Das Lebendige in Zeiten des Umbruchs

DSCN3243Diskussionsbeitrag zu Ludger Verst: „Abschied vom leeren Himmel? Entstehen und Vergehen von Gottesbildern“. Entwicklungspsychologische Einblicke in den Religionsunterricht.

Ich behaupte einmal ganz dreist, dass die Menschheit im 17. Jahrhundert in ihre Pubertät eingetreten ist. Ihre Repräsentanten waren Galilei, Descartes und Newton. Alle drei durchaus noch dem vorpubertären Glauben unterworfen, war ihre Sache doch die Rebellion. Galilei wurde nicht der Ketzerei angeklagt – sein Weltbild wurde schon 1632, also vor dem Prozess von Rom approbiert – sondern wegen „Ungehorsams“. Er hatte seinen Freund, den Papst, in einer Schrift lächerlich gemacht, wie das Pubertierende eben mit ihren Eltern so machen.

Pubertierende leben in einem inneren Krieg. Die Neue Wissenschaft (Naturwissenschaft) entstand in den Kriegswirren des 30jährigen Krieges. Und es war ein Kampf um die Wahrheit (Herbert Pietschmann). Galilei wollte WISSEN – und die WAHRHEIT dem Papst überlassen. Descartes suchte ein Denken, das nicht sofort dazu führt, dass die Menschen einander den Schädel einschlagen.

Pubertierende sind noch in der äußersten Ablehnung der Eltern doch deren System verhaftet. So waren die Gründer der Naturwissenschaft in ihrem „Kampf“ um die Wahrheit und gegen die Dogmen der Kirche immer noch der aristotelischen Logik verhaftet. Die Gegner Galileis saßen ja nicht in Rom, sondern in Paris. Die Pariser Universität sah ihr aristotelisches Weltbild gefährdet.

Die Welt, wie sie nicht ist

Die neue Wissenschaft war nur ein erster Schritt heraus aus der Welt (der Eltern), wie wir sie erleben. „Galilei wagte es, die Welt so zu beschreiben, wie wir sie nicht erfahren. – Aber dafür mathematisch einfach.“ (Carl Friedrich von Weizsäcker). Es war letztlich die Revolte gegen die Anschaulichkeit. Wir können alle beobachten, dass eine Münze schneller zu Boden fällt als ein Blatt vom Baum. Die Naturwissenschaft behauptet, alle Körper fallen gleich schnell. Das tun sie nur im Vakuum, und ein solches gibt es nicht. Aber es lässt sich (Pietschmann)fantastisch damit rechnen.

Newton konkretisierte dann: Nicht was wir erleben, ist wirklich, sondern was wir messen können. Das hat sich unserem Weltbild eingeprägt: Wir können uns noch so schlecht fühlen, wenn das Fieberthermometer 36,8 zeigt, haben wir kein Fieber! Newton weiter: Wir müssen für alles eine Ursache finden. Aber Ursachen werden nicht gefunden, sondern erfunden (Pietschmann). Wenn wir „tatsächlich“ Fieber haben, fragen wir, was der Auslöser war. Wir werden zwar keinen finden, aber vielleicht haben wir drei Tage zuvor ohne Mantel den Müll rausgetragen. Und schon haben wir eine Ursache erfunden.

Es folgte das Jahrhundert der Aufklärung, das Pietschmann aber das Jahrhundert der Mechanik nennt. Die Aufklärung verkündete auch nicht das Ende der Religion, sondern das Dämmern einer neuen Religion. So schrieb der große Aufklärer Voltaire 1732 an Maupertius: „Ihr Erster Brief hat mich auf die neue Newtonsche Religion getauft, Ihr zweiter hat mir die Firmung gegeben. Ich bleibe voller Dankt für Ihre Sakramente. … Ich werde auf ewig Ihre Briefe bewahren, sie kommen von einem großen Apostel Newtons, des Lichts zur Erleuchtung der Heiden.“

Pubertierende bekämpfen vehement das Alte – meist mit denselben alten Mitteln. William Thomson (Lord Kelvin) bekannte: „Ich bin erst dann zufrieden, wenn ich von einer Sache ein mechanisches Modell herstellen kann. Nur dann kann ich sie verstehen.“ So bockig kann nur ein Pubertierender sein.

Was folgte, war wie die Pubertät der Menschheit, ein Übergang. Und bekanntlich haben Pubertierende eine eigene Sprache. Die neue Physik verwendet nicht mehr den Begriff „Kraft“, sondern „Energie“. Damit wurde der Kraft die letzte Lebendigkeit ausgetrieben, die nicht in den (pubertären) mechanistischen Denkrahmen passt. Energie ist rein materiell, und der Weg war frei für ein reduziertes Weltbild: Materie ist das einzig Existierende. Das Lebendige ist nur Fantasie.

Pubertäre Gottesbilder

Was hat das alles mit Religionspädagogik zu tun? Es ist der Versuch, die Biografie der Jugendlichen in einen allgemein menschlichen Rahmen zu stellen. Die Menschheit ist weit davon entfernt, rational zu denken, rational ist sie nicht einmal in der sogenannten Aufklärung.

Ludger Verst: „Bilder von „Gott“ entstehen bereits in den ersten Lebensjahren. Kinder ‚denken‘ in Bildern und Symbolen. Bis etwa zum 6. Lebensjahr ist ihr Denken anschaulich bestimmt. Vor dem Gottesgedanken steht also das Gottesbild. Das Gottesbild ist eine schöpferische Leistung des Kindes. Das Kind begreift: Gott gibt es, aber man kann ihn nicht sehen.“

Die Frage (der Pädagogik) ist: Wie kann der Übergang von der Anschaulichkeit zur Unanschaulichkeit der Wirklichkeit gelingen, ohne dass das Gemeinte verloren geht? Wie oben beschrieben, war die Naturwissenschaft ein erster Schritt heraus aus der Anschaulichkeit, indem sie eine „objektive“ Welt konstruierte und der Lebenswelt gegenüberstellte. Diese konstruierte objektive Welt ist aber zum allgemeinen Weltbild, und damit zur künstlichen Lebenswelt geworden, in der sich auch die heutigen Jugendlichen befinden. Der Übergang muss also IN dieser Welt gelingen, in der nur das Materielle real ist.

