Manfred Kochs Welt-Bilder

Koch_printempsDie Kunst Manfred Kochs besteht vor allem darin, Bewegung in einem statischen Medium einzufangen. Dazu braucht es Technik, Geduld und ein offenes Welt- und Menschenbild.

Unser gewohntes Weltbild ist ein durch und durch statisches. Wir sehen Objekte und Dinge, die auch wenn sie sich bewegen, ohne Veränderung in sich sind. Heraklits „panta rhei“ war dagegen offensichtlich machtlos. Wir sehen das Fließen der Dinge nicht. Wir sehen ein Gebäude als „Objekt“, vernachlässigen seine Geschichte, die vom Bau bis zum Verfall reicht. Die Bewegung ist zu langsam, als dass sie uns auffallen würde. Und doch ist sogar ein Berg in fließender Bewegung, wurde einmal vor langer Zeit aufgefaltet und schrumpft dann Millimeter für Millimeter.

Wir denken sozusagen in Standbildern (Dingen, Objekten) und übersehen den Film (die Geschichte), der die Wirklichkeit ausmacht. Unsere Bilder der Wirklichkeit haben noch nicht laufen gelernt. Dazu kommt, dass wir uns an ein (pseudo)naturwissenschaftliches Weltbild klammern, und (die klassische) Naturwissenschaft darin besteht, die Welt in kleinste Teilchen (Standbilder) zu zerlegen. Erst nach 1900 kam diese Teilchenwelt ins Wanken, zumindest in der Physik. Teilchenbild und Wellenbild gehören komplementär zusammen. Im Gegensatz zur klassischen hat aber die moderne Physik kaum einen Einfluss auf unser Weltbild.

In der Welt Manfred Kochs gibt es Foto und Film, festgehalten mit einem „Objektiv“, das Objekte darstellt oder „bewegte Bilder“. Im Film laufen die Bilder so schnell vor unserem Auge ab, dass sie wie Bewegung erscheinen. In dieser „Bewegung“ verstecken sich die Standbilder. Das Faszinierende an Kochs Fotos ist, dass er im statischen Bild Bewegung sichtbar macht, dass er Ruhe und Bewegung nebeneinander in komplementäre Spannung stellt. Seine Fotos fangen nicht Objekte ein, sondern Momente einer Bewegung, einer Geschichte. Das Festgehaltene ist nicht Objekt, sondern Verdichtung von Zeitlichem. Sinnliches wird damit auch zum Sinnhaften, über sich Hinausweisenden, Fotografie zur Philosophie.

Dazu kommt man nicht, indem man ein Motiv erfasst und auf den Auslöser drückt. Zur Inszenierung gehört ganz wesentlich das Warten, das Warten auf den richtigen Augenblick (Chairos), in dem Vergangenes und Zukünftiges mit eingefangen werden. Ein konkreter Ort und ein konkreter Zeitpunkt, die über sich hinausweisen. Es wird ein ganz bestimmter Augenblick eingefangen, in dem aber die Bewegung erhalten bleibt und im Kontrast zum statischen Teil des Fotos steht. Oft sind es mehrere Räume, die ineinander übergehen, und Bewegungen, die den ruhenden Teil der Komposition aus der Reserve zu locken scheinen.

Wie in jedem Kunstwerk ist das Bild der „Endpunkt“ eines Prozesses der Gestaltung. Dieser ist dann für den Betrachter der „Ausgangspunkt“ eines Prozesses, der vom Raum, den das Bild eröffnet, in den Innenraum, die Innenwelt des Betrachters führt. Das Bild ist die Mitte oder der Schnittpunkt zwischen der inneren Einstellung des Künstlers und der Innenwelt des Betrachters.  Die Fotos weisen dadurch ins Symbolhafte, sind mehrschichtig und mehrdeutig. Oft erzählen Details, die man beim ersten Blick gar nicht sieht, eine eigene Geschichte, die aber dem ganzen Bild eine neue Wende gibt.

