Arbeiten am Menschen-Bild

Wege zum Menschsein

Menschen stellen sich die Welt als Materie in unendlich vielen Teilchen vor. Warum ist es eigentlich so schwierig, von diesem angeblich „objektiven“, naturalistischen Teilchenbild der Welt wegzukommen? Seit 100 Jahren wissen wir, dass dieses Bild allenfalls „die halbe Welt der Materie“ erklären kann.

Eine Antwort könnte sein, dass uns dieses Teilchenbild seit Beginn der Naturwissenschaft dermaßen in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass es uns schwerfällt, zum Wellenbild zu wechseln, das nicht Dinge, sondern Felder und Beziehungen sieht und wir uns auch noch diese Wellen als teilchenartig vorstellen. Es wäre zudem zu unterscheiden zwischen einer Welle im klassischen Sinne, z.B. Luftschwingungen oder Wellenbewegungen im Wasser, also Schwingungen eines Mediums, und dem Wellenartigen eines Quantenphänomens, bei dem es gar kein Medium, sondern nur Beziehung gibt.

Beziehung denken — wie geht das?

Es ist natürlich schwierig, Beziehung zu denken, ohne Beziehung von Dingen zu assoziieren. Denn so landen wir schon wieder im…

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Projektionen rund um das Kopftuch

Obwohl die Psychologie des 20. Jahrhunderts kaum Spuren in den Köpfen der Gegenwart hinterlassen hat, ist doch vielen bewusst, dass die Fehler, die man an anderen abscheulich findet, meist die eigenen sind. Und dass man diese Tatsache Projektion nennt. Derzeit kann man wunderschön kollektive Projektionen beobachten, nämlich in der völlig unnötig hochkochenden Kopftuchdebatte.

Wer sich am Begriff „Islamophobie“ stört, kann auch das als kollektive Projektion sehen. Wer sich betroffen fühlt, ist der Projektion erlegen, denn die den Begriff verwenden, heißen nicht generell alles gut (sind also keine „Gutmenschen“), sondern tolerieren den Islam als Religion. Den Islamismus, Terrorismus und politischen Islam verurteilen sie genauso. Aber wer so projiziert, ist nicht mehr imstande, Fakten zu sehen – obwohl er immer den Begriff „Fakten“ im Mund führt.

Ein Lehrbeispiel ist der ominöse Kopftuch-Sager von Bundespräsident Alexander van der Bellen. Er wehrte sich dabei in einer Fragebeantwortung gegen die religiöse Überfrachtung (Projektion!) des Kleidungsstücks und meinte dann, wenn das so weiterginge (mit der kollektiven Projektion), dann müsse man irgendwann alle Frauen auffordern, Kopftuch zu tragen – aus Solidarität. Um das zu verdeutlichen, wies er darauf hin, dass in Dänemark die Menschen Judensterne trugen, aus Solidarität mit den Juden und um deren Deportation zu verhindern. Das ist KEIN Vergleich mit dem Antisemitismus, sondern ein Vergleich mit der Haltung der Solidarität, die damals die Menschen bewegt hat. Das zu unterscheiden überfordert anscheinend viele.

Für alle, die eine Übersetzung brauchen: BP VdB meinte, dass das Kopftuch ein Kopftuch ist. Und wenn es weiterhin für Projektionen missbraucht wird (von Inländerseite), dann braucht es drastische Bekundungen der Solidarität mit den Frauen, die aus verschiedensten Gründen Kopftuch tragen.

Es geht nicht an, eine Kultur unter Generalverdacht zu stellen, die Frauen zu unterdrücken. Fakt ist nur, dass es diejenigen, die wir unter dem Begriff „Islamisten“ zusammenfassen, tatsächlich tun. Das ist ein Missbrauch des Kopftuchs, der Frauen und des Islam!

Fakt ist auch, dass viele Musliminnen kein Kopftuch tragen. Auch unter diesen wird es solche geben, die sich unterdrückt fühlen, und solche, die es nicht tun. Fakt ist, dass viele Musliminnen es aus Gründen der eigenen Identität (die kann religiös begründet sein oder auch nicht), der Abgrenzung, des Protests oder was auch immer, tun. Und wer Augen hat, wird feststellen, dass es Musliminnen mit (sehr modischen) Kopftüchern gibt, die darunter hinaus sehr körperbetonte Kleidung tragen. Da sollte einem Inländer aufgehen, dass es sich einfach um eine andere Kultur und einen anderen Blick handelt.

Was hinter den Unterstellungen liegt

Wenn wir weggehen von der vordergründigen Argumentation, die in der Debatte immer etwas unterstellt (religiös, nicht religiös, Unterdrückung oder nicht…..), dann geht es ganz allgemein um das Thema Individuum und Gesellschaft oder Gemeinschaft. Der Mensch kommt aus der Symbiose (Mutter-Kind), entwickelt ein Ich (immer gegen Widerstände), schließt sich Gruppen an, und in dieser wechselhaften Alternative entwickelt er sich zum Individuum. Gruppen geben immer etwas vor, das reicht von harmlosen Zeichen der Mitgliedschaft bis zum Zwang und zur Unterdrückung. Ich-Bildung ist immer emanzipatorisch, will Unabhängigkeit von äußeren Vorgaben oder Zwängen. Das passt letztlich nie zusammen.