In dieser Welt ist „Gott“ eine leere Metapher. Die Aufgabe ist vielmehr, diese Welt der toten Materie wieder zu verlebendigen. Die Frage nach GOTT ist uncool, und viel wichtiger ist auch die Frage: Was ist LEBEN? Schon für diese Frage ist die Hürde hoch. Interessant wäre aber schon die Frage: Was ist WELT?

Also zurück zum „Weltbild“ der Physik. „Welt ist doch so viel mehr als Teilchen in Raum und Zeit“, stellte der Physik-Nobelpreisträger Erwin Schrödiger fest. Es gehört auch dazu, was der naturwissenschaftliche Denkrahmen ausschließt: das Lebendige, Einmalige, Kreative usw. Das könnte den Raum eröffnen für eine Diskussion mit den Jugendlichen.

Aber die Geschichte der Physik war Ende des 19. Jahrhunderts nur scheinbar zu Ende. Lord Kelvin und auch der Lehrer von Max Planck rieten vom Studium der Physik ab, weil da schon alles erforscht wäre. Doch ausgerechnet letzterer läutete ein neues Zeitalter ein. Die Quantenmechanik stellte die gesamte Physik auf den Kopf, und – besonders wichtig – sie zeigte, dass der europäische Denkrahmen nicht einmal imstande ist, die Materie zu erklären. Die Physik ist nicht mehr deterministisch, die Kausalität wird durch Wahrscheinlichkeit abgelöst, die Welt ist zwar mathematisch, aber nicht mehr physikalisch widerspruchsfrei zu erklären. Was dadurch bedingt ist, dass die Physik die anschauliche Welt hinter sich gelassen hat und versucht, den unanschaulichen Mikrokosmos zu erklären. Eindeutigkeit gibt es auch in der Physik nicht mehr.

„Das Kind begreift: Gott gibt es, aber man kann ihn nicht sehen.“

Wie kommt es aus diesem Widerspruch heraus? Wir brauchen z.B. ZWEI anschauliche und widersprüchliche Bilder (Teilchen und Welle), um EIN Phänomen (Elementar-teilchen) zu erklären. Grob und nicht ganz richtig könnten wir sagen: Teilchen ist das, was man sehen kann, Welle nicht. Und doch ist es dasselbe. Außerdem ist die Frage, ob es diese Teilchen GIBT, nicht mehr zu beantworten. Ein Elementarteilchen IST nicht, sondern WIRKT. Es ist überhaupt nur in WECHSELWIRKUNG. So wie auch der Mensch nicht IST, sondern WIRD, und das nicht als isoliertes Ich, sondern nur in BEZIEHUNG.

Gibt es mich als „anschauliches“ Ich überhaupt? Oder braucht es etwas Unanschauliches, nämlich Beziehung, um zu sein? Wir kamen durch Beziehung in diese Welt, und wurden durch Beziehung (Mutter, Eltern, Umgebung) zu dem, was wir sind. Niemand ist ohne Beziehung lebensfähig. In Japan ist dieses Dazwischen, diese Beziehung wichtiger als Ich und Du. Und jetzt kommt ausgerechnet die Physik daher, und muss feststellen, dass in es der Mikrowelt keine Dinge oder Objekte gibt, sondern nur Beziehung – und zwar nicht Beziehung von etwas, sondern nur Beziehung (Hans-Peter Dürr). Die Frage, was gibt es, verliert an Bedeutung.

Und am anderen Ende der Skala: In Gott sind nicht drei Personen, sondern Gott ist reines Beziehungsgeschehen. So erklärt die Theologie die Trinität. Und: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht!“ (Dietrich Bonhoeffer).

 

© 2018 R. Harsieber

Foto: RH

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Psychologie und Religion

Die allermeisten Diskussionen von und mit Religiösen und Atheisten kranken an einem Missverstehen dessen, was der Mensch ist, und zwar von beiden Seiten. Da religiöse Schriften in einer dem heutigen Denken fremden Sprache geschrieben sind, ist eine Diskussion der Texte sinnlos. Den Schlüssel zu diesen Texten hätten wir zwar seit etwa hundert Jahren in der Tiefenpsychologie, doch die wird seit ebenfalls hundert Jahren verdrängt und verleugnet.

Psychotherapeut wird man nur, wenn man auch eine Selbstanalyse durchgemacht hat. Nur so weiß er/sie um sich und den Menschen in der Welt. Auch Religion beruht auf (Selbst)Erfahrung. Wer nur (an Dogmen der Kirchen) glaubt, steht auf derselben Stufe wie derjenige, der nichts glaubt. Daher hat eine Diskussion zwischen diesen beiden nichts mit Religion zu tun. Ein unreflektiertes Überschwemmtwerden mit Bildern geht genauso am Menschsein vorbei wie eine Überrationalisierung.

Worum geht es?

Wir finden uns heute als fragmentiertes Ich in einer fragmentierten Welt. Soweit die pathologische Grundsituation. Trotzdem sind wir (unbewusst) verbunden und angewiesen auf etwas, das dieses Ich übersteigt, auf eine größere Ganzheit, die C.G. Jung als „Selbst“ bezeichnet hat, und die als unser Eigenes ein Nicht-Ich ist. Diese „das Ich überragende und umfassende Ganzheit“ (Erich Neumann) ist in sich Beziehung, eine Ich-Selbst-Beziehung, die eine ständige unbewusste Spannung darstellt. Diese Beziehung ist, weil  zum Teil unbewusst, arational und paradox.

