Mein Wunsch ans Universum

Mein Wunsch ans Universum wäre: Versteck dich doch nicht so verschämt hinter der äußeren Fassade, auch wenn das Dahinter noch so schwer zu verstehen ist!

Ich find es immer so lieb, wenn heute so verschämt vom „Universum“ die Rede ist. Es ist etwas ganz anderes gemeint, über das man aber heute nicht mehr reden darf, weil es zum Tabu geworden ist. Es zeigt nämlich nur, dass man den Menschen nicht seines Wesens berauben kann. Das ist, als würde man abgelutschte Kerne vergraben, um sie los zu werden, und im nächsten Frühling treiben sie fröhlich aus.

Was meine ich damit?

Nicht erst seit den Missbrauchsskandalen ist die Kirche unglaubwürdig geworden, hat die Deutungshoheit über Gott und die Welt – und vergessen wir nicht den Menschen, um den es in erster Linie geht – verloren. Das hat inner- und außerkirchliche Gründe und ist vor allem zeitbedingt. Wie die Kirche damit zurechtkommt, ist ihre Sache. Wie wir damit zurechtkommen, ist unsere Sache.

Tatsache ist:

Das Wort „Gott“ ist so abgenudelt, dass es kaum noch zu gebrauchen ist.

Das liegt allerdings zum größeren Teil an der Kirche, die uns im Laufe ihrer 2000-jährigen Geschichte mit falschen Gottesbildern nur so bombardiert hat. Im 2. Vatikanischen Konzil hat sie es sogar selbst ganz zaghaft zugegeben. Sie hat „Gott“ immer am biblischen „Du sollst dir kein Bild machen“ vorbeigeschummelt. Und so etwas scheint sich auch „Gott“ auf Dauer nicht gefallen zu lassen.

Fazit ist jedenfalls:

Wir müssen uns was Neues einfallen lassen, um das Alte wieder zu verstehen.

Nachdem die Aufklärung so manchen Aberglauben und eben auch diese fiesen Götterbilder hinweggefegt, den Weg für die Naturwissenschaft freigemacht, aber das Weltbild auf Schrebergartenniveau reduziert hat – es hat eben alles in der Welt (mindestens) zwei Seiten – ist der Weg der Kirche natürlich nicht mehr glaubwürdig. (Nicht, dass es nicht auch großartige Priester gibt, aber die haben wenig oder nichts zu reden). Von „Gott“ zu reden lockt niemand mehr hinter dem Ofen hervor, ganz im Gegenteil. Die Kirche, die so lange den Anti-Christ beschworen hat, ist selbst zum Anti-Mephisto geworden: Mephisto, den Goethe so treffend beschrieben hat als den „Geist, der stets verneint, der stets das Böse will und stets das Gute schafft“, während die Kirche zunehmend zum Gegenbild erstarrt: zum Geist, der stets das Gute will und damit stets mehr Ablehnung schafft.

Wir brauchen etwas Neues, damit das Alte nicht verloren geht.

Der Kirche laufen ihre Schäfchen in Herden davon. Was man sogar biblisch als neue Phase sehen kann. Es wiederholt sich ja nur die Geschichte. Jesus kam zunächst „nur für das Haus Israel“, aber schon immer spielte sich Wesentliches außerhalb ab. Etwa Heilungen oder das Gespräch mit der Frau am Brunnen oder die Sache mit dem barmherzigen Samariter. Schon im Kern des Evangeliums kommt vieles von außerhalb.

Die Haltung vieler der flüchtenden Schäfchen ist: Die Kirche sagt mir nichts (mehr), aber ich bin ein spiritueller Mensch. Was auch naheliegend ist: Es würde sonst dem Menschen auch etwas zutiefst Menschliches fehlen. Damit verbunden ist, dass das Wort „Gott“ verpönt ist. Mit einem so missbrauchten und abgenudelten Begriff ist auch kaum mehr zu arbeiten. In den 1960er Jahren begannen sich die Menschen, die sich von der Kirche abwendeten, asiatischen Kulturen zuzuwenden. Eine Welle des Buddhismus folgte auf eine Yogawelle. Beides ist inzwischen so verflacht, dass es kaum wiederzuerkennen ist. Yoga wurde zur zirkusreifen Gymnastik, der Buddhismus reduzierte sich auf ein paar unverstandene Phrasen. Aus dem mehr als abgestandenen Wasser sollte etwas Neues entstehen.

So wird statt „Gott“ heute immer öfter das „Universum“ beschworen.

Da wird es naiv mit „Wünschen an das Universum“ bombardiert, was um nicht besser ist als die „Volksfrömmigkeit“ des Mittelalters. Früher wurde „Gott“ mit Wünschen traktiert, heute das Universum. Wo, bitte, ist da der Fortschritt? Es ist ja wirklich lieb, wie jetzt alles, was man früher „Gott“ in die Schuhe geschoben hat, nun dem „Universum“ aufgebürdet wird. Und der Gipfel der Naivität: Man erwartet Antworten vom „Universum“!

Also entweder ist das Universum das, was es in der Kosmologie ist, eine gigantische Ansammlung von Sternen, Galaxien, dunkler Materie und dunkler Energie – dann wird es keine Antworten geben und kaum Wünsche erfüllen können. Oder wir sprechen aus, was heute zum Tabu geworden ist, nämlich dass es auch da so etwas wie Bewusstsein gibt – und dann sind wir wieder da, wo wir schon immer waren. Denn früher hat man das als „Gott“ bezeichnet. Eine Metapher für ein unbegreifliches „Alles und mehr“.

Kein Bewusstsein ohne Materie – keine Materie ohne Bewusstsein

Szientisten behaupten heute, es gibt kein Bewusstsein ohne Materie. Womit sie ja Recht haben. Aber das ist eben nur die eine Seite der Medaille. Was, wenn es auch keine Materie ohne Bewusstsein gäbe? Und genau darauf zielt das hilflose Sprechen vom „Universum“ eigentlich ab. Nur sagt das niemand dazu. Diese beiden Auffassungen sind wie Teilchen und Welle in der Physik komplementär, also zwei Seiten einer Medaille, die zwar gegensätzlich sind, aber nur zusammen die Wirklichkeit ergeben können. Komplementarität ist einer der wichtigsten Konsequenzen der Quantentheorie. Es ist die Absage an das aristotelische Entweder-Oder. Und auch die Absage an ein bloß dingliches Universum.

Wenn wir das kindische „Wünschen ans Universum“ beiseitelassen, das eines modernen Menschen wirklich unwürdig ist, dann sind wir beim Universum als lebendem Organismus. Und dann ist der verschämte Ausdruck „Universum“ so als würde ein Mensch auf uns zukommen, und wir rufen aus: Oh, da kommt ein Mantel! Statt einen unverstandenen „Gott“ beten wir jetzt eine ebenso unverstandene Materie an? Das kann es nicht sein, und das ist auch nicht gemeint.

Auf die seit Jahrtausenden widerstreitenden Weltbilder angewendet heißt das: Wir können die Welt (und den Menschen) nicht bloß entweder als statisches Sein oder dynamisches Werden beschreiben. Weder ein naturwissenschaftliches, noch ein spirituelles Weltbild reichen dazu aus, sondern wir brauchen immer beides. Solche wesentlichen Gegensätze sind nicht dazu da, einander auszuschließen, sondern einander zu ergänzen.

Das Universum wird erst dann Antwort geben können, wenn es ein lebendiges Universum ist. Das meint das indische „Sat-Chit-Ananda“ (Sein, Bewusstsein, Glückseligkeit) wie auch das christliche trinitarische „Sein-Bewusstsein-Liebe“ (Joseph Ratzinger). Ost und West sind nämlich genauso komplementär wie Yin und Yang, Teilchen und Welle, männlich und weiblich, Außenwelt und Innenwelt, Physik und Psychologie oder Naturwissenschaft und Religion.

