Von der Abstraktion des „Hier und Jetzt“

Östliches und westliches Denken sind komplementär, was heißt, sie sind inkompatibel, aber einander ergänzend. So sind die Modeerscheinungen „Achtsamkeit“ und „Leben im Hier und Jetzt“ bloß unverstandene Floskeln, wenn sie in westlicher Sprache, im westlichen Weltbild aufgefasst werden.

Unser westliches Weltbild ist ein (pseudo)naturwissenschaftliches, ob wir wollen oder nicht, das ist uns seit vier Jahrhunderten eingebrannt. Naturwissenschaft analysiert, d.h. zerlegt alles in kleinste Teilchen und rechnet mit mathematischen Punkten, die es real nicht gibt. Die Zeit ist das größte Problem, weil damit genauso umgegangen wird. Alles wird reduziert auf Zeitpunkte, die aber keinem Erleben entsprechen. Wir erleben keine Zeitpunkte, sondern Zeiträume. Zeitpunkte gibt es genauso wenig wie kleinste „Teilchen“.

Auch die Gegenwart wird damit zu einem abstrakten Punkt, den es nirgends gibt. Wer beim (asiatischen) Hier und Jetzt an diesen abstrakten Punkt denkt, kommt aus dem westlichen Denken nicht heraus und kann das, was damit gemeint ist, gar nicht verstehen, das eben nicht naturwissenschaftlich und nicht fragmentierend ist.
Naturwissenschaft muss exakt messen, und auch diese Exaktheit ist eine Abstraktion, die es im Konkreten nicht gibt. Kaschiert wird das mit der notwendigen Angabe einer Fehlertoleranz, die dann großzügig ignoriert wird, um von der Unmöglichkeit des exakten Messens abzulenken.

Wer beim „Leben im Hier und Jetzt“ an diesen abstrakten Zeitpunkt denkt, der hat das „Leben“ in dieser Formulierung unterschlagen. Er/sie denkt an eine „reine“ Gegenwart ohne Vergangenheit und Zukunft. Sich hinsetzen und bloß nicht an Vergangenheit oder Zukunft denken ist nicht das, was im Buddhismus darunter verstanden wird. Zwar stimmt das nicht an Vergangenes und Zukünftiges denken, aber das bedeutet den Geist konzentrieren, aber in einer „Essenz“ und nicht in einem Punkt. Das bedeutet nicht Gegenwart, abgegrenzt von Vergangenheit und Zukunft, sondern Gegenwart, in der alles Vergangene und Zukünftige konzentriert enthalten, gegenwärtig ist. Das ist es auch, was mit „Achtsamkeit“ gemeint ist.

In der Psychologie ist es nicht anders. Psychotherapie könnte nicht funktionieren, wären wir abstrakte Ichs (für die wir uns halten). Sie kann funktionieren, weil Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart enthalten sind. Nur so ist es auch möglich, das Vergangene (den Einfluss des Vergangenen auf die Gegenwart) zu ändern.
Damit ist das Ziel (Samadhi oder Satori) oder das Nirvana nicht Nichts, sondern Alles. Wie das Selbst bei C.G. Jung Mittelpunkt und alles umfassend zugleich.

Grob gesprochen gibt es nur zwei mögliche Weltbilder (natürlich in allen möglichen Variationen): das statische (Sein) und das Dynamische (Werden). Europa hat sich – zumindest seit der Naturwissenschaft, die aber schon bei Aristoteles beginnt – für das statische entschieden. Es geht um Seiendes, nicht um Werdendes, um eine Außenwelt, nicht um die Innenwelt, um Dingliches, nicht um Beziehung oder Prozesshaftes, um tote Materie, nicht um Lebendiges. Es leuchtet zwar immer wieder auch das andere oder sogar die Synthese auf (Platon, Leibniz, Hegel, Whitehead, Jung, Quantenphysik), aber in ein allgemeines Weltbild ist das bisher nicht eingegangen.

Ein anderer abstrakter Begriff ist jener der Grenze. Wir müssen alles begrenzen oder abgrenzen, sprich definieren. Damit entfernen wir uns aber von der Wirklichkeit, die wir erleben. Durch Messung kommen wir zum Teilchenbild (siehe Doppelspaltexperiment), verlieren dabei aber das Wellenbild, das uns sagen würde, dass alles eine untrennbare Einheit mit der Umgebung (Feldbegriff) und letztlich mit allem ist. Nichts ist wirklich isoliert, alles ist kontextabhängig. So gibt es auch keine Grenze zwischen Gegenwart und Vergangenheit oder Gegenwart und Zukunft.

„Achtsamkeit“ oder „Leben im Hier und Jetzt“ ist somit kein Rückzug in eine Grenze, die uns von Vergangenheit und Zukunft abgrenzt, denn die gibt es nicht. Gegenwart ist kein Zeitpunkt, sondern Gewordenes, in dem alles enthalten ist.

