Mein Wunsch ans Universum

Mein Wunsch ans Universum wäre: Versteck dich doch nicht so verschämt hinter der äußeren Fassade, auch wenn das Dahinter noch so schwer zu verstehen ist!

Ich find es immer so lieb, wenn heute so verschämt vom „Universum“ die Rede ist. Es ist etwas ganz anderes gemeint, über das man aber heute nicht mehr reden darf, weil es zum Tabu geworden ist. Es zeigt nämlich nur, dass man den Menschen nicht seines Wesens berauben kann. Das ist, als würde man abgelutschte Kerne vergraben, um sie los zu werden, und im nächsten Frühling treiben sie fröhlich aus.

Was meine ich damit?

Nicht erst seit den Missbrauchsskandalen ist die Kirche unglaubwürdig geworden, hat die Deutungshoheit über Gott und die Welt – und vergessen wir nicht den Menschen, um den es in erster Linie geht – verloren. Das hat inner- und außerkirchliche Gründe und ist vor allem zeitbedingt. Wie die Kirche damit zurechtkommt, ist ihre Sache. Wie wir damit zurechtkommen, ist unsere Sache.

Tatsache ist:

Das Wort „Gott“ ist so abgenudelt, dass es kaum noch zu gebrauchen ist.

Das liegt allerdings zum größeren Teil an der Kirche, die uns im Laufe ihrer 2000-jährigen Geschichte mit falschen Gottesbildern nur so bombardiert hat. Im 2. Vatikanischen Konzil hat sie es sogar selbst ganz zaghaft zugegeben. Sie hat „Gott“ immer am biblischen „Du sollst dir kein Bild machen“ vorbeigeschummelt. Und so etwas scheint sich auch „Gott“ auf Dauer nicht gefallen zu lassen.

Fazit ist jedenfalls:

Wir müssen uns was Neues einfallen lassen, um das Alte wieder zu verstehen.

Nachdem die Aufklärung so manchen Aberglauben und eben auch diese fiesen Götterbilder hinweggefegt, den Weg für die Naturwissenschaft freigemacht, aber das Weltbild auf Schrebergartenniveau reduziert hat – es hat eben alles in der Welt (mindestens) zwei Seiten – ist der Weg der Kirche natürlich nicht mehr glaubwürdig. (Nicht, dass es nicht auch großartige Priester gibt, aber die haben wenig oder nichts zu reden). Von „Gott“ zu reden lockt niemand mehr hinter dem Ofen hervor, ganz im Gegenteil. Die Kirche, die so lange den Anti-Christ beschworen hat, ist selbst zum Anti-Mephisto geworden: Mephisto, den Goethe so treffend beschrieben hat als den „Geist, der stets verneint, der stets das Böse will und stets das Gute schafft“, während die Kirche zunehmend zum Gegenbild erstarrt: zum Geist, der stets das Gute will und damit stets mehr Ablehnung schafft.

Wir brauchen etwas Neues, damit das Alte nicht verloren geht.

Der Kirche laufen ihre Schäfchen in Herden davon. Was man sogar biblisch als neue Phase sehen kann. Es wiederholt sich ja nur die Geschichte. Jesus kam zunächst „nur für das Haus Israel“, aber schon immer spielte sich Wesentliches außerhalb ab. Etwa Heilungen oder das Gespräch mit der Frau am Brunnen oder die Sache mit dem barmherzigen Samariter. Schon im Kern des Evangeliums kommt vieles von außerhalb.

Die Haltung vieler der flüchtenden Schäfchen ist: Die Kirche sagt mir nichts (mehr), aber ich bin ein spiritueller Mensch. Was auch naheliegend ist: Es würde sonst dem Menschen auch etwas zutiefst Menschliches fehlen. Damit verbunden ist, dass das Wort „Gott“ verpönt ist. Mit einem so missbrauchten und abgenudelten Begriff ist auch kaum mehr zu arbeiten. In den 1960er Jahren begannen sich die Menschen, die sich von der Kirche abwendeten, asiatischen Kulturen zuzuwenden. Eine Welle des Buddhismus folgte auf eine Yogawelle. Beides ist inzwischen so verflacht, dass es kaum wiederzuerkennen ist. Yoga wurde zur zirkusreifen Gymnastik, der Buddhismus reduzierte sich auf ein paar unverstandene Phrasen. Aus dem mehr als abgestandenen Wasser sollte etwas Neues entstehen.

So wird statt „Gott“ heute immer öfter das „Universum“ beschworen.