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Mit der Seele auf Du

Das Rote Buch von C.G. Jung beginnt damit, dass er seine Seele als Person anspricht, vom Geist der Tiefe dazu aufgefordert. Sie tritt ihm, verloren gegangen, wieder entgegen. Dasselbe finden wir im Yoga, im Tantra und in jeglicher Mystik.

In seiner Biografie „Erinnerungen, Träume Gedanken“ berichtet Jung, dass er sich schon als Jugendlicher als zwei Personen erlebt hat, die er auch zunächst als Person 1 und Person 2 bezeichnete, später dann als Ich und Selbst. Das eine ist das bewusste Ich, das andere ein Übergreifendes, Wissendes, „eines kollektiven Geistes, dessen Lebensjahre Jahrhunderte bedeuten“. … „Nr. 2 war in der Tat ein ‚Gespenst‘, das heißt, ein Geist, der an Macht dem Weltdunkel gewachsen war.“(1) Das ist auch ein Beispiel dafür, dass ein dualistisches und monistisches Weltbild nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten, sie gehören als Gegensätze komplementär zusammen. Wer sich nicht als gespalten erlebt, kann zu keiner Vereinigung kommen, die Jung dann Individuation nennt.

Das Unbewusste tritt uns in vielen Aspekten und Gestalten entgegen, als innere Bilder und Stimmen, und es ist nicht entscheidend, ob wir sie als „innerpsychisch“ oder als eigenständige „Geister“ bezeichnen. Es geht in der Psyche nicht um eine Außenwelt, sondern um die Innenwelt, aber als Welt ist sie – dem Ich gegenüber – wieder so etwas wie eine (dem Ich) äußere und objektive Welt. Es geht darum, sich diese zunächst fremden inneren Aspekte vertraut zu machen. Dabei verhalten sich Archetypen immer auch wie eigene Entitäten mit eigenem Bewusstsein und Wissen, das weit über das Ichbewusstsein und dessen Wissen hinausgeht, und sogar in einem kollektiven Wissen der Menschheit mündet.

Seelisches Erleben ist daher zunächst eine Begegnung mit etwas Fremdem, Eigenständigem, beinahe Persönlichem, das erst nach und nach in einem Prozess der Individuation assimiliert und integriert werden kann. Erst die Vereinigung der Gegensätze (männlich – weiblich, oben – unten) führt zum Einheitserleben des Selbst.
Die Auseinandersetzung mit dem Unbewussten, mit der eigenen Psyche ist zudem eine Gratwanderung zwischen Psychose, Paranoia oder wie immer man das bezeichnen will, und dem bewussten Erleben einer inneren, und doch anderen Welt des Numinosen. So beginnt Jung am Anfang des Roten Buches mit seiner Seele zu reden. Philemon, sein innerer Guru (wie ihm später ein Inder erklärt), bringt ihm bei, „dass es Dinge in der Seele gibt, die nicht ich mache, sondern die sich selber machen und ihr eigenes Leben haben“.(2) Mit anderen Worten: Es gibt eine psychische Objektivität, eine Wirklichkeit der Seele.

Die innere gegengeschlechtliche Ergänzung
Die Auseinandersetzung mit der inneren Welt ist komplex (Persona, Schatten, Anima/Animus, der Held, der/die Alte Weise…). Die Seele als das noch unbekannte Andere ist aber als solche gegengeschlechtlich. So muss der Mann mit seiner inneren weiblichen Seite in Kontakt kommen, die Frau mit ihrer inneren männlichen Seite. Dieser eine Aspekt ist wieder komplex. Archetypen sind mehrdimensional, haben eine Bedeutung auf allen Ebenen. So ist auch die Anima (und der Animus) nicht eindeutig, sondern vielschichtig. Wie alle archetypischen Bilder hat sie ein breites Bedeutungsspektrum, wie alles Lebendige.

Schon bei der ersten Begegnung mit der Anima in der Mutter geht es um einen komplexen Menschen. Dieses Bild setzt sich fort in der Partnerin, die dem inneren Bild der Anima mehr oder weniger entspricht oder entsprechen sollte. Was diesem Bild nicht nahekommt, projizieren wir. Wobei Projektion nichts Negatives ist, innen und außen sind nicht zu trennen. Wir haben ein inneres Bild vom Partner (das Bild der eigenen Seele, der Anima, des Animus), und wenn der/die Geliebte dem nahekommt, dann fühlen wir uns vertraut und „seelenverwandt“. Es bleibt aber immer auch Fremdes und das wird zur Lebensaufgabe. Im Idealfall wachsen das innere Bild und die äußere Person zusehends zusammen, wobei sich beide wandeln.

Das Spektrum des Weiblichen / Männlichen
Wie auch das Männliche umfasst der Archetypus des Weiblichen ein enormes Spektrum. Zumeist ist das keine Einheit, sondern gespalten in hellere und dunklere Seiten oder Aspekte. Jung spricht auch von der Zweideutigkeit der Anima. Wir kennen das vom Mythos der Hure und der Heiligen. Der Mann, der das klassisch nicht zusammenbringt, sucht das eine im Bordell und das andere in der Ehe. Wobei sich so die Frau nicht als Frau gesehen fühlt, außer sie identifiziert sich auch nur mit dem hellen Teil und verdrängt das Dunkle in sich. Dieses Dunkle ist ja nichts Negatives, sondern der eine, basale Teil des animal rationale, das der Mensch ist.

Der Mann, der sich selbst und seine seelische Bandbreite einigermaßen kennengelernt hat, wird auch in seiner Partnerin dieses Spektrum schätzen. Bei einem Mann, der seine Frau „vergöttert“, kann eine Frau auch ihre dunkle Seite leben. Wenn beide das ganze Spektrum leben können, dann ist das Animalische nicht mehr negativ und das Engelhafte oder Göttinnenhafte nicht mehr abstrakt. Beides kann ins Liebes- und Lebensspiel eingebunden und verbunden werden. Es kann dadurch nicht nur zur Vereinigung von Männlichem und Weiblichen (äußerlich und innerlich), sondern auch von oben und unten kommen. Das Animalische und das Göttliche verlieren ihren Charakter der Ausschließlichkeit, sondern ergänzen sich komplementär.

Über die Zeit seiner Auseinandersetzung mit dem Unbewussten sagt Jung: „Damals stellte ich mich in den Dienst der Seele. Ich habe sie geliebt und habe sie gehasst, aber sie war mein größter Reichtum. Dass ich mich ihr verschrieb, war die einzige Möglichkeit, meine Existenz als eine relative Ganzheit zu leben und auszuhalten.“(3) Der Gegensatz zwischen Bewusstsein und Unbewusstem, zwischen äußerer und innerer Welt, die Zweideutigkeit der Anima sind die Voraussetzung für das Erleben der Ganzheit.

Anima und Shakti
Jung hat sich mit antiken, aber auch sehr viel mit asiatischen Kulturen beschäftigt, weil er Ähnliches in den Träumen seiner KlientInnen gefunden hat. Im Yoga, Buddhismus oder Tantra finden sich Elemente, die genau den Archetypen Jungs entsprechen. Dort sind Philosophie und Psychologie nicht so getrennt wie bei uns im Westen. So ist die Bandbreite des Seelischen dort selbstverständlich. Die Gottheiten sind weniger abstrakt als psychisch zu verstehen, es gibt meist einen „positiven“ und einen „negativen“, einen lieblichen und einen schrecklichen Aspekt. Die männlichen Gottheiten werden mit ihrer Shakti (ihrem weiblichen Aspekt, welcher der Anima entspricht) dargestellt, und die (männlichen wie weiblichen) Gottheiten haben auch meist zwei gegensätzliche Aspekte. Am augenfälligsten ist der schreckliche Aspekt der Kali, die blutrünstig mit Totenkopf-Girlande um den Hals dargestellt wird. Aber auch dieser Aspekt ist nicht bloß „negativ“. Es ist der zerstörerische Aspekt, aber als Zerstörer der (Ich-)Illusion ist dieser Aspekt schon wieder positiv. Außerdem sind Werden und Vergehen beide notwendig für das Weltgeschehen. Da ist jedenfalls mehr Psychologie drin als in so mancher westlichen Psychologie.