In einem statischen Weltbild (das zumindest seit 400 Jahren vorherrscht) bedeutet „Achtsamkeit“ oder „Leben im Hier und Jetzt“ sich von Vergangenheit und Zukunft abgrenzen, so wie Dinge oder Objekte (angeblich) an ihrer Oberfläche begrenzt sind. Das wäre eine abstrakten Gegenwart, die es eigentlich nicht gibt.

In einem dynamischen Weltbild (das zum Leben passt, denn „alles fließt“) bedeutet „Achtsamkeit“ oder „Leben im Hier und Jetzt“, dass Vergangenheit und Zukunft in einem komprimierten Zeitraum (nicht Zeitpunkt) anwesend sind. Dann entspricht es dem Alles-Eins-Sein. Dann ist es Mitte und Alles zugleich. Um im Hier und Jetzt zu leben, muss man sein Bewusstsein konzentrieren und ausdehnen, bis es alles in Liebe umfasst.

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Theologie ohne „Gott“

Es gibt lebende und tote Sprachen und auch lebende und tote Sprachspiele. Wenn man heute Diskussionen vor allem von fundamentalistisch Glaubenden und ebenso fundamentalistischen Atheisten verfolgt, kann man sich des Eindruck nicht erwehren, dass beide Seiten keine Ahnung haben, wovon sie reden. Es geht um ein Wort, das längst totgeredet wurde. (Das Wort) Gott ist tot, wie Nietzsche sagte. Die Diskussion entzündet sich an einem unverstandenen, längst toten Wort.

Wie kann man heute noch über Gott reden, ohne das Wort „Gott“ zu verwenden, das vielen nichts mehr bedeutet. „Das Absolute“, der „Gott“ der Philosophen, ist zu abstrakt und genauso alt, „das Ganze“ wäre eine heutige Vorstellung, hängt aber zu sehr an den Teilen. Wie also noch von Gott reden?

Völlig übersehen wird dabei, dass einer schon längst eine ganz andere Sprache gesprochen hat: Jesus von Nazareth vor 2000 Jahren. Er hat das Wort kaum verwendet, hat meist vom „Vater“ gesprochen, ein Wort, das im Aramäischen auch „Ursprung“ heißt, also eine völlig andere Konnotation hatte, als wir ihm heute mit dem anthropomorphen „Vater“ unterstellen.

Im Alten Testament ist „Elohim“ ein Plural, und „JHVH“ ein nicht auszusprechende „Begriff“. Im brennenden Dornbusch gibt sich Gott zu „erkennen“ als der „Ich bin da“. Alles Beschreibungen und Zuschreibungen, die im heutigen Wort „Gott“ längst verloren gegangen sind.

Nur wir Heutigen tun so, als wäre mit dem Begriff „Gott“ alles klar. Wir haben eine konkrete, anthropomorphe Vorstellung, ein Bild, das wir uns schon laut AT gar nicht machen sollten. Wir pressen Gott in eine menschliche Vorstellung, was im AT mit dem Bild vom Goldenen Kalb bezeichnet wird.

Wie also noch von Gott reden?

Jesus hat von sich meist als „Menschensohn“ gesprochen und zeigt damit, wie Menschsein geht. Das vor allem war seine Mission. Aber auch „Ich und der Vater (auch Ursprung) sind eins.“ Und in Joh. 17 wird beides, auch für den Menschen, verbunden: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein…“ Man kann nicht von Gott reden, ohne vom Menschen zu reden, und umgekehrt. Die Frage ist nur, wie?

Wenn aber Jesus sagt, „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, dann ist das bereits eine andere Sprache, eine die ohne den (abgenudelten) Begriff „Gott“ auskommt. Einerseits spiegelt dieses Wort die Trinität von Weg (Sohn), Wahrheit (Vater) und Leben (Geist), ohne in das heutige Subjekt-Objekt-Denken abzusinken, andererseits umgeht diese Beschreibung ein konkretes statisches Bild und löst das Ganze in eine Dynamik auf. Leider ist dieser Satz noch nicht im Volk angekommen. Fundamentalisten klammern sich an eine „Wahrheit“, in deren Besitz sie sich wähnen, weil sie die Bibel haben und lesen können. Genau deshalb trifft auf sie das „Der Buchstabe tötet…“ zu. Anderen einen unverstandenen Begriff um die Ohren zu hauen, bringt beiden nichts. Vor allem, wenn der Weg und das Leben außen vor bleiben, ohne die aber die Wahrheit nicht zu „haben“ ist.

Spiritualität ist ein Weg, das heißt es gibt eine Orientierung, aber es ist sinnlos, voreilig von einem Ziel (Wahrheit) zu reden. Und Spiritualität ist ein Weg im Leben, dem nichts Menschliches fremd ist. Eine Theologie, die am Leben in all seinen Facetten vorbei geht, ist keine Theologie. Jesus hat sich nicht mit den Pharisäern (die die „Wahrheit“ verwaltet haben) zu Tisch gesetzt, sondern mit den Zöllnern (die „Sünder“, aber lebendig waren).

