Männlicher Narzissmus in einer narzisstischen Zeit

Wir leben in einer pubertären, narzisstischen Zeit, aber es gibt einen Weg aus der Misere.

Wozu ein Buch über männliche Narzissmus? Schon weil es von der Verteilung her eine eher männliche Störung ist. Aber auch, weil unsere Zeit narzisstisch geprägt ist und die Diskussion um eine patriarchale Gesellschaft und  die Emanzipation der Frau nicht um dieses Thema herumkommt. Und weil jeder zumindest etwas davon in sich trägt. Die „definierte narzisstische Persönlichkeitsstörung als Vorführmodell, um den alltäglichen Narzissmus des Herrn Jedermann besser zu verstehen“.

Jeder, der sich interessiert oder es wagt, ein Buch auch über schwerste Neurosen zu lesen, ist dankbar, dass sie ihn nicht betreffen, und erstaunt darüber, wieviel davon er selbst in sich trägt. So ist auch niemand frei von narzisstischen Elementen, sie helfen ja ungemein, etwa in der Arbeitswelt. Da ist die Empathielosigkeit des Narzissten nahezu Voraussetzung für eine Karriere, während man mit Empathie nicht weit kommen wird.

Aber zuerst die Basics: Der Narzisst wird oft mit dem Perfektionisten verwechselt, der auch um sich selbst kreist. Die Unterscheidung ist relativ einfach: Der Perfektionist  hat Angst, nicht perfekt zu sein und daher nicht wertgeschätzt zu werden. Der Narzisst ist völlig frei von Angst, ist er doch von seiner Besonderheit überzeugt. Er hat kein Problem mit der Angst, sondern mit der Liebe. Das scheint oberflächlich nicht so, hat er doch als Charismatiker Liebschaften en masse. Aber er ist nur an sich selbst interessiert, nie an den Partnerinnen. Die sind Objekte, solange sie ihm nützen und ihn bewundern. Eine Frau als Person auf Augenhöhe zu sehen, ist ihm unmöglich. Er bleibt in sich selbst gefangen. Womit wir bei der zentralen Aussage wären: Der Narzissmus – auch der Narzissmus der Gesellschaft – ist ein Gefängnis, aus dem schwer herauszukommen ist.

Es gibt in der Systematik des Genetikers und Psychiaters Robert Cloninger  vier Dimensionen des Temperaments (klassisch: Choleriker, Sanguiniker, Melancholiker, Phlegmatiker), die angeboren sind, die phylogenetisch älteren Hirnareale abbilden und nichts mit Persönlichkeitsstörungen zu tun haben, und drei Dimensionen des Charakters (Selbstkontrolle, Kooperationsfähigkeit, Selbsttranszendenz), die den jüngeren Hirnarealen (frontaler, temporaler und parietaler Neokortex) entsprechen. Letztere sind die Problemzonen des Narzissten. (In der Gesellschaft ginge es dabei um die Legislative, das Sozialsystem und den Sinn des Staates).

Beim Narzissten sind sie ausgeprägt als Selbstidealisierung, Abwertung der anderen und Unfähigkeit zur Selbsttranszendenz. Damit bleibt der Narzisst in sich selbst gefangen. Ein überzogenes Selbstwertgefühl, oft als „Grandiosität“ bezeichnet, führt folgerichtig zur Abwertung der anderen, die ihm natürlich nicht das Wasser reichen können. Und beides macht die Selbsttranszendenz, das über sich Hinausgehen, sich in einem größeren Ganzen selbst finden, völlig unmöglich. So ist der Narzisst beziehungsunfähig, behandelt andere als Objekte, sieht in seinen Partnerinnen bloß Gebrauchsgegenstände, die ihn zu bewundern haben, und geht über Leichen, wenn sie ihm nicht mehr nützen oder langweilig werden.

Nebenbei erfährt man in dem Buch einiges über Kindererziehung, worin Bonelli eine der Ursachen festmacht. Ein Buchkapitel nennt sich bezeichnenderweise „His Majesty the Baby“, ein anderes „Vernachlässigung durch Verwöhnung“. Was hier gefördert wird, ist damit klar, und die bei amerikanischen Studenten erhobenen Narzissmuswerte stiegen zwischen 1979 und 2006 um 30 Prozent an. Wie schon erwähnt, legt das Buch nahe, sich auch über den Wandel in der Gesellschaft Gedanken zu machen, geht doch der Anstieg der Narzissmuswerte einher mit einer ebensolchen Zunahme an Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl, Durchsetzungskraft und Extraversion. Sind das doch die Garanten für „Erfolg“ z.B. in der Wirtschaft: übertriebenes Selbstwertgefühl, Ellbogentaktik und moderne Sklavenhaltung.

