Rilkes Dialog mit Buddha

Rainer Maria Rilke hat drei Buddha-Gedichte geschrieben – und Karl-Josef Kuschel ein Buch dazu veröffentlichet, das jetzt in einer Neuauflage erschienen ist. Das Besondere an diesem Dialog ist, dass Rilke den Buddhismus gar nicht kannte, sondern im Dialog mit einer Buddha-Statue seinen eigenen Weg, seine eigene Spiritualität verdichtete.

Im vorliegenden Buch geht es nicht nur um die drei Gedichte, sondern um einen Dialog, den Rilke mit dem Prinzip Buddha führte, der in diesen Gedichten kulminierte. Dahinter steht ein Lebensweg Rilkes, weg von der bigotten katholischen Frömmigkeit seiner Mutter, weg von einer Gott vereinnahmenden Religiosität, aber auch weg vom Trubel der Großstädte, insbesondere Paris. Dazu Begegnungen mit Künstlern, insbesondere Auguste Rodin, in dessen Garten er einer Buddha-Statue begegnet und einen Dialog beginnt.

Das alles vor dem Hintergrund einer Zeit, die sich mit dem Buddhismus zu beschäftigen beginnt: Artur Schopenhauer, der seinen Pessimismus in den Buddhismus hineinprojiziert, und Friedrich Nietzsche, der den Buddhismus als Nihilismus fehlinterpretiert, Karl Eugen Neumann, der Übersetzer und Brückenbauer, der „Die innere Verwandtschaft buddhistischer und christlicher Lehren“, nämlich Meister Eckhart, beschrieb. Schriftsteller wie Hugo von Hofmannsthal, Stefan Zweig und insbesondere Hermann Hesse beschäftigten sich mit dem Thema.

Und Rilke? Er schrieb seine Buddha-Gedichte noch bevor er mit der Lehre des Buddha in Berührung kam, die ihn auch gar nicht interessierte. Zwar schickte ihm seine Frau „Die Reden des Buddha“, doch Rilke warf nur einen Blick hinein und hielt sich zurück. Da hatte er die drei Gedichte schon geschrieben. Daher bedankte er sich in seinem Brief: „Ich weiß, was ich empfing.“

Eine gewisse Rolle spielten auch die Weltausstellungen in Chicago 1893 und Paris 1900. Chicago stand im Zeichen der Brüderlichkeit der Religionen in Form eines „Parlaments der Religionen der Welt“. Paris dagegen im Zeichen der Technikverherrlichung und des Prahlens der europäischen Kolonialmächte. Im Holländisch-Indischen Pavillon wurden in einem „Tempel“ Buddha-Statuen aus dem Borobodur gezeigt, von denen offenbar sechs ihren Weg zu Auguste Rodin fanden. Es gibt Bilder von fünf Statuen in der Halle, in der Rodin arbeitete, und einen im Garten, direkt vor dem Fenster des Häuschens, in dem Rilke damals wohnte.

Um diese Buddha-Statue kreisen die Gedanken und Empfindungen Rilkes, die zu seinen Gedichten führten. Zunächst war es der Kontrast zur schrillen Großstadt Paris, die Rilke mehr als unangenehm war. Zum anderen war es ein Kontrast zur Religiosität seiner und früherer Zeiten, die Gott gebrauchen und domestizieren, beschrieben im Gedicht „Gott im Mittelalter“:

„und sie hängten schließlich wie Gewichte (zu verhindern seine Himmelfahrt)“

Rilke hat die „Religiosität“ seiner Mutter längst hinter sich gelassen, kritisiert auch nicht wie Nietzsche die Religionen, sondern den üblichen Umgang mit „Gott“. So geht es ihm auch nicht darum, Buddhist zu werden – wie gesagt, kennt er die Lehre gar nicht und ist auch nicht daran interessiert – ihm geht es nur darum, was diese Buddha-Statue ausstrahlt und was sie in ihm auslöst. Nicht Buddhist, sondern Buddha zu werden, ist das Ziel. Die Schweigsamkeit ist es, die Rilke anspricht, nicht weil der Buddha „nichts zu sagen hätte, sondern weil er Menschen auf ihren eigenen Weg schickt“, so Kuschel. Der Buddha ist für Rilke das Ideal menschlicher Vollkommenheit, die ins Kosmische reicht, „Zentrum der Welt“, „Mitte aller Mitten“.