Besonders augenfällig ist dieses Spiel von Männlich und Weiblich im Tantra. Der ist zwar im Westen zum vorwiegend sexuellen Spiel degeneriert, wie alles, was von Asien in den Westen kommt, aber ursprünglich geht es um die Auseinandersetzung mit der eigenen gegengeschlechtlichen Seite, also der Seele als der inneren Göttin. Es ist dabei nicht so wesentlich, ob das mit oder ohne konkrete Partnerin geschieht. Die tantrischen Mystiker leben mit ihrer inneren Göttin eine beinahe reale Beziehung. Wenn sie eine Partnerin haben, dann sehen sie auch in dieser die Shakti, die innere Göttin, und sie wird dieser auch immer ähnlicher.

Dazu ist die Annäherung der Projektion der Anima und der konkreten Partnerin, wie oben beschrieben, quasi eine Vorstufe. Wenn C.G. Jung seine Seele als Person anspricht, dann ist das nicht viel anders. Das bewusste Ich tritt in Verbindung mit der bislang unbewussten Anima, die einen viel weiteren und tieferen Horizont hat als das bewusste Ich. In der Sprache des Tantra tritt der Mystiker in Beziehung zu seiner inneren Göttin, wobei „innen“ oder „jenseitig“ nur verschiedene Ausdrucksweisen sind, die durchaus gleichbedeutend nebeneinanderstehen können.

Der erotische Aspekt des Spirituellen
Das wirft auch ein ganz anderes Licht auf die Begegnung von Mann und Frau, die immer auch eine Begegnung mit dem eigenen gegengeschlechtlichen Seelenanteil ist. Letztlich geht es darum, Abgespaltenes und darum Fremdes wieder hereinzuholen. Dadurch wird wiederum die Sexualität eine viel weitere Bandbreite erhalten, wird seelische Begegnung mit körperlichem Ausdruck sein. Die Vereinigung wird auch Vereinigung der Pole im Außen und Innen, und auch von Unten und Oben sein. Es wird ein Spiel zwischen Vertrautem und Fremden, dem Seelenverwandten und dem ganz Anderen. Auch zwischen Erfahren und Lernen, das nie an ein Ende kommen wird.

Da die Anima aus den Tiefen des Unbewussten kommt, tritt sie dem Mann auch als die Sophia oder Weisheit entgegen. Und da sie auch die dunklen Aspekte umfasst, muss der Mann diese nicht länger abspalten. Der erotische Aspekt ist vom spirituellen nicht zu trennen. Der tantrische Mystiker hat eine durchaus erotische Beziehung zu seiner inneren Göttin, die wiederum nicht verehrt oder angebetet (was eine gewisse Distanz voraussetzt), sondern geliebt werden will.

(1) C.G. Jung: Erinnerungen, Träume Gedanken, Patmos Verlag, 19. Aufl. 2016, S 108 f.
(2) Erinnerungen, S 204
(3) Erinnerungen, S 214

 

Ein Physiker und eine Philosophin spielen mit der Zeit

Cover_Lesch_Forstner_Das Buch ist ein Dialog zwischen Harald Lesch (Physiker, Kosmologe, Philosoph) und Karlheinz A. Geißler (Wirtschaftspädagoge, Sozialforscher) über die Zeit, der dann (im Buch parallel) noch einmal von Ursula Forstner (Philosophin) und Alfred N. Whitehead (Philosoph, 1861-1947) in einem fiktiven Dialog interpretiert wird. Klingt kompliziert, liest sich aber hervorragend.

Ganz „nebenbei“ kommt auch zur Sprache, was Naturwissenshaft ist und was sie nicht ist. Das beginnt schon, wenn Karlheinz Geißler im Vorwort erwähnt, es fehle auch der abschließende Beweis für die Existenz der Zeit. Dazu fällt mir gleich Herbert Pietschmann ein, der immer wieder betont, dass man nicht mal die Naturgesetze beweisen kann. Wer also sagt, er glaube nur, was man beweisen kann, der sagt damit nur, dass er gar nichts glauben kann, auch nichts Physikalisches.
Warum gerade Whitehead, erklärt Harald Lesch in einem Nachwort: Er hat in einer Zeit, in der die Grundlagen der modernen Naturwissenschaft entwickelt wurden, einen metaphysischen (Gegen)Entwurf über Welt und Mensch vorgeschlagen.

Zeiträume statt Zeitpunkte
Lesch und Geißler einigen sich eingangs: Es gibt nicht die Zeit, sondern nur eine (räumliche, lineare, eigentlich punktuelle) Vorstellung von Zeit. Whitehead unterscheidet zwischen Abstraktem (das nur im Denken vorkommt) und Konkretem, und konkret sind nur Ereignisse. Auch wenn wir immer vom konkreten Einzelfall abstrahieren müssen, darf man Abstraktes nicht für Konkretes halten. Auch die Naturwissenschaft muss vom Konkreten absehen, sie arbeitet mit Abstraktionen. Sie rechnet z.B. mit Massenpunkten, die gibt es nur in der Mathematik und im Denken, aber nicht in der Natur, die man vorgibt zu untersuchen. Genauso gibt es keine Zeitpunkte, auch das sind Abstraktionen, die in der Natur nicht vorkommen.
Was wir wahrnehmen, sind Veränderungen, und die sind fließend. Physik kommt von der Erfahrung zu den Abstraktionen, die sie am Experiment prüft, Philosophie ist das hinterfragen der Abstraktionen, die sie an der Erfahrung prüft. So zumindest Whitehead. Aber auch Lesch gibt zu: „Abstrakter als die physikalische Zeitvorstellung kann es überhaupt nicht werden.“ Sie rechnet ja nur mit der Uhr, die Geißer als „irrsinnige Vorstellung“ bezeichnet. Denn damit verschwindet das Fließen der Zeit, die objektiviert und mechanisiert, der Subjektivität und Qualität beraubt wird. Durch die Miniaturisierung der Technik kann man diese Uhr als Handschellen (Lesch) am Handgelenk tragen.

Naturwissenschaft als qualitätsfreie Zone
Die Physik ist eine „qualitätsfreie Zone“. „Bei uns hat überhaupt nichts Qualität…. Man könnte uns Physiker auch als Lageristen der Natur bezeichnen.“ (Lesch). Sie machen sozusagen regelmäßig Inventur und haben dann ihre nackten Zahlen. „…die Physik ein Hochstapelregal“ (Geißler). Darauf Lesch: „In einer Weise ja, wir sind Hochstapler und wir stapeln ziemlich hoch!“ Wie man sieht, können sich Physiker selbst auf die Schaufel nehmen, auch wenn das den Physikalisten die Schamröte ins Gesicht treiben würde.
Die Replik des (fiktiven) Whitehead: „Die Naturwissenschaften haben uns viel erklären können, aber sie sind zu dogmatisch. Sie sind mit ihrer Weltsicht im 17. Jahrhundert stecken geblieben und betrachten materielle Objekte immer noch als die grundlegenden Einheiten unseres Universums.“ Nicht nur das, „im materialistischen Weltbild leben die Denkmuster des Mittelalters weiter.“ Aber auch Materie ist nur eine sehr fragwürdige Abstraktion, die es so in der Natur gar nicht gibt.

