Philosophie

Philosophen werden allgemein als Denker bezeichnet, doch das trifft es nicht.

Wenn sich Philosophie auf das Denken beschränkt, dann ist das die Absolutsetzung des Rationalen unter Verdrängung alles anderen. Verdrängung führt aber nicht zur Erkenntnis, sondern zur Angst, die immer eine Verengung des Horizonts bedeutet.
Die übliche Definition des Menschen als „animal rationale“ ist so eine Einengung, zumindest, wenn wir „rationale“ als rational übersetzen. Das griechische „zoon logon echon“ bedeutete allerdings noch wesentlich mehr. Daher muss man das „animal rationale“ übersetzen mit „vernunftbegabtes Wesen“. Und „Vernunft“ (von „vernehmen“) ist weit mehr als Rationalität, ist so etwas wie die Verbindung von Logik, Einfühlung und Intuition.

Philosophie war ursprünglich der Name für Wissenschaft. Erst als sich die Einzelwissenschaften aus der Philosophie abspalteten, wurde diese eine eigene Disziplin. Trotzdem waren und sind Philosophen meist vertraut mit den Wissenschaften, und an den Universitäten war die Philosophische Fakultät ein Dach für die Wissenschaften. Lange Zeit waren nur die Juridische und die Theologische Fakultät davon getrennt. Heute gibt es die interessante Entwicklung, dass die Kunstakademien und -hochschulen in Universitäten umbenannt werden. Es war wohl ein Fehler, das Kreative aus dem Universalen auszuschließen, was aber am wissenschaftlichen Weltbild und dem Ausschluss des Lebendigen und Menschlichen aus diesem liegt.

Universalität

Umgekehrt ist das gesamte Fächerspektrum der Universitäten nichts als die gemeinsame Antwort auf die eine Kant’sche Frage: Was ist der Mensch? Das sieht man sehr schön an der modernen Physik, in der es nicht um die Beschreibung der Natur, sondern um unsere Sicht der Natur geht, also letztlich nicht um objektives Wissen, sondern um Erkenntnistheorie, um die Frage: Was kann der Mensch wissen? Die (objektive) Natur direkt zu beschreiben ist nicht Aufgabe der Naturwissenschaft. Objektivität ist eine der Kategorien, die inzwischen obsolet geworden sind.

In der Logik geht es nicht um Naturgesetze, sondern um Denkgesetze. Es ist die Methode, mit der wir an die Natur herangehen, die die Forschung bestimmt, aber auch das, was wir durch diese finden können. In der auf Aristoteles zurückgehenden und durch die Naturwissenschaft präzisierten Logik haben wir uns jahrhundertelang bewegt. Die Quantenmechanik ist damit nicht zu begreifen, sie geht über unsere gewohnte Logik, unser gewohntes Sehen der Realität hinaus, durchbricht und erweitert den Rahmen unseres Sehens.

Vom Gegensatz zur Komplementarität

Daher konnte Richard Feynman sagen: Wer die Quantentheorie verstanden hat, hat sie nicht verstanden. Das Messen verändert das Gemessene, das Sehen verändert die Welt, und die Wissenschaft verändert das Denken, verändert, was es heißt zu verstehen. Zumindest die westliche Logik musste bisher von zwei gegensätzlichen Aussagen eine eliminieren, weil nur eine richtig sein konnte. Jetzt wird aus Gegensätzen Komplementarität, Gegensätze schließen einander nicht aus, sondern ergänzen sich. Es ist nicht mehr sinnvoll, von der Identität von Elementarteilchen zu reden, und wenn diese entweder Teilchen oder Welle sind, je nachdem wie wir das Experiment anlegen, dann ist auch die Eindeutigkeit als Kriterium verloren gegangen. „Die Eigenschaft von Quantenphänomenen wird durch die Messung nicht festgestellt, sondern hergestellt“ (Herbert Pietschmann). Die Materie ist nicht aus kleinsten Bausteinen aufgebaut, sondern aus „etwas“ (bereits dieser Begriff ist falsch), das nichts mit unserer Vorstellung von Materie gemein hat. Wenn wir im Doppelspaltexperiment nicht am Spalt, sondern dahinter die Messung vornehmen, dann messen wir, und legen damit fest und ändern, wie sich das Teilchen vorher (in der Vergangenheit) „entschieden“ hat.

