Das Lebendige in Zeiten des Umbruchs

DSCN3243Diskussionsbeitrag zu Ludger Verst: „Abschied vom leeren Himmel? Entstehen und Vergehen von Gottesbildern“. Entwicklungspsychologische Einblicke in den Religionsunterricht.

Ich behaupte einmal ganz dreist, dass die Menschheit im 17. Jahrhundert in ihre Pubertät eingetreten ist. Ihre Repräsentanten waren Galilei, Descartes und Newton. Alle drei durchaus noch dem vorpubertären Glauben unterworfen, war ihre Sache doch die Rebellion. Galilei wurde nicht der Ketzerei angeklagt – sein Weltbild wurde schon 1632, also vor dem Prozess von Rom approbiert – sondern wegen „Ungehorsams“. Er hatte seinen Freund, den Papst, in einer Schrift lächerlich gemacht, wie das Pubertierende eben mit ihren Eltern so machen.

Pubertierende leben in einem inneren Krieg. Die Neue Wissenschaft (Naturwissenschaft) entstand in den Kriegswirren des 30jährigen Krieges. Und es war ein Kampf um die Wahrheit (Herbert Pietschmann). Galilei wollte WISSEN – und die WAHRHEIT dem Papst überlassen. Descartes suchte ein Denken, das nicht sofort dazu führt, dass die Menschen einander den Schädel einschlagen.

Pubertierende sind noch in der äußersten Ablehnung der Eltern doch deren System verhaftet. So waren die Gründer der Naturwissenschaft in ihrem „Kampf“ um die Wahrheit und gegen die Dogmen der Kirche immer noch der aristotelischen Logik verhaftet. Die Gegner Galileis saßen ja nicht in Rom, sondern in Paris. Die Pariser Universität sah ihr aristotelisches Weltbild gefährdet.

Die Welt, wie sie nicht ist

Die neue Wissenschaft war nur ein erster Schritt heraus aus der Welt (der Eltern), wie wir sie erleben. „Galilei wagte es, die Welt so zu beschreiben, wie wir sie nicht erfahren. – Aber dafür mathematisch einfach.“ (Carl Friedrich von Weizsäcker). Es war letztlich die Revolte gegen die Anschaulichkeit. Wir können alle beobachten, dass eine Münze schneller zu Boden fällt als ein Blatt vom Baum. Die Naturwissenschaft behauptet, alle Körper fallen gleich schnell. Das tun sie nur im Vakuum, und ein solches gibt es nicht. Aber es lässt sich (Pietschmann)fantastisch damit rechnen.

Newton konkretisierte dann: Nicht was wir erleben, ist wirklich, sondern was wir messen können. Das hat sich unserem Weltbild eingeprägt: Wir können uns noch so schlecht fühlen, wenn das Fieberthermometer 36,8 zeigt, haben wir kein Fieber! Newton weiter: Wir müssen für alles eine Ursache finden. Aber Ursachen werden nicht gefunden, sondern erfunden (Pietschmann). Wenn wir „tatsächlich“ Fieber haben, fragen wir, was der Auslöser war. Wir werden zwar keinen finden, aber vielleicht haben wir drei Tage zuvor ohne Mantel den Müll rausgetragen. Und schon haben wir eine Ursache erfunden.

Es folgte das Jahrhundert der Aufklärung, das Pietschmann aber das Jahrhundert der Mechanik nennt. Die Aufklärung verkündete auch nicht das Ende der Religion, sondern das Dämmern einer neuen Religion. So schrieb der große Aufklärer Voltaire 1732 an Maupertius: „Ihr Erster Brief hat mich auf die neue Newtonsche Religion getauft, Ihr zweiter hat mir die Firmung gegeben. Ich bleibe voller Dankt für Ihre Sakramente. … Ich werde auf ewig Ihre Briefe bewahren, sie kommen von einem großen Apostel Newtons, des Lichts zur Erleuchtung der Heiden.“

Pubertierende bekämpfen vehement das Alte – meist mit denselben alten Mitteln. William Thomson (Lord Kelvin) bekannte: „Ich bin erst dann zufrieden, wenn ich von einer Sache ein mechanisches Modell herstellen kann. Nur dann kann ich sie verstehen.“ So bockig kann nur ein Pubertierender sein.

Was folgte, war wie die Pubertät der Menschheit, ein Übergang. Und bekanntlich haben Pubertierende eine eigene Sprache. Die neue Physik verwendet nicht mehr den Begriff „Kraft“, sondern „Energie“. Damit wurde der Kraft die letzte Lebendigkeit ausgetrieben, die nicht in den (pubertären) mechanistischen Denkrahmen passt. Energie ist rein materiell, und der Weg war frei für ein reduziertes Weltbild: Materie ist das einzig Existierende. Das Lebendige ist nur Fantasie.

Pubertäre Gottesbilder

Was hat das alles mit Religionspädagogik zu tun? Es ist der Versuch, die Biografie der Jugendlichen in einen allgemein menschlichen Rahmen zu stellen. Die Menschheit ist weit davon entfernt, rational zu denken, rational ist sie nicht einmal in der sogenannten Aufklärung.

Ludger Verst: „Bilder von „Gott“ entstehen bereits in den ersten Lebensjahren. Kinder ‚denken‘ in Bildern und Symbolen. Bis etwa zum 6. Lebensjahr ist ihr Denken anschaulich bestimmt. Vor dem Gottesgedanken steht also das Gottesbild. Das Gottesbild ist eine schöpferische Leistung des Kindes. Das Kind begreift: Gott gibt es, aber man kann ihn nicht sehen.“

Die Frage (der Pädagogik) ist: Wie kann der Übergang von der Anschaulichkeit zur Unanschaulichkeit der Wirklichkeit gelingen, ohne dass das Gemeinte verloren geht? Wie oben beschrieben, war die Naturwissenschaft ein erster Schritt heraus aus der Anschaulichkeit, indem sie eine „objektive“ Welt konstruierte und der Lebenswelt gegenüberstellte. Diese konstruierte objektive Welt ist aber zum allgemeinen Weltbild, und damit zur künstlichen Lebenswelt geworden, in der sich auch die heutigen Jugendlichen befinden. Der Übergang muss also IN dieser Welt gelingen, in der nur das Materielle real ist.