Eine lebendige Spiritualität braucht nicht unbedingt einen Begriff (Gott), sie braucht vielmehr einen Weg (inklusive der Demut, noch kein Ziel erreicht zu haben) im Leben (mit allen Facetten, Tiefen und Abgründen). Dieser lebendige Weg führt in die Tiefen der Seele, weshalb eine Religion ohne Psychologie zahnlos ist, und jedes Reden von Gott leeres Gerede.

Erst in dieser inneren Tiefe sind Weg und Ziel eins in der Wahrheit. Und für diese braucht es keine Begriffe.

Zwischen Gesetz und Leben

Dubia“ oder „Sine Dubiis “, das ist die Frage!

Wenn  es – abgesehen von der Verankerung in der Transzendenz – einen Grund gibt für das Bestehen der Kirche, dann ist es ihre Vielfalt. Und wenn es ein Charakteristikum unserer Zeit gibt, dann ist es die (künstliche) Polarisierung. So gibt es vor und nach dem Konzil die Polarisierung zwischen „Konservativen“ und „Progressiven“, und wenn das Konzil gescheitert ist, dann nur darin, dass es das Ziel, diese Polarisierung aufzuheben, letztlich nicht geschafft hat. Trotzdem muss man auch heute noch bekräftigen, dass wenn „konservativ“ bedeutet, an der Tradition festzuhalten, dass das impliziert, dass diese Tradition auch fort- und weitergeschrieben wird, also genau das, was „progressiv“ meint. Und wenn „progressiv“ Weiterentwicklung bedeutet, dann geht das nur auf der Basis des Ursprungs (was sonst sollte weiterentwickelt werden?), also genau das, was „konservativ“ meint.

Das entspricht natürlich nicht der faktischen Polarisation. Da geht es den (Pseudo-)„Konservativen“ oft nicht um das Bewahren des Ursprungs, sondern des Gesetzes. Dass das an der Lehre Jesu vorbei geht, der sich oft und oft gegen die „Gesetzestreue“ der Pharisäer gewandt hat, ist offensichtlich. Die „Progressiven“ verlieren dagegen manchmal die Verbindung zum Ursprung und verfolgen eigene Ziele. Auch das ist nicht im Sinne des Erfinders.

Nun ist es interessant, dass es auch eine Polarisation innerhalb der sich als „konservativ“ Bezeichnenden gibt. Da sind die vier „Dubia-Kardinäle“, die offen und öffentlich gegen den Papst auftreten, und da sind die Initiatoren von „Sine Dubiis“, die zur Solidarität mit dem Papst aufrufen. Wobei sie bestimmten katholischen Journalisten vorwerfen, ein marginales Problem (!) künstlich am Köcheln zu halten, und mit ihrem Aufruf selbiges tun. Sie meinen, dass vier Kardinäle zwar eine marginale Minderheit sind, die Haltung, die sie vertreten allerdings ansteckend sei.

Nun ist einer von diesen Vieren Raymond Leo Kardinal Burke, der schon vor den „Dubia“ für Gelächter einerseits und Ehrerbietung andererseits gesorgt hat. Für die einen ist sein Outfit eher eine Karikatur der römischen Beamtenkleidung (auf die das Priestergewand ja auch zurückgeht, ebenso wie die kirchlichen Titel und die Hierarchie – alles nicht ursprünglich christlich). Für die andern, für die der aktuelle Papst einen Ausverkauf der Lehre der Kirche veranstaltet, ist Burke bereits der künftige Papst. Angesichts so vielen Unsinns ist es wirklich schwer, die Dubia ernst zu nehmen.

„Die Tagespost“ vom 25. Feb. 2017 brachte ein Pro und Kontra „Sine Dubiis“. Deren Initiatoren, Matthias Jean-Marie Schäppi und Friedrich Reusch,  legten dar, dass die Aussagen des Papstes in Amoris laetitia nicht über die Lehre der Kirche hinausgehen, sondern diese weiterentwickeln. Motiv war vor allem, dass die „Hermeneutik des Misstrauens“ hochgradig ansteckend sei. In erzkonservativen Kreisen ist sie das sicher. Befremdlich sind die Seitenhiebe auf Luther oder die Feststellung, dass die Piusbrüder bald in die Kirche zurückkehren könnten. Ohne Anerkennung des Konzils kann das aber nicht geschehen, und die Nicht-Anerkennung (trotz Unterschrift Lefebvres auf den Konzilsdokumenten) führte ja zur Spaltung. Da ist bei aller Offenheit des Papstes keine Rückkehr zu erwarten.

Als „pauschaler Bann über treue Katholiken“ bezeichnet in seinem Kontra Michael Hesemann, Historiker und Publizist, den Aufruf zur Papsttreue. Wobei er anscheinend nicht treue, sondern gesetzestreue Katholiken meint. Papst Franziskus bezeichnet er „als so eine Art ‚Dorfpfarrer des global village‘ mit einem großen Herzen für die Menschen in der Peripherie“. Vieles sähe er positiv, aber er kritisiert doch seine „typisch lateinamerikanische Perspektive“ – so als hätte das Konzil nicht von einer Aufwertung der Ortskirchen gesprochen – und in vielen Fragen verlasse sich PF auf seine (schon auch mal falschen) Berater – so als ob Berater ausschließen, dass man sich dann eine eigene Meinung bildet. So kann man den Papst kritisieren, ohne ihn anzugreifen. Und er betont, dass auch ein Papst seine Stärken und Schwächen habe – das kann man nachvollziehen.

