Gegensätze und Auferstehung

Warum sind fundamentale Christen und Rechtsradikale einander so ähnlich? Warum wählten 81 Prozent der evangelikalen Wähler den Inbegriff des „bad boy“, Donald Trump? Psychologisch ist es nur zu verständlich, dass diejenigen, die sich „ganz“ dem Guten verschreiben, das „Böse“ verdrängen und abgespalten haben, und genau deshalb auf jemand hereinfallen, auf den sie es projizieren können. Es scheinen die Hyper-Christlichen zu sein, und doch ist das Christentum selbst ganz anders.

Mit Christi Geburt wurde die Welt gespalten in Oben und Unten, Himmel und Hölle, den Herrn des Himmels und den Herrn der Erde.  Im aktuellen Geschehen war diese Spaltung dazu da, das Bild Gottes, die imago dei, klar herauszustellen. Und wiewohl Christus als die Ikone Gottes das Symbol der Ganzheit ist, so muss er doch, um wirklich Ganzheit zu werden, das Untere auch integrieren, daher „hinabgestiegen in die Hölle“, um auch das Böse hineinzunehmen in die Auferstehung.

Dies ist der Teil des Mysteriums, der im danach entstandenen Christentum fehlt, abgespalten und verdrängt wird. Daraus entstehen Leibfeindlichkeit, Weltabgewandtheit, Selbstgeißelung usw., die allesamt dem Christentum eigentlich fremd sind. Die Trennung musste erfolgen, um das Obere, das Himmelreicht Gottes sichtbar zu machen. Aber wenn man genau hinschaut, ist es nicht bei dieser Trennung geblieben.

Noch im Alten Testament, etwa bei Hiob, ist der Teufel bloß der Versucher des Menschen, Gott noch viel näher, beinahe ein Berater Gottes. Zum Antichrist wird er erst im Neuen Testament. Er ist immer noch der Versucher, aber bereits der Herr der Welt, der gestürzt werden muss. Und doch wird die Nähe zu Christus und der Notwendigkeit der Vereinigung der Gegensätze im Neuen Testament immer wieder angespielt.

Jesus wählt auch Judas, quasi den Vertreter des Teufels, unter seine Jünger, eben weil er dessen Tragik voraussah. Das Gute ist nicht zu schaffen, wenn das Böse nicht integriert wird. Die Parallele zwischen Petrus und Judas ist auch nicht zu übersehen. Beide verraten Jesus. Man könnte sogar sagen, dass der Verrat des Judas der geringere war, könnte man ihm doch eine „gute“ Absicht unterstellen, Jesus damit herauszufordern, sich als (politischer) Messias zu outen, während der Verrat des Petrus reine Feigheit war. Nur die Reaktion ist anderes: Während Petrus sich wieder öffnet und die kleinlich-ängstliche Ich-Zentriertheit wieder aufgibt, verschließt sich Judas darin und richtet sich selbst.

Während des Gerichtsverfahrens ist der Schatten Christi ganz nahe: Die Menge fordert anstatt der Freilassung Jesus die des Barabbas. Und Bar-abbas heißt nichts anderes als (auch) Sohn des Vaters. Immer noch geht es um das Wählen des einen oder des anderen. Die „Menge“ will einen irdischen, politischen Messias, nicht einen weltabgewandt-himmlischen. Die Doppelnatur Christi kann sie nicht begreifen.

Am Beispiel der beiden Mitgekreuzigten wird aber dann gezeigt, wie hauchdünn der Gegensatz ist. Beim einen bedarf es nur eines einzigen Satzes („Denk an mich, wenn du im Paradies bist“), und er kann sein ganzes verbrecherisches Leben mit in den Himmel nehmen.

Schon im Gleichnis vom verlorenen Sohn oder vom gütigen Vater wurde gezeigt, dass dem etwas Entscheidendes fehlt, der sich allein dem Guten verschreibt. Der Schatten ist dann in Form des Neides immer wieder da. Dagegen wird ein Fest gefeiert, wenn jemand sein ganzes elendes Leben zurück- und damit mitbringt. Denn es geht dabei nicht um die „späte Einsicht“ (die wäre rein intellektuell und existenziell ziemlich dürftig), sondern darum, dass er sein verunglücktes Leben ins Ganze integriert. Das ist es, was er dem anderen, der stets der „Gute“ war, voraushat.

Ohne das „Hinabgestiegen in die Hölle“ wäre die Auferstehung nichtssagend. Sterben ist ja nichts Außergewöhnliches. „Leben in Fülle“ ist nur möglich, wenn die „Toten“ zum Leben erweckt, die „Hölle“ integriert, „Oben“ und „Unten“ verbunden werden.

Das Leben im „Guten“ ist eine Illusion, hat keinerlei Substanz. Wenn Christen immer noch glauben, das Böse bekämpfen zu müssen, zwischen Wir (die Guten) und die anderen (das Böse) unterscheiden und trennen zu müssen (auch in der Flüchtlingsfrage und im Anhimmeln von rechten Parteien), dann kann es sein, dass sie das Christentum gar nicht verstanden haben.

