Weihnacht

DSCN4482„Wäre Jesus hundertmal in Bethlehem geboren, es wäre vergeblich gewesen, wenn er nicht in uns geboren wird.“ So formulierte es Angelus Silesius sinngemäß. Für die Religion, oder besser Spiritualität, ist ein historisches Ereignis wichtig, aber sekundär. Religion/Spiritualität betrifft das Innenleben, das biblische Geschehen muss sich in uns ereignen, wenn es „wahr“ werden soll.

Wir halten so viel auf Evolution und Fortschritt, und übersehen dabei, dass Fortschritt auf einem Gebiet auch zugleich Rückschritt auf einem anderen sein kann. Messen wir Fortschritt an Rationalität, dann gibt es zweifellos einen nahezu kontinuierlichen Fortschritt. Nehmen wir Spiritualität, dann ist es nicht so sicher, und nehmen wir das Emotionale, das Innenleben und das Symbolverständnis, dann müssen wir eher von einem Rückschritt ausgehen.

„Religionen sind nicht notwendig religiös“, sagt David Steindl-Rast. Religiöser Fundamentalismus – das wörtlich Nehmen religiöser Texte – geht weit am Religiösen vorbei. In dieser Zielverfehlung treffen einander der religiöse Fundamentallismus und die atheistische Religions- und Kirchenkritik.

Lassen wir die Kirche als Institution einmal weg, sie ist nur zerbrechliches Gefäß für Inhalte, die kaum mehr sichtbar sind. Sie ist Bewahrerin der äußeren Form, in der jeder Einzelne den Inhalt, den inneren Sinn für sich entnehmen kann. So wird auch Weihnachten gefeiert wie eh und je, wenn nicht jeder Einzelne etwas daraus macht bleibt es leere Hülse, die bloß der Vermarktung dienlich ist.

Zu Weihnachten in die Christmette oder das Hochamt am 25. Dezember zu gehen, tun viele, die sonst nie eine Kirche betreten. Was könnte es bedeuten?

Das Gotteshaus (beth lechem = Haus Gottes) ist als Haus eigentlich Symbol des Menschen. Das Wohnen umfasst die Wohnräume im Erdgeschoß (= Bewusstsein), den Schlafraum (= Ruhe und Intimität), die Küche (= alles Nährende und Energetische) usw., das Dachgeschoß (= das Rationale), den Keller (= das Unbewusste, Vergangene). Das wäre die Struktur des in der Welt Wohnens.

Natürlich sieht jedes Haus individuell anders aus. Es kann eine Hütte oder eine Villa sein, eine Kathedrale oder ein Stall. Weihnachten bedeutet, dass das unnennbare Geheimnis selbst noch in einem Stall geboren werden kann. Der göttliche Funke, das Göttliche Kind, macht keinen Unterschied, das Licht wird gerade oft erst in der tiefsten Dunkelheit geboren. Der Tag beginnt um Mitternacht, heißt es.

Hier im Stall ist das Göttliche Kind umgeben von Ochs und Esel, von den tierischen Trieben. Das bedeutet, dass das Unterste und das Oberste zusammengehört. Für die Menschen in den bürgerlichen Häusern und in den Villen ist das unverständlich und anrüchig. Eher verstehen das die Hirten auf den Feldern, das Gesindel, das wild in der Natur und unter den Tieren sein Leben fristet. Die brauchen sich nur dem Höheren zu öffnen, das Niedrige, Tierische bringen sie schon mit. Die „Normalbevölkerung“ in den Häusern und Villen sieht es als „vernünftig“ an, das Niedrige und das Höhere zu meiden. So bekommen sie von diesem innersten Ereignis auch nichts mit.

Wer es noch mitbekommen hat, sogar schon im voraus, das sind die Weisen aus dem Osten – von den Einheimischen herablassend als Heiden bezeichnet. Manchmal haben die „Ungläubigen“ den äußerlich Gläubigen etwas voraus. Sie sind Weise, Könige, Astrologen, Esoteriker – jedenfalls Andersartige, Fremde. Kann ja gar nicht sein, dass ausgerechnet diese die Bedeutung der Stunde, dieses bedeutsamen Jetzt – und es ist immer jetzt – erkennen.

