Männliches und Weibliches

Mann&Frau2Im Billrothhaus in Wien fand Mitte Oktober eine Fachtagung „Mann & Frau“ statt. Veranstalter waren die Sigmund Freud Privat Universität Wien, das Institut für Ehe und Familie (IEF) und das Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie (RPP).

Das 19. Jahrhundert war vom Biologismus geprägt, Mann und Frau wurden nur durch die Brille des „kleinen Unterschieds“ gesehen, im Wesentlichen die primären Geschlechtsorgane. Dass dies eine naive Verkürzung der Situation war, ist nicht zu leugnen, und daher kam es im 20. Jahrhundert zur Gegenbewegung des Genderismus. Die Biologie ist bedeutungslos, es lebe die soziale Differenzierung und Beliebigkeit. Gegenbewegungen kommen immer überspitzt daher, sonst würden sie nicht wahrgenommen, so Raphael Bonelli (der auch ein Buch zum Tagungsthema veröffentlicht hat). Aber auf These und Antithese folgt die Synthese im 21. Jahrhundert in der Gender-Medizin. Diese hat die Unterschiede im Männlichen und Weiblichen entdeckt, die bis ins Hirn und in jede Zelle des Körpers reichen, und sie hat keine Berührungsängste mit dieser Diversität. Es ist aber auch klar, dass soziale Prägungen hinzukommen, die man sich ebenfalls genau anschauen und notfalls in vernünftige Bahnen lenken muss. Bonelli kennzeichnet die drei Phasen als Geschlechter-Narzissmus (19. Jhdt.), Geschlechter-Konkurrenz (20. Jhdt.) und Geschlechter-Ergänzung (21. Jhdt.). Seine Take-Home-Botschaft: Mann und Frau sind verschieden, ergänzen sich aber wunderbar.

Wer symbolisch denken kann, ist dabei eindeutig im Vorteil. Da geht es nämlich um das Prinzip Männlichkeit und Weiblichkeit, das in unterschiedlicher Ausprägung bei Mann und Frau vorkommt. Das beginnt bei den Hormonen im männlichen und weiblichen Körper, wie die Gynäkologin Doris Gruber in ihrem Vortrag „Die Biologie des Liebeslebens“ ausführte. Das wirkt sich natürlich im sozialen Bereich aus, führt nicht nur zu geschlechtsspezifischen psychosozialen Krisen (Beate Wimmer-Puchinger), sondern auch dazu, dass Frauen die längste Zeit aus der Wissenschaft ausgeschlossen waren und es immer noch schwer haben.

Raphael Bonelli präsentierte neueste Studien zur Geschlechterdifferenz bis hin zu Unterschieden im Gehirn und der unterschiedlichen Lösung von Aufgaben. Dass der genetische Unterschied zwischen Mann und Frau gerade mal 1.5 Prozent ausmacht und laut das 20. Jahrhundert überlebenden Genderfanatikern vernachlässigbar sei, entkräftet er damit, dass auch der genetische Unterschied zwischen Mensch und Affe 1,5 Prozent beträgt. Also irgendwas muss an den 1,5 Prozent doch dran sein. Außerdem verhalten sich Mädchen als Mädchen und Buben als Buben, noch bevor sie selbst den Unterschied kennen. Männer sind tendenziell funktional-sachbezogen, Frauen beziehungsorientiert-personenbezogen, und das schon unmittelbar nach der Geburt. Auch das Gehirn ist männlich oder weiblich. Männer lösen Aufgaben vorwiegend mit der grauen Substanz (Nervenzellkörper), Frauen mit der weißen Substanz (Nervenfasern, Leitungsbahnen, Verbindungen). Männer denken linear und fokussiert, Frauen vernetzt und assoziativ.

