Frauen brauchen Männer (und umgekehrt)

Frauen brauchen Maenner und umgekehrt von Raphael BonelliDiese „Couchgeschichten eines Wiener Psychiaters“, so der Untertitel des Buches, ist ein Plädoyer für den (gar nicht so kleinen) Unterschied zwischen den Geschlechtern und deren komplementäre Ergänzung.

In Zeiten, in denen ganze Universitätsinstitute im Namen der Genderforschung den Unterschied nivellieren oder unter den Teppich kehren wollen, klingt der Titel anrüchig. Andererseits ist die Genderforschung notwendig, wenn sie sich um das bemüht, was der Name schon sagt: um das soziale Geschlecht. Das biologischen Geschlecht sollte sie denen überlassen, die was davon verstehen, und sogar die haben erst vor nicht allzu langer Zeit erkannt, wie sehr der Unterschied sogar in der Medizin bisher sträflich vernachlässigt wurde. Das biologische Geschlecht geht nämlich weit über die Sexualorgane hinaus, es umfasst auch das Gehirn (Größe und Struktur) und den ganzen Körper bis in die Zellstruktur.

Männer und Frauen haben verschiedene Stärken und Schwächen, werden unterschiedlich krank – so ist der Autismus eine eher männliche, die Depression eher eine weibliche Erkrankung – Medikamente wirken anders, die Symptome (etwa bei Herzinfarkt sind völlig andere). Die Liste lässt sich fortsetzen. 2001 gab die WHO eine Empfehlung heraus, Strategien gegen die Verdrängung des Unterschieds und für eine geschlechtsspezifische Gesundheitsvorsorge zu entwickeln. Das alles schildert der Autor umfassend und mit den aktuellsten Studien belegt.

Psychische und kognitive Unterschiede

Dass sich die körperliche und hormonelle Konstitution auch psychisch fortsetzt, ist nicht verwunderlich, so dass auch hier das biologische vor dem sozialen Geschlecht besteht. Die Unterschiede treten schon bei Neugeborenen zutage. Buben schauen intensiver auf Objekte, Mädchen auf Gesichter. Und das wäre auch schon die allgemeinste Definition des Unterschieds: Männer sind mehr objektbezogen, Frauen mehr personbezogen. Daher sind Frauen in der Empathie (wir reden immer von Durchschnittswerten) den Männern bei weitem überlegen. Frauen sind vielseitiger und stärker vernetzt, während Männer stärker fokussieren und zum Spezialistentum neigen. Auch im Negativen zeigt sich der Unterschied: Essstörungen, Angst, Depression und z.B. Borderline-Störungen sind „weiblich“, Autismus, ADHS, Narzissmus und z.B. Sexualstörungen sind „männlich“.

Die Unterschiede setzen sich im kognitiven Bereich fort. Auch hier sind es unterschiedliche Stärken: Frauen sind im Vorteil, wenn es darum geht, ein Problem im Gesamtkontext, inklusive Vernetzung mit der Umgebung zu erfassen und lebensnah zu managen. Die Stärke der Männer liegt hingegen in der Fokussierung auf Detailprobleme, alles andere auszublenden und das Problem abstrakt zu lösen. Männer denken distanziert, linear und fokussiert, Frauen mehr persönlich, vernetzt und assoziativ. Natürlich überlappen sich die Eigenschaften in der üblichen statistischen Weise, und das Schwarz-Weiß-Denken ist längst überholt. Männer ticken anders, Frauen auch, und insgesamt begegnen sie einander auf Augenhöhe.

Dass die psychologischen und kognitiven Unterschiede sich in verschiedenen Kulturen gleichen, spricht auch dafür, dass diese Unterschiede konstitutionell und nicht anerzogen sind. Außerdem verhalten sich Mädchen als Mädchen, bevor sie wissen, dass sie ein Mädchen sind; Buben ebenso. Auch das leidige Thema der Berufswahl lässt sich erklären. Männer arbeiten lieber sachbezogen, Frauen lieber personenbezogen. Dabei tritt etwas ganz Erstaunliches zutage: „Die größten psychologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern finden sich in den Ländern, die sich der Geschlechtergleichheit verschrieben haben.“ Eine Vorreiterrolle haben hier die skandinavischen Länder, und trotzdem entscheiden sich die Menschen dort vermehrt für geschlechtstypische Berufe. Wenn Männer und Frauen frei wählen können, entscheiden sie sich ihren unterschiedlichen Interessen und Fähigkeiten entsprechend.