Was „Sine Dubiis“ betrifft, gehe es aber um etwas anderes. „Nämlich um eine Marginalisierung und Diskreditierung kritischer Stimmen, allen voran der vier Kardinäle, die ihre Fragen zu Amoris laetitia stellten.“ Es gehe um die Sorge um einen Missbrauch dieser einen Fußnote von AL. „Sie führte dazu, dass der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen in verschiedenen Diözesen und Ländern unterschiedlich gehandhabt wird.“ Da muss man ganz klar sagen, sie führte nicht dazu, sondern das war schon vorher so, und das war auch im Sinne des Konzils. Die beschworene Einheit der Kirche besteht nun wirklich nicht im Betonieren von Gesetzestexten, sondern im Handeln im Sinne Christi. Und das ist etwas völlig anderes. Da geht es auch im individuelle Gegebenheiten und kulturelle Unterschiede, vor allem um das Gewissen jedes Einzelnen. Eine Klärung ein für alle Mal und ein Festschreiben für alle an jedem Ort und zu jeder Zeit zu fordern, sodass niemand mehr selbst zu denken braucht, wäre nicht „aus Liebe zur Kirche“. Wer lesen kann, für den ist AL klar und deutlich, wer das Machtwort eines Kirchenfürsten erwartet oder mit diesen unsäglichen „Dubia“ erzwingen will, um dann Marionette spielen zu dürfen, der hat nichts von menschlichen und Göttlichen Dingen verstanden.

Hesemann wirft den Initiatoren des Aufrufs zur Papsttreue vor, das Urteil vorwegzunehmen und „den pauschalen Bann über konservative Katholiken“ auszusprechen, deren Anliegen doch gerade die Bewahrung der Kirche vor einer Verwässerung ihrer Lehre durch protestantisierende Ideen“ sei – womit er diese Verwässerung der Lehre der Kirche indirekt dem Papst vorwirft.

Und genau dagegen verwehrt sich „Sine Dubiis“!

Feindbild Facebook

Ein Artikel auf „Galileo“: „Die Filterblase: Wie Facebook dabei ist, uns alle zu Feinden zu machen“ macht genau das, was er im Artikel Facebook zuschreibt: er kreiert ein neues Feindbild. Dabei wäre es bloß notwendig, mit dem Medium umgehen zu lernen. Dafür gibt es auch Tipps am Ende des Galileo-Artikels.

Zunächst wäre festzuhalten: Der Artikel stammt von einer seriösen Internet-Seite, und das ist, wie wir alle wissen (sollten), ziemlich wichtig. Aber wovon reden wir? Das Internet ist eine Kulturtechnik, wie es auch der Buchdruck war, nur eben schneller und fast auf Anhieb fast allen zugänglich. Kulturtechniken sind nicht per se gut oder böse, sondern ein Werkzeug, mit dem man umgehen lernen muss.

Der Artikel beginnt mit dem Satz: „Facebook und Twitter haben dazu beigetragen, Donald Trump zum Präsidenten zu machen.“ Das kann man nicht leugnen. Nach Schätzungen stammten 30 % der Twitter-Einträge pro Trump von Mini-Programmen und nicht von Usern. Das Internet ist eben noch weit geduldiger als Papier (Bücher, Zeitschriften, Zeitungen, Prospekte, Plakate,…), und eben auch offen für sinnvolle und unsinnige Inhalte.

Der Kritikpunkt des Autors ist: FB kreiert eine eigene, eingeschränkte Welt (so genannte „Filterbubbles“), in der wir uns bewegen und die wir damit verfestigen. Da stellt sich die Frage: Was ist denn daran so neu? Außer dass es schneller und „besser“ geht, gar nichts. Das Internet/FB wirkt nur wie ein Teleskop, es macht sichtbar, was ohnehin da ist. Es macht keinen anderen Menschen aus mir, sondern es macht den Menschen, der ich bin, transparenter.

Der Artikel nennt „zwei wirklich gefährliche Effekte“:

„Erstens wird der am ehesten gehört, der am lautesten brüllt.“ Viele Likes, große Reichweite, und Populisten können damit grandios umgehen. Aber ist das ein Alleinstellungsmerkmal von FB? Das ist doch im wirklichen Leben ganz genauso! Es wird durch FB nur verdichtet und deutlicher.

