Gedanken zu den „Wortkörpern“ von Johann Berger

32202744_2403905552960308_6426007451253866496_nAm 24. Mai 2018 wurde im traditionsreichen Palais Strozzi in Wien, organisiert vom „Complexity Science Hub Vienna“, einem Institut, das sich der Komplexitäts-forschung widmet, die Ausstellung „Wortkörper“ von Johann Berger eröffnet – ebenso gelungen wie spannungsgeladen. Innovative Wissenschaft in einem traditionsreichen Gebäude präsentiert ebenso innovative Kunst, die auf antike Begriffe rekurriert.

DSCN4650_webBerger unternimmt etwas, das es bislang nicht gegeben hat. Er nimmt Begriffe aus dem Griechischen und Hebräischen, nimmt den Buchstaben das Nacheinander, setzt sie hintereinander und entwickelt daraus eine buchstäblich begreifbare Form. Im Innenhof des Gartenpalais steht außerdem noch etwas erstmals Realisiertes, ein Objekt, das als 3D-Druck aus Beton entstanden ist, aus der Entwicklungsabteilung des Bauunternehmens Baummit.

Kunst wird dann bedeutsam, wenn sie beim Betrachter das Innere anrührt und/oder zum Denken anregt. Dazu fordert die doppelte Spannung zwischen Tradition und Innovation geradezu heraus.  Man kann sagen, dass bereits Aristoteles die komplexe Natur zu erschließen versuchte. Der kulturelle rote Faden reicht bis zur Naturwissenschaft, die aber lange Zeit eine Theorie einfachster Systeme war. Erst in heutiger Zeit versucht man, der Komplexität der Natur gerecht zu werden.

Johann Berger nimmt antike Begriffe in griechischer und hebräischer Schrift, und setzt die Worte dreidimensional in den Raum, so dass sie buchstäblich begreifbar werden. Damit passiert etwas, das es bisher noch nicht gegeben hat, das aber auch der heutigen Verwendung von Worten einen Spiegel vorhält. Wir wollen „begreifen“, wir definieren, d.h. wir grenzen den Begriff ein. Dass dadurch nicht nur etwas klarer wird, sondern auch etwas verloren geht, kommt uns nicht mehr in den Sinn.

 

In der Antike waren die Sprachen bildhafter und weniger begrifflich als heute. Auch eine klare Bedeutung war mehrdeutig. So war das hebräische Wort für „Vater“ auch das Wort für „Ursprung“. Letzteres geht verloren, wenn Fundamentalisten es nur mehr anthropomorph als „Vater“ verwenden. Zudem erleben Worte einen Bedeutungswandel. Sprache ist lebendig und wandelt sich ständig. Wer heute an einen „persönlichen“ Gott glaubt, der glaubt so ziemlich das Gegenteil dessen, was damals darunter verstanden wurde. Persona war die Maske im griechischen Theater, die „Person“ (im heutigen Sinne) dahinter, der Schauspieler, blieb unsichtbar und verlieh der Maske das Leben, den Charakter. Als der Begriff der Trinität kreiert wurde, dachte man wohl mehr an drei Masken als an drei „Personen“.

Diese Mehrdimensionalität der (mehr bildhaften) Wortbedeutungen ist verloren gegangen. Selbst die hebräischen Buchstaben sind keine Zeichen, sondern Bilder, Symbole, die auch in Zahlen ausgedrückt werden können, wodurch ihre Bedeutung klarer und gleichzeitig vieldeutiger wird. Dies alles schwingt in Bergers „Wortkörpern“ mit, durch die paradoxe Situation, dass gerade durch das „festgestellte“ statische Objekt die ganze Kulturgeschichte mitschwingt. Dadurch wird ein Finger auf den wunden Punkt unserer Kultur gelegt, nämlich dass unsere Begriffe die Dimension der Zeit, ihren dynamischen, mehrdimensionalen und vieldeutigen Charakter verloren haben.