Kränkungen – Angst vor Liebesentzug
In einer nicht funktionierenden Partnerschaft – wie im Leben überhaupt – geht es sehr oft um Kränkungen. Der Psychiater Reinhard Haller begann bei Kain und Abel, der Urerzählung der Kränkung, und spannte den Bogen bis zum aktuellen Terrorismus, der auf einer Kränkung beruht und sich gegen die „heile Welt“ richtet, an der die Protagonisten nicht teilhaben können. Heute häufen sich auch die Fälle, wo jemand tabula rasa in der Familie macht, oder die Schulmassaker, die oft auf einer an sich kleinen Kränkung beruhen, die aber ein Fass zum überlaufen bringen. Diese Kränkungen sind nur äußerlich Kleinigkeiten, innerlich sind sie furchtbar. Kränkungen sind eine nachhaltige Erschütterung des innersten Selbst und seiner Werte, die Urangst dahinter der Liebesverlust, die Angst, nicht geliebt zu werden. Wobei Kränkungen immer einen wahren Kern haben.
Eine radikale Form ist die Demütigung, die einem den letzten Mut raubt. Viele große Kriege begannen mit einer Demütigung. So der Erste Weltkrieg mit der Ermordung des ohnehin unbeliebten Thronfolgers, das Ergebnis waren Millionen Tote. Hitler versprach einem gedemütigten Volk die endgültige Lösung.
Die Beleidigung ist die staatlich anerkannte Form der Kränkung, die sonst weder in der medizinischen oder psychiatrischen Ausbildung, noch irgendwo im Rechtssystem vorkommt. Interkulturell heikel ist der Ehrbegriff, der in anderen Kulturen eine ganz andere Bedeutung hat als bei uns. Die Blutrache zieht oft eine Spur über Jahrhunderte hinweg. Verbitterung ist die unheilbare Form der Kränkung. Mobbing kann man als die systematische Kränkung betrachten.
Die Wurzel aller Kränkungen ist die Angst vor Liebesverlust, daher ein zentrales Thema in einer Partnerschaft. Liebe ist auch die Positivresonanz der wichtigsten Person im Leben. Sehr oft kommt es zur Enttäuschung, die sich gegen sich selbst richtet, weil dem ja eine Täuschung vorangegangen ist. Fehlendes Lob oder Nichtbeachtung ist eine permanente Kränkung. Oft endet das im Schweigen, Ausdruck tiefen Getroffenseins, aber auch großer Aggression. Partnerschaft ist oft auch ein Machtkampf, die Lösung kann darin liegen, sich in den anderen hineinzuversetzen.
Die heutige Gesellschaft ist geprägt von einem zunehmenden Narzissmus, wobei dieser nicht Eigenliebe ist, sondern Eigensucht. Ein Narzisst saugt Lob und Bewunderung auf, wertet andere ab, zu Liebe und Empathie ist er nicht fähig. Daher die zunehmende Kälte und Entsolidarisierung der Gesellschaft.

Der Mythos von Mann und Frau
Das theologische Verhältnis von Sexus, Eros und Agape erläuterte Joseph Spindelböck, wobei man sich gewünscht hätte, dass er den Kirchensprech in eine Sprache übersetzt hätte, die die Menschen heute verstehen. So kamen eher die Probleme der Kirche als die von Mann und Frau zur Sprache.

Die Theologin und Philosophin Hanna Barbara Gerl-Falkovitz brachte gewohnt virtuos die geheimnisvolle Spannung zwischen Mann und Frau im interkulturellen Kontext zur Sprache. In Indien, wo Ehen von den Eltern gestiftet werden, ist die Hochzeitsnacht kein Akt personaler Liebe, sondern ein sakraler Vollzug der Weltschöpfung. Shiva und Shakti sind die Symbole des Männlichen und Weiblichen. Wobei das Männliche Prinzip Ruhe, Sein und Ewigkeit ausrückt, das Weibliche Zeit, Energie und Dynamik. Der Geschlechtsakt drückt das Prinzip des Daseins, das Geheimnis des Ganzen aus.
In China ist der Kaiser für den Tag, die Kaiserin für die Nacht zuständig. Er regelt die Geschicke des Staates, ist zuständig für das Ganze, sie muss eigentlich nur da sein. In Persien, beim Schachspiel, tut der König nichts, die Dame kämpft. Mythologisch ist Männliches und Weibliches scheinbar austauschbar. Allerdings muss man auch sehen, dass im Asiatischen Ruhe nicht Passivität, sondern höchste Energie bedeutet.

