Von der Abstraktion des „Hier und Jetzt“

Östliches und westliches Denken sind komplementär, was heißt, sie sind inkompatibel, aber einander ergänzend. So sind die Modeerscheinungen „Achtsamkeit“ und „Leben im Hier und Jetzt“ bloß unverstandene Floskeln, wenn sie in westlicher Sprache, im westlichen Weltbild aufgefasst werden.

Unser westliches Weltbild ist ein (pseudo)naturwissenschaftliches, ob wir wollen oder nicht, das ist uns seit vier Jahrhunderten eingebrannt. Naturwissenschaft analysiert, d.h. zerlegt alles in kleinste Teilchen und rechnet mit mathematischen Punkten, die es real nicht gibt. Die Zeit ist das größte Problem, weil damit genauso umgegangen wird. Alles wird reduziert auf Zeitpunkte, die aber keinem Erleben entsprechen. Wir erleben keine Zeitpunkte, sondern Zeiträume. Zeitpunkte gibt es genauso wenig wie kleinste „Teilchen“.

Auch die Gegenwart wird damit zu einem abstrakten Punkt, den es nirgends gibt. Wer beim (asiatischen) Hier und Jetzt an diesen abstrakten Punkt denkt, kommt aus dem westlichen Denken nicht heraus und kann das, was damit gemeint ist, gar nicht verstehen, das eben nicht naturwissenschaftlich und nicht fragmentierend ist.
Naturwissenschaft muss exakt messen, und auch diese Exaktheit ist eine Abstraktion, die es im Konkreten nicht gibt. Kaschiert wird das mit der notwendigen Angabe einer Fehlertoleranz, die dann großzügig ignoriert wird, um von der Unmöglichkeit des exakten Messens abzulenken.

Wer beim „Leben im Hier und Jetzt“ an diesen abstrakten Zeitpunkt denkt, der hat das „Leben“ in dieser Formulierung unterschlagen. Er/sie denkt an eine „reine“ Gegenwart ohne Vergangenheit und Zukunft. Sich hinsetzen und bloß nicht an Vergangenheit oder Zukunft denken ist nicht das, was im Buddhismus darunter verstanden wird. Zwar stimmt das nicht an Vergangenes und Zukünftiges denken, aber das bedeutet den Geist konzentrieren, aber in einer „Essenz“ und nicht in einem Punkt. Das bedeutet nicht Gegenwart, abgegrenzt von Vergangenheit und Zukunft, sondern Gegenwart, in der alles Vergangene und Zukünftige konzentriert enthalten, gegenwärtig ist. Das ist es auch, was mit „Achtsamkeit“ gemeint ist.

In der Psychologie ist es nicht anders. Psychotherapie könnte nicht funktionieren, wären wir abstrakte Ichs (für die wir uns halten). Sie kann funktionieren, weil Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart enthalten sind. Nur so ist es auch möglich, das Vergangene (den Einfluss des Vergangenen auf die Gegenwart) zu ändern.
Damit ist das Ziel (Samadhi oder Satori) oder das Nirvana nicht Nichts, sondern Alles. Wie das Selbst bei C.G. Jung Mittelpunkt und alles umfassend zugleich.

Grob gesprochen gibt es nur zwei mögliche Weltbilder (natürlich in allen möglichen Variationen): das statische (Sein) und das Dynamische (Werden). Europa hat sich – zumindest seit der Naturwissenschaft, die aber schon bei Aristoteles beginnt – für das statische entschieden. Es geht um Seiendes, nicht um Werdendes, um eine Außenwelt, nicht um die Innenwelt, um Dingliches, nicht um Beziehung oder Prozesshaftes, um tote Materie, nicht um Lebendiges. Es leuchtet zwar immer wieder auch das andere oder sogar die Synthese auf (Platon, Leibniz, Hegel, Whitehead, Jung, Quantenphysik), aber in ein allgemeines Weltbild ist das bisher nicht eingegangen.

Ein anderer abstrakter Begriff ist jener der Grenze. Wir müssen alles begrenzen oder abgrenzen, sprich definieren. Damit entfernen wir uns aber von der Wirklichkeit, die wir erleben. Durch Messung kommen wir zum Teilchenbild (siehe Doppelspaltexperiment), verlieren dabei aber das Wellenbild, das uns sagen würde, dass alles eine untrennbare Einheit mit der Umgebung (Feldbegriff) und letztlich mit allem ist. Nichts ist wirklich isoliert, alles ist kontextabhängig. So gibt es auch keine Grenze zwischen Gegenwart und Vergangenheit oder Gegenwart und Zukunft.

„Achtsamkeit“ oder „Leben im Hier und Jetzt“ ist somit kein Rückzug in eine Grenze, die uns von Vergangenheit und Zukunft abgrenzt, denn die gibt es nicht. Gegenwart ist kein Zeitpunkt, sondern Gewordenes, in dem alles enthalten ist.