Das ist jedoch nicht nur der Sprache geschuldet, sondern dem vorherrschenden Weltbild, das ein zutiefst statisches ist, dem die Zeit, jegliche Dynamik, jegliche Entwicklung fremd ist. Das europäische Denken zerlegt die Welt in kleinste Teilchen, das Ergebnis sind ganz scharfe Standbilder, mit denen der dynamische Film der Wirklichkeit aber verloren ist. Der zweite Strang der europäischen Kultur, der schon bei Heraklit („Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss“, „panta rhei“ = alles fließt) anklingt, spielt eine zunehmend unbewusste, verdrängte, inferiore Rolle. Nicht zufällig ist die Frage der Zeit für die heutige Leitwissenschaft Physik ein unlösbares Problem. Selbst das Zusammenfügen der Standbilder zu einem großen Ganzen ergibt immer noch keinen Film.

Es ist das Verdienst Johann Bergers, dass er durch seine „festgestellten“, materialisierten Formen auf die lebendige Tradition verweist, auf das Fließen, auch der Übergänge zwischen den Buchstaben. Der Betrachter wird angeregt, nicht nur den Prozess der Entstehung des Objekts, wie auch der ursprünglichen Worte mitzudenken, wodurch Verlorenes wieder lebendig werden kann.

 

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Wenn Atheisten und Religiöse zum Psychologen gehen…

religionDie Krux unserer Zeit ist nicht der Säkularismus, sondern das Verleugnen oder Verdrängen der Psyche, ein psychologischer Analphabetismus, der zur religiösen Unmusikalität führen muss.

Es ist immer wieder hochinteressant, wenn z.B. auf Facebook gläubige Christen mit gläubigen Atheisten diskutieren. Meist sind dann die Fundamentalisten unter sich, das Niveau ist zwar ähnlich, kommt aber an das Thema, das man diskutieren will, gar nicht heran. „Natürlich gibt es Gott, er hat ja die Welt geschaffen.“ „Das ist ein Märchen aus alten Zeiten, man kann Gott nicht beweisen, also gibt es ihn auch nicht.“ Damit wäre das Thema auch schon vollständig umrissen, das da Stoff für endlose Streitgespräche liefert. Eigentlich könnte man es damit auch vergessen, denn das Niveau ist meist unter jeder Kritik, und mit Religion hat das ohnehin nichts zu tun.

  1. Religion lässt sich nicht auf die Frage reduzieren, ob es Gott gibt oder nicht, noch weniger darauf, ob man ihn beweisen kann oder nicht. „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht!“, sagte schon Dietrich Bonhoeffer. Er wäre ja sonst ein Ding unter anderen, und damit wäre er wirklich zu beweisen. Und könnte man ihn beweisen, dann gäbe es ihn nicht! Da es nun nicht mal die Welt (als Ganzes) „gibt“ (Markus Gabriel), „gibt“ es auch Gott in dem Sinne nicht. Und Gott sei Dank kann man ihn nicht beweisen, denn dann wäre das ganze Reden von Gott unsinnig.

In religiöser Sprache heißt das „Du sollst dir kein Bild machen!“ Das heißt, jede Vorstellung von Gott ist irgendwie schon falsch. In atheistischer Sprache heißt das: Das Ganze kommt in der Welt nicht vor, es wäre aber unsinnig, es zu leugnen. Ob man es nun das Ganze, das Absolute oder Gott nennt, ist da nebensächlich.

Und das „Man kann ihn nicht beweisen, also gibt es ihn nicht“ ist so ein Stammtischsatz im pseudowissenschaftlichen Gewand. Beweisen kann man nur Sätze der Mathematik, sonst ist nichts in der Welt beweisbar, nicht mal die Naturgesetze. Die sind verlässlich, aber nicht beweisbar (Herbert Pietschmann). Wenn also Atheisten sich naturwissenschaftlich geben wollen, dann dürften sie das Wort „Beweis“ in dem Zusammenhang gar nicht in den Mund nehmen.

  1. Wer nur Naturwissenschaft als „Realität“ anerkennt, verdrängt die Wirklichkeit. „Real“ ist die dingliche, objektive Welt. Wirklich ist alles das, was wirkt. Wer sich hier ausschließlich an die Physik klammert, hat nicht begriffen, dass eben die Quantenphysik gezeigt hat, dass es eine bloß „objektive Realität“ gar nicht gibt. Die (physikalische) Welt ist immer so, wie wir hinschauen.