Ereignisse statt Bausteine
Zurück zur Zeit: Die Naturwissenschaft kennt keine Vergangenheit und keine Zukunft. Wir erleben Erinnerungen und Erwartungen, und die kommen in der Naturwissenschaft nicht vor. Dort gibt es nur abstrakte Zeitpunkte, die linear mittels Ursache und Wirkung zu einem Früher oder Später verbunden werden. Mit wirklichen Ereignissen hat das nichts zu tun.
Für Whitehead sind nicht kleinste Bausteine, sondern konkrete Ereignisse, Prozesse die grundlegenden Einheiten unseres Universums. Es gibt auch keine linearen Verbindungen, sondern komplexe Zusammenhänge. Es geht auch nicht um etwas Statisches, sondern um etwas Dynamisches, um Dauer, um Zeiträume, nicht um abstrakte Zeitpunkte. Man möge sich nur fragen, wann der Frühlingsanfang ist. Das ist ein Werden und kein Beginn. Wann immer man historisch etwas beginnen lässt, es ist kein Anfang. Beginnt die Naturwissenschaft mit Galilei, Descartes und Newton? Beginnt sie mit Cusanus? Oder Mit Aristoteles? Auch der hatte Vorläufer. Geschichte ist das Fließen der Ereignisse.
Pünktlichkeit ist eine Erfindung der Industriegesellschaft. Vorher gab es die nicht, und in manchen Regionen der Erde gibt es sie auch heute noch nicht. Und auch der Frühling kümmert sich nicht um das Datum. Datum ist das Gegebene. Wenn etwas gegeben ist, in Mathematik oder Physik, dann ist es bereits abstrakt, losgelöst von der Erfahrung, die immer konkret und individuell, also nicht reproduzierbar ist.

Es gibt keine abgrenzbare Gegenwart
Der abstrakte, mechanische Zeitbegriff taugt nicht für das Konkrete (Whitehead). Die Aneinanderreihung von Zeitpunkten ist kein Leben (Geißler). Das Festgestellte täuscht nur Beständigkeit vor. Beständigkeit im Leben ist ständiges Werden! Was man berechnen kann, ist nicht (mehr) lebendig. Vergangenes ist nur, indem es gegenwärtig ist. Gegenwart ist ein Prozess, in dem bisher Mögliches wirklich wird.
Zeit ist auch keine Abfolge von Zeitpunkten. Wir denken uns die Gegenwart als abstrakten Zeitpunkt, ohne Bezug zu Vergangenheit und Zukunft. In Wirklichkeit gibt es nur den Zeitraum des Werdens, Ereignisse, die ihre je eigene Dauer haben. Es gibt keine abgrenzbare Gegenwart. Zeit ist aufeinanderfolgendes Werden (Forstner). Und dieses Werden eines Ereignisses ist ein unteilbares Ganzes (Whitehead).

Es gibt grundsätzlich Unerreichbares
Die Physik, die sich auf das Messen verlegt hat, muss fragmentieren. Damit „gibt es einen Teil der Welt, der grundsätzlich unerreichbar ist.“ (Lesch). Aber selbst das exakte Messen gibt es nicht, Exaktheit ist eine Abstraktion. Immer gibt es einen Fehlerbereich, der angegeben werden muss, damit eine Messung als wissenschaftlich gilt.
Irgendwie offen bleibt die Frage, ob es wirklich Fortschritt ist, dass wir immer abstrakter werden.
Harald Lesch, Ursula Forstner
Ein Physiker und eine Philosophin spielen mit der Zeit
Patmos Verlag 2019, 122 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN-13: 978-3-8436-1125-1
EUR 17.00

Von der Abstraktion des „Hier und Jetzt“

Östliches und westliches Denken sind komplementär, was heißt, sie sind inkompatibel, aber einander ergänzend. So sind die Modeerscheinungen „Achtsamkeit“ und „Leben im Hier und Jetzt“ bloß unverstandene Floskeln, wenn sie in westlicher Sprache, im westlichen Weltbild aufgefasst werden.

Unser westliches Weltbild ist ein (pseudo)naturwissenschaftliches, ob wir wollen oder nicht, das ist uns seit vier Jahrhunderten eingebrannt. Naturwissenschaft analysiert, d.h. zerlegt alles in kleinste Teilchen und rechnet mit mathematischen Punkten, die es real nicht gibt. Die Zeit ist das größte Problem, weil damit genauso umgegangen wird. Alles wird reduziert auf Zeitpunkte, die aber keinem Erleben entsprechen. Wir erleben keine Zeitpunkte, sondern Zeiträume. Zeitpunkte gibt es genauso wenig wie kleinste „Teilchen“.

Auch die Gegenwart wird damit zu einem abstrakten Punkt, den es nirgends gibt. Wer beim (asiatischen) Hier und Jetzt an diesen abstrakten Punkt denkt, kommt aus dem westlichen Denken nicht heraus und kann das, was damit gemeint ist, gar nicht verstehen, das eben nicht naturwissenschaftlich und nicht fragmentierend ist.
Naturwissenschaft muss exakt messen, und auch diese Exaktheit ist eine Abstraktion, die es im Konkreten nicht gibt. Kaschiert wird das mit der notwendigen Angabe einer Fehlertoleranz, die dann großzügig ignoriert wird, um von der Unmöglichkeit des exakten Messens abzulenken.

Wer beim „Leben im Hier und Jetzt“ an diesen abstrakten Zeitpunkt denkt, der hat das „Leben“ in dieser Formulierung unterschlagen. Er/sie denkt an eine „reine“ Gegenwart ohne Vergangenheit und Zukunft. Sich hinsetzen und bloß nicht an Vergangenheit oder Zukunft denken ist nicht das, was im Buddhismus darunter verstanden wird. Zwar stimmt das nicht an Vergangenes und Zukünftiges denken, aber das bedeutet den Geist konzentrieren, aber in einer „Essenz“ und nicht in einem Punkt. Das bedeutet nicht Gegenwart, abgegrenzt von Vergangenheit und Zukunft, sondern Gegenwart, in der alles Vergangene und Zukünftige konzentriert enthalten, gegenwärtig ist. Das ist es auch, was mit „Achtsamkeit“ gemeint ist.

In der Psychologie ist es nicht anders. Psychotherapie könnte nicht funktionieren, wären wir abstrakte Ichs (für die wir uns halten). Sie kann funktionieren, weil Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart enthalten sind. Nur so ist es auch möglich, das Vergangene (den Einfluss des Vergangenen auf die Gegenwart) zu ändern.
Damit ist das Ziel (Samadhi oder Satori) oder das Nirvana nicht Nichts, sondern Alles. Wie das Selbst bei C.G. Jung Mittelpunkt und alles umfassend zugleich.

Grob gesprochen gibt es nur zwei mögliche Weltbilder (natürlich in allen möglichen Variationen): das statische (Sein) und das Dynamische (Werden). Europa hat sich – zumindest seit der Naturwissenschaft, die aber schon bei Aristoteles beginnt – für das statische entschieden. Es geht um Seiendes, nicht um Werdendes, um eine Außenwelt, nicht um die Innenwelt, um Dingliches, nicht um Beziehung oder Prozesshaftes, um tote Materie, nicht um Lebendiges. Es leuchtet zwar immer wieder auch das andere oder sogar die Synthese auf (Platon, Leibniz, Hegel, Whitehead, Jung, Quantenphysik), aber in ein allgemeines Weltbild ist das bisher nicht eingegangen.

Ein anderer abstrakter Begriff ist jener der Grenze. Wir müssen alles begrenzen oder abgrenzen, sprich definieren. Damit entfernen wir uns aber von der Wirklichkeit, die wir erleben. Durch Messung kommen wir zum Teilchenbild (siehe Doppelspaltexperiment), verlieren dabei aber das Wellenbild, das uns sagen würde, dass alles eine untrennbare Einheit mit der Umgebung (Feldbegriff) und letztlich mit allem ist. Nichts ist wirklich isoliert, alles ist kontextabhängig. So gibt es auch keine Grenze zwischen Gegenwart und Vergangenheit oder Gegenwart und Zukunft.

„Achtsamkeit“ oder „Leben im Hier und Jetzt“ ist somit kein Rückzug in eine Grenze, die uns von Vergangenheit und Zukunft abgrenzt, denn die gibt es nicht. Gegenwart ist kein Zeitpunkt, sondern Gewordenes, in dem alles enthalten ist.

In einem statischen Weltbild (das zumindest seit 400 Jahren vorherrscht) bedeutet „Achtsamkeit“ oder „Leben im Hier und Jetzt“ sich von Vergangenheit und Zukunft abgrenzen, so wie Dinge oder Objekte (angeblich) an ihrer Oberfläche begrenzt sind. Das wäre eine abstrakten Gegenwart, die es eigentlich nicht gibt.