Religionen sind eigentlich Wege zur Selbständigkeit und Freiheit („Zur Freiheit hat euch Christus befreit“), das kann man theologisch begründen, führt hier aber zu weit. Die Kirchen haben außerdem dieser Befreiung meist zuwider gehandelt und erdrückende Auflagen entwickelt, die der eigenen Religion widersprechen. Das ist im Islam so wie im Christentum.

Viele entfliehen dem in eine säkulare Gesellschaft, glauben sich allein dadurch unabhängig – und erliegen neuen Zwängen (Markt, Wachstum, Ideologien, Geltung, Gruppenzwängen). Was anderes ist z.B. (um nur ein harmloses Beispiel zu nennen) die Mode? Es ist zwar ein subtilerer Zwang, aber es ist de facto Zwang. So ist der Minirock oder die Bauchfreiheit genauso Symbol der Unterdrückung wie das Kopftuch! Es steht ja auf dem frei liegenden Nabel nicht geschrieben, ob die Trägerin es aus Überzeugung tut oder weil sie es einfach schön findet, oder ob sie es tut, weil sie dem subtilen Zwang der Mode folgt und sich nicht getraut, dem etwas Eigenes entgegenzusetzen.

Theoretisch ist es leicht, sich dem Zwang der Mode zu entziehen, aber das setzt Ich-Stärke voraus. Praktisch handelt man sich durch diese Ich-Stärke ein Außenseitertum ein, das oft schwer zu ertragen, im Umkreis der Pubertät fast unmöglich ist. (Ist für Männer übrigens nicht anders). Tragischer wird es bei den buchstäblich beherrschenden Körperbildern. Dort endet es im Pathologischen (Diätwahn, Bulimie, „Schönheits“-OPs, von denen keine Körperregion verschont bleibt). Das Thema ließe sich endlos fortsetzen – aber bei uns gibt es ja keine Unterdrückung der Frau!

Mit anderen Worten: Wir fordern (in der unseligen Kopftuch-Debatte) von anderen die Emanzipation, für die wir selber zu schwach sind. Wir geben vor, für die Freiheit der anderen (der Musliminnen) zu kämpfen, für die zu kämpfen wir selbst zu feig sind.

 

Wer am meisten anfällig für Projektionen ist

Diese Projektionen vorausgesetzt ist es auch mehr als verständlich, dass vor allem diejenigen aggressiv gegen das Kopftuch sind, die hinter ihrem rechten Macho-Gehabe kein eigenes Ich entwickelt haben und sich in der Kollektivität einer Burschenschaft, der FPÖ, PEGIDA, AfD, Front National, und wie sie alle heißen, verstecken müssen. Wer keine Ich-Stärke entwickeln konnte, fühlt sich durch alles Fremde (vor allem das Fremde in sich selbst, denn um das geht es eigentlich) bedroht. Der muss sein zartes Ich schützen, so wie in den Schrebergärten sogar einzelne Tulpen mit Plastikzäunen „geschützt“ werden. Der braucht die Nationalität, um sein Ich-Vakuum zu füllen. Der braucht Zäune, um ein Ich vorzutäuschen.

Was uns hier als Heimat- und Nationalbewusstsein verkauft wird, und womit Stärke vorgetäuscht wird, ist pure Existenzangst. Vergleichbar dem Gefühl eines Neugeborenen, das sich plötzlich dem grellen Licht dieser Welt ausgeliefert fühlt, und das am liebsten wieder in den Mutterleib zurückkriechen würde. Es muss aber den oft rauen Weg der Ich-Bildung und Selbstfindung gehen, der in der Pubertät in eine Krise gerät, die aber in die Selbständigkeit führen sollte. Rechte Gemüter sind in dieser pubertären Krise steckengeblieben und weigern sich, selbständig zu denken. Sie suchen Schutz im Mutterleib von Kollektiven wie Burschenschaften, Parteien usw., die vorgeben, für den Schutz des kaum vorhandenen Ichs zu kämpfen.

Dass deren Führer nur das eigene, kaum vorhandene Ich ummauern wollen, bleibt unbewusst. Sie lehnen die EU z.B. ab, weil sie darin nur das Europa der Projektionen sehen können. Hätten sie genügend Ich- und Selbstbewusstsein, würden sie Europa nicht als Bedrohung (ihres zarten Ichs) sehen, sondern als mögliche Stärke der Gemeinsamkeit. Dann würden sie die zweifellos vorhandenen Schwächen dieser Gemeinschaft beseitigen und verbessern wollen, statt sie bloß zu bekämpfen. Dann würden sei an einem gemeinsamen Haus (in dem alle ihre individuellen Räume bewohnen können) bauen, statt das gesamte Gebäude niederreißen zu wollen.

 

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Heimat?!

Kürzlich organisierte die Philosophin Cornelia Bruell in Baden einen Philosophischen Salon zum Thema „Heimat“. Ein politischer, soziologischer, psychologischer und natürlich auch philosophischer  Begriff. Das „Ergebnis“ kann sich sehen, hören und lesen lassen: http://www.philoskop.org/blog/2017/4/1/heimat-ist

Beim Philosophischen Salon geht es um das Mit-Denken. Da dieses weder räumlich noch zeitlich begrenzt ist, lasse ich mich zum Mit-Denken verführen. Das Thema beschäftigt mich ohnehin seit langem. Eigentlich seit meinem Aufbruch aus der Heimat.

