Theodizee, Holocaust und Verantwortung

Dieser Tage ist Johann Baptist Metz 90 Jahre alt geworden. Abgesehen davon, dass er ein charismatischer Lehrer war, hat er eine der brennendsten Fragen seiner – und unserer -Zeit gestellt: die alte Frage, wie Gott das zulassen kann, oder in der heutigen Form: Wie ist Theologie, wie ist Religion nach Auschwitz überhaupt noch denkbar?

Die bürgerliche Religion, in die sich die meisten Religiösen wieder zurückgezogen haben, während die anderen sich überhaupt abwandten, ist nicht mehr möglich. Der gute Gott, der alles lenkt und beherrscht, ist zur Blasphemie geworden. Das kann man einem Gott nicht (mehr) unterstellen. Die süßliche Religion ist nicht mehr glaubwürdig, sie ist sogar abschreckend und ein wesentlicher Grund dafür, dass sich viele abwenden und Atheisten oder Agnostiker werden.
Ebenso werden die mit Klauen und Zähnen verteidigten konfessionellen Grenzen hinfällig und einfach nur lächerlich. Alle Streitpunkte verblassen, wenn es um das Wesentliche geht. Ökumene kann doch nicht darin bestehen, die Vielfalt zu nivellieren, sondern nur darin, sich endlich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Wie konnte Gott den Holocaust zulassen?

Es ist zuallererst die Frage, wie wir uns „Gott“ vorstellen. Im Alten Testament steht noch: Du sollst dir kein Bild machen! Und doch: Auf dem Weg durch die Wüste (des Lebens) haben die Israeliten (wir) sich ein goldenes Kalb gegossen, das sie anbeteten, weil sie vom Gott des Mose keine Vorstellung hatten und haben konnten. In vielen Kirchen finden wir noch den alten Mann mit weißem Bart. Eigentlich eine Häresie.
Religiöse Schriften – für Christen das Alte und Neue Testament – handeln nicht von Gott, sondern vom Menschen und seiner Beziehung zum Unendlichen. Das oft in gleichnishafter und symbolischer Sprache, die wir heute trotz Tiefenpsychologie nicht mehr verstehen. So lesen wir die Schriften als Schriften über Gott. Damit brauchen wir uns nicht um die menschlichen Tragödien zu kümmern. Es ist eine einzige Projektion. Nicht die Schriften, sondern unsere Lesart. So gesehen ist bürgerliche Religion, ist die übliche Lesart der Bibel verantwortungslos.
In dieser Lesart verdrängen Christen am liebsten das ganze Alte Testament, weil es ja an manchen Stellen so grausam ist. Dabei ist das bloß Realismus. Es war der Mörder Mose, der die Israeliten aus der inneren Abhängigkeit befreien und die innere Wüste in Beziehung zum Unendlichen bringen wollte. Und dann ein symbolisches Bild, das eigentlich Kern des Christentums sein sollte: Die Israeliten werden als Folge ihres Verhaltens reihenweise von Schlangen gebissen und sterben. Doch Mose findet – mit Hilfe des Unendlichen – auch dafür eine Lösung: Er machte eine Schlange aus Kupfer und hängte sie an einer Fahnenstange auf. Jeder, der von einer Schlange gebissen wurde, blieb am Leben, wenn er zu der Schlange aufschaute (Num. 21,4-9).
Die Schlange als Symbol des Bösen ist auch das Symbol des Heils. Die erhöhte Schlange ist auch der erhöhte Heiland. Goethe drückte das im Faust so aus: „Ich bin der Geist, der stets verneint, ein Teil von jener Kraft, der stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Um heil (ganz) zu werden, reicht eine süßliche Religion nicht aus. Das Negative will gesehen und umgewandelt werden. Es abzuspalten – wie es die Kirche getan hat und tut – ist der falsche Weg. Ins Unbewusste verdrängt, wächst seine Kraft und bricht irgendwann hervor. Schlimmer als je zuvor.
Nach der schier unfassbaren Verhöhnung des Humanen durch Auschwitz ist eine Verherrlichung Gottes, der „alles so herrlich regieret“, nicht mehr möglich. J. B. Metz: „Wir Christen kommen niemals mehr hinter Auschwitz zurück; über Auschwitz hinaus aber kommen wir, genau besehen, nicht mehr allein, sondern nur noch mit den Opfern von Auschwitz.“ Wir können von Gott nicht reden, ohne das größte Übel mit hinein zu nehmen – auch wenn das völlig irrational ist. Im Absoluten ist Rationales und Irrationales eins, weil es weder das eine, noch das andere ist, sondern ganz was anderes. Aber darüber können wir nichts sagen.
In der Bildersprache religiöser Schriften: Der Gott des Mose ist unvorstellbar. Selbst in der Beziehung („Offenbarung“) sagt er nichts als „Ich bin“. Alles andere wäre bereits menschliche Vorstellung. Als Wesen der Endlichkeit brauchen wir allerdings unsere goldenen Kälber, müssen allerdings aufpassen, dass wir nicht von den Schlangen gebissen werden, die die Entwicklung des Menschen in Gang gesetzt haben. Teilhard de Chardin würde, wie Sri Aurobindo von Involution und Evolution sprechen.
Die europäische Kulturgeschichte beginnt schon in der Antike mit der Vorstellung vom Sein (Parmenides) und Werden (Heraklit). Diese beiden (statische und dynamische) Weltbilder ziehen sich durch die Geschichte, und das statische Weltbild gewann mit der Naturwissenschaft und dem daraus entstehenden Weltbild der „modernen“ Gesellschaft die Oberhand. Doch sogar die Physik kommt am Ende zu der Ansicht, dass beide Sichten notwendig sind. Teilchen (Statik) und Welle (Dynamik) sind eins (Feld). Wir brauchen die Gegensätze, um die Wirklichkeit komplementär zu beschreiben. Das Aristotelische Entweder-Oder hat nach zweieinhalb Jahrtausenden ausgedient. Sogar die physikalische Welt (die sich als Methode von der geistigen Welt losgesagt hat) ist im Innersten ganz und eins. Es gibt nur das Ganze, es gibt keine Teile, obwohl wir darüber reden müssen.
Schwieriger ist es, wenn es nicht um Sein oder Nicht-Sein geht, sondern um Gut und Böse. Wir müssen annehmen, dass auch dieses Gegensatzpaar komplementär zusammengehört. Dass das Positive nicht denkbar ist ohne das Negative. Das ist genauso unvorstellbar wie Teilchen und Welle als ein Quantenphänomen. Es gibt da nur einen Ausweg: Unser Weltbild ist ein zutiefst statisches, die Dynamik fehlt völlig. In diesem statischen Weltbild ist Komplementarität nicht vorstellbar. Wir müssen also lernen, dynamisch und ganzheitlich zu denken.
Die Quantenphysik ist voll mit völlig verrückten Ideen, die sich dann als richtig erwiesen. Ebenso verrückt erscheint ein Satz von Leibniz: Diese Welt ist die beste aller Welten. Aus der statischen Teilchensicht ist das Unsinn. Aber Leibniz lebte am Beginn der Naturwissenschaft, hat aber das statische Weltbild nicht mitgemacht. Seine Philosophie ist Dynamik. Die Welt ist deshalb die beste aller denkbaren Welten, weil sie entwicklungsfähig ist.
Naturwissenschaft und Religion stehen heute deshalb so unversöhnlich gegenüber, weil auch die Religion ein dynamisches Weltbild vertritt, das vom statischen Weltbild der Gesellschaft nicht mehr verstanden wird. Es geht nicht um Gott oder das Sein, sondern um den Menschen und sein Werden. Vom statischen Denken widerspricht sich die Bibel laufend. Vom dynamischen Denken korrigiert sie sich ständig, weil der Mensch in Evolution ist. Die Bibel ist auch insofern unlogisch (bezogen auf die aristotelische Logik), weil sie die Gegensätze nicht eliminiert, sondern bestehen lässt, weil sie komplementär zusammengehören.
Und wenn eine süßliche Religion nach Auschwitz nicht mehr möglich ist, wenn der Gott, der alles in seiner Güte lenkt und steuert, tot ist (Nietzsche), dann wirft uns das zurück auf das, was Religion wirklich ist: Menschsein als Entwicklung zu sehen, was C.G. Jung als Individuation bezeichnet hat. Diese Entwicklung ist nicht von einem Gott gesteuert, wir sind ja keine Marionetten, sondern sie liegt in unserer eigenen Verantwortung. An Gott zu glauben oder nicht, ist nicht das Entscheidende. Es bleibt dabei ohnehin offen, woran man da glaubt oder nicht glaubt. Es geht einzig und allein darum, die Verantwortung für das eigene Sein und vor allem Werden zu übernehmen.
Um es drastisch zu sagen: Viele, die man als konservative Fundamentalisten bezeichnet, sind diejenigen, die ihr inneres Auschwitz leben. Die glauben, die Wahrheit zu besitzen und alle anderen der Lüge bezichtigen, für die alle anderen Religionen und sogar Konfessionen Teufelswerk sind. Diesen inneren Gesinnungs-Holocaust müssten wir heute überwinden. Verantwortliche Entwicklung schließt das innere und äußere Fremde mit ein.