Rilke hat in diesem Buddha sein Ideal von Religiosität gefunden, nicht um Verehrung Gottes geht es, sondern um ein Mensch-Werden. Rilke hat seinen eigenen Weg gefunden, dazu brauchte er keine Lehre mehr. Er braucht nicht Buddhist zu werden – und ist eben damit buddhistischer als alles “Buddhistische“ seiner – und erst recht der heutigen – Zeit.

Ein wirklich lesenswertes Buch, nicht nur über die drei Buddha-Gedichte, sondern auch der Verortung im Leben Rilkes und im Kontext seiner Zeit. Darüber hinaus erfährt man vieles über die Begegnungen Rilkes mit anderen Künstlern und Schriftstellern, mit Frauen (Künstlerinnen und Mäzeninnen), und seine eigene Einstellung als Künstler, die sich wesentlich auch in der Begegnung mit Auguste Rodin geformt hat. Und letztlich ist es ein Buch über die Spiritualität Rilkes.

Karl-Josef Kuschel

Als ob er horchte

Rainer Maria Rilkes Dialog mit Buddha

Patmos Verlag 2020, Hardcover mit Schutzumschlag, 208 Seiten, SW-Fotografien

ISBN 978-3-8436-1252-4

EUR 22,00 (D) / EUR 22,70 (A)

Theologie ohne „Gott“

Es gibt lebende und tote Sprachen und auch lebende und tote Sprachspiele. Wenn man heute Diskussionen vor allem von fundamentalistisch Glaubenden und ebenso fundamentalistischen Atheisten verfolgt, kann man sich des Eindruck nicht erwehren, dass beide Seiten keine Ahnung haben, wovon sie reden. Es geht um ein Wort, das längst totgeredet wurde. (Das Wort) Gott ist tot, wie Nietzsche sagte. Die Diskussion entzündet sich an einem unverstandenen, längst toten Wort.

Wie kann man heute noch über Gott reden, ohne das Wort „Gott“ zu verwenden, das vielen nichts mehr bedeutet. „Das Absolute“, der „Gott“ der Philosophen, ist zu abstrakt und genauso alt, „das Ganze“ wäre eine heutige Vorstellung, hängt aber zu sehr an den Teilen. Wie also noch von Gott reden?

Völlig übersehen wird dabei, dass einer schon längst eine ganz andere Sprache gesprochen hat: Jesus von Nazareth vor 2000 Jahren. Er hat das Wort kaum verwendet, hat meist vom „Vater“ gesprochen, ein Wort, das im Aramäischen auch „Ursprung“ heißt, also eine völlig andere Konnotation hatte, als wir ihm heute mit dem anthropomorphen „Vater“ unterstellen.

Im Alten Testament ist „Elohim“ ein Plural, und „JHVH“ ein nicht auszusprechende „Begriff“. Im brennenden Dornbusch gibt sich Gott zu „erkennen“ als der „Ich bin da“. Alles Beschreibungen und Zuschreibungen, die im heutigen Wort „Gott“ längst verloren gegangen sind.

Nur wir Heutigen tun so, als wäre mit dem Begriff „Gott“ alles klar. Wir haben eine konkrete, anthropomorphe Vorstellung, ein Bild, das wir uns schon laut AT gar nicht machen sollten. Wir pressen Gott in eine menschliche Vorstellung, was im AT mit dem Bild vom Goldenen Kalb bezeichnet wird.

Wie also noch von Gott reden?

Jesus hat von sich meist als „Menschensohn“ gesprochen und zeigt damit, wie Menschsein geht. Das vor allem war seine Mission. Aber auch „Ich und der Vater (auch Ursprung) sind eins.“ Und in Joh. 17 wird beides, auch für den Menschen, verbunden: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein…“ Man kann nicht von Gott reden, ohne vom Menschen zu reden, und umgekehrt. Die Frage ist nur, wie?

