Wahrheit und Relativität

Zum Streit zwischen den Hütern der Wahrheit und den Verteidigern des Relativen (beides abwertend in Richtung Gegner gemünzt) wäre zunächst zu sagen, dass es diesen Streit spätestens seit Parmenides und Heraklit gibt. Ersterer betonte das Sein, letzterer das Werden, und bis heute schlug das Pendel in der Geschichte mal in die eine, mal in die andere Richtung aus. Also nichts Neues unter der Sonne, wenn heute in der Kirche Konservative und Progressive aufeinanderprallen.

Verzweifelt könnte man anbringen, dass das 2. Vatikanische Konzil genau diesen Widerspruch überwinden wollte und auch überwunden hat, mit der Formel: Zurück zum Ursprung, aber in der Sprache der heutigen Zeit. Allerdings sind die Gräben nach dem Konzil wieder aufgebrochen, und angesichts des jetzigen Papstes ist der Widerstreit zwischen Reformern und Bewahrern wieder so eklatant, dass manche schon von drohender Spaltung sprechen.

Aus philosophischer und tiefenpsychologischer Sicht ist dieser Streit absurd. Bewahren kann man nur etwas, wenn man seine Weiterentwicklung nicht blockiert; und eine Reform wird immer näher zum Ursprung führen müssen.  Psychologisch ist es ein Konflikt, der entweder in die Tragik des Widerstreits oder in die Komplementarität mündet. Letzteres meint, dass Gegensätze einander nicht ausschließen, sondern ergänzen. Philosophisch ist Sein/Identität gar nicht denkbar ohne Werden/Diversität, Einheit nicht ohne Vielfalt und Absolutes nicht ohne Relatives. Wir sind von der Geburt bis zum Tod derselbe Mensch, der sich ständig wandelt. Stagnation wäre vorweggenommener Tod. Wenn wir jemand nach sieben Jahren wieder treffen, dann ist kein einziges bekanntes Atom oder Molekül mehr an ihm, er ist materiell ein völlig anderer, aber doch dieselbe Person.

Und was Wahrheit und Relativität betrifft, brauchen wir auch beides. In der Welt ist alles relativ, gegensätzlich, zwiespältig, gebrochen. Es ist alles Fragment, aber wir brauchen auch das Ganze, das Absolute, nicht als Ding, als Realität, sondern als Orientierung. Orientierung für einen Weg, ein Werden, eine Entwicklung, die in die Offenheit des Unnennbaren führt. Und diese Offenheit bewahrt uns vor dem mentalen Gefängnis des „Es gibt nur…“

Verhängnisvoll wird es, wenn etwas Relatives absolut gesetzt wird. Wird ein Wert, z.B. Gerechtigkeit, absolut gesetzt, dann werden andere – an sich „gleichwertige“ – ebenfalls absolut gesetzt und bekämpft. Wird das Gesetz absolut gesetzt, muss alles, was sich nicht in die Norm pressen lässt – und das ist eigentlich alles Menschliche – mit kalter Grausamkeit verfolgt werden. Wird das Eigenständige (das dann genau nicht eigenständig ist) absolut gesetzt, dann wird das Fremde (das eigentlich das eigene, innere, nach außen projizierte Fremde ist) im anderen abgewertet, bekämpft und gehasst. (Die Tragik der Politik). Wird die (eigene) Wahrheit als absolut verteidigt, wird jeder Andersdenkende zum Häretiker gestempelt. (Die Tragik der Religion). Wenn man glaubt, Wahrheit zu besitzen, dann ist man schon beim goldenen Kalb – das in menschliche, relative Vorstellung gepresste Absolute. Jeder, der sich im Besitz der „Wahrheit“ wähnt, macht (nicht nur) die Kunstschätze in seinen Kirchen zu goldenen Kälbern. Dasselbe macht der gläubige Atheist, der sein „Es gibt nicht“ absolut setzt, alle anderen für dumm erklären muss, und nicht einmal erklärt, wogegen er ist. Alles das kennen wir aus der Geschichte. Weltlich heißt das Fanatismus, biblisch Götzendienst.

