Wie man mit Leid umgehen kann

Cover_LeidDas Buch von Thomas Hohensee nennt sich „Stärker als das größte Leid. In drei Schritten unerschütterlich durchs Leben“. Ratgeberliteratur eben. Die gibt’s wie Sand am Meer und ist auch so interessant wie dieser. Das Buch ist trotzdem lesenswert.

„Das Leben ist schwierig“, so das erste Unterkapitel. Und alles kann sich schlagartig ändern. Wie Menschen darauf reagieren ist unterschiedlich – und das hat Gründe. Die einen werden völlig aus der Bahn geworfen, die anderen sind unerschütterlich und gehen ihren Weg. Die Mehrheit liegt irgendwo dazwischen. Die Lösung, die der Autor vorschlägt, ist der Dreischritt von Akzeptanz, Sinngebung und Improvisation. Leid annehmen und verwandeln, dadurch könne man unerschütterlich werden. Die letzte Stufe werden nur wenige erreichen – das unterscheidet dieses Buch von der Ratgeberliteratur und macht es lesenswert. Obwohl ein „Alles ist lösbar“ immer wieder durchklingt. Aber darüber kann man hinweglesen.

Am interessantesten wird das Buch, wenn es von Laotse, Buddha oder den Stoikern erzählt. Und auch da, wo es immer wieder zu eigenem Denken anregt – auch das macht dieses Buch lesenswert, dafür wären Ratgeber eigentlich da. Plattitüden lassen sich offenbar nicht ganz vermeiden, aber immer wenn man durch solche Allheilmittel genervt ist, wird es wieder interessant und anregend.

„Es sind nicht die Ereignisse, die darüber bestimmen, ob man leidet.“ Es ist die Reaktion darauf oder die innere Einstellung dazu. Es hängt auch davon ab, „welche Programme man in früher Kindheit aufgespielt bekommen hat“. Es gibt allerdings Traumata, die so tief sind, dass sie sich so nicht „heilen“ lassen. Wenn man akzeptiert, dass das Buch nicht für solche Extremsituationen geschrieben wurde, dann liest sich das Buch sehr gut. „Es kommt eben nicht darauf an, wie schlimm ein Erlebnis tatsächlich ist, sondern wie wir es bewerten.“ Der Satz ist richtig, hat aber seine Grenzen.

Gleichmut, die Dinge so nehmen, wie sie sind, macht schon mal vieles leichter. Den Erlebnissen einen Sinn geben, macht wirklich Sinn. Wobei klar sein muss: „Dinge haben nicht von sich aus Sinn, aber man kann ihnen diesen verleihen.“ Und dann wäre noch die Improvisation oder Flexibilität oder Anpassungsfähigkeit oder Kreativität.

Da wären wir an so einem Punkt, wo sich das Weiterdenken lohnt. Die Überwindung von Gewohnheit ist schwierig, vor allem deshalb, weil sie im allgemeine Weltbild verankert ist. Dieses lehnt nicht an die Naturwissenschaft an, insbesondere an die Physik. Deren Methode ist die Analyse und die ist statisch. Sie zerlegt die dynamische Wirklichkeit in statische Teilchen. Wenn der Autor Laotse, Buddha oder die Stoiker zitiert, dann sind das dynamische Weltbilder, die den natürlichen Wandel im Auge haben. Nicht festhalten, sondern loslassen. Nicht die Objekte, sondern der Weg ist wichtig. Tun und Loslassen gehören zusammen. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Yin und Yang. Das innere Gleichgewicht ist kein Ruhezustand, sondern ein dynamisches Ausbalancieren. Dynamik heißt auch: Es gibt nichts Vollkommenes. Perfektionismus ist statisch, damit starr und unnatürlich.

Auch wenn uns manchmal Grenzen gesetzt sind, über die wir nicht hinauskommen, so gilt doch dieser Satz, der fast das Motto des Buches sein könnte: „Menschen überschätzen, was an einem Tag möglich ist, und unterschätzen, was sie in einem Jahr bewegen können.“ Auch das führt weg von einem statischen Weltbild, das aus dieser Sicht beinahe schon pathologisch ist, auch wenn es der Mehrheit entspricht.

 

Thomas Hohensee
Stärker als das größte Leid
In drei Schritten unerschütterlich durchs Leben
Nymphenburger Verlag, 2018
ISBN: 987-3-485-02952-0

EUR 16,50x

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Gedanken zu den „Wortkörpern“ von Johann Berger

32202744_2403905552960308_6426007451253866496_nAm 24. Mai 2018 wurde im traditionsreichen Palais Strozzi in Wien, organisiert vom „Complexity Science Hub Vienna“, einem Institut, das sich der Komplexitäts-forschung widmet, die Ausstellung „Wortkörper“ von Johann Berger eröffnet – ebenso gelungen wie spannungsgeladen. Innovative Wissenschaft in einem traditionsreichen Gebäude präsentiert ebenso innovative Kunst, die auf antike Begriffe rekurriert.

DSCN4650_webBerger unternimmt etwas, das es bislang nicht gegeben hat. Er nimmt Begriffe aus dem Griechischen und Hebräischen, nimmt den Buchstaben das Nacheinander, setzt sie hintereinander und entwickelt daraus eine buchstäblich begreifbare Form. Im Innenhof des Gartenpalais steht außerdem noch etwas erstmals Realisiertes, ein Objekt, das als 3D-Druck aus Beton entstanden ist, aus der Entwicklungsabteilung des Bauunternehmens Baummit.

Kunst wird dann bedeutsam, wenn sie beim Betrachter das Innere anrührt und/oder zum Denken anregt. Dazu fordert die doppelte Spannung zwischen Tradition und Innovation geradezu heraus.  Man kann sagen, dass bereits Aristoteles die komplexe Natur zu erschließen versuchte. Der kulturelle rote Faden reicht bis zur Naturwissenschaft, die aber lange Zeit eine Theorie einfachster Systeme war. Erst in heutiger Zeit versucht man, der Komplexität der Natur gerecht zu werden.