  1. Heimat hat – wie so ziemlich alles – einen äußeren und einen inneren Aspekt, die aber nicht zu trennen sind, weil sie keine Gegensätze darstellen, sondern komplementär zusammengehören.
  2. Heimat ist (für mich) das Stück Land, das ich als Kind überschauen konnte. Das „meine Welt“ war, in die ich hineingestellt wurde. Außerhalb war Niemandsland. Da war Linz genauso fremd wie Teheran.
  3. Leben ist von diesem Gesichtspunkt aus ein ständiges Ausweiten dieses Territoriums: Übersiedlung, Gymnasium in der „Großstadt“, Studium in Wien, Reisen nach Graz, Innsbruck, Waldviertel, Deutschland, Ungarn, Italien, Frankreich, England, Schweiz, Ladakh, Ägypten, Island….
  4. Wir werden aber nicht nur in ein Land, eine Familie geboren, sondern auch in einen ganz bestimmten Denkrahmen, ein Weltbild. Auch das ist „Heimat“, denn es gibt auch andere Weltbilder, die völlig anders, aber genauso stimmig sind. Etwa fernöstliche Weltbilder.
  5. So werden die Denkgewohnheiten der Herkunftsfamilie erweitert durch die schulische Laufbahn in Richtung Allgemeinbildung (bei mir war es noch so). Durch meinen Philosophie-Lehrer im Gymnasium kam ich mit asiatischen Philosophien (Yoga, chinesischer Universalismus) in Berührung, überstand das Bundesheer mit dem Tibetischen Totenbuch unter dem Kopfpolster, war zehn Jahre in Wien in einer Yogagemeinschaft und studierte „nebenbei“ Philosophie, verbrachte anschließend immer ein paar Jahre in einer anderen Kultur (Sufismus, Indianer, tibetischer Buddhismus), um dann wieder in unserer Kultur zu landen. Bereichert um den Blick von außen, der den inneren ergänzt, und wissend um die Stärken und Schwächen verschiedener Kulturen und Denkrahmen.
  6. Außen und innen gehen immer komplementär Hand in Hand. Immer geht es um eine Erweiterung des Horizonts, um ein Vertraut-Machen des bis dahin Fremden, ein Einverleiben in die innere „Heimat“. Manchmal sogar die Erfahrung, ganz wo anders „Heimat“ gefunden zu haben.
  7. Das Heimatgefühl des als Kind Überschaubaren beim Eintritt in dieses Leben wird immer bleiben, aber einmal ins Leben geworfen gehen Wellen über den jeweiligen Tellerrand hinaus, machen Fremdes zu eigen – nicht nur andere Menschen und Kulturen, sondern auch und vor allem das eigene, innere Fremde (vor dem die rechte Szene so panische Angst hat, dass sie sich in einen pervertierten Heimatbegriff festkrallen muss), das integriert werden muss, damit es sich nicht im Außen gegen sich selbst wendet.
  8. Der kindlich erfühlte Heimatbegriff ist ein innerlich erlebter äußerer. Am anderen Ende des Lebens sollte ein äußerlich erlebbarer innerer Heimatbegriff stehen, ein belebtes Welt-Bild, das auch andere Kulturen, andere Weltbilder und das eigene innere Fremde integriert hat. Dann ist die kindliche Egozentrik zum Welt-Bild geworden.
  9. Der Mensch wird vom geistigen Schrebergartenbewohner zum Weltbürger – wenn er nicht unterwegs stecken bleibt.
  10. Man kann „Heimat“ vom Geboren-Werden her denken, aber auch von der Herkunft, vom Eingebettet-Sein in ein größeres Ganzes. Der Mensch ist Endliches, bezogen auf Unendliches. So gesehen ist uns das Unendliche, Ewige innerlicher als wir uns selbst sind (frei nach Augustinus). Das zu verdrängen macht den Menschen zum Torso und lässt ihn nie wirklich Heimat finden. Einen Vorgeschmack im Endlichen bieten jene kostbaren Augenblicke, in denen Zeit zur Ewigkeit gerinnt.
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Zwischen Gesetz und Leben

Dubia“ oder „Sine Dubiis “, das ist die Frage!

Wenn  es – abgesehen von der Verankerung in der Transzendenz – einen Grund gibt für das Bestehen der Kirche, dann ist es ihre Vielfalt. Und wenn es ein Charakteristikum unserer Zeit gibt, dann ist es die (künstliche) Polarisierung. So gibt es vor und nach dem Konzil die Polarisierung zwischen „Konservativen“ und „Progressiven“, und wenn das Konzil gescheitert ist, dann nur darin, dass es das Ziel, diese Polarisierung aufzuheben, letztlich nicht geschafft hat. Trotzdem muss man auch heute noch bekräftigen, dass wenn „konservativ“ bedeutet, an der Tradition festzuhalten, dass das impliziert, dass diese Tradition auch fort- und weitergeschrieben wird, also genau das, was „progressiv“ meint. Und wenn „progressiv“ Weiterentwicklung bedeutet, dann geht das nur auf der Basis des Ursprungs (was sonst sollte weiterentwickelt werden?), also genau das, was „konservativ“ meint.