Beinahe als Fazit könnte man anführen, dass ein überhöhtes Selbstwertgefühl auf einen Selbstbetrug hinausläuft. Tatsächlich lebt der Narzisst in einer imaginären Welt, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat. Psychische Gesundheit wäre dagegen in einem Selbstbild, das möglichst der Realität entspricht. Das gilt natürlich auch für die Gesellschaft als Ganze, könnte man den Gedanken weiterspinnen. Managementberater, Life-Coaches etc. schwärmen heute von grenzenlosem Erfolg, Macht, Brillanz, Schönheit oder idealer Liebe – und genau diese Fantasien finden sich unter den klinischen Symptomen des Narzissmus. Der amerikanische Historiker und Sozialkritiker Christopher Lasch spricht nicht ohne Grund von einem „Zeitalter des Narzissmus“, die Narzissmusexpertin Jean Twenge sogar von einer „Narzissmus-Epidemie“.

Noch ein Themengebiet aus dem umfassenden Fundus des Buches: die (fehlende) Selbsttranszendenz (des Narzissten). Bonelli zitiert Viktor Frankl: „Der grundlegende anthropologische Tatbestand, dass Menschsein immer über sich selbst hinaus auf etwas verweist, das nicht wieder es selbst ist – auf etwas oder jemanden: auf einen Sinn. Und nur in dem Maße, in dem der Mensch solcherart sich selbst transzendiert, verwirklicht er auch sich selbst: im Dienst an einer Sache. Ganz er selbst wird er, wo er sich selbst – übersieht und vergisst.“ Dieses für das Menschsein Grundlegende fehlt dem Narzissten völlig, er bleibt im Gefängnis seiner Selbstimmanenz. Daher schließt sich für den Psychiater Wilhelm Stekel Narzissmus und Religiosität aus. Narzissten sind auch meist Atheisten, weil sie gar keinen „Gott“ neben sich ertragen könnten. (Es gibt in dem Buch auch eine Kapitel über „Narzissmus in den Weltreligionen“, bzw. deren Stellung dazu.)

Trotz aller Verflechtungen, die sich daraus ergeben, ist der Narzissmus heilbar. Aus der Empathielosigkeit und Beziehungsunfähigkeit ist zu schließen, dass es nur einen Weg aus der Misere gibt: die Liebe. Verliebt sich der Narzisst einmal wirklich, ist er kein Narzisst mehr. Das passiert manchmal sogar, die anderen – sofern sie darunter leiden, und das tun sehr viele – gehen zum Therapeuten und/oder müssen an sich arbeiten.

Fazit: Ein lesenswertes Buch für Narzissten und solche, die es nicht werden wollen, und für alle, die den Narzissten in sich näher kennenlernen wollen. Das Buch ist außerdem gespickt mit Fallbeispielen, in denen anschaulich die Probleme des Narzissten sichtbar werden.

 

Maennlicher Narzissmus von Raphael Bonelli
Maennlicher Narzissmus von Raphael Bonelli

 

Raphael Bonelli

Männlicher Narzissmus

Das Drama der Liebe, die um sich selbst kreist

Kösel Verlag 2016, 272 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

ISBN 978-3-466-34639-4

€ 19,99 [D]
€ 20,60 [A] | CHF 26,90*
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Philosophie

Philosophen werden allgemein als Denker bezeichnet, doch das trifft es nicht.

Wenn sich Philosophie auf das Denken beschränkt, dann ist das die Absolutsetzung des Rationalen unter Verdrängung alles anderen. Verdrängung führt aber nicht zur Erkenntnis, sondern zur Angst, die immer eine Verengung des Horizonts bedeutet.
Die übliche Definition des Menschen als „animal rationale“ ist so eine Einengung, zumindest, wenn wir „rationale“ als rational übersetzen. Das griechische „zoon logon echon“ bedeutete allerdings noch wesentlich mehr. Daher muss man das „animal rationale“ übersetzen mit „vernunftbegabtes Wesen“. Und „Vernunft“ (von „vernehmen“) ist weit mehr als Rationalität, ist so etwas wie die Verbindung von Logik, Einfühlung und Intuition.