In dieser Welt ist „Gott“ eine leere Metapher. Die Aufgabe ist vielmehr, diese Welt der toten Materie wieder zu verlebendigen. Die Frage nach GOTT ist uncool, und viel wichtiger ist auch die Frage: Was ist LEBEN? Schon für diese Frage ist die Hürde hoch. Interessant wäre aber schon die Frage: Was ist WELT?

Also zurück zum „Weltbild“ der Physik. „Welt ist doch so viel mehr als Teilchen in Raum und Zeit“, stellte der Physik-Nobelpreisträger Erwin Schrödiger fest. Es gehört auch dazu, was der naturwissenschaftliche Denkrahmen ausschließt: das Lebendige, Einmalige, Kreative usw. Das könnte den Raum eröffnen für eine Diskussion mit den Jugendlichen.

Aber die Geschichte der Physik war Ende des 19. Jahrhunderts nur scheinbar zu Ende. Lord Kelvin und auch der Lehrer von Max Planck rieten vom Studium der Physik ab, weil da schon alles erforscht wäre. Doch ausgerechnet letzterer läutete ein neues Zeitalter ein. Die Quantenmechanik stellte die gesamte Physik auf den Kopf, und – besonders wichtig – sie zeigte, dass der europäische Denkrahmen nicht einmal imstande ist, die Materie zu erklären. Die Physik ist nicht mehr deterministisch, die Kausalität wird durch Wahrscheinlichkeit abgelöst, die Welt ist zwar mathematisch, aber nicht mehr physikalisch widerspruchsfrei zu erklären. Was dadurch bedingt ist, dass die Physik die anschauliche Welt hinter sich gelassen hat und versucht, den unanschaulichen Mikrokosmos zu erklären. Eindeutigkeit gibt es auch in der Physik nicht mehr.

„Das Kind begreift: Gott gibt es, aber man kann ihn nicht sehen.“

Wie kommt es aus diesem Widerspruch heraus? Wir brauchen z.B. ZWEI anschauliche und widersprüchliche Bilder (Teilchen und Welle), um EIN Phänomen (Elementar-teilchen) zu erklären. Grob und nicht ganz richtig könnten wir sagen: Teilchen ist das, was man sehen kann, Welle nicht. Und doch ist es dasselbe. Außerdem ist die Frage, ob es diese Teilchen GIBT, nicht mehr zu beantworten. Ein Elementarteilchen IST nicht, sondern WIRKT. Es ist überhaupt nur in WECHSELWIRKUNG. So wie auch der Mensch nicht IST, sondern WIRD, und das nicht als isoliertes Ich, sondern nur in BEZIEHUNG.

Gibt es mich als „anschauliches“ Ich überhaupt? Oder braucht es etwas Unanschauliches, nämlich Beziehung, um zu sein? Wir kamen durch Beziehung in diese Welt, und wurden durch Beziehung (Mutter, Eltern, Umgebung) zu dem, was wir sind. Niemand ist ohne Beziehung lebensfähig. In Japan ist dieses Dazwischen, diese Beziehung wichtiger als Ich und Du. Und jetzt kommt ausgerechnet die Physik daher, und muss feststellen, dass in es der Mikrowelt keine Dinge oder Objekte gibt, sondern nur Beziehung – und zwar nicht Beziehung von etwas, sondern nur Beziehung (Hans-Peter Dürr). Die Frage, was gibt es, verliert an Bedeutung.

Und am anderen Ende der Skala: In Gott sind nicht drei Personen, sondern Gott ist reines Beziehungsgeschehen. So erklärt die Theologie die Trinität. Und: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht!“ (Dietrich Bonhoeffer).

 

© 2018 R. Harsieber

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Die Illusion der Gewissheit

U1_978-3-498-03038-4.indd Das Gütesiegel „wissenschaftlich erwiesen“ oder „Wissenschaftler haben festgestellt“ erweckt den Glauben an die Allmacht der Wissenschaft. Die Schriftstellerin Siri Hustvedt hinterfragt dieses Gütesiegel und diesen Glauben und deckt unreflektierte Voraussetzungen auf. Als Frau ist sie den männlichen Strukturen des Wissenschaftsbetriebs anscheinend weniger ausgeliefert.

Um gleich mit einem Beispiel zu beginnen: Der Begriff „bio-psycho-sozial“ stellt in der Medizin einen großen Fortschritt dar. Das bisher ausschließlich Biologische wird ergänzt durch das Psychische und Soziale. Aber wenn man genauer hinsieht, dann trennt dieser Begriff genau das, was er vereinen will, auch wenn er ohne die Bindestriche geschrieben wird. Der Begriff wird dadurch für die Autorin kontraproduktiv. Er vernachlässigt das Weltbild und die Entwicklungsgeschichte. „Das Modell funktioniert im Grunde statisch.“ Und das Grundthema des Buches umschreibend: „Es ist immer wieder spannend zu sehen, in welchem Maß theoretische Modelle das Denken nicht nur erweitern, sondern auch sehr einschränken können.“ (Das erinnert an Einstein, der sagte dass wir nicht aus dem, was wir sehen, eine Theorie bilden, sondern die Theorie bestimmt, was wir sehen). Jedenfalls sehen wir oft nur das, was wir erwarten, und das gilt auch für Wissenschaftler.

Das Thema (vermeintliche) Gewissheit ist auch eine Auseinandersetzung mit René Descartes, der mit seiner Unterscheidung von res extensa und res cogitans getrennt hat, was zusammengehört, oder was nie getrennt war. Das zieht sich als roter Faden durch das Buch. Wissenschaft muss unterscheiden, aber wenn sie vergisst, dass sie von einem Ganzen ausgegangen ist, dann kommt es zu einer versteckten Gedankenakrobatik, um zu erklären, wie das Getrennte zusammenwirkt. Und das ist letztlich unmöglich. Sobald der Geist vom Körper, das Bewusstsein vom Gehirn getrennt ist, entstehen erst die unlösbaren Probleme, die wir kennen oder unterschlagen. Um den Dualismus zu verschleiern, kippt man in einen Pseudomonismus und der Geist wird – wie Descartes res extensa – dann auch zur Maschine.