Im Mythos, so Gerl-Falkovitz, ist die Frau das Abenteuer des Mannes, das der Mann zu lösen hat, indem er meist drei Aufgaben erfüllen muss. So fordert Brunhilde den Helden zum Dreikampf heraus, bei dem sie sich als die Stärkere erweist, aber er sie dennoch mit List besiegt. Erst dadurch kommt eine Beziehung auf Augenhöhe zustande. Bei Wagner fügt das Schicksal einen Keil zwischen die beiden. Nach der Ermordung Siegfrieds verbrennt sie sich gemeinsam mit ihm auf dem Scheiterhaufen in einer endgültigen Ehe.
In der Bibel ist Eva kein Name, sondern bedeutet Leben schlechthin, die Unergründlichkeit des Lebens. Bezeichnend auch im Mythos, dass die Frau keinem Zwang unterliegt, sie kann auch 1000 Jahre warten. Sie ist bleibendes Geheimnis, lockende Andersheit. Beziehung ist immer ein Hinausgehen aus mir selbst. Diese bleibende Fremdheit führt in letzter Konsequenz zur Andersheit, die zum Wesen Gottes gehört. So ist die menschliche Geschlechtlichkeit letztlich die Durchsicht auf Gott. So kann Erotik zum „Fenster in die Differenz in Gott werden, ohne dass Gott Mann und Frau wäre.“

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Frauen brauchen Männer (und umgekehrt)

Frauen brauchen Maenner und umgekehrt von Raphael BonelliDiese „Couchgeschichten eines Wiener Psychiaters“, so der Untertitel des Buches, ist ein Plädoyer für den (gar nicht so kleinen) Unterschied zwischen den Geschlechtern und deren komplementäre Ergänzung.

In Zeiten, in denen ganze Universitätsinstitute im Namen der Genderforschung den Unterschied nivellieren oder unter den Teppich kehren wollen, klingt der Titel anrüchig. Andererseits ist die Genderforschung notwendig, wenn sie sich um das bemüht, was der Name schon sagt: um das soziale Geschlecht. Das biologischen Geschlecht sollte sie denen überlassen, die was davon verstehen, und sogar die haben erst vor nicht allzu langer Zeit erkannt, wie sehr der Unterschied sogar in der Medizin bisher sträflich vernachlässigt wurde. Das biologische Geschlecht geht nämlich weit über die Sexualorgane hinaus, es umfasst auch das Gehirn (Größe und Struktur) und den ganzen Körper bis in die Zellstruktur.

Männer und Frauen haben verschiedene Stärken und Schwächen, werden unterschiedlich krank – so ist der Autismus eine eher männliche, die Depression eher eine weibliche Erkrankung – Medikamente wirken anders, die Symptome (etwa bei Herzinfarkt sind völlig andere). Die Liste lässt sich fortsetzen. 2001 gab die WHO eine Empfehlung heraus, Strategien gegen die Verdrängung des Unterschieds und für eine geschlechtsspezifische Gesundheitsvorsorge zu entwickeln. Das alles schildert der Autor umfassend und mit den aktuellsten Studien belegt.

Psychische und kognitive Unterschiede

Dass sich die körperliche und hormonelle Konstitution auch psychisch fortsetzt, ist nicht verwunderlich, so dass auch hier das biologische vor dem sozialen Geschlecht besteht. Die Unterschiede treten schon bei Neugeborenen zutage. Buben schauen intensiver auf Objekte, Mädchen auf Gesichter. Und das wäre auch schon die allgemeinste Definition des Unterschieds: Männer sind mehr objektbezogen, Frauen mehr personbezogen. Daher sind Frauen in der Empathie (wir reden immer von Durchschnittswerten) den Männern bei weitem überlegen. Frauen sind vielseitiger und stärker vernetzt, während Männer stärker fokussieren und zum Spezialistentum neigen. Auch im Negativen zeigt sich der Unterschied: Essstörungen, Angst, Depression und z.B. Borderline-Störungen sind „weiblich“, Autismus, ADHS, Narzissmus und z.B. Sexualstörungen sind „männlich“.