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Theologie ohne „Gott“

Es gibt lebende und tote Sprachen und auch lebende und tote Sprachspiele. Wenn man heute Diskussionen vor allem von fundamentalistisch Glaubenden und ebenso fundamentalistischen Atheisten verfolgt, kann man sich des Eindruck nicht erwehren, dass beide Seiten keine Ahnung haben, wovon sie reden. Es geht um ein Wort, das längst totgeredet wurde. (Das Wort) Gott ist tot, wie Nietzsche sagte. Die Diskussion entzündet sich an einem unverstandenen, längst toten Wort.

Wie kann man heute noch über Gott reden, ohne das Wort „Gott“ zu verwenden, das vielen nichts mehr bedeutet. „Das Absolute“, der „Gott“ der Philosophen, ist zu abstrakt und genauso alt, „das Ganze“ wäre eine heutige Vorstellung, hängt aber zu sehr an den Teilen. Wie also noch von Gott reden?

Völlig übersehen wird dabei, dass einer schon längst eine ganz andere Sprache gesprochen hat: Jesus von Nazareth vor 2000 Jahren. Er hat das Wort kaum verwendet, hat meist vom „Vater“ gesprochen, ein Wort, das im Aramäischen auch „Ursprung“ heißt, also eine völlig andere Konnotation hatte, als wir ihm heute mit dem anthropomorphen „Vater“ unterstellen.

Im Alten Testament ist „Elohim“ ein Plural, und „JHVH“ ein nicht auszusprechende „Begriff“. Im brennenden Dornbusch gibt sich Gott zu „erkennen“ als der „Ich bin da“. Alles Beschreibungen und Zuschreibungen, die im heutigen Wort „Gott“ längst verloren gegangen sind.

Nur wir Heutigen tun so, als wäre mit dem Begriff „Gott“ alles klar. Wir haben eine konkrete, anthropomorphe Vorstellung, ein Bild, das wir uns schon laut AT gar nicht machen sollten. Wir pressen Gott in eine menschliche Vorstellung, was im AT mit dem Bild vom Goldenen Kalb bezeichnet wird.

Wie also noch von Gott reden?

Jesus hat von sich meist als „Menschensohn“ gesprochen und zeigt damit, wie Menschsein geht. Das vor allem war seine Mission. Aber auch „Ich und der Vater (auch Ursprung) sind eins.“ Und in Joh. 17 wird beides, auch für den Menschen, verbunden: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein…“ Man kann nicht von Gott reden, ohne vom Menschen zu reden, und umgekehrt. Die Frage ist nur, wie?

Wenn aber Jesus sagt, „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, dann ist das bereits eine andere Sprache, eine die ohne den (abgenudelten) Begriff „Gott“ auskommt. Einerseits spiegelt dieses Wort die Trinität von Weg (Sohn), Wahrheit (Vater) und Leben (Geist), ohne in das heutige Subjekt-Objekt-Denken abzusinken, andererseits umgeht diese Beschreibung ein konkretes statisches Bild und löst das Ganze in eine Dynamik auf. Leider ist dieser Satz noch nicht im Volk angekommen. Fundamentalisten klammern sich an eine „Wahrheit“, in deren Besitz sie sich wähnen, weil sie die Bibel haben und lesen können. Genau deshalb trifft auf sie das „Der Buchstabe tötet…“ zu. Anderen einen unverstandenen Begriff um die Ohren zu hauen, bringt beiden nichts. Vor allem, wenn der Weg und das Leben außen vor bleiben, ohne die aber die Wahrheit nicht zu „haben“ ist.

Spiritualität ist ein Weg, das heißt es gibt eine Orientierung, aber es ist sinnlos, voreilig von einem Ziel (Wahrheit) zu reden. Und Spiritualität ist ein Weg im Leben, dem nichts Menschliches fremd ist. Eine Theologie, die am Leben in all seinen Facetten vorbei geht, ist keine Theologie. Jesus hat sich nicht mit den Pharisäern (die die „Wahrheit“ verwaltet haben) zu Tisch gesetzt, sondern mit den Zöllnern (die „Sünder“, aber lebendig waren).

Eine lebendige Spiritualität braucht nicht unbedingt einen Begriff (Gott), sie braucht vielmehr einen Weg (inklusive der Demut, noch kein Ziel erreicht zu haben) im Leben (mit allen Facetten, Tiefen und Abgründen). Dieser lebendige Weg führt in die Tiefen der Seele, weshalb eine Religion ohne Psychologie zahnlos ist, und jedes Reden von Gott leeres Gerede.

Erst in dieser inneren Tiefe sind Weg und Ziel eins in der Wahrheit. Und für diese braucht es keine Begriffe.

Weihnacht

DSCN4482„Wäre Jesus hundertmal in Bethlehem geboren, es wäre vergeblich gewesen, wenn er nicht in uns geboren wird.“ So formulierte es Angelus Silesius sinngemäß. Für die Religion, oder besser Spiritualität, ist ein historisches Ereignis wichtig, aber sekundär. Religion/Spiritualität betrifft das Innenleben, das biblische Geschehen muss sich in uns ereignen, wenn es „wahr“ werden soll.