„Zweitens leben wir alle in kleinen Welten, die wir uns selbst erschaffen haben.“ Im Klartext: Nicht FB „erschafft“, sondern wir erschaffen selbst. FB „hilft“ uns nur dabei. Das, womit wir uns gehäuft beschäftigen, wird uns in der Timeline präsentiert. Das bläst die eigene Meinung künstlich auf (eben „Filterbubbles“), während gegenteilige Meinungen und Informationen ausgeblendet oder bekämpft werden. „Wir alle schließen uns in Filterbubbles ein.“ Auch das wäre ohne FB nicht anders. FB komprimiert bloß.

Facebook ist das, was wir daraus machen

Es herrscht ja auch die Meinung, FB wäre nur geeignet für Oberflächliches, für Katzenfotos, Essenspostings und Befindlichkeitsmeldungen. Tiefschürfendes gehe nicht. Letzteres ist natürlich schwieriger an die User zu bringen, aber wer es versucht, wird sehen: es geht! Dass man mit religiösen Fundamentalisten und Atheisten wunderbar über Religion diskutieren oder (was klarerweise leichter ist) streiten kann, wundert nicht wirklich. Das ist eben Meinungspornografie. Aber man kann auch z.B. über Quantenmechanik diskutieren, wenn auch viel eher mit Frauen als mit Männern. (Aber das ist ein eigens Thema). Genauso kann man über Tiefenpsychologie diskutieren, wenn man es nur versucht.

Natürlich gibt es auch dabei Voraussetzungen, aber wieder wie im wirklichen Leben. Das Leben in den „Filterbubbles“ muss man nicht negativ sehen. Positiv formuliert heißt das, ich kann mir meine „Freunde“ selbst aussuchen. Mit denen kann ich dann eben Katzenfotos tauschen, am Krieg der Faschisten mit dem Gutmenschen teilnehmen, oder über Quantenmechanik, Tiefenpsychologie, Philosophie, Politik und Religion diskutieren.

Die „Filterbubbles“ führen dazu, sich in einer eigenen, immer begrenzteren Welt einzugraben, Gegenteiliges auszuschließen, auszugrenzen und zu bekämpfen, was zu einer immer größeren Polarisierung führt. Wunderbar zu beobachten im US-Wahlkampf, in dem es nicht mehr um Argumente, sondern um den Aufeinanderprall zweier Ideologien ging. Amerika ist gespalten, und es ist unwahrscheinlich, dass es nach der Wahl wieder ein „geeintes“ Amerika gibt. Die Anti-Trump-Demos beweisen das zur Genüge.

Ähnlich in Österreich die Bundespräsidentenwahl, in der „Rechts“ und „Links“, „Rechtsradikale“ und „linke Gutmenschen“ aufeinanderprallen. Auch dieser Krieg wird durch FB und Twitter nur verstärkt, weil sich dort die Wogen viel schneller aufschaukeln können. Da wir die erste Wahlanfechtung schon hinter uns haben, ist es ebenso unwahrscheinlich, dass nach der Wiederholungswahl wieder ein „einig Volk“ entstehen wird.

Das Gift der Polarisierung

An dieser Polarisierung ist aber nicht FB schuld, sie wird durch FB nur verstärkt. Dahinter steckt viel Tieferes. Das großpolitische Lagerdenken war nach dem Mauerfall passé, die Weltpolitik wurde komplex – und wie sich heute immer deutlicher zeigt: Wir sind dem nicht gewachsen. Unser Denken ist mit Komplexität schlicht überfordert.

Hinter dieser Zuspitzung steckt noch Tieferes: Der ungeheuer erfolgreiche Siegeszug der Naturwissenschaft wurde teuer erkauft mit der Preisgabe der Komplexität und der Ganzheit. Leider ist das Leben aber komplex. Naturwissenschaft analysiert, zerlegt in kleinste Teile, weil es unmöglich ist, viele Parameter, die zusammenspielen, gleichzeitig wissenschaftlich zu erfassen. Die Methode ist das Experiment, eine vereinfachte Situation, die so in der Natur nicht vorkommt. Mit anderen Worten: Naturwissenschaft konstruiert eine objektive Welt, in der das Subjekt, der Mensch und das wirkliche Leben nicht vorkommen, ausgeklammert werden müssen.

Das wäre an sich nicht tragisch, ist das doch eine höchst erfolgreiche Methode. Tragisch wird es, wenn man meint, damit die „Welt“ erklären zu können. Damit wird die Methode zur Ideologie, und wie alle Ideologien gefährlich. Dann sieht man nicht mehr, dass man mit dem Subjekt das Menschliche aus der Welt hinausgedrängt hat, und wundert sich über eine unmenschliche Welt. Dann sieht man auch nicht mehr, dass sich die Naturwissenschaft längst weiterentwickelt hat, mit der Quantentheorie wieder „ganzheitlich“ geworden ist. Das ideologische, pseudo-naturwissenschaftliche Weltbild muss um 1900 stehenbleiben. Der „Alltagsverstand“ kann weder die Quantentheorie, noch die Tiefenpsychologie verstehen, weil die über eine längst überholte Logik hinausgehen.