In einem dynamischen Weltbild (das zum Leben passt, denn „alles fließt“) bedeutet „Achtsamkeit“ oder „Leben im Hier und Jetzt“, dass Vergangenheit und Zukunft in einem komprimierten Zeitraum (nicht Zeitpunkt) anwesend sind. Dann entspricht es dem Alles-Eins-Sein. Dann ist es Mitte und Alles zugleich. Um im Hier und Jetzt zu leben, muss man sein Bewusstsein konzentrieren und ausdehnen, bis es alles in Liebe umfasst.

Chagall – Die Sprache der Bilder

Weber_Chagall.tifWer einen Überblick über das Lebenswerk von Marc Chagall sucht, sein Leben, Wirken und Schaffen nach-vollziehen will, vom Früh-werk bis zu den späten Glas-fenstern, über seine Art zu denken und zu malen, zu leben und zu lieben, seine Motive und Motivationen, seine Erinnerungen und Ahnungen, seinen Gegen-sätze verbindenden Charak-ter, der ist mit diesem Buch von Annette Weber sehr gut bedient.

Marc Chagall war schon mit seinem Frühwerk berühmt und gefeiert, zuallererst in Berlin. In Paris wurde er zu einem der ganz großen Maler des 20. Jahrhunderts. Damit blieb ihm das typische Künstlerschicksal (etwa eines Van Gogh) bereits nach seiner Ausbildungszeit erspart.

1914 hatte Chagall in Berlin – nach seinem ersten Paris-Aufenthalt – seine erste Einzelausstellung, und die Begeisterung der deutschen Kunstsammler hielt an. Erst für die Nationalsozialisten galten die Werke des 1887 geborenen jüdischen Malers aus dem Zarenreich als entartete Kunst. Für seinen Rang als Künstler war das nur ein kurzes Intermezzo. Für die deutschen Galeristen, Kunstsammler und Kritiker war Chagall schon vor dem Ersten Weltkrieg einer der großen Maler der Moderne. Picasso bezeichnete ihn neben Matisse als bedeutendsten Meister der Farbe im 20. Jahrhundert.

Es war aber auch sein ganz eigener symbolhaft märchenhafter Stil, mit dem er die Innenwelt imaginierte, der nicht nur einen neuen Aufbruch in der Kunst markierte, sondern auch in eine Zeit passte, in der eine ganze Schar von Nobelpreisträgern die absurd erscheinende Quantentheorie entwickelte und C.G Jung seine Analytische Psychologie. Chagalls Werke sind ins Bild gesetzte aktive Imaginationen. Es war eine Zeit des Umbruchs und Aufbruchs, politisch, künstlerisch, wissenschaftlich. Es ist die Zeit, in der Niels Bohr und C. G. Jung zeitgleich den Begriff der Komplementarität kreieren, äußerste Gegensätze, die nur zusammen die Wirklichkeit bilden.

Chagalls Schaffen ist ebenfalls geprägt durch die Zusammenschau von Gegensätzen, ist nach innen gewandter Ausdruck. Ein kleines Aquarell in Graublau, mit dem Titel „Erinnerung“, aus 1914, ist Programm für sein Lebenswerk: der wandernde Jude, seine Erinnerung an die Heimat (in Form eines typischen Hauses, die Anima in der Tür), auf dem Rücken in die Welt tragend. Chagalls Rückschau auf die Welt des jüdischen Schtetl und die Welt russischer Bauern ist Erinnerung und allgemein Menschliches zugleich. Wie in der Jung’schen Traumdeutung zeigen die Bilder einerseits Biografisches, sie sind aber auch ganz allgemein menschlicher Ausdruck existenziellen Ausgeliefert-Seins. Gestaltungen des individuellen und gleichzeitig kollektiven Unbewussten. Daran liegt es, dass man seine zutiefst vom Chassidismus geprägten Bilder nicht primär als jüdisch, sondern allgemein gültig erlebt.

Paris 1910-1014

In Paris erlebte Chagall das Drängen vieler Künstler wie Picasso, Matisse, Delaunay, Léger und andere, die versuchten, die Wirklichkeitswiedergabe zu durchbrechen. Während aber viele über den Kubismus in die (rationale) Abstraktion und ein anderes Sehen gingen, verfolgte Chagall den Weg der Tiefenimagination, ohne die figurative Malerei aufzugeben, die er für die Symbolik der Innenwelt brauchte. Die bloß andere Wahrnehmung der Moderne schien ihm zu wenig. „Ich hatte den Eindruck, dass wir uns noch auf der Oberfläche der Sache bewegten, dass wir Angst hatten, in das Chaos hinab-zutauchen, die gewohnte Oberfläche unter unseren Füßen zu zerbrechen und umzukehren.“ Ihm geht es nicht um Abstraktion, sondern um Vertiefung und Verlebendigung.

Weber_Chagall4.tif„Das gelbe Zimmer“ zeigt das beendete Sabbatmahl, und jetzt beginnt sich die traditionelle Feier zu vollenden. Die männliche Figur wendet sich dem (weiblichen) Mond zu, wie von ihm magisch angezogen. Die Mutter mit durch die Tradition verkehrtem Kopf, nach oben blickend, gegenüber die mütterliche Kuh, das eigentlich Weibliche verkörpernd, das durch die Religion abgewertet wird.

Chagall setzt sich zwar eingehend mit den Strömungen seiner Zeit auseinander, aber „Impressionismus und Kubismus sind mir fremd. Kunst scheint mir vor allem ein Seelenzustand zu sein.“ Wie die Psyche Realität und Vision zu einer Einheit verbindet, so auch die Bilder Chagalls.

Wieder in Witebsk

Am Beginn seiner zweiten russischen Periode malt Chagall vier monumentale „alte Juden“, die zu seinen bedeutendsten Werken gehören. Sie vereinen ikonenhaft in archetypischer Weise den alten Bettler mit dem jüdischen Propheten. Sie verkörpern die Heimatlosigkeit des Menschen, des ewig Wandernden, wie auch die Heimat der chassidischen Juden in der ihnen eigenen Spiritualität. Bildfüllend, fast lebensgroß sprechen sie den Betrachter an, womit das dialogische Denken Martin Bubers anklingt. Es sind Seelenbilder, wie auch das Motiv des über Witebsk schwebenden Dorfgehers und Wanderbettlers, der „über die Häuser geht“ und von nun an immer wieder in Chagalls Bildern auftaucht.

Inzwischen auch in Russland von Sammlern, Kritikern und Galeristen geschätzt, ist nun seine jüdische Herkunft kein Makel mehr, sondern Garant für Authentizität. Chagall konnte sich jetzt sogar, entgegen seinen früheren Intentionen, doch ein Leben in Russland vorstellen. 1918 wird Chagall zum Kunstkommissar seiner Heimatstadt Witebsk ernannt, was seiner Frau Bella aus guten Gründen missfiel. Unstimmigkeiten mit Lenins Apparatschiks ließen nicht lange auf sich warten. Eine Kunstschule des Volkes wurde gegründet mit dem Schwerpunkt jüdische Kunst, und ein Museum geplant. Das anspruchsvolle Projekt Chagalls wurde angenommen und dieser als Direktor beauftragt. Die Kunstschule wurde 1919 gegründet und Chagall nahezu sofort von zwei Lehrern ausgebootet, die andere künstlerische Vorstellungen hatten.

Chagall arbeitet tief erschüttert an seiner eigenen Identität. Höhepunkt: „Die Erschütterung. Selbstportrait mit Muse“, 1917/18. Das Bild zeigt den Maler in einer nächtlichen Vision an seiner Staffelei, beim Einbruch einer anderen Welt, in der ein Engel oben und unten mit den Gesten seiner Hände verbindet. Es zeigt kubistische Formensprache und Auseinandersetzung mit der Moderne, ebenso sein Ringen um stilistisch eigenständige Inhalte. In „Kubistische Landschaft“ stellt er das Schicksal der Kunstschule dar. Die kleine Darstellung der Schule geht beinahe unter in der abstrakt kubistischen Landschaft. In „Das graue Haus“ und endgültig in „Das blaue Haus“ kündigt sich an, dass sein Bleiben in Russland keine Dauer hat. 1920 ging Chagall – nachdem der Staat 12 von 15 seiner Werke einer Ausstellung revolutionärer Kunst in Petrograd angekauft hatte – als Theatermaler nach Moskau.

