Mein Wunsch ans Universum

Mein Wunsch ans Universum wäre: Versteck dich doch nicht so verschämt hinter der äußeren Fassade, auch wenn das Dahinter noch so schwer zu verstehen ist!

Ich find es immer so lieb, wenn heute so verschämt vom „Universum“ die Rede ist. Es ist etwas ganz anderes gemeint, über das man aber heute nicht mehr reden darf, weil es zum Tabu geworden ist. Es zeigt nämlich nur, dass man den Menschen nicht seines Wesens berauben kann. Das ist, als würde man abgelutschte Kerne vergraben, um sie los zu werden, und im nächsten Frühling treiben sie fröhlich aus.

Was meine ich damit?

Nicht erst seit den Missbrauchsskandalen ist die Kirche unglaubwürdig geworden, hat die Deutungshoheit über Gott und die Welt – und vergessen wir nicht den Menschen, um den es in erster Linie geht – verloren. Das hat inner- und außerkirchliche Gründe und ist vor allem zeitbedingt. Wie die Kirche damit zurechtkommt, ist ihre Sache. Wie wir damit zurechtkommen, ist unsere Sache.

Tatsache ist:

Das Wort „Gott“ ist so abgenudelt, dass es kaum noch zu gebrauchen ist.

Das liegt allerdings zum größeren Teil an der Kirche, die uns im Laufe ihrer 2000-jährigen Geschichte mit falschen Gottesbildern nur so bombardiert hat. Im 2. Vatikanischen Konzil hat sie es sogar selbst ganz zaghaft zugegeben. Sie hat „Gott“ immer am biblischen „Du sollst dir kein Bild machen“ vorbeigeschummelt. Und so etwas scheint sich auch „Gott“ auf Dauer nicht gefallen zu lassen.

Fazit ist jedenfalls:

Wir müssen uns was Neues einfallen lassen, um das Alte wieder zu verstehen.

Nachdem die Aufklärung so manchen Aberglauben und eben auch diese fiesen Götterbilder hinweggefegt, den Weg für die Naturwissenschaft freigemacht, aber das Weltbild auf Schrebergartenniveau reduziert hat – es hat eben alles in der Welt (mindestens) zwei Seiten – ist der Weg der Kirche natürlich nicht mehr glaubwürdig. (Nicht, dass es nicht auch großartige Priester gibt, aber die haben wenig oder nichts zu reden). Von „Gott“ zu reden lockt niemand mehr hinter dem Ofen hervor, ganz im Gegenteil. Die Kirche, die so lange den Anti-Christ beschworen hat, ist selbst zum Anti-Mephisto geworden: Mephisto, den Goethe so treffend beschrieben hat als den „Geist, der stets verneint, der stets das Böse will und stets das Gute schafft“, während die Kirche zunehmend zum Gegenbild erstarrt: zum Geist, der stets das Gute will und damit stets mehr Ablehnung schafft.

Wir brauchen etwas Neues, damit das Alte nicht verloren geht.

Der Kirche laufen ihre Schäfchen in Herden davon. Was man sogar biblisch als neue Phase sehen kann. Es wiederholt sich ja nur die Geschichte. Jesus kam zunächst „nur für das Haus Israel“, aber schon immer spielte sich Wesentliches außerhalb ab. Etwa Heilungen oder das Gespräch mit der Frau am Brunnen oder die Sache mit dem barmherzigen Samariter. Schon im Kern des Evangeliums kommt vieles von außerhalb.

Die Haltung vieler der flüchtenden Schäfchen ist: Die Kirche sagt mir nichts (mehr), aber ich bin ein spiritueller Mensch. Was auch naheliegend ist: Es würde sonst dem Menschen auch etwas zutiefst Menschliches fehlen. Damit verbunden ist, dass das Wort „Gott“ verpönt ist. Mit einem so missbrauchten und abgenudelten Begriff ist auch kaum mehr zu arbeiten. In den 1960er Jahren begannen sich die Menschen, die sich von der Kirche abwendeten, asiatischen Kulturen zuzuwenden. Eine Welle des Buddhismus folgte auf eine Yogawelle. Beides ist inzwischen so verflacht, dass es kaum wiederzuerkennen ist. Yoga wurde zur zirkusreifen Gymnastik, der Buddhismus reduzierte sich auf ein paar unverstandene Phrasen. Aus dem mehr als abgestandenen Wasser sollte etwas Neues entstehen.

So wird statt „Gott“ heute immer öfter das „Universum“ beschworen.

Da wird es naiv mit „Wünschen an das Universum“ bombardiert, was um nicht besser ist als die „Volksfrömmigkeit“ des Mittelalters. Früher wurde „Gott“ mit Wünschen traktiert, heute das Universum. Wo, bitte, ist da der Fortschritt? Es ist ja wirklich lieb, wie jetzt alles, was man früher „Gott“ in die Schuhe geschoben hat, nun dem „Universum“ aufgebürdet wird. Und der Gipfel der Naivität: Man erwartet Antworten vom „Universum“!

Also entweder ist das Universum das, was es in der Kosmologie ist, eine gigantische Ansammlung von Sternen, Galaxien, dunkler Materie und dunkler Energie – dann wird es keine Antworten geben und kaum Wünsche erfüllen können. Oder wir sprechen aus, was heute zum Tabu geworden ist, nämlich dass es auch da so etwas wie Bewusstsein gibt – und dann sind wir wieder da, wo wir schon immer waren. Denn früher hat man das als „Gott“ bezeichnet. Eine Metapher für ein unbegreifliches „Alles und mehr“.

Kein Bewusstsein ohne Materie – keine Materie ohne Bewusstsein

Szientisten behaupten heute, es gibt kein Bewusstsein ohne Materie. Womit sie ja Recht haben. Aber das ist eben nur die eine Seite der Medaille. Was, wenn es auch keine Materie ohne Bewusstsein gäbe? Und genau darauf zielt das hilflose Sprechen vom „Universum“ eigentlich ab. Nur sagt das niemand dazu. Diese beiden Auffassungen sind wie Teilchen und Welle in der Physik komplementär, also zwei Seiten einer Medaille, die zwar gegensätzlich sind, aber nur zusammen die Wirklichkeit ergeben können. Komplementarität ist einer der wichtigsten Konsequenzen der Quantentheorie. Es ist die Absage an das aristotelische Entweder-Oder. Und auch die Absage an ein bloß dingliches Universum.