Natürlich wird den Religiösen immer die Aufklärung um die Ohren gehauen. Das ist aber eher ein Schuss, der nach hinten losgeht. Erstens ist das ein völlig naives Argument, denn es gibt nichts in der Welt, das nur positiv oder nur negativ wäre.  So hat auch die Aufklärung zum Segen der Menschheit mit vielem Unsinn aufgeräumt, aber andererseits das Weltbild auf Schrebergartenniveau reduziert. Es zählt nur mehr das Objektive, Gegenständliche, Reale! Und was ist mit all dem anderen? Ludwig Wittgenstein brachte es auf den Punkt: „Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ (Tractatus 6.52)

Wer sich nur an die Naturwissenschaft hält, die sich mit Materie in Raum und Zeit befasst (ohne sagen zu können, was Materie ist; und sie tut das auch nicht), hat damit alles Menschliche ausgeschlossen! Die Frage „Was ist der Mensch?“ versucht nämlich das gesamte Fächerspektrum – von der Physik über die Biologie und Psychologie, bis zur Philosophie und Theologie – gemeinsam zu beantworten. Am allerwenigsten aber die Naturwissenschaft, und die am allerwenigsten, wenn man die Quantenphysik außen vor lässt.

  1. Wir sind nicht vom mythologischen ins Zeitalter der Aufklärung gekommen (die steht uns eigentlich noch bevor!), sondern vom Zeitalter der Mythologie ins Zeitalter der Verdrängung. Unser Weltbild ist ungefähr um 1900 steckengeblieben. Dann kamen zwei Großereignisse, nämlich die Quantenmechanik und die Tiefenpsychologie. Aber erstere ist so unverständlich, dass sie nie in eine allgemeines Weltbild eingegangen wäre, und zu letzterer sagte Erwin Ringel: „Wir leben so, als ob das Unbewusste nie entdeckt worden wäre.“ Über weite Strecken ist das heute noch so.

Wir leben daher nicht nur in einem säkularen Zeitalter, das die Religion verdrängt hat, sondern auch in einem pseudo-naturwissenschaftlichen Zeitalter, das die Psychologie verdrängt. Das Peinliche daran: Die Psyche ist ja nicht etwas, das wir haben, sondern das wir SIND. Wir verdrängen damit unser Menschsein (siehe Wittgenstein). Wir glauben damit an „Tatsachen“, nicht daran, dass alle Tatsachen interpretiert werden (müssen). Selbst die Quantentheorie ist zwar die meist „bewiesene“ Theorie der Physik, sie muss aber interpretiert werden, und über die Deutung der Quantentheorie sind sich die Physiker auch nach 100 Jahren noch nicht einig. Außerdem: „Auch die Wissenschaft spricht nur in Gleichnissen“ (Hans-Peter Dürr). Wer auf Fakten insistiert, verdrängt, dass es bloße Fakten nicht gibt.

  1. Die Inkompatibilität der (fundamentalistischen) Atheisten und Religiösen liegt daran, dass das „Bindeglied“ fehlt oder von beiden Seiten verdrängt wird, nämlich die Psychologie. Beide lesen die Bibel, als wären das „Fakten“ (die es, wohl gemerkt, nicht mal in der Physik gibt). Mit anderen Worten: Beide Seiten lesen die Bibel wörtlich. Dazu sagt die Bibel selbst: „Der Buchstabe tötet, nur der Geist macht lebendig!“ Es geht nicht um Begriffe (die Begriffssprache ist eine neuzeitliche Erfindung), damals gab es nur eine Bilder- bzw. Symbolsprache. Während Begriffe ganz klar die (dingliche) Oberfläche von Phänomenen ausdrücken, sprechen Symbole diffus von der Ganzheit eines Phänomens auf allen Ebenen. Diese Symbole können daher historisch, psychologisch, philosophisch oder theologisch ausgelegt werden, und sie werden auf allen Ebenen stimmig sein. Und die Frage „Wie war es wirklich?“ ist eine neuzeitliche Frage, die sich vorher nie gestellt hat. Diese Frage ist eine Präzisierung, aber auch Einengung.