Der Mensch steht aber immer in Beziehung zu diesem ihm Unbekannten und Übergreifenden. In religiöser Sprache ist der Mensch Endliches, bezogen auf Unendliches. In psychologischer Sprache ist der Archetypus des Selbst nicht von den Gottesbildern zu unterscheiden. Der Archetypus ist schlichtweg unbewusst, und Gott ist das schlichtweg Unnennbare.

Ein weiteres Paradox ist die unbewusste (und irrationale) Grundlage des Menschen einerseits und di notwendige (rationale) Bewusstwerdung andererseits. Im Mythos lebten die Menschen in ihrer Ganzheit, aber dunkel und unbewusst. Heute leben wir in unserem rationalen Ich-Bewusstsein, aber als Fragmente, abgeschnitten von der umfassenden Ganzheit. Beides ist einseitig und vorläufig. Was wir brauchen wäre klare rationale Bewusstheit, aber bezogen auf unsere paradoxe, irrationale Ganzheit der Ich-Selbst-Beziehung.

Die „moderne“ Persönlichkeit ist immer bedroht zu einer Maske zu erstarren (persona = die Maske im griechischen Theater).  Lebendig macht nur die Beziehung zum Unsichtbaren, Unnennbaren, Ganzen – so wie der nicht sichtbare Schauspieler hinter der Maske die Figur lebendig macht. Die heutige Verleugnung dessen, was das Ich in der Persönlichkeit übersteigt und worauf das Ich bezogen bleibt, führt zur Fragmentierung und Erstarrung des Menschen. Der „moderne“ Mensch lebt nur einen fragmentarischen Ausschnitt seiner menschlichen Ganzheit. Dieses verengte Dasein führt zur Isolation und Vereinsamung, Angst (das Wort kommt von Enge) und Depression (in der das verleugnete Umfassende unbewusst erdrückend wird).

In der Außenwelt versuchen wir verzweifelt, auch die Welt zu fragmentieren, suchen in den Naturwissenschaften nach den „kleinsten Bausteinen der Welt“, und stellen fest, dass es so etwas gar nicht gibt, sondern sich in der Mikrowelt hinter den Hilfsvorstellungen von Teilchen und Welle wieder etwas nicht vorstellbares Ganzes verbirgt.

In der Gesellschaft führt diese fragmentierende Ich-Isolierung zur Entwurzelung und Unsicherheit, die anfällig macht für Manipulation und Massenphänomene, wie wir derzeit nur allzu deutlich erleben.

Die Therapie unserer Zeit wäre die Öffnung des fragmentierten und isolierten Ich hin zu einer das Ich übergreifenden und umfassenden Grundlage in einer paradoxen (weil bewusst-unbewussten) Ich-Selbst-Beziehung. Ein schwieriges Unterfangen, schon wegen unserer natürlichen Angst vor dem Irrationalen und Numinosen. Denn wie jede wesentliche Entwicklung Gegensätzliches enthält und braucht, so steht hinter der notwendigen Entwicklung zur Bewusstwerdung gleichzeitig die Angst vor dem unkontrollierbaren Übergreifenden. Bevor der Mensch seine Doppelnatur nicht akzeptiert (Endliches, bezogen auf Unendliches) ist die Angst größer als die zu erreichende Geborgenheit.

Es braucht die Rückverbindung (religio) des fragmentierten Ich in die eigene ich-überlegene Tiefe. Dazu sind einige Stufen notwendig: Das Aufgeben der erstarrten Persona, die Bewusstwerdung des Schattens, der eigenen verdrängten Negativ-Anteile der Psyche, was immer auch zu ethischen Dilemmata, zur Erfahrung von Konflikt und Leiden führt. „Das Annehmen dessen, was vom Kollektiv als böse angesehen wird, kann zu den Notwendigkeiten der Befreiung des Schöpferischen gehören, wie jede Revolution lehrt, die politische wie die religiöse, die ja immer mit dem verbrecherischen Zerbrechen alter Werte verbunden ist.“ (Erich Neumann).

Dazu kommt die Auseinandersetzung mit dem gegengeschlechtlichen Anteil im Menschen (Anima/Animus), entweder mit einem Partner oder innerpsychisch. Ziel dieses Individuationsprozesses ist die verlorengegangene Ich-Selbst-Einheit, „die Übereinstimmung des Menschen mit seiner echten Persönlichkeitsganzheit“ (Neumann). Psychologisch gesehen sind die Symbole des Selbst von den Gottesbildern oder -vorstellungen nicht zu unterscheiden.

Auch in den Religionen geht es vor allem um den Menschen und seine Entwicklung. Aber hier überschreiten wir die Grenze zur Theologie. Aber auch hier bleibt das Paradoxe erhalten. Im tiefsten Seelengrund finden wir das, was wir gewöhnlich Gott nennen (Ignatius v. Loyola), aber: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht!“ (Dietrich Bonhoeffer). Das Aramäische konnte diese Paradoxie noch ausdrücken: Das Wort für „Vater“ (als menschliche Vorstellung) war identisch mit dem Wort für „Ursprung“, dem Urgrund allen Seins.

 

Philosophie

Philosophen werden allgemein als Denker bezeichnet, doch das trifft es nicht.

Wenn sich Philosophie auf das Denken beschränkt, dann ist das die Absolutsetzung des Rationalen unter Verdrängung alles anderen. Verdrängung führt aber nicht zur Erkenntnis, sondern zur Angst, die immer eine Verengung des Horizonts bedeutet.
Die übliche Definition des Menschen als „animal rationale“ ist so eine Einengung, zumindest, wenn wir „rationale“ als rational übersetzen. Das griechische „zoon logon echon“ bedeutete allerdings noch wesentlich mehr. Daher muss man das „animal rationale“ übersetzen mit „vernunftbegabtes Wesen“. Und „Vernunft“ (von „vernehmen“) ist weit mehr als Rationalität, ist so etwas wie die Verbindung von Logik, Einfühlung und Intuition.