Da wird es naiv mit „Wünschen an das Universum“ bombardiert, was um nicht besser ist als die „Volksfrömmigkeit“ des Mittelalters. Früher wurde „Gott“ mit Wünschen traktiert, heute das Universum. Wo, bitte, ist da der Fortschritt? Es ist ja wirklich lieb, wie jetzt alles, was man früher „Gott“ in die Schuhe geschoben hat, nun dem „Universum“ aufgebürdet wird. Und der Gipfel der Naivität: Man erwartet Antworten vom „Universum“!

Also entweder ist das Universum das, was es in der Kosmologie ist, eine gigantische Ansammlung von Sternen, Galaxien, dunkler Materie und dunkler Energie – dann wird es keine Antworten geben und kaum Wünsche erfüllen können. Oder wir sprechen aus, was heute zum Tabu geworden ist, nämlich dass es auch da so etwas wie Bewusstsein gibt – und dann sind wir wieder da, wo wir schon immer waren. Denn früher hat man das als „Gott“ bezeichnet. Eine Metapher für ein unbegreifliches „Alles und mehr“.

Kein Bewusstsein ohne Materie – keine Materie ohne Bewusstsein

Szientisten behaupten heute, es gibt kein Bewusstsein ohne Materie. Womit sie ja Recht haben. Aber das ist eben nur die eine Seite der Medaille. Was, wenn es auch keine Materie ohne Bewusstsein gäbe? Und genau darauf zielt das hilflose Sprechen vom „Universum“ eigentlich ab. Nur sagt das niemand dazu. Diese beiden Auffassungen sind wie Teilchen und Welle in der Physik komplementär, also zwei Seiten einer Medaille, die zwar gegensätzlich sind, aber nur zusammen die Wirklichkeit ergeben können. Komplementarität ist einer der wichtigsten Konsequenzen der Quantentheorie. Es ist die Absage an das aristotelische Entweder-Oder. Und auch die Absage an ein bloß dingliches Universum.

Wenn wir das kindische „Wünschen ans Universum“ beiseitelassen, das eines modernen Menschen wirklich unwürdig ist, dann sind wir beim Universum als lebendem Organismus. Und dann ist der verschämte Ausdruck „Universum“ so als würde ein Mensch auf uns zukommen, und wir rufen aus: Oh, da kommt ein Mantel! Statt einen unverstandenen „Gott“ beten wir jetzt eine ebenso unverstandene Materie an? Das kann es nicht sein, und das ist auch nicht gemeint.

Auf die seit Jahrtausenden widerstreitenden Weltbilder angewendet heißt das: Wir können die Welt (und den Menschen) nicht bloß entweder als statisches Sein oder dynamisches Werden beschreiben. Weder ein naturwissenschaftliches, noch ein spirituelles Weltbild reichen dazu aus, sondern wir brauchen immer beides. Solche wesentlichen Gegensätze sind nicht dazu da, einander auszuschließen, sondern einander zu ergänzen.

Das Universum wird erst dann Antwort geben können, wenn es ein lebendiges Universum ist. Das meint das indische „Sat-Chit-Ananda“ (Sein, Bewusstsein, Glückseligkeit) wie auch das christliche trinitarische „Sein-Bewusstsein-Liebe“ (Joseph Ratzinger). Ost und West sind nämlich genauso komplementär wie Yin und Yang, Teilchen und Welle, männlich und weiblich, Außenwelt und Innenwelt, Physik und Psychologie oder Naturwissenschaft und Religion.

Werbeanzeigen

Von der Abstraktion des „Hier und Jetzt“

Östliches und westliches Denken sind komplementär, was heißt, sie sind inkompatibel, aber einander ergänzend. So sind die Modeerscheinungen „Achtsamkeit“ und „Leben im Hier und Jetzt“ bloß unverstandene Floskeln, wenn sie in westlicher Sprache, im westlichen Weltbild aufgefasst werden.

Unser westliches Weltbild ist ein (pseudo)naturwissenschaftliches, ob wir wollen oder nicht, das ist uns seit vier Jahrhunderten eingebrannt. Naturwissenschaft analysiert, d.h. zerlegt alles in kleinste Teilchen und rechnet mit mathematischen Punkten, die es real nicht gibt. Die Zeit ist das größte Problem, weil damit genauso umgegangen wird. Alles wird reduziert auf Zeitpunkte, die aber keinem Erleben entsprechen. Wir erleben keine Zeitpunkte, sondern Zeiträume. Zeitpunkte gibt es genauso wenig wie kleinste „Teilchen“.