Dann steht z.B. der Psychotherapie die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) entgegen. Diese „übernimmt den kartesianischen Dualismus, aber mit seinen Rätseln wollen sich seine Vertreter nicht befassen“. Es gibt immer schon unreflektierte Voraussetzungen in den Wissenschaften. Es gibt damit schon einhellig vorausgesetzte Antworten, bevor man anfängt zu forschen. So ist z.B. von angeborenen und erworbenen Eigenschaften die Rede, eine Unterscheidung, die aber sofort fragwürdig wird, wenn man nach der Grenze zwischen beiden fragt. Was genetisch vererbt ist, hängt außerdem davon ab, welche Vorstellung man von einem Gen hat. Im naturwissenschaftlichen Kontext hat es so etwas wie ein isoliertes Ding zu sein – was es aber nicht ist.

Breiten Raum nimmt die Metapher vom Hirn als Datenverarbeitungsmaschine ein, die z.B. den Konzepten der Künstlichen Intelligenz zugrunde liegt. Das Hirn wird auf die Verarbeitung von Information reduziert, womit ein Großteil der Komplexität der Wirklichkeit verloren geht und nur die abstrakten Strukturen der Logik übrigbleiben. Das Kreative wird unterschlagen, das Berechnende bleibt. Damit verbunden ist die Hoffnung (für andere die Befürchtung), dass Maschinen bald den Menschen überlegen sein werden. Diese Reduktion wurde längst entlarvt, die Hoffnung hat sich nicht erfüllt – aber die Metapher vom Hirn als Datenverarbeitungsmaschine hält sich eisern.

Ein anderer Trugschluss ist, dass Wissenschaft auf Fakten beruht. Das ist nicht falsch, aber diese Fakten müssen interpretiert werden. Fakten und Zahlen alleine erklären gar nichts. Man muss allerdings zwischen Fakten und Interpretation unterscheiden können.

Die Methode der wissenschaftlichen Analyse führt dazu, Details zu isolieren und Grenzen aufzustellen, die es vorher nicht gab. Daher gibt es in der Wissenschaft sehr oft Metaphern, die sich hartnäckig halten, obwohl sie längst widerlegt sind. Beispielsweise die Vorstellung von begrenzten Hirnarealen (Sehzentrum, Sprachzentrum usw.), die für eine bestimmte Funktion zuständig sind. Diese Areale sind zwar spezialisiert, aber weder begrenzt noch feststehend. Hinzu kommt, dass das Hirn nicht isoliert vom Körper agiert und der Mensch nciht isoliert von der Umwelt und von anderen.

Mit einem Zitat von Alfred N. Whitehead deutet Hustvedt die Richtung einer Lösung all dieser Probleme der Wissenschaft an: „Soll die Wissenschaft nicht zu einem Mischmasch von ad hoc-Hypothesen verkommen, dann muss sie philosophisch werden, und in eine tiefgreifende Kritik ihrer eigenen Grundlagen eintreten.“ Dazu muss sie zurück zu ihren Wurzeln im 17. Jahrhundert. Descartes und dann Newton haben die Welt der Naturwissenschaft auf eine tote Materie reduziert, die wie eine Maschine funktioniert. Seither müssen Naturwissenschaftler das Lebendige verdrängen oder zur Maschine degradieren.

Der Fehler ist, die Methode mit dem Gegenstand zu verwechseln. Um ein Ganzes zu untersuchen, muss es in Teile fragmentiert werden, aber wenn man glaubt, diese Teile wieder zu einem Ganzen zusammensetzen zu können, dann ist das eine Illusion. In der Wirklichkeit gibt es keine isolierten Teile, sondern nur ein zusammenhängendes Ganzes. Das Ganze ist nicht das Ergebnis der wissenschaftlichen Untersuchung, sondern geht ihr voraus. Wer Körper und Seele, Materie und Geist, Hirn und Denken trennt, darf sich nicht wundern, dass er deren Zusammenwirken hinterher nicht mehr versteht. Wer den Menschen zur Maschine macht, kann ihn nicht mehr zum Leben erwecken.

Wissenschaft beschreibt nicht die Welt, sondern konstruiert eine Welt. Modell und Wirklichkeit dürfen dabei nicht verwechselt werden. Die Autorin zitiert Werner Heisenberg: „Wir müssen uns daran erinnern, dass das, was wir beobachten, nicht die Natur selbst ist, sondern Natur, die unserer Art der Fragestellung ausgesetzt ist.“ Und wenn Humberto Maturana sagt: „Wir erschaffen die Welt, in der wir leben, indem wir in ihr leben“, dann gilt das auch für die Welt der Wissenschaft.

 

Siri Hustvedt, Die Illusion der Gewissheit

Rowohlt Verlag, 2. Aufl. 2018, 414 Seiten, EUR 24,00

ISBN 978 3 498 03038 4

 

Gedanken zu den „Wortkörpern“ von Johann Berger

32202744_2403905552960308_6426007451253866496_nAm 24. Mai 2018 wurde im traditionsreichen Palais Strozzi in Wien, organisiert vom „Complexity Science Hub Vienna“, einem Institut, das sich der Komplexitäts-forschung widmet, die Ausstellung „Wortkörper“ von Johann Berger eröffnet – ebenso gelungen wie spannungsgeladen. Innovative Wissenschaft in einem traditionsreichen Gebäude präsentiert ebenso innovative Kunst, die auf antike Begriffe rekurriert.

DSCN4650_webBerger unternimmt etwas, das es bislang nicht gegeben hat. Er nimmt Begriffe aus dem Griechischen und Hebräischen, nimmt den Buchstaben das Nacheinander, setzt sie hintereinander und entwickelt daraus eine buchstäblich begreifbare Form. Im Innenhof des Gartenpalais steht außerdem noch etwas erstmals Realisiertes, ein Objekt, das als 3D-Druck aus Beton entstanden ist, aus der Entwicklungsabteilung des Bauunternehmens Baummit.