Wenn wir das kindische „Wünschen ans Universum“ beiseitelassen, das eines modernen Menschen wirklich unwürdig ist, dann sind wir beim Universum als lebendem Organismus. Und dann ist der verschämte Ausdruck „Universum“ so als würde ein Mensch auf uns zukommen, und wir rufen aus: Oh, da kommt ein Mantel! Statt einen unverstandenen „Gott“ beten wir jetzt eine ebenso unverstandene Materie an? Das kann es nicht sein, und das ist auch nicht gemeint.

Auf die seit Jahrtausenden widerstreitenden Weltbilder angewendet heißt das: Wir können die Welt (und den Menschen) nicht bloß entweder als statisches Sein oder dynamisches Werden beschreiben. Weder ein naturwissenschaftliches, noch ein spirituelles Weltbild reichen dazu aus, sondern wir brauchen immer beides. Solche wesentlichen Gegensätze sind nicht dazu da, einander auszuschließen, sondern einander zu ergänzen.

Das Universum wird erst dann Antwort geben können, wenn es ein lebendiges Universum ist. Das meint das indische „Sat-Chit-Ananda“ (Sein, Bewusstsein, Glückseligkeit) wie auch das christliche trinitarische „Sein-Bewusstsein-Liebe“ (Joseph Ratzinger). Ost und West sind nämlich genauso komplementär wie Yin und Yang, Teilchen und Welle, männlich und weiblich, Außenwelt und Innenwelt, Physik und Psychologie oder Naturwissenschaft und Religion.

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Kirche und Missbrauch – symbolisch gesehen

DSCN3997In unserer nüchtern-rationalen Begriffssprache sind die immer neu auftauchenden Missbrauchsskandale der Kirchen bloß verabscheuungswürdige Tatbestände. In bildhaft-symbolischer Sprache – die die Kirche leider selbst verlernt hat – liegt ein viel tieferer Bedeutungszusammenhang.

Der Missbrauch richtet sich vorwiegend gegen junge Menschen in und um die Pubertät, in der diese zur Sexualität erwachen. In diesem Erwachen werden sie nachhaltig geschädigt. Sie werden ihre natürliche, lebendige Sexualität nie mehr erleben können. Und zwar durch ein innerkirchliches Geschehen, das weit über den Tatbestand hinausgeht.

Nehmen wir dies als Symbolbild, als Bild einer Kirche, die (ihre) Sexualität unterdrückt, verteufelt und damit abspaltet. Der unterdrückte menschliche Trieb richtet sich gegen sich selbst, gegen Jungendgruppen und Ministranten, gegen die junge, nachwachsende Kirche sozusagen. Der unterdrückte Trieb ver-zwei-felter (zwei-geteilter, abspalten müssender) Priester, der nicht sein darf und in die Unterwelt, die Welt der Toten (der abgetöteten psychischen Inhalte) verdrängt wird, richtet sich mit Gewalt gegen die noch unberührte Kirche und zerstört nun das, was zum natürlich Menschlichen heranreifen könnte.

Die gespaltene Sexualität

Die Kirche war nie imstande, die Sexualität in ihrer Ganzheit wahrzunehmen und anzunehmen. Sie spaltete diese in die (notgedrungen gute oder wenigstens nicht böse) Zeugungskraft und die böse Unkeuschheit, der abzuschwören ist. Dass damit die Hölle, die dann eifrig gepredigt wurde, mit dieser Abspaltung erst geschaffen war, blieb ihr unbewusst. Die Hölle ist ja nicht ein Ort im Jenseits, sondern eine Schöpfung des Menschen, der sie sich selbst als Schattenwelt in sich schafft.

Einerseits wird das Dunkle, Animalische der Sexualität abgelehnt und abgespalten, andererseits kommt es gerade dadurch zu einer Fixierung auf diese dunkle Seite, womit auch die helle Seite verdrängt und geradezu verboten wird: die auch dem „Normal-Sterblichen“ mögliche irdische Ektase im Orgasmus, die ein Wiener Priester in einer Predigt im Stephansdom einmal als Vorgeschmack des Himmels bezeichnete.

Missbrauch durch das Wort

Damit zeigt sich an dieser Extremsituation des Missbrauchs, was die Einstellung der Kirche zur Sexualität bei den Menschen anrichtet. Sicher, es ist kein Massenphänomen, es ist nur ein Bruchteil der Priester betroffen. Es geht aber andererseits auch nicht nur um diese sexuellen Missbräuche. Es gibt genauso – wie erst kürzlich ein anderer Priester in Wien in seiner Predigt feststellte – einen Missbrauch des Wortes, durch eine engherzige Einstellung, durch Verurteilung, Fundamentalismus, durch verbale Verteufelung der Sexualität. Dieser Priester erzählte erschüttert von einer 85jährigen Frau, die in der Beichte gestand, dass sie ihren Mann nicht zu berühren wagt, weil das die Kirche doch verbietet. Das meinte er mit Missbrauch durch das Wort. Durch diese Einstellung der Kirche sind nicht Einzelne, sondern Generationen geschädigt, missbraucht worden. Nicht durch einzelne Priester, sondern im Kollektiv, nicht einzelne Opfer, sondern die Gesamtheit der „Schäfchen“. Mit der Verteufelung der Sexualität wird den Menschen auch dieser Vorgeschmack des Himmels vorenthalten. Verbunden mit der Hölle von Zwängen, Schuldgefühlen und menschlichen Tragödien. Dafür gibt es noch keine Entschuldigung der Kirche.

Das Konzil und die Gegensätze

1965 tagte das Zweite Vatikanische Konzil, das einen frischen Wind in die Kirche brachte. Von einem gewaltigen Aufbruch, den es tatsächlich brachte, war bald danach nichts mehr zu spüren. Die konservativen Gegenkräfte krochen aus allen Winkeln hervor. Und auf diese fallen die Missbrauchsskandale zurück. Alles enthält sein Gegensätzliches. Enantiodromie nannte das der antike Philosoph der Dynamik, Heraklit. Es abzuspalten schafft es nicht aus der Welt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass nach der Vermenschlichung der Kirche im Konzil nun erneut das Unmenschliche ans Licht kommt. Die Kirche muss ihren Schatten integrieren. Und vor allem ihre Einstellung zur Sexualität ändern. Die Skandale könnten ein reinigendes Feuer sein.

