Eros und Mystik

Zwei Begriffe, die man nicht so oft in einem Atemzug erwähnt, und doch gehören sie untrennbar zusammen. Die erotische Dimension des Menschlichen ist ein zentrales Medium religiöser Sprache. Berninis Skulptur von der gottverliebten Teresa von Avila zeigt dies deutlich. „O du ruhender Gott an meinen Brüsten“, betete etwa Mechthild von Magdeburg.

Teresa von Ávila in mystischer Verzückung, Skulptur von Giovanni Lorenzo Bernini (1598-1680) in der Karmeliterkirche Santa Maria della Vittoria, Rom

CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2953498

Frankfurt, 28. November 2019. Im Haus am Dom hält der Theologe Gotthard Fuchs, Experte für Mystik und interreligiösen Dialog, einen Vortrag über „Eros und Mystik“. Als Eingangszitat wählt er Ingeborg Bachmann: „In allem ist immer zu wenig.“ Um verständlich zu machen, worum es geht, zitiert Fuchs im selben Zusammenhang einen Spruch der alten Römer: „Post koitum ist der Mensch deprimiert.“ Der Orgasmus ist das Äußerste, das auch ein einfacher Mensch erleben kann, aber er lässt ihn immer etwas ratlos zurück. Vor allem, weil er nicht von Dauer ist und sein kann.

Man kann dem ein anderes Eingangszitat des Vortragenden gegenüberstellen, nämlich Nietzsche: „Wo Sehnsucht und Verzweiflung sich paaren, da entsteht die Mystik.“ Damit ist durchaus das sehnsüchtige Begehren gemeint, dem sich nur zu oft die Verzweiflung beigesellt, aber aus dieser verzweifelten Spannung kann Mystik entstehen. Mystik, wie sie hier gemeint ist, ist nicht weltabgewandt, im Gegenteil, sie entsteht und steht mitten im Leben.

Erotik, Mythos und Religion

Eros und Sex sind das wohl Ambivalenteste, das der Mensch erleben kann. Dementsprechend oszilliert die Einstellung dazu zwischen Vergöttlichung und Verteufelung. Dass die Kirche die längste Zeit Eros und Sex verteufelt hat, wirft auch der Theologe ihr vor. Sie hat damit unsägliches Leid über die Welt gebracht. Während das Alte Testament voller Erotik ist, man denke nur an das Hohe Lied mit seinen sexuellen Anspielungen, ist im NT nichts mehr davon zu finden. „Das Neue Testament meidet den Eros wie die Pest“, so Fuchs. Warum das so ist, versucht er zu erklären. Für die Griechen war Eros ein Gott und die Sexualität wurde vergöttlicht. Dem musste das NT gegensteuern, denn christlich ist es, das Thema nicht zu vergöttlichen und nicht zu verteufeln. Dass sie dann im Gegensteuern den Sex verteufelt hat, ist eine der Tragödien des Christentums.

Wer sich mit dem antiken Mythos beschäftigt, wird dem nicht ganz zustimmen können, und zwar deshalb, weil die Götter im Mythos etwas ganz anderes waren als der Gott der Juden und Christen. Es mag stimmen, weil zur Zeit der Geburt des Christentums der Mythos längst in den Logos, sprich Philosophie, übergegangen und der ursprüngliche Mythos längst nicht mehr lebendig war. Im Mythos aber sind die Götter nicht mit dem Gott der Christen vergleichbar. Sie sind das Numinose an allem Sein, also gerade nicht getrennt vom Irdischen, nicht transzendent, sondern immanent. Die Götter sind unmittelbare Erfahrung des Menschen, und „Vergöttlichung“ wäre in diesem mythischen Denken gar nicht das, was Christen darunter verstehen.