Kunst wird dann bedeutsam, wenn sie beim Betrachter das Innere anrührt und/oder zum Denken anregt. Dazu fordert die doppelte Spannung zwischen Tradition und Innovation geradezu heraus.  Man kann sagen, dass bereits Aristoteles die komplexe Natur zu erschließen versuchte. Der kulturelle rote Faden reicht bis zur Naturwissenschaft, die aber lange Zeit eine Theorie einfachster Systeme war. Erst in heutiger Zeit versucht man, der Komplexität der Natur gerecht zu werden.

Johann Berger nimmt antike Begriffe in griechischer und hebräischer Schrift, und setzt die Worte dreidimensional in den Raum, so dass sie buchstäblich begreifbar werden. Damit passiert etwas, das es bisher noch nicht gegeben hat, das aber auch der heutigen Verwendung von Worten einen Spiegel vorhält. Wir wollen „begreifen“, wir definieren, d.h. wir grenzen den Begriff ein. Dass dadurch nicht nur etwas klarer wird, sondern auch etwas verloren geht, kommt uns nicht mehr in den Sinn.

 

In der Antike waren die Sprachen bildhafter und weniger begrifflich als heute. Auch eine klare Bedeutung war mehrdeutig. So war das hebräische Wort für „Vater“ auch das Wort für „Ursprung“. Letzteres geht verloren, wenn Fundamentalisten es nur mehr anthropomorph als „Vater“ verwenden. Zudem erleben Worte einen Bedeutungswandel. Sprache ist lebendig und wandelt sich ständig. Wer heute an einen „persönlichen“ Gott glaubt, der glaubt so ziemlich das Gegenteil dessen, was damals darunter verstanden wurde. Persona war die Maske im griechischen Theater, die „Person“ (im heutigen Sinne) dahinter, der Schauspieler, blieb unsichtbar und verlieh der Maske das Leben, den Charakter. Als der Begriff der Trinität kreiert wurde, dachte man wohl mehr an drei Masken als an drei „Personen“.

Diese Mehrdimensionalität der (mehr bildhaften) Wortbedeutungen ist verloren gegangen. Selbst die hebräischen Buchstaben sind keine Zeichen, sondern Bilder, Symbole, die auch in Zahlen ausgedrückt werden können, wodurch ihre Bedeutung klarer und gleichzeitig vieldeutiger wird. Dies alles schwingt in Bergers „Wortkörpern“ mit, durch die paradoxe Situation, dass gerade durch das „festgestellte“ statische Objekt die ganze Kulturgeschichte mitschwingt. Dadurch wird ein Finger auf den wunden Punkt unserer Kultur gelegt, nämlich dass unsere Begriffe die Dimension der Zeit, ihren dynamischen, mehrdimensionalen und vieldeutigen Charakter verloren haben.

Das ist jedoch nicht nur der Sprache geschuldet, sondern dem vorherrschenden Weltbild, das ein zutiefst statisches ist, dem die Zeit, jegliche Dynamik, jegliche Entwicklung fremd ist. Das europäische Denken zerlegt die Welt in kleinste Teilchen, das Ergebnis sind ganz scharfe Standbilder, mit denen der dynamische Film der Wirklichkeit aber verloren ist. Der zweite Strang der europäischen Kultur, der schon bei Heraklit („Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss“, „panta rhei“ = alles fließt) anklingt, spielt eine zunehmend unbewusste, verdrängte, inferiore Rolle. Nicht zufällig ist die Frage der Zeit für die heutige Leitwissenschaft Physik ein unlösbares Problem. Selbst das Zusammenfügen der Standbilder zu einem großen Ganzen ergibt immer noch keinen Film.

Es ist das Verdienst Johann Bergers, dass er durch seine „festgestellten“, materialisierten Formen auf die lebendige Tradition verweist, auf das Fließen, auch der Übergänge zwischen den Buchstaben. Der Betrachter wird angeregt, nicht nur den Prozess der Entstehung des Objekts, wie auch der ursprünglichen Worte mitzudenken, wodurch Verlorenes wieder lebendig werden kann.

 

Philosophie

Philosophen werden allgemein als Denker bezeichnet, doch das trifft es nicht.

Wenn sich Philosophie auf das Denken beschränkt, dann ist das die Absolutsetzung des Rationalen unter Verdrängung alles anderen. Verdrängung führt aber nicht zur Erkenntnis, sondern zur Angst, die immer eine Verengung des Horizonts bedeutet.
Die übliche Definition des Menschen als „animal rationale“ ist so eine Einengung, zumindest, wenn wir „rationale“ als rational übersetzen. Das griechische „zoon logon echon“ bedeutete allerdings noch wesentlich mehr. Daher muss man das „animal rationale“ übersetzen mit „vernunftbegabtes Wesen“. Und „Vernunft“ (von „vernehmen“) ist weit mehr als Rationalität, ist so etwas wie die Verbindung von Logik, Einfühlung und Intuition.

Philosophie war ursprünglich der Name für Wissenschaft. Erst als sich die Einzelwissenschaften aus der Philosophie abspalteten, wurde diese eine eigene Disziplin. Trotzdem waren und sind Philosophen meist vertraut mit den Wissenschaften, und an den Universitäten war die Philosophische Fakultät ein Dach für die Wissenschaften. Lange Zeit waren nur die Juridische und die Theologische Fakultät davon getrennt. Heute gibt es die interessante Entwicklung, dass die Kunstakademien und -hochschulen in Universitäten umbenannt werden. Es war wohl ein Fehler, das Kreative aus dem Universalen auszuschließen, was aber am wissenschaftlichen Weltbild und dem Ausschluss des Lebendigen und Menschlichen aus diesem liegt.

Universalität

Umgekehrt ist das gesamte Fächerspektrum der Universitäten nichts als die gemeinsame Antwort auf die eine Kant’sche Frage: Was ist der Mensch? Das sieht man sehr schön an der modernen Physik, in der es nicht um die Beschreibung der Natur, sondern um unsere Sicht der Natur geht, also letztlich nicht um objektives Wissen, sondern um Erkenntnistheorie, um die Frage: Was kann der Mensch wissen? Die (objektive) Natur direkt zu beschreiben ist nicht Aufgabe der Naturwissenschaft. Objektivität ist eine der Kategorien, die inzwischen obsolet geworden sind.