Wenn aber Jesus sagt, „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, dann ist das bereits eine andere Sprache, eine die ohne den (abgenudelten) Begriff „Gott“ auskommt. Einerseits spiegelt dieses Wort die Trinität von Weg (Sohn), Wahrheit (Vater) und Leben (Geist), ohne in das heutige Subjekt-Objekt-Denken abzusinken, andererseits umgeht diese Beschreibung ein konkretes statisches Bild und löst das Ganze in eine Dynamik auf. Leider ist dieser Satz noch nicht im Volk angekommen. Fundamentalisten klammern sich an eine „Wahrheit“, in deren Besitz sie sich wähnen, weil sie die Bibel haben und lesen können. Genau deshalb trifft auf sie das „Der Buchstabe tötet…“ zu. Anderen einen unverstandenen Begriff um die Ohren zu hauen, bringt beiden nichts. Vor allem, wenn der Weg und das Leben außen vor bleiben, ohne die aber die Wahrheit nicht zu „haben“ ist.

Spiritualität ist ein Weg, das heißt es gibt eine Orientierung, aber es ist sinnlos, voreilig von einem Ziel (Wahrheit) zu reden. Und Spiritualität ist ein Weg im Leben, dem nichts Menschliches fremd ist. Eine Theologie, die am Leben in all seinen Facetten vorbei geht, ist keine Theologie. Jesus hat sich nicht mit den Pharisäern (die die „Wahrheit“ verwaltet haben) zu Tisch gesetzt, sondern mit den Zöllnern (die „Sünder“, aber lebendig waren).

Eine lebendige Spiritualität braucht nicht unbedingt einen Begriff (Gott), sie braucht vielmehr einen Weg (inklusive der Demut, noch kein Ziel erreicht zu haben) im Leben (mit allen Facetten, Tiefen und Abgründen). Dieser lebendige Weg führt in die Tiefen der Seele, weshalb eine Religion ohne Psychologie zahnlos ist, und jedes Reden von Gott leeres Gerede.

Erst in dieser inneren Tiefe sind Weg und Ziel eins in der Wahrheit. Und für diese braucht es keine Begriffe.

Weihnacht

DSCN4482„Wäre Jesus hundertmal in Bethlehem geboren, es wäre vergeblich gewesen, wenn er nicht in uns geboren wird.“ So formulierte es Angelus Silesius sinngemäß. Für die Religion, oder besser Spiritualität, ist ein historisches Ereignis wichtig, aber sekundär. Religion/Spiritualität betrifft das Innenleben, das biblische Geschehen muss sich in uns ereignen, wenn es „wahr“ werden soll.

Wir halten so viel auf Evolution und Fortschritt, und übersehen dabei, dass Fortschritt auf einem Gebiet auch zugleich Rückschritt auf einem anderen sein kann. Messen wir Fortschritt an Rationalität, dann gibt es zweifellos einen nahezu kontinuierlichen Fortschritt. Nehmen wir Spiritualität, dann ist es nicht so sicher, und nehmen wir das Emotionale, das Innenleben und das Symbolverständnis, dann müssen wir eher von einem Rückschritt ausgehen.

„Religionen sind nicht notwendig religiös“, sagt David Steindl-Rast. Religiöser Fundamentalismus – das wörtlich Nehmen religiöser Texte – geht weit am Religiösen vorbei. In dieser Zielverfehlung treffen einander der religiöse Fundamentallismus und die atheistische Religions- und Kirchenkritik.

Lassen wir die Kirche als Institution einmal weg, sie ist nur zerbrechliches Gefäß für Inhalte, die kaum mehr sichtbar sind. Sie ist Bewahrerin der äußeren Form, in der jeder Einzelne den Inhalt, den inneren Sinn für sich entnehmen kann. So wird auch Weihnachten gefeiert wie eh und je, wenn nicht jeder Einzelne etwas daraus macht bleibt es leere Hülse, die bloß der Vermarktung dienlich ist.

Zu Weihnachten in die Christmette oder das Hochamt am 25. Dezember zu gehen, tun viele, die sonst nie eine Kirche betreten. Was könnte es bedeuten?

Das Gotteshaus (beth lechem = Haus Gottes) ist als Haus eigentlich Symbol des Menschen. Das Wohnen umfasst die Wohnräume im Erdgeschoß (= Bewusstsein), den Schlafraum (= Ruhe und Intimität), die Küche (= alles Nährende und Energetische) usw., das Dachgeschoß (= das Rationale), den Keller (= das Unbewusste, Vergangene). Das wäre die Struktur des in der Welt Wohnens.