Über Berlin nach Paris

Als die Lebensumstände im Bürgerkrieg zunehmend schwieriger wurden, fasste er den Entschluss, Russland für immer den Rücken zu kehren. Seine in Russland verbleibenden Werke dieser Epoche wanderten in die Depots, galt Chagall ja jetzt als dekadent-westlicher Maler und Jude.

Chagall blieb nur ein knappes Jahr in Berlin, erlernte hier aber die Technik des Holzschnitts und die Kunst der Radierung, illustrierte damit seine Lebenserinnerungen und erwies sich auch damit als überragendes Talent. Er gehörte damit (wieder) zu den Größen der Berliner Kunstszene. Eine Minderheit begeisterter Sammler kaufte beinahe sein gesamtes Frühwerk auf.

Auch in Paris musste Chagall wieder ganz von vorne beginnen, etablierte sich schnell als angesehener Maler, mit regelmäßiger – auch internationaler – Ausstellungstätigkeit. André Breton propagierte 1924 den Surrealismus, die Aufhebung der scheinbaren Gegensätze von Traum und Wirklichkeit, und erkannte Chagall als Ahnherrn dieser Strömung. Der lehnte jedoch ab, sich dieser Richtung anzuschließen. Chagall ging immer seine eigenen Wege. Außerdem scharte er seine eigene Gruppe von Malern, Intellektuellen und Literaten um sich. In Paris schuf Chagall Illustrationen zu Gogols „Tote Seelen“ und die Fabeln von La Fontaine. Als eines seiner Hauptwerke gelten die Radierungen zur Bibel, ein Projekt, das ihn 20 Jahre lang beschäftigte. Wobei ihn eine Reise ins Land der Bibel für sein weiteres Leben prägte und biblische Motive nun häufig in seinen Werken auftauchen.

Chagall stellt die Bibel nicht als Ausdruck des jüdischen Volkes dar, sondern als Zeugnis universal gültiger Menschlichkeit. Das gilt auch für die Kreuzigungsszene, der wir jetzt öfter in seinen Werken begegnen, die Jesus als universale Leidensgestalt darstellen, mit der sich Juden und Christen gleichermaßen identifizieren können. Außerdem bezieht er sie direkt auf das politische Unrecht der Gegenwart und die Verbrechen an der Menschlichkeit.

Emigration in die USA

Vor den deutschen Truppen floh Chagall 1940 zunächst nach Südfrankreich und emigrierte 1941 in die USA. Neben Bühnenbildern kreisten seine Arbeiten nun um die Themen Krieg, Pogrom und Leiden. Damit ist er einer der ersten weltweit anerkannten Künstler, die sich mit der Massenvernichtung, der Schoa auseinandersetzen. Er selbst sieht es als Auftrag, Mitmenschlichkeit zu propagieren. Das 1947/48 fertiggestellte Triptychon „Résistance, Résurrection, Libération“ verbindet die Schrecken der Ereignisse mit der Hoffnung auf Erneuerung.

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1948 kehrte Chagall nach Paris zurück, 1952 zog er nach Südfrankreich in unmittelbare Nähe zu Picasso und Matisse.

 

Südfrankreich und sakrale Kunst

Gleichzeitig mit Picasso wandte sich Chagall der Kunst der Keramik zu, und die beiden wurden zu den bedeutendsten Schöpfern von Kunstkeramik und damit zu Rivalen. Daneben widmete sich Chagall wieder der Farblithographie und nahm auch die Radierungen zur Bibel wieder auf. Biblische Themen rückten auch in seinen großen Ölgemälden in den Mittelpunkt seines Schaffens. Gemeinsam mit Matisse, Léger und Lipchitz arbeitete er an der Ausstattung einer Kirche in Savoyen. 1956 schuf er für die Taufkapelle das Keramikbild „Durchzug durch das Rote Meer“ und danach sein erstes monochromes Glasfenster. Seine kontemplative Kunst hatte längst die Konfessionsgrenzen überwunden. Die aufgegebene Kalvarienbergkapelle in Vence konzipierte er als christlichen Gebetsraum neu.

In monumentalen Einzelbildern zur Bibel tritt immer wieder das Motiv des Brautpaars auf, das individuelle und kollektive, jüdische und christliche Symbolik im Bild der universalen Liebe vereint. Große politische Bedeutung hat in der Nachkriegszeit der Auftrag, die Glasfenster der im Krieg schwer beschädigten Pfarrkirche St. Stephan in Mainz zu gestalten. Chagalls Alterswerk ist denn auch geprägt von Monumentalaufträgen für den öffentlichen Raum: das Frankfurter Schauspiel- und Opernhaus, die Knesset in Jerusalem, die Pariser Opéra Garnier, das UNO Hauptquartier und die Metropolitan Opera in New York, Glasfenster für die Synagoge des Hadassah Medical Center in Jerusalem, die weltweit Aufsehen erregten, sowie christliche Kirchen, wie z.B. die Kathedralen von Reims und Metz, die Union Church in Pocanto Hills, USA, die All Saints‘ Church in Tudelay, GB, und vor allem im Chor des Fraumünsters in Zürich.

Botschafter der Menschlichkeit

Chagall starb 1985 im Alter von 97 Jahren. Er schaffte es nicht mehr zur Eröffnung seiner großen Ausstellung in der Royal Academy of Art in London, die insbesondere seinem Frühwerk gewidmet war, in dem sich sein Lebenswerk konstelliert hatte. Nämlich die Themen aus dem russisch-jüdischen Schtettl zu universalen Themen wachsen zu lassen, geprägt von der Vereinigung der Gegensätze von Unheil und Erhabenheit, von Leiden und Hoffnung, von Mythischem und Realem, Bewusstem und Unbewusstem, von jüdischer und christlicher Kultur. Das alles in seinen unvergleichlichen Farben. So wurde er zum weltweit anerkannten Botschafter der Menschlichkeit.

Annette Weber
Chagall. Die Sprache der Bilder
wbg Theiss 2018, 352 Seiten, 142 Illustrationen, farbig
ISBN 978-3-8062-3750-4
99 Euro; ab 01.02.2019: 129,00 Euro

 

© R. Harsieber

Kirche und Missbrauch – symbolisch gesehen

DSCN3997In unserer nüchtern-rationalen Begriffssprache sind die immer neu auftauchenden Missbrauchsskandale der Kirchen bloß verabscheuungswürdige Tatbestände. In bildhaft-symbolischer Sprache – die die Kirche leider selbst verlernt hat – liegt ein viel tieferer Bedeutungszusammenhang.

Der Missbrauch richtet sich vorwiegend gegen junge Menschen in und um die Pubertät, in der diese zur Sexualität erwachen. In diesem Erwachen werden sie nachhaltig geschädigt. Sie werden ihre natürliche, lebendige Sexualität nie mehr erleben können. Und zwar durch ein innerkirchliches Geschehen, das weit über den Tatbestand hinausgeht.

Nehmen wir dies als Symbolbild, als Bild einer Kirche, die (ihre) Sexualität unterdrückt, verteufelt und damit abspaltet. Der unterdrückte menschliche Trieb richtet sich gegen sich selbst, gegen Jungendgruppen und Ministranten, gegen die junge, nachwachsende Kirche sozusagen. Der unterdrückte Trieb ver-zwei-felter (zwei-geteilter, abspalten müssender) Priester, der nicht sein darf und in die Unterwelt, die Welt der Toten (der abgetöteten psychischen Inhalte) verdrängt wird, richtet sich mit Gewalt gegen die noch unberührte Kirche und zerstört nun das, was zum natürlich Menschlichen heranreifen könnte.