Philosophie war ursprünglich der Name für Wissenschaft. Erst als sich die Einzelwissenschaften aus der Philosophie abspalteten, wurde diese eine eigene Disziplin. Trotzdem waren und sind Philosophen meist vertraut mit den Wissenschaften, und an den Universitäten war die Philosophische Fakultät ein Dach für die Wissenschaften. Lange Zeit waren nur die Juridische und die Theologische Fakultät davon getrennt. Heute gibt es die interessante Entwicklung, dass die Kunstakademien und -hochschulen in Universitäten umbenannt werden. Es war wohl ein Fehler, das Kreative aus dem Universalen auszuschließen, was aber am wissenschaftlichen Weltbild und dem Ausschluss des Lebendigen und Menschlichen aus diesem liegt.

Universalität

Umgekehrt ist das gesamte Fächerspektrum der Universitäten nichts als die gemeinsame Antwort auf die eine Kant’sche Frage: Was ist der Mensch? Das sieht man sehr schön an der modernen Physik, in der es nicht um die Beschreibung der Natur, sondern um unsere Sicht der Natur geht, also letztlich nicht um objektives Wissen, sondern um Erkenntnistheorie, um die Frage: Was kann der Mensch wissen? Die (objektive) Natur direkt zu beschreiben ist nicht Aufgabe der Naturwissenschaft. Objektivität ist eine der Kategorien, die inzwischen obsolet geworden sind.

In der Logik geht es nicht um Naturgesetze, sondern um Denkgesetze. Es ist die Methode, mit der wir an die Natur herangehen, die die Forschung bestimmt, aber auch das, was wir durch diese finden können. In der auf Aristoteles zurückgehenden und durch die Naturwissenschaft präzisierten Logik haben wir uns jahrhundertelang bewegt. Die Quantenmechanik ist damit nicht zu begreifen, sie geht über unsere gewohnte Logik, unser gewohntes Sehen der Realität hinaus, durchbricht und erweitert den Rahmen unseres Sehens.

Vom Gegensatz zur Komplementarität

Daher konnte Richard Feynman sagen: Wer die Quantentheorie verstanden hat, hat sie nicht verstanden. Das Messen verändert das Gemessene, das Sehen verändert die Welt, und die Wissenschaft verändert das Denken, verändert, was es heißt zu verstehen. Zumindest die westliche Logik musste bisher von zwei gegensätzlichen Aussagen eine eliminieren, weil nur eine richtig sein konnte. Jetzt wird aus Gegensätzen Komplementarität, Gegensätze schließen einander nicht aus, sondern ergänzen sich. Es ist nicht mehr sinnvoll, von der Identität von Elementarteilchen zu reden, und wenn diese entweder Teilchen oder Welle sind, je nachdem wie wir das Experiment anlegen, dann ist auch die Eindeutigkeit als Kriterium verloren gegangen. „Die Eigenschaft von Quantenphänomenen wird durch die Messung nicht festgestellt, sondern hergestellt“ (Herbert Pietschmann). Die Materie ist nicht aus kleinsten Bausteinen aufgebaut, sondern aus „etwas“ (bereits dieser Begriff ist falsch), das nichts mit unserer Vorstellung von Materie gemein hat. Wenn wir im Doppelspaltexperiment nicht am Spalt, sondern dahinter die Messung vornehmen, dann messen wir, und legen damit fest und ändern, wie sich das Teilchen vorher (in der Vergangenheit) „entschieden“ hat.

Plötzlich wird transparent, dass Denken und Logik auf das Erfassen einer objektiven Außenwelt abgezielt hat, die es eigentlich so nicht gibt. Andererseits wird auch schlagartig klar, dass die Psychologie es deshalb so schwer hat, weil sie eine Innenwelt beschreibt, die völlig anderen Gesetzen und einer ganz anderen Logik folgt. Da ist nichts eindeutig, sondern alles ist mehrdeutig, es können sich verschiedene Identitäten ausbilden, Gegensätze bestehen nebeneinander und bilden unsere inneren Konflikte, die wir durch Eliminieren eines Gegensatzes nicht lösen können. Viel wichtiger als Begriffe sind Symbole, die der Vielfalt, Mehrdeutigkeit und Mehrdimensionalität des Lebens gerecht werden.