Wir halten so viel auf Evolution und Fortschritt, und übersehen dabei, dass Fortschritt auf einem Gebiet auch zugleich Rückschritt auf einem anderen sein kann. Messen wir Fortschritt an Rationalität, dann gibt es zweifellos einen nahezu kontinuierlichen Fortschritt. Nehmen wir Spiritualität, dann ist es nicht so sicher, und nehmen wir das Emotionale, das Innenleben und das Symbolverständnis, dann müssen wir eher von einem Rückschritt ausgehen.

„Religionen sind nicht notwendig religiös“, sagt David Steindl-Rast. Religiöser Fundamentalismus – das wörtlich Nehmen religiöser Texte – geht weit am Religiösen vorbei. In dieser Zielverfehlung treffen einander der religiöse Fundamentallismus und die atheistische Religions- und Kirchenkritik.

Lassen wir die Kirche als Institution einmal weg, sie ist nur zerbrechliches Gefäß für Inhalte, die kaum mehr sichtbar sind. Sie ist Bewahrerin der äußeren Form, in der jeder Einzelne den Inhalt, den inneren Sinn für sich entnehmen kann. So wird auch Weihnachten gefeiert wie eh und je, wenn nicht jeder Einzelne etwas daraus macht bleibt es leere Hülse, die bloß der Vermarktung dienlich ist.

Zu Weihnachten in die Christmette oder das Hochamt am 25. Dezember zu gehen, tun viele, die sonst nie eine Kirche betreten. Was könnte es bedeuten?

Das Gotteshaus (beth lechem = Haus Gottes) ist als Haus eigentlich Symbol des Menschen. Das Wohnen umfasst die Wohnräume im Erdgeschoß (= Bewusstsein), den Schlafraum (= Ruhe und Intimität), die Küche (= alles Nährende und Energetische) usw., das Dachgeschoß (= das Rationale), den Keller (= das Unbewusste, Vergangene). Das wäre die Struktur des in der Welt Wohnens.

Natürlich sieht jedes Haus individuell anders aus. Es kann eine Hütte oder eine Villa sein, eine Kathedrale oder ein Stall. Weihnachten bedeutet, dass das unnennbare Geheimnis selbst noch in einem Stall geboren werden kann. Der göttliche Funke, das Göttliche Kind, macht keinen Unterschied, das Licht wird gerade oft erst in der tiefsten Dunkelheit geboren. Der Tag beginnt um Mitternacht, heißt es.

Hier im Stall ist das Göttliche Kind umgeben von Ochs und Esel, von den tierischen Trieben. Das bedeutet, dass das Unterste und das Oberste zusammengehört. Für die Menschen in den bürgerlichen Häusern und in den Villen ist das unverständlich und anrüchig. Eher verstehen das die Hirten auf den Feldern, das Gesindel, das wild in der Natur und unter den Tieren sein Leben fristet. Die brauchen sich nur dem Höheren zu öffnen, das Niedrige, Tierische bringen sie schon mit. Die „Normalbevölkerung“ in den Häusern und Villen sieht es als „vernünftig“ an, das Niedrige und das Höhere zu meiden. So bekommen sie von diesem innersten Ereignis auch nichts mit.

Wer es noch mitbekommen hat, sogar schon im voraus, das sind die Weisen aus dem Osten – von den Einheimischen herablassend als Heiden bezeichnet. Manchmal haben die „Ungläubigen“ den äußerlich Gläubigen etwas voraus. Sie sind Weise, Könige, Astrologen, Esoteriker – jedenfalls Andersartige, Fremde. Kann ja gar nicht sein, dass ausgerechnet diese die Bedeutung der Stunde, dieses bedeutsamen Jetzt – und es ist immer jetzt – erkennen.

Dass die Machthaber diesen Einbruch des Geistigen eliminieren wollen, braucht nicht extra erklärt zu werden.

Um aber diese Geschichte religiös fruchtbar zu machen, muss sich das alles in uns ereignen, nicht vor 2000 Jahren, sondern im stets sich ereignenden Jetzt. Selbst wenn unser Leben ein Stall ist, eine verfallende Hütte oder eine abgeschlossene Höhle, das innere Licht ist nicht-lokal, es erscheint, wo es nicht abgewiesen wird von den Wirten der Konsumgesellschaft. Dem Göttlichen Kind ist es gleich gültig, es macht keinen Unterschied zwischen Villa, Schloss, Hütte oder Stall. Den Unterschied machen nur wir selbst.

Wer sich aber dem Geheimnis öffnet, der lässt Dynamik zu, lässt sich und seine innere Wohnung umgestalten. Religionen sind nicht gegen Evolution, ganz im Gegenteil, sie sind für die innere Evolution, durch welche die äußere – ganz im Sinne Teilhard de Chardins, auch wenn er nicht einmal von der Kirche verstanden wurde – weitergeführt wird.

Es ist eigentlich absurd, dass diejenigen, die im Namen der Evolution den Atheismus missionieren, jegliche innere Evolution negieren. Warum diskutieren wir aufgeregt darüber, ob es eine Evolution gibt oder nicht? Warum diskutieren wir nicht besser darüber, ob und wie es eine weiterführende Entwicklung gibt?

Subtil betrachtet ist es ein Schritt bewusster Entwicklung, in die Kirche zu gehen. Wer sich meditativ damit beschäftigt hat, wie sein eigenes Haus, das Symbol seines Selbst, aussieht, ob es Stall ist, Hütte oder Villa, wie geräumig es ist, ob er/sie Dachboden und Keller kennt, ob er vielleicht nur einen Raum bewohnt oder das ganze Haus, usw., der wird im Bild der Kathedrale das Ziel seiner persönlichen Evolution sehen.

Was die Messe bedeutet, ist ein eigenes – nicht konfessionelles, sondern symbolträchtiges – Thema, aber es heißt auch „der Messe beiwohnen“, sich das Bild des sakralen Hauses, das dem Geistigen geweiht ist, einzuprägen. Es ginge darum, dieses zu verinnerlichen, an diesem Symbol zu wachsen und das eigene Haus – sei es Stall, Hütte, Haus oder Villa – in dieses Bild hineinwachsen zu lassen. Früher hatte man auch zuhause im Hausaltar oder in den Villen und Schlössern in der Hauskapelle dieses Bild vor Augen, an dem es innerlich zu wachsen gilt. Einfach deswegen, weil der Mensch ein mehrdimensionales Wesen ist. Damit reicht er, mit allen Zwischenstufen, vom Körperlichen bis zum Spirituellen. Diesen inneren Raum sollte man weder unten noch oben beschneiden.

Ein anderes Symbol ist er Baum, ebenfalls ein Symbol des Menschen. Der Lichterbaum wäre das Symbol des entwickelten Menschen mit seinen strahlenden Lichtzentren. Unnötig darüber zu diskutieren, ob er ein übernommenes heidnisches Symbol ist. Symbole sind in allen Kulturen die gleichen, auch wenn die Erscheinungsformen andere sind.