Auch die Gegenwart wird damit zu einem abstrakten Punkt, den es nirgends gibt. Wer beim (asiatischen) Hier und Jetzt an diesen abstrakten Punkt denkt, kommt aus dem westlichen Denken nicht heraus und kann das, was damit gemeint ist, gar nicht verstehen, das eben nicht naturwissenschaftlich und nicht fragmentierend ist.
Naturwissenschaft muss exakt messen, und auch diese Exaktheit ist eine Abstraktion, die es im Konkreten nicht gibt. Kaschiert wird das mit der notwendigen Angabe einer Fehlertoleranz, die dann großzügig ignoriert wird, um von der Unmöglichkeit des exakten Messens abzulenken.

Wer beim „Leben im Hier und Jetzt“ an diesen abstrakten Zeitpunkt denkt, der hat das „Leben“ in dieser Formulierung unterschlagen. Er/sie denkt an eine „reine“ Gegenwart ohne Vergangenheit und Zukunft. Sich hinsetzen und bloß nicht an Vergangenheit oder Zukunft denken ist nicht das, was im Buddhismus darunter verstanden wird. Zwar stimmt das nicht an Vergangenes und Zukünftiges denken, aber das bedeutet den Geist konzentrieren, aber in einer „Essenz“ und nicht in einem Punkt. Das bedeutet nicht Gegenwart, abgegrenzt von Vergangenheit und Zukunft, sondern Gegenwart, in der alles Vergangene und Zukünftige konzentriert enthalten, gegenwärtig ist. Das ist es auch, was mit „Achtsamkeit“ gemeint ist.

In der Psychologie ist es nicht anders. Psychotherapie könnte nicht funktionieren, wären wir abstrakte Ichs (für die wir uns halten). Sie kann funktionieren, weil Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart enthalten sind. Nur so ist es auch möglich, das Vergangene (den Einfluss des Vergangenen auf die Gegenwart) zu ändern.
Damit ist das Ziel (Samadhi oder Satori) oder das Nirvana nicht Nichts, sondern Alles. Wie das Selbst bei C.G. Jung Mittelpunkt und alles umfassend zugleich.

Grob gesprochen gibt es nur zwei mögliche Weltbilder (natürlich in allen möglichen Variationen): das statische (Sein) und das Dynamische (Werden). Europa hat sich – zumindest seit der Naturwissenschaft, die aber schon bei Aristoteles beginnt – für das statische entschieden. Es geht um Seiendes, nicht um Werdendes, um eine Außenwelt, nicht um die Innenwelt, um Dingliches, nicht um Beziehung oder Prozesshaftes, um tote Materie, nicht um Lebendiges. Es leuchtet zwar immer wieder auch das andere oder sogar die Synthese auf (Platon, Leibniz, Hegel, Whitehead, Jung, Quantenphysik), aber in ein allgemeines Weltbild ist das bisher nicht eingegangen.

Ein anderer abstrakter Begriff ist jener der Grenze. Wir müssen alles begrenzen oder abgrenzen, sprich definieren. Damit entfernen wir uns aber von der Wirklichkeit, die wir erleben. Durch Messung kommen wir zum Teilchenbild (siehe Doppelspaltexperiment), verlieren dabei aber das Wellenbild, das uns sagen würde, dass alles eine untrennbare Einheit mit der Umgebung (Feldbegriff) und letztlich mit allem ist. Nichts ist wirklich isoliert, alles ist kontextabhängig. So gibt es auch keine Grenze zwischen Gegenwart und Vergangenheit oder Gegenwart und Zukunft.

„Achtsamkeit“ oder „Leben im Hier und Jetzt“ ist somit kein Rückzug in eine Grenze, die uns von Vergangenheit und Zukunft abgrenzt, denn die gibt es nicht. Gegenwart ist kein Zeitpunkt, sondern Gewordenes, in dem alles enthalten ist.

In einem statischen Weltbild (das zumindest seit 400 Jahren vorherrscht) bedeutet „Achtsamkeit“ oder „Leben im Hier und Jetzt“ sich von Vergangenheit und Zukunft abgrenzen, so wie Dinge oder Objekte (angeblich) an ihrer Oberfläche begrenzt sind. Das wäre eine abstrakten Gegenwart, die es eigentlich nicht gibt.

In einem dynamischen Weltbild (das zum Leben passt, denn „alles fließt“) bedeutet „Achtsamkeit“ oder „Leben im Hier und Jetzt“, dass Vergangenheit und Zukunft in einem komprimierten Zeitraum (nicht Zeitpunkt) anwesend sind. Dann entspricht es dem Alles-Eins-Sein. Dann ist es Mitte und Alles zugleich. Um im Hier und Jetzt zu leben, muss man sein Bewusstsein konzentrieren und ausdehnen, bis es alles in Liebe umfasst.

