Chagall – Die Sprache der Bilder

Weber_Chagall.tifWer einen Überblick über das Lebenswerk von Marc Chagall sucht, sein Leben, Wirken und Schaffen nach-vollziehen will, vom Früh-werk bis zu den späten Glas-fenstern, über seine Art zu denken und zu malen, zu leben und zu lieben, seine Motive und Motivationen, seine Erinnerungen und Ahnungen, seinen Gegen-sätze verbindenden Charak-ter, der ist mit diesem Buch von Annette Weber sehr gut bedient.

Marc Chagall war schon mit seinem Frühwerk berühmt und gefeiert, zuallererst in Berlin. In Paris wurde er zu einem der ganz großen Maler des 20. Jahrhunderts. Damit blieb ihm das typische Künstlerschicksal (etwa eines Van Gogh) bereits nach seiner Ausbildungszeit erspart.

1914 hatte Chagall in Berlin – nach seinem ersten Paris-Aufenthalt – seine erste Einzelausstellung, und die Begeisterung der deutschen Kunstsammler hielt an. Erst für die Nationalsozialisten galten die Werke des 1887 geborenen jüdischen Malers aus dem Zarenreich als entartete Kunst. Für seinen Rang als Künstler war das nur ein kurzes Intermezzo. Für die deutschen Galeristen, Kunstsammler und Kritiker war Chagall schon vor dem Ersten Weltkrieg einer der großen Maler der Moderne. Picasso bezeichnete ihn neben Matisse als bedeutendsten Meister der Farbe im 20. Jahrhundert.

Es war aber auch sein ganz eigener symbolhaft märchenhafter Stil, mit dem er die Innenwelt imaginierte, der nicht nur einen neuen Aufbruch in der Kunst markierte, sondern auch in eine Zeit passte, in der eine ganze Schar von Nobelpreisträgern die absurd erscheinende Quantentheorie entwickelte und C.G Jung seine Analytische Psychologie. Chagalls Werke sind ins Bild gesetzte aktive Imaginationen. Es war eine Zeit des Umbruchs und Aufbruchs, politisch, künstlerisch, wissenschaftlich. Es ist die Zeit, in der Niels Bohr und C. G. Jung zeitgleich den Begriff der Komplementarität kreieren, äußerste Gegensätze, die nur zusammen die Wirklichkeit bilden.

Chagalls Schaffen ist ebenfalls geprägt durch die Zusammenschau von Gegensätzen, ist nach innen gewandter Ausdruck. Ein kleines Aquarell in Graublau, mit dem Titel „Erinnerung“, aus 1914, ist Programm für sein Lebenswerk: der wandernde Jude, seine Erinnerung an die Heimat (in Form eines typischen Hauses, die Anima in der Tür), auf dem Rücken in die Welt tragend. Chagalls Rückschau auf die Welt des jüdischen Schtetl und die Welt russischer Bauern ist Erinnerung und allgemein Menschliches zugleich. Wie in der Jung’schen Traumdeutung zeigen die Bilder einerseits Biografisches, sie sind aber auch ganz allgemein menschlicher Ausdruck existenziellen Ausgeliefert-Seins. Gestaltungen des individuellen und gleichzeitig kollektiven Unbewussten. Daran liegt es, dass man seine zutiefst vom Chassidismus geprägten Bilder nicht primär als jüdisch, sondern allgemein gültig erlebt.

Paris 1910-1014

In Paris erlebte Chagall das Drängen vieler Künstler wie Picasso, Matisse, Delaunay, Léger und andere, die versuchten, die Wirklichkeitswiedergabe zu durchbrechen. Während aber viele über den Kubismus in die (rationale) Abstraktion und ein anderes Sehen gingen, verfolgte Chagall den Weg der Tiefenimagination, ohne die figurative Malerei aufzugeben, die er für die Symbolik der Innenwelt brauchte. Die bloß andere Wahrnehmung der Moderne schien ihm zu wenig. „Ich hatte den Eindruck, dass wir uns noch auf der Oberfläche der Sache bewegten, dass wir Angst hatten, in das Chaos hinab-zutauchen, die gewohnte Oberfläche unter unseren Füßen zu zerbrechen und umzukehren.“ Ihm geht es nicht um Abstraktion, sondern um Vertiefung und Verlebendigung.

Weber_Chagall4.tif„Das gelbe Zimmer“ zeigt das beendete Sabbatmahl, und jetzt beginnt sich die traditionelle Feier zu vollenden. Die männliche Figur wendet sich dem (weiblichen) Mond zu, wie von ihm magisch angezogen. Die Mutter mit durch die Tradition verkehrtem Kopf, nach oben blickend, gegenüber die mütterliche Kuh, das eigentlich Weibliche verkörpernd, das durch die Religion abgewertet wird.