Die Genderproblematik

Natürlich darf das Thema Gender nicht ausgeklammert werden. Das soziale Geschlecht ist ein realer Faktor und führt zu den bekannten Stereotypien, denen begegnet werden muss. Aber Gender hebt das biologische Geschlecht nicht auf, sondern kommt zu diesem hinzu und verzerrt es des öfteren. Historisch folgt, so Bonelli, auf die Verdrängung der Sexualität im 19. Jahrhundert die Verdrängung der geschlechtlichen Konstitution im 20. Jahrhundert. John Money, der den Begriff Gender etablierte, war fixiert darauf, dass der Mensch als geschlechtsloses Wesen auf die Welt kommt, und scheiterte mit einer versuchten Geschlechtszuschreibung/-umwandlung kläglich, verteidigte sein Experiment, das man (harmlos ausgedrückt) als Kunstfehler einstufen muss, auch noch, nachdem es mit dem Suizid des „Versuchsobjekts“ endete. Trotzdem sie davon wusste, behauptete Judith Butler, „sowohl das biologische Geschlecht (sex), als auch die Geschlechtsidentität (gender) seien ein Ergebnis des sprachlichen, historischen und politischen Kontextes“. Später wurde ihr vorgeworfen, das Anliegen der wirklichen Frauen verraten zu haben.

Komplementäre Ergänzung

Für Bonelli ist klar, dass man Sex und Gender nicht gegeneinander ausspielen kann, sondern beide zusammengenhören. Mann und Frau können und dürfen unterschiedlich sein und trotzdem gleiche Rechte besitzen und einander auf Augenhöhe begegnen. Dass das nicht immer harmonisch und auf Augenhöhe abgeht, illustriert der Autor an zahlreichen Fallbeispielen aus seiner psychotherapeutischen Praxis. Männer und Frauen haben jeweils „männliche“ und „weibliche“ Stärken und Schwächen in unterschiedlicher Ausprägung. Diese Unterschiede garantieren das erotische Prickeln, und bei Disharmonien die üblichen Probleme der Partnerbeziehung. Die „Lösung“ liegt immer darin, zu seinen Stärken und Schwächen zu stehen und sich dabei vom Partner ergänzen zu lassen. Weiters muss zur Erotik, die auf die Bedürfnisse abzielt, jene reife Entscheidung kommen, die nur auf Geben und auf das Du gerichtet ist und in der Antike „Agape“ genannt wurde. Aber auch hier gilt: es braucht immer beides.

Fazit: Das Buch ist eine solide Grundlage in der aktuellen Argumentation zum Thema Partnerschaft, Sex und Gender, angereichert mit den neuesten Studien. Dass man sich als Leser/in in den vielen Fallbeispielen da und dort selbst wiederfindet, liegt in der Natur der Sache. Die „Nebenwirkung“: Beim aufmerksamen Lesen können so manche Einsichten in die eigene/n Beziehung/en angestoßen werden, die mitunter weh tun, aber sehr heilsam sein können.

 

Raphael M. Bonelli

Frauen brauchen Männer (und umgekehrt)

Couchgeschichten eines Wiener Psychiaters

Kösel Verlag 2018, 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-466-34687-5
EUR 22,70

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Islamophobie und Religionsfeindlichkeit

Published on Newsgrape on 2011-06-20

Religionsfeindlichkeit allgemein und Aggression gegen Fremde, insbesondere Moslems waren Themen einer Tagung im Islamischen Zentrum in Wien.

Veranstalter waren das “Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie” (RPP), die Sigmund Freud Privatuniversität (SFU) und das Institut für Interkulturelle Islamforschung (INTIS). Raphael M. Bonelli, Gründer des RPP, hatte schon im Vorfeld Droh-E-mails und Spott-E-mails bekommen, wie er in seiner Einleitung berichtete. Er zeigte sich daher erleichtert, dass die Veranstaltung einen friedlichen Verlauf nahm.

Islamophobie: Unsicherheit und Unwissenheit

Bonelli betonte, dass er den Begriff Islamophobie nicht politisch verstanden wissen wollte, sondern sein Zugang ein ausschließlich psychologischer sei. Die Islamophobie zeigt sich einerseits als Teil der Xenophobie (Angst vor dem Fremden), andererseits als Teil einer generellen Religionsfeindlichkeit der Postmoderne. Nicht eingestandene rassistische Motive spielen teilweise ebenfalls eine Rolle.