Manfred Kochs Welt-Bilder

Koch_printempsDie Kunst Manfred Kochs besteht vor allem darin, Bewegung in einem statischen Medium einzufangen. Dazu braucht es Technik, Geduld und ein offenes Welt- und Menschenbild.

Unser gewohntes Weltbild ist ein durch und durch statisches. Wir sehen Objekte und Dinge, die auch wenn sie sich bewegen, ohne Veränderung in sich sind. Heraklits „panta rhei“ war dagegen offensichtlich machtlos. Wir sehen das Fließen der Dinge nicht. Wir sehen ein Gebäude als „Objekt“, vernachlässigen seine Geschichte, die vom Bau bis zum Verfall reicht. Die Bewegung ist zu langsam, als dass sie uns auffallen würde. Und doch ist sogar ein Berg in fließender Bewegung, wurde einmal vor langer Zeit aufgefaltet und schrumpft dann Millimeter für Millimeter.

Wir denken sozusagen in Standbildern (Dingen, Objekten) und übersehen den Film (die Geschichte), der die Wirklichkeit ausmacht. Unsere Bilder der Wirklichkeit haben noch nicht laufen gelernt. Dazu kommt, dass wir uns an ein (pseudo)naturwissenschaftliches Weltbild klammern, und (die klassische) Naturwissenschaft darin besteht, die Welt in kleinste Teilchen (Standbilder) zu zerlegen. Erst nach 1900 kam diese Teilchenwelt ins Wanken, zumindest in der Physik. Teilchenbild und Wellenbild gehören komplementär zusammen. Im Gegensatz zur klassischen hat aber die moderne Physik kaum einen Einfluss auf unser Weltbild.

In der Welt Manfred Kochs gibt es Foto und Film, festgehalten mit einem „Objektiv“, das Objekte darstellt oder „bewegte Bilder“. Im Film laufen die Bilder so schnell vor unserem Auge ab, dass sie wie Bewegung erscheinen. In dieser „Bewegung“ verstecken sich die Standbilder. Das Faszinierende an Kochs Fotos ist, dass er im statischen Bild Bewegung sichtbar macht, dass er Ruhe und Bewegung nebeneinander in komplementäre Spannung stellt. Seine Fotos fangen nicht Objekte ein, sondern Momente einer Bewegung, einer Geschichte. Das Festgehaltene ist nicht Objekt, sondern Verdichtung von Zeitlichem. Sinnliches wird damit auch zum Sinnhaften, über sich Hinausweisenden, Fotografie zur Philosophie.

Dazu kommt man nicht, indem man ein Motiv erfasst und auf den Auslöser drückt. Zur Inszenierung gehört ganz wesentlich das Warten, das Warten auf den richtigen Augenblick (Chairos), in dem Vergangenes und Zukünftiges mit eingefangen werden. Ein konkreter Ort und ein konkreter Zeitpunkt, die über sich hinausweisen. Es wird ein ganz bestimmter Augenblick eingefangen, in dem aber die Bewegung erhalten bleibt und im Kontrast zum statischen Teil des Fotos steht. Oft sind es mehrere Räume, die ineinander übergehen, und Bewegungen, die den ruhenden Teil der Komposition aus der Reserve zu locken scheinen.

Wie in jedem Kunstwerk ist das Bild der „Endpunkt“ eines Prozesses der Gestaltung. Dieser ist dann für den Betrachter der „Ausgangspunkt“ eines Prozesses, der vom Raum, den das Bild eröffnet, in den Innenraum, die Innenwelt des Betrachters führt. Das Bild ist die Mitte oder der Schnittpunkt zwischen der inneren Einstellung des Künstlers und der Innenwelt des Betrachters.  Die Fotos weisen dadurch ins Symbolhafte, sind mehrschichtig und mehrdeutig. Oft erzählen Details, die man beim ersten Blick gar nicht sieht, eine eigene Geschichte, die aber dem ganzen Bild eine neue Wende gibt.

Anders und doch nicht anders in der Serie „Übergangenes“, die Abbildungen von verwitterten Pariser Zebrastreifen. Hier erzählt gerade das statische Muster eine bewegte Geschichte.