Wer wirklich religiös ist, liest die Bibel als seine eigene Geschichte. Er ist der Lahme, der nicht weiterkommt, der Blinde, der nicht sehen kann, der Taube, der nicht hört, er lässt sich heilen und ist in allen Episoden selbst involviert. Die Bibel ist ihm Geschichte des Menschseins mit allen Gräueln, die es auch auszeichnen. Das ist nicht „brutal“, sondern realistisch. Und es gibt in der Bibel eine menschliche Evolution, lange bevor Darwin diesen Begriff geprägt hat. Vom Ausrotten des ganzen Stammes, wenn einer daraus einen Mord beging, über das „maßvollere“ Aug um Auge bis zum „Liebe deinen Nächsten und sogar deine Feinde“. Religion wäre ohne Evolution und Entwicklung völliger Unsinn.

  1. Abgesehen davon, wie religiöse Texte zu lesen sind, nämlich in der Bilder- und Symbolsprache, in der sie damals geschrieben wurden, gibt es noch etwas anderes, das zu differenzieren wäre: Es geht gar nicht vordergründig um die Frage, ob es Gott gibt oder nicht gibt, sondern darum, dass wir sozusagen Psyche SIND und das Göttliche unbestreitbar psychische Wirklichkeit ist. In diesem Sinne kann man gar nicht leugnen, dass es Gott (als psychische Wirklichkeit) gibt.

„Der Gottesbegriff ist nämlich eine schlechthin notwendige psychologische Funktion irrationaler Natur, die mit der Frage nach der Existenz Gottes überhaupt nichts zu tun hat. Denn diese letztere Frage kann der menschliche Intellekt niemals beantworten; noch weniger kann es irgendeinen Gottesbeweis geben. Überdies ist ein solcher auch überflüssig; denn die Idee eines übermächtigen, göttlichen Wesens ist überall vorhanden, wenn nicht bewusst, so doch unbewusst, denn sie ist ein Archetypus. Irgendetwas in unserer Seele ist von superiorer Gewalt … Ich halte es darum für weiser, die Idee Gottes bewusst anzuerkennen; denn sonst wird einfach irgendetwas anderes zum Gott, in der Regel etwas sehr Unzulängliches und Dummes, was ein ‚aufgeklärtes‘ Bewusstsein so etwa aushecken mag.“ (C.G. Jung, „Über die Psychologie des Unbewussten“)

Damit ist auch klar, was der Schatten der Aufklärung oder eines pseudo-naturwissenschaftlichen Weltbildes ist: Der Mensch ist nicht nur bewusste Rationalität, sondern auch und viel mehr irrationales Unbewusstes. Wer nur auf dem Rationalen insistiert, verdrängt das Irrationale, das ins Unbewusste sinkt, und dort wirkt, bis es an irgendeiner Stelle wieder aufbricht.

  1. Damit sind wir bei der Ambivalenz, der Zwiespältigkeit oder Gebrochenheit des menschlichen Seins. Leben heißt immer Gegensatz. (Politische) Utopien sind einseitige „Vergöttlichungen“ von Idealen, inklusive Verdrängen des (dämonischen) Gegenpols. Der lässt sich verdrängen, aber nicht auf lange Sicht. Einseitige Weltbilder haben sich daher immer als gefährlich erwiesen.

„So schön und vollkommen der Mensch seine Vernunft finden darf, so gewiss darf er auch sein, dass sie immerhin nur eine der möglichen geistigen Funktionen ist und sich nur mit einer ihr entsprechenden Seite der Weltphänomene deckt. Auf allen Seiten aber liegt drum herum das Irrationale, das mit Vernunft nicht Übereinstimmende. Und dieses Irrationale ist ebenfalls eine psychologische Funktion, eben das kollektive Unbewusste, während die Vernunft wesentlich an das Bewusstsein gebunden ist.“ (C.G. Jung, ebda.)

