Theologie ohne „Gott“

Es gibt lebende und tote Sprachen und auch lebende und tote Sprachspiele. Wenn man heute Diskussionen vor allem von fundamentalistisch Glaubenden und ebenso fundamentalistischen Atheisten verfolgt, kann man sich des Eindruck nicht erwehren, dass beide Seiten keine Ahnung haben, wovon sie reden. Es geht um ein Wort, das längst totgeredet wurde. (Das Wort) Gott ist tot, wie Nietzsche sagte. Die Diskussion entzündet sich an einem unverstandenen, längst toten Wort.

Wie kann man heute noch über Gott reden, ohne das Wort „Gott“ zu verwenden, das vielen nichts mehr bedeutet. „Das Absolute“, der „Gott“ der Philosophen, ist zu abstrakt und genauso alt, „das Ganze“ wäre eine heutige Vorstellung, hängt aber zu sehr an den Teilen. Wie also noch von Gott reden?

Völlig übersehen wird dabei, dass einer schon längst eine ganz andere Sprache gesprochen hat: Jesus von Nazareth vor 2000 Jahren. Er hat das Wort kaum verwendet, hat meist vom „Vater“ gesprochen, ein Wort, das im Aramäischen auch „Ursprung“ heißt, also eine völlig andere Konnotation hatte, als wir ihm heute mit dem anthropomorphen „Vater“ unterstellen.

Im Alten Testament ist „Elohim“ ein Plural, und „JHVH“ ein nicht auszusprechende „Begriff“. Im brennenden Dornbusch gibt sich Gott zu „erkennen“ als der „Ich bin da“. Alles Beschreibungen und Zuschreibungen, die im heutigen Wort „Gott“ längst verloren gegangen sind.

Nur wir Heutigen tun so, als wäre mit dem Begriff „Gott“ alles klar. Wir haben eine konkrete, anthropomorphe Vorstellung, ein Bild, das wir uns schon laut AT gar nicht machen sollten. Wir pressen Gott in eine menschliche Vorstellung, was im AT mit dem Bild vom Goldenen Kalb bezeichnet wird.

Wie also noch von Gott reden?

Jesus hat von sich meist als „Menschensohn“ gesprochen und zeigt damit, wie Menschsein geht. Das vor allem war seine Mission. Aber auch „Ich und der Vater (auch Ursprung) sind eins.“ Und in Joh. 17 wird beides, auch für den Menschen, verbunden: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein…“ Man kann nicht von Gott reden, ohne vom Menschen zu reden, und umgekehrt. Die Frage ist nur, wie?

Wenn aber Jesus sagt, „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, dann ist das bereits eine andere Sprache, eine die ohne den (abgenudelten) Begriff „Gott“ auskommt. Einerseits spiegelt dieses Wort die Trinität von Weg (Sohn), Wahrheit (Vater) und Leben (Geist), ohne in das heutige Subjekt-Objekt-Denken abzusinken, andererseits umgeht diese Beschreibung ein konkretes statisches Bild und löst das Ganze in eine Dynamik auf. Leider ist dieser Satz noch nicht im Volk angekommen. Fundamentalisten klammern sich an eine „Wahrheit“, in deren Besitz sie sich wähnen, weil sie die Bibel haben und lesen können. Genau deshalb trifft auf sie das „Der Buchstabe tötet…“ zu. Anderen einen unverstandenen Begriff um die Ohren zu hauen, bringt beiden nichts. Vor allem, wenn der Weg und das Leben außen vor bleiben, ohne die aber die Wahrheit nicht zu „haben“ ist.

Spiritualität ist ein Weg, das heißt es gibt eine Orientierung, aber es ist sinnlos, voreilig von einem Ziel (Wahrheit) zu reden. Und Spiritualität ist ein Weg im Leben, dem nichts Menschliches fremd ist. Eine Theologie, die am Leben in all seinen Facetten vorbei geht, ist keine Theologie. Jesus hat sich nicht mit den Pharisäern (die die „Wahrheit“ verwaltet haben) zu Tisch gesetzt, sondern mit den Zöllnern (die „Sünder“, aber lebendig waren).

Eine lebendige Spiritualität braucht nicht unbedingt einen Begriff (Gott), sie braucht vielmehr einen Weg (inklusive der Demut, noch kein Ziel erreicht zu haben) im Leben (mit allen Facetten, Tiefen und Abgründen). Dieser lebendige Weg führt in die Tiefen der Seele, weshalb eine Religion ohne Psychologie zahnlos ist, und jedes Reden von Gott leeres Gerede.

Erst in dieser inneren Tiefe sind Weg und Ziel eins in der Wahrheit. Und für diese braucht es keine Begriffe.