Manfred Koch geht es nicht (nur) darum, etwas Äußeres festzuhalten, sondern aus sich heraus etwas zu gestalten. Gute Kunst ist immer auch ein Offenlegen des eigenen Inneren. Im Bild oder Foto trifft dieses Offengelegte dann auf die Innenwelt des Betrachters, wo etwas angerührt wird, das nicht vorhersehbar ist. Das Foto stellt eine Beziehung zwischen Künstler und Betrachter her, zwischen zwei Innenwelten, die einander durch das Foto in seiner Vieldeutigkeit begegnen.

Eine andere Spannung ist, dass jedem Foto eine genaue Vorstellung der Komposition zugrunde liegt. Und doch soll ein Ereignis festgehalten werden, das nicht vorhersehbar ist. Es ist ein Warten auf eine Begegnung, in der Geplantes und Zufälliges, nicht Berechenbares verschmelzen. Scheinbar Alltägliches bekommt durch den herausgehobenen Augenblick eine tiefere Bedeutung.

Manfred Kochs Fotos laden dazu ein, die „Dinge“ anders sehen zu lernen, das gewohnte Wahrnehmen und damit das gewohnte Denken zu übersteigen. Das europäische Denken ist ein Denken in einander ausschließenden Gegensätzen. In Kochs Fotos stehen die Gegensätze nebeneinander, schließen einander nicht aus, sondern kommunizieren miteinander, verweisen aufeinander und auf die Einheit des „panta rhei“. Auf die Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit der Welt, die der modernen Sucht nach Eindeutigkeit, die es in der Natur gar nicht gibt, widersteht. Koch arbeitet mit seiner Kamera an einem neuen Welt-Bild.

Koch_LouvreEngelKoch_VenedigKoch_ZugKoch_Übergangenes2

„Ganzheitliche Therapie und Salutogenese“

Mt hat und ausübt, der weiß, dass mit der Beherrschung der Methode nicht alles getan ist. Es bleiben Fragen: Was bedeutet ganzheitliches Denken? Was ist mein persönlicher Zugang? Wer ist dieser Mensch, dem ich meine Begleitung anbiete? Diese Fragen sind nur jenseits von Methoden, Diagnosen und Therapien zu beantworten, und dafür gibt es bisher keine eigene Ausbildung. Daher bietet der FH Campus Wien in Zusammenarbeit mit der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin einen neuartigen Masterlehrgang „Ganzheitliche Therapie und Salutogenese“ an.

Von einem Paradigmenwechsel, von ganzheitlichem Denken und ganzheitlichen Methoden ist seit mindestens einem halben Jahrhundert die Rede, ohne dass wirklich geklärt wäre, worum es dabei geht. Komplementäre Methoden sind noch nicht per se ganzheitlich. Ganzheitlich ist nicht die Methode, sondern das Welt- und Menschenbild, der individuelle, ganz persönliche Zugang zum Patienten als ganzen Menschen.

Versucht man das zu definieren oder zu beschreiben, muss man einen Schritt hinter die Methoden zurückgehen. Dr. Gerhard Hubmann: „Ganzheitliche Denkweise ist der Ausdruck eines Weltbildes, das den Menschen wieder als Einheit von Körper, Geist und Seele in seiner Umwelt sieht und ihn in seiner Beziehung zur Natur wiederherstellt.“ Ganzheitlich ist nicht die Methode, sondern das Welt- und Menschenbild von Therapeut und Klient. Berücksichtigt wird das (naturwissenschaftlich) Messbare und das Nicht-Messbare, das Psychosoziale. Der Mensch kann nicht isoliert von seiner Umwelt gesehen werden, und es wird primär nicht eine Krankheit ausgetrieben, sondern ein komplexer natürlicher Zustand wiederhergestellt. Wichtig ist der individuelle Mensch mit seiner Beziehung zu anderen und zur Umwelt. Das schließt komplexe physiologische und psychologische Faktoren genauso ein wie Ernährung und Umwelteinflüsse, die therapeutische Kompetenz genauso wie die Gesundheitsvorsorge und Prävention. Basis ist die Fähigkeit des Organismus zur Selbstregulation und Regeneration.

Masterlehrgang „Ganzheitliche Therapie und Salutogenese“

Gerhard Hubmann ist Lehrgangsleiter des Masterlehrgangs „Ganzheitliche Therapie und Salutogenese“ am FH Campus Wien. Dieser steht allen gesetzlich anerkannten Gesundheitsberufen – von Medizinern und Apothekerinnen, über Psychologen und Psychotherapeutinnen bis hin zu Hebammen, Gesundheits- und Krankenpflegepersonen sowie gehobene medizinisch-technische Dienste offen. Eine solche Sicht kann die Spezialisierung und Fragmentierung „entschärfen“, die im Gesundheitssystem Vor-, aber auch Nachteile hat. „Der Masterlehrgang führt zusammen, was längst zusammengehört“, fasst Gerhard Hubmann zusammen.