Gott ist Eros

Später versuchte Origenes, Christentum und Griechentum zu verbinden. Gott ist gleich Eros, lautete seine „Formel“. Mystik ist die Tiefe des Seins im Ganzen. Mystik ist nichts Abgehobenes, sondern verbindet die äußersten Enden des Seins und des Lebens. Das christlich Wesentliche ist die Inkarnation, das Göttliche wird menschlich und das Menschliche dadurch göttlich. Dadurch ist die Mystik dem Mythos wieder viel näher, der Menschliches und Göttliches nicht trennt. Fuchs verweist auf die Hl. Teresa v. Avila und deren bekannteste Vision, die Durchbohrung ihres Herzens, die Bernini als erotische Verzückung dargestellte, und die Teresa selbst als Verquickung von ungeheurem Schmerz und überwältigender Zärtlichkeit beschreibt: „Es ist eine so zärtliche Liebkosung, die sich hier zwischen der Seele und Gott ereignet….“

Mystische Texte sind voller Erotik, und umgekehrt: Sex hat eine mystische Dimension. Und nur weil wir geschlechtliche Wesen sind, können wir Gott lieben. Gott selbst ist Eros und Begehren. So beschreibt auch Mechthild von Magdeburg die Beziehung von Gott und Seele in durch und durch erotischen Begriffen – und zwar von beiden Seiten. Wobei Eros, röm. Amor, nicht nur der Gott mit den berühmt-berüchtigten Pfeilen ist, sondern „amor“ heißt auch „ich werde geliebt“. So könnte man Descartes‘ „cogito ergo sum“ verlebendigen als „amor ergo sum“ – „Ich werde geliebt, also bin ich“. Denn entgegen aller esoterischen Sprüche ist die Selbstliebe nicht die Voraussetzung für die Liebe, sondern das Geliebt-Werden ist Voraussetzung für die Selbstliebe und Ich-Werdung. Eine isolierte Selbstliebe käme gar nicht aus sich heraus, während das Geliebt-Werden das Ich am Du erst zum Ich macht. Was eine durchaus erotische, sexuelle und mystische Dimension hat.

Sex und Kirche

Nichts Weltliches soll vergöttlicht werden, aber Gott ist in allem. Die Materie und das Körperliche ist der Ort des Geheimnisses, ist Symbol und Sakrament. Das wäre die Botschaft des Christentums. Das ist es aber, was die Amtskirche so grundlegend missverstanden und missbraucht hat. Materie und Sex sollte man nicht über-, aber auch nicht unterschätzen, so der Tenor des Vortrags im Haus am Dom in Frankfurt. Das forderte natürlich die üblichen Fragen aus dem Publikum heraus. Vor allem, wie dieses offene Reden über Sex mit der Lehre der Kirche zu vereinbaren sei, und ob er als Theologe da nicht in Schwierigkeiten gerate? Seine durchaus überraschende Antwort: Das alles steht voll und ganz in der Tradition des Kirche. Mystiker, so Fuchs, glauben nicht an die Kirche, sondern „mittels, dank und trotz der Christentums“. Die Kirche sei „ein Sauladen mit Goldschätzen“. Und auf die Frage, wie das mit Rom zu vereinbaren sei, zitiert Fuchs einen französischen Theologen: „Die Kurie ist doch nur eine Warze im Gesicht der Kirche.“ Kirche ist nicht die Kirche der Mitra, aber sie verwaltet Schätze, die wir ohne sie gar nicht hätten.

Mystik: Gottesnähe und Gottesferne

Aber wenn wir den Faden bei Teresa von Avila wieder aufnehmen: Sie erlebte auch die extreme Gottesferne und hat diese Nacht der Mystik als erste beschrieben. Da war nichts mehr, kein Glaube, keine Hoffnung, keine Liebe. Und so nebenbei: Dass man Mutter Teresa wegen ähnlicher Zustände so abwertet und von außen beurteilt, ist lächerlich. Das kann sogar eine Hochform der Mystik sein. Erst wenn man auch diese totale Negation lieben gelernt hat, diese Gottesferne und Fremde Gottes, die Innigkeit und Tiefe der Gottlosigkeit, wie es Teresa beschreibt, erst dann kann man von erwachsener Religion sprechen. Die kann und muss alles einbeziehen: alle Höhen und Tiefen, Gottesnähe und Gottesferne, Geistiges und Körperliches. Teilhard de Chardin sprach von der Amorisation der Materie.

Simone Weil schreibt 1996: „Mystikern vorzuwerfen, sie liebten Gott mit der Kraft der sexuellen Liebe, das ist so, als würde man einem Maler vorwerfen, Bilder mit Farben zu malen, die aus materiellen Substanzen bestehen. Wir haben nichts anderes, womit wir lieben können. Übrigens wäre es genauso möglich, einem Mann, der eine Frau liebt, denselben Vorwurf zu machen.“

 © RH

„Der lange Weg zu sich selbst“

Eugen Drewermann, der erst unlängst und zu Recht den Herman Hesse Preis verliehen bekam, hat in seinem neuesten Buch „Hermann Hesse. Der lange Weg zu sich selbst. Zur Sprengkraft eines literarischen Denkens“ dem Dichter ein würdiges Denkmal gesetzt.

