Die Notwendigkeit, Gesetze zu übertreten

Italienern oder Südländern, die zum ersten Mal nach Österreich oder Deutschland kommen, fällt vor allem eines auf: Menschen, die um 2.00 Uhr in der Nacht – kein Auto weit und breit in Sicht – vor einer roten Ampel stehen und geduldig warten, bis sie sich endlich erbarmt und auf grün schaltet. Je nach Temperament sind die Beobachter solcher Szenen irritiert oder lachen sich zu Tode.

Volke Tegetthoff erzählte beim 3. C.G. Jung Symposium, Oktober 2018 in Bruck an der Leitha unter anderen folgende Geschichte:

DSC_0306[1]Ein Schüler hatte sehr lange bei seinem Meister gelernt und sollte nach einer letzten Prüfung ins Leben entlassen werden. Der Meister stellte ihm folgende Aufgabe: Er zeigte ihm einen Vogelkäfig und verlangte vom Schüler, den Vogel, der nicht und nicht sang, mit dem, was er bei ihm gelernt hatte, zum Singen zu bringen. Nur eines war ihm verboten: Er durfte die Käfig-Tür nicht öffnen. Dann ließ er ihn mit dem Vogel allein.
Der Schüler versuchte alles, er gab ihm zu fressen und zu trinken. Der Vogel sang nicht. Er erzählte die schönsten Geschichten, der Vogel sang nicht. Er sang ihm alle Lieder vor, die er kannte. Der Vogel sang nicht. Erschöpft wusste er nicht mehr weiter.
Da kam der Meister zurück, sah die Bescherung, schüttelte den Kopf und sah ihm tief in die Augen. „Du hast nichts gelernt. Du hat überhaupt nichts gelernt.“ Der Meister ging zum Käfig, öffnete die Tür, der Vogel flog ins Freie und sang voll Freude. „Aber Meister“, antwortete verdattert der Schüler, „gerade das hast du mir ja verboten!“
„Du hat nichts verstanden“, wiederholte der Meister. „Mit dem Verbot habe ich dir doch schon den Hinweis gegeben, wo die Lösung zu finden ist. Du aber hast das Gesetz über die Empathie und das Leben gestellt. Nichts hat du verstanden!“

Manchmal ist es sogar notwendig, das Gesetz zu ignorieren.

Auch in der Bibel gibt e ähnliche Erzählungen. Etwa als die Jünger am Sabbat die Kornähren aßen, und Jesus erklärt: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“ (Mk 2,23-28). Oder als einige der Jünger ihr Brot mit ungewaschenen Händen aßen. (Mk 7,1-15).

Manchmal muss man die wörtliche Aussage eines Gesetzes übertreten, um seinen Sinn zu erfüllen.

In den 1970er Jahren war ich in einer Yogagemeinschaft. Es war dort strikt verboten den Ashram mit Schuhen zu betreten. Doch einmal erzählte der Swami, das er selbst als Schüler einmal den Ashram bewusst mit Schuhen betreten hatte, um zu sehen, wie es sich anfühlt, das Gesetz zu übertreten.

Wer keine Vorstellung davon hat, wie es ist, ein Gesetz zu übertreten, der kann es auch nicht bewusst und selbstbestimmt halten.

Ethik kommt von innen
Wir lernen, was gut und was schlecht ist, zunächst von den Eltern, Lehrern, Vorgesetzten usw. Nach Freud bauen wir damit ein Über-Ich auf. Die Formel dafür: MAN tut dies, oder man tut jenes nicht. Es gibt Menschen, die ein Leben lang danach leben und sich für moralisch halten. Doch das hat nichts mit Moral zu tun. Die Intention kommt nicht vom Ich, sondern von außen. Moral heißt, ein Ich aufzubauen und aus diesem Ich heraus, aus eigener Überzeugung selbstbestimmt zu handeln. Wer das Richtige tut, nur weil „man“ es so macht, ist eigentlich unmoralisch, auch wenn er sich richtig verhält. Ethisch sind nur die eigenen Überzeugungen, nicht von außen übernommene Moralvorstellungen. Ethik kommt von innen, nicht von außen.
Ein starkes Über-Ich ist immer verbunden mit einem schwachen Ich, eine labile Situation, die leicht kippen kann. Etwas Unvorhergesehenes im äußeren Leben, oder aufbrechende unbewusste Tendenzen können unberechenbare Reaktionen auslösen, die nicht mehr durch das Über-Ich reguliert werden können. Im Extremfall führt das zu Verbrechen, die ein Mensch begeht, den die Nachbarn als netten und biederen Menschen beschreiben.