Psychologie und Religion

Die allermeisten Diskussionen von und mit Religiösen und Atheisten kranken an einem Missverstehen dessen, was der Mensch ist, und zwar von beiden Seiten. Da religiöse Schriften in einer dem heutigen Denken fremden Sprache geschrieben sind, ist eine Diskussion der Texte sinnlos. Den Schlüssel zu diesen Texten hätten wir zwar seit etwa hundert Jahren in der Tiefenpsychologie, doch die wird seit ebenfalls hundert Jahren verdrängt und verleugnet.

Psychotherapeut wird man nur, wenn man auch eine Selbstanalyse durchgemacht hat. Nur so weiß er/sie um sich und den Menschen in der Welt. Auch Religion beruht auf (Selbst)Erfahrung. Wer nur (an Dogmen der Kirchen) glaubt, steht auf derselben Stufe wie derjenige, der nichts glaubt. Daher hat eine Diskussion zwischen diesen beiden nichts mit Religion zu tun. Ein unreflektiertes Überschwemmtwerden mit Bildern geht genauso am Menschsein vorbei wie eine Überrationalisierung.

Worum geht es?

Wir finden uns heute als fragmentiertes Ich in einer fragmentierten Welt. Soweit die pathologische Grundsituation. Trotzdem sind wir (unbewusst) verbunden und angewiesen auf etwas, das dieses Ich übersteigt, auf eine größere Ganzheit, die C.G. Jung als „Selbst“ bezeichnet hat, und die als unser Eigenes ein Nicht-Ich ist. Diese „das Ich überragende und umfassende Ganzheit“ (Erich Neumann) ist in sich Beziehung, eine Ich-Selbst-Beziehung, die eine ständige unbewusste Spannung darstellt. Diese Beziehung ist, weil  zum Teil unbewusst, arational und paradox.

Der Mensch steht aber immer in Beziehung zu diesem ihm Unbekannten und Übergreifenden. In religiöser Sprache ist der Mensch Endliches, bezogen auf Unendliches. In psychologischer Sprache ist der Archetypus des Selbst nicht von den Gottesbildern zu unterscheiden. Der Archetypus ist schlichtweg unbewusst, und Gott ist das schlichtweg Unnennbare.

Ein weiteres Paradox ist die unbewusste (und irrationale) Grundlage des Menschen einerseits und di notwendige (rationale) Bewusstwerdung andererseits. Im Mythos lebten die Menschen in ihrer Ganzheit, aber dunkel und unbewusst. Heute leben wir in unserem rationalen Ich-Bewusstsein, aber als Fragmente, abgeschnitten von der umfassenden Ganzheit. Beides ist einseitig und vorläufig. Was wir brauchen wäre klare rationale Bewusstheit, aber bezogen auf unsere paradoxe, irrationale Ganzheit der Ich-Selbst-Beziehung.

Die „moderne“ Persönlichkeit ist immer bedroht zu einer Maske zu erstarren (persona = die Maske im griechischen Theater).  Lebendig macht nur die Beziehung zum Unsichtbaren, Unnennbaren, Ganzen – so wie der nicht sichtbare Schauspieler hinter der Maske die Figur lebendig macht. Die heutige Verleugnung dessen, was das Ich in der Persönlichkeit übersteigt und worauf das Ich bezogen bleibt, führt zur Fragmentierung und Erstarrung des Menschen. Der „moderne“ Mensch lebt nur einen fragmentarischen Ausschnitt seiner menschlichen Ganzheit. Dieses verengte Dasein führt zur Isolation und Vereinsamung, Angst (das Wort kommt von Enge) und Depression (in der das verleugnete Umfassende unbewusst erdrückend wird).

In der Außenwelt versuchen wir verzweifelt, auch die Welt zu fragmentieren, suchen in den Naturwissenschaften nach den „kleinsten Bausteinen der Welt“, und stellen fest, dass es so etwas gar nicht gibt, sondern sich in der Mikrowelt hinter den Hilfsvorstellungen von Teilchen und Welle wieder etwas nicht vorstellbares Ganzes verbirgt.

In der Gesellschaft führt diese fragmentierende Ich-Isolierung zur Entwurzelung und Unsicherheit, die anfällig macht für Manipulation und Massenphänomene, wie wir derzeit nur allzu deutlich erleben.

Die Therapie unserer Zeit wäre die Öffnung des fragmentierten und isolierten Ich hin zu einer das Ich übergreifenden und umfassenden Grundlage in einer paradoxen (weil bewusst-unbewussten) Ich-Selbst-Beziehung. Ein schwieriges Unterfangen, schon wegen unserer natürlichen Angst vor dem Irrationalen und Numinosen. Denn wie jede wesentliche Entwicklung Gegensätzliches enthält und braucht, so steht hinter der notwendigen Entwicklung zur Bewusstwerdung gleichzeitig die Angst vor dem unkontrollierbaren Übergreifenden. Bevor der Mensch seine Doppelnatur nicht akzeptiert (Endliches, bezogen auf Unendliches) ist die Angst größer als die zu erreichende Geborgenheit.

Es braucht die Rückverbindung (religio) des fragmentierten Ich in die eigene ich-überlegene Tiefe. Dazu sind einige Stufen notwendig: Das Aufgeben der erstarrten Persona, die Bewusstwerdung des Schattens, der eigenen verdrängten Negativ-Anteile der Psyche, was immer auch zu ethischen Dilemmata, zur Erfahrung von Konflikt und Leiden führt. „Das Annehmen dessen, was vom Kollektiv als böse angesehen wird, kann zu den Notwendigkeiten der Befreiung des Schöpferischen gehören, wie jede Revolution lehrt, die politische wie die religiöse, die ja immer mit dem verbrecherischen Zerbrechen alter Werte verbunden ist.“ (Erich Neumann).

Dazu kommt die Auseinandersetzung mit dem gegengeschlechtlichen Anteil im Menschen (Anima/Animus), entweder mit einem Partner oder innerpsychisch. Ziel dieses Individuationsprozesses ist die verlorengegangene Ich-Selbst-Einheit, „die Übereinstimmung des Menschen mit seiner echten Persönlichkeitsganzheit“ (Neumann). Psychologisch gesehen sind die Symbole des Selbst von den Gottesbildern oder -vorstellungen nicht zu unterscheiden.

Auch in den Religionen geht es vor allem um den Menschen und seine Entwicklung. Aber hier überschreiten wir die Grenze zur Theologie. Aber auch hier bleibt das Paradoxe erhalten. Im tiefsten Seelengrund finden wir das, was wir gewöhnlich Gott nennen (Ignatius v. Loyola), aber: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht!“ (Dietrich Bonhoeffer). Das Aramäische konnte diese Paradoxie noch ausdrücken: Das Wort für „Vater“ (als menschliche Vorstellung) war identisch mit dem Wort für „Ursprung“, dem Urgrund allen Seins.

 

Christ sein. Was ist das?

Wer auf Facebook Diskussionen zwischen Atheisten und Religiösen verfolgt, der weiß, dass diese Frage mehr als dringlich ist. Atheisten kritisieren „Religioten“ und haben nicht die geringste Ahnung von Religion – und die Religiösen meist genauso wenig.