Von der Jugendsynode 2018 tönt es aus Rom: „Wir müssen die Stimme der Jugend hören!“ Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Die kümmert sich nämlich schon längst nicht mehr um die modrigen „Moralvorstellungen“ der Kirche. Sie versucht, auf sich allein gestellt, ihre eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Dass die nicht „unmoralisch“ sind, wissen wir aus zahlreichen Umfragen zu diesem Thema. Sie lassen zwar so manchem konservativen Bischof die Haare zu Berge stehen, aber es ist – im Gegensatz zu einem starren, bloß nachgebeteten Moralkodex – ein lebendiger Umgang mit sich und den anderen. Und das wirklich Entscheidende: Er kommt von innen, aus eigener Verantwortung, und nicht von oben, von einem kirchlichen Über-Ich. Eine von außen oder „oben“ übernommene Moral ist ohnehin unmoralisch.

Kirchturm und Katakomben

Um auf die Symbolik zurückzukommen: Die Kirchenbauten strecken sich hoch aufragend in den Himmel, ein Bild des Strebens nach Transzendenz. Unterhalb der Kirche liegen die Grabstätten von Bischöfen oder Fürsten, die der Kirche zugetan waren, manchmal Katakomben, eine eigene Unterwelt. Symbolisch ist das die Schattenwelt, die Unterwelt, oder die „Leichen im Keller“ der Kirche, das was verdrängt wurde und wird, was kaum zugänglich ist. Ein Bibelwort drängt sich auf: „Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr seid wie die Gräber, die außen weiß angestrichen sind und schön aussehen; innen aber sind sie voll Knochen, Schmutz und Verwesung.“ (Mt 23,27). Und manchmal drängt sich auch der Verdacht auf, dass die Kirche nicht die Sukzession der Apostel, sondern der Pharisäer ist – oder zumindest beides.

Mit der Abwertung und Verteufelung der Sexualität hat man diese als „Schmutz und Verwesung“ in die Unterwelt verbannt, von wo sie nur noch energiegeladener – auch in die eigenen Reihen – zurückkommt. Und da man auch die helle, schöne Seite verbannt hat, richtet sie umso mehr Schaden an. Nicht nur die Revolution frisst ihre Kinder, auch die Verdrängung und Abspaltung. Missbrauch, aber auch seelische Verkrüppelung (durch restriktive Vorschriften) von vielen ist das Ergebnis. Verhindert wird die natürliche Entfaltung des Lebendigen. Wenn man den Weg und das Leben verdrängt, dann wird auch die Wahrheit zur Perversität.

Und hinter all dem steht die Absurdität, dass Kirche von der Seele redet, aber von der Psyche keine Ahnung hat, und die Psychologie auch noch verteufelt. Wie es Eugen Drewermann noch mit voller Wucht zu spüren bekam. Mit der Psyche wird aber das eigentlich Menschliche verdrängt. Die verbleibende Kluft zwischen Materiellem und Geistigem wird damit zum Abgrund, der nicht zu überbrücken ist.

Weihnacht

DSCN4482„Wäre Jesus hundertmal in Bethlehem geboren, es wäre vergeblich gewesen, wenn er nicht in uns geboren wird.“ So formulierte es Angelus Silesius sinngemäß. Für die Religion, oder besser Spiritualität, ist ein historisches Ereignis wichtig, aber sekundär. Religion/Spiritualität betrifft das Innenleben, das biblische Geschehen muss sich in uns ereignen, wenn es „wahr“ werden soll.

Wir halten so viel auf Evolution und Fortschritt, und übersehen dabei, dass Fortschritt auf einem Gebiet auch zugleich Rückschritt auf einem anderen sein kann. Messen wir Fortschritt an Rationalität, dann gibt es zweifellos einen nahezu kontinuierlichen Fortschritt. Nehmen wir Spiritualität, dann ist es nicht so sicher, und nehmen wir das Emotionale, das Innenleben und das Symbolverständnis, dann müssen wir eher von einem Rückschritt ausgehen.

„Religionen sind nicht notwendig religiös“, sagt David Steindl-Rast. Religiöser Fundamentalismus – das wörtlich Nehmen religiöser Texte – geht weit am Religiösen vorbei. In dieser Zielverfehlung treffen einander der religiöse Fundamentallismus und die atheistische Religions- und Kirchenkritik.

Lassen wir die Kirche als Institution einmal weg, sie ist nur zerbrechliches Gefäß für Inhalte, die kaum mehr sichtbar sind. Sie ist Bewahrerin der äußeren Form, in der jeder Einzelne den Inhalt, den inneren Sinn für sich entnehmen kann. So wird auch Weihnachten gefeiert wie eh und je, wenn nicht jeder Einzelne etwas daraus macht bleibt es leere Hülse, die bloß der Vermarktung dienlich ist.

Zu Weihnachten in die Christmette oder das Hochamt am 25. Dezember zu gehen, tun viele, die sonst nie eine Kirche betreten. Was könnte es bedeuten?

Das Gotteshaus (beth lechem = Haus Gottes) ist als Haus eigentlich Symbol des Menschen. Das Wohnen umfasst die Wohnräume im Erdgeschoß (= Bewusstsein), den Schlafraum (= Ruhe und Intimität), die Küche (= alles Nährende und Energetische) usw., das Dachgeschoß (= das Rationale), den Keller (= das Unbewusste, Vergangene). Das wäre die Struktur des in der Welt Wohnens.

Natürlich sieht jedes Haus individuell anders aus. Es kann eine Hütte oder eine Villa sein, eine Kathedrale oder ein Stall. Weihnachten bedeutet, dass das unnennbare Geheimnis selbst noch in einem Stall geboren werden kann. Der göttliche Funke, das Göttliche Kind, macht keinen Unterschied, das Licht wird gerade oft erst in der tiefsten Dunkelheit geboren. Der Tag beginnt um Mitternacht, heißt es.

Hier im Stall ist das Göttliche Kind umgeben von Ochs und Esel, von den tierischen Trieben. Das bedeutet, dass das Unterste und das Oberste zusammengehört. Für die Menschen in den bürgerlichen Häusern und in den Villen ist das unverständlich und anrüchig. Eher verstehen das die Hirten auf den Feldern, das Gesindel, das wild in der Natur und unter den Tieren sein Leben fristet. Die brauchen sich nur dem Höheren zu öffnen, das Niedrige, Tierische bringen sie schon mit. Die „Normalbevölkerung“ in den Häusern und Villen sieht es als „vernünftig“ an, das Niedrige und das Höhere zu meiden. So bekommen sie von diesem innersten Ereignis auch nichts mit.

