Todestrieb

So gibt es ihn doch,

den Todestrieb?

Nicht als Drang zur Vernichtung,

sondern wehmütiges Drängen

in ein anderes, nicht dieses Leben.

 

Als Suche nach dem Ideal,

von Grenzen nur behindert,

der Endlichkeit zu entgehen,

dem Hier zu sterben,

um dort scheinbar zu leben.

 

Es wäre so einfach

sich der Begrenzung zu ergeben.

Der bunte Vogel

singt auch im Käfig,

und im Träumen wär er frei.

 

Doch ist es so schwer

im Gestein das Ewige zu sehen.

So verwerfen wir den Stein,

wieder verbunden im Innern,

dem Außen entschwunden.

 

Wie tiefgehend und so real,

doch eine andere Realität.

Dem Hier und Jetzt verdorben,

denn im Realen nicht zu sein,

nennt man doch gestorben.

 

Das Leben im Ideal ist stilles Glück,

das Endlichkeit nicht bieten kann.

Doch  wiegt ein einziges Aufblitzen

durch Begrenzung hindurch

knochenlose Verbundenheit auf.

Selbstliebe

Es ist heute so inflationär von Selbstliebe die Rede, und das klingt doch so oft nach Selbstillusion.

Selbstliebe hat wie alles in der Welt zwei Seiten.

Die eine ist: Ich sollte mich selbst so wie ich bin, mit allen, auch den dunkelsten Ecken und Kanten, erkennen und lieben.

Die zweite ist: Ich sollte mich hineinlieben in das Ideal meiner selbst. In religiöser Sprache: so wie Gott mich gewollt hat.

Diese Sprache ist vielen zuwider, aber es besagt nur, dass dieses „Bild“ aus einem unendlich größeren Rahmen stammt, als der, in dem ich konkret lebe.

Jedenfalls heißt Selbstliebe, diese Diskrepanz, die manchmal ein Abgrund ist, zwischen miserabler endlicher Realität und unendlichem Seinkönnen auszuhalten.

Kirche, Kirchenkritik und Religion

Religions- und Kirchenbashing ist beinahe zur Modeerscheinung geworden. Dazu passt, dass sich die Protagonisten keine Gedanken dazu machen müssen, was Religion ist.

Natürlich kann das auch ein reinigendes Feuer sein, das ja auch, personifiziert in Papst Franziskus, sogar schon den Vatikan infiziert hat. Weltlicherseits kann man z.B. auf Facebook zwar nicht den clash of civilization, aber den Krieg zwischen fanatischen Atheisten und ebenso fanatischen Fundamentalisten erste Reihe miterleben. Da werden auf der einen Seite alle Gräueltaten der Kirchen gesammelt, auf der anderen Seite von Sünden und Höllenqualen geredet, und genau diese daraus ausgenommen.

Wer hier noch klaren Kopf bewahren kann, wird feststellen, dass beide Seiten von Religion kein Ahnung haben und etwas bekämpfen, das es zwar gibt, aber ein bloß primitives Bild von Religion ist. Die Kirche hat die Wissenschaft bekämpft – stimmt, hat sie eine Zeitlang getan, aber alles, was wir als Kultur bezeichnen – Bildungssystem, Gesundheitswesen und auch Wissenschaft – ist erst mal in den Klöstern entstanden. Im ach so finsteren Mittelalter (eine Verunglimpfung der Renaissance, die dann gedankenlos fortgeschrieben wurde) hätte ausschließlich die Kirche gewütet. Dabei war die Inquisition zunächst mal etwas epochal Fortschrittliches: Der Angeklagte musste anwesend sein (musste er zuvor nicht), er konnte sich verteidigen (konnte er vorher nicht), usw. Keine Frage, das Ganze ist dann aus dem Ruder gelaufen, aber das lag an der damaligen Zeit, und nicht bloß an der Kirche allein. Aber an den Stammtischen wird nur die Kirche dafür verantwortlich gemacht, und der Hintergrund, das Zusammenspiel von kirchlichen und weltlichen Gerichten, dem Hang zur Lynchjustiz der Bevölkerung usw. geflissentlich außer Acht gelassen. Die Zahlen wurden außerdem haushoch übertrieben. All das haben Historiker ab den 1980er Jahren berichtigt, aber das wurde an den Stammtischen natürlich nicht zur Kenntnis genommen.
Aber was ist es konkret, was der Kirche, und gleich auch der Religion, vorgeworfen wird?