Anders und doch nicht anders in der Serie „Übergangenes“, die Abbildungen von verwitterten Pariser Zebrastreifen. Hier erzählt gerade das statische Muster eine bewegte Geschichte.

Manfred Koch geht es nicht (nur) darum, etwas Äußeres festzuhalten, sondern aus sich heraus etwas zu gestalten. Gute Kunst ist immer auch ein Offenlegen des eigenen Inneren. Im Bild oder Foto trifft dieses Offengelegte dann auf die Innenwelt des Betrachters, wo etwas angerührt wird, das nicht vorhersehbar ist. Das Foto stellt eine Beziehung zwischen Künstler und Betrachter her, zwischen zwei Innenwelten, die einander durch das Foto in seiner Vieldeutigkeit begegnen.

Eine andere Spannung ist, dass jedem Foto eine genaue Vorstellung der Komposition zugrunde liegt. Und doch soll ein Ereignis festgehalten werden, das nicht vorhersehbar ist. Es ist ein Warten auf eine Begegnung, in der Geplantes und Zufälliges, nicht Berechenbares verschmelzen. Scheinbar Alltägliches bekommt durch den herausgehobenen Augenblick eine tiefere Bedeutung.

Manfred Kochs Fotos laden dazu ein, die „Dinge“ anders sehen zu lernen, das gewohnte Wahrnehmen und damit das gewohnte Denken zu übersteigen. Das europäische Denken ist ein Denken in einander ausschließenden Gegensätzen. In Kochs Fotos stehen die Gegensätze nebeneinander, schließen einander nicht aus, sondern kommunizieren miteinander, verweisen aufeinander und auf die Einheit des „panta rhei“. Auf die Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit der Welt, die der modernen Sucht nach Eindeutigkeit, die es in der Natur gar nicht gibt, widersteht. Koch arbeitet mit seiner Kamera an einem neuen Welt-Bild.

Koch_LouvreEngelKoch_VenedigKoch_ZugKoch_Übergangenes2

In besten Händen – Menschen in Pflegeberufen erzählen

Ein Buch, in dem 42 Menschen aus Pflegeberufen persönliche Erfahrungen mit Patienten erzählen: schöne, lustige, freudvolle, bewegende, leidvolle, traurige, tragische, entsetzliche – aber immer menschliche Begegnungen.

Entstanden ist Cover_Pflegeberufedas Buch aus einem Schreibwettbewerb heraus. Heilung hat nicht nur mit Medizinischem zu tun, sondern sehr viel mit Begegnung, Einfühlungsvermögen, Empathie und Lebenserfahrung. So ist „jeder Tag in der Pflege ein Kampf. Gegen mich selber, gegen diese unprofessionellen Empfindungen und gegen das System“. Vieles entspricht absolut nicht der Theorie: „Ich versuche, die nächsten Schritte zu planen. Geht nicht. Die Gedanken sind nicht einmal zu Ende gedacht – und schon aufgeführt.“

Und manches entspricht nicht den Erwartungen: „Sie ist nur eine von vielen. Wir müssen damit umgehen lernen, dass sie nicht geliebt werden wollen, aber respektiert. Und sie lehrt uns durch ihre letzte Rebellion, wie wenig wir doch von uns selber auf die Menschen schließen dürfen, mit denen wir die Heime füllen.“ Das Gefühl zu vermitteln, angenommen zu werden, vielleicht sogar geliebt zu werden in tiefer Verletzlichkeit, Schwäche und Krankheit.

Es ist immer auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst, Gedanken „über unsere Unfähigkeit, rechtzeitig Grenzen zu setzen, und über die irrige Meinung, nur dann wirklich ‚gut‘ zu sein, wenn wir es auch sicher allen jederzeit – dabei unser eigenes Befinden ignorierend – recht machen“.