Wer es noch mitbekommen hat, sogar schon im voraus, das sind die Weisen aus dem Osten – von den Einheimischen herablassend als Heiden bezeichnet. Manchmal haben die „Ungläubigen“ den äußerlich Gläubigen etwas voraus. Sie sind Weise, Könige, Astrologen, Esoteriker – jedenfalls Andersartige, Fremde. Kann ja gar nicht sein, dass ausgerechnet diese die Bedeutung der Stunde, dieses bedeutsamen Jetzt – und es ist immer jetzt – erkennen.

Dass die Machthaber diesen Einbruch des Geistigen eliminieren wollen, braucht nicht extra erklärt zu werden.

Um aber diese Geschichte religiös fruchtbar zu machen, muss sich das alles in uns ereignen, nicht vor 2000 Jahren, sondern im stets sich ereignenden Jetzt. Selbst wenn unser Leben ein Stall ist, eine verfallende Hütte oder eine abgeschlossene Höhle, das innere Licht ist nicht-lokal, es erscheint, wo es nicht abgewiesen wird von den Wirten der Konsumgesellschaft. Dem Göttlichen Kind ist es gleich gültig, es macht keinen Unterschied zwischen Villa, Schloss, Hütte oder Stall. Den Unterschied machen nur wir selbst.

Wer sich aber dem Geheimnis öffnet, der lässt Dynamik zu, lässt sich und seine innere Wohnung umgestalten. Religionen sind nicht gegen Evolution, ganz im Gegenteil, sie sind für die innere Evolution, durch welche die äußere – ganz im Sinne Teilhard de Chardins, auch wenn er nicht einmal von der Kirche verstanden wurde – weitergeführt wird.

Es ist eigentlich absurd, dass diejenigen, die im Namen der Evolution den Atheismus missionieren, jegliche innere Evolution negieren. Warum diskutieren wir aufgeregt darüber, ob es eine Evolution gibt oder nicht? Warum diskutieren wir nicht besser darüber, ob und wie es eine weiterführende Entwicklung gibt?

Subtil betrachtet ist es ein Schritt bewusster Entwicklung, in die Kirche zu gehen. Wer sich meditativ damit beschäftigt hat, wie sein eigenes Haus, das Symbol seines Selbst, aussieht, ob es Stall ist, Hütte oder Villa, wie geräumig es ist, ob er/sie Dachboden und Keller kennt, ob er vielleicht nur einen Raum bewohnt oder das ganze Haus, usw., der wird im Bild der Kathedrale das Ziel seiner persönlichen Evolution sehen.

Was die Messe bedeutet, ist ein eigenes – nicht konfessionelles, sondern symbolträchtiges – Thema, aber es heißt auch „der Messe beiwohnen“, sich das Bild des sakralen Hauses, das dem Geistigen geweiht ist, einzuprägen. Es ginge darum, dieses zu verinnerlichen, an diesem Symbol zu wachsen und das eigene Haus – sei es Stall, Hütte, Haus oder Villa – in dieses Bild hineinwachsen zu lassen. Früher hatte man auch zuhause im Hausaltar oder in den Villen und Schlössern in der Hauskapelle dieses Bild vor Augen, an dem es innerlich zu wachsen gilt. Einfach deswegen, weil der Mensch ein mehrdimensionales Wesen ist. Damit reicht er, mit allen Zwischenstufen, vom Körperlichen bis zum Spirituellen. Diesen inneren Raum sollte man weder unten noch oben beschneiden.

Ein anderes Symbol ist er Baum, ebenfalls ein Symbol des Menschen. Der Lichterbaum wäre das Symbol des entwickelten Menschen mit seinen strahlenden Lichtzentren. Unnötig darüber zu diskutieren, ob er ein übernommenes heidnisches Symbol ist. Symbole sind in allen Kulturen die gleichen, auch wenn die Erscheinungsformen andere sind.

Kirche, Kirchenkritik und Religion

Religions- und Kirchenbashing ist beinahe zur Modeerscheinung geworden. Dazu passt, dass sich die Protagonisten keine Gedanken dazu machen müssen, was Religion ist.

Natürlich kann das auch ein reinigendes Feuer sein, das ja auch, personifiziert in Papst Franziskus, sogar schon den Vatikan infiziert hat. Weltlicherseits kann man z.B. auf Facebook zwar nicht den clash of civilization, aber den Krieg zwischen fanatischen Atheisten und ebenso fanatischen Fundamentalisten erste Reihe miterleben. Da werden auf der einen Seite alle Gräueltaten der Kirchen gesammelt, auf der anderen Seite von Sünden und Höllenqualen geredet, und genau diese daraus ausgenommen.

Wer hier noch klaren Kopf bewahren kann, wird feststellen, dass beide Seiten von Religion kein Ahnung haben und etwas bekämpfen, das es zwar gibt, aber ein bloß primitives Bild von Religion ist. Die Kirche hat die Wissenschaft bekämpft – stimmt, hat sie eine Zeitlang getan, aber alles, was wir als Kultur bezeichnen – Bildungssystem, Gesundheitswesen und auch Wissenschaft – ist erst mal in den Klöstern entstanden. Im ach so finsteren Mittelalter (eine Verunglimpfung der Renaissance, die dann gedankenlos fortgeschrieben wurde) hätte ausschließlich die Kirche gewütet. Dabei war die Inquisition zunächst mal etwas epochal Fortschrittliches: Der Angeklagte musste anwesend sein (musste er zuvor nicht), er konnte sich verteidigen (konnte er vorher nicht), usw. Keine Frage, das Ganze ist dann aus dem Ruder gelaufen, aber das lag an der damaligen Zeit, und nicht bloß an der Kirche allein. Aber an den Stammtischen wird nur die Kirche dafür verantwortlich gemacht, und der Hintergrund, das Zusammenspiel von kirchlichen und weltlichen Gerichten, dem Hang zur Lynchjustiz der Bevölkerung usw. geflissentlich außer Acht gelassen. Die Zahlen wurden außerdem haushoch übertrieben. All das haben Historiker ab den 1980er Jahren berichtigt, aber das wurde an den Stammtischen natürlich nicht zur Kenntnis genommen.
Aber was ist es konkret, was der Kirche, und gleich auch der Religion, vorgeworfen wird?