Die Unterschiede setzen sich im kognitiven Bereich fort. Auch hier sind es unterschiedliche Stärken: Frauen sind im Vorteil, wenn es darum geht, ein Problem im Gesamtkontext, inklusive Vernetzung mit der Umgebung zu erfassen und lebensnah zu managen. Die Stärke der Männer liegt hingegen in der Fokussierung auf Detailprobleme, alles andere auszublenden und das Problem abstrakt zu lösen. Männer denken distanziert, linear und fokussiert, Frauen mehr persönlich, vernetzt und assoziativ. Natürlich überlappen sich die Eigenschaften in der üblichen statistischen Weise, und das Schwarz-Weiß-Denken ist längst überholt. Männer ticken anders, Frauen auch, und insgesamt begegnen sie einander auf Augenhöhe.

Dass die psychologischen und kognitiven Unterschiede sich in verschiedenen Kulturen gleichen, spricht auch dafür, dass diese Unterschiede konstitutionell und nicht anerzogen sind. Außerdem verhalten sich Mädchen als Mädchen, bevor sie wissen, dass sie ein Mädchen sind; Buben ebenso. Auch das leidige Thema der Berufswahl lässt sich erklären. Männer arbeiten lieber sachbezogen, Frauen lieber personenbezogen. Dabei tritt etwas ganz Erstaunliches zutage: „Die größten psychologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern finden sich in den Ländern, die sich der Geschlechtergleichheit verschrieben haben.“ Eine Vorreiterrolle haben hier die skandinavischen Länder, und trotzdem entscheiden sich die Menschen dort vermehrt für geschlechtstypische Berufe. Wenn Männer und Frauen frei wählen können, entscheiden sie sich ihren unterschiedlichen Interessen und Fähigkeiten entsprechend.

Die Genderproblematik

Natürlich darf das Thema Gender nicht ausgeklammert werden. Das soziale Geschlecht ist ein realer Faktor und führt zu den bekannten Stereotypien, denen begegnet werden muss. Aber Gender hebt das biologische Geschlecht nicht auf, sondern kommt zu diesem hinzu und verzerrt es des öfteren. Historisch folgt, so Bonelli, auf die Verdrängung der Sexualität im 19. Jahrhundert die Verdrängung der geschlechtlichen Konstitution im 20. Jahrhundert. John Money, der den Begriff Gender etablierte, war fixiert darauf, dass der Mensch als geschlechtsloses Wesen auf die Welt kommt, und scheiterte mit einer versuchten Geschlechtszuschreibung/-umwandlung kläglich, verteidigte sein Experiment, das man (harmlos ausgedrückt) als Kunstfehler einstufen muss, auch noch, nachdem es mit dem Suizid des „Versuchsobjekts“ endete. Trotzdem sie davon wusste, behauptete Judith Butler, „sowohl das biologische Geschlecht (sex), als auch die Geschlechtsidentität (gender) seien ein Ergebnis des sprachlichen, historischen und politischen Kontextes“. Später wurde ihr vorgeworfen, das Anliegen der wirklichen Frauen verraten zu haben.

Komplementäre Ergänzung

Für Bonelli ist klar, dass man Sex und Gender nicht gegeneinander ausspielen kann, sondern beide zusammengenhören. Mann und Frau können und dürfen unterschiedlich sein und trotzdem gleiche Rechte besitzen und einander auf Augenhöhe begegnen. Dass das nicht immer harmonisch und auf Augenhöhe abgeht, illustriert der Autor an zahlreichen Fallbeispielen aus seiner psychotherapeutischen Praxis. Männer und Frauen haben jeweils „männliche“ und „weibliche“ Stärken und Schwächen in unterschiedlicher Ausprägung. Diese Unterschiede garantieren das erotische Prickeln, und bei Disharmonien die üblichen Probleme der Partnerbeziehung. Die „Lösung“ liegt immer darin, zu seinen Stärken und Schwächen zu stehen und sich dabei vom Partner ergänzen zu lassen. Weiters muss zur Erotik, die auf die Bedürfnisse abzielt, jene reife Entscheidung kommen, die nur auf Geben und auf das Du gerichtet ist und in der Antike „Agape“ genannt wurde. Aber auch hier gilt: es braucht immer beides.