Das Buch von Matthias Beck mit dem Titel „Christ sein. Was ist das?“ beginnt politisch, bei der aktuellen Flüchtlingsproblematik, die Europa vor die Aufgabe stellt, sich seiner Wurzeln bewusst zu werden, zu denen nicht nur das Christentum gehört, das aber doch fundamental ist. Bei denen, die am lautesten nach der Verteidigung der europäischen Kultur schreien, wird aber am deutlichsten, dass sie über eben diese Kultur nichts wissen und ihre eigene Religion gar nicht kennen. Da ist eine intellektuelle und spirituelle Nachrüstung notwendig.

Im Buch geht es um die innere Befreiung des Menschen, um persönliche Selbstwerdung, um Freiheit und Menschenwürde, um innere und äußere Befreiung von Unterdrückung, um Reifung durch Lebenskrisen hindurch, um das Finden des Lebenspartners und der eigenen Berufung. Um all das geht es im Christentum, und nicht nur um das Gottesbild und die Schöpfung, um Normen und Gesetze. Beck verschweigt aber auch nicht, dass die Kirche nicht immer ihre eigenen Werte verwirklicht hat, und daher Inspirationen von außen für die Fortentwicklung des Christentums von großer Bedeutung waren – bis hin zur Aufklärung und der Französischen Revolution, deren Ideale aber auch christliche Wurzeln haben, auch wenn sich die Kirche zunächst dagegen gestemmt hat.

Im Horizont des Absoluten

Und dann die Frage: Braucht der Mensch Religion? Mit leerem Geplänkel ist die Frage leider nicht zu beantworten. Der Mensch steht immer schon im Raum des Absoluten, meinte Hegel. Und von der anderen Seite: „Der Mensch übersteigt unendlich den Menschen“, so Blaise Pascal. Der Horizont des Seins und die Gebrochenheit des Endlichen, dazwischen ist der Mensch ausgespannt. Die Bezogenheit auf das Absolute und das Streben nach dem ganz anderen gehören zum Menschsein dazu, auch wenn das Verdrängen modern ist.  Das ist auch nicht trockene Philosophie: „Alle Lust will Ewigkeit“, heißt es in Nietzsches Zarathustra. Und die Sehnsucht nach dem Mehr steckt im Sport, im Wirtschaftswachstum, im Gesundheitswahn in verdeckter Form. Diese Sehnsucht und Suche nicht zu leben hieße die Ganzheit des Menschseins verfehlen. Dieses Absolute kann a-personal oder Du-haft sein. Die Gottesbilder und Vorstellungen sind verschieden. Allerdings, so Beck, gibt es diesen Gott nicht so, wie es Menschen und Dinge „gibt“. Gott ist immer auch der ganz Andere, von dem sich der Mensch kein Bild machen soll. „Einen Gott, den ‚es gibt‘, gibt es nicht“, formulierte Dietrich Bonhoeffer.

Zur Ethik kommen wir, wenn wir sehen, dass sich der Mensch ständig entscheiden muss, und dass er dafür Kriterien braucht. Der Mensch ist sogar zur Freiheit verdammt, formuliert Jean-Paul Sartre. Und dass ein kleiner Gedankenfehler am Anfang zu einer Katastrophe am Ende führen kann,  wusste schon Thomas von Aquin, ohne noch die Chaostheorie zu kennen. Mit Gerechtigkeit allein ist es aber nicht getan, das Christentum ist keine Gesetzesreligion. Religiös formuliert: Es braucht immer beides: Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Und allgemeingültige Regeln dürfen nicht individuelle Entscheidungen verhindern, die sich scheinbar darüber hinwegsetzen.

Endliches und Unendliches

Man sollte nicht übersehen (und auch auf die heutige Zeit anwenden), dass das Christentum am Beginn seiner Zeit voraus war. In einer Zeit, in der die Sklaverei normal war und Frauen nichts zählten, sagte Paulus: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ‚einer‘ in Christus Jesus.“ Es geht auch immer um sehr Konkretes. Der Ursprung zeigt sich in der Natur (Vater), im Menschen (Sohn) und in uns selbst (Geist). In sich, und auch im Leben des Menschen, ist das ein Beziehungsgeschehen. Der Ursprung und Urgrund des Seins ist Dialog, ist Beziehung, ist Liebe.

Jesus, der Göttliches und Menschliches vollkommen verbindet, zeigt wie Menschsein geht. Auch in jedem Menschen ist Göttliches und Menschliches, Absolutes und Endliches, wenn auch nicht in dieser Vollkommenheit, sondern unvollkommen und fragmentarisch. Diese Zerrissenheit zwischen „oben“ und „unten“ hat Jesus Christus überwunden. In der Nachfolge ist das Christentum eine heilende Religion. Der Mensch soll wieder zu seinem Ursprung und damit zu sich selbst zurückgeführt werden. Christliche Spiritualität führt in dieses Eigene und Innere, in dem der göttliche Geist dem Menschen innerlicher ist, als er sich selbst sein kann (Augustinus). Der Mensch soll in sich hineinhören und Ordnung in das innere Stimmengewirr bringen. Dazu braucht es die Unterscheidung der Geister (Ignatius von Loyola). In der Seele treffen Relatives und Absolutes, Fremdes und Eigenes, Menschliches und Göttliches aufeinander. Ignatius hat mit seinen Exerzitien vieles der heutigen Psychologie vorweggenommen.

Aus der Fremdbestimmung zur Selbstbestimmung

Durch die Begegnung mit dem Du Gottes wird der Mensch immer mehr er selbst. Ein christlich geprägter Lebensweg soll den Menschen aus der Fremdbestimmung (durch Eltern, Schule, Arbeit, Kirche) zur Selbstbestimmung, aus Heteronomie zur Autonomie führen. Dabei geht es um die Befreiung aus verschiedenen Abhängigkeiten hin zur Befreiung zum eigenen Wesen. Inmitten einer Welt der Unfreiheit verkündet Paulus: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“

Dabei sind die Sakramente Stationen auf diesem Lebensweg der Befreiung. In der Taufe z.B. wird der Mensch ins Wasser (früher noch komplett) untergetaucht. Dabei steht das Wasser „für den Durchgang durch das Unbewusste und Verdrängte im Menschen …  Das Verdrängte, Dunkle und die Schattenseiten der Seele sollten aus dem Unbewussten ins Bewusstsein kommen, damit sie ihre zerstörerische Kraft verlieren“. Daher heißt es auch „..hinabgestiegen in das Reich des Todes“, wobei „Tod“ nicht nur den physischen Tod meint, sondern das innerseelisch Tote und Unerlöste. Der Mensch hat, so Matthias Beck, sogar die ethische Verpflichtung, an diesen innerseelischen Prozessen zu arbeiten. Eine Nicht-Aufarbeitung würde ihm selbst, seiner Umgebung und seinen Nachkommen schaden. Dabei ist das, was in der Taufe einmaliges Ereignis ist, ein lebenslanges Unterfangen.

Enkulturation und Integration

So ist Glauben letztendlich ein existenzielles Geschehen; nicht ein Für-wahr-Halten von Glaubenssätzen und Dogmen, sondern das Sich-Einlassen und Vertrauen auf den personalen Grund allen Seins. Im Aramäischen ist das Wort für „Vater“ auch das Wort für „Ursprung“.