Das kann man an den Modulbezeichnungen des viersemestrigen Lehrgangs ablesen: „Denk- und Rechtsgrundlagen der ganzheitlichen Therapie und Salutogenese“, „Ganzheitliche Systeme und Kulturen“, Behandlungs- und Beratungsstrategien und interdisziplinärer Dialog“, „Prävention und Salutogenese“, Praktische Anwendung der Methoden“, „Methodenspektrum“ sowie „Wissenschaft in ganzheitlicher Therapie und Salutogenese“.

Damit können die StudienteilnehmerInnen auf sozialpsychologischer Basis ihre Beratungs- und Kommunikationskompetenz erweitern und sich einen integrativen Ansatz aneignen. Um einen umfassenden Einblick in den menschlichen Organismus als komplexes System zu erhalten, setzen sie sich mit den Grundlagen aus Medizin und Naturwissenschaften sowie der Systemtheorie und -analyse auseinander. Dazu kommen Einblicke in die Kulturwissenschaften und in traditionelle ganzheitliche Gesundheitssysteme verschiedener Kulturen.

Ziel ist auch ein international vergleichbarer akademischer Abschluss und nicht zuletzt der Ausbau der Forschungskompetenz, um Wissenschaft und Forschung im Bereich der ganzheitlichen Gesundheitsberufe im internationalen Vergleich zu stärken.

 

Masterlehrgang „Ganzheitliche Therapie und Salutogenese“

https://www.fh-campuswien.ac.at/studiengaenge/gesundheit-master/ganzheitliche-therapie-und-salutogenese.html

FH Campus Wien in Zusammenarbeit mit der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin

 

Lehrgangsleiter: Dr. Gerhard Hubmann

Organisationsform: berufsbegleitend, 4 Semester

Studienplätze: 20

Abschluss: Master of Science (MSc)

Lehrgangsbeitrag: 13.600 EUR (bei Einmalzahlung)

Bewerbung: https://bewerben.fh-campuswien.ac.at

Bewerbungsfrist für das Sommersemester 2018:  15. Dezember 2017

Information: Open House am 17. November 2017

 

csm_Hubmann_600x400_3c417c0600

Gerhard Hubmann ist Lehrgangsleiter Ganzheitliche Therapie und Salutogenese, Allgemeinmediziner, Homöopath und langjähriger Förderer der Ganzheitsmedizin. Er leitet ein Therapiezentrum für Ganzheitsmedizin, ist Vizepräsident der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin (GAMED) und Berater für Komplementärmedizin der Wiener Gebietskrankenkasse.

Heimat?!

Kürzlich organisierte die Philosophin Cornelia Bruell in Baden einen Philosophischen Salon zum Thema „Heimat“. Ein politischer, soziologischer, psychologischer und natürlich auch philosophischer  Begriff. Das „Ergebnis“ kann sich sehen, hören und lesen lassen: http://www.philoskop.org/blog/2017/4/1/heimat-ist

Beim Philosophischen Salon geht es um das Mit-Denken. Da dieses weder räumlich noch zeitlich begrenzt ist, lasse ich mich zum Mit-Denken verführen. Das Thema beschäftigt mich ohnehin seit langem. Eigentlich seit meinem Aufbruch aus der Heimat.