Erstaunlich ist, dass sich unter den Islamophoben auch Menschen finden, die sich als Christen bezeichnen. Man muss allerdings zwischen „intrinsischer“ (verinnerlichter) und „extrinsischer“ (rein äußerlicher) Religion unterscheiden. Dann zeigt sich, dass die islamophoben Fanatiker ausschließlich der letzteren Gruppe zuzuordnen sind und dass sie sich damit weit vom Christentum und von der Kirche entfernt haben, die im 2. Vatikanischen Konzil die in allen Religionen durchscheinende Wahrheit anerkannt hat. „Es ist unglaublich, mit welchem Fanatismus sie die katholische Lehre vergewaltigen, um ihre eigene Islamophobie zu rechtfertigen. Die Kirche brauchen sie nicht, sie retten ja das Abendland.“ Den Islamophoben zeichnet aus, das er „im Glauben selbst nicht gefestigt ist und vom anderen nichts versteht“, so die Definition eines Teilnehmers der Tagung.

Randgruppen: Islamisten und Islamophobe

Stephan Baier, Journalist und Sachbuchautor, wies darauf hin, dass die Kampfhähne – Islamisten und Islamophobe – einander brauchen und auch einander die Mitglieder zutreiben. Baier berichtet vom Gedankengang eines koptisch-katholischen Bischofs in Kairo: Würde der Islam wirklich direkt den Terrorismus fördern, dann müssten unter den 1,3 Mrd. Moslems zumindest zehn Prozent Terroristen sein – „dann gäbe es kein Leben mehr auf dieser Welt“.

Alfred Pritz, Rektor der SFU, ging auf die großen kulturellen Leistungen der Moslems auch in Europa ein. Durch seine Beschäftigung damit sei er selbst in seiner Einschätzung des Fremden sehr viel bescheidener geworden. „Es waren Muslime, die die griechische Kultur und die griechischen Philosophen, auf deren Ideen das moderne Europa gründet, wieder in die Welt des Frühmittelalters einbrachten.“ Denn Euroedpa hatte damals den Kontakt zu seinen griechischen Wurzeln verloren. Nahezu acht Jahrhunderte lang war das maurische Andalusien die dominierende kulturelle Welt in Europa. Die moderne Wissenschaft ist dort entstanden. Pritz bezeichnet den Islam dieser Zeit als „die Mutter der europäischen Welt.“

Elsayed Elshahed, Professor an der Al-Azhar Universität in Kairo und Leiter des Instituts für Interkulturelle Islamforschung in Wien, wies darauf hin, dass das Wort „Ungläubige“ im Koran für eine bestimmte Volksgruppe verwendet wurde und für sonst niemand. Elshahed stellte prinzipiell das Gemeinsame vor das Trennende: Gott sei auch im Koran nicht der ausschließlich Richtende. „Gott vergibt immer. Er ist gerecht, aber barmherzig. Doch die Barmherzigkeit kommt vor der Gerechtigkeit.“ Und obwohl Moslems Jesus nicht als Sohn Gottes sehen, spricht auch der Koran von Jesus als „Gottes Wort“. Und der Beste unter den Menschen ist der, der am meisten nützlich für andere ist.

Religion oder Religionsfeindlichkeit als Neurose?

Walter Pieringer, Vorstand der Uniklinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie an der Medizinischen Universität in Graz, wies darauf hin, dass Sigmund Freud Religion noch als Neurose einstufte. Heute hat sich diese Auffassung umgekehrt: Für W. Bion ist z.B. nicht der neurotisch, der religiöse Gefühle verspürt, sondern diejenige, der diese nicht spürt.  Auch Viktor Frankl sprach bekanntlich von einer natürlichen Religiosität und unbewussten Geistigkeit.

Abwertung ist die sublimste Form der Aggression, so Bonelli. Dass Freud selbst nicht frei von Neurosen war, beweist unter anderem, dass er seiner Frau ein Leben lang verbot, ihre jüdische Religion auszuüben. Freud konstatierte drei Kränkungen des Menschen, nämlich durch Kopernikus (die Erde ist nicht Mittelpunkt der Welt), durch Darwin (der Mensch stammt quasi vom Affen ab) und durch ihn selbst (dass er nicht einmal Herr im Haus der eigenen Psyche ist).