In der Logik geht es nicht um Naturgesetze, sondern um Denkgesetze. Es ist die Methode, mit der wir an die Natur herangehen, die die Forschung bestimmt, aber auch das, was wir durch diese finden können. In der auf Aristoteles zurückgehenden und durch die Naturwissenschaft präzisierten Logik haben wir uns jahrhundertelang bewegt. Die Quantenmechanik ist damit nicht zu begreifen, sie geht über unsere gewohnte Logik, unser gewohntes Sehen der Realität hinaus, durchbricht und erweitert den Rahmen unseres Sehens.

Vom Gegensatz zur Komplementarität

Daher konnte Richard Feynman sagen: Wer die Quantentheorie verstanden hat, hat sie nicht verstanden. Das Messen verändert das Gemessene, das Sehen verändert die Welt, und die Wissenschaft verändert das Denken, verändert, was es heißt zu verstehen. Zumindest die westliche Logik musste bisher von zwei gegensätzlichen Aussagen eine eliminieren, weil nur eine richtig sein konnte. Jetzt wird aus Gegensätzen Komplementarität, Gegensätze schließen einander nicht aus, sondern ergänzen sich. Es ist nicht mehr sinnvoll, von der Identität von Elementarteilchen zu reden, und wenn diese entweder Teilchen oder Welle sind, je nachdem wie wir das Experiment anlegen, dann ist auch die Eindeutigkeit als Kriterium verloren gegangen. „Die Eigenschaft von Quantenphänomenen wird durch die Messung nicht festgestellt, sondern hergestellt“ (Herbert Pietschmann). Die Materie ist nicht aus kleinsten Bausteinen aufgebaut, sondern aus „etwas“ (bereits dieser Begriff ist falsch), das nichts mit unserer Vorstellung von Materie gemein hat. Wenn wir im Doppelspaltexperiment nicht am Spalt, sondern dahinter die Messung vornehmen, dann messen wir, und legen damit fest und ändern, wie sich das Teilchen vorher (in der Vergangenheit) „entschieden“ hat.

Plötzlich wird transparent, dass Denken und Logik auf das Erfassen einer objektiven Außenwelt abgezielt hat, die es eigentlich so nicht gibt. Andererseits wird auch schlagartig klar, dass die Psychologie es deshalb so schwer hat, weil sie eine Innenwelt beschreibt, die völlig anderen Gesetzen und einer ganz anderen Logik folgt. Da ist nichts eindeutig, sondern alles ist mehrdeutig, es können sich verschiedene Identitäten ausbilden, Gegensätze bestehen nebeneinander und bilden unsere inneren Konflikte, die wir durch Eliminieren eines Gegensatzes nicht lösen können. Viel wichtiger als Begriffe sind Symbole, die der Vielfalt, Mehrdeutigkeit und Mehrdimensionalität des Lebens gerecht werden.

Welt oder Leben

Zurück in der Außenwelt wird wiederum klar, dass auch da unsere Gesetze der Logik nicht gelten. Die gelten nur für eine abstrakte Außenwelt. In der Natur ist nichts eindeutig, nichts reproduzierbar, es herrscht Vielfalt und Kreativität. Vieles ist nicht quantifizierbar, vor allem wenn es um Leben und den Menschen geht. Das heißt, wenn es um unsere Lebenswirklichkeit, auch um unsere Außenwelt geht, dann hat die Psychologie mehr zu sagen als die Physik. Daher sagt Ludwig Wittgenstein in seinem Tractatus logico-philosophicus (6.52): „Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen Fragen der Wissenschaft beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ Die Naturwissenschaft war deshalb so immens erfolgreich. weil sie das Leben und den Menschen als Subjekt methodisch ausgeschlossen hat. Der kommt aber in der Quantenmechanik durch die Hintertür wieder herein, womit die Quantentheorie zunächst völlig unverständlich wirkt.

Während durch die in der naturwissenschaftlichen Methode notwendige Analyse die Zeit in Momentaufnahmen verschwindet, steckt im Sehen eines „Gegenstandes“ nicht nur das „Subjekt“, sondern die gesamte Biographie des Betrachters. In menschlichen Beziehungen wird es noch komplexer. Da werden Gegensätze zu Konflikten, und zuvor geht es um die inneren Konflikte, Traumata usw., um fixierte Muster, die wir solange wiederholen, bis wir sie verändern. Auch da gibt es „Gesetze“ und eine eigene Logik, Objektivität spielt aber eine untergeordnete Rolle.

Was ist der Mensch?

In der Philosophie wie in den Wissenschaften geht es um eine einzige Frage: Was ist der Mensch? Und es geht nicht primär um Denken – das verändert sich im Laufe der Zeit und der (biographischen) Entwicklung – sondern um Staunen und Fragen. Denken legt eine Struktur über das Gedachte, bändigt und verformt es gleichzeitig, Staunen erkennt etwas als fragwürdig, und Fragen lässt offen. Denken wäre, neben Fühlen, Wollen, Träumen, Intuition usw., eine Unterabteilung der Psychologie. Das Denken des Philosophen, das der Frage nach dem Menschen nachgehen will, muss den ganzen Menschen, das ganze Leben einschließen. Daher ist Philosophie nicht ohne das Spektrum der Wissenschaften zu sehen, insbesondere diejenigen, die über den gewachsenen Denkrahmen hinausgehen, wie eben die Tiefenpsychologie und die Quantentheorie.

Aus demselben Grund wurden – und geachtet dessen, dass der Mensch auch ein spirituelles Wesen ist – die Religionswissenschaft und die Theologie aus dem „modernen“ Weltbild verdrängt, das im ausgehenden 19. Jahrhundert steckengeblieben ist. Denn weder die Tiefenpsychologie noch die moderne Physik mit Relativitätstheorie, Quantentheorie und Chaostheorie sind in ein modernes Weltbild eingegangen. Dem rational-begrifflichen Denken entsprechend sind nur einige – meist missdeutete – Begriffe in die allgemeine Sprache eingegangen, wie „Relativität“ oder „Quantensprung“ aus der Physik, „Unbewusstes“ oder „Komplex“ aus der Psychologie, und dass die Chaostheorie nichts mit dem Chaos zu tun hat, bemerkt auch kaum jemand.