Das entspricht natürlich nicht der faktischen Polarisation. Da geht es den (Pseudo-)„Konservativen“ oft nicht um das Bewahren des Ursprungs, sondern des Gesetzes. Dass das an der Lehre Jesu vorbei geht, der sich oft und oft gegen die „Gesetzestreue“ der Pharisäer gewandt hat, ist offensichtlich. Die „Progressiven“ verlieren dagegen manchmal die Verbindung zum Ursprung und verfolgen eigene Ziele. Auch das ist nicht im Sinne des Erfinders.

Nun ist es interessant, dass es auch eine Polarisation innerhalb der sich als „konservativ“ Bezeichnenden gibt. Da sind die vier „Dubia-Kardinäle“, die offen und öffentlich gegen den Papst auftreten, und da sind die Initiatoren von „Sine Dubiis“, die zur Solidarität mit dem Papst aufrufen. Wobei sie bestimmten katholischen Journalisten vorwerfen, ein marginales Problem (!) künstlich am Köcheln zu halten, und mit ihrem Aufruf selbiges tun. Sie meinen, dass vier Kardinäle zwar eine marginale Minderheit sind, die Haltung, die sie vertreten allerdings ansteckend sei.

Nun ist einer von diesen Vieren Raymond Leo Kardinal Burke, der schon vor den „Dubia“ für Gelächter einerseits und Ehrerbietung andererseits gesorgt hat. Für die einen ist sein Outfit eher eine Karikatur der römischen Beamtenkleidung (auf die das Priestergewand ja auch zurückgeht, ebenso wie die kirchlichen Titel und die Hierarchie – alles nicht ursprünglich christlich). Für die andern, für die der aktuelle Papst einen Ausverkauf der Lehre der Kirche veranstaltet, ist Burke bereits der künftige Papst. Angesichts so vielen Unsinns ist es wirklich schwer, die Dubia ernst zu nehmen.

„Die Tagespost“ vom 25. Feb. 2017 brachte ein Pro und Kontra „Sine Dubiis“. Deren Initiatoren, Matthias Jean-Marie Schäppi und Friedrich Reusch,  legten dar, dass die Aussagen des Papstes in Amoris laetitia nicht über die Lehre der Kirche hinausgehen, sondern diese weiterentwickeln. Motiv war vor allem, dass die „Hermeneutik des Misstrauens“ hochgradig ansteckend sei. In erzkonservativen Kreisen ist sie das sicher. Befremdlich sind die Seitenhiebe auf Luther oder die Feststellung, dass die Piusbrüder bald in die Kirche zurückkehren könnten. Ohne Anerkennung des Konzils kann das aber nicht geschehen, und die Nicht-Anerkennung (trotz Unterschrift Lefebvres auf den Konzilsdokumenten) führte ja zur Spaltung. Da ist bei aller Offenheit des Papstes keine Rückkehr zu erwarten.

Als „pauschaler Bann über treue Katholiken“ bezeichnet in seinem Kontra Michael Hesemann, Historiker und Publizist, den Aufruf zur Papsttreue. Wobei er anscheinend nicht treue, sondern gesetzestreue Katholiken meint. Papst Franziskus bezeichnet er „als so eine Art ‚Dorfpfarrer des global village‘ mit einem großen Herzen für die Menschen in der Peripherie“. Vieles sähe er positiv, aber er kritisiert doch seine „typisch lateinamerikanische Perspektive“ – so als hätte das Konzil nicht von einer Aufwertung der Ortskirchen gesprochen – und in vielen Fragen verlasse sich PF auf seine (schon auch mal falschen) Berater – so als ob Berater ausschließen, dass man sich dann eine eigene Meinung bildet. So kann man den Papst kritisieren, ohne ihn anzugreifen. Und er betont, dass auch ein Papst seine Stärken und Schwächen habe – das kann man nachvollziehen.

Was „Sine Dubiis“ betrifft, gehe es aber um etwas anderes. „Nämlich um eine Marginalisierung und Diskreditierung kritischer Stimmen, allen voran der vier Kardinäle, die ihre Fragen zu Amoris laetitia stellten.“ Es gehe um die Sorge um einen Missbrauch dieser einen Fußnote von AL. „Sie führte dazu, dass der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen in verschiedenen Diözesen und Ländern unterschiedlich gehandhabt wird.“ Da muss man ganz klar sagen, sie führte nicht dazu, sondern das war schon vorher so, und das war auch im Sinne des Konzils. Die beschworene Einheit der Kirche besteht nun wirklich nicht im Betonieren von Gesetzestexten, sondern im Handeln im Sinne Christi. Und das ist etwas völlig anderes. Da geht es auch im individuelle Gegebenheiten und kulturelle Unterschiede, vor allem um das Gewissen jedes Einzelnen. Eine Klärung ein für alle Mal und ein Festschreiben für alle an jedem Ort und zu jeder Zeit zu fordern, sodass niemand mehr selbst zu denken braucht, wäre nicht „aus Liebe zur Kirche“. Wer lesen kann, für den ist AL klar und deutlich, wer das Machtwort eines Kirchenfürsten erwartet oder mit diesen unsäglichen „Dubia“ erzwingen will, um dann Marionette spielen zu dürfen, der hat nichts von menschlichen und Göttlichen Dingen verstanden.