Drei Kränkungen des postmodernen Menschen

Bonelli stellt dem drei Kränkungen des postmodernen Menschen gegenüber:

Die erste Kränkung ist die unübersehbare Lebendigkeit der totgehofften Religion. 150 Jahre nach Nietzsches „Gott ist tot“ ordnen sich weltweit immer mehr junge und gebildete Menschen einem transzendenten Prinzip und nicht dem Zeitgeist unter.

Noch schmerzhafter und bedrohlicher für Antireligiöse ist die moralische Instanz, die den Glaubensgemeinschaften innewohnt. Alternative humanistische Ethikangebote sind dagegen farblos und inhaltsleer, beliebig und verbiegbar, schmerzfrei und unverbindlich. Als Maßstab bleiben nur das Ich und seine Wünsche.

Die dritte Kränkung vergleicht Bonelli mit der eifersüchtigen Aggression manches Pubertierenden auf jüngere Geschwister, die noch nicht in Opposition zu den Eltern stehen. Analog dazu empfindet der Antireligiöse Neid und Eifersucht darüber, dass der Gläubige bei Gott Geborgenheit findet, während er selbst in einer farblosen und grausamen Welt leben muss. Wie sich der ambivalente Halbwüchsige nach der elterlichen Liebe sehnt, die er ausschlägt, so sehnt sich der Antireligiöse unbewusst nach der Transzendenz, die er leugnet.

Allianz der Religionen

Gregor Henckel-Donnersmarck, der frühere Abt des Stifts Heiligenkreuz, stellt fest, dass heute jeder, der eine klare religiöse Position bezieht, als Outcast gesehen wird. Das resultiere unter anderem aus einem groben Missbrauch der Naturwissenschaft auch durch Naturwissenschaftler, die ohne jede Ahnung von Philosophie und Theologie glauben, theologische Aussagen machen zu müssen. Der Staat dürfe die Religionen nicht marginalisieren, sondern müsse sie als Wertproduzenten sogar fördern, „sonst verkommt die Gesellschaft“.

Die Trennlinie verläuft heute nicht zwischen den Religionen, nicht zwischen Islamisten und Islamophoben, sondern zwischen Religiösen einerseits und Atheisten andererseits. Eine Allianz der Religionen könnte da gute Beziehungen schaffen. „Die Welt wartet darauf, dass die Gläubigen aller Religionen Werte einfordern.“ Der Abt forderte eine Solidarität der Religionen: „Ich freue mich über das Minarett, das zum Himmel zeigt wie unsere Kirchtürme. Ich freue mich über den Muezzin, der zum Gebet ruft wie unsere Glocken. Es gibt ein Recht der Religionen auf freie Religionsausübung.“ Und der Abt betont, dass der Pluralismus in der Geschichte immer eine große Chance war.

Quelle: Fachtagung „Das Unbehagen mit der Religion. Islamophobie und verwandte Phänomene“, 18. Juni 2011, Islamisches Zentrum Wien

Muslimisch-christlicher Dialog

Published on Newsgrape on 2012-01-17 18:24:52

„Ich kämpfe für Ihre Religionsfreiheit. Moscheen und Minarette inklusive!“ So der frühere Abt des Stiftes Heiligenkreuz, Gregor Henckel-Donnersmarck, zu Dr. Fuat Sanac, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft. Ein Zeugnis christlicher Gesinnung, mit dem sich viele Zuhörer schwer tun.

Abt Gregor will nicht von einem Dialog der Religionen, sondern von einem Gespräch der Glaubenden reden. Dabei geht es darum, den anderen verstehen zu lernen. Er hat sich in letzter Zeit mit dem Islam beschäftigt und will dieses Studium in Zukunft intensivieren. Es gehe nicht um einen abstrakten Dialog, sondern um die Begegnung von Menschen, die ins Gespräch kommen. Nicht um einer Religion zum Durchbruch zu verhelfen, sondern um sich zu bemühen, gut miteinander zu leben.

Auch für Fuat Sanac klingt das Wort Dialog etwas künstlich. Es geht ihm um eine menschliche Beziehung, den Menschen so zu akzeptieren und zu respektieren, wie er ist. „Wenn jemand an Gott glaubt, dann muss er den Menschen dienen.“ Auf die unvermeidliche Frage nach 9/11 antwortet der Präsident: „Was hat das mit dem Islam zu tun? Im Islam ist töten verboten!“ Man müsse zwischen Menschen und dem Islam unterscheiden. Dem Gemurmel im Saal ist zu entnehmen, dass diese Unterscheidung einigen schwer fällt.