Chagall setzt sich zwar eingehend mit den Strömungen seiner Zeit auseinander, aber „Impressionismus und Kubismus sind mir fremd. Kunst scheint mir vor allem ein Seelenzustand zu sein.“ Wie die Psyche Realität und Vision zu einer Einheit verbindet, so auch die Bilder Chagalls.

Wieder in Witebsk

Am Beginn seiner zweiten russischen Periode malt Chagall vier monumentale „alte Juden“, die zu seinen bedeutendsten Werken gehören. Sie vereinen ikonenhaft in archetypischer Weise den alten Bettler mit dem jüdischen Propheten. Sie verkörpern die Heimatlosigkeit des Menschen, des ewig Wandernden, wie auch die Heimat der chassidischen Juden in der ihnen eigenen Spiritualität. Bildfüllend, fast lebensgroß sprechen sie den Betrachter an, womit das dialogische Denken Martin Bubers anklingt. Es sind Seelenbilder, wie auch das Motiv des über Witebsk schwebenden Dorfgehers und Wanderbettlers, der „über die Häuser geht“ und von nun an immer wieder in Chagalls Bildern auftaucht.

Inzwischen auch in Russland von Sammlern, Kritikern und Galeristen geschätzt, ist nun seine jüdische Herkunft kein Makel mehr, sondern Garant für Authentizität. Chagall konnte sich jetzt sogar, entgegen seinen früheren Intentionen, doch ein Leben in Russland vorstellen. 1918 wird Chagall zum Kunstkommissar seiner Heimatstadt Witebsk ernannt, was seiner Frau Bella aus guten Gründen missfiel. Unstimmigkeiten mit Lenins Apparatschiks ließen nicht lange auf sich warten. Eine Kunstschule des Volkes wurde gegründet mit dem Schwerpunkt jüdische Kunst, und ein Museum geplant. Das anspruchsvolle Projekt Chagalls wurde angenommen und dieser als Direktor beauftragt. Die Kunstschule wurde 1919 gegründet und Chagall nahezu sofort von zwei Lehrern ausgebootet, die andere künstlerische Vorstellungen hatten.

Chagall arbeitet tief erschüttert an seiner eigenen Identität. Höhepunkt: „Die Erschütterung. Selbstportrait mit Muse“, 1917/18. Das Bild zeigt den Maler in einer nächtlichen Vision an seiner Staffelei, beim Einbruch einer anderen Welt, in der ein Engel oben und unten mit den Gesten seiner Hände verbindet. Es zeigt kubistische Formensprache und Auseinandersetzung mit der Moderne, ebenso sein Ringen um stilistisch eigenständige Inhalte. In „Kubistische Landschaft“ stellt er das Schicksal der Kunstschule dar. Die kleine Darstellung der Schule geht beinahe unter in der abstrakt kubistischen Landschaft. In „Das graue Haus“ und endgültig in „Das blaue Haus“ kündigt sich an, dass sein Bleiben in Russland keine Dauer hat. 1920 ging Chagall – nachdem der Staat 12 von 15 seiner Werke einer Ausstellung revolutionärer Kunst in Petrograd angekauft hatte – als Theatermaler nach Moskau.

Über Berlin nach Paris

Als die Lebensumstände im Bürgerkrieg zunehmend schwieriger wurden, fasste er den Entschluss, Russland für immer den Rücken zu kehren. Seine in Russland verbleibenden Werke dieser Epoche wanderten in die Depots, galt Chagall ja jetzt als dekadent-westlicher Maler und Jude.

Chagall blieb nur ein knappes Jahr in Berlin, erlernte hier aber die Technik des Holzschnitts und die Kunst der Radierung, illustrierte damit seine Lebenserinnerungen und erwies sich auch damit als überragendes Talent. Er gehörte damit (wieder) zu den Größen der Berliner Kunstszene. Eine Minderheit begeisterter Sammler kaufte beinahe sein gesamtes Frühwerk auf.

Auch in Paris musste Chagall wieder ganz von vorne beginnen, etablierte sich schnell als angesehener Maler, mit regelmäßiger – auch internationaler – Ausstellungstätigkeit. André Breton propagierte 1924 den Surrealismus, die Aufhebung der scheinbaren Gegensätze von Traum und Wirklichkeit, und erkannte Chagall als Ahnherrn dieser Strömung. Der lehnte jedoch ab, sich dieser Richtung anzuschließen. Chagall ging immer seine eigenen Wege. Außerdem scharte er seine eigene Gruppe von Malern, Intellektuellen und Literaten um sich. In Paris schuf Chagall Illustrationen zu Gogols „Tote Seelen“ und die Fabeln von La Fontaine. Als eines seiner Hauptwerke gelten die Radierungen zur Bibel, ein Projekt, das ihn 20 Jahre lang beschäftigte. Wobei ihn eine Reise ins Land der Bibel für sein weiteres Leben prägte und biblische Motive nun häufig in seinen Werken auftauchen.