Natürlich sieht jedes Haus individuell anders aus. Es kann eine Hütte oder eine Villa sein, eine Kathedrale oder ein Stall. Weihnachten bedeutet, dass das unnennbare Geheimnis selbst noch in einem Stall geboren werden kann. Der göttliche Funke, das Göttliche Kind, macht keinen Unterschied, das Licht wird gerade oft erst in der tiefsten Dunkelheit geboren. Der Tag beginnt um Mitternacht, heißt es.

Hier im Stall ist das Göttliche Kind umgeben von Ochs und Esel, von den tierischen Trieben. Das bedeutet, dass das Unterste und das Oberste zusammengehört. Für die Menschen in den bürgerlichen Häusern und in den Villen ist das unverständlich und anrüchig. Eher verstehen das die Hirten auf den Feldern, das Gesindel, das wild in der Natur und unter den Tieren sein Leben fristet. Die brauchen sich nur dem Höheren zu öffnen, das Niedrige, Tierische bringen sie schon mit. Die „Normalbevölkerung“ in den Häusern und Villen sieht es als „vernünftig“ an, das Niedrige und das Höhere zu meiden. So bekommen sie von diesem innersten Ereignis auch nichts mit.

Wer es noch mitbekommen hat, sogar schon im voraus, das sind die Weisen aus dem Osten – von den Einheimischen herablassend als Heiden bezeichnet. Manchmal haben die „Ungläubigen“ den äußerlich Gläubigen etwas voraus. Sie sind Weise, Könige, Astrologen, Esoteriker – jedenfalls Andersartige, Fremde. Kann ja gar nicht sein, dass ausgerechnet diese die Bedeutung der Stunde, dieses bedeutsamen Jetzt – und es ist immer jetzt – erkennen.

Dass die Machthaber diesen Einbruch des Geistigen eliminieren wollen, braucht nicht extra erklärt zu werden.

Um aber diese Geschichte religiös fruchtbar zu machen, muss sich das alles in uns ereignen, nicht vor 2000 Jahren, sondern im stets sich ereignenden Jetzt. Selbst wenn unser Leben ein Stall ist, eine verfallende Hütte oder eine abgeschlossene Höhle, das innere Licht ist nicht-lokal, es erscheint, wo es nicht abgewiesen wird von den Wirten der Konsumgesellschaft. Dem Göttlichen Kind ist es gleich gültig, es macht keinen Unterschied zwischen Villa, Schloss, Hütte oder Stall. Den Unterschied machen nur wir selbst.

Wer sich aber dem Geheimnis öffnet, der lässt Dynamik zu, lässt sich und seine innere Wohnung umgestalten. Religionen sind nicht gegen Evolution, ganz im Gegenteil, sie sind für die innere Evolution, durch welche die äußere – ganz im Sinne Teilhard de Chardins, auch wenn er nicht einmal von der Kirche verstanden wurde – weitergeführt wird.

Es ist eigentlich absurd, dass diejenigen, die im Namen der Evolution den Atheismus missionieren, jegliche innere Evolution negieren. Warum diskutieren wir aufgeregt darüber, ob es eine Evolution gibt oder nicht? Warum diskutieren wir nicht besser darüber, ob und wie es eine weiterführende Entwicklung gibt?

Subtil betrachtet ist es ein Schritt bewusster Entwicklung, in die Kirche zu gehen. Wer sich meditativ damit beschäftigt hat, wie sein eigenes Haus, das Symbol seines Selbst, aussieht, ob es Stall ist, Hütte oder Villa, wie geräumig es ist, ob er/sie Dachboden und Keller kennt, ob er vielleicht nur einen Raum bewohnt oder das ganze Haus, usw., der wird im Bild der Kathedrale das Ziel seiner persönlichen Evolution sehen.

Was die Messe bedeutet, ist ein eigenes – nicht konfessionelles, sondern symbolträchtiges – Thema, aber es heißt auch „der Messe beiwohnen“, sich das Bild des sakralen Hauses, das dem Geistigen geweiht ist, einzuprägen. Es ginge darum, dieses zu verinnerlichen, an diesem Symbol zu wachsen und das eigene Haus – sei es Stall, Hütte, Haus oder Villa – in dieses Bild hineinwachsen zu lassen. Früher hatte man auch zuhause im Hausaltar oder in den Villen und Schlössern in der Hauskapelle dieses Bild vor Augen, an dem es innerlich zu wachsen gilt. Einfach deswegen, weil der Mensch ein mehrdimensionales Wesen ist. Damit reicht er, mit allen Zwischenstufen, vom Körperlichen bis zum Spirituellen. Diesen inneren Raum sollte man weder unten noch oben beschneiden.