Besonders interessant wird es, wenn man sich weigert, die Gegensätze als (zu eliminierenden) Gegensatz stehen zu lassen, und komplementär beides als einander ergänzend sehen will. Dann wird man für die Bewahrer der Konservative, und für die Reformer der Progressive. Denn wer komplementär denkt, wird bei jeder einseitigen Aussage die jeweils andere (als Ergänzung) betonen, und findet sich dann in der jeweils passenden Schublade der linear Denkenden wieder. Denn die können nur vereinfachen und mit der Komplexität der Wirklichkeit nichts anfangen. Wer versucht, der Komplexität gerecht zu werden, wird aus Unverständnis einfach ins andere Eck gestellt.

Ich

Wer bin ich?
Dieser winzige Punkt
zaghaften Bewusstseins
flackernd im Wind?

Feste Insel im Meer,
isoliert und abgegrenzt,
allem gegenüber,
nur sich selbst verpflichtet?

Subjekt unter Objekten,
was alles nach außen vertreibt,
sich das Außen untertan macht
und sich selbst dabei verdrängt?

Auch das Du objektivierend,
gebrauchend und missbrauchend,
alles haben wollen könnend,
und doch machtlos frustriert?

Sich wohlig im Außen wälzen,
alles sich gefügig machen,
König- und sonstige Reiche bauend,
bis es innerlich bleibt vereinsamt?

Oder sehend,
dass das Mehr nicht liegt im Beherrschen,
sondern im Überschreiten von Grenzen,
zuerst der des eigenen Ich?

Auch das Du nicht besitzend,
sondern die Grenze auflösend hereinlassen,
sich selbst auf ein Mehr einlassen,
und Ich und Du in eins zusammenfassen.

Die Grenze zum Du fallen lassen,
sich hingeben und verletzlich werden.
Aber gemeinsam neue Wege finden
in ungeahnter Stärke neue Grenzen überwinden.

Eine größere Einheit,
die Verschiedenheit behält,
das Gemeinsame bindet,
die Verschiedenheit lässt Raum.

Das Außen nicht Objekt noch Ding,
sondern bedeutungsvoll ein Teil des ich.
Außenwelt als Spiegel der Innenwelt,
Zeichen in die Welt und Zeit gesetzt.

Alles hat Bedeutung,
Grenzen sind zum Erkennen,
zum an die Grenze Gehen und Überschreiten,
bis das Ich wird Teil des Ganzen.

Aber nicht sich auflösen im Nichts.
Viel tiefer die Bedeutung von Tropfen und Meer:
Er muss Tropfen bleiben, um Meer zu sein,
doch Ich verwandelt in unbegreiflicher Weise.

Hat er alle Grenzen überwunden,
verschwindet nicht der Tropfen, sondern alle Grenzen.
Was bleibt, ist das individuelle Bewusstsein des Ganzen.
Aber nun gibt es nichts mehr zu sagen…

Alles und nichts

Habe nun – hach 😉
Philosophie und Magie
den Ernst des Yoga
der Chassidim Humor
noch immer im Ohr
den Tanz der Indianer und der Derwische
Übungen für langes Leben
in Augenblicke geschmolzen und vergeben
mit Pho-wa das Sterben vorweggenommen
Zeit und Ewigkeit in eins vernommen
weites Land und höchste Höhen
in Tibet wie in mir

wieder und wieder versucht
Sphärenklänge am Boden zu verankern
Wellen brechen in jeder Bucht
Himmel und Hölle in Einklang zu bringen
Rausch des Weines und der Meditation
Gegensätze zu bezwingen
in ein Gespann sie beizubringen
Einheit mit Gewalt und leisem Flehen
in konkretes Leben hineinzusehen
hart am Boden aufgeschlagen
doch auch wenn’s wär komplett vermessen
nie den Himmel ganz vergessen

Ringen mit deinem Bild
lachen, lieben, weinen, singen
mit Sehnen, Wünschen, Träumen ringen
Felsen gerührt
zum Ideal erkürt
bleibst davon unberührt
verloren schon eh noch gewonnen
noch keine Form und schon zerronnen
vergeblicher Versuch zu einen
sinnlos jetzt dir nachzuweinen

liebestrunken
im Nebel versunken
vom Winde verweht
das Sehnen gerinnt
der Schmerz vergeht

alles musst‘ sein
sonst wär‘s nicht mein
alles musst gehen
und im Gehen verwehn
in Himmel und Hölle hinein

und am Ende bleibt nichts
und Platz für alles