Macht, Gewalt, Krieg

Alle Kriege würden im Namen der Religion geführt. Der Vatikan ist Macht- und Geldgeil, die Kolonialisierung war ein Missionsauftrag, usw.
Sicher nicht alle im Namen des Christentums, denn die Eroberungen des griechischen und römischen Weltreichs waren bevor es das Christentum gab. Sowohl Alexander als auch die römischen Kaiser haben auf „Religion“ gespielt, Alexander in Ägypten und die Cäsaren ließen sich als Gott verehren. Doch die Motive waren sicher nicht religiös, sondern machtpolitisch. Es ging primär darum, die Welt zu beherrschen und nicht Religion zu verbreiten.

Konstantin holte dann die Christen ins Boot, baute ihnen Kirchen im Stil der römischen Markthalle, und alles weitere war eine Verflechtung von Religion und Politik und nicht allein „Schuld“ der Kirche. Die Kirche stand seither mehr in der Nachfolge der Pharisäer als in der Nachfolge Christi.

Religion schaut anders aus: Jesus hat Tempel und Kirchen abgeschafft („Euer Tempel sei ab jetzt euer Herz“). Er hat die Unterdrückung durch die „Oberen“ abgeschafft („Bei euch soll es nicht so sein.“). Er hat die Hierarchien abgeschafft („Wer von euch der Größte ist, soll der Diener aller sein.“). Er hat gegen das „religiöse“ Establishment (die Pharisäer) gekämpft.

System der Unterdrückung

Die Lehre der Kirche ist sowas wie die festgeschriebene Angst der Klerikalen vor der Unwissenheit der Masse. Aus Angst vor individueller Interpretation wurde sogar das Lesen der Bibel zeitweise verboten. Um die „Wahrheit“ durchzubringen, wurde das Selbstdenken unterdrückt und denunziert. Die Beichte als Selbstreinigung, wenn sie als Vorläufer der Psychotherapie zu sehen wäre, wurde zur Unterdrückung und Denunziation missbraucht.

Religion schaut anders aus: Jesus ist gerade auf die Unterdrückten, an den gesellschaftlichen Rand Geschobenen, Fehlerbehafteten zugegangen, hat sie aus der Erniedrigung herausgeholt. Er hat die, die ihm nachfolgten, befähigt, das zu tun, was er tat: zu heilen, zu befreien. Er hat niemand verurteilt („Auch ich verurteile dich nicht“, sagt er zur Ehebrecherin – worauf damals Steinigung stand).

Sexualmoral als Instrument der Unterdrückung

Im AT gab es noch zehn Gebote, in der Kirche hat man den Eindruck, es gibt nur das 6. Gebot, und das noch dazu verfälscht. Es heißt ja „Du sollst nicht Ehebrechen“, keine Rede von vorehelich, von Verhütung, und die weit verbreitete Homosexualität wird nicht einmal erwähnt. All das wurde aber ins Zentrum gerückt, um von all den anderen Missständen, von Macht, Gier, Pfründen, Sklaverei im weitesten Sinne bis in die heutige Kurien- und Unternehmenskultur, abzulenken.

Religion schaut anders aus: Das Christentum ist keine Gesetzes-, sondern eine Beziehungsreligion. Und Beziehung ist etwas Individuelles, das nicht von vorgegebenen Dogmen geleitet sein kann. Die oberste christliche Instanz ist nicht der Papst, sondern das eigene Gewissen. Die Gefahr der Verirrung ist natürlich gegeben, aber das ist es in der Kurie auch. Die Juden und die Zeit Christi hatten ein ziemlich entspanntes Verhältnis zur Sexualität. Das erklärt vielleicht, warum das für Jesus gar kein vorrangiges Thema war.

Abwertung der Frau

War DAS Thema der damaligen Zeit. Frauen und Kinder werden bei Aufzählungen nicht mal erwähnt. Es stand die Frage im Raum, ob Frauen überhaupt Menschen sind. Frauen hatten nichts zu reden, keine Funktionen. Und das setzt sich fort bis heute. Frauen dürfen nichts in der Kirche, auch nicht in der Gesellschaft und in der Wirtschaft. (Man hat ja auch den Eindruck, die Quotenregelung dient nicht der Emanzipation, sondern der Vermännlichung der Frau. Das schaut eher wie ein endgültiger Sieg des Patriarchats aus).

Religion schaut anders aus: Zieht man die Einstellung der damaligen Zeit ab oder in Erwägung, dann war die Einstellung von Jesus zu Frauen eine nahezu utopische. Er umgab sich mit Frauen, Frauen unterstützten ihn, er redete am Brunnen allein mit einer Frau, die noch dazu Samariterin war, er stellte Frauen als Vorbild hin (Maria Magdalena). Auch nach seinem Tod war das noch so. Paulus sprach von der absoluten Gleichheit von Mann und Frau (Es gibt auch gegenteilige Paulus-Zitate, aber nicht alle Briefe sind von ihm selbst). Frauen hatten auch wichtige Funktionen in der Urkirche. Selbst später, als das alles ins Gegenteil verkehrt wurde, gab es immer wieder Frauen, die Päpsten und Kaisern vorhielten, was sie zu tun hätten.

Gegen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Die Kirche habe alles getan, um Wissenschaft und Aufklärung zu verhindern. Sie hat die Naturwissenschaft bekämpft und sich bis zuletzt gegen die Aufklärung gewehrt.

Religion schaut anders aus: Bei der Brüderlichkeit ist es offensichtlich, bei der Freiheit und Gleichheit nicht auf den ersten Blick, aber das hat letztlich christliche Wurzeln. Galilei war übrigens ein Freund des Papstes und des Großinquisitors, dessen Unterscheidung zwischen Wahrheit und Hypothese Wissenschaft erst ermöglicht hat. Zuvor hatte sich die Kirche nicht gegen das heliozentrische Weltbild des Kopernikus (der ein Mann der Kirche war) gewehrt, sondern dieses sogar gebraucht für die Kalenderreform von Papst Gregor XIII.

Die Freiheit (die tatsächlich von der Kirche immer unterdrückt wurde) ist DAS zentrale Thema der Religion („Zur Freiheit hat euch Christus befreit“). Religion heißt frei zu werden von allen Bindungen (Auszug aus Ägypten), aus allen Abhängigkeiten (Eltern, Schule, Arbeit, Kirche) zum Selbststand zu kommen, sich selbst, sein Innerstes zu finden. Den Seelengrund, der das ist, was man allgemein als Gott bezeichnet (Meister Eckehart). Es geht darum, in der Unvollkommenheit, Begrenztheit das Unbegrenzte, Ewige zu erfahren.