Philosophie war ursprünglich der Name für Wissenschaft. Erst als sich die Einzelwissenschaften aus der Philosophie abspalteten, wurde diese eine eigene Disziplin. Trotzdem waren und sind Philosophen meist vertraut mit den Wissenschaften, und an den Universitäten war die Philosophische Fakultät ein Dach für die Wissenschaften. Lange Zeit waren nur die Juridische und die Theologische Fakultät davon getrennt. Heute gibt es die interessante Entwicklung, dass die Kunstakademien und -hochschulen in Universitäten umbenannt werden. Es war wohl ein Fehler, das Kreative aus dem Universalen auszuschließen, was aber am wissenschaftlichen Weltbild und dem Ausschluss des Lebendigen und Menschlichen aus diesem liegt.

Universalität

Umgekehrt ist das gesamte Fächerspektrum der Universitäten nichts als die gemeinsame Antwort auf die eine Kant’sche Frage: Was ist der Mensch? Das sieht man sehr schön an der modernen Physik, in der es nicht um die Beschreibung der Natur, sondern um unsere Sicht der Natur geht, also letztlich nicht um objektives Wissen, sondern um Erkenntnistheorie, um die Frage: Was kann der Mensch wissen? Die (objektive) Natur direkt zu beschreiben ist nicht Aufgabe der Naturwissenschaft. Objektivität ist eine der Kategorien, die inzwischen obsolet geworden sind.

In der Logik geht es nicht um Naturgesetze, sondern um Denkgesetze. Es ist die Methode, mit der wir an die Natur herangehen, die die Forschung bestimmt, aber auch das, was wir durch diese finden können. In der auf Aristoteles zurückgehenden und durch die Naturwissenschaft präzisierten Logik haben wir uns jahrhundertelang bewegt. Die Quantenmechanik ist damit nicht zu begreifen, sie geht über unsere gewohnte Logik, unser gewohntes Sehen der Realität hinaus, durchbricht und erweitert den Rahmen unseres Sehens.

Vom Gegensatz zur Komplementarität

Daher konnte Richard Feynman sagen: Wer die Quantentheorie verstanden hat, hat sie nicht verstanden. Das Messen verändert das Gemessene, das Sehen verändert die Welt, und die Wissenschaft verändert das Denken, verändert, was es heißt zu verstehen. Zumindest die westliche Logik musste bisher von zwei gegensätzlichen Aussagen eine eliminieren, weil nur eine richtig sein konnte. Jetzt wird aus Gegensätzen Komplementarität, Gegensätze schließen einander nicht aus, sondern ergänzen sich. Es ist nicht mehr sinnvoll, von der Identität von Elementarteilchen zu reden, und wenn diese entweder Teilchen oder Welle sind, je nachdem wie wir das Experiment anlegen, dann ist auch die Eindeutigkeit als Kriterium verloren gegangen. „Die Eigenschaft von Quantenphänomenen wird durch die Messung nicht festgestellt, sondern hergestellt“ (Herbert Pietschmann). Die Materie ist nicht aus kleinsten Bausteinen aufgebaut, sondern aus „etwas“ (bereits dieser Begriff ist falsch), das nichts mit unserer Vorstellung von Materie gemein hat. Wenn wir im Doppelspaltexperiment nicht am Spalt, sondern dahinter die Messung vornehmen, dann messen wir, und legen damit fest und ändern, wie sich das Teilchen vorher (in der Vergangenheit) „entschieden“ hat.

Plötzlich wird transparent, dass Denken und Logik auf das Erfassen einer objektiven Außenwelt abgezielt hat, die es eigentlich so nicht gibt. Andererseits wird auch schlagartig klar, dass die Psychologie es deshalb so schwer hat, weil sie eine Innenwelt beschreibt, die völlig anderen Gesetzen und einer ganz anderen Logik folgt. Da ist nichts eindeutig, sondern alles ist mehrdeutig, es können sich verschiedene Identitäten ausbilden, Gegensätze bestehen nebeneinander und bilden unsere inneren Konflikte, die wir durch Eliminieren eines Gegensatzes nicht lösen können. Viel wichtiger als Begriffe sind Symbole, die der Vielfalt, Mehrdeutigkeit und Mehrdimensionalität des Lebens gerecht werden.

Welt oder Leben

Zurück in der Außenwelt wird wiederum klar, dass auch da unsere Gesetze der Logik nicht gelten. Die gelten nur für eine abstrakte Außenwelt. In der Natur ist nichts eindeutig, nichts reproduzierbar, es herrscht Vielfalt und Kreativität. Vieles ist nicht quantifizierbar, vor allem wenn es um Leben und den Menschen geht. Das heißt, wenn es um unsere Lebenswirklichkeit, auch um unsere Außenwelt geht, dann hat die Psychologie mehr zu sagen als die Physik. Daher sagt Ludwig Wittgenstein in seinem Tractatus logico-philosophicus (6.52): „Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen Fragen der Wissenschaft beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ Die Naturwissenschaft war deshalb so immens erfolgreich. weil sie das Leben und den Menschen als Subjekt methodisch ausgeschlossen hat. Der kommt aber in der Quantenmechanik durch die Hintertür wieder herein, womit die Quantentheorie zunächst völlig unverständlich wirkt.

