Zwischen Gesetz und Leben

Dubia“ oder „Sine Dubiis “, das ist die Frage!

Wenn  es – abgesehen von der Verankerung in der Transzendenz – einen Grund gibt für das Bestehen der Kirche, dann ist es ihre Vielfalt. Und wenn es ein Charakteristikum unserer Zeit gibt, dann ist es die (künstliche) Polarisierung. So gibt es vor und nach dem Konzil die Polarisierung zwischen „Konservativen“ und „Progressiven“, und wenn das Konzil gescheitert ist, dann nur darin, dass es das Ziel, diese Polarisierung aufzuheben, letztlich nicht geschafft hat. Trotzdem muss man auch heute noch bekräftigen, dass wenn „konservativ“ bedeutet, an der Tradition festzuhalten, dass das impliziert, dass diese Tradition auch fort- und weitergeschrieben wird, also genau das, was „progressiv“ meint. Und wenn „progressiv“ Weiterentwicklung bedeutet, dann geht das nur auf der Basis des Ursprungs (was sonst sollte weiterentwickelt werden?), also genau das, was „konservativ“ meint.

Das entspricht natürlich nicht der faktischen Polarisation. Da geht es den (Pseudo-)„Konservativen“ oft nicht um das Bewahren des Ursprungs, sondern des Gesetzes. Dass das an der Lehre Jesu vorbei geht, der sich oft und oft gegen die „Gesetzestreue“ der Pharisäer gewandt hat, ist offensichtlich. Die „Progressiven“ verlieren dagegen manchmal die Verbindung zum Ursprung und verfolgen eigene Ziele. Auch das ist nicht im Sinne des Erfinders.

Nun ist es interessant, dass es auch eine Polarisation innerhalb der sich als „konservativ“ Bezeichnenden gibt. Da sind die vier „Dubia-Kardinäle“, die offen und öffentlich gegen den Papst auftreten, und da sind die Initiatoren von „Sine Dubiis“, die zur Solidarität mit dem Papst aufrufen. Wobei sie bestimmten katholischen Journalisten vorwerfen, ein marginales Problem (!) künstlich am Köcheln zu halten, und mit ihrem Aufruf selbiges tun. Sie meinen, dass vier Kardinäle zwar eine marginale Minderheit sind, die Haltung, die sie vertreten allerdings ansteckend sei.

Nun ist einer von diesen Vieren Raymond Leo Kardinal Burke, der schon vor den „Dubia“ für Gelächter einerseits und Ehrerbietung andererseits gesorgt hat. Für die einen ist sein Outfit eher eine Karikatur der römischen Beamtenkleidung (auf die das Priestergewand ja auch zurückgeht, ebenso wie die kirchlichen Titel und die Hierarchie – alles nicht ursprünglich christlich). Für die andern, für die der aktuelle Papst einen Ausverkauf der Lehre der Kirche veranstaltet, ist Burke bereits der künftige Papst. Angesichts so vielen Unsinns ist es wirklich schwer, die Dubia ernst zu nehmen.

„Die Tagespost“ vom 25. Feb. 2017 brachte ein Pro und Kontra „Sine Dubiis“. Deren Initiatoren, Matthias Jean-Marie Schäppi und Friedrich Reusch,  legten dar, dass die Aussagen des Papstes in Amoris laetitia nicht über die Lehre der Kirche hinausgehen, sondern diese weiterentwickeln. Motiv war vor allem, dass die „Hermeneutik des Misstrauens“ hochgradig ansteckend sei. In erzkonservativen Kreisen ist sie das sicher. Befremdlich sind die Seitenhiebe auf Luther oder die Feststellung, dass die Piusbrüder bald in die Kirche zurückkehren könnten. Ohne Anerkennung des Konzils kann das aber nicht geschehen, und die Nicht-Anerkennung (trotz Unterschrift Lefebvres auf den Konzilsdokumenten) führte ja zur Spaltung. Da ist bei aller Offenheit des Papstes keine Rückkehr zu erwarten.