Ideal und Realität

In unserer immer noch zweiwertigen Logik, die unfähig zum Umgang mit der komplexen Wirklichkeit ist, ist es immer noch schwer, zwischen Ideal und Realität einerseits zu unterscheiden und andererseits ihre Beziehung zueinander zu sehen.

So haben die Kirchenkritiker ein Ideal von Kirche vor Augen, das es real nicht geben kann. Dann wird kritisiert, dass es das nicht gibt. Was irgendwie unsinnig ist. Auf der anderen Seite wird Kirche an ihren fundamentalistischen Auswüchsen festgemacht, die mit dem ursprünglichen Evangelium sowieso um Widerspruch stehen. Das wird an Religionskritik festgemacht, was wieder unsinnig ist.

Fazit

Es ist nicht „die Religion“ an allem Schuld, sondern dass die meisten (viele sogar in der Kirche) noch nicht begriffen haben, was Religion ist. Spiritualität ist eine menschliche Dimension, deren Verdrängung uns nicht menschlicher macht. Besser und im Sinne der Evolution wäre es, sie weiterzuentwickeln.

Realität

Kirchliche Realität ist derzeit ein Kampf zwischen dem fundamentalistischen „Rest“ der imperialen Kirche gegen jene, die zum ursprünglichen emanzipatorischen Sinn von Religion zurückkehren wollen. Wie dieser Kampf ausgeht ist noch völlig offen.

Das “Trotzdem” der Teresa von Avila

Cover_Theresia300dpiPater Antonio Sagardoy hat ein Buch über die HL. Theresa von Avila geschrieben, deren 500. Geburtstag 2015 zu feiern ist. Aber man fühlt, es ist nicht dieser Anlass, der den Autor veranlasste, das Buch zu schreiben, sondern das Schlüsselwort ist jenes „Trotzdem“ im Untertitel.

Sie ist Teil der Kirche geblieben, obwohl ihr so oft ein kalter Wind entgegen geschlagen ist. Die Kirche war ziemlich heruntergekommen, es war die Zeit, die auch Martin Luther zu seiner Kritik veranlasst, und der ganz anders reagiert hat. Es war die Zeit der Inquisition, in der es oft genügte, denunziert zu werden. Und Intrigen gab es genug, in und außerhalb der Klöster. Es war die Zeit, in der man das Wort des Paulus, die Frauen hätten in der Kirche zu schweigen, als Gebot hinnahm. (Heute wissen wir, dass diese Stelle nicht von Paulus stammt, der sogar die Leitung der römischen Gemeinde einer Frau anvertraute). Es war die Zeit der Zwangskonvertierung von Juden, und Teresas Großvater war ein solcher Konvertit. Es war verboten, Bücher in der Muttersprache zu lesen. Frauen mussten den Rosenkranz beten, das innere Gebet, die Meditation war ihnen untersagt. Frauen, die sich nicht daran hielten, waren der Verachtung und dem Spott mächtiger Kirchenmänner ausgesetzt. Aber so wie keine Zeit einheitlich ist, gab es auch z.B. einen hl. Fray Pedro de Alcántara, der bestätigte, dass es viel mehr Frauen als Männer gibt, die mystisch begnadet sind und Frauen auf diesem mystischen Weg viel besser vorankämen als die Männer.

Es gehört zu Teresas Erfahrungen, dass Gott die Menschen anders sieht als die Herren der Kirche. Sie erlebt die Grenzen des Menschseins, die Grenzen ihrer Zeit und die Grenzen der Kirche. Sie ist trotz Schwäche und Krankheit eine der großen starken Frauen des Mittelalters, von deren es einige gab. Sie erlebt die Inquisition als ständige Bedrohung, sie erlebt die Kirchenspaltung in Europa und die nicht allzu ruhmreiche Eroberung Südamerikas, wohin ihre Brüder ausgewandert sind. Sie korrespondiert mit Bischöfen, Professoren, Theologen und mit König Philip II. und dem Papst. Sie schreibt Bücher über Gebet und Mystik, und sie gründet eine Reihe von Klöstern, auch Männerklöster. Und sie wird 1970 als erste Frau zur Kirchenlehrerin ernannt.

Pater Antonio streut immer wieder erfrischende Erkenntnisse ein: „Frisch Konvertierte neigen aber unter Umständen zu Übertreibungen.“ „Ein Leben aus dem Glauben ist nicht der Weg, der Verantwortung auszuweichen und die Aufgaben im Leben zu vernachlässigen.“ „Im Leben Jesu begann der Verrat im eigenen Kreis:“ „Denn zu viel des Guten, zu viel Abtötung, zu viel Armut kann ein Weg zu einer einseitigen Entwicklung sein, die sowohl zu Leistungsreligiosität als auch zur Verachtung der menschlichen Grundbedürfnisse führen kann.“ „Sie (religiöse Menschen) haben bei der Verwirklichung ihres Glaubenslebens keine Probleme mit Gott, wohl aber mit seinem Bodenpersonal.“ „…hierarchische Strukturen neigen unter Umständen dazu, Gott vorzuschreiben, was er wollen darf, damit seine Wünsche unseren entsprechen.“ „Gehorsam hängt damit zusammen, auf Gott zu hören – was unter Umständen Konflikte mit der Kirchenführung bedeuten kann.“

Theresa ist das Objekt von Machtspielen und Verleumdungen. Die Welt steht in Flammen, die Kirche macht Zeiten der Dekadenz durch. Teresa leidet an den Missständen der Kirche. Ihre Antwort: Was kann ich tun, um der Kirche zu dienen? Und das, trotzdem sie viele negative Erfahrungen mit dieser Kirche gemacht hat. Erneuerung kann immer nur von innen kommen.

Das Verbot der Meditation für Frauen bekämpft sie, distanziert sich von Theologen, die solches behaupten und stellt sich gegen die allgemeine Meinung. Teresa stärkt die ihr anvertrauten darin, ihren eigenen Weg zu gehen: „Legt bei solchen Dingen niemals Gewicht auf die allgemeine Meinung! Bedenkt, dass wir nicht in einer Zeit leben, in der ihr allen glauben könnt, sondern nur denen, die ihr dem Leben Christi entsprechend leben seht.“ „Lasst euch von niemandem täuschen, der euch einen anderen Weg zeigt.“

Das Buch zeigt, dass selbst in einer Zeit, in der die Frau nichts zählt und nichts darf, es charismatische Frauen gab, die selbst in diesen Beschränkungen noch einen Weg fanden, einen starken emanzipatorischen Beitrag zu leisten. Teresa stellt sich gegen die Missstände der Kirche, spricht diese aus, wird verfolgt und denunziert, und versucht dennoch immer einen Weg aus diesen Missständen heraus zu finden. Vielleicht eine Anregung für unsere kritiksüchtige Zeit, dass man nicht durch Kritik die Kirche oder die Welt verändern kann, sondern nur dadurch, dass man etwas tut.