  1. Heimat hat – wie so ziemlich alles – einen äußeren und einen inneren Aspekt, die aber nicht zu trennen sind, weil sie keine Gegensätze darstellen, sondern komplementär zusammengehören.
  2. Heimat ist (für mich) das Stück Land, das ich als Kind überschauen konnte. Das „meine Welt“ war, in die ich hineingestellt wurde. Außerhalb war Niemandsland. Da war Linz genauso fremd wie Teheran.
  3. Leben ist von diesem Gesichtspunkt aus ein ständiges Ausweiten dieses Territoriums: Übersiedlung, Gymnasium in der „Großstadt“, Studium in Wien, Reisen nach Graz, Innsbruck, Waldviertel, Deutschland, Ungarn, Italien, Frankreich, England, Schweiz, Ladakh, Ägypten, Island….
  4. Wir werden aber nicht nur in ein Land, eine Familie geboren, sondern auch in einen ganz bestimmten Denkrahmen, ein Weltbild. Auch das ist „Heimat“, denn es gibt auch andere Weltbilder, die völlig anders, aber genauso stimmig sind. Etwa fernöstliche Weltbilder.
  5. So werden die Denkgewohnheiten der Herkunftsfamilie erweitert durch die schulische Laufbahn in Richtung Allgemeinbildung (bei mir war es noch so). Durch meinen Philosophie-Lehrer im Gymnasium kam ich mit asiatischen Philosophien (Yoga, chinesischer Universalismus) in Berührung, überstand das Bundesheer mit dem Tibetischen Totenbuch unter dem Kopfpolster, war zehn Jahre in Wien in einer Yogagemeinschaft und studierte „nebenbei“ Philosophie, verbrachte anschließend immer ein paar Jahre in einer anderen Kultur (Sufismus, Indianer, tibetischer Buddhismus), um dann wieder in unserer Kultur zu landen. Bereichert um den Blick von außen, der den inneren ergänzt, und wissend um die Stärken und Schwächen verschiedener Kulturen und Denkrahmen.
  6. Außen und innen gehen immer komplementär Hand in Hand. Immer geht es um eine Erweiterung des Horizonts, um ein Vertraut-Machen des bis dahin Fremden, ein Einverleiben in die innere „Heimat“. Manchmal sogar die Erfahrung, ganz wo anders „Heimat“ gefunden zu haben.
  7. Das Heimatgefühl des als Kind Überschaubaren beim Eintritt in dieses Leben wird immer bleiben, aber einmal ins Leben geworfen gehen Wellen über den jeweiligen Tellerrand hinaus, machen Fremdes zu eigen – nicht nur andere Menschen und Kulturen, sondern auch und vor allem das eigene, innere Fremde (vor dem die rechte Szene so panische Angst hat, dass sie sich in einen pervertierten Heimatbegriff festkrallen muss), das integriert werden muss, damit es sich nicht im Außen gegen sich selbst wendet.
  8. Der kindlich erfühlte Heimatbegriff ist ein innerlich erlebter äußerer. Am anderen Ende des Lebens sollte ein äußerlich erlebbarer innerer Heimatbegriff stehen, ein belebtes Welt-Bild, das auch andere Kulturen, andere Weltbilder und das eigene innere Fremde integriert hat. Dann ist die kindliche Egozentrik zum Welt-Bild geworden.
  9. Der Mensch wird vom geistigen Schrebergartenbewohner zum Weltbürger – wenn er nicht unterwegs stecken bleibt.
  10. Man kann „Heimat“ vom Geboren-Werden her denken, aber auch von der Herkunft, vom Eingebettet-Sein in ein größeres Ganzes. Der Mensch ist Endliches, bezogen auf Unendliches. So gesehen ist uns das Unendliche, Ewige innerlicher als wir uns selbst sind (frei nach Augustinus). Das zu verdrängen macht den Menschen zum Torso und lässt ihn nie wirklich Heimat finden. Einen Vorgeschmack im Endlichen bieten jene kostbaren Augenblicke, in denen Zeit zur Ewigkeit gerinnt.

Geborgenheit und Wachstum

Angeregt durch einen grandiosen Vortrag von Gerald Hüther:

Als Einleitung meinte er, „… dass das Zeitalter der Aufklärung nun doch etwas kleinlauter zu Ende geht, als es mal angefangen hat. Wir haben mit unseren wissenschaftlichen Erkenntnissen zwar das zu eng gewordene mittelalterliche Weltbild erfolgreich gesprengt, aber die Hoffnung, dass der Mensch nun durch den Einsatz von Wissenschaft und Technik in der Lage sei, Kummer, Not und Elend zu überwinden, Krankheiten zu besiegen und eine friedliche Welt mit blühenden Landschaften zu gestalten, die hat sich nicht erfüllt!“
Das Grundthema war dann, dass wir in den ersten neun Monaten unseres noch nicht Geboren Seins zwei Erfahrungen machen: 1. Geborgenheit, 2. Wachstum. Und im Licht der Welt ist es dann so schwierig, diese beiden wieder zu finden oder unter einen Hut zu bringen.

Zur Einleitung:
Jetzt wäre es an der Zeit, das zu eng gewordene reduktionistisch-rationale Weltbild zu sprengen (die Physik hat das vor 100 Jahren schon gemacht). Die Aufklärung hat ja – wie alles in der Welt – (mindestens) zwei Seiten: Sie war ein großartiger Erfolg, weil sie viel Unsinniges hinweggeschwemmt und ein Tor für die Wissenschaft geöffnet hat. Sie war aber auch ein großer Rückschritt, weil sie das Weltbild total verengt und das Ganze aus dem Blick verloren hat. So ist es mit unserem „modernen“ Weltbild – das noch dazu Ende des 19. Jahrhunderts steckengeblieben ist – vergeblich, über Inhalte zu diskutieren, wenn nicht zuerst dieser Denkrahmen infrage gestellt und überwunden wird.