Dass die Machthaber diesen Einbruch des Geistigen eliminieren wollen, braucht nicht extra erklärt zu werden.

Um aber diese Geschichte religiös fruchtbar zu machen, muss sich das alles in uns ereignen, nicht vor 2000 Jahren, sondern im stets sich ereignenden Jetzt. Selbst wenn unser Leben ein Stall ist, eine verfallende Hütte oder eine abgeschlossene Höhle, das innere Licht ist nicht-lokal, es erscheint, wo es nicht abgewiesen wird von den Wirten der Konsumgesellschaft. Dem Göttlichen Kind ist es gleich gültig, es macht keinen Unterschied zwischen Villa, Schloss, Hütte oder Stall. Den Unterschied machen nur wir selbst.

Wer sich aber dem Geheimnis öffnet, der lässt Dynamik zu, lässt sich und seine innere Wohnung umgestalten. Religionen sind nicht gegen Evolution, ganz im Gegenteil, sie sind für die innere Evolution, durch welche die äußere – ganz im Sinne Teilhard de Chardins, auch wenn er nicht einmal von der Kirche verstanden wurde – weitergeführt wird.

Es ist eigentlich absurd, dass diejenigen, die im Namen der Evolution den Atheismus missionieren, jegliche innere Evolution negieren. Warum diskutieren wir aufgeregt darüber, ob es eine Evolution gibt oder nicht? Warum diskutieren wir nicht besser darüber, ob und wie es eine weiterführende Entwicklung gibt?

Subtil betrachtet ist es ein Schritt bewusster Entwicklung, in die Kirche zu gehen. Wer sich meditativ damit beschäftigt hat, wie sein eigenes Haus, das Symbol seines Selbst, aussieht, ob es Stall ist, Hütte oder Villa, wie geräumig es ist, ob er/sie Dachboden und Keller kennt, ob er vielleicht nur einen Raum bewohnt oder das ganze Haus, usw., der wird im Bild der Kathedrale das Ziel seiner persönlichen Evolution sehen.

Was die Messe bedeutet, ist ein eigenes – nicht konfessionelles, sondern symbolträchtiges – Thema, aber es heißt auch „der Messe beiwohnen“, sich das Bild des sakralen Hauses, das dem Geistigen geweiht ist, einzuprägen. Es ginge darum, dieses zu verinnerlichen, an diesem Symbol zu wachsen und das eigene Haus – sei es Stall, Hütte, Haus oder Villa – in dieses Bild hineinwachsen zu lassen. Früher hatte man auch zuhause im Hausaltar oder in den Villen und Schlössern in der Hauskapelle dieses Bild vor Augen, an dem es innerlich zu wachsen gilt. Einfach deswegen, weil der Mensch ein mehrdimensionales Wesen ist. Damit reicht er, mit allen Zwischenstufen, vom Körperlichen bis zum Spirituellen. Diesen inneren Raum sollte man weder unten noch oben beschneiden.

Ein anderes Symbol ist er Baum, ebenfalls ein Symbol des Menschen. Der Lichterbaum wäre das Symbol des entwickelten Menschen mit seinen strahlenden Lichtzentren. Unnötig darüber zu diskutieren, ob er ein übernommenes heidnisches Symbol ist. Symbole sind in allen Kulturen die gleichen, auch wenn die Erscheinungsformen andere sind.

Von Tod und Leben

Mitternacht,
jeglicher Sonne bar,
selbst der Mond versteckt sich hinter düstern Wolken.
Doch die Mitte der Nacht geht vorbei.
Noch ist‘s nur Ahnen,
dass tiefes Schwarz zerrinnt in Düsterheit.
Wolkenfetzen irren am Himmel;
wenn sie Schatten werfen,
aus düsterem Schwarz ist Grau geworden.
Ein heller Streif am Horizont,
es setzt sich fort mit zögernder Macht,
was sanft begann um Mitternacht.