P. Antonio Sagardoy
Teresa von Avila. Trotzdem liebe ich die Kirche
Verlag Styria premium 2014
ISBN 978-3-222-13464-7
EUR 14,99

Ökumene: Wann kommt die Einheit?

Band 4 der Kardinal König Bibliothek ist der Ökumene gewidmet.

Es geht um dLayout 1ie Nachwehen des 2. Vatikanischen Konzils, könnte man sagen, denn das Kind hat noch nicht wirklich gehen gelernt. Trotzdem ist einiges passiert, sogar in der heiklen Frage der Ökumene. Das 2. Vatikanum war zweifellos eine Wende im Bereich der Ökumene und Kardinal Franz König spielte eine entscheidende Rolle, so dass er als „Wegbereiter der Ökumene“ bezeichnet wurde.

Mit der von ihm gegründeten Stiftung Pro Oriente schuf er ein Instrumentarium, mit dem er das Thema in Eigenverantwortung vorantreiben konnte und vertrauensbildende Kontakte zu den Ostkirchen knüpfte: „Ich fühlte mich freier, solche Ziele in Wien zu verfolgen, wo ich die alleinige Verantwortung trug und weder von der vatikanischen Bürokratie behindert werden konnte noch eine Belastung für Rom war.“

Papst Johannes XXIII. hatte Kardinal König in einer Privataudienz erzählt, dass ihm die Idee zum Konzil während der Weltgebetsoktav für die Einheit der Christen gekommen war. Das Konzil zeigte dann erstmalig den universalen (katholischen!) und globalen Charakter der Kirche mit einem multikulturellen Bild.

Dietmar W. Winkler zeichnet in seinem Buch „Wann kommt die Einheit? Ökumene als Programm und Herausforderung“ die Geschichte der Ökumene nach, ausgehend von den Jugendbewegungen im 19. Jahrhundert, insbesondere des 1895 gegründeten „Christlichen Studentenweltbundes“ bis zum 1948 gegründeten Ökumenischen Rat der Kirchen, der ohne die Katholische Kirche auskommen musste. Papst Johannes XXIII. verfügte 1960 auf Betreiben Kardinal Beas die Einrichtung eines Sekretariats für die Einheit der Christen, dem heutigen Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen. Viele Konzilsdokumente sind denn auch vom ökumenischen Gedanken geprägt.

Kardinal König hatte Karl Rahner als seinen theologischen Berater zum Konzil mitgenommen, obwohl der Jesuit von manchen als Gefahr für die Kirche abgestempelt war. Als Nachfolger von Papst Johannes XXIII. wurde Paul VI. gewählt, obwohl der im Konzil eher zurückhaltend agiert hatte, es aber an seinen wenigen Wortmeldungen allen klar war, dass er zu den Reformern gehörte. Ohne diese Nachfolge und Perspektive wäre das Konzil wohl gescheitert.

Als sich während des Konzils hitzige Debatten um die sogenannte „Judenerklärung“ entwickelten, war es Kardinal König, der klarstellte, dass die Erklärung über das Verhältnis der Kirche zum Judentum auf Widerstand stoße und diese nur gerettet werden könne, wenn sie in einen größeren Kontext aller nicht-christlichen Religionen gestellt werde. So kam es zu „Nostra aetate“.

Notwendiger Hintergrund für den ökumenischen Gedanken war die Aufgabe der Sicht einer statischen Kirche und perfekten Gesellschaft. Die Kirche wurde am Konzil zur Bewegung, zum pilgernden Volk Gottes, zum Zeichen der Einheit – nicht nur der Konfessionen, sondern der gesamten Menschheit. An der Wiederentdeckung der Synodalität und Kollegialität der Kirche – gegen einen Papstzentrismus – waren ebenfalls Kardinal König und sein Berater Karl Rahner maßgeblich beteiligt.
Den Kontakten Kardinal Königs ist es auch zu verdanken, dass z.B. klar wurde, dass die mit Rom vereinten orientalischen Christen Teil der katholischen, aber nicht der lateinischen Kirche sind. Damit wurde deutlich, dass die Einheit der Kirche nicht in einer Uniformität bestehen kann und dass die Verschiedenheit der Traditionen zur besseren Verwirklichung der Katholizität (= Universalität) beitragen kann.

Natürlich gab und gibt es Rückschläge und Stagnationen, sowohl im Hinblick auf das Konzil wie auch die Ökumene. Es wäre heute sinnvoll, sich wieder auf die Worte Kardinal Königs zu besinnen: „Heute ist es entscheidend, das gemeinsame Erbe der Vergangenheit höher zu schätzen als das Trennende…“

Dietmar W. Winkler: „Wann kommt die Einheit? Ökumene als Programm und Herausforderung“, Kardinal König Bibliothek, Band 4. Hrsg. v. Helmut Krätzl, Annemarie Fenzl, Walter Kirchschläger. Verlag Styria premium 2014. ISBN 978-3-222-13386-2. EUR 16,99

Die beste aller Regierungsformen

Da sind wir uns doch einig: die Demokratie. Aber auch da gibt es verschiedene Ausprägungen, und der Populismus ist europaweit dabei, die Demokratie zu untergraben. Worauf also steuern wir zu? Auf ein Revival oder eine Demontage der Demokratie?

Um es gleich vorwegzunehmen: Es geht nicht um die formale Regierungsform, sondern um die Menschen, die eine Gesellschaft organisieren. Und um noch etwas vorwegzunehmen: Demokratie wird in demokratischen Ländern massiv missverstanden: als Herrschaft der Mehrheit(en). Demokratie bedeutet aber nicht, dass die Mehrheit bestimmt, sondern dass die Minderheiten gehört werden. Und da geht der Europatrend in die verkehrte Richtung.

Aber beginnen wir in den USA: Da haben wir eine demokratische Verpackung, und dahinter eine Diktatur der Lobbys, für die der jeweilige „mächtigste Mann der Welt“ das Feigenblatt abgeben darf. Oder er spielt, wie George Bush, zu offensichtlich mit. Direkte Demokratie gibt es in einigen Bundesstaaten, das Amt des Obersten machen sich die Milliardäre untereinander aus, das Amt ist teuer erkauft. Natürlich nach den Regeln der Demokratie – ohne Risiko, es steht ja nichts anderes zur Wahl.