Keine Aufklärung kann verhindern – nur verdrängen – dass das Irrationale auch im Menschen ist. Und da es über den individuellen Menschen hinausgeht, ist es schon deshalb nicht in den Griff zu bekommen. Dabei darf man auch die regulierende Funktion der Gegensätze nicht vergessen, die schon Heraklit erwähnt hat, der sagte, dass alles einmal in sein Gegenteil hineinlaufe. „So läuft die rationale Kultureinstellung notwendigerweise in ihr Gegenteil, nämlich in die irrationale Kulturverwüstung.“ Jung hat diesen Satz während des Ersten Weltkriegs geschrieben. 1925 ergänzte er in einer Fußnote: „Ich habe ihn in seiner ursprünglichen Form stehen lassen; denn er enthält eine Wahrheit, die sich noch mehr als einmal im Verlauf der Geschichte bestätigen wird.“ 1942 fügte er noch hinzu: „Wie die gegenwärtigen Ereignisse zeigen, hat die Bestätigung nicht allzu lange auf sich warten lassen. Wer will eigentlich diese blinde Zerstörung? …. Aber alle helfen dem Dämon mit letzter Hingabe. O sancta simplicitas!“

Es kann gefährlich sein, sich nur mit der Vernunft zu identifizieren, der Mensch ist nicht bloß vernünftig und wird es niemals sein, betont Jung. „Das Irrationale soll und kann nicht ausgerottet werden. Die Götter können und dürfen nicht sterben.“ Eher können und müssen wir es integrieren und auch noch unterscheiden zwischen individueller und kollektiver Psyche. Was wir heute nur an der Religion (vermittelt durch die Psychologie, ohne die Religion nicht zu verstehen ist) lernen können, ist das Auseinandergerissensein in die Gegensatzpaare, das schon Heraklit angesprochen hat. Wer das Göttliche (in seiner Psyche) verdrängt, läuft Gefahr, dass es als Dämon irgendwo wieder zutage tritt. Genau das passierte in der Aufklärung: Die einseitige Vergöttlichung von Idealvorstellungen rief den Gegensatz auf den Plan, und die Aufklärung klang aus in den Grausamkeiten der Französischen Revolution. Was von den Aufklärungsgläubigen wiederum verdrängt werden muss.

Ebenso ergeht es aber den Religiösen: Wenn sie sich an einen einseitig verklärten „Wahrheitsbesitz“ halten, dann wird der eigene Schatten immer mächtiger. Das äußert sich in Ausgrenzung und Verteufelung: die anderen sind alle Lügner, wurden oft tatsächlich ausgerottet (Albigenser, Inquisition – obwohl das das Weltliche mindestens ebenso am Werk war), in einer „Moral“, die über Leichen geht. Die Islamophobie geht heute wieder genau in diese Richtung.

  1. Fundamentalistische Atheisten verleugnen durch ihre Vergöttlichung der Ratio alles Menschliche, das auf innerer Gegensätzlichkeit, Konflikt und Entzweiung (mit sich selbst) beruht. Ihre Welt ist immer nur die halbe Welt.

Fundamentalistische Religiöse richten ihren „verklärten“ Blick auf Gott, während ihr eigener verdrängter Schatten sie unbarmherzig, kalt und empathielos macht.

Beide verkrallen sich in die Frage, ob es Gott gibt oder nicht gibt, und vergessen dabei, dass Religion in ihrem Wesen vielmehr die Frage nach dem Menschsein ist.

Diese endlosen Diskussionen belegen nur einen religiösen Analphabetismus auf beiden Seiten.

Zeitpunkt und Zeitfluss

Mit dem begrifflichen Denken, dem Beharren auf Fakten und dem wissenschaftlichen Analysieren wird etwas Wesentliches unterschlagen: die Zeit. Dem fragmentierenden Denken geht das Fließen der Zeit verloren.

Wir können in Bildern oder in Begriffen denken, mythisch oder philosophisch, symbolisch oder begrifflich. Im Mythos ist der Mensch Teil der Natur und fühlt sich wie vom Strudel der Zeit mitgerissen. Mit dem Erwachen der Philosophie nimmt er sich als Subjekt aus der Natur heraus, stellt sich dem Strudel entgegen. Es ist wie ein Anhalten der Zeit. Heraklit konnte noch sagen: Panta rhei, alles fließt. Niemand steigt zweimal in denselben Fluss. Das Wasser ist im nächsten Augenblick schon ein anderes, und auch ich bin nicht mehr derselbe. Es ist noch nichts „festgestellt“.