Welt oder Leben

Zurück in der Außenwelt wird wiederum klar, dass auch da unsere Gesetze der Logik nicht gelten. Die gelten nur für eine abstrakte Außenwelt. In der Natur ist nichts eindeutig, nichts reproduzierbar, es herrscht Vielfalt und Kreativität. Vieles ist nicht quantifizierbar, vor allem wenn es um Leben und den Menschen geht. Das heißt, wenn es um unsere Lebenswirklichkeit, auch um unsere Außenwelt geht, dann hat die Psychologie mehr zu sagen als die Physik. Daher sagt Ludwig Wittgenstein in seinem Tractatus logico-philosophicus (6.52): „Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen Fragen der Wissenschaft beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ Die Naturwissenschaft war deshalb so immens erfolgreich. weil sie das Leben und den Menschen als Subjekt methodisch ausgeschlossen hat. Der kommt aber in der Quantenmechanik durch die Hintertür wieder herein, womit die Quantentheorie zunächst völlig unverständlich wirkt.

Während durch die in der naturwissenschaftlichen Methode notwendige Analyse die Zeit in Momentaufnahmen verschwindet, steckt im Sehen eines „Gegenstandes“ nicht nur das „Subjekt“, sondern die gesamte Biographie des Betrachters. In menschlichen Beziehungen wird es noch komplexer. Da werden Gegensätze zu Konflikten, und zuvor geht es um die inneren Konflikte, Traumata usw., um fixierte Muster, die wir solange wiederholen, bis wir sie verändern. Auch da gibt es „Gesetze“ und eine eigene Logik, Objektivität spielt aber eine untergeordnete Rolle.

Was ist der Mensch?

In der Philosophie wie in den Wissenschaften geht es um eine einzige Frage: Was ist der Mensch? Und es geht nicht primär um Denken – das verändert sich im Laufe der Zeit und der (biographischen) Entwicklung – sondern um Staunen und Fragen. Denken legt eine Struktur über das Gedachte, bändigt und verformt es gleichzeitig, Staunen erkennt etwas als fragwürdig, und Fragen lässt offen. Denken wäre, neben Fühlen, Wollen, Träumen, Intuition usw., eine Unterabteilung der Psychologie. Das Denken des Philosophen, das der Frage nach dem Menschen nachgehen will, muss den ganzen Menschen, das ganze Leben einschließen. Daher ist Philosophie nicht ohne das Spektrum der Wissenschaften zu sehen, insbesondere diejenigen, die über den gewachsenen Denkrahmen hinausgehen, wie eben die Tiefenpsychologie und die Quantentheorie.

Aus demselben Grund wurden – und geachtet dessen, dass der Mensch auch ein spirituelles Wesen ist – die Religionswissenschaft und die Theologie aus dem „modernen“ Weltbild verdrängt, das im ausgehenden 19. Jahrhundert steckengeblieben ist. Denn weder die Tiefenpsychologie noch die moderne Physik mit Relativitätstheorie, Quantentheorie und Chaostheorie sind in ein modernes Weltbild eingegangen. Dem rational-begrifflichen Denken entsprechend sind nur einige – meist missdeutete – Begriffe in die allgemeine Sprache eingegangen, wie „Relativität“ oder „Quantensprung“ aus der Physik, „Unbewusstes“ oder „Komplex“ aus der Psychologie, und dass die Chaostheorie nichts mit dem Chaos zu tun hat, bemerkt auch kaum jemand.

In der Philosophie geht es jedenfalls ums Ganze, allerdings nicht um das Denken des Ganzen, denn das ist nicht möglich. Die „Objektivität“ einer (abstrakten) Außenwelt suggeriert, dass man auch das Ganze von außen betrachten kann – dann wäre es aber nicht das Ganze. Man kann sich dem nur von innen her nähern, in Offenheit. Und wenn Philosophie aufs Ganze geht, dann kann es das nicht mit dem Denken, sondern muss mit dem ganzen Menschen geschehen. Da müsste auch alles einschließen, was die Naturwissenschaft ausgeschlossen hat: Einmaligkeit, Vieldeutigkeit, Einfühlung, Intuition, Kreativität, Träume, Ängste, Konflikte, Dynamik, die Zerrissenheit des Menschen zwischen dem Absoluten (dem, was er absolut setzt) und dem Konkreten, Endlichen, dessen Enge mit Angst besetzt ist.