Fazit: Das Buch ist eine solide Grundlage in der aktuellen Argumentation zum Thema Partnerschaft, Sex und Gender, angereichert mit den neuesten Studien. Dass man sich als Leser/in in den vielen Fallbeispielen da und dort selbst wiederfindet, liegt in der Natur der Sache. Die „Nebenwirkung“: Beim aufmerksamen Lesen können so manche Einsichten in die eigene/n Beziehung/en angestoßen werden, die mitunter weh tun, aber sehr heilsam sein können.

 

Raphael M. Bonelli

Frauen brauchen Männer (und umgekehrt)

Couchgeschichten eines Wiener Psychiaters

Kösel Verlag 2018, 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-466-34687-5
EUR 22,70

Emanzipation

Nach einem eher „unerfreulichen“ Gedankenaustausch auf FB kann ich nicht umhin, ein paar Gedanken loszuwerden.

Eigentlich habe ich nichts anderes verbrochen als ein Post geteilt, bei dem es darum ging, dass eine Firma statt der üblichen bulimischen Models ganz normale (und gebildete) Frauen abgebildet hat, die in meinen Augen weit besser aussahen als all die berühmten und gut bezahlten Magermodels. Meinen Kommentar fasste ich in ein kurzes Wortspiel: „Ok, Mädels, jetzt können die Models einpacken!“
Was eine meiner ältesten fb-Freundinnen derart in Rage brachte, dass sie mir verbal mit dem Arsch ins Gesicht fuhr. Das begann mit „Wir sind gestandene Frauen, und keine Mädels…“ (als hätte ich Frauen über 40 angesprochen), den Rest spar ich mir mal. Wortspiel zu ernst genommen und den Sinn des Postings überhaupt nicht verstanden. Tröstlich, dass ich sofort eine Schar wirklich gestandener Frauen an meiner Seite hatte, die das Gezeter ebenfalls deplatziert fanden. Und als ich am Ende meine Meinung kundtat, dass man so humorlos und verbissen die Emanzipation jedenfalls nicht vom Fleck kriegen wird, wurde ich kurzerhand entfriendet.

So schadet sich die Emanzipation wohl selber am meisten. In diesem Fall scheint eine massive Traumatisierung dahinter zu stehen, aber auch prinzipiell wird die Richtung der Emanzipation sehr oft verfehlt. Kann es darum gehen – bleiben wir einmal in der Wirtschaft – dass möglichst viele Frauen in männliche Domänen vordringen? Schon klar, es sollte Chancengleichheit geben. Wenn eine Frau für sich ein Ziel hat, dann sollte sie dieses unbehindert verfolgen und genauso aufsteigen können wie die Männer. Es dürfte ihr kein Hindernis in den Weg gelegt werden dürfen, nur weil sie eine Frau ist. Aber warum sieht man die paar Frauen, die das schaffen, im Nadelstreif mit todernstem Gesicht 16 Stunden am Tag arbeiten – wie die Männer? Kann es das Ziel sein, dass Frauen Männer in ihrem „Männlich Sein“ nacheifern oder sie gar überbieten (müssen)? Ist das wirklich Emanzipation? Wäre es nicht wahre Emanzipation in der Wirtschaft, den Männern zu zeigen, wie es anders geht? Dass ihre „Männlichkeit“ im Berufsleben irgendwo im Steinzeitalter steckengeblieben ist? Und dass Frauen für eine sinnvolle Arbeitswelt weit mehr beizutragen hätten, als sich Männer je träumen lassen?
Gleiche Rechte für Frauen (und das ist sicher ein absolutes Muss) kann nicht bedeuten, dass Frau ihren Mann stehen MUSS. Sie sollen jeden gewünschten Beruf ergreifen können, ohne darin behindert zu werden, aber sie sollen es um Gottes Willen nicht MÜSSEN. Wenn ich als Frau nur geachtet und beachtet werde, wenn ich den Männern in allem – ohnehin eher Negativem – gleich sein muss, dann würde ich darauf pfeifen! Emanzipation kann doch nur bedeuten, dass Frauen um ihres Frau-Seins geachtet werden und gerade deswegen.
Stattdessen reden wir von Quoten, die erfüllt werden MÜSSEN. Als ob den Frauen auch nur irgendwie geholfen wäre, wenn es 50 Prozent Kranführerinnen gibt. Auch mit 50 Prozent weiblichen Vorstandsvorsitzenden ist noch niemand gedient, vor allem nicht, wenn der Rest der Frauen diesem zweifelhaften Ideal nacheifern MUSS. Auch die Schlacht um das (ziemlich phallisch daherkommende) Binnen-I wird die Frauen nicht befreien. Das grammatikalische Geschlecht ist auch sonst nicht mit dem biologischen ident, sondern hat seine eigenen Gesetze. Das zeigt als Beispiel das Geschlecht von Sonne und Mond. Warum das gerade im Deutschen falsch ausgewiesen ist, darüber könnte man diskutieren, symbolisch ist die Sonne männlich und der Mond weiblich, daran gibt es nichts zu rütteln. Weshalb es z.B. auch im Italienischen „il sole“ und „la luna“ heißt. Aber für das richtige Geschlecht von Sonne und Mond in der deutschen Sprache auf die Barrikaden zu steigen, hat trotzdem wenig Sinn und würde nur die Energie unnötig binden.