Johann Berger nimmt antike Begriffe in griechischer und hebräischer Schrift, und setzt die Worte dreidimensional in den Raum, so dass sie buchstäblich begreifbar werden. Damit passiert etwas, das es bisher noch nicht gegeben hat, das aber auch der heutigen Verwendung von Worten einen Spiegel vorhält. Wir wollen „begreifen“, wir definieren, d.h. wir grenzen den Begriff ein. Dass dadurch nicht nur etwas klarer wird, sondern auch etwas verloren geht, kommt uns nicht mehr in den Sinn.

 

In der Antike waren die Sprachen bildhafter und weniger begrifflich als heute. Auch eine klare Bedeutung war mehrdeutig. So war das hebräische Wort für „Vater“ auch das Wort für „Ursprung“. Letzteres geht verloren, wenn Fundamentalisten es nur mehr anthropomorph als „Vater“ verwenden. Zudem erleben Worte einen Bedeutungswandel. Sprache ist lebendig und wandelt sich ständig. Wer heute an einen „persönlichen“ Gott glaubt, der glaubt so ziemlich das Gegenteil dessen, was damals darunter verstanden wurde. Persona war die Maske im griechischen Theater, die „Person“ (im heutigen Sinne) dahinter, der Schauspieler, blieb unsichtbar und verlieh der Maske das Leben, den Charakter. Als der Begriff der Trinität kreiert wurde, dachte man wohl mehr an drei Masken als an drei „Personen“.

Diese Mehrdimensionalität der (mehr bildhaften) Wortbedeutungen ist verloren gegangen. Selbst die hebräischen Buchstaben sind keine Zeichen, sondern Bilder, Symbole, die auch in Zahlen ausgedrückt werden können, wodurch ihre Bedeutung klarer und gleichzeitig vieldeutiger wird. Dies alles schwingt in Bergers „Wortkörpern“ mit, durch die paradoxe Situation, dass gerade durch das „festgestellte“ statische Objekt die ganze Kulturgeschichte mitschwingt. Dadurch wird ein Finger auf den wunden Punkt unserer Kultur gelegt, nämlich dass unsere Begriffe die Dimension der Zeit, ihren dynamischen, mehrdimensionalen und vieldeutigen Charakter verloren haben.

Das ist jedoch nicht nur der Sprache geschuldet, sondern dem vorherrschenden Weltbild, das ein zutiefst statisches ist, dem die Zeit, jegliche Dynamik, jegliche Entwicklung fremd ist. Das europäische Denken zerlegt die Welt in kleinste Teilchen, das Ergebnis sind ganz scharfe Standbilder, mit denen der dynamische Film der Wirklichkeit aber verloren ist. Der zweite Strang der europäischen Kultur, der schon bei Heraklit („Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss“, „panta rhei“ = alles fließt) anklingt, spielt eine zunehmend unbewusste, verdrängte, inferiore Rolle. Nicht zufällig ist die Frage der Zeit für die heutige Leitwissenschaft Physik ein unlösbares Problem. Selbst das Zusammenfügen der Standbilder zu einem großen Ganzen ergibt immer noch keinen Film.

Es ist das Verdienst Johann Bergers, dass er durch seine „festgestellten“, materialisierten Formen auf die lebendige Tradition verweist, auf das Fließen, auch der Übergänge zwischen den Buchstaben. Der Betrachter wird angeregt, nicht nur den Prozess der Entstehung des Objekts, wie auch der ursprünglichen Worte mitzudenken, wodurch Verlorenes wieder lebendig werden kann.

 

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Das Buch der Bilder

Cover_Jung_Buch der BilderAm 24. April 1948 wurde das C.G. Jung-Institut Zürich gegründet. 2018 besteht es somit seit 70 Jahren.  Um das zu feiern, braucht es etwas Besonderes: Patientenbilder aus dem Institut, die bisher einem größeren Publikum nicht zugänglich waren, in Buchform. Gleichzeitig sind die Bilder im Museum im Lagerhaus, St. Gallen (noch bis 8. Juli 2018) zu sehen. Das Buch ist also gleichzeitig ein Ausstellungskatalog.

Jolande Jacobi begann Ende der 1950er Jahre, ca. 4500 Bilder von Jungs Patienten zu archivieren, dazu ca. 6000 Bilder ihrer eigenen Patienten. Die Bilder bestechen nicht nur durch ihre archetypische Aussagekraft, sondern auch durch ihre künstlerische Gestaltung.

C. G. Jung hatte selbst seine Träume, Imaginationen und Visionen gemalt, z.B. in seinem berühmten Roten Buch, eine intensive Auseinandersetzung mit dem kollektiven Unbewussten. Er entwickelte dazu die Aktive Imagination und hielt auch seine Patienten an, damit zu experimentieren und die Bilder zu malen. Dies ist einerseits ein besonderer Zugang zu sich selbst, andererseits bezeichnete Jung Menschen ohne Zugang zum eigenen Mythos als „Entwurzelte“. Dieser Zugang beruht darauf, so Jung, „dass man das Bewusstsein veranlasst, mit dem Unbewussten zusammenzuarbeiten, wodurch dieses dem Bewusstsein integriert wird.“ Dahinter steht die Ansicht, dass die Innenwelt real ist, und in diesen Bildern sichtbar wird.

Eine zentrale Rolle spielt die Symbolik der seelischen Ganzheit im Mandala, der ein Kapitel von Verena Kast gewidmet ist. Immer wiederkehrende Symbole sind Sonne, Licht, Wasser, Schlange, Lebensbaum, das Weltenei und natürlich der Mensch. Da es sich bei den Bildern meist um Serien handelt, ist eine Entwicklung abzulesen. Da es auch um Kollektives geht, sind sie zu deuten, auch wenn der persönliche Hintergrund meist nicht bekannt ist. Es geht um Wandlung, um Leben und Tod, um den Bezug des Endlichen zum Unendlichen, um die Erfahrung des Verbundenseins mit sich selbst, mit den anderen und mit etwas größerem Umfassenderen.