Gemeinsam gegen den Säkularismus

Wie Papst Benedikt verurteilt Abt Gregor den heutigen Relativismus als alleinseligmachende Religion, „die uns alle bedroht, und der jede Religion zur Bedeutungslosigkeit degradiert“. Das sei eine gemeinsame Herausforderung der Glaubenden.  Er regt eine Allianz der Glaubenden an. „Nicht Religion und Gewalt, sondern Religion und Vernunft gehören zusammen, das habe der Papst in seiner missverstandenen Rede in Regensburg zum Ausdruck gebracht.“ Einen Seitenhieb gegen die Medien kann sich der frühere Abt nicht verkneifen: Das Regensburger Missverständnis sei lustvoll breitgetreten worden, dass es im Anschluss eine sehr konstruktive Diskussion mit führenden Moslems im Vatikan gegeben hat, wurde dagegen schamhaft verschwiegen.

Dem folgt eine Kritik an der Politik, die manchmal jegliche Vernunft, die er soeben für die Religion reklamiert hat, vermissen lässt: Es wäre Aufgabe des Staates, das Lebensrecht der Menschen zu schützen. Die Tötung Ungeborener sei aber „eine offene Wunde“, wie der Papst in der Hofburg bedauert hat. „Aber um des Stimmenfangs willen werden Gesetze verabschiedet gegen jede vernünftige Ethik. Die ist dann nicht gefragt!“ Und er lobt den Islam, der in dieser Frage eine andere Haltung zeigt. Ganz im Gegensatz zur westlichen Welt, bei der die christliche Substanz bei vielen Menschen sehr dünn geworden sei. „Es spricht für die Muslime, dass sie dieses Gesetz nicht nützen.“ Abt Gregor anerkennt auch den Mut der Muslime, ihre Religion öffentlich sichtbar zu bekennen, auch wenn das eine Provokation in der heutigen Gesellschaft ist, in der die Religionen derart an den Rand gedrängt werden. Dieser Mut könne auch für Christen ein Ansporn sein.

Freiheit und Gesetz

Das 2. Vatikanische Konzil habe die Freiheit des Gewissens betont. Das beinhalte auch die Verpflichtung, für die Freiheit anderer Religionen zu kämpfen. „Ich kämpfe für Ihre Religionsfreiheit, Moscheen und Minarette inklusive!“ Wie auch Kardinal Schönborn betone, treten Christen für die Freiheit aller Glaubenden und Nicht-Glaubenden ein.

Fuat Sanac zitiert seinerseits den Koran: „Im Glauben gibt es keinen Zwang.“ Menschen seien unterschiedlich geschaffen worden, damit sie einander kennenlernen können. „Und wenn jemand unfreundlich ist, nützt mir seine Frömmigkeit nichts.“ Die Menschen hätten auch begriffen, dass Freiheit nur für sich keine Freiheit ist. Und er weist darauf hin, dass Säkularismus in jedem Staat etwas anderes bedeute.

Der Frage, wie der Islam zur Abtreibung stehe, weicht Sanac zunächst aus. Beim Thema „Gesetz“ wird er sichtlich vorsichtig, und wird auch erwartungsgemäß mit der Frage nach der „Scharia“, die Muslime angeblich überall einführen wollen, konfrontiert. „Scharia“ als politische Parole sei eine Entwicklung der letzten 40 Jahre. Scharia heißt aber einfach „Gesetz“. Ursprünglich das, was von Gott erlaubt ist und was nicht. Wenn Muslime von österreichischen Gesetzen reden, dann reden sie von der Scharia Österreichs. Und Muslime respektieren die Gesetze des Landes, in dem sie leben.

Man könne nicht mit allen Gesetzen einverstanden sein, versucht er eine Antwort auf die Frage nach der Abtreibung anzudeuten. Er habe kein Problem mit österreichischen Gesetzen, nur sei oft zwischen Theorie und Praxis eine riesige Kluft. Für einen muslimischen Friedhof habe man 25 Jahre gekämpft. Um Religionslehrer hier in Österreich ausbilden zu können, habe man 18 Jahre gekämpft. Und bis es eine theologische Fakultät (wie in Deutschland) gibt, wird es wohl wieder Jahre dauern…

Demokratie und Anerkennung

Fuat Sanac betont, dass es keine Religion gebe, die der Demokratie so nahe stehe. Der erste Kalif wurde vom Volk gewählt, später hat sich das geändert und das Volk wurde vielfach unterdrückt. „Aber Regierungen kommen und gehen und das Volk will einfach nach seiner Religion leben.“ Und er stellt anerkennend fest: „Muslimische Soldaten haben in Österreich Rechte, die sie in islamischen Ländern nicht haben.“