Plötzlich wird transparent, dass Denken und Logik auf das Erfassen einer objektiven Außenwelt abgezielt hat, die es eigentlich so nicht gibt. Andererseits wird auch schlagartig klar, dass die Psychologie es deshalb so schwer hat, weil sie eine Innenwelt beschreibt, die völlig anderen Gesetzen und einer ganz anderen Logik folgt. Da ist nichts eindeutig, sondern alles ist mehrdeutig, es können sich verschiedene Identitäten ausbilden, Gegensätze bestehen nebeneinander und bilden unsere inneren Konflikte, die wir durch Eliminieren eines Gegensatzes nicht lösen können. Viel wichtiger als Begriffe sind Symbole, die der Vielfalt, Mehrdeutigkeit und Mehrdimensionalität des Lebens gerecht werden.

Welt oder Leben

Zurück in der Außenwelt wird wiederum klar, dass auch da unsere Gesetze der Logik nicht gelten. Die gelten nur für eine abstrakte Außenwelt. In der Natur ist nichts eindeutig, nichts reproduzierbar, es herrscht Vielfalt und Kreativität. Vieles ist nicht quantifizierbar, vor allem wenn es um Leben und den Menschen geht. Das heißt, wenn es um unsere Lebenswirklichkeit, auch um unsere Außenwelt geht, dann hat die Psychologie mehr zu sagen als die Physik. Daher sagt Ludwig Wittgenstein in seinem Tractatus logico-philosophicus (6.52): „Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen Fragen der Wissenschaft beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ Die Naturwissenschaft war deshalb so immens erfolgreich. weil sie das Leben und den Menschen als Subjekt methodisch ausgeschlossen hat. Der kommt aber in der Quantenmechanik durch die Hintertür wieder herein, womit die Quantentheorie zunächst völlig unverständlich wirkt.

Während durch die in der naturwissenschaftlichen Methode notwendige Analyse die Zeit in Momentaufnahmen verschwindet, steckt im Sehen eines „Gegenstandes“ nicht nur das „Subjekt“, sondern die gesamte Biographie des Betrachters. In menschlichen Beziehungen wird es noch komplexer. Da werden Gegensätze zu Konflikten, und zuvor geht es um die inneren Konflikte, Traumata usw., um fixierte Muster, die wir solange wiederholen, bis wir sie verändern. Auch da gibt es „Gesetze“ und eine eigene Logik, Objektivität spielt aber eine untergeordnete Rolle.

Was ist der Mensch?

In der Philosophie wie in den Wissenschaften geht es um eine einzige Frage: Was ist der Mensch? Und es geht nicht primär um Denken – das verändert sich im Laufe der Zeit und der (biographischen) Entwicklung – sondern um Staunen und Fragen. Denken legt eine Struktur über das Gedachte, bändigt und verformt es gleichzeitig, Staunen erkennt etwas als fragwürdig, und Fragen lässt offen. Denken wäre, neben Fühlen, Wollen, Träumen, Intuition usw., eine Unterabteilung der Psychologie. Das Denken des Philosophen, das der Frage nach dem Menschen nachgehen will, muss den ganzen Menschen, das ganze Leben einschließen. Daher ist Philosophie nicht ohne das Spektrum der Wissenschaften zu sehen, insbesondere diejenigen, die über den gewachsenen Denkrahmen hinausgehen, wie eben die Tiefenpsychologie und die Quantentheorie.

Aus demselben Grund wurden – und geachtet dessen, dass der Mensch auch ein spirituelles Wesen ist – die Religionswissenschaft und die Theologie aus dem „modernen“ Weltbild verdrängt, das im ausgehenden 19. Jahrhundert steckengeblieben ist. Denn weder die Tiefenpsychologie noch die moderne Physik mit Relativitätstheorie, Quantentheorie und Chaostheorie sind in ein modernes Weltbild eingegangen. Dem rational-begrifflichen Denken entsprechend sind nur einige – meist missdeutete – Begriffe in die allgemeine Sprache eingegangen, wie „Relativität“ oder „Quantensprung“ aus der Physik, „Unbewusstes“ oder „Komplex“ aus der Psychologie, und dass die Chaostheorie nichts mit dem Chaos zu tun hat, bemerkt auch kaum jemand.