Auferstehung

In die Welt geworfen

zerbrechend

in gebrochener Welt

aber unendlich strebend

nach dem Unerreichbaren

es antizipierend

wirklich zu sehen.

 

Himmel und Erde

unversöhnlich

doch aufeinander

bezogen und angewiesen

 

Dann hüllte sich der Himmel

in irdisches Gewand  –

wie nahe der Himmel war

in seiner Unverstandenheit  –

und nahm das gebrochen

Irdische in den Himmel auf

 

Jetzt ist es möglich

im Gefängnis

den Himmel

offen zu sehen

dem, der es wagt

Fließen

 

Im Fragmentieren unserer Welt

haben wir den Lebensfilm

zu Standbildern degradiert.

So schnell sie auch aufeinanderfolgen

es wird kein Film mehr draus.

 

Die Zeiger der Uhren springen

von Sekunde zu Sekunde,

das Dazwischen überspringend,

um uns notdürftig zu erinnern,

dass da etwas Fließendes war.

 

Im Zusammensein vergeht die Zeit

wie in rasendem Fluge.

Im Warten dehnt sie sich

kommt kaum an ein Ende,

und Tränen lassen die Zeit stillstehen.

 

Als wäre sie in einem Standbild eingefroren.

Kein Zeiger, der weiterspringen würde,

als wär alles Fließen zu Eis erstarrt.

Nur Licht und Wärme der Sonne

könnte die Zeit wiederbeleben.

 

Erde getrennt vom Himmel

oder Himmel ohne Erdengrund

bringt kein Lebendiges hervor.

Nur wenn der Himmel sich zur Erde neigt,

kann Leben sich entwickeln.

See

Frühlingsstürme
rau gefühlt
Wellentürme
aufgewühlt
Blitze toben
Donner rollt
Sterne oben
kaum erholt

Wellen kräuseln
Lichter blitzen
Winde säuseln
bloß in Ritzen
Regen schwindet
Ruhe kehrt
Chaos endet
unbeschwert

Alles Tönen
weicht der Stille
Sterne krönen
ohne Wille
Himmel spiegelt
ohne Weh
wie beflügelt
ganz im See

Ohne Himmel?

Hätten kein Wetter, kein Wasser, kein Leben,
Sonne, Licht und Wärme würd’s nicht geben,
die Luft zum Atmen würde fehlen,
öde Wüste würd‘ uns quälen.

Sag noch einer: Bloß die Erde,
dass die Evolution uns werde,
alles ward aus trock‘nem Staub.
Doch bliebe alles seltsam taub.

Wär‘ unser Denken bodenverhaftet,
wüstenhaft wär‘ nichts verkraftet.
Ohne weiten Horizont und Himmelssphären
würd‘ Denken in sich selbst vergären.

Wär‘ bloß erdig unser Fühlen,
könnt‘ nur pulvrig Staub aufwühlen.
Könnte Steine nicht erweichen
und kein einzig Herz erreichen.

Blieb‘ am Boden unser Sehnen,
könnt‘ nur in die Breite dehnen,
Keine Grenzen überschreiten,
lichte Höhen sich nicht weiten.

Ohne Weltenall und Sternenreih‘n
dunkel wär‘ all unser Sein.
Fragmente würden schnell verweh‘n,
würd‘ Ganzes nicht über allem steh‘n.

Alles und nichts

Habe nun – hach 😉
Philosophie und Magie
den Ernst des Yoga
der Chassidim Humor
noch immer im Ohr
den Tanz der Indianer und der Derwische
Übungen für langes Leben
in Augenblicke geschmolzen und vergeben
mit Pho-wa das Sterben vorweggenommen
Zeit und Ewigkeit in eins vernommen
weites Land und höchste Höhen
in Tibet wie in mir

wieder und wieder versucht
Sphärenklänge am Boden zu verankern
Wellen brechen in jeder Bucht
Himmel und Hölle in Einklang zu bringen
Rausch des Weines und der Meditation
Gegensätze zu bezwingen
in ein Gespann sie beizubringen
Einheit mit Gewalt und leisem Flehen
in konkretes Leben hineinzusehen
hart am Boden aufgeschlagen
doch auch wenn’s wär komplett vermessen
nie den Himmel ganz vergessen

Ringen mit deinem Bild
lachen, lieben, weinen, singen
mit Sehnen, Wünschen, Träumen ringen
Felsen gerührt
zum Ideal erkürt
bleibst davon unberührt
verloren schon eh noch gewonnen
noch keine Form und schon zerronnen
vergeblicher Versuch zu einen
sinnlos jetzt dir nachzuweinen

liebestrunken
im Nebel versunken
vom Winde verweht
das Sehnen gerinnt
der Schmerz vergeht

alles musst‘ sein
sonst wär‘s nicht mein
alles musst gehen
und im Gehen verwehn
in Himmel und Hölle hinein

und am Ende bleibt nichts
und Platz für alles