In dem Moment, wo wir damit beginnen, uns selbst als Subjekt aus der Natur herauszunehmen, im Außen zu analysieren, beginnen wir festzustellen. Was wir als Fakten festhalten, ist festgestellt, ist Momentaufnahme. Der Film des Lebens wird angehalten und in Standbilder aufgelöst. Das Fließen der Zeit, der Wandel, das Leben gehen verloren. Was wir exakt feststellen, ist aus dem Kontext herausgelöst und in seiner Nicht-Zeitlichkeit im nächsten Augenblick schon wieder bedeutungslos.

Dazu kommt, dass Begriffe eindeutig sein sollten (zumindest in Annäherung), während Bilder und Symbole immer mehrdeutig waren. Die Wissenschaft kann mit Mehrdeutigkeit nicht umgehen und sie daher auch nicht zulassen. Damit geht das Leben verloren, das immer mehrdeutig und multidimensional ist.

Weiters sind Begriffe allgemein(gültig). In der Natur und im Leben ist aber alles einmalig. Es gibt keine zwei gleichen Menschen, auch Zwillinge sind nicht gleich. Es gibt nicht einmal zwei gleiche Schneeflocken. Es ist nicht so, dass wir den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen, sondern umgekehrt sehen wir den einzelnen Baum nicht, weil wir den Begriff des Waldes gebildet haben. Auch wenn wir vom Allgemeinen zum Besonderen schreiten, und Nadel- und Laubbäume, Fichten und Tannen, Buchen und Ahorn unterscheiden – wir kommen wissenschaftlich nie zum einzelnen Baum. Den können wir sehen, zeigen, malen, fotografieren, aber sobald wir beginnen, ihn detailliert zu beschreiben, ist er als Phänomen nicht mehr im Blick. Und die Zeit, seine ganze Entwicklung, kommt weder im Sehen, noch im Beschreiben vor. Nur das Symbol verdichtet Phänomen, Zeit und Dimensionen.

„Zeit“ in der Wissenschaft bedeutet Berechnen von Zeitpunkten. Die Zeit geht sozusagen im Raum auf und ihr Charakteristikum, das Fließen, geht verloren. Das wird besonders deutlich in der Elementarteilchenphysik: Wenn man ein Teilchen an einem Ort A misst, und dann an einem Ort B, dann ist es unzulässig zu sagen, es hätte sich von A nach B bewegt. Es geht nicht nur die Zeit, sondern auch die Identität verloren. Da es außerdem immer nur um Zeitpunkte geht, kann die Physik den „Zeitpfeil“, das Fließen der Zeit in eine Richtung, gar nicht erklären.

Zeit ist kein naturwissenschaftlicher, sondern ein psychologischer „Begriff“. Zeit kann man nicht beschreiben, sondern nur erleben. Psychologie ist nicht Naturwissenschaft, auch wenn sie das oft vorzugeben versucht hat. Zeit ist eben nicht objektiv. Deshalb zeigt eine Uhr Zeitpunkte, aber nicht Zeit. Deshalb können Afrikaner zu Europäern sagen: Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit. Von zwei Menschen, die „objektiv“ (nach der Uhr) eine Stunde erleben, fühlt der eine das als lange Zeit, der andere als rasend kurz, für einen dritten wird eine Sekunde innerhalb dieser Stunde zur Ewigkeit.

Auch der „Zeitpfeil“, das „Vergehen“ der Zeit, die von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft „fließt“, ist eine wissenschaftliche Konstruktion. Wer eine Psychotherapie durchmacht oder sich selbst analytisch betrachtet, der spürt Vergangenem und Zukünftigem in der Gegenwart nach. Erlebt die Vergangenheit in der Gegenwart, die Forderungen der (vielleicht schon längst verstorbenen) Eltern, und wie die Wunden der Vergangenheit auch noch die Zukunft bestimmen. Der erlebt, wie man Vergangenes wiedererleben und sogar verändern kann. Wie durch das Verändern des Vergangenen die Zukunft eine andere wird.