Auch die durchaus berechtigte Gender-Diskussion gleitet meist ins Absurde ab. Klar sind Geschlechterzuschreibungen zum Teil kulturell und sozial bedingt, und darüber sollte man durchaus diskutieren. Aber deswegen das (biologische) Geschlecht abschaffen zu wollen, ist wohl das Dümmste, was das 21. Jahrhundert bislang zu bieten hat. Das scheinen allzu viele Sex und Gender durcheinander zu bringen. Man hat ja heute schon den Eindruck, wir dürfen unser Geschlecht nur mehr in der Sprache zeigen, nicht aber im wirklichen Leben, da nivellieren wir bis zur Peinlichkeit. Unisex hat ja wohl wirklich nichts mit Gender zu tun.
Tatsache ist, dass zwar vieles ins Fach überkommene Rollenbilder fällt, die zu überdenken sind, aber andererseits der Unterschied zwischen männlich und weiblich noch viel zu wenig bekannt ist. Abgesehen vom kleinen Unterschied ist auch das Gehirn geschlechtsspezifisch gebaut, der gesamte Organismus anders ausgelegt, nicht nur was die Hormone, sondern auch was z. B. die Metabolik betrifft. Die Medizin registriert erst in allerletzter Zeit, dass Medikamente bei Frauen anders wirken, oder ein Herzinfarkt bei einer Frau ganz anders ausschaut als beim Mann. Weshalb die Sterblichkeit durch Herzinfarkt bei Frauen höher ist als bei Männern, weil der Unterschied in den Symptomen zu wenig bekannt ist und der Notfall bei Frauen daher öfter übersehen wird. Es hätte also weit mehr Sinn, sich über die Unterschiede zwischen männlich und weiblich zu vertiefen, als diese nivellieren zu wollen.
Man könnte stundenlang weiterdiskutieren, aber das Prinzip sollte klar sein: Emanzipation kann nicht bedeuten, Männer und Frauen einander anzugleichen. Das wäre für beide ungesund. Es kann nur bedeuten, dass Frauen als Frauen anerkannt, gesehen und geschätzt werden, und nicht als verkappte Männer, die dann ihrerseits in die verweichlichte Rolle gedrängt werden. Dass Frauen die gleichen Rechte haben sollen, aber nicht den Männern nacheifern MÜSSEN. Dass sie jeden Beruf, den sie ergreifen möchten, auch nach Belieben ausüben können, aber nicht MÜSSEN. Eine Frau darf aber auch nicht aus ideologischen Gründen diskriminiert werden, wenn sie zuhause bleiben möchte. Sinnvolle Emanzipation sollte den Frauen nicht ihre Freiheit nehmen, sondern ihnen die Wahlfreiheit garantieren. Es kann doch nicht das Ziel sein, eine Unfreiheit durch eine andere zu ersetzen.