Ein anderes Symbol ist er Baum, ebenfalls ein Symbol des Menschen. Der Lichterbaum wäre das Symbol des entwickelten Menschen mit seinen strahlenden Lichtzentren. Unnötig darüber zu diskutieren, ob er ein übernommenes heidnisches Symbol ist. Symbole sind in allen Kulturen die gleichen, auch wenn die Erscheinungsformen andere sind.

Dem Sterbenden begegnen

 

csm_DemSterbendenBegegnenklein-20_8b32fe726dDem Tabuthema Sterben und Tod widmete sich ein Symposium „Dem Sterben begegnen. Herausforderungen an Medizin und Pflege“, veranstaltet vom Institut für medizinische Anthropologie und Bioethik, IMABE Wien. Schon lange vorher ausgebucht, kamen zwei Drittel der Zuhörer aus dem Pflegebereich, ein Drittel aus der Ärzteschaft. Eine Frage bildete den roten Faden: Wie kann man den Tod, der aus der Gesellschaft hinausgedrängt wurde, wieder in die Gemeinschaft zurückholen?

Es gibt einen graviereImabe Symposiumnden Wandel in der Einstellung zum Sterben und zum Tod. Darüber referierte Univ.-Prof. Dr. Franz Kolland, Institut für Soziologie, Universität Wien. Bis etwa 1900 war es ein Leben mit dem Tod, der sich in einer sorgenden Gemeinschaft vor dem Hintergrund der Religion abspielte. Danach ging die Orientierung von Religion und Priestern immer mehr auf den Arzt über. Heute ist es auch nicht mehr der Arzt, sondern der Sterbende selber, der selbstbestimmt aus dem Leben gehen soll.

Das ist der Individualisierung geschuldet, auf die das System mit personzentrierter Pflege antworten muss. Wie alles hat auch das seine Schattenseiten, nämlich den Verlust der Zugehörigkeit, die früher Orientierung und Geborgenheit geben konnte. Das fällt heute weg. Die Über-Individualisierung geht Hand in Hand mit einer zunehmenden Vereinsamung. Früher starb man im Kreis der Familie, heute wird das Sterben an Institutionen ausgelagert. Die sorgende Gemeinschaft, in der man früher gelebt hat und auch gestorben ist, muss heute durch eine professionelle pflegende „Gemeinschaft“ ersetzt werden.

Allerdings stand und steht dem die „Gerontophobie“ (©Nikolaus Schneemann) der Ärzte entgegen, die sich rechtzeitig aus dem Staub machen (Johannes Bonelli), wenn der Sterbeprozess einsetzt. Der Sterbende wird irgendwohin abgeschoben, wo sein Sterben weitgehend unsichtbar bleibt. Dazu gehört auch eine Dämonisierung des Alters, das durch ein „positives Denken“ aus dem Horizont der Gesellschaft gedrängt wird. Der Tod kommt in der Gesellschaft nicht mehr vor.

Menschen sind leiblich, damit verletzlich, und daher füreinander verantwortlich – so fasst Prof. Dr. Martin W. Schnell, Philosoph, Direktor des Instituts für Ethik und Imabe SymposiumKommunikation im Gesundheitswesen, Univ. Witten/Herdecke, die menschliche Situation zusammen. Medizin und Pflege sind am Lebensende eines Patienten mit einer Asymmetrie konfrontiert, nämlich jener von Weiterleben vs. Sterben, der Diversität zwischen dem überlebenden Begleiter des Patienten und dem sterbenden Patienten selbst. Kommunikation braucht eine gemeinsame Bedeutungswelt, die am Lebensende zunehmend schwindet. Diese Asymmetrie stellt eine große Herausforderung für Palliative Care dar. „Man kann sich in den Sterbenden gar nicht hineinversetzen. Das muss man akzeptieren. Das heißt aber nicht, dass man ihn nicht gut begleiten kann“, betont Schnell. Er plädiert für eine möglichst frühe Auseinandersetzung mit Tod und Sterben in der Ausbildung.