Ein baufällig Haus wird abgerissen,
wohnlich einst, doch nicht mehr tragbar.
Schutt und Steine erschüttern die Erde,
ringsum alles Grau und Staub.
Ein neues zu bauen wär jetzt ganz ähnlich,
Bauschutt, Gemäuer, Reste von Beton,
überdecken, was vorher Gras und Grün.
Sonne durch offene Fensterhöhlen,
Sturm, Wind und Regen johlen.
Wie wohnlich wär jetzt ein ganz kleiner Garten,
mit jungen Bäumen, zarten Knospen,
Ein Platz zum Ruhen, ein Platz zum Warten,
ausgebreitet im Mondenschein.

Weinstock entblättert, bar jeden Grüns,
scheint vertrocknet, verdorrt,
bedeckt noch mit Schnee.
Tief unten die Wurzeln vermodern
im einsamen, dunklen Hort.
Kein Licht dringt dorthin,
nur die Geschöpfe der Unterwelt
lüften und lockern das Erdreich,
der Verwesung tut‘s gut. Und dort,
wo die Wurzel schmerzlich vermodert,
reckt sich ein neuer Trieb.

Schöner Wohnen

Davon träumen doch alle: eine Wohnung, ein Haus, Gemeinsamkeit – und dann?

Das Wohnen soll für Beziehung stehen, das Haus, die Wohnung für das, was man gemeinsam baut, gemeinsam einrichtet. Es ist manchmal sinnvoll, in Bildern zu sprechen, auch wenn wir das längst verlernt haben. Wir wissen ja gar nicht mehr, dass etwa das geozentrische Weltbild nicht widerlegt ist, sondern einfach einer anderen Sprache entstammt: das Materielle, das vom Seelischen, Spirituellen und Geistigen umgeben ist. Das stimmt als Bild so noch immer, auch wenn wir längst wissen, dass die Erde die Sonne umkreist und nicht umgekehrt. Aber vom Planeten Erde war im „geozentrischen“ Weltbild ja gar nicht die Rede. Was damit ausgesagt wurde, ist nicht widerlegt, sondern vergessen.

In unserer heutigen schnelllebigen Zeit müssen auch Beziehungen rasch und problemlos auf Schiene gestellt werden. Das Haus ist heute schnell gebaut, eine Hütte steht mit ein paar Handgriffen, und auch ein „richtiges“ Haus ist als Fertigteilbau in drei Tagen „bezugsfertig“. Aber wenn die Freude über die neuen Wohnverhältnisse ebenso rasch verfliegt, ist die Wohnung rasch wieder leer, auch wenn man noch zusammen ist. Und selbst wenn man es gar nicht will, es kracht im Gebälk, Wände, die Freiraum schaffen sollten, werden eingerissen, Lügengebäude stürzen ein, und irgendwann kracht das ganze Gebäude zusammen und es bleibt nichts als Bauschutt. Man bemerkt – zu spät – dass man gebaut hat, ohne auf den Grund zu achten. Der Baugrund war eigentlich nicht zum Bauen geeignet, das Fundament trägt nicht. Da hilft dann das schönste Haus nichts, es war ein Kartenhaus.

Und da der Mensch ein Gewohnheitstier ist, immer nach demselben Muster agiert und reagiert, kommen neue Beziehungen, neue Wohnungen, neue Häuser, fallen genauso in sich zusammen. Man gibt die Schuld dem Partner, der alles versprochen und nichts gehalten hat, der gelogen und betrogen hat, oder sich einfach anders entpuppt hat als in der Eile des Gefechts angenommen. Aber nach mehreren solchen Projekten beginnt man zu denken: Immer dasselbe Muster, was habe ich selbst dazu beigetragen? Ist es nicht mein Muster? Und daher immer dieselben Akteure?