Als „pauschaler Bann über treue Katholiken“ bezeichnet in seinem Kontra Michael Hesemann, Historiker und Publizist, den Aufruf zur Papsttreue. Wobei er anscheinend nicht treue, sondern gesetzestreue Katholiken meint. Papst Franziskus bezeichnet er „als so eine Art ‚Dorfpfarrer des global village‘ mit einem großen Herzen für die Menschen in der Peripherie“. Vieles sähe er positiv, aber er kritisiert doch seine „typisch lateinamerikanische Perspektive“ – so als hätte das Konzil nicht von einer Aufwertung der Ortskirchen gesprochen – und in vielen Fragen verlasse sich PF auf seine (schon auch mal falschen) Berater – so als ob Berater ausschließen, dass man sich dann eine eigene Meinung bildet. So kann man den Papst kritisieren, ohne ihn anzugreifen. Und er betont, dass auch ein Papst seine Stärken und Schwächen habe – das kann man nachvollziehen.

Was „Sine Dubiis“ betrifft, gehe es aber um etwas anderes. „Nämlich um eine Marginalisierung und Diskreditierung kritischer Stimmen, allen voran der vier Kardinäle, die ihre Fragen zu Amoris laetitia stellten.“ Es gehe um die Sorge um einen Missbrauch dieser einen Fußnote von AL. „Sie führte dazu, dass der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen in verschiedenen Diözesen und Ländern unterschiedlich gehandhabt wird.“ Da muss man ganz klar sagen, sie führte nicht dazu, sondern das war schon vorher so, und das war auch im Sinne des Konzils. Die beschworene Einheit der Kirche besteht nun wirklich nicht im Betonieren von Gesetzestexten, sondern im Handeln im Sinne Christi. Und das ist etwas völlig anderes. Da geht es auch im individuelle Gegebenheiten und kulturelle Unterschiede, vor allem um das Gewissen jedes Einzelnen. Eine Klärung ein für alle Mal und ein Festschreiben für alle an jedem Ort und zu jeder Zeit zu fordern, sodass niemand mehr selbst zu denken braucht, wäre nicht „aus Liebe zur Kirche“. Wer lesen kann, für den ist AL klar und deutlich, wer das Machtwort eines Kirchenfürsten erwartet oder mit diesen unsäglichen „Dubia“ erzwingen will, um dann Marionette spielen zu dürfen, der hat nichts von menschlichen und Göttlichen Dingen verstanden.

Hesemann wirft den Initiatoren des Aufrufs zur Papsttreue vor, das Urteil vorwegzunehmen und „den pauschalen Bann über konservative Katholiken“ auszusprechen, deren Anliegen doch gerade die Bewahrung der Kirche vor einer Verwässerung ihrer Lehre durch protestantisierende Ideen“ sei – womit er diese Verwässerung der Lehre der Kirche indirekt dem Papst vorwirft.

Und genau dagegen verwehrt sich „Sine Dubiis“!

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Wahrheit und Relativität

Zum Streit zwischen den Hütern der Wahrheit und den Verteidigern des Relativen (beides abwertend in Richtung Gegner gemünzt) wäre zunächst zu sagen, dass es diesen Streit spätestens seit Parmenides und Heraklit gibt. Ersterer betonte das Sein, letzterer das Werden, und bis heute schlug das Pendel in der Geschichte mal in die eine, mal in die andere Richtung aus. Also nichts Neues unter der Sonne, wenn heute in der Kirche Konservative und Progressive aufeinanderprallen.

Verzweifelt könnte man anbringen, dass das 2. Vatikanische Konzil genau diesen Widerspruch überwinden wollte und auch überwunden hat, mit der Formel: Zurück zum Ursprung, aber in der Sprache der heutigen Zeit. Allerdings sind die Gräben nach dem Konzil wieder aufgebrochen, und angesichts des jetzigen Papstes ist der Widerstreit zwischen Reformern und Bewahrern wieder so eklatant, dass manche schon von drohender Spaltung sprechen.