Für Ärzte ist nicht der Tod das Thema, sondern das Sterben. Der Arzt kann mit Patienten umgehen, nicht mit Menschen, so Schnell: „Ärzte können Patienten helfen, nicht Menschen.“ Es hängt daher alles daran, sich mit dem eigenen Tod zu beschäftigen, oder sich dem zumindest anzunähern. In der dritten Person stirbt „ jemand“, das macht nicht betroffen. In der zweiten Person ist es ein bestimmter, nahestehender Mensch, in der ersten Person bin ich es selber, meine eigene Endlichkeit.

Interessant in diesem Zusammenhang sind zwei Projekte des Philosophen: „30 junge Menschen sprechen mit Sterbenden und Angehörigen“ und „30 Gedanken zum Tod“ sowie ein Lehrfilm des Interdisziplinären Zentrums für Palliativmedizin am Universitätsklinikum Düsseldorf: „Ich sehe dich“.

Als Onkologe ist das Sterben für Univ.-Prof. Dr. Günther A. Gastl, Universitätsklinik für Innere Medizin V, Innsbruck, etwas „Alltägliches“. Auch für ihn geht es dabei um Existenzielles. „In der modernen Medizin wird das Sterben als Endpunkt von akuten oder chronisch verlaufenden Krankheitsprozessen pathologisiert“, so Gastl. Doch der Tod sei weder ein medizinischer oder pflegerischer Gegenstand, sondern ein menschlicher. Vor allem gibt es Dinge, die sich am Lebensende nicht mehr lohnen, von denen man absehen sollte.

Dafür kommt etwas hinzu, das man die spirituelle Dimension nennen könnte. Mit dem Verschwinden der mittelalterlichen Ars moriendi, der Marginalisierung und Pathologisierung des Sterbens und der Verdrängung des Todes aus der Gesellschaft, ist auch die Spiritualität verschwunden. Dieses Vakuum erfordert die Entwicklung einer zeitgemäßen Ars moriendi. Die Betonung der Individualität steht dem gar nicht so sehr entgegen, auch Spiritualität ist individuell: „In seiner Spiritualität trinkt jeder aus seiner eigenen Quelle.“ (Bernhard von Clairvaux). Professionalität am Lebensende geht gerade nicht von starren Richtlinien aus, sondern muss auf das Individuelle jedes Menschen eingehen.

Imabe SymposiumDer Soziologe und „Querkopf“ Univ.-Prof. DDr. Reimer Gronemeyer, Uni Gießen, wies darauf hin, dass alles seine Schattenseiten hat, auch die Palliativmedizin. In den USA sterben 80 Prozent der Menschen in Hospizeinrichtungen – die alle börsennotiert sind. „Die Ars moriendi wird zu einem industrialisierten Projekt.“ Er sieht auch einen Wandel in der Hospizbewegung: „Aus der weiblich getragenen Hospizbewegung ist ein zutiefst männliches Projekt geworden“, mit der typischen Überregulierung und Professionalisierung.

Gronemeyer wetterte auch gegen die Patientenverfügung, bei der jemand vorgibt zu wissen, wie er zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden wird. Der Soziologe bringt es auf die Formel: „Wenn ich dement bin, will ich keine künstliche Ernährung – selbst wenn ich es als Dementer will.“

Imabe SymposiumAuch Hilde Kössler, MMSc, Koordinatorin des Mobilen Palliativteams Baden und Zweite Vizepräsidentin der Österreichischen Palliativgesellschaft, wies darauf hin, dass heute so manches aus der Sicht der noch Lebenden gesehen wird, und nicht aus der Sicht der Betroffenen. So wird landauf, landab bedauert, dass heute überwiegend in Institutionen gestorben wird und nicht zuhause, wie es dem Wunsch der meisten entsprechen würde. Bei Befragungen steht aber dieser Wunsch gar nicht an erster Stelle, sondern viel weiter unten. Viel wichtiger ist es, die Schmerzen in den Griff zu bekommen. Solange das zuhause geht, ist das ok, im Ernstfall fühlen sich die Menschen dann doch in einer Institution sicherer. Dazu kommt auch das nicht zur Last fallen Wollen, das in dieser Frage kaum reflektiert wird. Beim „guten Sterben“ geht es jedenfalls nicht in erster Linie um den Ort, sondern um das Wie.

Es klang wie eine Zusammenfassung des Symposiums, wenn Hilde Kössler forderte: „Das Sterben muss wieder in die Gesellschaft hinein!“

Fotos: © IMABE/Florian Feuchtner