Um nur einen Aspekt zu nennen: In beiden Disziplinen gilt das Entweder-Oder nicht mehr. Aber genau an dieses Entweder-Oder, diese Schwarz-Weiß-Malerei, dieses politische Rechts-Links-Schema klammern wir uns, als lebten wir immer noch im 19. Jahrhundert. Erst wenn wir das überwinden, könnte es wieder heißen: Willkommen im wirklichen (komplexen) Leben. Vielleicht würde dann sogar die Politik wieder legendig.

Facebook macht uns jedenfalls nicht zu Feinden, sondern macht uns unsere vorhandene und wachsende feindliche Gesinnung bewusst.

Todestrieb

So gibt es ihn doch,

den Todestrieb?

Nicht als Drang zur Vernichtung,

sondern wehmütiges Drängen

in ein anderes, nicht dieses Leben.

 

Als Suche nach dem Ideal,

von Grenzen nur behindert,

der Endlichkeit zu entgehen,

dem Hier zu sterben,

um dort scheinbar zu leben.

 

Es wäre so einfach

sich der Begrenzung zu ergeben.

Der bunte Vogel

singt auch im Käfig,

und im Träumen wär er frei.

 

Doch ist es so schwer

im Gestein das Ewige zu sehen.

So verwerfen wir den Stein,

wieder verbunden im Innern,

dem Außen entschwunden.

 

Wie tiefgehend und so real,

doch eine andere Realität.

Dem Hier und Jetzt verdorben,

denn im Realen nicht zu sein,

nennt man doch gestorben.

 

Das Leben im Ideal ist stilles Glück,

das Endlichkeit nicht bieten kann.

Doch  wiegt ein einziges Aufblitzen

durch Begrenzung hindurch

knochenlose Verbundenheit auf.

Fließen

 

Im Fragmentieren unserer Welt

haben wir den Lebensfilm

zu Standbildern degradiert.

So schnell sie auch aufeinanderfolgen

es wird kein Film mehr draus.

 

Die Zeiger der Uhren springen

von Sekunde zu Sekunde,

das Dazwischen überspringend,

um uns notdürftig zu erinnern,

dass da etwas Fließendes war.

 

Im Zusammensein vergeht die Zeit

wie in rasendem Fluge.

Im Warten dehnt sie sich

kommt kaum an ein Ende,

und Tränen lassen die Zeit stillstehen.

 

Als wäre sie in einem Standbild eingefroren.

Kein Zeiger, der weiterspringen würde,

als wär alles Fließen zu Eis erstarrt.

Nur Licht und Wärme der Sonne

könnte die Zeit wiederbeleben.

 

Erde getrennt vom Himmel

oder Himmel ohne Erdengrund

bringt kein Lebendiges hervor.

Nur wenn der Himmel sich zur Erde neigt,

kann Leben sich entwickeln.

Philosophie

Philosophen werden allgemein als Denker bezeichnet, doch das trifft es nicht.

Wenn sich Philosophie auf das Denken beschränkt, dann ist das die Absolutsetzung des Rationalen unter Verdrängung alles anderen. Verdrängung führt aber nicht zur Erkenntnis, sondern zur Angst, die immer eine Verengung des Horizonts bedeutet.
Die übliche Definition des Menschen als „animal rationale“ ist so eine Einengung, zumindest, wenn wir „rationale“ als rational übersetzen. Das griechische „zoon logon echon“ bedeutete allerdings noch wesentlich mehr. Daher muss man das „animal rationale“ übersetzen mit „vernunftbegabtes Wesen“. Und „Vernunft“ (von „vernehmen“) ist weit mehr als Rationalität, ist so etwas wie die Verbindung von Logik, Einfühlung und Intuition.

Philosophie war ursprünglich der Name für Wissenschaft. Erst als sich die Einzelwissenschaften aus der Philosophie abspalteten, wurde diese eine eigene Disziplin. Trotzdem waren und sind Philosophen meist vertraut mit den Wissenschaften, und an den Universitäten war die Philosophische Fakultät ein Dach für die Wissenschaften. Lange Zeit waren nur die Juridische und die Theologische Fakultät davon getrennt. Heute gibt es die interessante Entwicklung, dass die Kunstakademien und -hochschulen in Universitäten umbenannt werden. Es war wohl ein Fehler, das Kreative aus dem Universalen auszuschließen, was aber am wissenschaftlichen Weltbild und dem Ausschluss des Lebendigen und Menschlichen aus diesem liegt.

Universalität

Umgekehrt ist das gesamte Fächerspektrum der Universitäten nichts als die gemeinsame Antwort auf die eine Kant’sche Frage: Was ist der Mensch? Das sieht man sehr schön an der modernen Physik, in der es nicht um die Beschreibung der Natur, sondern um unsere Sicht der Natur geht, also letztlich nicht um objektives Wissen, sondern um Erkenntnistheorie, um die Frage: Was kann der Mensch wissen? Die (objektive) Natur direkt zu beschreiben ist nicht Aufgabe der Naturwissenschaft. Objektivität ist eine der Kategorien, die inzwischen obsolet geworden sind.