Jung leitet seine Patienten an, das zuerst passiv Geschaute auch aktiv zu gestalten, und zwar, „um Wirkung zu erzeugen“. Schon die Aktive Imagination ist ein aktives Zulassen. Das so Entstandene zu malen, bringt nicht nur eine weitere Konkretisierung, sondern ist selbst ein dynamischer Vorgang. Die Bilder sind wie Standbilder eines Films, der in der Serie sichtbar wird. Wichtiger noch ist, dass sich im Prozess des Malens das geschaute Bild weiter verändert.

Dies erinnert mich an ein zentrales Thema der Quantenphysik, die fast parallel zur Tiefenpsychologie entwickelt, aber kaum je im Zusammenhang gesehen wurde. Jede Messung verändert das Gemessene. Auch Wahrnehmung ist Messung. Im Hinschauen verändere ich, und verändert sich (aus dem Unbewussten) das Geschaute.

Daher ist eine Analyse nie zu Ende, wie der Kunsthistoriker Philip Ursprung am Ende seines Beitrags feststellt. Er legt außerdem dar, dass die Aktive Imagination nur dann funktioniert, wenn die Transformation eines inneren Bildes zugelassen wird, bevor sie in Worte gefasst wird. Wie auch beim Deutungsprozess darf die Bedeutung nicht vorschnell fixiert werden.

Wieder erstaunt die Parallele zur Quantenphysik. Durch die Messung werden die Eigenschaften eines Quantenphänomens „nicht festgestellt, sondern hergestellt“ (Herbert Pietschmann). Vor der Messung hat das Phänomen keine Eigenschaften, auch nicht das der Existenz. Es ist sozusagen überall und nirgends, als Überlagerung (Superposition) aller Möglichkeiten. Erst durch die Messung „kollabiert“ eine Möglichkeit in die Realität. In der Aktiven Imagination wie in der Deutung wird den Möglichkeiten (der Mehrdeutigkeit von archetypischen Symbolen) Raum gegeben, bis sich eine herauskristallisiert und verbalisiert, festgestellt werden kann. Physikalisch befinden wir uns vor der Messung in der Dimension der raum- und zeitlosen Wirklichkeit. Die psychologische Parallele dazu ist das kollektive Unbewusste, selbst nie zugänglich, aber in den archetypischen Bildern jeweils konkretisiert, ohne das Ganze (in der physikalischen Parallele die Superposition aller Möglichkeiten) je ausschöpfen zu können.

In der Aktiven Imagination und im Malen geht es darum, Wirkung (aus dem Unbewussten) zuzulassen. Der Patient malt sich immer selbst, lässt sich gestalten und gestaltet sich selbst. Die „abgeschlossene“ Therapie entlässt den Patienten als nun Erwachsenen, der nun ein Werkzeug hat, mit dem er an sich weiterarbeiten kann. Die Jung’sche Analytische Psychologie ist damit nicht nur für psychisch Kranke, sondern auch für „Gesunde“ zuständig.

Das vorliegende Buch gibt damit nicht nur einen Überblick über die Arbeit C.G. Jungs und seiner Schule (die er nie gründen wollte), sondern regt auch an, sich mit sich selbst und eigenen Assoziationen, Bildern und Gedanken zu beschäftigen.

 

Ruth Amman, Verena Kast, Ingrid Riedel (Hg.)

Das Buch der Bilder

Schätze aus dem Archiv des C.G. Jung-Instituts Zürich

Patmos Verlag 2018, 250 Seiten, Hardcover, ca. 250 Abb.

ISBN: 978-3-8436-1017-9

EUR 30,00  – Subskriptionspreis bis 12.6.2018, danach ca. EUR 36,00

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Manfred Kochs Welt-Bilder

Koch_printempsDie Kunst Manfred Kochs besteht vor allem darin, Bewegung in einem statischen Medium einzufangen. Dazu braucht es Technik, Geduld und ein offenes Welt- und Menschenbild.

Unser gewohntes Weltbild ist ein durch und durch statisches. Wir sehen Objekte und Dinge, die auch wenn sie sich bewegen, ohne Veränderung in sich sind. Heraklits „panta rhei“ war dagegen offensichtlich machtlos. Wir sehen das Fließen der Dinge nicht. Wir sehen ein Gebäude als „Objekt“, vernachlässigen seine Geschichte, die vom Bau bis zum Verfall reicht. Die Bewegung ist zu langsam, als dass sie uns auffallen würde. Und doch ist sogar ein Berg in fließender Bewegung, wurde einmal vor langer Zeit aufgefaltet und schrumpft dann Millimeter für Millimeter.

Wir denken sozusagen in Standbildern (Dingen, Objekten) und übersehen den Film (die Geschichte), der die Wirklichkeit ausmacht. Unsere Bilder der Wirklichkeit haben noch nicht laufen gelernt. Dazu kommt, dass wir uns an ein (pseudo)naturwissenschaftliches Weltbild klammern, und (die klassische) Naturwissenschaft darin besteht, die Welt in kleinste Teilchen (Standbilder) zu zerlegen. Erst nach 1900 kam diese Teilchenwelt ins Wanken, zumindest in der Physik. Teilchenbild und Wellenbild gehören komplementär zusammen. Im Gegensatz zur klassischen hat aber die moderne Physik kaum einen Einfluss auf unser Weltbild.

In der Welt Manfred Kochs gibt es Foto und Film, festgehalten mit einem „Objektiv“, das Objekte darstellt oder „bewegte Bilder“. Im Film laufen die Bilder so schnell vor unserem Auge ab, dass sie wie Bewegung erscheinen. In dieser „Bewegung“ verstecken sich die Standbilder. Das Faszinierende an Kochs Fotos ist, dass er im statischen Bild Bewegung sichtbar macht, dass er Ruhe und Bewegung nebeneinander in komplementäre Spannung stellt. Seine Fotos fangen nicht Objekte ein, sondern Momente einer Bewegung, einer Geschichte. Das Festgehaltene ist nicht Objekt, sondern Verdichtung von Zeitlichem. Sinnliches wird damit auch zum Sinnhaften, über sich Hinausweisenden, Fotografie zur Philosophie.