In der Philosophie geht es jedenfalls ums Ganze, allerdings nicht um das Denken des Ganzen, denn das ist nicht möglich. Die „Objektivität“ einer (abstrakten) Außenwelt suggeriert, dass man auch das Ganze von außen betrachten kann – dann wäre es aber nicht das Ganze. Man kann sich dem nur von innen her nähern, in Offenheit. Und wenn Philosophie aufs Ganze geht, dann kann es das nicht mit dem Denken, sondern muss mit dem ganzen Menschen geschehen. Da müsste auch alles einschließen, was die Naturwissenschaft ausgeschlossen hat: Einmaligkeit, Vieldeutigkeit, Einfühlung, Intuition, Kreativität, Träume, Ängste, Konflikte, Dynamik, die Zerrissenheit des Menschen zwischen dem Absoluten (dem, was er absolut setzt) und dem Konkreten, Endlichen, dessen Enge mit Angst besetzt ist.

Leben und Beziehung

Es geht nicht um „Wissen“ von „Etwas“, es geht ums Leben. Nicht um Subjekt und Objekt, sondern um Beziehung. Auch in der Mikrowelt der Elementarteilchen geht es nicht um kleinste „Bausteine“, sondern „um Beziehung, aber nicht Beziehung von etwas, sondern nur um Beziehung“ (Hans-Peter Dürr). Genau um das, um reine Beziehung, geht es nach theologischer „Definition“ bei der Trinität. Und dazwischen soll es um etwas anderes gehen?

Der Sinn des Ganzen, nach dem nicht nur Philosophen fragen, ist nicht der Sinn von „Etwas“, sondern der Sinn unseres je eigenen Lebens. Das zeigt sich nicht im Gegenüber zur „Welt“, sondern im Miteinander der Menschen. Nicht im Wissen, sondern im Leben und Lieben. Das zu verstehen ist ohne (Tiefen-)Psychologie, ohne Innenschau gar nicht möglich. Und diese Innenschau legt nicht ein Sosein offen, sondern eine Dynamik, innere Konflikte, Traumata und Muster, die immer zum selben Chaos führen. Und es geht nicht um das Eliminieren von Gegensätzen, sondern darum, sie in Komplementarität stehenzulassen, aber sozusagen die unscharfen (unbewussten) Bilder dynamisch scharfzustellen.

Damit wird die Psychoanalyse zur Philosophie, weil das Heilen von psychischen Erkrankungen nur ein Teil ist, der wesentlichere Teil wäre, das Leben an sich wieder in eine Dynamik zu bringen. Weil der Mensch nicht ist, was er ist, sondern erst werden soll, was er ist oder sein könnte. Dabei helfen Beziehungen weit mehr als das Denken. Der Liebende sieht den Geliebten so, wie er sein könnte, und über vieles hinweg, was ist. Liebe überantwortet den anderen in die ihm eigene Dynamik. Beide verlieren den zuvor festen Standpunkt und finden sich wieder im Fluss des Lebens, dessen Ziel sie als Orientierung vor Augen haben, das aber völlig offen ist.

Daher kann ein naturalistisches Weltbild mit Liebe nichts anfangen. Nicht weil sie nur biologisch gesehen wird, sondern weil sie die Vereinigung der Gegensätze ist, deren „Auflösung“ in Komplementarität, die sie stehen und sich ergänzen lässt. Weil sie nicht nur den Himmel auf Erden bringt, sondern auch die Hölle auf Erden integriert. Weil sie nichts aus-, sondern alles einschließt. Nicht Einheit im Gegensatz zum Getrenntsein, sondern Einheit von Getrenntem. Weil sie nur erfahren werden kann – unnennbar, unsagbar, unbegreiflich, unbeschreiblich und überwältigend.

Europäische Werte – Hochkultur oder Technologiekultur?

Die Europäische Kultur wird derzeit extrem hochgehalten und verteidigt. So hoch, dass man gar nicht mehr fragen muss, was das denn nun ist.

Ginge es ernsthaft um die europäische Kultur, wäre erstens nach ihren Wurzeln zu fragen: die sind germanisch-keltisch, christlich-jüdisch, griechisch-römisch und arabisch-griechisch. Litte unser Geschichtsverständnis nicht unter multiplen Verdrängungen, wäre sofort klar, dass Wissenschaft, Medizin, Zahlen, Mathematik, Medizin und nicht zuletzt Philosophie aus Arabien über Griechenland nach Europa kamen, als hier von Kultur noch nicht so viel die Rede war. Wir würden von Ureinwohnern sprechen, ginge es um Australien oder Afrika. Die Wissenschaftssprache war in Europa zunächst Arabisch, erst später Latein.

Ja, und dann haben wir die Aufklärung, auf die wir so unendlich stolz sind. Seitdem gibt es keinen Aberglauben mehr, nur Wissenschaftsgläubige. Das Ideal – allerdings nur von Immanuel Kant – war der mündige Bürger. Seither ward er nicht mehr gesehen. Beinahe wäre man versucht zu behaupten, dass der Islamische Staat gerade eben seine Aufklärung durchläuft, sind doch durch diese mehr Köpfe – maschinell, durch die Guillotine – gerollt, als der IS in Handarbeit zustande bringt.

Zweitens wäre zu fragen, wie es heute um diese europäische Kultur bestellt ist?
Menschenrechte: In der Hitliste der menschenrechtsverletzenden Staaten finden sich auch die USA und europäische Länder. Wenn man sich Bilder der Flüchtlingslager ansieht, vergisst man auch leicht die Menschenrechte. Über die Rechtsparteien breiten wir mal Schweigen.

Freiheit: Wie viele Grenzen setzt da die Bürokratie? Oder der freie Markt? Gut, wir werden nicht gezwungen, am Konsum zu ersticken, es wird uns nur nahegelegt. Die Wissenschaft ist frei? Ohne Drittmittel kaum mehr möglich. Es wird nur beforscht, was Geld bringt, und das nicht nur in der Medizin. Gut, es gibt Grundlagenforschung, z.B. in der Physik, Biologie oder Medizin. Aber da müssen Sensationen verkauft werden (das „Gottesteilchen“ – auch wenn das weder mit Gott zu tun hat, noch wirklich ein „Teilchen“ ist. Oder „Chaostheorie“, auch wenn die gar nichts mit Chaos zu tun hat. Oder wir haben das menschliche Genom entschlüsselt, auch wenn das erstmal gar nichts bedeutet. In der Krebsforschung eilen wir von einer Sensationsmeldung zur nächsten, auch wenn sich tatsächlich kaum etwas tut, weil ohnehin nur in eine Richtung geforscht wird).