Hesemann wirft den Initiatoren des Aufrufs zur Papsttreue vor, das Urteil vorwegzunehmen und „den pauschalen Bann über konservative Katholiken“ auszusprechen, deren Anliegen doch gerade die Bewahrung der Kirche vor einer Verwässerung ihrer Lehre durch protestantisierende Ideen“ sei – womit er diese Verwässerung der Lehre der Kirche indirekt dem Papst vorwirft.

Und genau dagegen verwehrt sich „Sine Dubiis“!

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Psychologie und Religion

Die allermeisten Diskussionen von und mit Religiösen und Atheisten kranken an einem Missverstehen dessen, was der Mensch ist, und zwar von beiden Seiten. Da religiöse Schriften in einer dem heutigen Denken fremden Sprache geschrieben sind, ist eine Diskussion der Texte sinnlos. Den Schlüssel zu diesen Texten hätten wir zwar seit etwa hundert Jahren in der Tiefenpsychologie, doch die wird seit ebenfalls hundert Jahren verdrängt und verleugnet.

Psychotherapeut wird man nur, wenn man auch eine Selbstanalyse durchgemacht hat. Nur so weiß er/sie um sich und den Menschen in der Welt. Auch Religion beruht auf (Selbst)Erfahrung. Wer nur (an Dogmen der Kirchen) glaubt, steht auf derselben Stufe wie derjenige, der nichts glaubt. Daher hat eine Diskussion zwischen diesen beiden nichts mit Religion zu tun. Ein unreflektiertes Überschwemmtwerden mit Bildern geht genauso am Menschsein vorbei wie eine Überrationalisierung.

Worum geht es?

Wir finden uns heute als fragmentiertes Ich in einer fragmentierten Welt. Soweit die pathologische Grundsituation. Trotzdem sind wir (unbewusst) verbunden und angewiesen auf etwas, das dieses Ich übersteigt, auf eine größere Ganzheit, die C.G. Jung als „Selbst“ bezeichnet hat, und die als unser Eigenes ein Nicht-Ich ist. Diese „das Ich überragende und umfassende Ganzheit“ (Erich Neumann) ist in sich Beziehung, eine Ich-Selbst-Beziehung, die eine ständige unbewusste Spannung darstellt. Diese Beziehung ist, weil  zum Teil unbewusst, arational und paradox.

Der Mensch steht aber immer in Beziehung zu diesem ihm Unbekannten und Übergreifenden. In religiöser Sprache ist der Mensch Endliches, bezogen auf Unendliches. In psychologischer Sprache ist der Archetypus des Selbst nicht von den Gottesbildern zu unterscheiden. Der Archetypus ist schlichtweg unbewusst, und Gott ist das schlichtweg Unnennbare.

Ein weiteres Paradox ist die unbewusste (und irrationale) Grundlage des Menschen einerseits und di notwendige (rationale) Bewusstwerdung andererseits. Im Mythos lebten die Menschen in ihrer Ganzheit, aber dunkel und unbewusst. Heute leben wir in unserem rationalen Ich-Bewusstsein, aber als Fragmente, abgeschnitten von der umfassenden Ganzheit. Beides ist einseitig und vorläufig. Was wir brauchen wäre klare rationale Bewusstheit, aber bezogen auf unsere paradoxe, irrationale Ganzheit der Ich-Selbst-Beziehung.

Die „moderne“ Persönlichkeit ist immer bedroht zu einer Maske zu erstarren (persona = die Maske im griechischen Theater).  Lebendig macht nur die Beziehung zum Unsichtbaren, Unnennbaren, Ganzen – so wie der nicht sichtbare Schauspieler hinter der Maske die Figur lebendig macht. Die heutige Verleugnung dessen, was das Ich in der Persönlichkeit übersteigt und worauf das Ich bezogen bleibt, führt zur Fragmentierung und Erstarrung des Menschen. Der „moderne“ Mensch lebt nur einen fragmentarischen Ausschnitt seiner menschlichen Ganzheit. Dieses verengte Dasein führt zur Isolation und Vereinsamung, Angst (das Wort kommt von Enge) und Depression (in der das verleugnete Umfassende unbewusst erdrückend wird).

In der Außenwelt versuchen wir verzweifelt, auch die Welt zu fragmentieren, suchen in den Naturwissenschaften nach den „kleinsten Bausteinen der Welt“, und stellen fest, dass es so etwas gar nicht gibt, sondern sich in der Mikrowelt hinter den Hilfsvorstellungen von Teilchen und Welle wieder etwas nicht vorstellbares Ganzes verbirgt.

In der Gesellschaft führt diese fragmentierende Ich-Isolierung zur Entwurzelung und Unsicherheit, die anfällig macht für Manipulation und Massenphänomene, wie wir derzeit nur allzu deutlich erleben.