Dazu kommt man nicht, indem man ein Motiv erfasst und auf den Auslöser drückt. Zur Inszenierung gehört ganz wesentlich das Warten, das Warten auf den richtigen Augenblick (Chairos), in dem Vergangenes und Zukünftiges mit eingefangen werden. Ein konkreter Ort und ein konkreter Zeitpunkt, die über sich hinausweisen. Es wird ein ganz bestimmter Augenblick eingefangen, in dem aber die Bewegung erhalten bleibt und im Kontrast zum statischen Teil des Fotos steht. Oft sind es mehrere Räume, die ineinander übergehen, und Bewegungen, die den ruhenden Teil der Komposition aus der Reserve zu locken scheinen.

Wie in jedem Kunstwerk ist das Bild der „Endpunkt“ eines Prozesses der Gestaltung. Dieser ist dann für den Betrachter der „Ausgangspunkt“ eines Prozesses, der vom Raum, den das Bild eröffnet, in den Innenraum, die Innenwelt des Betrachters führt. Das Bild ist die Mitte oder der Schnittpunkt zwischen der inneren Einstellung des Künstlers und der Innenwelt des Betrachters.  Die Fotos weisen dadurch ins Symbolhafte, sind mehrschichtig und mehrdeutig. Oft erzählen Details, die man beim ersten Blick gar nicht sieht, eine eigene Geschichte, die aber dem ganzen Bild eine neue Wende gibt.

Anders und doch nicht anders in der Serie „Übergangenes“, die Abbildungen von verwitterten Pariser Zebrastreifen. Hier erzählt gerade das statische Muster eine bewegte Geschichte.

Manfred Koch geht es nicht (nur) darum, etwas Äußeres festzuhalten, sondern aus sich heraus etwas zu gestalten. Gute Kunst ist immer auch ein Offenlegen des eigenen Inneren. Im Bild oder Foto trifft dieses Offengelegte dann auf die Innenwelt des Betrachters, wo etwas angerührt wird, das nicht vorhersehbar ist. Das Foto stellt eine Beziehung zwischen Künstler und Betrachter her, zwischen zwei Innenwelten, die einander durch das Foto in seiner Vieldeutigkeit begegnen.

Eine andere Spannung ist, dass jedem Foto eine genaue Vorstellung der Komposition zugrunde liegt. Und doch soll ein Ereignis festgehalten werden, das nicht vorhersehbar ist. Es ist ein Warten auf eine Begegnung, in der Geplantes und Zufälliges, nicht Berechenbares verschmelzen. Scheinbar Alltägliches bekommt durch den herausgehobenen Augenblick eine tiefere Bedeutung.

Manfred Kochs Fotos laden dazu ein, die „Dinge“ anders sehen zu lernen, das gewohnte Wahrnehmen und damit das gewohnte Denken zu übersteigen. Das europäische Denken ist ein Denken in einander ausschließenden Gegensätzen. In Kochs Fotos stehen die Gegensätze nebeneinander, schließen einander nicht aus, sondern kommunizieren miteinander, verweisen aufeinander und auf die Einheit des „panta rhei“. Auf die Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit der Welt, die der modernen Sucht nach Eindeutigkeit, die es in der Natur gar nicht gibt, widersteht. Koch arbeitet mit seiner Kamera an einem neuen Welt-Bild.

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Theologie ohne „Gott“

Es gibt lebende und tote Sprachen und auch lebende und tote Sprachspiele. Wenn man heute Diskussionen vor allem von fundamentalistisch Glaubenden und ebenso fundamentalistischen Atheisten verfolgt, kann man sich des Eindruck nicht erwehren, dass beide Seiten keine Ahnung haben, wovon sie reden. Es geht um ein Wort, das längst totgeredet wurde. (Das Wort) Gott ist tot, wie Nietzsche sagte. Die Diskussion entzündet sich an einem unverstandenen, längst toten Wort.

Wie kann man heute noch über Gott reden, ohne das Wort „Gott“ zu verwenden, das vielen nichts mehr bedeutet. „Das Absolute“, der „Gott“ der Philosophen, ist zu abstrakt und genauso alt, „das Ganze“ wäre eine heutige Vorstellung, hängt aber zu sehr an den Teilen. Wie also noch von Gott reden?

Völlig übersehen wird dabei, dass einer schon längst eine ganz andere Sprache gesprochen hat: Jesus von Nazareth vor 2000 Jahren. Er hat das Wort kaum verwendet, hat meist vom „Vater“ gesprochen, ein Wort, das im Aramäischen auch „Ursprung“ heißt, also eine völlig andere Konnotation hatte, als wir ihm heute mit dem anthropomorphen „Vater“ unterstellen.

Im Alten Testament ist „Elohim“ ein Plural, und „JHVH“ ein nicht auszusprechende „Begriff“. Im brennenden Dornbusch gibt sich Gott zu „erkennen“ als der „Ich bin da“. Alles Beschreibungen und Zuschreibungen, die im heutigen Wort „Gott“ längst verloren gegangen sind.

Nur wir Heutigen tun so, als wäre mit dem Begriff „Gott“ alles klar. Wir haben eine konkrete, anthropomorphe Vorstellung, ein Bild, das wir uns schon laut AT gar nicht machen sollten. Wir pressen Gott in eine menschliche Vorstellung, was im AT mit dem Bild vom Goldenen Kalb bezeichnet wird.

Wie also noch von Gott reden?

Jesus hat von sich meist als „Menschensohn“ gesprochen und zeigt damit, wie Menschsein geht. Das vor allem war seine Mission. Aber auch „Ich und der Vater (auch Ursprung) sind eins.“ Und in Joh. 17 wird beides, auch für den Menschen, verbunden: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein…“ Man kann nicht von Gott reden, ohne vom Menschen zu reden, und umgekehrt. Die Frage ist nur, wie?