Das Buch schließt – und damit wird es ebenso politisch wie ökumenisch – mit der Integrationsfähigkeit des Christentums. Entstanden aus dem Judentum, sich verbindend mit der griechischen Philosophie und dem Römischen Reich, später auch das Keltisch-Germanische integrierend, diese Fähigkeit zur Enkulturation hat das Christentum zu dem gemacht, was es ist. Es kann Orientierung bieten in einer Welt der Polarität und Pluralität, wenn es nicht einem religiösen „System“, sondern dem Menschen dient.

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Matthias Beck

Christ sein. Was ist das?

Glauben auf den Punkt gebracht.

 Verlag Styria premium, 2016

160 Seiten, Hardcover mit SU

ISBN: 978-3-222-13542-2

EUR 19.90

Hat Denken etwas mit der Wirklichkeit zu tun?

Unsere Logik funktioniert so, dass wir das, worum es eigentlich geht, nicht erkennen. Und das ist zunächst auch gut so, denn nur das garantiert die Offenheit, die durch diese Logik sonst verloren ginge.

dsc_0007In der Physik geht es um die Materie, in der Biologie um das Leben, in der Psychologie um die Seele, in der Philosophie um Weisheit, in der Theologie um Gott – und keine dieser Disziplinen kann erklären, worum es ihnen geht. Oberbegriffe sind nicht erklärbar. Die Physik kann nicht sagen, was Materie ist, sie verwendet nicht einmal diesen Begriff, sondern spricht von Masse, und das nur vorsichtig. Kein Biologe kann sagen, was Leben ist, usw.

Besonders schwierig hat es die Medizin. Sie behauptet krampfhaft, Naturwissenschaft zu sein, obwohl es um den Menschen geht, der in der Naturwissenschaft nicht vorkommt. Ärzte haben Menschen vor sich, beschäftigen sich aber nur mit deren Krankheit, nicht mit dem (gesunden) Menschen. Im Rahmen einer Ringvorlesung an der Uni Graz habe ich 1997 zum Thema „Hat Medizin etwas mit Gesundheit zu tun?“ gesprochen. Das Thema Gesundheit war damals etwas völlig Neues in der Medizin, die sich immer um Krankheit drehte. Allzu viel hat sich seither auch nicht geändert. Der Begriff „Prävention“ ist seither etabliert, hat aber immer noch nicht so viel mit Gesundheit zu tun, sondern bloß mit der „Verhinderung“ von Krankheit. Gesundheit würde sich um den Lebensstil und um den ganzen Menschen drehen, und da sind wiederum die Ärzte machtlos, denn da will niemand was ändern.

Hat Religion etwas mit Gott zu tun?, könnte man auch fragen. Wir sind gewohnt, Religion mit dem Glauben an Gott zu verwechseln. Doch sind die Menschen, die an Gott glauben und sich im Besitz der Wahrheit wähnen, wirklich religiös? Sehr oft nicht! Religion hat nicht (in erster Linie) mit Gott zu tun, sondern mit dem Menschen. Das Alte Testament ist voll von Mord und Totschlag, Hinterlist, Verleumdung und Lüge. Das der Religion oder gar Gott vorzuhalten, ist genauso dumm wie es blind zu ignorieren. Es geht ja um den Menschen, und da gibt es nichts schönzureden, der ist so, wie er ist. Das ist auch die theologische Aussage im Lebenslauf Jesu. Obwohl da nur die männliche Linie zählt – erst recht damals – kommen auch vier Frauen vor, Mörderinnen und Huren. Und bei den Männern fällt es nur deswegen nicht auf, weil deren Schattenseiten längst verdrängt wurden.

König David war ein mörderischer Kriegsherr. „Saul hat Tausend erschlagen, David aber Zehntausend.“ Und auch privat ging es um Mord und Ehebruch. Verheiratet war er mit mehreren Frauen. In religiöser Erinnerung ist David aber bloß als Verfasser vieler Psalmen und „das Haus Davids“, aus dem Jesus stammte, Davids andere Seite wird verdrängt. „David lebte vor dir [Gott] in Treue, Gerechtigkeit und mit aufrichtigem Herzen.“ Dass hier vom archetypischen Konflikt und Zwiespalt des Menschen die Rede ist, wie es in der Psychoanalyse wieder angesprochen wird, fällt kaum auf. In der Bibel steckt aber mehr Psychologie als in der modernen Psychologie bisher aufgearbeitet werden konnte.

Und wer Christus sieht, sieht Gott – allerdings ist Jesus auch Mensch als endliche Gestalt des Unendlichen, und selbst die Apostel haben ihn nicht erkannt, außer in Sternstunden, die ihnen „nicht Fleisch und Blut eingegeben hat“. Jesus hat gezeigt, wie Menschsein geht, und Religion hieße, ihm nachzufolgen. Wer glaubt, im Besitz der Wahrheit zu sein, nur weil er in die christliche Kultur hineingeboren ist, der ist bestenfalls ein Pharisäer, aber noch lange kein Christ.

Ähnlich verhält es sich mit der Physik, was für unser (pseudo-)naturwissenschaftliches Weltbild besser zu verstehen sein müsste – hätten wir nicht das letzte Jahrhundert verschlafen. Naturwissenschaften und speziell die Physik sind die methodische Beschränkung auf Materie in Raum und Zeit. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war die große Zeit der Physiker, die allesamt auch Philosophen waren: Max Planck, Albert Einstein, Niels Bohr, Werner Heisenberg, Wolfgang Pauli, Erwin Schrödinger, um nur einige zu nennen, die an der Quantenmechanik mitgearbeitet haben. In der nächsten Generation ist die Kluft zwischen Mathematik und Deutung wieder aufgebrochen. Hat Physik etwas mit Materie zu tun? Hans-Peter Dürr sagt es sehr drastisch: „Ich habe mich mein ganzes Forscherleben darum bemüht herauszubekommen, was Materie ist. Die Antwort ist ganz einfach: Es gibt sie nicht!“ Womit er nicht meint, dass alles Illusion ist, sondern dass unsere Vorstellung von Materie ein Produkt unseres Denkens ist, aber nicht der Wirklichkeit. Und dass die Materie im Innersten nichts mit unserer Vorstellung von Materie zu tun hat.

Die Entwicklung der Quantentheorie und der daraus folgenden neuen oder erweiterten Logik ist, genauso wie die Psychologie und Psychotherapie, nicht in ein allgemeines Weltbild eingegangen, das um 1900 steckengeblieben ist. So werden Historiker späterer Zeiten unsere Epoche nicht hochtrabend als Wissenszeitalter, Postmoderne oder gar als aufgeklärtes Zeitalter beschreiben, sondern als diejenige Zeit, die mit der Gegenwart nicht zurechtgekommen ist. Sie werden verständnislos das herrschende Weltbild beschreiben, das auf das naturwissenschaftlich Beschreibbare eingeengt wurde, bei gleichzeitiger Verleugnung eben dieser Naturwissenschaft.

 

Wenn Atheisten und Religiöse zum Psychologen gehen…

religionDie Krux unserer Zeit ist nicht der Säkularismus, sondern das Verleugnen oder Verdrängen der Psyche, ein psychologischer Analphabetismus, der zur religiösen Unmusikalität führen muss.

