Obertöne

warten innehalten
getragen ertragen
an manchen Tagen
niedergeschlagen
am Boden bodenlos
bewusstlos loslassen
leer
vorbei einerlei
doch nicht noch nicht nicht doch
was bleibt bleibt was
fließend ergießend
bebend erhebend
gebend wieder belebend
tief im Kern heimatlich fern
nächst liegend allzu weit
Ewigkeit
Bitterkeit
fern blick nahe geht
Nähe bleibt
Gegenwart Zukunft los
Öffnung ohne Hoffnung
verhalten gehalten
verhangen verlangen
entgangen vergangen
gegen Vernunft unter kunft
vor allem über allem
gefunden erkunden
erkoren verloren
einzig einig allein
kein unmöglich möglichst
tief vertraut
verstanden eingestanden
innerlich inniglich
stark ins Mark
erschüttert verschüttet
bitter süß
gedacht erwacht
Träume öffnen Räume
Wärme überbrückt Ferne
Regung ohne Begegnung
gefühlt verkühlt
umarmt verarmt
ungenormt in Ton geformt
Melodie wie noch nie
ohne Begleitung
stimmig doch einstimmig
versinkt verklingt und endet
– nie!

Alles und nichts

Habe nun – hach 😉
Philosophie und Magie
den Ernst des Yoga
der Chassidim Humor
noch immer im Ohr
den Tanz der Indianer und der Derwische
Übungen für langes Leben
in Augenblicke geschmolzen und vergeben
mit Pho-wa das Sterben vorweggenommen
Zeit und Ewigkeit in eins vernommen
weites Land und höchste Höhen
in Tibet wie in mir

wieder und wieder versucht
Sphärenklänge am Boden zu verankern
Wellen brechen in jeder Bucht
Himmel und Hölle in Einklang zu bringen
Rausch des Weines und der Meditation
Gegensätze zu bezwingen
in ein Gespann sie beizubringen
Einheit mit Gewalt und leisem Flehen
in konkretes Leben hineinzusehen
hart am Boden aufgeschlagen
doch auch wenn’s wär komplett vermessen
nie den Himmel ganz vergessen

Ringen mit deinem Bild
lachen, lieben, weinen, singen
mit Sehnen, Wünschen, Träumen ringen
Felsen gerührt
zum Ideal erkürt
bleibst davon unberührt
verloren schon eh noch gewonnen
noch keine Form und schon zerronnen
vergeblicher Versuch zu einen
sinnlos jetzt dir nachzuweinen

liebestrunken
im Nebel versunken
vom Winde verweht
das Sehnen gerinnt
der Schmerz vergeht

alles musst‘ sein
sonst wär‘s nicht mein
alles musst gehen
und im Gehen verwehn
in Himmel und Hölle hinein

und am Ende bleibt nichts
und Platz für alles

Ein Leben ohne Träume

Man stelle sich vor: ein Leben ohne Träume. Nur Fakten, nur Realität, nur Dinge, die der Fall sind. Keine Träume, keine Fantasien, keine Wünsche, kein Ahnen, keine Liebe… Ja auch keine Liebe, denn Liebe ist immer Wirklichkeit gewordener Traum. Nicht dass man diesen Partner geträumt hätte, der platzt meist unangemeldet in die Geschichte, aber ohne zu Träumen könnte er das wahrscheinlich nicht.

Aber auch das alltägliche Leben würde wohl nicht funktionieren. Gut, dass Kinder mehr träumen als sonst was, ist klar. Aber wird ihnen das nicht rechtzeitig ausgetrieben? Nur scheinbar. In der Pubertät werden aus den Träumen Fantasie-Tsunamis, manches tritt ins Leben, wird banal, verschwindet im Nebel. Der Mensch wird wieder realistischer. Um weiter zu träumen, was aus ihm werden soll, Beruf, Berufung, Interessen, Partner, Lebenspartner. Wieder Ablenkung durch die Realität, des Berufs, des Lebens, der Beziehungen. Illusionen kommen und gehen. Und werden von anderen abgelöst.

Es gibt Träumer und Realisten. Träumer stehen zu ihren Träumen, Realisten nicht.

Träumer haben ein Traumauto, ein Traumziel, einen Traumberuf… Und wenn Träumer ein Resümee ihres Lebens ziehen, stellen sie fest, manches ist Wirklichkeit geworden, manches nicht so wie man es erträumt hat, aber doch irgendwie, und anderes gar nicht. Aber alles in allem ist man doch gut gefahren damit.

Realisten sehen nur das, was ist. Und dabei bleibt es auch. Keine Überraschungen. Kein Stress. Oder doch? Das Leben ist eigensinnig und nimmt auf Realisten keine Rücksicht. Wo Träumer irgendwie vorbereitet sind – es gibt ja nicht nur die Wunschträume, sondern auch Träume, die Negatives vorwegnehmen – da trifft es Realisten völlig unerwartet. Gutes wie weniger Gutes. Der Realist entgleist sehr leicht, hat im Grunde (denn um den Grund allen Seins kümmert er sich ja auch nicht) Angst vor dem Leben, Angst vor dem Tod, will alles planen und allem ausweichen, was nicht dazu passt. Und am Ende des Lebens greift er lieber zum Giftcocktail als sich dem Unerwarteten zu stellen. Denn selbst wenn das gesamte Leben realistisch war, der Tod ist es nicht. Realisten werden oft Ärzte, um den Tod mit alle Mitteln zu bekämpfen – und dem eigenen auszuweichen. Was natürlich auch nicht geht. Aber sie haben wenigstens heroisch gekämpft.

Da haben es Träumer leichter. Sie haben Wünsche, Sehnsüchte und andere Süchte, lesen oder schreiben Märchen und Geschichten, Aphorismen und Gedichte (deren innerpsychischen symbolischen Realismus kein Realist je begreift). Träumer leben in ihrer eigenen Welt, Realisten in einer objektiven Welt, die nicht ihre eigene ist. Träumer fliegen immer wieder weg – um immer wieder anzukommen. Realisten bleiben immer da – und kommen nie an.

Träumern wird immer wieder der Boden unter den Füßen weggezogen – und sie finden immer wieder einen neuen Boden, einen neuen Grund. Auch wenn der sich wieder in Luft auflöst. Realisten stehen fest am Boden, haben einen Standpunkt – und keinen Horizont. Träumer schauen, wo immer sie stehen, bereits zum Horizont und ahnen, das ist auch nicht das Ende.

Das Leben des Realisten ist überschaubar, berechenbar, ohne Risiko, aber flach und langweilig. Auch, oder gerade dann, wenn viel passiert. Und sogenannte Schicksalsschläge werfen ihn aus der Bahn. Das Leben des Träumers ist unberechenbar, unüberschaubar, himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, aber abwechselnd und wiederkehrend. Daher kann ihn auch nichts überraschen. Er ist im Glück nachdenklich, im Schmerz optimistisch. Er kann Leid ertragen und Liebe geben. Und am Ende wird er sagen: Das war es. Es war, wie es war. Und auch der letzte Horizont wird ihn nicht überraschen können.

PS.: Dem Träumer ist sehr oft bewusst, dass er eine gewisse Bodenständigkeit als Gegengewicht und zum Ganz-Werden braucht. Der Realist, der alles nicht Rationale verdrängt und verleugnet, findet daher auch schwer den ergänzenden Ausgleich.