Wenn aber Jesus sagt, „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, dann ist das bereits eine andere Sprache, eine die ohne den (abgenudelten) Begriff „Gott“ auskommt. Einerseits spiegelt dieses Wort die Trinität von Weg (Sohn), Wahrheit (Vater) und Leben (Geist), ohne in das heutige Subjekt-Objekt-Denken abzusinken, andererseits umgeht diese Beschreibung ein konkretes statisches Bild und löst das Ganze in eine Dynamik auf. Leider ist dieser Satz noch nicht im Volk angekommen. Fundamentalisten klammern sich an eine „Wahrheit“, in deren Besitz sie sich wähnen, weil sie die Bibel haben und lesen können. Genau deshalb trifft auf sie das „Der Buchstabe tötet…“ zu. Anderen einen unverstandenen Begriff um die Ohren zu hauen, bringt beiden nichts. Vor allem, wenn der Weg und das Leben außen vor bleiben, ohne die aber die Wahrheit nicht zu „haben“ ist.

Spiritualität ist ein Weg, das heißt es gibt eine Orientierung, aber es ist sinnlos, voreilig von einem Ziel (Wahrheit) zu reden. Und Spiritualität ist ein Weg im Leben, dem nichts Menschliches fremd ist. Eine Theologie, die am Leben in all seinen Facetten vorbei geht, ist keine Theologie. Jesus hat sich nicht mit den Pharisäern (die die „Wahrheit“ verwaltet haben) zu Tisch gesetzt, sondern mit den Zöllnern (die „Sünder“, aber lebendig waren).

Eine lebendige Spiritualität braucht nicht unbedingt einen Begriff (Gott), sie braucht vielmehr einen Weg (inklusive der Demut, noch kein Ziel erreicht zu haben) im Leben (mit allen Facetten, Tiefen und Abgründen). Dieser lebendige Weg führt in die Tiefen der Seele, weshalb eine Religion ohne Psychologie zahnlos ist, und jedes Reden von Gott leeres Gerede.

Erst in dieser inneren Tiefe sind Weg und Ziel eins in der Wahrheit. Und für diese braucht es keine Begriffe.

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Ernst Jünger – Personifikation eines Jahrhunderts

9783476045621Niels Penke: Jünger und die Folgen, J.B. Metzler Verlag 2018

Ernst Jünger ist ein „umstrittener“ Autor, an den alle politischen Lager und Denkweisen anschließen konnten. Die Zuschreibungen reichen von „schlechtester Schriftsteller von Rang“ über „veredelter Faschist“ bis hin zur „Jahrhundertfigur“. Die meisten dieser Zuschreibungen reagieren auf Momentaufnahmen, auf Standbilder statt auf den ganzen Film. Am einleuchtendsten ist daher auch „das menschgewordene zwanzigste Jahrhundert“ (Paul Virilio). Er lebte nicht nur in diesem Jahrhundert, er repräsentierte es auch in allen seinen Facetten. Sein Werdegang vom Rechts-Revolutionär zum Konservativen, in dem sich durchaus auch Links-Revolutionäre wiederfinden konnten, hat in allen politischen Lagern Ablehnung und Zustimmung erfahren.
Jünger ist vor allem ein Mann der Gegensätze, der – wenn man sein Leben als Ganzes sieht – das Gegenteil nicht ausgeklammert hat. So hat er sich auch am Ende von seiner anfänglichen faschistischen Ära nicht distanziert (wie ihm vorgeworfen wird), sondern diese als Teil seines Lebens umgedeutet und integriert.

Der Krieger
Jüngers Schaffen beginnt mit einer schwer verdaulichen Verherrlichung des Krieges. Doch hat dies einen eher mythischen Charakter. Er beschreibt ihn wie einen Initiationsritus des Erwachsenwerdens, das aber ausbleibt, weil sein Mythos des Helden im Pubertären steckenbleibt. Er nimmt zunächst das Leben als Kampf in den Mythos der Initiation hinein, die er vom Ereignis zur Daseinsweise aufbläht. Es geht gar nicht darum, wofür man kämpft, sondern nur dass und wie man kämpft. So nimmt er den Mythos ins Konkrete und legt eine steile militärische Karriere hin. Er ist ein pubertärer Träumer, der an die Stelle der Erziehung die Selbstbildung setzt, diese Fantasie aber ganz konkret umsetzt.
Als Kind der beginnenden Moderne revoltiert Jünger gegen eben diese, versucht sich in der Fremdenlegion in Afrika, als Gestalt gewordener Bubentraum, heiß, gefährlich „ein nur für Männer geschaffenes Land“. Am Beginn des 1. Weltkrieges meldet er sich freiwillig, befürchtet, dass der Krieg zu schnell zu Ende sein könnte, und er nicht mehr diese Augenblicke erleben dürfe, „die man als die eigentliche Männertaufe bezeichnen kann“. Die nationalistischen Züge sind dabei nur Hintergrund.
Schon hier wird deutlich, wie aktuell Jünger für das beginnende 21. Jahrhundert ist. Wie es dazu kommen kann, dass mit pubertärem Protest rechtsradikale Gesinnung wieder aufleben kann. Im Gewand des politischen Protests wird unreflektiertes Innenleben nach außen projiziert.
Ambivalent gegensätzlich wie die Zeit der Pubertät ist das Erstlingswerk „Im Stahlgewitter“. Eine Verherrlichung des Krieges an sich, in dem sich der Autor zum Helden stilisiert, bis hin zur Frage „Wann hat dieser Scheißkrieg ein Ende?“ Jünger erzählt, mit neutralem Abstand, „wie es war“. „Innere wie äußere Abhärtung, die ihre Vollendung in der großen und ‚männlichen‘ Gleichgültigkeit findet, sind das Ziel.“ Er schafft es nicht bis zum erwachsenen Gleichmut, bleibt in der Gleichgültigkeit stecken. Abstumpfung wird als Abhärtung interpretiert, Empathielosigkeit als „unbeeindruckte Haltung“ und „neutraler Blick“ idealisiert. Er beschreibt entsetzliche Szenen, aber „in solchen Augenblicken triumphiert der menschliche Geist über die gewaltigen Äußerungen der Materie“. Schon hier zeigt sich das philosophische, ja religiöse Moment, das erst viel später zum Tragen kommt.
Der Krieger geht im Kollektiv auf, obwohl er im Grabenkampf auf sich allein gestellt ist. Später wird Jünger den entindividualisierten Arbeiter als Ideal hinstellen, und am Ende wieder das Individuum in den Blick nehmen. Den Krieg beendet Jünger als Verwundeter, er überlebt und wird als Kriegsheld mit den höchsten Auszeichnungen bedacht.