Wie er mit blauen Parolen wie „Pummerin statt Muezzin“ umgehe? Das hätte sich in letzter Zeit gebessert, meint Sanac. Es sei ja auch noch kein Wahlkampf, wirft der Diskussionsleiter ein, um gleich den früheren Abt zu fragen, ob die Kirche da nicht mehr hätte protestieren müssen? Kardinal Schönborn habe da ganz klare Worte gefunden und das als Missbrauch religiöser Symbole angeprangert. „Das ist bei den Moslems angekommen, aber nicht bei den Medien, für die war das anscheinend nicht so interessant.“ Daher betont er ganz dezidiert: „Der Islam ist bei uns daham! Seit 100 Jahren anerkannt.“ 

Theologie und Schriftauslegung

Dass der Islam auch Christen als Ungläubige bezeichne, streitet Sanac entschieden ab. „Wer an Jesus als Sohn Gottes glaubt, ist deswegen nicht ungläubig.“ Um dann generell festzustellen, dass jegliche theologische Terminologie eine spezielle Ausbildung brauche. Darüber könne man stundenlang diskutieren. Ein Gedanken, den Abt Gregor gerne aufnimmt. Der Islam hätte große Schwierigkeiten mit der Exegese (Auslegung der Schrift). Aber auch für die Kirche war der Schritt in Richtung Exegese ein schmerzlicher Prozess, aus dem sie aber gereinigt hervorgegangen ist. Dies müsse auch dem Islam gelingen.

Auf das Drängen des Organisators, Prof. Raphael Bonelli vom Institut für Religion in Psychiatrie und Psychotherapie, dass die Frage nach der Tötung Ungeborener noch offen sei, antwortet Fuat Sanac dann doch noch, dass Abtreibung im Islam verboten sei.

Kommentar: Unchristliche Proteste im Publikum

Mit einer derart friedlichen, verständnis- und respektvollen Begegnung waren nicht alle im Publikum einverstanden. „Ein abgekartetes Spiel!“, fauchte eine Frau. Offenbar hätte man den Präsidenten zwar einladen, aber nicht reden lassen sollen. „Eine sozialistische Propagandaveranstaltung!“, beschwerte sich jemand aus der anderen Ecke, für den offenbar alles sozialistisch ist, was nicht Andersgläubige von vornherein niedermacht. Als wäre es nicht traurig genug, dass in dieser Frage die Sozialisten den christlichen Standpunkt vertreten, den die ÖVP längst verlassen und die FPÖ nie betreten hat. (In der angesprochenen Frage der Abtreibung sind sie dann wieder tatsächlich „weit weg von jeder vernünftigen Ethik“).

Und immer wieder die Angst vor der Zuwanderung, und dass in Zukunft Muslime die demokratische Mehrheit erlangen könnten und dann die Scharia einführen würden. Aber abgesehen davon, dass die Zuwanderung in Wirklichkeit zurückgeht, müsste jedem aus der Geschichte klar sein, dass eine lineare Extrapolation der Gegenwart in die Zukunft die einzige Entwicklung ist, die man mit Sicherheit ausschließen kann. In der Geschichte gab es noch nie eine lineare Entwicklung. Der Fall der Berliner Mauer und der Arabische Frühling sind da nur jüngere Beispiele für Entwicklungen, an die noch kurz vorher niemand geglaubt hätte.

Viel wahrscheinlicher ist, dass sich auch die Geburtenrate der Muslime der nächsten Generationen an die europäische angleichen wird und dass die Säkularisierung auch vor den europäischen Muslimen nicht Halt machen wird. Damit wären schon zwei der irrationalsten Ängste gegenstandslos. Und was die religiöse Situation Europas betrifft, ist das Problem nicht der Islam, sondern das Christentum. Würden Christen zu ihrem Glauben stehen, bräuchten sie sich nicht vor einem anderen Glauben zu fürchten.

Die wirklich brennende Frage ist vielmehr, wie es möglich ist, dass die christliche Haltung Gregor Henckel-Donnersmarcks – die auch für einen humanistischen Atheismus verständlich oder sogar selbstverständlich ist – auf derart viel Unverständnis bei Menschen führt, die sich als Christen bezeichnen?

Quelle: Muslimisch-Christlicher Dialog, Akademie Birkbrunn, Wien