Während durch die in der naturwissenschaftlichen Methode notwendige Analyse die Zeit in Momentaufnahmen verschwindet, steckt im Sehen eines „Gegenstandes“ nicht nur das „Subjekt“, sondern die gesamte Biographie des Betrachters. In menschlichen Beziehungen wird es noch komplexer. Da werden Gegensätze zu Konflikten, und zuvor geht es um die inneren Konflikte, Traumata usw., um fixierte Muster, die wir solange wiederholen, bis wir sie verändern. Auch da gibt es „Gesetze“ und eine eigene Logik, Objektivität spielt aber eine untergeordnete Rolle.

Was ist der Mensch?

In der Philosophie wie in den Wissenschaften geht es um eine einzige Frage: Was ist der Mensch? Und es geht nicht primär um Denken – das verändert sich im Laufe der Zeit und der (biographischen) Entwicklung – sondern um Staunen und Fragen. Denken legt eine Struktur über das Gedachte, bändigt und verformt es gleichzeitig, Staunen erkennt etwas als fragwürdig, und Fragen lässt offen. Denken wäre, neben Fühlen, Wollen, Träumen, Intuition usw., eine Unterabteilung der Psychologie. Das Denken des Philosophen, das der Frage nach dem Menschen nachgehen will, muss den ganzen Menschen, das ganze Leben einschließen. Daher ist Philosophie nicht ohne das Spektrum der Wissenschaften zu sehen, insbesondere diejenigen, die über den gewachsenen Denkrahmen hinausgehen, wie eben die Tiefenpsychologie und die Quantentheorie.

Aus demselben Grund wurden – und geachtet dessen, dass der Mensch auch ein spirituelles Wesen ist – die Religionswissenschaft und die Theologie aus dem „modernen“ Weltbild verdrängt, das im ausgehenden 19. Jahrhundert steckengeblieben ist. Denn weder die Tiefenpsychologie noch die moderne Physik mit Relativitätstheorie, Quantentheorie und Chaostheorie sind in ein modernes Weltbild eingegangen. Dem rational-begrifflichen Denken entsprechend sind nur einige – meist missdeutete – Begriffe in die allgemeine Sprache eingegangen, wie „Relativität“ oder „Quantensprung“ aus der Physik, „Unbewusstes“ oder „Komplex“ aus der Psychologie, und dass die Chaostheorie nichts mit dem Chaos zu tun hat, bemerkt auch kaum jemand.

In der Philosophie geht es jedenfalls ums Ganze, allerdings nicht um das Denken des Ganzen, denn das ist nicht möglich. Die „Objektivität“ einer (abstrakten) Außenwelt suggeriert, dass man auch das Ganze von außen betrachten kann – dann wäre es aber nicht das Ganze. Man kann sich dem nur von innen her nähern, in Offenheit. Und wenn Philosophie aufs Ganze geht, dann kann es das nicht mit dem Denken, sondern muss mit dem ganzen Menschen geschehen. Da müsste auch alles einschließen, was die Naturwissenschaft ausgeschlossen hat: Einmaligkeit, Vieldeutigkeit, Einfühlung, Intuition, Kreativität, Träume, Ängste, Konflikte, Dynamik, die Zerrissenheit des Menschen zwischen dem Absoluten (dem, was er absolut setzt) und dem Konkreten, Endlichen, dessen Enge mit Angst besetzt ist.

Leben und Beziehung

Es geht nicht um „Wissen“ von „Etwas“, es geht ums Leben. Nicht um Subjekt und Objekt, sondern um Beziehung. Auch in der Mikrowelt der Elementarteilchen geht es nicht um kleinste „Bausteine“, sondern „um Beziehung, aber nicht Beziehung von etwas, sondern nur um Beziehung“ (Hans-Peter Dürr). Genau um das, um reine Beziehung, geht es nach theologischer „Definition“ bei der Trinität. Und dazwischen soll es um etwas anderes gehen?

Der Sinn des Ganzen, nach dem nicht nur Philosophen fragen, ist nicht der Sinn von „Etwas“, sondern der Sinn unseres je eigenen Lebens. Das zeigt sich nicht im Gegenüber zur „Welt“, sondern im Miteinander der Menschen. Nicht im Wissen, sondern im Leben und Lieben. Das zu verstehen ist ohne (Tiefen-)Psychologie, ohne Innenschau gar nicht möglich. Und diese Innenschau legt nicht ein Sosein offen, sondern eine Dynamik, innere Konflikte, Traumata und Muster, die immer zum selben Chaos führen. Und es geht nicht um das Eliminieren von Gegensätzen, sondern darum, sie in Komplementarität stehenzulassen, aber sozusagen die unscharfen (unbewussten) Bilder dynamisch scharfzustellen.

Damit wird die Psychoanalyse zur Philosophie, weil das Heilen von psychischen Erkrankungen nur ein Teil ist, der wesentlichere Teil wäre, das Leben an sich wieder in eine Dynamik zu bringen. Weil der Mensch nicht ist, was er ist, sondern erst werden soll, was er ist oder sein könnte. Dabei helfen Beziehungen weit mehr als das Denken. Der Liebende sieht den Geliebten so, wie er sein könnte, und über vieles hinweg, was ist. Liebe überantwortet den anderen in die ihm eigene Dynamik. Beide verlieren den zuvor festen Standpunkt und finden sich wieder im Fluss des Lebens, dessen Ziel sie als Orientierung vor Augen haben, das aber völlig offen ist.

Daher kann ein naturalistisches Weltbild mit Liebe nichts anfangen. Nicht weil sie nur biologisch gesehen wird, sondern weil sie die Vereinigung der Gegensätze ist, deren „Auflösung“ in Komplementarität, die sie stehen und sich ergänzen lässt. Weil sie nicht nur den Himmel auf Erden bringt, sondern auch die Hölle auf Erden integriert. Weil sie nichts aus-, sondern alles einschließt. Nicht Einheit im Gegensatz zum Getrenntsein, sondern Einheit von Getrenntem. Weil sie nur erfahren werden kann – unnennbar, unsagbar, unbegreiflich, unbeschreiblich und überwältigend.