Aus philosophischer und tiefenpsychologischer Sicht ist dieser Streit absurd. Bewahren kann man nur etwas, wenn man seine Weiterentwicklung nicht blockiert; und eine Reform wird immer näher zum Ursprung führen müssen.  Psychologisch ist es ein Konflikt, der entweder in die Tragik des Widerstreits oder in die Komplementarität mündet. Letzteres meint, dass Gegensätze einander nicht ausschließen, sondern ergänzen. Philosophisch ist Sein/Identität gar nicht denkbar ohne Werden/Diversität, Einheit nicht ohne Vielfalt und Absolutes nicht ohne Relatives. Wir sind von der Geburt bis zum Tod derselbe Mensch, der sich ständig wandelt. Stagnation wäre vorweggenommener Tod. Wenn wir jemand nach sieben Jahren wieder treffen, dann ist kein einziges bekanntes Atom oder Molekül mehr an ihm, er ist materiell ein völlig anderer, aber doch dieselbe Person.

Und was Wahrheit und Relativität betrifft, brauchen wir auch beides. In der Welt ist alles relativ, gegensätzlich, zwiespältig, gebrochen. Es ist alles Fragment, aber wir brauchen auch das Ganze, das Absolute, nicht als Ding, als Realität, sondern als Orientierung. Orientierung für einen Weg, ein Werden, eine Entwicklung, die in die Offenheit des Unnennbaren führt. Und diese Offenheit bewahrt uns vor dem mentalen Gefängnis des „Es gibt nur…“

Verhängnisvoll wird es, wenn etwas Relatives absolut gesetzt wird. Wird ein Wert, z.B. Gerechtigkeit, absolut gesetzt, dann werden andere – an sich „gleichwertige“ – ebenfalls absolut gesetzt und bekämpft. Wird das Gesetz absolut gesetzt, muss alles, was sich nicht in die Norm pressen lässt – und das ist eigentlich alles Menschliche – mit kalter Grausamkeit verfolgt werden. Wird das Eigenständige (das dann genau nicht eigenständig ist) absolut gesetzt, dann wird das Fremde (das eigentlich das eigene, innere, nach außen projizierte Fremde ist) im anderen abgewertet, bekämpft und gehasst. (Die Tragik der Politik). Wird die (eigene) Wahrheit als absolut verteidigt, wird jeder Andersdenkende zum Häretiker gestempelt. (Die Tragik der Religion). Wenn man glaubt, Wahrheit zu besitzen, dann ist man schon beim goldenen Kalb – das in menschliche, relative Vorstellung gepresste Absolute. Jeder, der sich im Besitz der „Wahrheit“ wähnt, macht (nicht nur) die Kunstschätze in seinen Kirchen zu goldenen Kälbern. Dasselbe macht der gläubige Atheist, der sein „Es gibt nicht“ absolut setzt, alle anderen für dumm erklären muss, und nicht einmal erklärt, wogegen er ist. Alles das kennen wir aus der Geschichte. Weltlich heißt das Fanatismus, biblisch Götzendienst.

Besonders interessant wird es, wenn man sich weigert, die Gegensätze als (zu eliminierenden) Gegensatz stehen zu lassen, und komplementär beides als einander ergänzend sehen will. Dann wird man für die Bewahrer der Konservative, und für die Reformer der Progressive. Denn wer komplementär denkt, wird bei jeder einseitigen Aussage die jeweils andere (als Ergänzung) betonen, und findet sich dann in der jeweils passenden Schublade der linear Denkenden wieder. Denn die können nur vereinfachen und mit der Komplexität der Wirklichkeit nichts anfangen. Wer versucht, der Komplexität gerecht zu werden, wird aus Unverständnis einfach ins andere Eck gestellt.