In Europa hat die Schweizerische direkte Demokratie irgendwie Vorbildwirkung – sogar für die Rechtsparteien, und das mit gutem Grund. Die Schweiz zeigt vor, dass das ganz gut, aber doch nicht so recht funktioniert. Das Volk über alles abstimmen zu lassen bedeutet in der Praxis oft, die Minderheiten nicht zu hören, sondern zum Schweigen zu bringen. Dagegen gibt es noch kein Medikament. Und seit die Populisten aller Länder sich der Demokratie annehmen, ist diese enorm gefährdet.

Schon bei der Abstimmung gegen die Minarette war klar geworden, dass wenn alle mitbestimmen, es sehr wahrscheinlich wird, dass die Nicht-Betroffenen den Ausgang der Wahl bestimmen. Wo Moslems leben, stimmt die Mehrheit für die Minarette, in Regionen, die noch keinen Moslem zu Gesicht bekommen haben, ist die Mehrheit dagegen. Unbestimmte bis unbegründete Ängste dominieren die Abstimmung. Detto bei der kürzlich abgehaltenen Abstimmung gegen die „Masseneinwanderung“ (Das Wort allein genügte, um das Wahlergebnis zu manipulieren). Zu zweifelhaftem Ruhm brachte es dabei die Gemeinde Horrenbach-Buchen, 260 Einwohner, die Abstimmung ging mit 117 zu 8 Stimmen gegen die „Masseneinwanderung“ aus. Das „beste“ Ergebnis für die SVP. Dabei kennen die Horrenbacher die fremden Eindringlinge bestenfalls aus den Medien, denn nach Horrenbach-Buchen hat sich noch keiner verirrt. Aber sie wissen ganz genau, was auf sie – oder die anderen – zukommt, sollten sie in Massen auftauchen. Wieder einmal haben die gewonnen, die vom Problem keine Ahnung haben – und das ist eben direkte Demokratie.

Nichts gegen Demokratie! Sie ist natürlich die unserem Sicherheitsbedürfnis am besten entsprechende Regierungsform. Sie gibt uns das Gefühl, mitbestimmen zu dürfen. Ob dahinter dann die Lobbys diktieren oder die Ignoranten, das ist eben mehr Bestimmung als Mitbestimmung.

Es gibt keine Alternative zur Demokratie, keine Frage! Sie ist die beste aller möglichen Regierungsformen, aber noch immer keine allzu gute. Darüber darf, soll und muss diskutiert werden. Ihre Unzulänglichkeit hat keine wirkliche Alternative, aber sie zu verbessern, davon dürfen wir doch träumen, odr?

So wie die Zeit der Volkskirche vorbei ist, so auch die Zeit der Volksparteien. Die Wahlergebnisse nähern sich immer mehr dem Unentschieden an. Was aber ist dann eine demokratische, dem „Wählerwillen“ entsprechende  Regierungsbildung? Es wird keine einzelne Partei in Zukunft regieren können, in Österreich ist wohl zum letzten Mal eine Regierung aus zwei Parteien gebildet worden. Bei der nächsten Wahl wird sich auch das nicht mehr ausgehen. In Italien z.B. ist die Parteienlandschaft so differenziert und so fließend, dass nicht die Demokratie, sondern das Chaos regiert, und das seit langem. Das einzig Stabile sind korrupte und mafiotische Strukturen. Und das nennt sich dann Demokratie?

Sollten alle Parteien entsprechend ihrem Wahlergebnis in der Regierung vertreten sein? Könnte das wechselnde Mehrheiten in Sachfragen ermöglichen? Würde das zu mehr Vernunft oder zu mehr italienischen Verhältnissen führen?

Das Problem sind immer die Menschen

Aber die Organisationsform ist gar nicht das eigentliche Problem. Das wirkliche Problem ist, dass sowohl die Wähler/innen als auch die Gewählten Menschen sind. Die Wähler lassen sich manipulieren, siehe die aufstrebenden Rechtsparteien, die auf der Klaviatur der Ängste spielen, natürlich zu ihrem eigenen Vorteil. Und auch generell geht es um Macht und Machterhalt, genauso wie in Monarchien oder Diktaturen. Und damit sind wir bei der Kernfrage: Wie kann man eine Regierung dazu bringen, das zu tun, wofür sie gewählt wurde? Nämlich die Belange des Staates, des Volkes zu vertreten und nicht die eigenen Interessen. Dafür braucht es keine bestimmte Regierungsform, sondern vor allem einen bestimmten Menschentypus.

Damit sind wir unweigerlich bei Platon, der gemeint hat, dass Philosophen regieren sollten. Also diese heute vom Aussterben bedrohte Spezies. Zur Erinnerung: Philosophen sind diejenigen, die vorwiegend Fragen stellen, ohne vorzugeben, dass sie die Antwort hätten. Und sie fragen vor allem danach, was für den Menschen im Allgemeinen (und nicht für die eigene Tasche) wirklich wesentlich ist. Sie würden in einer Regierung fragen, was für die Menschen, die sie vertreten, wesentlich und gut ist.

Andererseits: Demokratie setzt auch mündige, vernünftige Bürger voraus. An deren Mangel scheitert die Demokratie. Da hilft eigentlich nur die Evolution. Ist der Mensch lernfähig oder nicht? Wir leben in einer Zeit der Ich-AGs, aber wirkliche Selbstbestimmung ist ein Fremdwort. Und Fremdbestimmung, Manipulation zerstören jede Demokratie.

Aber vielleicht brechen ja gerade jetzt andere Zeiten auf. Die Volkskirche ist passé, die imperiale Kirche ist passé, und in Krisenzeiten besinnt man sich auf das Wesentliche. Und auf das scheint der neue Papst hinzusteuern. Religion ist nicht Manipulation und Unterdrückung, sondern Hinführung zur Emanzipation von Fremdbestimmung hin zur Selbstbestimmung. Etwas ganz Neues und doch die alte Botschaft. Und Politik und Gesellschaft erfordern heute genau das. Es geht um das Volk Gottes in der Kirche – und um das mündige Volk in der Demokratie. So nahe waren Religion und Politik noch nie. Die Trennung von Staat und Kirche darf nicht angetastet werden, aber die Menschen sollten – in Staat und Kirche – endlich reif werden.