das Wort für „Ursprung“. Letzteres geht verloren, wenn Fundamentalisten es nur mehr anthropomorph als „Vater“ verwenden. Zudem erleben Worte einen Bedeutungswandel. Sprache ist lebendig und wandelt sich ständig. Wer heute an einen „persönlichen“ Gott glaubt, der glaubt so ziemlich das Gegenteil dessen, was damals darunter verstanden wurde. Persona war die Maske im griechischen Theater, die „Person“ (im heutigen Sinne) dahinter, der Schauspieler, blieb unsichtbar und verlieh der Maske das Leben, den Charakter. Als der Begriff der Trinität kreiert wurde, dachte man wohl mehr an drei Masken als an drei „Personen“.

Diese Mehrdimensionalität der (mehr bildhaften) Wortbedeutungen ist verloren gegangen. Selbst die hebräischen Buchstaben sind keine Zeichen, sondern Bilder, Symbole, die auch in Zahlen ausgedrückt werden können, wodurch ihre Bedeutung klarer und gleichzeitig vieldeutiger wird. Dies alles schwingt in Bergers „Wortkörpern“ mit, durch die paradoxe Situation, dass gerade durch das „festgestellte“ statische Objekt die ganze Kulturgeschichte mitschwingt. Dadurch wird ein Finger auf den wunden Punkt unserer Kultur gelegt, nämlich dass unsere Begriffe die Dimension der Zeit, ihren dynamischen, mehrdimensionalen und vieldeutigen Charakter verloren haben.

Das ist jedoch nicht nur der Sprache geschuldet, sondern dem vorherrschenden Weltbild, das ein zutiefst statisches ist, dem die Zeit, jegliche Dynamik, jegliche Entwicklung fremd ist. Das europäische Denken zerlegt die Welt in kleinste Teilchen, das Ergebnis sind ganz scharfe Standbilder, mit denen der dynamische Film der Wirklichkeit aber verloren ist. Der zweite Strang der europäischen Kultur, der schon bei Heraklit („Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss“, „panta rhei“ = alles fließt) anklingt, spielt eine zunehmend unbewusste, verdrängte, inferiore Rolle. Nicht zufällig ist die Frage der Zeit für die heutige Leitwissenschaft Physik ein unlösbares Problem. Selbst das Zusammenfügen der Standbilder zu einem großen Ganzen ergibt immer noch keinen Film.

Es ist das Verdienst Johann Bergers, dass er durch seine „festgestellten“, materialisierten Formen auf die lebendige Tradition verweist, auf das Fließen, auch der Übergänge zwischen den Buchstaben. Der Betrachter wird angeregt, nicht nur den Prozess der Entstehung des Objekts, wie auch der ursprünglichen Worte mitzudenken, wodurch Verlorenes wieder lebendig werden kann.

 

Das Buch der Bilder

Cover_Jung_Buch der BilderAm 24. April 1948 wurde das C.G. Jung-Institut Zürich gegründet. 2018 besteht es somit seit 70 Jahren.  Um das zu feiern, braucht es etwas Besonderes: Patientenbilder aus dem Institut, die bisher einem größeren Publikum nicht zugänglich waren, in Buchform. Gleichzeitig sind die Bilder im Museum im Lagerhaus, St. Gallen (noch bis 8. Juli 2018) zu sehen. Das Buch ist also gleichzeitig ein Ausstellungskatalog.

Jolande Jacobi begann Ende der 1950er Jahre, ca. 4500 Bilder von Jungs Patienten zu archivieren, dazu ca. 6000 Bilder ihrer eigenen Patienten. Die Bilder bestechen nicht nur durch ihre archetypische Aussagekraft, sondern auch durch ihre künstlerische Gestaltung.

C. G. Jung hatte selbst seine Träume, Imaginationen und Visionen gemalt, z.B. in seinem berühmten Roten Buch, eine intensive Auseinandersetzung mit dem kollektiven Unbewussten. Er entwickelte dazu die Aktive Imagination und hielt auch seine Patienten an, damit zu experimentieren und die Bilder zu malen. Dies ist einerseits ein besonderer Zugang zu sich selbst, andererseits bezeichnete Jung Menschen ohne Zugang zum eigenen Mythos als „Entwurzelte“. Dieser Zugang beruht darauf, so Jung, „dass man das Bewusstsein veranlasst, mit dem Unbewussten zusammenzuarbeiten, wodurch dieses dem Bewusstsein integriert wird.“ Dahinter steht die Ansicht, dass die Innenwelt real ist, und in diesen Bildern sichtbar wird.