Zum Grundthema:
1. Im Mutterleib erfuhren wir Geborgenheit. Wir haben sie erfahren, ohne das Ganze, in dem wir geborgen waren, rational zu kennen. Genauso wenig kennen wir das Ganze, die „Welt“, das „Universum“, Gott (auch ein Name für das Ganze, das wir nicht kennen), und sobald wir es leugnen, ist die Geborgenheit weg. Alle Realität (von res = Ding, also die „objektive“ Welt, aber Objektivität gibt es nicht, das wissen wir vom Konstruktivismus wie auch aus der Quantentheorie) wird dann zur Ersatzhandlung oder Ersatzbefriedigung. Hüther: „Wenn man das nicht bekommt, was man braucht, nimmt man sich das, was man haben kann, oder was einem irgendwo angeboten wird.“
Wir könnten sie finden bei einem anderen Menschen. Auch da ist das Ganze mehr die Summe der Teile, mehr als Ich und Du, etwas „dazwischen“, das nicht machbar ist, sondern das da ist oder nicht. Dieses „Dazwischen“ ist Beziehung, die findet man nicht durch Suchen, sondern durch Offenheit.
Wir könnten diese Geborgenheit auch finden durch einen Glauben (religiös, nicht religiös, deistisch, nicht deistisch, auch atheistisch), aber das ist schwieriger, weil diese Geborgenheit, dieses Grundvertrauen in so weite Ferne gerückt ist. So hilft heute nur eine radikale Offenheit für das was kommen kann, auch wenn man nicht mehr etwas Bestimmtes sucht. Einzige Bedingung wäre dieses Suchen als bloße Offenheit. Denn wer etwas Bestimmtes sucht, kann bestenfalls nur dieses Bestimmte finden. Es geht aber ums Ganze.

2. Im Mutterleib erfuhren wir Wachstum. Das setzt sich fort, körperlich über die Pubertät hinaus. Dann ist das physische Wachstum beendet. Das Hirnwachstum (Vernetzung) könnte sich bis ans Lebensende fortsetzen, was aber heute kaum in Anspruch genommen wird. An das körperliche müsste sich das seelische und geistige Wachstum anschließen, aber das ist heute zur Fremdsprache geworden. Wir übertreiben die körperliche Fitness und Hygiene, an eine seelische denken wir gar nicht, von einer geistigen gar nicht zu reden. Damit ist aber das wesentliche Menschsein infrage gestellt.

„Wenn man das nicht bekommt, was man braucht, nimmt man sich das, was man haben kann.“ So verwechseln wir Geborgenheit mit sexuellem Erleben, aber als bloß körperliche Betätigung und nicht als Erleben einer körperlich-seelisch-geistigen Einheit, die wirklich ein „Vorgeschmack des Himmels“ (aus einer Predigt über Sexualität im Wiener Stephansdom) sein könnte. Und so verwechseln wir Wachstum mit Wirtschaftswachstum, Expansion, Fortschritt – aber alles nur im Außen. Dieses Wachstum im Außen fällt dann auf uns zurück und erdrückt uns.

Schlüsselwort Gerald Hüther‘s ist die Begeisterung. Be-geist-erung ist ein Zustand – bei Kindern ein natürlicher Zustand – in dem Ich und Welt verschwinden im bloßen Tun. Wo es nur Beziehung gibt, kein Ich, kein Du, keine Welt. Diese Begeisterung löst im Hirn gewisse Botenstoffe aus, die nicht nur zu Wohlgefühl, sondern auch zum Hirnwachstum führen. Diese Begeisterungsfähigkeit wird einem Kind sehr bald – spätestens in der Schule – ausgetrieben. Damit wird ihm aber auch die Wachstumsfähigkeit (physisch, seelisch, geistig) genommen. Deshalb leben wir in einer wachstumsgestörten Gesellschaft – trotz Wirtschafts- und sonstigem Wachstum.
Dieser Zustand der Begeisterung ist auch der ursprünglichen Erfahrung der Geborgenheit ähnlich. In diesem Zustand sind wir ganz oder heil (was dasselbe bedeutet), ohne dass dazu ein „Wissen“ um die Ganzheit – das es nicht geben kann – notwendig wäre.
Notwendig wäre ein Umdenken auf allen Linien. Und das wäre, so Hüther, auch in allen Altersstufen möglich, aber nur mit Begeisterung für etwas Neues.