Leben und Beziehung

Es geht nicht um „Wissen“ von „Etwas“, es geht ums Leben. Nicht um Subjekt und Objekt, sondern um Beziehung. Auch in der Mikrowelt der Elementarteilchen geht es nicht um kleinste „Bausteine“, sondern „um Beziehung, aber nicht Beziehung von etwas, sondern nur um Beziehung“ (Hans-Peter Dürr). Genau um das, um reine Beziehung, geht es nach theologischer „Definition“ bei der Trinität. Und dazwischen soll es um etwas anderes gehen?

Der Sinn des Ganzen, nach dem nicht nur Philosophen fragen, ist nicht der Sinn von „Etwas“, sondern der Sinn unseres je eigenen Lebens. Das zeigt sich nicht im Gegenüber zur „Welt“, sondern im Miteinander der Menschen. Nicht im Wissen, sondern im Leben und Lieben. Das zu verstehen ist ohne (Tiefen-)Psychologie, ohne Innenschau gar nicht möglich. Und diese Innenschau legt nicht ein Sosein offen, sondern eine Dynamik, innere Konflikte, Traumata und Muster, die immer zum selben Chaos führen. Und es geht nicht um das Eliminieren von Gegensätzen, sondern darum, sie in Komplementarität stehenzulassen, aber sozusagen die unscharfen (unbewussten) Bilder dynamisch scharfzustellen.

Damit wird die Psychoanalyse zur Philosophie, weil das Heilen von psychischen Erkrankungen nur ein Teil ist, der wesentlichere Teil wäre, das Leben an sich wieder in eine Dynamik zu bringen. Weil der Mensch nicht ist, was er ist, sondern erst werden soll, was er ist oder sein könnte. Dabei helfen Beziehungen weit mehr als das Denken. Der Liebende sieht den Geliebten so, wie er sein könnte, und über vieles hinweg, was ist. Liebe überantwortet den anderen in die ihm eigene Dynamik. Beide verlieren den zuvor festen Standpunkt und finden sich wieder im Fluss des Lebens, dessen Ziel sie als Orientierung vor Augen haben, das aber völlig offen ist.

Daher kann ein naturalistisches Weltbild mit Liebe nichts anfangen. Nicht weil sie nur biologisch gesehen wird, sondern weil sie die Vereinigung der Gegensätze ist, deren „Auflösung“ in Komplementarität, die sie stehen und sich ergänzen lässt. Weil sie nicht nur den Himmel auf Erden bringt, sondern auch die Hölle auf Erden integriert. Weil sie nichts aus-, sondern alles einschließt. Nicht Einheit im Gegensatz zum Getrenntsein, sondern Einheit von Getrenntem. Weil sie nur erfahren werden kann – unnennbar, unsagbar, unbegreiflich, unbeschreiblich und überwältigend.

Ostern

Ich bin zugegen, als der Herr sagt:
„Dies ist mein Leib … Dies ist mein Blut…“
Ist er doch ganz Mensch und ganz Gott!
Er sieht mich an und fragt:
„Bist du dir deiner Menschlichkeit bewusst? Weißt du um deine Göttlichkeit?
Folge mir nach – in beiden Aspekten!“

In dieser abgrundtiefen Zerrissenheit…
Von dieser Welt, in dieser Welt, ans Kreuz geschlagen,
blutend – und doch triumphierend.
Nicht von dieser Welt, immer schon weit mehr als Mensch,
ek-statische Existenz, herausragend, in Ewigkeit hinein.
Dreh- und Angelpunkt, das Kreuz, wo das Irdische sich ins Ewige wandelt.
Doch erst am dritten Tag!

Die Taufe ist zunächst untertauchen, nackt und bloß
ins Angesicht der Unterwelt, der Toten,
ohne die es keine Auferstehung gibt.
Erlöst werden müssen die Leichen,
auferweckt, verlebendigt einzig durch Liebe.

So bringe ich das Unterste dem Obersten näher
durchlichte meine Hölle, steige mit ihr empor
und rette mit – meine ganze Welt.

Verstehen

Wer verstehen will,
will verstanden werden,
ein hehres Ziel
auf zwiespältig Erden.

Je mehr man versteht,
desto weniger verstanden;
wenn Zeit vergeht
über allen Landen.

