Geborgenheit und Wachstum

Angeregt durch einen grandiosen Vortrag von Gerald Hüther:

Als Einleitung meinte er, „… dass das Zeitalter der Aufklärung nun doch etwas kleinlauter zu Ende geht, als es mal angefangen hat. Wir haben mit unseren wissenschaftlichen Erkenntnissen zwar das zu eng gewordene mittelalterliche Weltbild erfolgreich gesprengt, aber die Hoffnung, dass der Mensch nun durch den Einsatz von Wissenschaft und Technik in der Lage sei, Kummer, Not und Elend zu überwinden, Krankheiten zu besiegen und eine friedliche Welt mit blühenden Landschaften zu gestalten, die hat sich nicht erfüllt!“
Das Grundthema war dann, dass wir in den ersten neun Monaten unseres noch nicht Geboren Seins zwei Erfahrungen machen: 1. Geborgenheit, 2. Wachstum. Und im Licht der Welt ist es dann so schwierig, diese beiden wieder zu finden oder unter einen Hut zu bringen.

Zur Einleitung:
Jetzt wäre es an der Zeit, das zu eng gewordene reduktionistisch-rationale Weltbild zu sprengen (die Physik hat das vor 100 Jahren schon gemacht). Die Aufklärung hat ja – wie alles in der Welt – (mindestens) zwei Seiten: Sie war ein großartiger Erfolg, weil sie viel Unsinniges hinweggeschwemmt und ein Tor für die Wissenschaft geöffnet hat. Sie war aber auch ein großer Rückschritt, weil sie das Weltbild total verengt und das Ganze aus dem Blick verloren hat. So ist es mit unserem „modernen“ Weltbild – das noch dazu Ende des 19. Jahrhunderts steckengeblieben ist – vergeblich, über Inhalte zu diskutieren, wenn nicht zuerst dieser Denkrahmen infrage gestellt und überwunden wird.

Zum Grundthema:
1. Im Mutterleib erfuhren wir Geborgenheit. Wir haben sie erfahren, ohne das Ganze, in dem wir geborgen waren, rational zu kennen. Genauso wenig kennen wir das Ganze, die „Welt“, das „Universum“, Gott (auch ein Name für das Ganze, das wir nicht kennen), und sobald wir es leugnen, ist die Geborgenheit weg. Alle Realität (von res = Ding, also die „objektive“ Welt, aber Objektivität gibt es nicht, das wissen wir vom Konstruktivismus wie auch aus der Quantentheorie) wird dann zur Ersatzhandlung oder Ersatzbefriedigung. Hüther: „Wenn man das nicht bekommt, was man braucht, nimmt man sich das, was man haben kann, oder was einem irgendwo angeboten wird.“
Wir könnten sie finden bei einem anderen Menschen. Auch da ist das Ganze mehr die Summe der Teile, mehr als Ich und Du, etwas „dazwischen“, das nicht machbar ist, sondern das da ist oder nicht. Dieses „Dazwischen“ ist Beziehung, die findet man nicht durch Suchen, sondern durch Offenheit.
Wir könnten diese Geborgenheit auch finden durch einen Glauben (religiös, nicht religiös, deistisch, nicht deistisch, auch atheistisch), aber das ist schwieriger, weil diese Geborgenheit, dieses Grundvertrauen in so weite Ferne gerückt ist. So hilft heute nur eine radikale Offenheit für das was kommen kann, auch wenn man nicht mehr etwas Bestimmtes sucht. Einzige Bedingung wäre dieses Suchen als bloße Offenheit. Denn wer etwas Bestimmtes sucht, kann bestenfalls nur dieses Bestimmte finden. Es geht aber ums Ganze.

2. Im Mutterleib erfuhren wir Wachstum. Das setzt sich fort, körperlich über die Pubertät hinaus. Dann ist das physische Wachstum beendet. Das Hirnwachstum (Vernetzung) könnte sich bis ans Lebensende fortsetzen, was aber heute kaum in Anspruch genommen wird. An das körperliche müsste sich das seelische und geistige Wachstum anschließen, aber das ist heute zur Fremdsprache geworden. Wir übertreiben die körperliche Fitness und Hygiene, an eine seelische denken wir gar nicht, von einer geistigen gar nicht zu reden. Damit ist aber das wesentliche Menschsein infrage gestellt.

„Wenn man das nicht bekommt, was man braucht, nimmt man sich das, was man haben kann.“ So verwechseln wir Geborgenheit mit sexuellem Erleben, aber als bloß körperliche Betätigung und nicht als Erleben einer körperlich-seelisch-geistigen Einheit, die wirklich ein „Vorgeschmack des Himmels“ (aus einer Predigt über Sexualität im Wiener Stephansdom) sein könnte. Und so verwechseln wir Wachstum mit Wirtschaftswachstum, Expansion, Fortschritt – aber alles nur im Außen. Dieses Wachstum im Außen fällt dann auf uns zurück und erdrückt uns.

Schlüsselwort Gerald Hüther‘s ist die Begeisterung. Be-geist-erung ist ein Zustand – bei Kindern ein natürlicher Zustand – in dem Ich und Welt verschwinden im bloßen Tun. Wo es nur Beziehung gibt, kein Ich, kein Du, keine Welt. Diese Begeisterung löst im Hirn gewisse Botenstoffe aus, die nicht nur zu Wohlgefühl, sondern auch zum Hirnwachstum führen. Diese Begeisterungsfähigkeit wird einem Kind sehr bald – spätestens in der Schule – ausgetrieben. Damit wird ihm aber auch die Wachstumsfähigkeit (physisch, seelisch, geistig) genommen. Deshalb leben wir in einer wachstumsgestörten Gesellschaft – trotz Wirtschafts- und sonstigem Wachstum.
Dieser Zustand der Begeisterung ist auch der ursprünglichen Erfahrung der Geborgenheit ähnlich. In diesem Zustand sind wir ganz oder heil (was dasselbe bedeutet), ohne dass dazu ein „Wissen“ um die Ganzheit – das es nicht geben kann – notwendig wäre.
Notwendig wäre ein Umdenken auf allen Linien. Und das wäre, so Hüther, auch in allen Altersstufen möglich, aber nur mit Begeisterung für etwas Neues.