Geborgenheit und Wachstum

Angeregt durch einen grandiosen Vortrag von Gerald Hüther:

Als Einleitung meinte er, „… dass das Zeitalter der Aufklärung nun doch etwas kleinlauter zu Ende geht, als es mal angefangen hat. Wir haben mit unseren wissenschaftlichen Erkenntnissen zwar das zu eng gewordene mittelalterliche Weltbild erfolgreich gesprengt, aber die Hoffnung, dass der Mensch nun durch den Einsatz von Wissenschaft und Technik in der Lage sei, Kummer, Not und Elend zu überwinden, Krankheiten zu besiegen und eine friedliche Welt mit blühenden Landschaften zu gestalten, die hat sich nicht erfüllt!“
Das Grundthema war dann, dass wir in den ersten neun Monaten unseres noch nicht Geboren Seins zwei Erfahrungen machen: 1. Geborgenheit, 2. Wachstum. Und im Licht der Welt ist es dann so schwierig, diese beiden wieder zu finden oder unter einen Hut zu bringen.

Zur Einleitung:
Jetzt wäre es an der Zeit, das zu eng gewordene reduktionistisch-rationale Weltbild zu sprengen (die Physik hat das vor 100 Jahren schon gemacht). Die Aufklärung hat ja – wie alles in der Welt – (mindestens) zwei Seiten: Sie war ein großartiger Erfolg, weil sie viel Unsinniges hinweggeschwemmt und ein Tor für die Wissenschaft geöffnet hat. Sie war aber auch ein großer Rückschritt, weil sie das Weltbild total verengt und das Ganze aus dem Blick verloren hat. So ist es mit unserem „modernen“ Weltbild – das noch dazu Ende des 19. Jahrhunderts steckengeblieben ist – vergeblich, über Inhalte zu diskutieren, wenn nicht zuerst dieser Denkrahmen infrage gestellt und überwunden wird.

Zum Grundthema:
1. Im Mutterleib erfuhren wir Geborgenheit. Wir haben sie erfahren, ohne das Ganze, in dem wir geborgen waren, rational zu kennen. Genauso wenig kennen wir das Ganze, die „Welt“, das „Universum“, Gott (auch ein Name für das Ganze, das wir nicht kennen), und sobald wir es leugnen, ist die Geborgenheit weg. Alle Realität (von res = Ding, also die „objektive“ Welt, aber Objektivität gibt es nicht, das wissen wir vom Konstruktivismus wie auch aus der Quantentheorie) wird dann zur Ersatzhandlung oder Ersatzbefriedigung. Hüther: „Wenn man das nicht bekommt, was man braucht, nimmt man sich das, was man haben kann, oder was einem irgendwo angeboten wird.“
Wir könnten sie finden bei einem anderen Menschen. Auch da ist das Ganze mehr die Summe der Teile, mehr als Ich und Du, etwas „dazwischen“, das nicht machbar ist, sondern das da ist oder nicht. Dieses „Dazwischen“ ist Beziehung, die findet man nicht durch Suchen, sondern durch Offenheit.
Wir könnten diese Geborgenheit auch finden durch einen Glauben (religiös, nicht religiös, deistisch, nicht deistisch, auch atheistisch), aber das ist schwieriger, weil diese Geborgenheit, dieses Grundvertrauen in so weite Ferne gerückt ist. So hilft heute nur eine radikale Offenheit für das was kommen kann, auch wenn man nicht mehr etwas Bestimmtes sucht. Einzige Bedingung wäre dieses Suchen als bloße Offenheit. Denn wer etwas Bestimmtes sucht, kann bestenfalls nur dieses Bestimmte finden. Es geht aber ums Ganze.

2. Im Mutterleib erfuhren wir Wachstum. Das setzt sich fort, körperlich über die Pubertät hinaus. Dann ist das physische Wachstum beendet. Das Hirnwachstum (Vernetzung) könnte sich bis ans Lebensende fortsetzen, was aber heute kaum in Anspruch genommen wird. An das körperliche müsste sich das seelische und geistige Wachstum anschließen, aber das ist heute zur Fremdsprache geworden. Wir übertreiben die körperliche Fitness und Hygiene, an eine seelische denken wir gar nicht, von einer geistigen gar nicht zu reden. Damit ist aber das wesentliche Menschsein infrage gestellt.

„Wenn man das nicht bekommt, was man braucht, nimmt man sich das, was man haben kann.“ So verwechseln wir Geborgenheit mit sexuellem Erleben, aber als bloß körperliche Betätigung und nicht als Erleben einer körperlich-seelisch-geistigen Einheit, die wirklich ein „Vorgeschmack des Himmels“ (aus einer Predigt über Sexualität im Wiener Stephansdom) sein könnte. Und so verwechseln wir Wachstum mit Wirtschaftswachstum, Expansion, Fortschritt – aber alles nur im Außen. Dieses Wachstum im Außen fällt dann auf uns zurück und erdrückt uns.

Schlüsselwort Gerald Hüther‘s ist die Begeisterung. Be-geist-erung ist ein Zustand – bei Kindern ein natürlicher Zustand – in dem Ich und Welt verschwinden im bloßen Tun. Wo es nur Beziehung gibt, kein Ich, kein Du, keine Welt. Diese Begeisterung löst im Hirn gewisse Botenstoffe aus, die nicht nur zu Wohlgefühl, sondern auch zum Hirnwachstum führen. Diese Begeisterungsfähigkeit wird einem Kind sehr bald – spätestens in der Schule – ausgetrieben. Damit wird ihm aber auch die Wachstumsfähigkeit (physisch, seelisch, geistig) genommen. Deshalb leben wir in einer wachstumsgestörten Gesellschaft – trotz Wirtschafts- und sonstigem Wachstum.
Dieser Zustand der Begeisterung ist auch der ursprünglichen Erfahrung der Geborgenheit ähnlich. In diesem Zustand sind wir ganz oder heil (was dasselbe bedeutet), ohne dass dazu ein „Wissen“ um die Ganzheit – das es nicht geben kann – notwendig wäre.
Notwendig wäre ein Umdenken auf allen Linien. Und das wäre, so Hüther, auch in allen Altersstufen möglich, aber nur mit Begeisterung für etwas Neues.