Gleichheit: Der wohl am meisten mit Füßen getretene europäische Wert. Wir sind natürlich alle gleich, bloß Kinder aus verschiedenen sozialen Schichten nicht, Menschen mit verschieden dicker Brieftasche nicht (etwa im Gesundheitssystem; dass die Privatversicherten dafür öfter ohne Grund operiert werden, ist nur ein geringer Trost). Auf der einen Seite die stark wachsende Gruppe der „working poor“, die hart arbeiten, aber nicht davon leben können, auf der anderen Seite die Herren an den Wall Streets dieser Welt, die Millionen durch Zocken „verdienen“, und selbst das machen eigentlich die Computersysteme. Dafür haben wir als Beruhigungsmittel die Quotenregelung geschaffen. Mehr Frauen in die Chefsessel und Vorstandsetagen – aber nicht um dort weibliche Qualitäten einzuführen, was bitter notwendig wäre bei dem pubertären System, sondern damit sie das männliche Unvermögen nachäffen.

Eine Erfolgsgeschichte ist die Genderforschung, zunächst in der Grammatik. Gendergerecht muss dort alles dem Erdboden gleichgemacht werden. Das phallische Binnen-I macht uns endlich zu Zwitterwesen. An den Unis gibt’s schon das ProfessX. Und wenn wir uns Penis und Brüste amputieren (nicht nur wegen Krebsgefahr), dann sehen wir dem auch äußerlich ähnlich. Fortpflanzung wäre zu viel Ungleichheit. In vitro veritas! Wenn dann Einheitsmenschen Einheitsmenschen im Gläschen züchten, dann ist die letzte Gleichheit erreicht.

Brüderlichkeit: (Da fehlt anscheinend immer noch die Schwesterlichkeit). Wir sind heute sowas von brüderlich, wenn auch nur mit uns selbst. Die Ich-AG ist die Spitze unserer Zivilisation. Einer für alle war einmal, jetzt heißt es jeder gegen jeden. Wenn jeder für sich arbeitet, dann geht’s allen gut. War ja in der Steinzeit auch schon so, haben wir nur zwischenzeitlich vergessen. Gilt auch nur für den eigenen Stamm, Überfremdung können wir doch nicht zulassen. Brüderlichkeit als Bonsai-Ausgabe der Menschlichkeit. Es ist immer wieder erstaunlich, zu welcher Einfalt ein so komplexes Organ wie das menschliche Gehirn fähig ist.

Apropo: Nicht zu vergessen das „Christliche Europa“. Die hier am lautesten schreien, sind am weitesten davon entfernt. Statt Nächstenliebe nur mehr den Allernächsten lieben. Statt Caritas Besitzgier, auch in Form des „im Besitz der Wahrheit“ sein. Wir haben die „Wahrheit“, alle anderen haben die Lüge, und die muss bekämpft werden. Frieden muss erkämpft werden, auch mit verbalen Bomben. Vom „christlichen Europa“ reden, während nur eine kleine Minderheit wirklich christlich denkt und handelt. Ein christliches Europa wäre in Wahrheit ein entvölkertes Europa.

Wirklich europäisch ist die Naturwissenschaft, wenn auch mit arabischen Wurzeln. Und das ist tatsächlich eine Erfolgsgeschichte. Alle Errungenschaften der modernen Zivilisation gehen darauf zurück. Sie hat nur eine Nebenwirkung: In der Naturwissenschaft kommt der Mensch nicht vor. Ist auch nicht notwendig, Naturwissenschaft ist eine Methode, die sich mit Materie in Raum und Zeit befasst. Und das ist gut so. Allerdings hat sie verheerende Nebenwirkungen, wenn sie zur Ideologie wird. Dann wird Wirklichkeit mit dem gleichgesetzt, was mit dieser Methode untersucht werden kann. Und da der Mensch in der Naturwissenschaft nicht vorkommt, wird diese Ideologie dann eben auch unmenschlich. Die anderen Wissenschaften werden zu Orchideenfächern degradiert, damit leben wir so, als gäbe es Psychologie, Philosophie oder Theologie nicht. „Wir leben so, als wäre das Unbewusste nie entdeckt worden“, bemängelte schon Erwin Ringel. Und Ludwig Wittgenstein sagte: „Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ Die Erfolgsgeschichte der Naturwissenschaft hat also auch ihre Schattenseite. Wir vergessen zunehmend das eigentlich Menschliche.

Worauf wir wirklich stolz sein können, ist die damit verbundene Technologie. Wer könnte oder wollte heute ohne Auto oder Mobiltelefon leben? Der Westen hat seine Technologie in alle Welt exportiert, andere haben sie imitiert. Aber ob wir darauf wirklich so stolz sein können? Wir können auf der Straße mit China telefonieren, aber der Nachbar, der in seiner Wohnung stirbt, wird wochenlang nicht entdeckt. Wir können in kürzester Zeit an jeden Ort der Welt gelangen, aber im Denken sind wir so unbeweglich, dass wir vor anderem Denken Angst haben. Wir können das menschliche Genom buchstabieren, aber dem eigenen Unterbewussten sind wir hilflos ausgeliefert, weil wir noch nicht mal begriffen haben, dass es das gibt. Wir sind stolz auf unsere Heimat, begreifen aber nicht, dass wir auch in eine Kultur, in ein Weltbild hineingeboren wurden, und dass es auch andere Kulturen und andere Weltbilder gibt, die anders, aber genauso berechtigt sind. Wir reden von europäischen Werten, aber lassen Menschen im Mittelmeer ersaufen und auf der Balkanroute krepieren.

Wir haben eine Hochtechnologie, aber von Hochkultur sind wir meilenweit entfernt.