Was die Partnerschaft betrifft, da liegt sicher noch vieles im Argen. Von Partnerschaft kann wohl noch lange keine Rede sein. Da sitzt viel kulturell Gewachsenes noch zu tief. Da träumen viele Frauen vom „neuen Mann“, der Gefühle zeigt, der im Haushalt mitarbeitet und sich mit den Kindern beschäftigt – um dann mit den nächstbesten Macho davonzuziehen. Andere spielen nicht mehr mit und agieren selber testosterongesteuert. In der Türkei gibt es eine Untersuchung, der zufolge sogar die türkischen Macho-Männer zuhause mehrheitlich die zweite Rolle spielen. Vielleicht müssen sie deshalb wenigstens auf der Straße den Berserker rauslassen. Durchaus nicht so überraschend, trägt doch alles seinen Gegensatz in sich (Yin-Yang).
Was unterscheidet eine testosteron-getunte Frau von einer wirklich selbstbewussten Frau, die es nicht nötig hat ihre Weiblichkeit zu verleugnen? Und nur die kann das Ziel der Emanzipation sein. Man ist versucht zu sagen, nur eine Frau, die sich ihrer Weiblichkeit bewusst ist, ist auch eine starke Frau. Andererseits kann wohl nur ein Mann, der sich seiner Männlichkeit bewusst ist, eine Frau wirklich als Frau anerkennen. Aber natürlich gehört dann zur Männlichkeit mehr als das stereotype Männerbild. Es gehört wohl mehr Männlichkeit dazu, zu seinen Gefühlen zu stehen, als einem Widersacher in die Fresse zu hauen oder den Macho herauszustreichen.

Womit wir bei der Emanzipation der Männer wären. Ja, auch Männer werden diskriminiert oder diskriminieren oder disqualifizieren sich vielfach selber. Und sie werden zusätzlich noch durch die (eher schieflaufende) Emanzipation der Frauen verunsichert. Frauen müssen sich verleugnen, in der Männerwelt ihren Mann stehen, um als emanzipiert zu gelten. Männer verleugnen sich, um einer stereotypen Männerrolle zu entsprechen. Woran man immerhin sieht, dass die Frauen bereits weiter sind auf diesem Weg als die Männer. Frauen drängen aus ihrer ihnen fälschlich zugeschriebenen Rolle heraus, Männer versuchen krampfhaft, in der Stereotypie drinnen zu bleiben. Aber vielfach ist die Alternative für Frauen die Vermännlichung, die Alternative für Männer der verweichlichte Softie. Und das geht wohl beides am Sinn des Ganzen vorbei.
Irgendwie ist es daher noch Utopie, dass Frauen zu ihrem Frau-Sein stehen und auch als Frau anerkannt werden. Genauso wie es noch Utopie ist, als Mann zu seinem Mann-Sein zu stehen. Beides hat nichts mit Rollenbildern zu tun. Die „Rollen“ sind verschieden und variabel, nicht an einem Typ festzumachen. Man müsste dahin kommen, dass Mann und Frau etwas eher Abstraktes ist, dass es eher darum geht, sich zu überlegen: Was ist Mensch mit (überwiegend) weiblichen Eigenschaften? Und was ist Mensch mit (überwiegend) männlichen Eigenschaften? Im alten Männerbild hat ein Mann keine Gefühle zu haben oder zumindest nicht zu zeigen. Kein Wunder, dass viele Männer darin Analphabeten sind. Wirklich männlich wäre es aber, offen zu seinen Gefühlen zu stehen.
In Beziehungsfragen dürfte es auch nicht in Tarzanmanier darum gehen, ich Mann, du Frau… Sondern wie können wir unser Spannungsfeld so leben, dass sich Männliches und Weibliches die Balance hält. Und das ist durchaus ein fluktuierendes Feld. Der Mann muss nicht immer stark und die Frau nicht immer passiv sein, und ins Gegenteil zu fallen, wäre genauso ungesund. Es wird Situationen geben, wo er stark ist, Geborgenheit vermittelt, und sie sich anlehnen und geborgen fühlen kann. Und dann wird es auch Situationen geben, wo sich das umdreht, wo er in der Beziehung Halt sucht und sie diesen Halt geben kann. Da geht es nicht mehr darum, welche Rolle spiele ich, welche Rolle spielst du, sondern was brauche ich und was kann ich geben – und was je nach Situation verschieden sein kann.

Nur so ein paar Ideen zu einem unerschöpflichen Thema.