Chagall stellt die Bibel nicht als Ausdruck des jüdischen Volkes dar, sondern als Zeugnis universal gültiger Menschlichkeit. Das gilt auch für die Kreuzigungsszene, der wir jetzt öfter in seinen Werken begegnen, die Jesus als universale Leidensgestalt darstellen, mit der sich Juden und Christen gleichermaßen identifizieren können. Außerdem bezieht er sie direkt auf das politische Unrecht der Gegenwart und die Verbrechen an der Menschlichkeit.

Emigration in die USA

Vor den deutschen Truppen floh Chagall 1940 zunächst nach Südfrankreich und emigrierte 1941 in die USA. Neben Bühnenbildern kreisten seine Arbeiten nun um die Themen Krieg, Pogrom und Leiden. Damit ist er einer der ersten weltweit anerkannten Künstler, die sich mit der Massenvernichtung, der Schoa auseinandersetzen. Er selbst sieht es als Auftrag, Mitmenschlichkeit zu propagieren. Das 1947/48 fertiggestellte Triptychon „Résistance, Résurrection, Libération“ verbindet die Schrecken der Ereignisse mit der Hoffnung auf Erneuerung.

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1948 kehrte Chagall nach Paris zurück, 1952 zog er nach Südfrankreich in unmittelbare Nähe zu Picasso und Matisse.

 

Südfrankreich und sakrale Kunst

Gleichzeitig mit Picasso wandte sich Chagall der Kunst der Keramik zu, und die beiden wurden zu den bedeutendsten Schöpfern von Kunstkeramik und damit zu Rivalen. Daneben widmete sich Chagall wieder der Farblithographie und nahm auch die Radierungen zur Bibel wieder auf. Biblische Themen rückten auch in seinen großen Ölgemälden in den Mittelpunkt seines Schaffens. Gemeinsam mit Matisse, Léger und Lipchitz arbeitete er an der Ausstattung einer Kirche in Savoyen. 1956 schuf er für die Taufkapelle das Keramikbild „Durchzug durch das Rote Meer“ und danach sein erstes monochromes Glasfenster. Seine kontemplative Kunst hatte längst die Konfessionsgrenzen überwunden. Die aufgegebene Kalvarienbergkapelle in Vence konzipierte er als christlichen Gebetsraum neu.

In monumentalen Einzelbildern zur Bibel tritt immer wieder das Motiv des Brautpaars auf, das individuelle und kollektive, jüdische und christliche Symbolik im Bild der universalen Liebe vereint. Große politische Bedeutung hat in der Nachkriegszeit der Auftrag, die Glasfenster der im Krieg schwer beschädigten Pfarrkirche St. Stephan in Mainz zu gestalten. Chagalls Alterswerk ist denn auch geprägt von Monumentalaufträgen für den öffentlichen Raum: das Frankfurter Schauspiel- und Opernhaus, die Knesset in Jerusalem, die Pariser Opéra Garnier, das UNO Hauptquartier und die Metropolitan Opera in New York, Glasfenster für die Synagoge des Hadassah Medical Center in Jerusalem, die weltweit Aufsehen erregten, sowie christliche Kirchen, wie z.B. die Kathedralen von Reims und Metz, die Union Church in Pocanto Hills, USA, die All Saints‘ Church in Tudelay, GB, und vor allem im Chor des Fraumünsters in Zürich.

Botschafter der Menschlichkeit

Chagall starb 1985 im Alter von 97 Jahren. Er schaffte es nicht mehr zur Eröffnung seiner großen Ausstellung in der Royal Academy of Art in London, die insbesondere seinem Frühwerk gewidmet war, in dem sich sein Lebenswerk konstelliert hatte. Nämlich die Themen aus dem russisch-jüdischen Schtettl zu universalen Themen wachsen zu lassen, geprägt von der Vereinigung der Gegensätze von Unheil und Erhabenheit, von Leiden und Hoffnung, von Mythischem und Realem, Bewusstem und Unbewusstem, von jüdischer und christlicher Kultur. Das alles in seinen unvergleichlichen Farben. So wurde er zum weltweit anerkannten Botschafter der Menschlichkeit.