In der Logik geht es nicht um Naturgesetze, sondern um Denkgesetze. Es ist die Methode, mit der wir an die Natur herangehen, die die Forschung bestimmt, aber auch das, was wir durch diese finden können. In der auf Aristoteles zurückgehenden und durch die Naturwissenschaft präzisierten Logik haben wir uns jahrhundertelang bewegt. Die Quantenmechanik ist damit nicht zu begreifen, sie geht über unsere gewohnte Logik, unser gewohntes Sehen der Realität hinaus, durchbricht und erweitert den Rahmen unseres Sehens.

Vom Gegensatz zur Komplementarität

Daher konnte Richard Feynman sagen: Wer die Quantentheorie verstanden hat, hat sie nicht verstanden. Das Messen verändert das Gemessene, das Sehen verändert die Welt, und die Wissenschaft verändert das Denken, verändert, was es heißt zu verstehen. Zumindest die westliche Logik musste bisher von zwei gegensätzlichen Aussagen eine eliminieren, weil nur eine richtig sein konnte. Jetzt wird aus Gegensätzen Komplementarität, Gegensätze schließen einander nicht aus, sondern ergänzen sich. Es ist nicht mehr sinnvoll, von der Identität von Elementarteilchen zu reden, und wenn diese entweder Teilchen oder Welle sind, je nachdem wie wir das Experiment anlegen, dann ist auch die Eindeutigkeit als Kriterium verloren gegangen. „Die Eigenschaft von Quantenphänomenen wird durch die Messung nicht festgestellt, sondern hergestellt“ (Herbert Pietschmann). Die Materie ist nicht aus kleinsten Bausteinen aufgebaut, sondern aus „etwas“ (bereits dieser Begriff ist falsch), das nichts mit unserer Vorstellung von Materie gemein hat. Wenn wir im Doppelspaltexperiment nicht am Spalt, sondern dahinter die Messung vornehmen, dann messen wir, und legen damit fest und ändern, wie sich das Teilchen vorher (in der Vergangenheit) „entschieden“ hat.

Plötzlich wird transparent, dass Denken und Logik auf das Erfassen einer objektiven Außenwelt abgezielt hat, die es eigentlich so nicht gibt. Andererseits wird auch schlagartig klar, dass die Psychologie es deshalb so schwer hat, weil sie eine Innenwelt beschreibt, die völlig anderen Gesetzen und einer ganz anderen Logik folgt. Da ist nichts eindeutig, sondern alles ist mehrdeutig, es können sich verschiedene Identitäten ausbilden, Gegensätze bestehen nebeneinander und bilden unsere inneren Konflikte, die wir durch Eliminieren eines Gegensatzes nicht lösen können. Viel wichtiger als Begriffe sind Symbole, die der Vielfalt, Mehrdeutigkeit und Mehrdimensionalität des Lebens gerecht werden.

Welt oder Leben

Zurück in der Außenwelt wird wiederum klar, dass auch da unsere Gesetze der Logik nicht gelten. Die gelten nur für eine abstrakte Außenwelt. In der Natur ist nichts eindeutig, nichts reproduzierbar, es herrscht Vielfalt und Kreativität. Vieles ist nicht quantifizierbar, vor allem wenn es um Leben und den Menschen geht. Das heißt, wenn es um unsere Lebenswirklichkeit, auch um unsere Außenwelt geht, dann hat die Psychologie mehr zu sagen als die Physik. Daher sagt Ludwig Wittgenstein in seinem Tractatus logico-philosophicus (6.52): „Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen Fragen der Wissenschaft beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ Die Naturwissenschaft war deshalb so immens erfolgreich. weil sie das Leben und den Menschen als Subjekt methodisch ausgeschlossen hat. Der kommt aber in der Quantenmechanik durch die Hintertür wieder herein, womit die Quantentheorie zunächst völlig unverständlich wirkt.

Während durch die in der naturwissenschaftlichen Methode notwendige Analyse die Zeit in Momentaufnahmen verschwindet, steckt im Sehen eines „Gegenstandes“ nicht nur das „Subjekt“, sondern die gesamte Biographie des Betrachters. In menschlichen Beziehungen wird es noch komplexer. Da werden Gegensätze zu Konflikten, und zuvor geht es um die inneren Konflikte, Traumata usw., um fixierte Muster, die wir solange wiederholen, bis wir sie verändern. Auch da gibt es „Gesetze“ und eine eigene Logik, Objektivität spielt aber eine untergeordnete Rolle.

Was ist der Mensch?

In der Philosophie wie in den Wissenschaften geht es um eine einzige Frage: Was ist der Mensch? Und es geht nicht primär um Denken – das verändert sich im Laufe der Zeit und der (biographischen) Entwicklung – sondern um Staunen und Fragen. Denken legt eine Struktur über das Gedachte, bändigt und verformt es gleichzeitig, Staunen erkennt etwas als fragwürdig, und Fragen lässt offen. Denken wäre, neben Fühlen, Wollen, Träumen, Intuition usw., eine Unterabteilung der Psychologie. Das Denken des Philosophen, das der Frage nach dem Menschen nachgehen will, muss den ganzen Menschen, das ganze Leben einschließen. Daher ist Philosophie nicht ohne das Spektrum der Wissenschaften zu sehen, insbesondere diejenigen, die über den gewachsenen Denkrahmen hinausgehen, wie eben die Tiefenpsychologie und die Quantentheorie.