Eine zentrale Rolle spielt die Symbolik der seelischen Ganzheit im Mandala, der ein Kapitel von Verena Kast gewidmet ist. Immer wiederkehrende Symbole sind Sonne, Licht, Wasser, Schlange, Lebensbaum, das Weltenei und natürlich der Mensch. Da es sich bei den Bildern meist um Serien handelt, ist eine Entwicklung abzulesen. Da es auch um Kollektives geht, sind sie zu deuten, auch wenn der persönliche Hintergrund meist nicht bekannt ist. Es geht um Wandlung, um Leben und Tod, um den Bezug des Endlichen zum Unendlichen, um die Erfahrung des Verbundenseins mit sich selbst, mit den anderen und mit etwas größerem Umfassenderen.

Jung leitet seine Patienten an, das zuerst passiv Geschaute auch aktiv zu gestalten, und zwar, „um Wirkung zu erzeugen“. Schon die Aktive Imagination ist ein aktives Zulassen. Das so Entstandene zu malen, bringt nicht nur eine weitere Konkretisierung, sondern ist selbst ein dynamischer Vorgang. Die Bilder sind wie Standbilder eines Films, der in der Serie sichtbar wird. Wichtiger noch ist, dass sich im Prozess des Malens das geschaute Bild weiter verändert.

Dies erinnert mich an ein zentrales Thema der Quantenphysik, die fast parallel zur Tiefenpsychologie entwickelt, aber kaum je im Zusammenhang gesehen wurde. Jede Messung verändert das Gemessene. Auch Wahrnehmung ist Messung. Im Hinschauen verändere ich, und verändert sich (aus dem Unbewussten) das Geschaute.

Daher ist eine Analyse nie zu Ende, wie der Kunsthistoriker Philip Ursprung am Ende seines Beitrags feststellt. Er legt außerdem dar, dass die Aktive Imagination nur dann funktioniert, wenn die Transformation eines inneren Bildes zugelassen wird, bevor sie in Worte gefasst wird. Wie auch beim Deutungsprozess darf die Bedeutung nicht vorschnell fixiert werden.

Wieder erstaunt die Parallele zur Quantenphysik. Durch die Messung werden die Eigenschaften eines Quantenphänomens „nicht festgestellt, sondern hergestellt“ (Herbert Pietschmann). Vor der Messung hat das Phänomen keine Eigenschaften, auch nicht das der Existenz. Es ist sozusagen überall und nirgends, als Überlagerung (Superposition) aller Möglichkeiten. Erst durch die Messung „kollabiert“ eine Möglichkeit in die Realität. In der Aktiven Imagination wie in der Deutung wird den Möglichkeiten (der Mehrdeutigkeit von archetypischen Symbolen) Raum gegeben, bis sich eine herauskristallisiert und verbalisiert, festgestellt werden kann. Physikalisch befinden wir uns vor der Messung in der Dimension der raum- und zeitlosen Wirklichkeit. Die psychologische Parallele dazu ist das kollektive Unbewusste, selbst nie zugänglich, aber in den archetypischen Bildern jeweils konkretisiert, ohne das Ganze (in der physikalischen Parallele die Superposition aller Möglichkeiten) je ausschöpfen zu können.

In der Aktiven Imagination und im Malen geht es darum, Wirkung (aus dem Unbewussten) zuzulassen. Der Patient malt sich immer selbst, lässt sich gestalten und gestaltet sich selbst. Die „abgeschlossene“ Therapie entlässt den Patienten als nun Erwachsenen, der nun ein Werkzeug hat, mit dem er an sich weiterarbeiten kann. Die Jung’sche Analytische Psychologie ist damit nicht nur für psychisch Kranke, sondern auch für „Gesunde“ zuständig.

Das vorliegende Buch gibt damit nicht nur einen Überblick über die Arbeit C.G. Jungs und seiner Schule (die er nie gründen wollte), sondern regt auch an, sich mit sich selbst und eigenen Assoziationen, Bildern und Gedanken zu beschäftigen.

 

Ruth Amman, Verena Kast, Ingrid Riedel (Hg.)

Das Buch der Bilder

Schätze aus dem Archiv des C.G. Jung-Instituts Zürich

Patmos Verlag 2018, 250 Seiten, Hardcover, ca. 250 Abb.

ISBN: 978-3-8436-1017-9

EUR 30,00  – Subskriptionspreis bis 12.6.2018, danach ca. EUR 36,00