Verarbeitung
Danach studiert er Zoologie und Philosophie, setzt sich mit der Vereinigung von Form und Materie und dem Begriff des Mechanismus auseinander. Sein literarisches Schaffen bleibt der Verarbeitung der Kriegserlebnisse verpflichtet, wird aber immer wieder umgedeutet, z.B. in „Der Kampf als inneres Erlebnis“, in dem er den Krieg zum Selbstzweck erhebt. Das brachte ihm den Vorwurf der „Kriegsverherrlichung“ ein. Jünger wird aber immer mehr zum Beobachter menschlicher Gegebenheiten, der die dunkle Seite nicht verleugnet: „Das wird bleiben, solange Menschen Kriege führen, und Kriege werden geführt, solange noch das tierische Erbe im Blute kreist.“
Hier wird deutlich, dass man Jünger vor allem (kollektiv-)psychologisch sehen muss. Er thematisiert (mit seinem Leben) die Ambivalenz des Lebendigen. Wie im indischen Mythos der Kali ist ihm Zerstörung und Schöpfung eins. Nur ist es bei ihm ein männlicher Mythos, der dem Westen wohl mehr entspricht: „Der Kampf ist nicht nur eine Vernichtung, sondern auch die männliche Form der Zeugung, und so kämpft nicht einmal der umsonst, welcher für Irrtümer ficht.“ Letztlich geht es um einen Reifungsprozess, „Tempestatibus maturesco – Im Stürmen reife ich“ ist sein späteres Exlibris.
„Ich hasse die Demokratie wie die Pest“, so Jüngers Bekenntnis. Wohl weil er darin die Kapitulation des Kämpfens sah. Bevor man sich aber darüber aufregt, möge man daran denken, dass heute rechte Parteien (wieder) an die Macht drängen, und wenn sie demokratisch gewählt in einer Regierung sitzen, dann wird von den Halbrechten oft argumentiert, dass Demonstrationen gegen diese Regierungen „undemokratisch“ und links-linker Terror wären. Dann möge man Milde walten lassen und Jünger zugestehen, dass er eine falsch verstandene Demokratie meinte – die aber Realität ist.

Wendung nach innen
Nach dem Krieg verkehrt Jünger in rechtsradikalen Kreisen und sucht genauso den Schulterschluss mit linken Revolutionären bis hin zu den „Salon-Kommunisten“. Es geht ihm unter dem Thema des Krieges und dann der Revolution nicht um konkrete Ideologien, sondern um die große Veränderung. Jünger ist übrigens zu diesem Zeitpunkt vom Kriegshelden zum Schreibtischtäter mutiert, der sich gar nicht um eine Umsetzung seiner Ideen der Revolution bemüht. Vielmehr ist es eine Wende nach innen: „Dies hat alles seinen Sinn, einen tiefen Sinn, der sich auch in mir erfüllt.“ Der Kriegsschauplatz wird zunehmend zum inneren Schauplatz.
Jünger distanziert sich vom Nationalsozialismus, der aber nie seinen Intentionen entsprochen hat. Dass er sich nie von seinen frühen Schriften distanziert hat, sie nur umgedeutet hätte, wird ihm vorgeworfen. Aber er kann sich auch gar nicht von seinem Leben distanzieren, das er als Prozess auffasst. Vergangenheitsbewältigung heißt bei ihm nicht Distanzierung, die nichts ungeschehen machen kann, sondern Integration und Umwandlung. Er ist damit vielleicht realistischer als viele seiner Kritiker.
In einer neuen Wendung bezeichnet er das frühere Schaffen als sein „Altes Testament“. Inzwischen wandelt sich sein früherer unerbittlich kalte Blick der Zerstörung in eine entspannte, bisweilen heitere Vita contemplativa in den späteren Werken. Seine Versuche, ein neues Leben zu beschreiben, münden mehrmals am Ende in einer Flucht ins Unbestimmte. Er beginnt allmählich, sein Scheitern anzunehmen. Die Frage, wie Neues entsteht, ist noch nicht beantwortbar. „Alle Menschen und Dinge dieser Zeit drängen einem magischen Nullpunkt zu. Ihn passieren heißt, der Flamme eines neuen Lebens ausgeliefert zu sein; ihn passiert zu haben, ein Teil der Flamme zu sein.“
Der Krieg wird ihm zum Motor gesellschaftlicher Transformation. Der „Geist des Fortschritts“ und der „Genius des Krieges“ sind ihm zwei Seiten eines Ereignisses. Sein Kampf gilt noch dem für ihn fragwürdigen Begriff der individuellen Freiheit. Es schwebt ihm ein Transformationsprozess im Zeichen des Arbeiters als kollektiver Typus vor. Jeder ist ersetzbar, es geht nur um die Funktionalität. Das klingt weniger absurd, wenn man Jünger als Diagnostiker sieht. Die Realität gab und gibt ihm Recht.
Ein endgültiger innerer Wandel vollzieht sich in der Mitte der 1930er Jahre. Jünger zieht sich zurück an einen naturbelassenen Rand der zivilisierten Welt in Norwegen. In dem Roman „Auf den Marmorklippen“ entwirft er einen ästhetischen Nicht-Faschismus, der sich gegen die Barbarei stellt, die zufällig als faschistisch auftritt. Am Ende steht – wie noch öfter – keine Lösung, sondern eine Flucht als Eingeständnis eines Scheiterns.