In einem statischen Weltbild (das zumindest seit 400 Jahren vorherrscht) bedeutet „Achtsamkeit“ oder „Leben im Hier und Jetzt“ sich von Vergangenheit und Zukunft abgrenzen, so wie Dinge oder Objekte (angeblich) an ihrer Oberfläche begrenzt sind. Das wäre eine abstrakten Gegenwart, die es eigentlich nicht gibt.

In einem dynamischen Weltbild (das zum Leben passt, denn „alles fließt“) bedeutet „Achtsamkeit“ oder „Leben im Hier und Jetzt“, dass Vergangenheit und Zukunft in einem komprimierten Zeitraum (nicht Zeitpunkt) anwesend sind. Dann entspricht es dem Alles-Eins-Sein. Dann ist es Mitte und Alles zugleich. Um im Hier und Jetzt zu leben, muss man sein Bewusstsein konzentrieren und ausdehnen, bis es alles in Liebe umfasst.

Umdenken eröffnet Zukunft

 

„VERÄNDERUNG ERFORDERT UMDENKEN
Wenn man die Gegenwart mit den Mustern der Vergangenheit angeht, kann man keine Veränderung für die Zukunft erwarten.“
Gesehen bei DENKZEITEN/Sandra Matteotti.

 

Es ist schon eine eigene Gabe, die Dinge so auf den Punkt zu bringen. Wer das so klar schafft, ist mitten im Umdenken. Und wer das so klar sagt, fordert die anderen heraus, mit umzudenken, mitzudenken, vielleicht sogar (gemeinsam) weiterzudenken oder weiter auszufalten.

Dieses Umdenken ist die Voraussetzung dafür, dass Zukunft überhaupt passieren kann. Ohne dieses Umdenken passiert ja nur immer (kopierte) Vergangenheit. Das Denken ist sozusagen die Matrix, und das Umdenken die neue Matrix, in die hinein Zukunft passieren kann.

Allerdings: Mit dem (neuen) Denken ist die Vergangenheit nicht weg.

Sie hat nur weniger Macht. Aber das Problem ist: In einem gewissen Sinn SIND wir unsere Vergangenheit. Daran ändert auch das Umdenken nichts. Und das sollte ja auch gar nicht geändert werden. Wäre die Vergangenheit weg, wären wir in einem gewissen Sinne selbst auch weg. Was nicht der Sinn des Umdenkens ist.

Wir sind unsere Geschichte, unsere Biographie. Die soll nicht eliminiert, sondern weitergeführt werden.

Umdenken heißt, das Vergangene als Vergangenes sehen zu lernen. Ansonsten ist es Gegenwart und kopiert sich endlos weiter. Also Abstand gewinnen, loslassen – d.h. Vergangenes vergangen sein zu lassen – erst dann ist die Zukunft offen. Und erst dann ist die Gegenwart Gegenwart und nicht die Summe der Vergangenheit (was sie auch ist, aber doch auch wieder nicht nur). Erst dann kann ich Gegenwart zulassen und damit den Samen für die (neue) Zukunft legen.

Am sichtbarsten wird das – no na – an unseren Beziehungen. Immer nach demselben Muster. Ok, mit verschiedenen Variationen. Aber dieselben Typen kommen und gehen, dieselben Fehler wollen wieder und wieder gemacht werden. Und selbst wenn einem das schon bewusst wird – der/die Nächste stellt sich bereits an. Denn das Muster zu sehen ist noch nicht umdenken. Umdenken hieße darüber hinaus: anderes zu akzeptieren, offen sein für wirklich Neues. Ansonsten steht das Neue vor der Tür, und es passt nicht. Weil es nicht ins alte, gewohnte Schema passt. Weil Neues noch immer unpassend erscheint, vielleicht sogar Angst macht.

Noch eine Schwierigkeit: Ich bin durch mein Umdenken kein anderer geworden. Dieselbe Vergangenheit, dieselbe Biographie, derselbe Rucksack.

Es ist beinahe tragisch, dass wir – trotz zunehmender Hektik – das Sensorium für Zeit, für Entwicklung, für Dynamik längst verloren haben. Umdenken heißt vielleicht nichts anderes als uns selbst nicht als Standfoto, sondern als Film sehen zu lernen. Als einen Film, der erst zum Teil abgedreht ist, an dessen Drehbuch wir noch schreiben können und bei dem wir nicht nur Hauptdarsteller sind, sondern auch Regie führen können. Die bisherigen Szenen sind abgedreht, daran lässt sich nichts mehr ändern. Aber es wäre eine Zumutung für die Zuseher und Mitspieler, würden wir jetzt nur mehr die alten Szenen weiter kopieren. Da muss Neues her, da muss Spannendes her, das muss aufregend werden, das muss fesseln. Und das muss – trotz festgelegter Vergangenheit – in eine völlig offene Zukunft führen.

Das war wohl gemeint mit UMDENKEN…