Wenn ich an „Wissenschaft“ zu zweifeln beginne

„Aufregender Sex, psychedelische Drogen und durchgemachte Nächte sind Anzeichen für Intelligenz. Das glauben Sie nicht? Dann lassen Sie sich von der Wissenschaft überzeugen.“ So der spannende Vorspann eines Artikels mit dem Titel „Sex, Drogen und Ausschlafen: Die verblüffende Seite der Intelligenz“.

Nun, einmal abgesehen davon, dass der Vorspann von Journalisten geschaffen wurde und nicht unbedingt was mit den Studien zu tun hat – ganz unten in dieser Online-Publikation steht was von „Qualitätsjournalismus“, doch Eigenlob ist das sicherste Zeichen für das Gegenteil, das wissen wir auch ohne Studien – sind auch die meisten der zitierten „wissenschaftlichen“ Studien tatsächlich eher frei von Intelligenz.

Doch bevor wir uns den Studien zuwenden, noch eine Satz der Qualitätsjournalisten: „Intelligente Menschen stehen später auf, haben besseren Sex und nehmen eher synthetische Drogen als weniger intelligente Artgenossen. Das geht aus mehreren Studien hervor, über die das britische Männermagazin „Esquire“ berichtet.“ Wir können wahllos fortsetzen: Intelligente Menschen haben mehr Unfälle, betreiben mehr Golf und Tennis und sind öfter am Mount Everest. Weniger Intelligente können sich das nämlich alles meist nicht leisten – wie auch Sex, Drugs und durchgemachte Nächte.

Damit zu den „wissenschaftlichen“ Studien: Tatsächlich wurde festgestellt, dass Absolventen von Eliteunis mehr Drogen nehmen, und dann wird spekuliert, warum das so ist. Etwa dass sich Intelligentere besser mit den Gefahren von Abhängigkeit und körperlichen Schäden auseinandersetzen könnten. Ja, hat diesen „Wissenschaftlern“ niemand gesagt, dass Drogen einfach teuer sind?
„Noch konkreter zeigt den Zusammenhang eine Studie von 2010, über die „Psychology Today“ berichtete. Menschen mit einem Intelligenzkoeffizient von 125 oder höher nehmen demnach exponentiell mehr Drogen als Menschen mit einem IQ von 75 oder weniger.“ Da wird es ja ganz spannend! Die mit einem IQ von 75 und weniger wissen ja gar nicht, was Drogen sind! Und dazu brauchen wir „wissenschaftliche“ Studien!

„Eine dritte Studie, über die ‚Esquire‘ berichtet, trägt den Titel: ‚Warum Nachteulen intelligenter sind‘. Schon seit Jahrtausenden arbeitet der Mensch am Tag und schläft in der Nacht. Wer mit diesem Kreislauf breche, bei dem steige die Chance evolutionär Neues zu erreichen, heißt es in dem wissenschaftlichen Papier von 2009. Wer sich an etwas Neuem, etwas Essenziellem versuche, der sei gewillt, seine Grenzen zu durchbrechen, lautet der Kern der Studie.“ Am Einleuchtendsten ist das beim Essen und Atmen. Wer damit bricht, tut demzufolge am meisten für die Evolution!

Eine geniale Erklärung, die den Nobelpreis verdient hätte! Jetzt wissen wir endlich, dass wir unter Zuhältern und Prostituierten (und deren Kunden), Schichtarbeitern (nichts gegen Prostituierte und Schichtarbeiter), in der Mafia und sonstiger Unterwelt die Intelligentesten unserer Art antreffen! Klar, dass die Polizei da nie und nimmer was ausrichten wird – es sei denn, sie rekrutiert Nachteulen, um mit der Intelligenz gleichzuziehen. Und wenn man weiterdenkt, wirft das ein völlig neues Licht auf Leonardo da Vinci, Goethe oder Einstein! Da müssen wohl einige Biographien umgeschrieben werden. Und wie der stockbiedere Kant zu seiner Philosophie gefunden hat, wird wohl ein ewiges Rätsel bleiben.

Doch damit zur ersten Studie, die sicher der Aufhänger der Qualitätsjournalisten war, und die eigentliche Motivation, vom britische Männermagazin „Esquire“ abzuschreiben: „Die aktuellste Arbeit zeigt, dass Studenten an Englands Eliteuniversitäten Oxford und Cambridge mehr Geld für Sexspielzeug ausgaben, als Studierende an weniger bekannten Unis.“ Die Studie wurde im Auftrag eines – richtig geraten! – Sex-Toy-Händlers durchgeführt. Da sonst keine Zielgruppen ausgewiesen sind, könnte ein Profiler vermuten, dass das eine gezielte Werbeaktion Richtung Studenten war. Und wofür sonst sollte der Sex-Toy-Händler sein Geld ausgeben? Das Prinzip kennen wir ja aus der Pharma-Industrie – nicht erst seit der blauen Pille.

Süß auch die darauf entbrannten Diskussionen in der britischen Qualitätspresse: „The Telegraph“ zitiert eine junge Cambridge-Studentin, der endlich klar geworden ist, dass Elite-Studenten eben wissen, „dass Sex und Sexspielzeug der beste Weg sind, Stress abzubauen“. Klar dass man dazu einen IQ wie Einstein braucht. Ich will gar nicht wissen, wie viele Studenten sich nach Publikation der Studie Spielzeug bestellten, um sich beim nächsten Spiel als intelligenter zu erweisen. Was ja wohl auch der Zweck der Übung – äh der Studie – war.
Eine Mitarbeiterin des Händlers versucht es gegenüber ‚Esquire‘ damit zu erklären, dass Intelligente eben weltoffener sind. Die kennt unsere modernen Hirnforscher nicht, die sich durch eine eher restriktive Logik auszeichnen. Naja, vielleicht würden sie auch mehr über unser Hirn herausfinden, würden sie weiter unten forschen…

Und dann blitzt doch noch der Qualitätsjournalismus durch, zumindest an dieser einen Stelle: „Ob der Zusammenhang nicht einfach nur durch das dickere Portemonnaie zu erklären ist, das viele Studenten an den Eliteunis haben, thematisiert die Auswertung nicht.“ Wer sich um Miete, Strom, Heizung, Telefon usw. Sorgen machen muss – und das werden leider immer mehr – der bleibt wohl eher beim eigenen, biologischen Sexspielzeug.