Menschwerdung
Im Zweiten Weltkrieg ist Jünger Teil der High Society in der besetzten Stadt Paris, und er kann hier Menschenleben retten, indem er sie vor geplanten Razzien warnt. Dem Massenmord, von dem er Zeuge wird, steht er beschämt und hilflos gegenüber. Innerlich vollzieht sich eine Wendung zum Religiösen. Waren seine frühen Schriften geprägt von der Härte des Gesetzes, das er Krieg nannten, vollzieht sich in den aktuellen Tagebüchern mit einer Hinwendung zur Milde und Empathie so etwas wie die Menschwerdung des Autors. Dies führt nicht zu einer Ablehnung der Vergangenheit, sondern zur Einsicht, dass Schöpfung nur über Zerstörung möglich ist. Psychologisch geht es darum, das Vergangene, auch wenn es noch so schrecklich ist, nicht zu verleugnen, sondern zu bewahren und zu integrieren.
Jünger wird versöhnlich, glaubt an die Notwendigkeit einer neuen „Freundschaft“ zwischen den Kontrahenten Frankreich und Deutschland. Er selbst nimmt sich wie üblich nicht aus dem Geschehen heraus, steht hinter seinem Opus als Ganzem, überhöht sich als Repräsentant einer Elite von Meistern, die den Frieden aus dem Chaos schöpfen können. Er wird quasi vom Kriegshelden zum Stifter einer neuen Theologie, die den neuen Menschen hervorbringt, der zur Versöhnung fähig ist. Dazu müsse man sich von jeglicher nationaler Überheblichkeit freimachen.

Utopien
Das Spätwerk ist geprägt von Utopien. „Heliopolis.Rückblick auf eine Stadt“ endet wieder mit einer Flucht, von der nicht mehr berichtet wird. In „Der Waldgang“ thematisiert er die Furcht vor Abhängigkeiten und vor dem Nihilismus, vor dem „Kult der Gemeinschaft“, der den Einzelnen einschränkt. Jünger beginnt aber auch, über eine Lösung nachzudenken, entwickelt seine Zwei-Reiche-Lehre, den Gegensatz zwischen der sinn- und heillosen Wüste der diesseitigen Welt und einem überzeitlichen, ewigen Jenseits. Idealbild ist der Einzelne, der „Priester aus Eigenem“. In einem Akt des (nun) inneren Widerstandes bricht er sich Bahn im Ausweglosen.
In „Besuch auf Godenholm“, in einer Zeit nach dem Zusammenbruch in einer abgeschiedenen Insel im Norden, machen Besucher eine Selbsterfahrung, die sie kuriert. Jünger experimentiert mit Drogen; Kampf, Eros und Drogenrausch werden ihm Zugangsformen zu anderen Wahrnehmungen, später zu Transzendenzerfahrungen.
Der Roman „Eumeswil“ stellt sozusagen Jüngers „Neues Testament“ dar. Es geht um das Ende der Geschichte und der Zivilisation, die zur „großen Deponie“ geworden und der Schutt nicht mehr bewältigbar ist. Die bisherigen Entwürfe endeten folgerichtig immer in einer Flucht, diesmal ist es ein Aufbruch, der als „große Jagd“ in einen verheißungsvoll-phantastischen Wald führt, von dem nicht mehr erzählt wird. Aber es ist kein „weg von“ mehr, sondern ein „hin zu“.
Zwei Jahre vor seinem Tod konvertiert Jünger zum Katholizismus. Als er stirbt, erscheint es, als würde „das Jahrhundert zu Grabe getragen“ (Durs Grünbein). Was mit einem „Stahlgewitter“ begann, endet nun in einem Mediengewitter. Die Nachrufe übertönen alles andere.

Resümee
Man wird Jünger nicht gerecht, wenn man einzelne seiner Werke rezipiert. Er ist nur von seinem Gesamtwerk her zu verstehen, in dem er selbst als Protagonist eine Wandlung vom Krieger zum „Heiler“ vollzieht, wobei sich die letzte Stufe im „Wald“ verliert.
Seine Wandlungen vom Rechtsradikalen zum Verinnerlichten, vom Pubertierenden zum reifen, abgeklärten Erwachsenen, vom Stürmer zum inneren Rückzug, vom Aufgehen im Kollektiv zur Selbsterfahrung des Individuums, vom Mythos des Helden zum Mythos des Heilsbringers können nur im Gesamten beurteilt werden.
Zustimmung und Kritiken aus allen politischen Lagern betreffen meist einzelne Stationen seines Lebens, gehen auch insofern ins Leere, weil es bei Jünger mehr um den Mythos als um die konkrete Wirklichkeit geht, auch wenn er dieses minutiös und seismografisch beschreibt.
Als Verkörperung des 20. Jahrhunderts ist Jünger im 21. Jahrhundert aktueller denn je. An ihm lässt sich nachvollziehen, wie verschiedenste innere Strömungen (pubertäre Heldenfantasien, Lebenskampf, Protest, Nihilismus, usw.) von rechtspopulistischen Parteien aufgegriffen, nivelliert und manipuliert werden, obwohl derartig platte Partei-Ideologie nie wirklich gemeint ist.
„Ihn zu verstehen wird nötig sein, wenn man die Geistesgeschichte Deutschlands in unseren Zeiten verstehen will.“ (Erich Fried 1965).

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Weihnacht

DSCN4482„Wäre Jesus hundertmal in Bethlehem geboren, es wäre vergeblich gewesen, wenn er nicht in uns geboren wird.“ So formulierte es Angelus Silesius sinngemäß. Für die Religion, oder besser Spiritualität, ist ein historisches Ereignis wichtig, aber sekundär. Religion/Spiritualität betrifft das Innenleben, das biblische Geschehen muss sich in uns ereignen, wenn es „wahr“ werden soll.

Wir halten so viel auf Evolution und Fortschritt, und übersehen dabei, dass Fortschritt auf einem Gebiet auch zugleich Rückschritt auf einem anderen sein kann. Messen wir Fortschritt an Rationalität, dann gibt es zweifellos einen nahezu kontinuierlichen Fortschritt. Nehmen wir Spiritualität, dann ist es nicht so sicher, und nehmen wir das Emotionale, das Innenleben und das Symbolverständnis, dann müssen wir eher von einem Rückschritt ausgehen.

„Religionen sind nicht notwendig religiös“, sagt David Steindl-Rast. Religiöser Fundamentalismus – das wörtlich Nehmen religiöser Texte – geht weit am Religiösen vorbei. In dieser Zielverfehlung treffen einander der religiöse Fundamentallismus und die atheistische Religions- und Kirchenkritik.