Es ist nicht verwunderlich, dass mit einem pseudo-naturwissenschaftlichen Weltbild auch das Verdrängen der Psychologie verbunden ist. Psychologie ist als Wissenschaft des Lebendigen eine Gratwanderung zwischen Begriffs- und Symbolsprache. Es gibt selbstverständlich Begriffs- und Theoriebildung, aber Inhalt sind (auch) Bilder, Symbole, Mythen, Träume. Das Beschreiben muss das Grenzenlose im Begrenzten, das Mehrdimensionale und Mehrdeutige im Bild, im Symbol bestehen lassen.
Dazu wäre anzumerken, dass wir vieles aus der Psychologie in ihrer Vor-Geschichte finden: über Augustinus und Ignatius von Loyola bis zurück zu Heraklit. Aber gleichzeitig mit der Etablierung der Psychologie und Psychoanalyse kommt es zu einer signifikanten Seelenvergessenheit. Das allgemeine Weltbild lehnt sich an die Physik an – noch dazu an die Physik des ausgehenden 19. Jahrhunderts, und bleibt dort stecken – was psychologisch einem Rückfall aus der Beziehung des Ich-Du in die des Ich-Es entspricht, wodurch auch das Ich verlorengeht.

Während der Naturwissenschaftler sozusagen am Flussufer steht und die Tropfen zählt, begibt sich der Psychologe ins Wasser und versucht, die Information der Tropfen wahrzunehmen, die diese seit der Quelle aufgenommen und weitertransportiert haben, und die sie weitertreiben Richtung Meer. In dieser Sicht gibt es keinen Standpunkt, nur das Fließen der Zeit. Wer sich diesem Fließen aussetzt, muss seinen Standpunkt aufgeben, und wer auf seinem Standpunkt beharrt, dem bleibt das Leben verborgen.

In gewisser Hinsicht ist das auch ein Zurückgehen hinter die Subjekt-Objekt-Spaltung. Es interessieren nicht so sehr die Elternobjekte, sondern die inneren Eltern, nicht so sehr das objektiv Manifeste, sondern das Verinnerlichte und Verdrängte. Das „Objektive“ dient nur dazu, das Subjekt sichtbar zu machen. Wir müssen wieder werden wie die Kinder, d.h. längst „Vergangenes“ (aber immer auch gegenwärtig Wirkendes) muss wieder aufgenommen, bearbeitet und integriert weitergetragen werden. Erst dadurch ist ein erwachsenes Leben möglich.

Nun ist der Mensch Bürger zweier Welten. Er lebt in der objektiven Realität, gleichzeitig aber auch in diesem Fluss des Lebens, der alles in sich enthält, von der Quelle bis zum Meer. Er muss immer wieder „feststellen“, darf aber nicht verdrängen, dass es hinter diesen Standbildern einen Film gibt. Dass die Standbilder zwar objektiv sind, aber jeder in seinem eigenen Film lebt, der nicht feststehend, sondern immer veränderbar ist. In diesem Film lässt sich sogar die Vergangenheit ändern, zwar nicht die Standbilder der Vergangenheit, aber man kann dem Fließen der Partikel eine andere Richtung geben, die auch immer schon da war, aber nicht konkret werden konnte.

Das ist wie in der Quantenmechanik (die eine neue Logik eröffnen würde): Die Wirklichkeit ist die Überlagerung aller Möglichkeiten. Die Realität entsteht durch Messung, durch Hinschauen, und wird dadurch festgestellt. Durch eine andere Art des Experiments, des Hinschauens, können wir eine andere Möglichkeit realisieren, feststellen. In einer Psychotherapie geschieht nichts Anderes: Durch eine andere Art des Hinschauens auf die Vergangenheit wird eine andere Möglichkeit realisiert und damit die Vergangenheit „verändert“. Auch wenn das Wasser dasselbe ist, kann man den Fluss nachträglich umbetten. Das Fließen der Zeit ist ein anderes geworden. Der Erlebende ebenfalls.