Die gespaltene Sexualität

Die Kirche war nie imstande, die Sexualität in ihrer Ganzheit wahrzunehmen und anzunehmen. Sie spaltete diese in die (notgedrungen gute oder wenigstens nicht böse) Zeugungskraft und die böse Unkeuschheit, der abzuschwören ist. Dass damit die Hölle, die dann eifrig gepredigt wurde, mit dieser Abspaltung erst geschaffen war, blieb ihr unbewusst. Die Hölle ist ja nicht ein Ort im Jenseits, sondern eine Schöpfung des Menschen, der sie sich selbst als Schattenwelt in sich schafft.

Einerseits wird das Dunkle, Animalische der Sexualität abgelehnt und abgespalten, andererseits kommt es gerade dadurch zu einer Fixierung auf diese dunkle Seite, womit auch die helle Seite verdrängt und geradezu verboten wird: die auch dem „Normal-Sterblichen“ mögliche irdische Ektase im Orgasmus, die ein Wiener Priester in einer Predigt im Stephansdom einmal als Vorgeschmack des Himmels bezeichnete.

Missbrauch durch das Wort

Damit zeigt sich an dieser Extremsituation des Missbrauchs, was die Einstellung der Kirche zur Sexualität bei den Menschen anrichtet. Sicher, es ist kein Massenphänomen, es ist nur ein Bruchteil der Priester betroffen. Es geht aber andererseits auch nicht nur um diese sexuellen Missbräuche. Es gibt genauso – wie erst kürzlich ein anderer Priester in Wien in seiner Predigt feststellte – einen Missbrauch des Wortes, durch eine engherzige Einstellung, durch Verurteilung, Fundamentalismus, durch verbale Verteufelung der Sexualität. Dieser Priester erzählte erschüttert von einer 85jährigen Frau, die in der Beichte gestand, dass sie ihren Mann nicht zu berühren wagt, weil das die Kirche doch verbietet. Das meinte er mit Missbrauch durch das Wort. Durch diese Einstellung der Kirche sind nicht Einzelne, sondern Generationen geschädigt, missbraucht worden. Nicht durch einzelne Priester, sondern im Kollektiv, nicht einzelne Opfer, sondern die Gesamtheit der „Schäfchen“. Mit der Verteufelung der Sexualität wird den Menschen auch dieser Vorgeschmack des Himmels vorenthalten. Verbunden mit der Hölle von Zwängen, Schuldgefühlen und menschlichen Tragödien. Dafür gibt es noch keine Entschuldigung der Kirche.

Das Konzil und die Gegensätze

1965 tagte das Zweite Vatikanische Konzil, das einen frischen Wind in die Kirche brachte. Von einem gewaltigen Aufbruch, den es tatsächlich brachte, war bald danach nichts mehr zu spüren. Die konservativen Gegenkräfte krochen aus allen Winkeln hervor. Und auf diese fallen die Missbrauchsskandale zurück. Alles enthält sein Gegensätzliches. Enantiodromie nannte das der antike Philosoph der Dynamik, Heraklit. Es abzuspalten schafft es nicht aus der Welt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass nach der Vermenschlichung der Kirche im Konzil nun erneut das Unmenschliche ans Licht kommt. Die Kirche muss ihren Schatten integrieren. Und vor allem ihre Einstellung zur Sexualität ändern. Die Skandale könnten ein reinigendes Feuer sein.

Von der Jugendsynode 2018 tönt es aus Rom: „Wir müssen die Stimme der Jugend hören!“ Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Die kümmert sich nämlich schon längst nicht mehr um die modrigen „Moralvorstellungen“ der Kirche. Sie versucht, auf sich allein gestellt, ihre eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Dass die nicht „unmoralisch“ sind, wissen wir aus zahlreichen Umfragen zu diesem Thema. Sie lassen zwar so manchem konservativen Bischof die Haare zu Berge stehen, aber es ist – im Gegensatz zu einem starren, bloß nachgebeteten Moralkodex – ein lebendiger Umgang mit sich und den anderen. Und das wirklich Entscheidende: Er kommt von innen, aus eigener Verantwortung, und nicht von oben, von einem kirchlichen Über-Ich. Eine von außen oder „oben“ übernommene Moral ist ohnehin unmoralisch.

Kirchturm und Katakomben

Um auf die Symbolik zurückzukommen: Die Kirchenbauten strecken sich hoch aufragend in den Himmel, ein Bild des Strebens nach Transzendenz. Unterhalb der Kirche liegen die Grabstätten von Bischöfen oder Fürsten, die der Kirche zugetan waren, manchmal Katakomben, eine eigene Unterwelt. Symbolisch ist das die Schattenwelt, die Unterwelt, oder die „Leichen im Keller“ der Kirche, das was verdrängt wurde und wird, was kaum zugänglich ist. Ein Bibelwort drängt sich auf: „Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr seid wie die Gräber, die außen weiß angestrichen sind und schön aussehen; innen aber sind sie voll Knochen, Schmutz und Verwesung.“ (Mt 23,27). Und manchmal drängt sich auch der Verdacht auf, dass die Kirche nicht die Sukzession der Apostel, sondern der Pharisäer ist – oder zumindest beides.

Mit der Abwertung und Verteufelung der Sexualität hat man diese als „Schmutz und Verwesung“ in die Unterwelt verbannt, von wo sie nur noch energiegeladener – auch in die eigenen Reihen – zurückkommt. Und da man auch die helle, schöne Seite verbannt hat, richtet sie umso mehr Schaden an. Nicht nur die Revolution frisst ihre Kinder, auch die Verdrängung und Abspaltung. Missbrauch, aber auch seelische Verkrüppelung (durch restriktive Vorschriften) von vielen ist das Ergebnis. Verhindert wird die natürliche Entfaltung des Lebendigen. Wenn man den Weg und das Leben verdrängt, dann wird auch die Wahrheit zur Perversität.

Und hinter all dem steht die Absurdität, dass Kirche von der Seele redet, aber von der Psyche keine Ahnung hat, und die Psychologie auch noch verteufelt. Wie es Eugen Drewermann noch mit voller Wucht zu spüren bekam. Mit der Psyche wird aber das eigentlich Menschliche verdrängt. Die verbleibende Kluft zwischen Materiellem und Geistigem wird damit zum Abgrund, der nicht zu überbrücken ist.

Das Lebendige in Zeiten des Umbruchs

DSCN3243Diskussionsbeitrag zu Ludger Verst: „Abschied vom leeren Himmel? Entstehen und Vergehen von Gottesbildern“. Entwicklungspsychologische Einblicke in den Religionsunterricht.

Ich behaupte einmal ganz dreist, dass die Menschheit im 17. Jahrhundert in ihre Pubertät eingetreten ist. Ihre Repräsentanten waren Galilei, Descartes und Newton. Alle drei durchaus noch dem vorpubertären Glauben unterworfen, war ihre Sache doch die Rebellion. Galilei wurde nicht der Ketzerei angeklagt – sein Weltbild wurde schon 1632, also vor dem Prozess von Rom approbiert – sondern wegen „Ungehorsams“. Er hatte seinen Freund, den Papst, in einer Schrift lächerlich gemacht, wie das Pubertierende eben mit ihren Eltern so machen.

Pubertierende leben in einem inneren Krieg. Die Neue Wissenschaft (Naturwissenschaft) entstand in den Kriegswirren des 30jährigen Krieges. Und es war ein Kampf um die Wahrheit (Herbert Pietschmann). Galilei wollte WISSEN – und die WAHRHEIT dem Papst überlassen. Descartes suchte ein Denken, das nicht sofort dazu führt, dass die Menschen einander den Schädel einschlagen.

Pubertierende sind noch in der äußersten Ablehnung der Eltern doch deren System verhaftet. So waren die Gründer der Naturwissenschaft in ihrem „Kampf“ um die Wahrheit und gegen die Dogmen der Kirche immer noch der aristotelischen Logik verhaftet. Die Gegner Galileis saßen ja nicht in Rom, sondern in Paris. Die Pariser Universität sah ihr aristotelisches Weltbild gefährdet.