Was Drewermann mit Hesse verbindet, ist ein lebenslanges Bemühen um einen Dialog der Kulturen und Religionen sowie der radikale und streitbare Lebensweg des Einzelnen. Dieser lange Weg zu sich selbst ist aber eine oft verzweifelte Verteidigung des Individuellen gegen das Normierte[1] – im Falle Hesses im Angesicht des Krieges, im Falle Drewermanns auch in der Auseinandersetzung mit der Amtskirche. Der Mensch auf dem Weg zur Individuation (ein Begriff der Analytischen Psychologie von C.G. Jung, dem Hesse auch persönlich begegnet ist) wird immer Anstoß bei Kollektiven erregen. Hesse bezeichnet das als „Tugend des Eigensinns“, des je eigenen Sinns.

Für den Dialog der Kulturen ist Hermann Hesse ein einsamer Höhepunkt. Sein „Siddharta“ ist der Roman gewordene Dialog der Kulturen, der – wie könnte es bei Hesse anders sein – in eine ganz individuelle und authentische „Lösung“ mündet. Die nicht nur Asketentum und Leben, sondern auch Ost und West, Individualität und Empathie verbindet. Viele Zitate von Hermann Hesse könnten auch von Eugen Drewermann sein. Wie etwa folgendes: „Wir müssen unser eigenes Leben leben, und das bedeutet etwas Neues und Eigenes, immer Schwieriges und auch immer Schönes für jeden Einzelnen. Es gibt keine Norm für das Leben, es stellt jedem eine andere und einmalige Aufgabe.“ (Das Zitat stammt aus einem Brief von Hermann Hesse).

Menschliche Konflikte

Hesses Charaktere sind meist von Gegensätzen geprägt, die zu einer Einheit streben – zumindest im Inneren der Protagonisten. So ist in „Narziss und Goldmund“ der Abt Narziss dem Denken verpflichtet (im wahrsten Sinne des Wortes), das aber „“ein beständiges Abstrahieren, ein Wegsehen vom Sinnlichen, ein Versuch am Bau einer rein geistigen Welt ist. Zu Goldmund, dem Gefühlsmenschen und Künstler, sagt er: „Du aber nimmst gerade das Unbeständigste und Sterblichste ans Herz und verkündest den Sinn der Welt gerade im Vergänglichen. Du siehst nicht davon weg, du gibst dich ihm hin, und durch deine Hingabe wird es zum Höchsten, zum Gleichnis des Ewigen.“ Goldmund lehrt seinem Lehrer, dass das pralle Leben über Abgründe, aber nicht in den Abgrund führt, dass dieses Leben nicht nur menschlicher, sondern auch mutiger und größer ist als sich Gott nähern zu wollen durch Abwendung von der Welt.

Dies ist aber der Konflikt in jedem Menschen, wovon auch der „Steppenwolf“ handelt, in dem es heißt: „Der Mensch ist ja keine feste und dauernde Gestaltung …., er ist vielmehr ein Versuch und Übergang, er ist nichts anderes als die schmale, gefährliche Brücke zwischen Natur und Geist.“ Nichts führt mehr in die Menschwerdung hinein als das Annehmen dieses Konflikts. Der Schauplatz dieses Ringens mit dem Engel ist der Mensch, und wie Drewermann schreibt, „ist Religion, so verstanden, der Austragungsort dieses Ringens um die Integration der Gegensätze in der eigenen Seele, um die Geburt des Selbst, um die Einheit mit sich selbst“.

Wie Hesse ist Drewermann Pazifist durch und durch, aber „Pazifismus ist keine Ideologie, er ist die einsame Entscheidung eines Einzelnen.“ Mit der Botschaft Christi ist kein Krieg zu machen, so Drewermann. Aber mit der Botschaft der Kirche konnte man Krieg gegen den damaligen Priester Drewermann machen und ihn letztlich ausgrenzen. Denn Drewermann stellt klar: „Nicht um den Aufbau einer Kirche ging es dem Mann aus Nazareth, wohl aber um die Herausführung der Menschen aus ihren Abhängigkeiten, Zwängen, Ängsten, Icheinschränkungen und Schuldgefühlen.“ Seine „Religion“ war eine heilende, daher ist das Evangelium psychotherapeutisch zu verstehen. Diese Religion kann nur individuell sein, weil es gilt, sich „von sämtlichen dieser Schablonen freizumachen“.