Bis man endlich versteht
und muss eingestehen:
im Sande verweht
ist alles Verstehen.

Schauen zwar Welten gebiert,
die Räume umhüllen,
doch diese verliert
mit Leben zu erfüllen.

So muss denn Verstehen
alle Standpunkte lassen,
in endlose Weiten gehen
alle Welten so belassen.

Bei einem Menschen bleiben.
Alle Welten und Weiten
blindlings einverleiben.
Im Augenblick sind alle Zeiten.

Vertrauen statt verstehen,
erfühlen statt begreifen.
Auf endlosen Wegen
unter Dornen reifen.

Zufriedenheit wächst aus Überdruss.
Wie das Samenkorn in der Erde stirbt,
und süßer Wein gekeltert werden muss.
Neues entsteht, wenn Altes verdirbt.

Das Verstehen ist nicht mehr Töpfer,
schmiegt sich an gewordene Formen,
fragt nicht nach dem Schöpfer.
Liebt ohne jegliche Normen.

Alles zerrinnt
und nichts mehr blendet.
Verstehen beginnt
wo Verstehen endet…

Die vielen, die ich bin

Mal Sonne, mal Gewitter,
mal Freude und Glitter,
dann wieder Wut,
entfachte Glut
und Resignation.

Wieder leuchtet Zukunft sonnenklar,
als wäre nicht, was einmal war,
dann wieder hoffnungslos
und unergründlich bodenlos –
alles ein Schauplatz nur.

Könnt umarmen die ganze Welt,
als ob nur die Liebe gelt,
und könnt einen Unliebsamen morden,
wie im hohen, kalten Norden.
Und doch bin alles Ich.

Und noch viel mehr, denn zwischen Gegensätzen
ist so vieles, das entflieht Gesetzen.
Immer ein Anlass von weit draußen
mir zeigen will, es ist nicht außen –
wirft ewig mich zurück auf mich.

Wie kann ich sagen, die Welt sei schlecht?
Ich wüsste schon, wie es wär recht.
Wenn die Welt bloß ein Spiegel
für mein innerstes Siegel.
All das bin doch nur Ich.

Doch wozu dieses Lieben und Morden,
das verbindet und trennt Süd und Norden?
Ist die Welt unsere Illusion?
Das Ich ist eine solche schon?
Zerbrochenes misst an Zersplittertem sich.

Nun kämpfen Teile mit and‘ren Fragmenten,
immer auf der Suche nach geeinten Momenten.
Doch ist‘s unser fragmentierendes Denken
das nie zum Ganzen kann uns lenken.
Zerrissen schweb über dem Abgrund ich.

Könnt alle Grenzen verschwinden lassen
und so beenden alles Morden und Hassen?
Nicht schwarz oder weiß – ein Spektrum ists,
transzendentes Fühlen – nicht Buddhist oder Christ.
Aus Widersachern mache Menschen ich.

Doch fänd‘ nicht alle Sonnen und Gräuel innen,
wie könnt ich dieses eine Netz nur spinnen?
Dann die Widersprüche auszuhalten,
nicht wegzuschieben ganz verhalten.
Liebe setzt sich über Abgründe hinweg.

Doch Abgründe setzen zwei Klippen voraus
die die Liebe belässt von Haus zu Haus,
nicht leugnet, nicht verdrängt, nicht verschweigt
und damit keine Realität vergeigt.
Doch Brücken baut und alles verbindet.

In der neuen Welt

Krieg und Streit wohin man blickt
heimtückisch man die Schwerter zückt
Bombenterror, Halsabschneider
gibt’s in allen Welten … leider!

Erblickt‘ dein Antlitz, deine Augen
mich gleichsam in deine Seele saugen
und im Versinken schwindet diese Welt
an der die Menschheit sich noch hält.

Nach erstem Schwindel nichts mehr war
wie in der festgefügten Welt so klar
sprengt die Grenzen meines Ich
find in einem Jenseits mich.

Wo alles existiert in deinem Licht
kein Gesetz, kein Richter, kein Gericht
keine Angst, wo all das nur bliebe
kein Mangel bleibt in dieser Liebe.

Und doch ist‘s keine andere Welt
die alles plötzlich zusammenhält
es ist, wie gewohnt, noch immer die alte
… bloß Dein Licht sie jetzt gestalte.