Gegensätze und Auferstehung

Warum sind fundamentale Christen und Rechtsradikale einander so ähnlich? Warum wählten 81 Prozent der evangelikalen Wähler den Inbegriff des „bad boy“, Donald Trump? Psychologisch ist es nur zu verständlich, dass diejenigen, die sich „ganz“ dem Guten verschreiben, das „Böse“ verdrängen und abgespalten haben, und genau deshalb auf jemand hereinfallen, auf den sie es projizieren können. Es scheinen die Hyper-Christlichen zu sein, und doch ist das Christentum selbst ganz anders.

Mit Christi Geburt wurde die Welt gespalten in Oben und Unten, Himmel und Hölle, den Herrn des Himmels und den Herrn der Erde.  Im aktuellen Geschehen war diese Spaltung dazu da, das Bild Gottes, die imago dei, klar herauszustellen. Und wiewohl Christus als die Ikone Gottes das Symbol der Ganzheit ist, so muss er doch, um wirklich Ganzheit zu werden, das Untere auch integrieren, daher „hinabgestiegen in die Hölle“, um auch das Böse hineinzunehmen in die Auferstehung.

Dies ist der Teil des Mysteriums, der im danach entstandenen Christentum fehlt, abgespalten und verdrängt wird. Daraus entstehen Leibfeindlichkeit, Weltabgewandtheit, Selbstgeißelung usw., die allesamt dem Christentum eigentlich fremd sind. Die Trennung musste erfolgen, um das Obere, das Himmelreicht Gottes sichtbar zu machen. Aber wenn man genau hinschaut, ist es nicht bei dieser Trennung geblieben.

Noch im Alten Testament, etwa bei Hiob, ist der Teufel bloß der Versucher des Menschen, Gott noch viel näher, beinahe ein Berater Gottes. Zum Antichrist wird er erst im Neuen Testament. Er ist immer noch der Versucher, aber bereits der Herr der Welt, der gestürzt werden muss. Und doch wird die Nähe zu Christus und der Notwendigkeit der Vereinigung der Gegensätze im Neuen Testament immer wieder angespielt.

Jesus wählt auch Judas, quasi den Vertreter des Teufels, unter seine Jünger, eben weil er dessen Tragik voraussah. Das Gute ist nicht zu schaffen, wenn das Böse nicht integriert wird. Die Parallele zwischen Petrus und Judas ist auch nicht zu übersehen. Beide verraten Jesus. Man könnte sogar sagen, dass der Verrat des Judas der geringere war, könnte man ihm doch eine „gute“ Absicht unterstellen, Jesus damit herauszufordern, sich als (politischer) Messias zu outen, während der Verrat des Petrus reine Feigheit war. Nur die Reaktion ist anderes: Während Petrus sich wieder öffnet und die kleinlich-ängstliche Ich-Zentriertheit wieder aufgibt, verschließt sich Judas darin und richtet sich selbst.

Während des Gerichtsverfahrens ist der Schatten Christi ganz nahe: Die Menge fordert anstatt der Freilassung Jesus die des Barabbas. Und Bar-abbas heißt nichts anderes als (auch) Sohn des Vaters. Immer noch geht es um das Wählen des einen oder des anderen. Die „Menge“ will einen irdischen, politischen Messias, nicht einen weltabgewandt-himmlischen. Die Doppelnatur Christi kann sie nicht begreifen.

Am Beispiel der beiden Mitgekreuzigten wird aber dann gezeigt, wie hauchdünn der Gegensatz ist. Beim einen bedarf es nur eines einzigen Satzes („Denk an mich, wenn du im Paradies bist“), und er kann sein ganzes verbrecherisches Leben mit in den Himmel nehmen.

Schon im Gleichnis vom verlorenen Sohn oder vom gütigen Vater wurde gezeigt, dass dem etwas Entscheidendes fehlt, der sich allein dem Guten verschreibt. Der Schatten ist dann in Form des Neides immer wieder da. Dagegen wird ein Fest gefeiert, wenn jemand sein ganzes elendes Leben zurück- und damit mitbringt. Denn es geht dabei nicht um die „späte Einsicht“ (die wäre rein intellektuell und existenziell ziemlich dürftig), sondern darum, dass er sein verunglücktes Leben ins Ganze integriert. Das ist es, was er dem anderen, der stets der „Gute“ war, voraushat.

Ohne das „Hinabgestiegen in die Hölle“ wäre die Auferstehung nichtssagend. Sterben ist ja nichts Außergewöhnliches. „Leben in Fülle“ ist nur möglich, wenn die „Toten“ zum Leben erweckt, die „Hölle“ integriert, „Oben“ und „Unten“ verbunden werden.

Das Leben im „Guten“ ist eine Illusion, hat keinerlei Substanz. Wenn Christen immer noch glauben, das Böse bekämpfen zu müssen, zwischen Wir (die Guten) und die anderen (das Böse) unterscheiden und trennen zu müssen (auch in der Flüchtlingsfrage und im Anhimmeln von rechten Parteien), dann kann es sein, dass sie das Christentum gar nicht verstanden haben.