Aus demselben Grund wurden – und geachtet dessen, dass der Mensch auch ein spirituelles Wesen ist – die Religionswissenschaft und die Theologie aus dem „modernen“ Weltbild verdrängt, das im ausgehenden 19. Jahrhundert steckengeblieben ist. Denn weder die Tiefenpsychologie noch die moderne Physik mit Relativitätstheorie, Quantentheorie und Chaostheorie sind in ein modernes Weltbild eingegangen. Dem rational-begrifflichen Denken entsprechend sind nur einige – meist missdeutete – Begriffe in die allgemeine Sprache eingegangen, wie „Relativität“ oder „Quantensprung“ aus der Physik, „Unbewusstes“ oder „Komplex“ aus der Psychologie, und dass die Chaostheorie nichts mit dem Chaos zu tun hat, bemerkt auch kaum jemand.

In der Philosophie geht es jedenfalls ums Ganze, allerdings nicht um das Denken des Ganzen, denn das ist nicht möglich. Die „Objektivität“ einer (abstrakten) Außenwelt suggeriert, dass man auch das Ganze von außen betrachten kann – dann wäre es aber nicht das Ganze. Man kann sich dem nur von innen her nähern, in Offenheit. Und wenn Philosophie aufs Ganze geht, dann kann es das nicht mit dem Denken, sondern muss mit dem ganzen Menschen geschehen. Da müsste auch alles einschließen, was die Naturwissenschaft ausgeschlossen hat: Einmaligkeit, Vieldeutigkeit, Einfühlung, Intuition, Kreativität, Träume, Ängste, Konflikte, Dynamik, die Zerrissenheit des Menschen zwischen dem Absoluten (dem, was er absolut setzt) und dem Konkreten, Endlichen, dessen Enge mit Angst besetzt ist.

Leben und Beziehung

Es geht nicht um „Wissen“ von „Etwas“, es geht ums Leben. Nicht um Subjekt und Objekt, sondern um Beziehung. Auch in der Mikrowelt der Elementarteilchen geht es nicht um kleinste „Bausteine“, sondern „um Beziehung, aber nicht Beziehung von etwas, sondern nur um Beziehung“ (Hans-Peter Dürr). Genau um das, um reine Beziehung, geht es nach theologischer „Definition“ bei der Trinität. Und dazwischen soll es um etwas anderes gehen?

Der Sinn des Ganzen, nach dem nicht nur Philosophen fragen, ist nicht der Sinn von „Etwas“, sondern der Sinn unseres je eigenen Lebens. Das zeigt sich nicht im Gegenüber zur „Welt“, sondern im Miteinander der Menschen. Nicht im Wissen, sondern im Leben und Lieben. Das zu verstehen ist ohne (Tiefen-)Psychologie, ohne Innenschau gar nicht möglich. Und diese Innenschau legt nicht ein Sosein offen, sondern eine Dynamik, innere Konflikte, Traumata und Muster, die immer zum selben Chaos führen. Und es geht nicht um das Eliminieren von Gegensätzen, sondern darum, sie in Komplementarität stehenzulassen, aber sozusagen die unscharfen (unbewussten) Bilder dynamisch scharfzustellen.

Damit wird die Psychoanalyse zur Philosophie, weil das Heilen von psychischen Erkrankungen nur ein Teil ist, der wesentlichere Teil wäre, das Leben an sich wieder in eine Dynamik zu bringen. Weil der Mensch nicht ist, was er ist, sondern erst werden soll, was er ist oder sein könnte. Dabei helfen Beziehungen weit mehr als das Denken. Der Liebende sieht den Geliebten so, wie er sein könnte, und über vieles hinweg, was ist. Liebe überantwortet den anderen in die ihm eigene Dynamik. Beide verlieren den zuvor festen Standpunkt und finden sich wieder im Fluss des Lebens, dessen Ziel sie als Orientierung vor Augen haben, das aber völlig offen ist.

Daher kann ein naturalistisches Weltbild mit Liebe nichts anfangen. Nicht weil sie nur biologisch gesehen wird, sondern weil sie die Vereinigung der Gegensätze ist, deren „Auflösung“ in Komplementarität, die sie stehen und sich ergänzen lässt. Weil sie nicht nur den Himmel auf Erden bringt, sondern auch die Hölle auf Erden integriert. Weil sie nichts aus-, sondern alles einschließt. Nicht Einheit im Gegensatz zum Getrenntsein, sondern Einheit von Getrenntem. Weil sie nur erfahren werden kann – unnennbar, unsagbar, unbegreiflich, unbeschreiblich und überwältigend.