Wenn ich an „Wissenschaft“ zu zweifeln beginne

„Aufregender Sex, psychedelische Drogen und durchgemachte Nächte sind Anzeichen für Intelligenz. Das glauben Sie nicht? Dann lassen Sie sich von der Wissenschaft überzeugen.“ So der spannende Vorspann eines Artikels mit dem Titel „Sex, Drogen und Ausschlafen: Die verblüffende Seite der Intelligenz“.

Nun, einmal abgesehen davon, dass der Vorspann von Journalisten geschaffen wurde und nicht unbedingt was mit den Studien zu tun hat – ganz unten in dieser Online-Publikation steht was von „Qualitätsjournalismus“, doch Eigenlob ist das sicherste Zeichen für das Gegenteil, das wissen wir auch ohne Studien – sind auch die meisten der zitierten „wissenschaftlichen“ Studien tatsächlich eher frei von Intelligenz.

Doch bevor wir uns den Studien zuwenden, noch eine Satz der Qualitätsjournalisten: „Intelligente Menschen stehen später auf, haben besseren Sex und nehmen eher synthetische Drogen als weniger intelligente Artgenossen. Das geht aus mehreren Studien hervor, über die das britische Männermagazin „Esquire“ berichtet.“ Wir können wahllos fortsetzen: Intelligente Menschen haben mehr Unfälle, betreiben mehr Golf und Tennis und sind öfter am Mount Everest. Weniger Intelligente können sich das nämlich alles meist nicht leisten – wie auch Sex, Drugs und durchgemachte Nächte.

Damit zu den „wissenschaftlichen“ Studien: Tatsächlich wurde festgestellt, dass Absolventen von Eliteunis mehr Drogen nehmen, und dann wird spekuliert, warum das so ist. Etwa dass sich Intelligentere besser mit den Gefahren von Abhängigkeit und körperlichen Schäden auseinandersetzen könnten. Ja, hat diesen „Wissenschaftlern“ niemand gesagt, dass Drogen einfach teuer sind?
„Noch konkreter zeigt den Zusammenhang eine Studie von 2010, über die „Psychology Today“ berichtete. Menschen mit einem Intelligenzkoeffizient von 125 oder höher nehmen demnach exponentiell mehr Drogen als Menschen mit einem IQ von 75 oder weniger.“ Da wird es ja ganz spannend! Die mit einem IQ von 75 und weniger wissen ja gar nicht, was Drogen sind! Und dazu brauchen wir „wissenschaftliche“ Studien!

„Eine dritte Studie, über die ‚Esquire‘ berichtet, trägt den Titel: ‚Warum Nachteulen intelligenter sind‘. Schon seit Jahrtausenden arbeitet der Mensch am Tag und schläft in der Nacht. Wer mit diesem Kreislauf breche, bei dem steige die Chance evolutionär Neues zu erreichen, heißt es in dem wissenschaftlichen Papier von 2009. Wer sich an etwas Neuem, etwas Essenziellem versuche, der sei gewillt, seine Grenzen zu durchbrechen, lautet der Kern der Studie.“ Am Einleuchtendsten ist das beim Essen und Atmen. Wer damit bricht, tut demzufolge am meisten für die Evolution!

Eine geniale Erklärung, die den Nobelpreis verdient hätte! Jetzt wissen wir endlich, dass wir unter Zuhältern und Prostituierten (und deren Kunden), Schichtarbeitern (nichts gegen Prostituierte und Schichtarbeiter), in der Mafia und sonstiger Unterwelt die Intelligentesten unserer Art antreffen! Klar, dass die Polizei da nie und nimmer was ausrichten wird – es sei denn, sie rekrutiert Nachteulen, um mit der Intelligenz gleichzuziehen. Und wenn man weiterdenkt, wirft das ein völlig neues Licht auf Leonardo da Vinci, Goethe oder Einstein! Da müssen wohl einige Biographien umgeschrieben werden. Und wie der stockbiedere Kant zu seiner Philosophie gefunden hat, wird wohl ein ewiges Rätsel bleiben.

Doch damit zur ersten Studie, die sicher der Aufhänger der Qualitätsjournalisten war, und die eigentliche Motivation, vom britische Männermagazin „Esquire“ abzuschreiben: „Die aktuellste Arbeit zeigt, dass Studenten an Englands Eliteuniversitäten Oxford und Cambridge mehr Geld für Sexspielzeug ausgaben, als Studierende an weniger bekannten Unis.“ Die Studie wurde im Auftrag eines – richtig geraten! – Sex-Toy-Händlers durchgeführt. Da sonst keine Zielgruppen ausgewiesen sind, könnte ein Profiler vermuten, dass das eine gezielte Werbeaktion Richtung Studenten war. Und wofür sonst sollte der Sex-Toy-Händler sein Geld ausgeben? Das Prinzip kennen wir ja aus der Pharma-Industrie – nicht erst seit der blauen Pille.

Süß auch die darauf entbrannten Diskussionen in der britischen Qualitätspresse: „The Telegraph“ zitiert eine junge Cambridge-Studentin, der endlich klar geworden ist, dass Elite-Studenten eben wissen, „dass Sex und Sexspielzeug der beste Weg sind, Stress abzubauen“. Klar dass man dazu einen IQ wie Einstein braucht. Ich will gar nicht wissen, wie viele Studenten sich nach Publikation der Studie Spielzeug bestellten, um sich beim nächsten Spiel als intelligenter zu erweisen. Was ja wohl auch der Zweck der Übung – äh der Studie – war.
Eine Mitarbeiterin des Händlers versucht es gegenüber ‚Esquire‘ damit zu erklären, dass Intelligente eben weltoffener sind. Die kennt unsere modernen Hirnforscher nicht, die sich durch eine eher restriktive Logik auszeichnen. Naja, vielleicht würden sie auch mehr über unser Hirn herausfinden, würden sie weiter unten forschen…

Und dann blitzt doch noch der Qualitätsjournalismus durch, zumindest an dieser einen Stelle: „Ob der Zusammenhang nicht einfach nur durch das dickere Portemonnaie zu erklären ist, das viele Studenten an den Eliteunis haben, thematisiert die Auswertung nicht.“ Wer sich um Miete, Strom, Heizung, Telefon usw. Sorgen machen muss – und das werden leider immer mehr – der bleibt wohl eher beim eigenen, biologischen Sexspielzeug.