Annette Weber
Chagall. Die Sprache der Bilder
wbg Theiss 2018, 352 Seiten, 142 Illustrationen, farbig
ISBN 978-3-8062-3750-4
99 Euro; ab 01.02.2019: 129,00 Euro

 

© R. Harsieber

In besten Händen – Menschen in Pflegeberufen erzählen

Ein Buch, in dem 42 Menschen aus Pflegeberufen persönliche Erfahrungen mit Patienten erzählen: schöne, lustige, freudvolle, bewegende, leidvolle, traurige, tragische, entsetzliche – aber immer menschliche Begegnungen.

Entstanden ist Cover_Pflegeberufedas Buch aus einem Schreibwettbewerb heraus. Heilung hat nicht nur mit Medizinischem zu tun, sondern sehr viel mit Begegnung, Einfühlungsvermögen, Empathie und Lebenserfahrung. So ist „jeder Tag in der Pflege ein Kampf. Gegen mich selber, gegen diese unprofessionellen Empfindungen und gegen das System“. Vieles entspricht absolut nicht der Theorie: „Ich versuche, die nächsten Schritte zu planen. Geht nicht. Die Gedanken sind nicht einmal zu Ende gedacht – und schon aufgeführt.“

Und manches entspricht nicht den Erwartungen: „Sie ist nur eine von vielen. Wir müssen damit umgehen lernen, dass sie nicht geliebt werden wollen, aber respektiert. Und sie lehrt uns durch ihre letzte Rebellion, wie wenig wir doch von uns selber auf die Menschen schließen dürfen, mit denen wir die Heime füllen.“ Das Gefühl zu vermitteln, angenommen zu werden, vielleicht sogar geliebt zu werden in tiefer Verletzlichkeit, Schwäche und Krankheit.

Es ist immer auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst, Gedanken „über unsere Unfähigkeit, rechtzeitig Grenzen zu setzen, und über die irrige Meinung, nur dann wirklich ‚gut‘ zu sein, wenn wir es auch sicher allen jederzeit – dabei unser eigenes Befinden ignorierend – recht machen“.

Manches regt zum Schmunzeln an, etwa wenn ein älterer Herr völlig unbeweglich in seinem Bett liegt und nicht einmal zum Essen aufgesetzt werden kann. Der aber, als ein junger, mit Drogen vollgedröhnter Mann sich in der Nacht eine Zigarette anzünden will und dabei den Polster in Brand steckt, die Feuerwehr schon verständigt ist, wie ein aufgescheuchtes Reh behände aufspringt und auf den Gang hetzt. Am nächsten Tag steht der der Unbewegliche frisch rasiert mit Anzug und Krawatte vor der Tür des Schwesterzimmers, um sich freundlich zu verabschieden.

Oder wenn einer Frau nach Schlaganfall nichts mehr an Fähigkeiten geblieben ist als ein strahlendes Lächeln, mit dem sie alle beschenkt. Wir erleben Menschen, die ganz unglaubliche Fortschritte machen und sich ins Leben zurückkämpfen, und andere, die nur mehr in den Tod hinein begleitet werden können. Manchmal kann mit vereinten Kräften noch ein letzter Wunsch erfüllt werden.

Es wird klar, wie wichtig es ist, dass Patienten im Rahmen eines vertraulichen Gesprächs über ihre Sorgen und Nöte, ihre Wünsche und Bedürfnisse sprechen dürfen.
Dann wieder die wunderbare Wandlung eines unausstehlichen Patienten, der nur herumschreit und kommandiert – bis die Pflegerin über seine Bücher mit ihm ins Gespräch kommt und er wie verwandelt ist. Vom Unleidlichen zum Freundlichen wird.
Eine demente Frau, die gebadet werden soll, erstarrt in Angst, weil sie die Hektik spürt, die in einem Spital kaum zu verbergen ist. „Das war der Augenblick, in dem ich mich vor mir selber schämte. Nun gab ich mir allergrößte Mühe, Frau X ein Wohlfühlbad zu bieten. Danach sagt die Frau: „Das ist seit langem mein schönster Tag!“ Auch wenn es schwierig bis unmöglich ist, demente Menschen brauchen nicht noch mehr Unruhe, sondern Menschlichkeit und Empathie.

Oder eine alte Dame, die, während alle anderen Besuch hatten, allein in ihrem Bett lag. Da setzt sich ein Pflegehelfer zu ihr, hört ihr zwei Stunden lang zu, stellt nur ein paar kurze Fragen. Sie schreibt ihm auch nach ihrer Entlassung regelmäßig, wobei sie diese zwei Stunden als „die schönsten Weihnachten meines Lebens“ bezeichnet.

Christine Dobretsberger (Hg.)
In besten Händen
Menschen in Pflegeberufen erzählen
Molden Verlag / Verlagsgruppe Styria 2015, Hardcover mit SU
ISBN 978-3-85485-338-1
EUR 22,99