Es ist immer wieder hochinteressant, wenn z.B. auf Facebook gläubige Christen mit gläubigen Atheisten diskutieren. Meist sind dann die Fundamentalisten unter sich, das Niveau ist zwar ähnlich, kommt aber an das Thema, das man diskutieren will, gar nicht heran. „Natürlich gibt es Gott, er hat ja die Welt geschaffen.“ „Das ist ein Märchen aus alten Zeiten, man kann Gott nicht beweisen, also gibt es ihn auch nicht.“ Damit wäre das Thema auch schon vollständig umrissen, das da Stoff für endlose Streitgespräche liefert. Eigentlich könnte man es damit auch vergessen, denn das Niveau ist meist unter jeder Kritik, und mit Religion hat das ohnehin nichts zu tun.

  1. Religion lässt sich nicht auf die Frage reduzieren, ob es Gott gibt oder nicht, noch weniger darauf, ob man ihn beweisen kann oder nicht. „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht!“, sagte schon Dietrich Bonhoeffer. Er wäre ja sonst ein Ding unter anderen, und damit wäre er wirklich zu beweisen. Und könnte man ihn beweisen, dann gäbe es ihn nicht! Da es nun nicht mal die Welt (als Ganzes) „gibt“ (Markus Gabriel), „gibt“ es auch Gott in dem Sinne nicht. Und Gott sei Dank kann man ihn nicht beweisen, denn dann wäre das ganze Reden von Gott unsinnig.

In religiöser Sprache heißt das „Du sollst dir kein Bild machen!“ Das heißt, jede Vorstellung von Gott ist irgendwie schon falsch. In atheistischer Sprache heißt das: Das Ganze kommt in der Welt nicht vor, es wäre aber unsinnig, es zu leugnen. Ob man es nun das Ganze, das Absolute oder Gott nennt, ist da nebensächlich.

Und das „Man kann ihn nicht beweisen, also gibt es ihn nicht“ ist so ein Stammtischsatz im pseudowissenschaftlichen Gewand. Beweisen kann man nur Sätze der Mathematik, sonst ist nichts in der Welt beweisbar, nicht mal die Naturgesetze. Die sind verlässlich, aber nicht beweisbar (Herbert Pietschmann). Wenn also Atheisten sich naturwissenschaftlich geben wollen, dann dürften sie das Wort „Beweis“ in dem Zusammenhang gar nicht in den Mund nehmen.

  1. Wer nur Naturwissenschaft als „Realität“ anerkennt, verdrängt die Wirklichkeit. „Real“ ist die dingliche, objektive Welt. Wirklich ist alles das, was wirkt. Wer sich hier ausschließlich an die Physik klammert, hat nicht begriffen, dass eben die Quantenphysik gezeigt hat, dass es eine bloß „objektive Realität“ gar nicht gibt. Die (physikalische) Welt ist immer so, wie wir hinschauen.

Natürlich wird den Religiösen immer die Aufklärung um die Ohren gehauen. Das ist aber eher ein Schuss, der nach hinten losgeht. Erstens ist das ein völlig naives Argument, denn es gibt nichts in der Welt, das nur positiv oder nur negativ wäre.  So hat auch die Aufklärung zum Segen der Menschheit mit vielem Unsinn aufgeräumt, aber andererseits das Weltbild auf Schrebergartenniveau reduziert. Es zählt nur mehr das Objektive, Gegenständliche, Reale! Und was ist mit all dem anderen? Ludwig Wittgenstein brachte es auf den Punkt: „Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ (Tractatus 6.52)

Wer sich nur an die Naturwissenschaft hält, die sich mit Materie in Raum und Zeit befasst (ohne sagen zu können, was Materie ist; und sie tut das auch nicht), hat damit alles Menschliche ausgeschlossen! Die Frage „Was ist der Mensch?“ versucht nämlich das gesamte Fächerspektrum – von der Physik über die Biologie und Psychologie, bis zur Philosophie und Theologie – gemeinsam zu beantworten. Am allerwenigsten aber die Naturwissenschaft, und die am allerwenigsten, wenn man die Quantenphysik außen vor lässt.

  1. Wir sind nicht vom mythologischen ins Zeitalter der Aufklärung gekommen (die steht uns eigentlich noch bevor!), sondern vom Zeitalter der Mythologie ins Zeitalter der Verdrängung. Unser Weltbild ist ungefähr um 1900 steckengeblieben. Dann kamen zwei Großereignisse, nämlich die Quantenmechanik und die Tiefenpsychologie. Aber erstere ist so unverständlich, dass sie nie in eine allgemeines Weltbild eingegangen wäre, und zu letzterer sagte Erwin Ringel: „Wir leben so, als ob das Unbewusste nie entdeckt worden wäre.“ Über weite Strecken ist das heute noch so.

Wir leben daher nicht nur in einem säkularen Zeitalter, das die Religion verdrängt hat, sondern auch in einem pseudo-naturwissenschaftlichen Zeitalter, das die Psychologie verdrängt. Das Peinliche daran: Die Psyche ist ja nicht etwas, das wir haben, sondern das wir SIND. Wir verdrängen damit unser Menschsein (siehe Wittgenstein). Wir glauben damit an „Tatsachen“, nicht daran, dass alle Tatsachen interpretiert werden (müssen). Selbst die Quantentheorie ist zwar die meist „bewiesene“ Theorie der Physik, sie muss aber interpretiert werden, und über die Deutung der Quantentheorie sind sich die Physiker auch nach 100 Jahren noch nicht einig. Außerdem: „Auch die Wissenschaft spricht nur in Gleichnissen“ (Hans-Peter Dürr). Wer auf Fakten insistiert, verdrängt, dass es bloße Fakten nicht gibt.

  1. Die Inkompatibilität der (fundamentalistischen) Atheisten und Religiösen liegt daran, dass das „Bindeglied“ fehlt oder von beiden Seiten verdrängt wird, nämlich die Psychologie. Beide lesen die Bibel, als wären das „Fakten“ (die es, wohl gemerkt, nicht mal in der Physik gibt). Mit anderen Worten: Beide Seiten lesen die Bibel wörtlich. Dazu sagt die Bibel selbst: „Der Buchstabe tötet, nur der Geist macht lebendig!“ Es geht nicht um Begriffe (die Begriffssprache ist eine neuzeitliche Erfindung), damals gab es nur eine Bilder- bzw. Symbolsprache. Während Begriffe ganz klar die (dingliche) Oberfläche von Phänomenen ausdrücken, sprechen Symbole diffus von der Ganzheit eines Phänomens auf allen Ebenen. Diese Symbole können daher historisch, psychologisch, philosophisch oder theologisch ausgelegt werden, und sie werden auf allen Ebenen stimmig sein. Und die Frage „Wie war es wirklich?“ ist eine neuzeitliche Frage, die sich vorher nie gestellt hat. Diese Frage ist eine Präzisierung, aber auch Einengung.