In der Philosophie geht es jedenfalls ums Ganze, allerdings nicht um das Denken des Ganzen, denn das ist nicht möglich. Die „Objektivität“ einer (abstrakten) Außenwelt suggeriert, dass man auch das Ganze von außen betrachten kann – dann wäre es aber nicht das Ganze. Man kann sich dem nur von innen her nähern, in Offenheit. Und wenn Philosophie aufs Ganze geht, dann kann es das nicht mit dem Denken, sondern muss mit dem ganzen Menschen geschehen. Da müsste auch alles einschließen, was die Naturwissenschaft ausgeschlossen hat: Einmaligkeit, Vieldeutigkeit, Einfühlung, Intuition, Kreativität, Träume, Ängste, Konflikte, Dynamik, die Zerrissenheit des Menschen zwischen dem Absoluten (dem, was er absolut setzt) und dem Konkreten, Endlichen, dessen Enge mit Angst besetzt ist.

Leben und Beziehung

Es geht nicht um „Wissen“ von „Etwas“, es geht ums Leben. Nicht um Subjekt und Objekt, sondern um Beziehung. Auch in der Mikrowelt der Elementarteilchen geht es nicht um kleinste „Bausteine“, sondern „um Beziehung, aber nicht Beziehung von etwas, sondern nur um Beziehung“ (Hans-Peter Dürr). Genau um das, um reine Beziehung, geht es nach theologischer „Definition“ bei der Trinität. Und dazwischen soll es um etwas anderes gehen?

Der Sinn des Ganzen, nach dem nicht nur Philosophen fragen, ist nicht der Sinn von „Etwas“, sondern der Sinn unseres je eigenen Lebens. Das zeigt sich nicht im Gegenüber zur „Welt“, sondern im Miteinander der Menschen. Nicht im Wissen, sondern im Leben und Lieben. Das zu verstehen ist ohne (Tiefen-)Psychologie, ohne Innenschau gar nicht möglich. Und diese Innenschau legt nicht ein Sosein offen, sondern eine Dynamik, innere Konflikte, Traumata und Muster, die immer zum selben Chaos führen. Und es geht nicht um das Eliminieren von Gegensätzen, sondern darum, sie in Komplementarität stehenzulassen, aber sozusagen die unscharfen (unbewussten) Bilder dynamisch scharfzustellen.

Damit wird die Psychoanalyse zur Philosophie, weil das Heilen von psychischen Erkrankungen nur ein Teil ist, der wesentlichere Teil wäre, das Leben an sich wieder in eine Dynamik zu bringen. Weil der Mensch nicht ist, was er ist, sondern erst werden soll, was er ist oder sein könnte. Dabei helfen Beziehungen weit mehr als das Denken. Der Liebende sieht den Geliebten so, wie er sein könnte, und über vieles hinweg, was ist. Liebe überantwortet den anderen in die ihm eigene Dynamik. Beide verlieren den zuvor festen Standpunkt und finden sich wieder im Fluss des Lebens, dessen Ziel sie als Orientierung vor Augen haben, das aber völlig offen ist.

Daher kann ein naturalistisches Weltbild mit Liebe nichts anfangen. Nicht weil sie nur biologisch gesehen wird, sondern weil sie die Vereinigung der Gegensätze ist, deren „Auflösung“ in Komplementarität, die sie stehen und sich ergänzen lässt. Weil sie nicht nur den Himmel auf Erden bringt, sondern auch die Hölle auf Erden integriert. Weil sie nichts aus-, sondern alles einschließt. Nicht Einheit im Gegensatz zum Getrenntsein, sondern Einheit von Getrenntem. Weil sie nur erfahren werden kann – unnennbar, unsagbar, unbegreiflich, unbeschreiblich und überwältigend.

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Aggression…. und mehr

Cover_VerbeekIn den Medien ist direkt oder indirekt derzeit mehr von Aggression die Rede als von anderen Themen. Höchste Zeit sich damit zu beschäftigen. Wer das ernsthaft tun will, dem sei das Buch von Reinier Verbeek „Aggression und das Deeskalieren bis in Grenzbereiche“ empfohlen.

Dass es dabei nicht bloß um eine Außensicht geht, zeigt der Untertitel: „Selbstbewusstsein, Selbstwirksamkeit, Grenzen im Umgang mit Aggressionsdynamik“. Eine „Warnung“ scheint jedoch angebracht: Das Buch liegt weitab von billiger Ratgeber-Literatur, Umfang und Tiefgang fordern dem Leser einiges ab. Wer sich jedoch darauf einlässt, wird vieles über Konfliktsituationen und auch vieles über sich selbst erfahren.