Macht, Gewalt, Krieg

Alle Kriege würden im Namen der Religion geführt. Der Vatikan ist Macht- und Geldgeil, die Kolonialisierung war ein Missionsauftrag, usw.
Sicher nicht alle im Namen des Christentums, denn die Eroberungen des griechischen und römischen Weltreichs waren bevor es das Christentum gab. Sowohl Alexander als auch die römischen Kaiser haben auf „Religion“ gespielt, Alexander in Ägypten und die Cäsaren ließen sich als Gott verehren. Doch die Motive waren sicher nicht religiös, sondern machtpolitisch. Es ging primär darum, die Welt zu beherrschen und nicht Religion zu verbreiten.

Konstantin holte dann die Christen ins Boot, baute ihnen Kirchen im Stil der römischen Markthalle, und alles weitere war eine Verflechtung von Religion und Politik und nicht allein „Schuld“ der Kirche. Die Kirche stand seither mehr in der Nachfolge der Pharisäer als in der Nachfolge Christi.

Religion schaut anders aus: Jesus hat Tempel und Kirchen abgeschafft („Euer Tempel sei ab jetzt euer Herz“). Er hat die Unterdrückung durch die „Oberen“ abgeschafft („Bei euch soll es nicht so sein.“). Er hat die Hierarchien abgeschafft („Wer von euch der Größte ist, soll der Diener aller sein.“). Er hat gegen das „religiöse“ Establishment (die Pharisäer) gekämpft.

System der Unterdrückung

Die Lehre der Kirche ist sowas wie die festgeschriebene Angst der Klerikalen vor der Unwissenheit der Masse. Aus Angst vor individueller Interpretation wurde sogar das Lesen der Bibel zeitweise verboten. Um die „Wahrheit“ durchzubringen, wurde das Selbstdenken unterdrückt und denunziert. Die Beichte als Selbstreinigung, wenn sie als Vorläufer der Psychotherapie zu sehen wäre, wurde zur Unterdrückung und Denunziation missbraucht.

Religion schaut anders aus: Jesus ist gerade auf die Unterdrückten, an den gesellschaftlichen Rand Geschobenen, Fehlerbehafteten zugegangen, hat sie aus der Erniedrigung herausgeholt. Er hat die, die ihm nachfolgten, befähigt, das zu tun, was er tat: zu heilen, zu befreien. Er hat niemand verurteilt („Auch ich verurteile dich nicht“, sagt er zur Ehebrecherin – worauf damals Steinigung stand).

Sexualmoral als Instrument der Unterdrückung

Im AT gab es noch zehn Gebote, in der Kirche hat man den Eindruck, es gibt nur das 6. Gebot, und das noch dazu verfälscht. Es heißt ja „Du sollst nicht Ehebrechen“, keine Rede von vorehelich, von Verhütung, und die weit verbreitete Homosexualität wird nicht einmal erwähnt. All das wurde aber ins Zentrum gerückt, um von all den anderen Missständen, von Macht, Gier, Pfründen, Sklaverei im weitesten Sinne bis in die heutige Kurien- und Unternehmenskultur, abzulenken.

Religion schaut anders aus: Das Christentum ist keine Gesetzes-, sondern eine Beziehungsreligion. Und Beziehung ist etwas Individuelles, das nicht von vorgegebenen Dogmen geleitet sein kann. Die oberste christliche Instanz ist nicht der Papst, sondern das eigene Gewissen. Die Gefahr der Verirrung ist natürlich gegeben, aber das ist es in der Kurie auch. Die Juden und die Zeit Christi hatten ein ziemlich entspanntes Verhältnis zur Sexualität. Das erklärt vielleicht, warum das für Jesus gar kein vorrangiges Thema war.

Abwertung der Frau

War DAS Thema der damaligen Zeit. Frauen und Kinder werden bei Aufzählungen nicht mal erwähnt. Es stand die Frage im Raum, ob Frauen überhaupt Menschen sind. Frauen hatten nichts zu reden, keine Funktionen. Und das setzt sich fort bis heute. Frauen dürfen nichts in der Kirche, auch nicht in der Gesellschaft und in der Wirtschaft. (Man hat ja auch den Eindruck, die Quotenregelung dient nicht der Emanzipation, sondern der Vermännlichung der Frau. Das schaut eher wie ein endgültiger Sieg des Patriarchats aus).

Religion schaut anders aus: Zieht man die Einstellung der damaligen Zeit ab oder in Erwägung, dann war die Einstellung von Jesus zu Frauen eine nahezu utopische. Er umgab sich mit Frauen, Frauen unterstützten ihn, er redete am Brunnen allein mit einer Frau, die noch dazu Samariterin war, er stellte Frauen als Vorbild hin (Maria Magdalena). Auch nach seinem Tod war das noch so. Paulus sprach von der absoluten Gleichheit von Mann und Frau (Es gibt auch gegenteilige Paulus-Zitate, aber nicht alle Briefe sind von ihm selbst). Frauen hatten auch wichtige Funktionen in der Urkirche. Selbst später, als das alles ins Gegenteil verkehrt wurde, gab es immer wieder Frauen, die Päpsten und Kaisern vorhielten, was sie zu tun hätten.