Die Therapie unserer Zeit wäre die Öffnung des fragmentierten und isolierten Ich hin zu einer das Ich übergreifenden und umfassenden Grundlage in einer paradoxen (weil bewusst-unbewussten) Ich-Selbst-Beziehung. Ein schwieriges Unterfangen, schon wegen unserer natürlichen Angst vor dem Irrationalen und Numinosen. Denn wie jede wesentliche Entwicklung Gegensätzliches enthält und braucht, so steht hinter der notwendigen Entwicklung zur Bewusstwerdung gleichzeitig die Angst vor dem unkontrollierbaren Übergreifenden. Bevor der Mensch seine Doppelnatur nicht akzeptiert (Endliches, bezogen auf Unendliches) ist die Angst größer als die zu erreichende Geborgenheit.

Es braucht die Rückverbindung (religio) des fragmentierten Ich in die eigene ich-überlegene Tiefe. Dazu sind einige Stufen notwendig: Das Aufgeben der erstarrten Persona, die Bewusstwerdung des Schattens, der eigenen verdrängten Negativ-Anteile der Psyche, was immer auch zu ethischen Dilemmata, zur Erfahrung von Konflikt und Leiden führt. „Das Annehmen dessen, was vom Kollektiv als böse angesehen wird, kann zu den Notwendigkeiten der Befreiung des Schöpferischen gehören, wie jede Revolution lehrt, die politische wie die religiöse, die ja immer mit dem verbrecherischen Zerbrechen alter Werte verbunden ist.“ (Erich Neumann).

Dazu kommt die Auseinandersetzung mit dem gegengeschlechtlichen Anteil im Menschen (Anima/Animus), entweder mit einem Partner oder innerpsychisch. Ziel dieses Individuationsprozesses ist die verlorengegangene Ich-Selbst-Einheit, „die Übereinstimmung des Menschen mit seiner echten Persönlichkeitsganzheit“ (Neumann). Psychologisch gesehen sind die Symbole des Selbst von den Gottesbildern oder -vorstellungen nicht zu unterscheiden.

Auch in den Religionen geht es vor allem um den Menschen und seine Entwicklung. Aber hier überschreiten wir die Grenze zur Theologie. Aber auch hier bleibt das Paradoxe erhalten. Im tiefsten Seelengrund finden wir das, was wir gewöhnlich Gott nennen (Ignatius v. Loyola), aber: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht!“ (Dietrich Bonhoeffer). Das Aramäische konnte diese Paradoxie noch ausdrücken: Das Wort für „Vater“ (als menschliche Vorstellung) war identisch mit dem Wort für „Ursprung“, dem Urgrund allen Seins.

 

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Feindbild Facebook

Ein Artikel auf „Galileo“: „Die Filterblase: Wie Facebook dabei ist, uns alle zu Feinden zu machen“ macht genau das, was er im Artikel Facebook zuschreibt: er kreiert ein neues Feindbild. Dabei wäre es bloß notwendig, mit dem Medium umgehen zu lernen. Dafür gibt es auch Tipps am Ende des Galileo-Artikels.

Zunächst wäre festzuhalten: Der Artikel stammt von einer seriösen Internet-Seite, und das ist, wie wir alle wissen (sollten), ziemlich wichtig. Aber wovon reden wir? Das Internet ist eine Kulturtechnik, wie es auch der Buchdruck war, nur eben schneller und fast auf Anhieb fast allen zugänglich. Kulturtechniken sind nicht per se gut oder böse, sondern ein Werkzeug, mit dem man umgehen lernen muss.

Der Artikel beginnt mit dem Satz: „Facebook und Twitter haben dazu beigetragen, Donald Trump zum Präsidenten zu machen.“ Das kann man nicht leugnen. Nach Schätzungen stammten 30 % der Twitter-Einträge pro Trump von Mini-Programmen und nicht von Usern. Das Internet ist eben noch weit geduldiger als Papier (Bücher, Zeitschriften, Zeitungen, Prospekte, Plakate,…), und eben auch offen für sinnvolle und unsinnige Inhalte.

Der Kritikpunkt des Autors ist: FB kreiert eine eigene, eingeschränkte Welt (so genannte „Filterbubbles“), in der wir uns bewegen und die wir damit verfestigen. Da stellt sich die Frage: Was ist denn daran so neu? Außer dass es schneller und „besser“ geht, gar nichts. Das Internet/FB wirkt nur wie ein Teleskop, es macht sichtbar, was ohnehin da ist. Es macht keinen anderen Menschen aus mir, sondern es macht den Menschen, der ich bin, transparenter.

Der Artikel nennt „zwei wirklich gefährliche Effekte“:

„Erstens wird der am ehesten gehört, der am lautesten brüllt.“ Viele Likes, große Reichweite, und Populisten können damit grandios umgehen. Aber ist das ein Alleinstellungsmerkmal von FB? Das ist doch im wirklichen Leben ganz genauso! Es wird durch FB nur verdichtet und deutlicher.

„Zweitens leben wir alle in kleinen Welten, die wir uns selbst erschaffen haben.“ Im Klartext: Nicht FB „erschafft“, sondern wir erschaffen selbst. FB „hilft“ uns nur dabei. Das, womit wir uns gehäuft beschäftigen, wird uns in der Timeline präsentiert. Das bläst die eigene Meinung künstlich auf (eben „Filterbubbles“), während gegenteilige Meinungen und Informationen ausgeblendet oder bekämpft werden. „Wir alle schließen uns in Filterbubbles ein.“ Auch das wäre ohne FB nicht anders. FB komprimiert bloß.