Manches regt zum Schmunzeln an, etwa wenn ein älterer Herr völlig unbeweglich in seinem Bett liegt und nicht einmal zum Essen aufgesetzt werden kann. Der aber, als ein junger, mit Drogen vollgedröhnter Mann sich in der Nacht eine Zigarette anzünden will und dabei den Polster in Brand steckt, die Feuerwehr schon verständigt ist, wie ein aufgescheuchtes Reh behände aufspringt und auf den Gang hetzt. Am nächsten Tag steht der der Unbewegliche frisch rasiert mit Anzug und Krawatte vor der Tür des Schwesterzimmers, um sich freundlich zu verabschieden.

Oder wenn einer Frau nach Schlaganfall nichts mehr an Fähigkeiten geblieben ist als ein strahlendes Lächeln, mit dem sie alle beschenkt. Wir erleben Menschen, die ganz unglaubliche Fortschritte machen und sich ins Leben zurückkämpfen, und andere, die nur mehr in den Tod hinein begleitet werden können. Manchmal kann mit vereinten Kräften noch ein letzter Wunsch erfüllt werden.

Es wird klar, wie wichtig es ist, dass Patienten im Rahmen eines vertraulichen Gesprächs über ihre Sorgen und Nöte, ihre Wünsche und Bedürfnisse sprechen dürfen.
Dann wieder die wunderbare Wandlung eines unausstehlichen Patienten, der nur herumschreit und kommandiert – bis die Pflegerin über seine Bücher mit ihm ins Gespräch kommt und er wie verwandelt ist. Vom Unleidlichen zum Freundlichen wird.
Eine demente Frau, die gebadet werden soll, erstarrt in Angst, weil sie die Hektik spürt, die in einem Spital kaum zu verbergen ist. „Das war der Augenblick, in dem ich mich vor mir selber schämte. Nun gab ich mir allergrößte Mühe, Frau X ein Wohlfühlbad zu bieten. Danach sagt die Frau: „Das ist seit langem mein schönster Tag!“ Auch wenn es schwierig bis unmöglich ist, demente Menschen brauchen nicht noch mehr Unruhe, sondern Menschlichkeit und Empathie.

Oder eine alte Dame, die, während alle anderen Besuch hatten, allein in ihrem Bett lag. Da setzt sich ein Pflegehelfer zu ihr, hört ihr zwei Stunden lang zu, stellt nur ein paar kurze Fragen. Sie schreibt ihm auch nach ihrer Entlassung regelmäßig, wobei sie diese zwei Stunden als „die schönsten Weihnachten meines Lebens“ bezeichnet.

Christine Dobretsberger (Hg.)
In besten Händen
Menschen in Pflegeberufen erzählen
Molden Verlag / Verlagsgruppe Styria 2015, Hardcover mit SU
ISBN 978-3-85485-338-1
EUR 22,99

Obertöne

warten innehalten
getragen ertragen
an manchen Tagen
niedergeschlagen
am Boden bodenlos
bewusstlos loslassen
leer
vorbei einerlei
doch nicht noch nicht nicht doch
was bleibt bleibt was
fließend ergießend
bebend erhebend
gebend wieder belebend
tief im Kern heimatlich fern
nächst liegend allzu weit
Ewigkeit
Bitterkeit
fern blick nahe geht
Nähe bleibt
Gegenwart Zukunft los
Öffnung ohne Hoffnung
verhalten gehalten
verhangen verlangen
entgangen vergangen
gegen Vernunft unter kunft
vor allem über allem
gefunden erkunden
erkoren verloren
einzig einig allein
kein unmöglich möglichst
tief vertraut
verstanden eingestanden
innerlich inniglich
stark ins Mark
erschüttert verschüttet
bitter süß
gedacht erwacht
Träume öffnen Räume
Wärme überbrückt Ferne
Regung ohne Begegnung
gefühlt verkühlt
umarmt verarmt
ungenormt in Ton geformt
Melodie wie noch nie
ohne Begleitung
stimmig doch einstimmig
versinkt verklingt und endet
– nie!