Die Welt, wie sie nicht ist

Die neue Wissenschaft war nur ein erster Schritt heraus aus der Welt (der Eltern), wie wir sie erleben. „Galilei wagte es, die Welt so zu beschreiben, wie wir sie nicht erfahren. – Aber dafür mathematisch einfach.“ (Carl Friedrich von Weizsäcker). Es war letztlich die Revolte gegen die Anschaulichkeit. Wir können alle beobachten, dass eine Münze schneller zu Boden fällt als ein Blatt vom Baum. Die Naturwissenschaft behauptet, alle Körper fallen gleich schnell. Das tun sie nur im Vakuum, und ein solches gibt es nicht. Aber es lässt sich (Pietschmann)fantastisch damit rechnen.

Newton konkretisierte dann: Nicht was wir erleben, ist wirklich, sondern was wir messen können. Das hat sich unserem Weltbild eingeprägt: Wir können uns noch so schlecht fühlen, wenn das Fieberthermometer 36,8 zeigt, haben wir kein Fieber! Newton weiter: Wir müssen für alles eine Ursache finden. Aber Ursachen werden nicht gefunden, sondern erfunden (Pietschmann). Wenn wir „tatsächlich“ Fieber haben, fragen wir, was der Auslöser war. Wir werden zwar keinen finden, aber vielleicht haben wir drei Tage zuvor ohne Mantel den Müll rausgetragen. Und schon haben wir eine Ursache erfunden.

Es folgte das Jahrhundert der Aufklärung, das Pietschmann aber das Jahrhundert der Mechanik nennt. Die Aufklärung verkündete auch nicht das Ende der Religion, sondern das Dämmern einer neuen Religion. So schrieb der große Aufklärer Voltaire 1732 an Maupertius: „Ihr Erster Brief hat mich auf die neue Newtonsche Religion getauft, Ihr zweiter hat mir die Firmung gegeben. Ich bleibe voller Dankt für Ihre Sakramente. … Ich werde auf ewig Ihre Briefe bewahren, sie kommen von einem großen Apostel Newtons, des Lichts zur Erleuchtung der Heiden.“

Pubertierende bekämpfen vehement das Alte – meist mit denselben alten Mitteln. William Thomson (Lord Kelvin) bekannte: „Ich bin erst dann zufrieden, wenn ich von einer Sache ein mechanisches Modell herstellen kann. Nur dann kann ich sie verstehen.“ So bockig kann nur ein Pubertierender sein.

Was folgte, war wie die Pubertät der Menschheit, ein Übergang. Und bekanntlich haben Pubertierende eine eigene Sprache. Die neue Physik verwendet nicht mehr den Begriff „Kraft“, sondern „Energie“. Damit wurde der Kraft die letzte Lebendigkeit ausgetrieben, die nicht in den (pubertären) mechanistischen Denkrahmen passt. Energie ist rein materiell, und der Weg war frei für ein reduziertes Weltbild: Materie ist das einzig Existierende. Das Lebendige ist nur Fantasie.

Pubertäre Gottesbilder

Was hat das alles mit Religionspädagogik zu tun? Es ist der Versuch, die Biografie der Jugendlichen in einen allgemein menschlichen Rahmen zu stellen. Die Menschheit ist weit davon entfernt, rational zu denken, rational ist sie nicht einmal in der sogenannten Aufklärung.

Ludger Verst: „Bilder von „Gott“ entstehen bereits in den ersten Lebensjahren. Kinder ‚denken‘ in Bildern und Symbolen. Bis etwa zum 6. Lebensjahr ist ihr Denken anschaulich bestimmt. Vor dem Gottesgedanken steht also das Gottesbild. Das Gottesbild ist eine schöpferische Leistung des Kindes. Das Kind begreift: Gott gibt es, aber man kann ihn nicht sehen.“

Die Frage (der Pädagogik) ist: Wie kann der Übergang von der Anschaulichkeit zur Unanschaulichkeit der Wirklichkeit gelingen, ohne dass das Gemeinte verloren geht? Wie oben beschrieben, war die Naturwissenschaft ein erster Schritt heraus aus der Anschaulichkeit, indem sie eine „objektive“ Welt konstruierte und der Lebenswelt gegenüberstellte. Diese konstruierte objektive Welt ist aber zum allgemeinen Weltbild, und damit zur künstlichen Lebenswelt geworden, in der sich auch die heutigen Jugendlichen befinden. Der Übergang muss also IN dieser Welt gelingen, in der nur das Materielle real ist.

In dieser Welt ist „Gott“ eine leere Metapher. Die Aufgabe ist vielmehr, diese Welt der toten Materie wieder zu verlebendigen. Die Frage nach GOTT ist uncool, und viel wichtiger ist auch die Frage: Was ist LEBEN? Schon für diese Frage ist die Hürde hoch. Interessant wäre aber schon die Frage: Was ist WELT?

Also zurück zum „Weltbild“ der Physik. „Welt ist doch so viel mehr als Teilchen in Raum und Zeit“, stellte der Physik-Nobelpreisträger Erwin Schrödiger fest. Es gehört auch dazu, was der naturwissenschaftliche Denkrahmen ausschließt: das Lebendige, Einmalige, Kreative usw. Das könnte den Raum eröffnen für eine Diskussion mit den Jugendlichen.

Aber die Geschichte der Physik war Ende des 19. Jahrhunderts nur scheinbar zu Ende. Lord Kelvin und auch der Lehrer von Max Planck rieten vom Studium der Physik ab, weil da schon alles erforscht wäre. Doch ausgerechnet letzterer läutete ein neues Zeitalter ein. Die Quantenmechanik stellte die gesamte Physik auf den Kopf, und – besonders wichtig – sie zeigte, dass der europäische Denkrahmen nicht einmal imstande ist, die Materie zu erklären. Die Physik ist nicht mehr deterministisch, die Kausalität wird durch Wahrscheinlichkeit abgelöst, die Welt ist zwar mathematisch, aber nicht mehr physikalisch widerspruchsfrei zu erklären. Was dadurch bedingt ist, dass die Physik die anschauliche Welt hinter sich gelassen hat und versucht, den unanschaulichen Mikrokosmos zu erklären. Eindeutigkeit gibt es auch in der Physik nicht mehr.

„Das Kind begreift: Gott gibt es, aber man kann ihn nicht sehen.“

Wie kommt es aus diesem Widerspruch heraus? Wir brauchen z.B. ZWEI anschauliche und widersprüchliche Bilder (Teilchen und Welle), um EIN Phänomen (Elementar-teilchen) zu erklären. Grob und nicht ganz richtig könnten wir sagen: Teilchen ist das, was man sehen kann, Welle nicht. Und doch ist es dasselbe. Außerdem ist die Frage, ob es diese Teilchen GIBT, nicht mehr zu beantworten. Ein Elementarteilchen IST nicht, sondern WIRKT. Es ist überhaupt nur in WECHSELWIRKUNG. So wie auch der Mensch nicht IST, sondern WIRD, und das nicht als isoliertes Ich, sondern nur in BEZIEHUNG.

Gibt es mich als „anschauliches“ Ich überhaupt? Oder braucht es etwas Unanschauliches, nämlich Beziehung, um zu sein? Wir kamen durch Beziehung in diese Welt, und wurden durch Beziehung (Mutter, Eltern, Umgebung) zu dem, was wir sind. Niemand ist ohne Beziehung lebensfähig. In Japan ist dieses Dazwischen, diese Beziehung wichtiger als Ich und Du. Und jetzt kommt ausgerechnet die Physik daher, und muss feststellen, dass in es der Mikrowelt keine Dinge oder Objekte gibt, sondern nur Beziehung – und zwar nicht Beziehung von etwas, sondern nur Beziehung (Hans-Peter Dürr). Die Frage, was gibt es, verliert an Bedeutung.

Und am anderen Ende der Skala: In Gott sind nicht drei Personen, sondern Gott ist reines Beziehungsgeschehen. So erklärt die Theologie die Trinität. Und: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht!“ (Dietrich Bonhoeffer).

 

© 2018 R. Harsieber

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