Ein starkes Über-Ich verhindert, sich mit dem eigenen Schatten zu beschäftigen. Aus irgendeinem Auslöser mit diesem Schatten konfrontiert, ist man ihm hilflos ausgeliefert, und alle Über-Ich „Moral“ kann zusammenbrechen.

Alle obigen Erzählungen handeln davon, dass ein zu starkes Über-Ich die spontane Lebendigkeit verhindert. Daher ist es unter Umständen wichtig, auch einmal Gesetze bewusst zu übertreten. Damit richtet sich der Fokus auf das Ich, und vom äußeren Wortlaut weg auf den inneren Sinn von Gesetzen. Erst dadurch wird bewusstes, selbstbestimmtes ethisches Handeln möglich.

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Zwischen Gesetz und Leben

Dubia“ oder „Sine Dubiis “, das ist die Frage!

Wenn  es – abgesehen von der Verankerung in der Transzendenz – einen Grund gibt für das Bestehen der Kirche, dann ist es ihre Vielfalt. Und wenn es ein Charakteristikum unserer Zeit gibt, dann ist es die (künstliche) Polarisierung. So gibt es vor und nach dem Konzil die Polarisierung zwischen „Konservativen“ und „Progressiven“, und wenn das Konzil gescheitert ist, dann nur darin, dass es das Ziel, diese Polarisierung aufzuheben, letztlich nicht geschafft hat. Trotzdem muss man auch heute noch bekräftigen, dass wenn „konservativ“ bedeutet, an der Tradition festzuhalten, dass das impliziert, dass diese Tradition auch fort- und weitergeschrieben wird, also genau das, was „progressiv“ meint. Und wenn „progressiv“ Weiterentwicklung bedeutet, dann geht das nur auf der Basis des Ursprungs (was sonst sollte weiterentwickelt werden?), also genau das, was „konservativ“ meint.

Das entspricht natürlich nicht der faktischen Polarisation. Da geht es den (Pseudo-)„Konservativen“ oft nicht um das Bewahren des Ursprungs, sondern des Gesetzes. Dass das an der Lehre Jesu vorbei geht, der sich oft und oft gegen die „Gesetzestreue“ der Pharisäer gewandt hat, ist offensichtlich. Die „Progressiven“ verlieren dagegen manchmal die Verbindung zum Ursprung und verfolgen eigene Ziele. Auch das ist nicht im Sinne des Erfinders.

Nun ist es interessant, dass es auch eine Polarisation innerhalb der sich als „konservativ“ Bezeichnenden gibt. Da sind die vier „Dubia-Kardinäle“, die offen und öffentlich gegen den Papst auftreten, und da sind die Initiatoren von „Sine Dubiis“, die zur Solidarität mit dem Papst aufrufen. Wobei sie bestimmten katholischen Journalisten vorwerfen, ein marginales Problem (!) künstlich am Köcheln zu halten, und mit ihrem Aufruf selbiges tun. Sie meinen, dass vier Kardinäle zwar eine marginale Minderheit sind, die Haltung, die sie vertreten allerdings ansteckend sei.

Nun ist einer von diesen Vieren Raymond Leo Kardinal Burke, der schon vor den „Dubia“ für Gelächter einerseits und Ehrerbietung andererseits gesorgt hat. Für die einen ist sein Outfit eher eine Karikatur der römischen Beamtenkleidung (auf die das Priestergewand ja auch zurückgeht, ebenso wie die kirchlichen Titel und die Hierarchie – alles nicht ursprünglich christlich). Für die andern, für die der aktuelle Papst einen Ausverkauf der Lehre der Kirche veranstaltet, ist Burke bereits der künftige Papst. Angesichts so vielen Unsinns ist es wirklich schwer, die Dubia ernst zu nehmen.