Lassen wir die Kirche als Institution einmal weg, sie ist nur zerbrechliches Gefäß für Inhalte, die kaum mehr sichtbar sind. Sie ist Bewahrerin der äußeren Form, in der jeder Einzelne den Inhalt, den inneren Sinn für sich entnehmen kann. So wird auch Weihnachten gefeiert wie eh und je, wenn nicht jeder Einzelne etwas daraus macht bleibt es leere Hülse, die bloß der Vermarktung dienlich ist.

Zu Weihnachten in die Christmette oder das Hochamt am 25. Dezember zu gehen, tun viele, die sonst nie eine Kirche betreten. Was könnte es bedeuten?

Das Gotteshaus (beth lechem = Haus Gottes) ist als Haus eigentlich Symbol des Menschen. Das Wohnen umfasst die Wohnräume im Erdgeschoß (= Bewusstsein), den Schlafraum (= Ruhe und Intimität), die Küche (= alles Nährende und Energetische) usw., das Dachgeschoß (= das Rationale), den Keller (= das Unbewusste, Vergangene). Das wäre die Struktur des in der Welt Wohnens.

Natürlich sieht jedes Haus individuell anders aus. Es kann eine Hütte oder eine Villa sein, eine Kathedrale oder ein Stall. Weihnachten bedeutet, dass das unnennbare Geheimnis selbst noch in einem Stall geboren werden kann. Der göttliche Funke, das Göttliche Kind, macht keinen Unterschied, das Licht wird gerade oft erst in der tiefsten Dunkelheit geboren. Der Tag beginnt um Mitternacht, heißt es.

Hier im Stall ist das Göttliche Kind umgeben von Ochs und Esel, von den tierischen Trieben. Das bedeutet, dass das Unterste und das Oberste zusammengehört. Für die Menschen in den bürgerlichen Häusern und in den Villen ist das unverständlich und anrüchig. Eher verstehen das die Hirten auf den Feldern, das Gesindel, das wild in der Natur und unter den Tieren sein Leben fristet. Die brauchen sich nur dem Höheren zu öffnen, das Niedrige, Tierische bringen sie schon mit. Die „Normalbevölkerung“ in den Häusern und Villen sieht es als „vernünftig“ an, das Niedrige und das Höhere zu meiden. So bekommen sie von diesem innersten Ereignis auch nichts mit.

Wer es noch mitbekommen hat, sogar schon im voraus, das sind die Weisen aus dem Osten – von den Einheimischen herablassend als Heiden bezeichnet. Manchmal haben die „Ungläubigen“ den äußerlich Gläubigen etwas voraus. Sie sind Weise, Könige, Astrologen, Esoteriker – jedenfalls Andersartige, Fremde. Kann ja gar nicht sein, dass ausgerechnet diese die Bedeutung der Stunde, dieses bedeutsamen Jetzt – und es ist immer jetzt – erkennen.

Dass die Machthaber diesen Einbruch des Geistigen eliminieren wollen, braucht nicht extra erklärt zu werden.

Um aber diese Geschichte religiös fruchtbar zu machen, muss sich das alles in uns ereignen, nicht vor 2000 Jahren, sondern im stets sich ereignenden Jetzt. Selbst wenn unser Leben ein Stall ist, eine verfallende Hütte oder eine abgeschlossene Höhle, das innere Licht ist nicht-lokal, es erscheint, wo es nicht abgewiesen wird von den Wirten der Konsumgesellschaft. Dem Göttlichen Kind ist es gleich gültig, es macht keinen Unterschied zwischen Villa, Schloss, Hütte oder Stall. Den Unterschied machen nur wir selbst.

Wer sich aber dem Geheimnis öffnet, der lässt Dynamik zu, lässt sich und seine innere Wohnung umgestalten. Religionen sind nicht gegen Evolution, ganz im Gegenteil, sie sind für die innere Evolution, durch welche die äußere – ganz im Sinne Teilhard de Chardins, auch wenn er nicht einmal von der Kirche verstanden wurde – weitergeführt wird.

Es ist eigentlich absurd, dass diejenigen, die im Namen der Evolution den Atheismus missionieren, jegliche innere Evolution negieren. Warum diskutieren wir aufgeregt darüber, ob es eine Evolution gibt oder nicht? Warum diskutieren wir nicht besser darüber, ob und wie es eine weiterführende Entwicklung gibt?

Subtil betrachtet ist es ein Schritt bewusster Entwicklung, in die Kirche zu gehen. Wer sich meditativ damit beschäftigt hat, wie sein eigenes Haus, das Symbol seines Selbst, aussieht, ob es Stall ist, Hütte oder Villa, wie geräumig es ist, ob er/sie Dachboden und Keller kennt, ob er vielleicht nur einen Raum bewohnt oder das ganze Haus, usw., der wird im Bild der Kathedrale das Ziel seiner persönlichen Evolution sehen.

Was die Messe bedeutet, ist ein eigenes – nicht konfessionelles, sondern symbolträchtiges – Thema, aber es heißt auch „der Messe beiwohnen“, sich das Bild des sakralen Hauses, das dem Geistigen geweiht ist, einzuprägen. Es ginge darum, dieses zu verinnerlichen, an diesem Symbol zu wachsen und das eigene Haus – sei es Stall, Hütte, Haus oder Villa – in dieses Bild hineinwachsen zu lassen. Früher hatte man auch zuhause im Hausaltar oder in den Villen und Schlössern in der Hauskapelle dieses Bild vor Augen, an dem es innerlich zu wachsen gilt. Einfach deswegen, weil der Mensch ein mehrdimensionales Wesen ist. Damit reicht er, mit allen Zwischenstufen, vom Körperlichen bis zum Spirituellen. Diesen inneren Raum sollte man weder unten noch oben beschneiden.

Ein anderes Symbol ist er Baum, ebenfalls ein Symbol des Menschen. Der Lichterbaum wäre das Symbol des entwickelten Menschen mit seinen strahlenden Lichtzentren. Unnötig darüber zu diskutieren, ob er ein übernommenes heidnisches Symbol ist. Symbole sind in allen Kulturen die gleichen, auch wenn die Erscheinungsformen andere sind.

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