Wer wirklich religiös ist, liest die Bibel als seine eigene Geschichte. Er ist der Lahme, der nicht weiterkommt, der Blinde, der nicht sehen kann, der Taube, der nicht hört, er lässt sich heilen und ist in allen Episoden selbst involviert. Die Bibel ist ihm Geschichte des Menschseins mit allen Gräueln, die es auch auszeichnen. Das ist nicht „brutal“, sondern realistisch. Und es gibt in der Bibel eine menschliche Evolution, lange bevor Darwin diesen Begriff geprägt hat. Vom Ausrotten des ganzen Stammes, wenn einer daraus einen Mord beging, über das „maßvollere“ Aug um Auge bis zum „Liebe deinen Nächsten und sogar deine Feinde“. Religion wäre ohne Evolution und Entwicklung völliger Unsinn.

  1. Abgesehen davon, wie religiöse Texte zu lesen sind, nämlich in der Bilder- und Symbolsprache, in der sie damals geschrieben wurden, gibt es noch etwas anderes, das zu differenzieren wäre: Es geht gar nicht vordergründig um die Frage, ob es Gott gibt oder nicht gibt, sondern darum, dass wir sozusagen Psyche SIND und das Göttliche unbestreitbar psychische Wirklichkeit ist. In diesem Sinne kann man gar nicht leugnen, dass es Gott (als psychische Wirklichkeit) gibt.

„Der Gottesbegriff ist nämlich eine schlechthin notwendige psychologische Funktion irrationaler Natur, die mit der Frage nach der Existenz Gottes überhaupt nichts zu tun hat. Denn diese letztere Frage kann der menschliche Intellekt niemals beantworten; noch weniger kann es irgendeinen Gottesbeweis geben. Überdies ist ein solcher auch überflüssig; denn die Idee eines übermächtigen, göttlichen Wesens ist überall vorhanden, wenn nicht bewusst, so doch unbewusst, denn sie ist ein Archetypus. Irgendetwas in unserer Seele ist von superiorer Gewalt … Ich halte es darum für weiser, die Idee Gottes bewusst anzuerkennen; denn sonst wird einfach irgendetwas anderes zum Gott, in der Regel etwas sehr Unzulängliches und Dummes, was ein ‚aufgeklärtes‘ Bewusstsein so etwa aushecken mag.“ (C.G. Jung, „Über die Psychologie des Unbewussten“)

Damit ist auch klar, was der Schatten der Aufklärung oder eines pseudo-naturwissenschaftlichen Weltbildes ist: Der Mensch ist nicht nur bewusste Rationalität, sondern auch und viel mehr irrationales Unbewusstes. Wer nur auf dem Rationalen insistiert, verdrängt das Irrationale, das ins Unbewusste sinkt, und dort wirkt, bis es an irgendeiner Stelle wieder aufbricht.

  1. Damit sind wir bei der Ambivalenz, der Zwiespältigkeit oder Gebrochenheit des menschlichen Seins. Leben heißt immer Gegensatz. (Politische) Utopien sind einseitige „Vergöttlichungen“ von Idealen, inklusive Verdrängen des (dämonischen) Gegenpols. Der lässt sich verdrängen, aber nicht auf lange Sicht. Einseitige Weltbilder haben sich daher immer als gefährlich erwiesen.

„So schön und vollkommen der Mensch seine Vernunft finden darf, so gewiss darf er auch sein, dass sie immerhin nur eine der möglichen geistigen Funktionen ist und sich nur mit einer ihr entsprechenden Seite der Weltphänomene deckt. Auf allen Seiten aber liegt drum herum das Irrationale, das mit Vernunft nicht Übereinstimmende. Und dieses Irrationale ist ebenfalls eine psychologische Funktion, eben das kollektive Unbewusste, während die Vernunft wesentlich an das Bewusstsein gebunden ist.“ (C.G. Jung, ebda.)

Keine Aufklärung kann verhindern – nur verdrängen – dass das Irrationale auch im Menschen ist. Und da es über den individuellen Menschen hinausgeht, ist es schon deshalb nicht in den Griff zu bekommen. Dabei darf man auch die regulierende Funktion der Gegensätze nicht vergessen, die schon Heraklit erwähnt hat, der sagte, dass alles einmal in sein Gegenteil hineinlaufe. „So läuft die rationale Kultureinstellung notwendigerweise in ihr Gegenteil, nämlich in die irrationale Kulturverwüstung.“ Jung hat diesen Satz während des Ersten Weltkriegs geschrieben. 1925 ergänzte er in einer Fußnote: „Ich habe ihn in seiner ursprünglichen Form stehen lassen; denn er enthält eine Wahrheit, die sich noch mehr als einmal im Verlauf der Geschichte bestätigen wird.“ 1942 fügte er noch hinzu: „Wie die gegenwärtigen Ereignisse zeigen, hat die Bestätigung nicht allzu lange auf sich warten lassen. Wer will eigentlich diese blinde Zerstörung? …. Aber alle helfen dem Dämon mit letzter Hingabe. O sancta simplicitas!“

Es kann gefährlich sein, sich nur mit der Vernunft zu identifizieren, der Mensch ist nicht bloß vernünftig und wird es niemals sein, betont Jung. „Das Irrationale soll und kann nicht ausgerottet werden. Die Götter können und dürfen nicht sterben.“ Eher können und müssen wir es integrieren und auch noch unterscheiden zwischen individueller und kollektiver Psyche. Was wir heute nur an der Religion (vermittelt durch die Psychologie, ohne die Religion nicht zu verstehen ist) lernen können, ist das Auseinandergerissensein in die Gegensatzpaare, das schon Heraklit angesprochen hat. Wer das Göttliche (in seiner Psyche) verdrängt, läuft Gefahr, dass es als Dämon irgendwo wieder zutage tritt. Genau das passierte in der Aufklärung: Die einseitige Vergöttlichung von Idealvorstellungen rief den Gegensatz auf den Plan, und die Aufklärung klang aus in den Grausamkeiten der Französischen Revolution. Was von den Aufklärungsgläubigen wiederum verdrängt werden muss.

Ebenso ergeht es aber den Religiösen: Wenn sie sich an einen einseitig verklärten „Wahrheitsbesitz“ halten, dann wird der eigene Schatten immer mächtiger. Das äußert sich in Ausgrenzung und Verteufelung: die anderen sind alle Lügner, wurden oft tatsächlich ausgerottet (Albigenser, Inquisition – obwohl das das Weltliche mindestens ebenso am Werk war), in einer „Moral“, die über Leichen geht. Die Islamophobie geht heute wieder genau in diese Richtung.

  1. Fundamentalistische Atheisten verleugnen durch ihre Vergöttlichung der Ratio alles Menschliche, das auf innerer Gegensätzlichkeit, Konflikt und Entzweiung (mit sich selbst) beruht. Ihre Welt ist immer nur die halbe Welt.

Fundamentalistische Religiöse richten ihren „verklärten“ Blick auf Gott, während ihr eigener verdrängter Schatten sie unbarmherzig, kalt und empathielos macht.

Beide verkrallen sich in die Frage, ob es Gott gibt oder nicht gibt, und vergessen dabei, dass Religion in ihrem Wesen vielmehr die Frage nach dem Menschsein ist.

Diese endlosen Diskussionen belegen nur einen religiösen Analphabetismus auf beiden Seiten.