Ewigkeit

Ewigkeit hat nichts zu tun
mit Anfang oder Ende,
mit anfanglos oder endlos.
Das Universum ist riesig,
vielleicht endlich, vielleicht unendlich,
aber doch nur ein winziger Ausschnitt
der Wirklichkeit.

Ob das Universum endlich oder unendlich,
ist eine Frage der Dimensionen,
nicht der Ewigkeit –
die wird man im All nicht finden.

Ewigkeit ist auch nicht unendliche Zeit,
hat nichts zu tun mit ihrem Fließen,
steht außerhalb, oder innerhalb,
ist Zeitlosigkeit.

Ewigkeit lässt sich nicht analysieren,
lässt sich nur erleben,
indem man der Zeit entkommt.
Das kann man schwer alleine.
Aber gibt es ein Du,
das ich so stark empfinde,
dass das Dazwischen, die Gravitation
das Ich und Du auflöst,
und es bleibt nur die Intensität,
die Intensität des Augenblicks.

In dieser Apokalypse verschwindet alles,
Ich, Du, Raum, Welt, Zeit…
Was bleibt, ist Beziehung, ist Intensität,
im Augenblick erlebt,
ist Ewigkeit.

Emanzipation von der Emanzipation

Männer sind Machos, Frauen sind Seelchen – ein eher dummes Bild, gegen das anzukämpfen sich lohnt. Aber wie?

Die Emanzipation betrifft beide Geschlechter. Frauen sollten ein selbstbestimmtes Leben führen können. Die untergeordnete Rolle zu spielen, dem starken Mann ausgeliefert zu sein ist frustrierend. Männer sollten sich nicht über die Machorolle definieren müssen, der vordergründig starke Mann ist ja letztlich seiner eigenen Schwäche ausgeliefert, die er verdrängt.

Man muss die Rollenbilder überdenken, aber dieses Überdenken darf sich nicht wieder an den Rollenbildern orientieren. Einfach den Spieß umzudrehen, wird für beide Seiten frustrierend enden und niemandem etwas bringen. Den Frauen die testosterontriefende Arbeitswelt zu öffnen, ist keine sehr elegante Lösung. Die dominierende Frau im Nadelstreif ist nicht emanzipiert, sondern spielt nur eine zweitklassige oder sogar bessere Rolle als ihre männlichen Kollegen. Lösung ist das keine. Da wäre zuerst das System zu überdenken, das weder Frauen noch Männern gut tut. Sich an ein pervertiertes System anzupassen macht keine Frau emanzipiert. Es beutet Männer und Frauen gleichermaßen aus.

Die Mutterrolle gegen die Vorstandsrolle auszutauschen, löst keinerlei Problem. Die Vermännlichung der Frau und umgekehrt die Verweiblichung des Mannes dreht die Rollen nur um statt sie zu überwinden. Die Mutterrolle zu ächten ist Teil eines Krieges, der auf Kosten der Kinder ausgetragen wird.

Spätestens hier wird klar, dass es nicht um zwei geht, sondern um mehr, um Generationen von Kindern. Es ist eine Dreierkonstellation, aus der man heute die Kinder verdrängen will, um in der antiquierten Schwarz-Weiß-Malerei bleiben zu können. Damit züchten wir aber Kinder, die später mit ihren Rollen noch weniger zurechtkommen.

Aber selbst wenn wir bei Mann und Frau bleiben, ist das gewohnte Entweder-Oder-Denken völlig ungeeignet, das Problem zu lösen, nicht einmal es zu sehen. Kein Mensch ist bloß dieses oder jenes. Der Mensch ist so viel mehr als Mensch (David Steindl-Rast) und wird nie endgültig zu definieren sein. Unser an die aristotelische Logik und die Naturwissenschaft angelehntes Weltbild ist schlicht ungeeignet, mit Komplexität umzugehen. Nicht mit der Komplexität der Natur, nicht mit der Komplexität der Wirklichkeit, nicht mit der Komplexität des Menschen und damit auch nicht mit der Komplexität von Mann und Frau.

In einer Beziehung geht es nicht um Mann und Frau, sondern um die Beziehung. Genauso wie es in der Physik um Teilchen und um die Kraft geht, die sie zusammenhält. Es geht nicht um zwei Teilchen, sondern um ein Dazwischen als Drittes, das geradezu fundamental ist, aber in einem „rationalen“ Teilchenbild der Wirklichkeit nicht einmal gesehen wird. Und so wie die Elementarteilchen der Physik nicht wirklich Teilchen sind, so sind auch Mann und Frau keine Einheiten, die es gegeneinander auszuspielen gilt.

Nochmal: Frauen sind komplexe Wesen, Männer auch. Rollenbilder reduzieren diese Komplexität auf einfache Verhältnisse (die es in der Realität nicht gibt, die Wirklichkeit ist immer komplex). Das Problem sind also simple Rollenbilder, die aber aus der Unfähigkeit mit Komplexität umzugehen resultieren. Könnte man diese Komplexität akzeptieren, dann würden viele Probleme ganz anders aussehen oder gar nicht existieren.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn man zu begreifen gewillt wäre, dass Menschen nicht eine, sondern viele Rollen spielen. Dann wäre es kein Problem, dass in einer Hinsicht der Mann, in einer anderen die Frau „dominiert“ oder überlegen ist. Vor allem wäre dann die Konstellation individuell und wir könnten uns vom Schubladendenken verabschieden.
Dann müssten Männer nicht den Macho spielen – viele sind es ja auch gar nicht – und Frauen müssten nicht zu ihren Partnern aufschauen – was viele ja auch gar nicht tun. Das primitive Schwarz-Weiß-Denken führt ja vor allem dazu, die Realität nicht zu sehen und zu glauben, abstrakten Rollenbildern folgen oder ablehnen zu müssen.