Facebook ist das, was wir daraus machen

Es herrscht ja auch die Meinung, FB wäre nur geeignet für Oberflächliches, für Katzenfotos, Essenspostings und Befindlichkeitsmeldungen. Tiefschürfendes gehe nicht. Letzteres ist natürlich schwieriger an die User zu bringen, aber wer es versucht, wird sehen: es geht! Dass man mit religiösen Fundamentalisten und Atheisten wunderbar über Religion diskutieren oder (was klarerweise leichter ist) streiten kann, wundert nicht wirklich. Das ist eben Meinungspornografie. Aber man kann auch z.B. über Quantenmechanik diskutieren, wenn auch viel eher mit Frauen als mit Männern. (Aber das ist ein eigens Thema). Genauso kann man über Tiefenpsychologie diskutieren, wenn man es nur versucht.

Natürlich gibt es auch dabei Voraussetzungen, aber wieder wie im wirklichen Leben. Das Leben in den „Filterbubbles“ muss man nicht negativ sehen. Positiv formuliert heißt das, ich kann mir meine „Freunde“ selbst aussuchen. Mit denen kann ich dann eben Katzenfotos tauschen, am Krieg der Faschisten mit dem Gutmenschen teilnehmen, oder über Quantenmechanik, Tiefenpsychologie, Philosophie, Politik und Religion diskutieren.

Die „Filterbubbles“ führen dazu, sich in einer eigenen, immer begrenzteren Welt einzugraben, Gegenteiliges auszuschließen, auszugrenzen und zu bekämpfen, was zu einer immer größeren Polarisierung führt. Wunderbar zu beobachten im US-Wahlkampf, in dem es nicht mehr um Argumente, sondern um den Aufeinanderprall zweier Ideologien ging. Amerika ist gespalten, und es ist unwahrscheinlich, dass es nach der Wahl wieder ein „geeintes“ Amerika gibt. Die Anti-Trump-Demos beweisen das zur Genüge.

Ähnlich in Österreich die Bundespräsidentenwahl, in der „Rechts“ und „Links“, „Rechtsradikale“ und „linke Gutmenschen“ aufeinanderprallen. Auch dieser Krieg wird durch FB und Twitter nur verstärkt, weil sich dort die Wogen viel schneller aufschaukeln können. Da wir die erste Wahlanfechtung schon hinter uns haben, ist es ebenso unwahrscheinlich, dass nach der Wiederholungswahl wieder ein „einig Volk“ entstehen wird.

Das Gift der Polarisierung

An dieser Polarisierung ist aber nicht FB schuld, sie wird durch FB nur verstärkt. Dahinter steckt viel Tieferes. Das großpolitische Lagerdenken war nach dem Mauerfall passé, die Weltpolitik wurde komplex – und wie sich heute immer deutlicher zeigt: Wir sind dem nicht gewachsen. Unser Denken ist mit Komplexität schlicht überfordert.

Hinter dieser Zuspitzung steckt noch Tieferes: Der ungeheuer erfolgreiche Siegeszug der Naturwissenschaft wurde teuer erkauft mit der Preisgabe der Komplexität und der Ganzheit. Leider ist das Leben aber komplex. Naturwissenschaft analysiert, zerlegt in kleinste Teile, weil es unmöglich ist, viele Parameter, die zusammenspielen, gleichzeitig wissenschaftlich zu erfassen. Die Methode ist das Experiment, eine vereinfachte Situation, die so in der Natur nicht vorkommt. Mit anderen Worten: Naturwissenschaft konstruiert eine objektive Welt, in der das Subjekt, der Mensch und das wirkliche Leben nicht vorkommen, ausgeklammert werden müssen.

Das wäre an sich nicht tragisch, ist das doch eine höchst erfolgreiche Methode. Tragisch wird es, wenn man meint, damit die „Welt“ erklären zu können. Damit wird die Methode zur Ideologie, und wie alle Ideologien gefährlich. Dann sieht man nicht mehr, dass man mit dem Subjekt das Menschliche aus der Welt hinausgedrängt hat, und wundert sich über eine unmenschliche Welt. Dann sieht man auch nicht mehr, dass sich die Naturwissenschaft längst weiterentwickelt hat, mit der Quantentheorie wieder „ganzheitlich“ geworden ist. Das ideologische, pseudo-naturwissenschaftliche Weltbild muss um 1900 stehenbleiben. Der „Alltagsverstand“ kann weder die Quantentheorie, noch die Tiefenpsychologie verstehen, weil die über eine längst überholte Logik hinausgehen.

Um nur einen Aspekt zu nennen: In beiden Disziplinen gilt das Entweder-Oder nicht mehr. Aber genau an dieses Entweder-Oder, diese Schwarz-Weiß-Malerei, dieses politische Rechts-Links-Schema klammern wir uns, als lebten wir immer noch im 19. Jahrhundert. Erst wenn wir das überwinden, könnte es wieder heißen: Willkommen im wirklichen (komplexen) Leben. Vielleicht würde dann sogar die Politik wieder legendig.