Der Begriff „Aggression“ wird detailliert und differenziert dargestellt. Zugrunde liegende Muster werden erörtert, Fähigkeiten und Handlungskompetenzen zur Prävention und Deeskalation vorgestellt, bis hin zu Befreiungs- und Abwehrtechniken.

Es handelt sich zunächst um das Buch eines Praktikers. Verbeek war Berufsunteroffizier einer Eliteeinheit, später im Sicherheitsbereich tätig, dann in psychiatrischen Krankenhäusern und zuletzt in sozialtherapeutischen Einrichtungen. Weiters handelt es sich um ein einfühlsames und tiefgehendes Buch, das ausführlich auf Motivationen, Stressbewältigung, (unterbewusste) Denkmuster und die Rolle der Intuition eingeht. Wer mit Aggressionen zielführend umgehen will, muss sein eigenes Stresserleben kontrollieren können. „Mit einer zu hohen, unkontrollierten inneren Erregtheit geht der Kontakt zu sich selbst, die Fähigkeit zu reflektieren und die Achtsamkeit für die Situation im Jetzt verloren.“ Verbeek beschreibt daher nicht nur, wie Stress entsteht, sondern auch, wie man sein eigenes Stresserleben in akuten Situationen besser kontrollieren, steuern und einsetzen kann.

Jedem ist klar, dass im Umgang mit Aggression nicht nur erlernte Fähigkeiten und Muster ausschlaggebend sind, sondern auch das unmittelbare Reagieren. Daher ist ein ganzes Kapitel der Intuition gewidmet. „Intuition wird sogar als zweite, als eine andere, gleichwertige Form der kognitiven Prozessvorgänge neben der rationalen Analyse und dem Gebrauch von Logik angesehen.“ In der konkreten Situation ist keine Zeit für logische Analysen oder bewusste Abwägungen. Da gerät uns zum Nachteil, dass wir „den bewussten Kontakt zum noch Unbewussten durch unterschiedlichste, gegenwärtige Umstände und Einflüsse verloren“ haben.

Es ist somit auch ein durchaus psychologisches Buch, das nach Verhaltens- und Denkmustern forscht, auf rücksichtsvolle und rücksichtslose Bedürfnisbefriedigung wie auf Persönlichkeitsstörungen eingeht, lösungsorientierte Gesprächstechniken vorstellt, aber auch reflektiert, wie unsere Wahrnehmung entsteht. „Das Unbewusste formt das Bild, das wir unsere Umwelt nennen.“ Es grenzt damit sogar an wissenschaftstheoretische Fragestellungen. Das hat zur Folge, dass man beim Lesen immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen wird. Wenn z.B. davon gesprochen wird, dass abstrakte Labels und „Schubladen“ zwar Halt und Orientierung bieten, aber auch dazu führen, selektiv wahrzunehmen, bestimmte Merkmale wegzulassen und andere hineinzuinterpretieren, dann wird klar, dass sie die Sicht auf die Situation auch im Alltag verstellen. Das sagt auch viel über unsere eigenen Denkmuster aus und verleitet zu der Frage, inwieweit bestimmte, harmlos erscheinende Denkmuster in letzter Konsequenz auch zu aggressivem Verhalten führen können.

Letztlich geht es, wie in allen Wissensgebieten, um die Frage nach dem Menschen. Menschliches Verhalten ist nicht transparent, linear und vorhersehbar, sondern eher unberechenbar, chaotisch und asymmetrisch. Was einen Menschen bewegt ist teils ersichtlich, teils ungreifbar und verborgen. Wenn wir danach fragen, kann eine bestimmte Fragestellung die Antworten beeinflussen. Mit Situationen der Aggression umzugehen ist umso eher möglich, je mehr man sich selbst kennt. Letztlich „sind wir das Werkzeug als Mensch selbst“.

Fazit: Keine leichte Kost, aber sehr empfehlenswert. Das Buch ist auch so aufgebaut, dass man nicht unbedingt fortlaufend lesen muss, sondern in einzelne, subjektiv interessierende Kapitel einsteigen kann, um sich von daher das Buch zu „erobern“.

Reinier Verbeek
Aggression und das Deeskalieren bis in Grenzbereiche
Selbstbewusstsein, Selbstwirksamkeit, Grenzen im Umgang mit Aggressionsdynamik
Eigenverlag 2015; Printed in Germany by Amazon Distribution GmbH, Leipzig
Paperback
ISBN: 978-1505202366