„Die Tagespost“ vom 25. Feb. 2017 brachte ein Pro und Kontra „Sine Dubiis“. Deren Initiatoren, Matthias Jean-Marie Schäppi und Friedrich Reusch,  legten dar, dass die Aussagen des Papstes in Amoris laetitia nicht über die Lehre der Kirche hinausgehen, sondern diese weiterentwickeln. Motiv war vor allem, dass die „Hermeneutik des Misstrauens“ hochgradig ansteckend sei. In erzkonservativen Kreisen ist sie das sicher. Befremdlich sind die Seitenhiebe auf Luther oder die Feststellung, dass die Piusbrüder bald in die Kirche zurückkehren könnten. Ohne Anerkennung des Konzils kann das aber nicht geschehen, und die Nicht-Anerkennung (trotz Unterschrift Lefebvres auf den Konzilsdokumenten) führte ja zur Spaltung. Da ist bei aller Offenheit des Papstes keine Rückkehr zu erwarten.

Als „pauschaler Bann über treue Katholiken“ bezeichnet in seinem Kontra Michael Hesemann, Historiker und Publizist, den Aufruf zur Papsttreue. Wobei er anscheinend nicht treue, sondern gesetzestreue Katholiken meint. Papst Franziskus bezeichnet er „als so eine Art ‚Dorfpfarrer des global village‘ mit einem großen Herzen für die Menschen in der Peripherie“. Vieles sähe er positiv, aber er kritisiert doch seine „typisch lateinamerikanische Perspektive“ – so als hätte das Konzil nicht von einer Aufwertung der Ortskirchen gesprochen – und in vielen Fragen verlasse sich PF auf seine (schon auch mal falschen) Berater – so als ob Berater ausschließen, dass man sich dann eine eigene Meinung bildet. So kann man den Papst kritisieren, ohne ihn anzugreifen. Und er betont, dass auch ein Papst seine Stärken und Schwächen habe – das kann man nachvollziehen.

Was „Sine Dubiis“ betrifft, gehe es aber um etwas anderes. „Nämlich um eine Marginalisierung und Diskreditierung kritischer Stimmen, allen voran der vier Kardinäle, die ihre Fragen zu Amoris laetitia stellten.“ Es gehe um die Sorge um einen Missbrauch dieser einen Fußnote von AL. „Sie führte dazu, dass der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen in verschiedenen Diözesen und Ländern unterschiedlich gehandhabt wird.“ Da muss man ganz klar sagen, sie führte nicht dazu, sondern das war schon vorher so, und das war auch im Sinne des Konzils. Die beschworene Einheit der Kirche besteht nun wirklich nicht im Betonieren von Gesetzestexten, sondern im Handeln im Sinne Christi. Und das ist etwas völlig anderes. Da geht es auch im individuelle Gegebenheiten und kulturelle Unterschiede, vor allem um das Gewissen jedes Einzelnen. Eine Klärung ein für alle Mal und ein Festschreiben für alle an jedem Ort und zu jeder Zeit zu fordern, sodass niemand mehr selbst zu denken braucht, wäre nicht „aus Liebe zur Kirche“. Wer lesen kann, für den ist AL klar und deutlich, wer das Machtwort eines Kirchenfürsten erwartet oder mit diesen unsäglichen „Dubia“ erzwingen will, um dann Marionette spielen zu dürfen, der hat nichts von menschlichen und Göttlichen Dingen verstanden.

Hesemann wirft den Initiatoren des Aufrufs zur Papsttreue vor, das Urteil vorwegzunehmen und „den pauschalen Bann über konservative Katholiken“ auszusprechen, deren Anliegen doch gerade die Bewahrung der Kirche vor einer Verwässerung ihrer Lehre durch protestantisierende Ideen“ sei – womit er diese Verwässerung der Lehre der Kirche indirekt dem Papst vorwirft.

Und genau dagegen verwehrt sich „Sine Dubiis“!