Gegen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Die Kirche habe alles getan, um Wissenschaft und Aufklärung zu verhindern. Sie hat die Naturwissenschaft bekämpft und sich bis zuletzt gegen die Aufklärung gewehrt.

Religion schaut anders aus: Bei der Brüderlichkeit ist es offensichtlich, bei der Freiheit und Gleichheit nicht auf den ersten Blick, aber das hat letztlich christliche Wurzeln. Galilei war übrigens ein Freund des Papstes und des Großinquisitors, dessen Unterscheidung zwischen Wahrheit und Hypothese Wissenschaft erst ermöglicht hat. Zuvor hatte sich die Kirche nicht gegen das heliozentrische Weltbild des Kopernikus (der ein Mann der Kirche war) gewehrt, sondern dieses sogar gebraucht für die Kalenderreform von Papst Gregor XIII.

Die Freiheit (die tatsächlich von der Kirche immer unterdrückt wurde) ist DAS zentrale Thema der Religion („Zur Freiheit hat euch Christus befreit“). Religion heißt frei zu werden von allen Bindungen (Auszug aus Ägypten), aus allen Abhängigkeiten (Eltern, Schule, Arbeit, Kirche) zum Selbststand zu kommen, sich selbst, sein Innerstes zu finden. Den Seelengrund, der das ist, was man allgemein als Gott bezeichnet (Meister Eckehart). Es geht darum, in der Unvollkommenheit, Begrenztheit das Unbegrenzte, Ewige zu erfahren.

Ideal und Realität

In unserer immer noch zweiwertigen Logik, die unfähig zum Umgang mit der komplexen Wirklichkeit ist, ist es immer noch schwer, zwischen Ideal und Realität einerseits zu unterscheiden und andererseits ihre Beziehung zueinander zu sehen.

So haben die Kirchenkritiker ein Ideal von Kirche vor Augen, das es real nicht geben kann. Dann wird kritisiert, dass es das nicht gibt. Was irgendwie unsinnig ist. Auf der anderen Seite wird Kirche an ihren fundamentalistischen Auswüchsen festgemacht, die mit dem ursprünglichen Evangelium sowieso um Widerspruch stehen. Das wird an Religionskritik festgemacht, was wieder unsinnig ist.

Fazit

Es ist nicht „die Religion“ an allem Schuld, sondern dass die meisten (viele sogar in der Kirche) noch nicht begriffen haben, was Religion ist. Spiritualität ist eine menschliche Dimension, deren Verdrängung uns nicht menschlicher macht. Besser und im Sinne der Evolution wäre es, sie weiterzuentwickeln.

Realität

Kirchliche Realität ist derzeit ein Kampf zwischen dem fundamentalistischen „Rest“ der imperialen Kirche gegen jene, die zum ursprünglichen emanzipatorischen Sinn von Religion zurückkehren wollen. Wie dieser Kampf ausgeht ist noch völlig offen.

Alles und nichts

Habe nun – hach 😉
Philosophie und Magie
den Ernst des Yoga
der Chassidim Humor
noch immer im Ohr
den Tanz der Indianer und der Derwische
Übungen für langes Leben
in Augenblicke geschmolzen und vergeben
mit Pho-wa das Sterben vorweggenommen
Zeit und Ewigkeit in eins vernommen
weites Land und höchste Höhen
in Tibet wie in mir

wieder und wieder versucht
Sphärenklänge am Boden zu verankern
Wellen brechen in jeder Bucht
Himmel und Hölle in Einklang zu bringen
Rausch des Weines und der Meditation
Gegensätze zu bezwingen
in ein Gespann sie beizubringen
Einheit mit Gewalt und leisem Flehen
in konkretes Leben hineinzusehen
hart am Boden aufgeschlagen
doch auch wenn’s wär komplett vermessen
nie den Himmel ganz vergessen

Ringen mit deinem Bild
lachen, lieben, weinen, singen
mit Sehnen, Wünschen, Träumen ringen
Felsen gerührt
zum Ideal erkürt
bleibst davon unberührt
verloren schon eh noch gewonnen
noch keine Form und schon zerronnen
vergeblicher Versuch zu einen
sinnlos jetzt dir nachzuweinen

liebestrunken
im Nebel versunken
vom Winde verweht
das Sehnen gerinnt
der Schmerz vergeht

alles musst‘ sein
sonst wär‘s nicht mein
alles musst gehen
und im Gehen verwehn
in Himmel und Hölle hinein

und am Ende bleibt nichts
und Platz für alles