Facebook macht uns jedenfalls nicht zu Feinden, sondern macht uns unsere vorhandene und wachsende feindliche Gesinnung bewusst.

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Gegensätze und Auferstehung

Warum sind fundamentale Christen und Rechtsradikale einander so ähnlich? Warum wählten 81 Prozent der evangelikalen Wähler den Inbegriff des „bad boy“, Donald Trump? Psychologisch ist es nur zu verständlich, dass diejenigen, die sich „ganz“ dem Guten verschreiben, das „Böse“ verdrängen und abgespalten haben, und genau deshalb auf jemand hereinfallen, auf den sie es projizieren können. Es scheinen die Hyper-Christlichen zu sein, und doch ist das Christentum selbst ganz anders.

Mit Christi Geburt wurde die Welt gespalten in Oben und Unten, Himmel und Hölle, den Herrn des Himmels und den Herrn der Erde.  Im aktuellen Geschehen war diese Spaltung dazu da, das Bild Gottes, die imago dei, klar herauszustellen. Und wiewohl Christus als die Ikone Gottes das Symbol der Ganzheit ist, so muss er doch, um wirklich Ganzheit zu werden, das Untere auch integrieren, daher „hinabgestiegen in die Hölle“, um auch das Böse hineinzunehmen in die Auferstehung.

Dies ist der Teil des Mysteriums, der im danach entstandenen Christentum fehlt, abgespalten und verdrängt wird. Daraus entstehen Leibfeindlichkeit, Weltabgewandtheit, Selbstgeißelung usw., die allesamt dem Christentum eigentlich fremd sind. Die Trennung musste erfolgen, um das Obere, das Himmelreicht Gottes sichtbar zu machen. Aber wenn man genau hinschaut, ist es nicht bei dieser Trennung geblieben.

Noch im Alten Testament, etwa bei Hiob, ist der Teufel bloß der Versucher des Menschen, Gott noch viel näher, beinahe ein Berater Gottes. Zum Antichrist wird er erst im Neuen Testament. Er ist immer noch der Versucher, aber bereits der Herr der Welt, der gestürzt werden muss. Und doch wird die Nähe zu Christus und der Notwendigkeit der Vereinigung der Gegensätze im Neuen Testament immer wieder angespielt.

Jesus wählt auch Judas, quasi den Vertreter des Teufels, unter seine Jünger, eben weil er dessen Tragik voraussah. Das Gute ist nicht zu schaffen, wenn das Böse nicht integriert wird. Die Parallele zwischen Petrus und Judas ist auch nicht zu übersehen. Beide verraten Jesus. Man könnte sogar sagen, dass der Verrat des Judas der geringere war, könnte man ihm doch eine „gute“ Absicht unterstellen, Jesus damit herauszufordern, sich als (politischer) Messias zu outen, während der Verrat des Petrus reine Feigheit war. Nur die Reaktion ist anderes: Während Petrus sich wieder öffnet und die kleinlich-ängstliche Ich-Zentriertheit wieder aufgibt, verschließt sich Judas darin und richtet sich selbst.

Während des Gerichtsverfahrens ist der Schatten Christi ganz nahe: Die Menge fordert anstatt der Freilassung Jesus die des Barabbas. Und Bar-abbas heißt nichts anderes als (auch) Sohn des Vaters. Immer noch geht es um das Wählen des einen oder des anderen. Die „Menge“ will einen irdischen, politischen Messias, nicht einen weltabgewandt-himmlischen. Die Doppelnatur Christi kann sie nicht begreifen.

Am Beispiel der beiden Mitgekreuzigten wird aber dann gezeigt, wie hauchdünn der Gegensatz ist. Beim einen bedarf es nur eines einzigen Satzes („Denk an mich, wenn du im Paradies bist“), und er kann sein ganzes verbrecherisches Leben mit in den Himmel nehmen.

Schon im Gleichnis vom verlorenen Sohn oder vom gütigen Vater wurde gezeigt, dass dem etwas Entscheidendes fehlt, der sich allein dem Guten verschreibt. Der Schatten ist dann in Form des Neides immer wieder da. Dagegen wird ein Fest gefeiert, wenn jemand sein ganzes elendes Leben zurück- und damit mitbringt. Denn es geht dabei nicht um die „späte Einsicht“ (die wäre rein intellektuell und existenziell ziemlich dürftig), sondern darum, dass er sein verunglücktes Leben ins Ganze integriert. Das ist es, was er dem anderen, der stets der „Gute“ war, voraushat.

Ohne das „Hinabgestiegen in die Hölle“ wäre die Auferstehung nichtssagend. Sterben ist ja nichts Außergewöhnliches. „Leben in Fülle“ ist nur möglich, wenn die „Toten“ zum Leben erweckt, die „Hölle“ integriert, „Oben“ und „Unten“ verbunden werden.

Das Leben im „Guten“ ist eine Illusion, hat keinerlei Substanz. Wenn Christen immer noch glauben, das Böse bekämpfen zu müssen, zwischen Wir (die Guten) und die anderen (das Böse) unterscheiden und trennen zu müssen (auch in der Flüchtlingsfrage und im Anhimmeln von rechten Parteien), dann kann es sein, dass sie das Christentum gar nicht verstanden haben.

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