Ist die Fertigteilbauweise nicht eine Illusion? Und hat man nicht dauernd auf Sand gebaut? Man ist müde vom dauernden Bauen, der wechselnden Baustellen, die immer Arbeit, Anstrengung, mitunter auch Drecksarbeit, Keller ausheben, Fassaden aufziehen, Dach einrüsten usw. bedeuten. Und am Ende sieht man, es war ohnehin vergeblich! Auch wenn das angestrebte Ziel ein schönes Haus ist – wenn etwas schief geht, bricht das ganze zusammen und es bleibt nur Bauschutt, und das Wegräumen braucht wieder Zeit und Arbeit. Am Ende sollte ein bewohnbares Haus stehen, Gemeinsamkeit, Vertrauen, Liebe – und dann wieder nur Verzweiflung. Das Vertrauen in das Vertrauen schwindet.

Wie aus diesem ermüdenden Kreislauf herauskommen? Keine neue Baustelle, keine Wohnung, kein Haus mehr. Angst…  Angst, es könnte wieder so enden. Das eigene Leben in die Hand nehmen. Ohne neue Baustelle. Selbständig, allein, einsam, frustriert, verzweifelt – ist das die Lösung?

Oder das bisherige Muster reflektieren. So will ich es nie wieder. Aber wie anders? Ich bin müde. Ich kann nicht mehr. Wie soll ich es in diesem Zustand alleine schaffen?

Oder Innehalten, Besinnung. Was hat denn immer gefehlt? Worauf haben wir nie oder kaum geachtet? Ein solides Fundament und ein tiefer Grund, auf dem man ein Haus hätte bauen sollen. Nicht gleich mit dem Hausbau beginnen…

Was dann? Eine neue Baustelle kommt nicht infrage. Dazu fehlen Energie und Vertrauen. Aber warum nicht anfangen mit dem, was immer gefehlt?

Wenn am Horizont jemand auftaucht, der (wieder) von Gemeinsamkeit spricht, mit dem man sich sogar Gemeinsames vorstellen könnte – wäre da nicht diese Angst, wieder auf die Nase zu fallen… Nur keine neue Baustelle, das ist jetzt einfach nicht zu schaffen.

Aber auch ein Haus muss auf einem Grund aufbauen, worauf die gängigen „Baustellen“ meist vergessen. Warum nicht dort beginnen, wo andere aufhören. Beziehung braucht zuallererst einen tiefen Grund. Ein Grundstück, auf dem zunächst mal gar nichts steht oder gebaut werden muss, das aber die Bedingung für alles Weitere ist, auch wenn all dies zunächst völlig offen bleiben kann.

Diesen Grund muss man nicht bauen, den muss man finden. Er ist entweder da oder nicht. Wenn man den Eindruck hat, er ist da, dann hat man ihn gefunden. Und er ist zunächst ein Stück Natur, d.h. eigentlich ein Geschenk! Warum sollte man es nicht annehmen?

Erst dann kann man dieses Grundstück kultivieren, verschönern, bepflanzen mit Blumen, Kräutern, fruchtbringenden Bäumen… Alles am Boden. Noch immer keine Baustelle, kein Haus, das in sich zusammenfallen könnte. Ein Stück freier Natur, auf dem man sich treffen, austauschen, gemeinsam pflanzen, gießen, planen, beobachten, genießen, innehalten, in der Sonne liegen kann. Licht und Wärme statt vorzeitiger Mauern.

Voraussetzung ist, dass es diesen tiefen Grund überhaupt gibt. Aber wenn, dann ist es nicht mal entscheidend, ob der andere das auch so sieht. Wenn nicht, dann beginnt man eben mit dem Pflanzen, Gießen, kultivieren. Und wenn der andere dann doch überraschend vorbeikommt, sind bereits die ersten Knospen da, an denen man sich schon gemeinsam freuen kann. Und dann wird man den Garten gemeinsam  weiter bepflanzen, pflegen und gestalten.

Dazu braucht es keine Baustelle, kein Haus, nicht mal ein Gartenhaus. Das mag zwar irgendwann passieren, muss dann aber auch gar nicht gängiger Architektur entsprechen, sondern einzig und allein unseren Vorstellungen und Bedürfnissen. Wir haben ja gemeinsam den Boden bereitet, Blumen und Bäume gepflanzt, Früchte (Projekte…) geerntet usw.

Und sollte dann wirklich einmal der Wunsch nach einem Haus wachsen, wird es auf einem soliden Grund stehen.