Menschen sind authentische Individuen. So kann jede/r für sich entscheiden, welche Konstellation er/sie braucht, um sich wohl zu fühlen und wird auch den Partner suchen, der dazu passt. Was ja in der Regel auch passiert. Dann gibt es schlicht Gemeinsamkeiten und Unterschiede, jede/r kann das sein und tun, was ihm/ihr entspricht. Liebe heißt ja (auch), den anderen sein lassen. Abgesehen davon, dass es dann auch eine (gemeinsame) Entwicklung gibt. Jede/r hat Stärken und Schwächen in einem je anderen Bereich. Die sollten sich im Idealfall ergänzen, um dann gemeinsam zu wachsen. Emanzipation würde dann heißen, dass jeder der Partner zu seinen Stärken und Schwächen stehen darf, dass der andere das genau so akzeptiert und sogar liebt.

Natürlich sind Männer und Frauen unterschiedlich, und niemand wird (außer man folgt irgendwelchen unsinnigen Ideologien) ernsthaft darauf verzichten wollen. Aber warum sollte eine junge Frau nicht Mechanikerin lernen, wenn ihr das Spaß macht, oder warum sollte ein Mann mit sozialer Ader nicht Sozialarbeiter oder Krankenpfleger werden? Aber niemand muss müssen. Quotenregelungen sind dabei wohl die dümmste Herangehensweise an ein nicht existierendes Problem. Zwar existieren diese Probleme, aber die sind in den Köpfen und nicht durch äußere Regeln zu lösen.

Und weil wir schon die Komplexität der Wirklichkeit angesprochen haben, die wir endlich ins Auge fassen sollten, statt immer und überall zu simplifizieren, nur weil die Naturwissenschaft alles auf einfache und überschaubare Experimente reduzieren muss, die immer eine Situation darstellen, die es so in der Natur gar nicht gibt. Dabei scheint es, dass Frauen (nicht als Rollenbild) mit Komplexität sogar besser umgehen können als Männer. Wenn ich im realen Leben oder auf Facebook über Quantentheorie diskutieren will, dann finde ich einige Männer, die das gerne tun würden, denen aber meist die Basis dazu fehlt, während es mehr Frauen gibt, meist sogar sehr junge, mit denen man großartig darüber diskutieren kann.

Ein anderes Problem ist, dass eine entgleiste Emanzipation oft Frauen und Männer spalten will. Abstrakte Beziehungsmodelle müssen zerschlagen werden, so als wären die in der Praxis irgendwie relevant. Man wagt ja schon gar keine Beziehung einzugehen, weil man sofort in irgendeine Schublade gesteckt wird, meist sogar in unterschiedliche, je nachdem wer gerade kritisiert.

Vielleicht sollte man da von der Elementarteilchenphysik lernen. Deren Wirklichkeit ist Beziehung, aber nicht Beziehung von etwas, sondern nur Beziehung. Dass das schwer vorstellbar ist, beweist nur die eingefahrenen Denkgewohnheiten. Auch eine menschliche Beziehung ist in erster Linie Beziehung und nicht Beziehung von etwas oder jemand. Was ich bin und was du bist, erklärt nicht die Beziehung. Die ist dieses Dazwischen, das nicht gesucht, erst recht nicht gemacht werden kann. Die ist da oder nicht da. Das hat mit statistischen Rollenbildern so gut wie gar nichts zu tun. Populärer gesagt: Die „Chemie“ muss stimmen. Das ist etwas zwischen uns und nicht die Summe der Eigenschaften von uns beiden.

Das ist irgendwie unerklärlich. Wer es erklären kann, liebt nicht. Passt wunderbar zur Quantentheorie, von der Richard Feynman gesagt hat, wer sie verstanden hat, hat sie nicht verstanden.

Und wenn ich einmal glaube, den Partner zu kennen, dann ist es auch schon vorbei. Auf Beziehungsebene ist nichts „objektiv“, Menschen sind keine Objekte. Das ist Wirklichkeit (etwas das wirkt) und nicht Realität (von res = Ding). Bilder von Männern und von Frauen – welche auch immer – können keine Beziehung erklären. Und das Spielen mit Rollenbildern – in welcher Form auch immer – wird kein Problem lösen.

Dazwischen

Kennen lernen
unsagbar
nicht fragmentieren
Beziehung
immer ein Ganzes
umfassend
ohne Grenzen.

Ich bringe mich ein
nicht bloß Ich
nicht Vorstellung von mir
unteilbar ganz.
In Beziehung mit dir
nicht bloß Du
nicht Vorstellung von dir
dein ganzes Wesen.

Wir
nicht ich, nicht du
wir beide und viel mehr
wie ich bin
wie du bist
weit darüber hinaus
grenzenlos.

Dazwischen
das wir nicht machen
das da ist
oder nicht ist.

Versinken im Dazwischen
Inter-esse, Resonanz, Zuneigung
Gleichklang
und im Besonderen
Liebe
wenn das Ganze real
be-greifbar
berührbar.

Durchdringung
aller Dimensionen
alle Bereiche des Lebens
vom spirituellen Eins-Sein
bis ins Körperliche
berührend.

Dann sind wir ganz und Eins.
„erkennen“ uns
in der Vereinigung
Klammer des Eins-Seins
im Augenblick
des Hier und Jetzt.