Das Individuelle gegen das Normierte verteidigen

Doch was ist daraus geworden? „Aus dem Tempel der Freiheit des Menschen ist eine zu Ende dogmatisierte, ritualisierte und konfessionalisierte Opferstätte des selbständigen Denkens und der persönlichen Entfaltung geworden, ein Ort des Aberglaubens, des Gewissenszwangs und der konfirmierten Kirchenkonformität.“ Drewermann ist mit dieser Ansicht nicht alleine. Schon Sören Kierkegaard hat die verfasste Kirchenfrömmigkeit als grotesken Verrat an der Botschaft Jesu bloßgestellt. Daher muss die Psychotherapie heute vieles leisten, was Aufgabe der Kirche gewesen wäre. Nichts ist dem Menschen so zugewandt wie die Seelenheilkunde von Freud und Jung, sagt Drewermann. „Sie fordert eine Wahrhaftigkeit gegen sich selbst, an die wir nicht gewöhnt sind.“

Dem Dichter wie dem Psychotherapeuten geht es um das uralte Thema von Anpassung und Selbstfindung. Zwischen beiden Haltungen ist einerseits eine Brücke zu finden, andererseits eine radikale Abwendung von totalitärer Konformität, die Anpassung bis zur Selbstaufgabe fordert und in Kriegen mündet. „Denn der Krieg braucht Massenpsychologie – der Einzelne aber, wenn er bewusst lebt, gehört einer anderen Welt an!“ Das stellt Hesse klar, ebenso dass es „gegen den Krieg nur eine einzige fundamentale Gegenkraft gibt: die Individuation des Einzelnen, die Entwöhnung des Menschen vom Sog der Masse, die Erziehung der Menschen zu Eigensinn und Eigenverantwortung“.

Drewermann zitiert Laotse: „Einen Sieg auf dem Schlachtfeld soll man begehen mit einer Trauerfeier.“ Und er fügt hinzu: „Wie lang ist das her, und wie beschämend weit sind wir noch davon entfernt!“ Wir hätten noch immer nichts begriffen von der Zusammengehörigkeit aller Menschen, jenseits der künstlichen Einteilung in „befreundete“ und „feindliche“, „verbündete“ und „gegnerische“ Völker. „Wie kann eine Politik dem Frieden dienlich sein wollen, die immer noch dem gröbsten Hordendenken der Steinzeit verhaftet ist?

Die Ambivalenz des Lebens

Hesse ist nicht nur der Dichter der menschlichen Gegensätze, sondern auch der Ambivalenz, bei der keine Moral je geholfen hat. In seiner Novelle „Klein und Wagner“ bekennt Hesse: „Auch ich schlage mich bald mit dem Mörder, mit dem Tier und Verbrecher in mir beständig herum, aber ebenso auch mit dem Moralisten, mit dem allzu früh zur Harmonie Gelangenwollen, mit der leichten Resignation, mit der Flucht in lauter Güte, Edelmut und Reinheit.“ Und Drewermann führt zur Moral aus: „Die vereinseitigte moralische Stellungnahme, die durch keinerlei konkrete Menschenkenntnis gereifte moralische Bewertung des Lebens, die starre Isolierung einzelner Verhaltensweisen aus dem Geflecht von Motivation und Situation zeigt sich nicht nur außerstande, dem Menschen wirklich zu helfen, sie ist selber am Ende die Quelle von vielerlei Arten der Unaufrichtigkeit und seelischen Erkrankung.“

Beiden kommt es einzig und allein auf das Verstehen an, Verstehen statt Urteilen und Verurteilen. Um anderen nahe zu kommen, muss man moralische Wertungen abbauen. Wer andere verstehen will, muss sich zuerst mit dem Dunklen in sich selbst beschäftigen und es annehmen. So bekennt Hesse, „ich musste neue Töne suchen, ich musste mich mit dem Unerlösten und Uralten in mir selber blutig herumschlagen – nicht um es auszurotten, sondern um es zu verstehen, um es zur Sprache zu bringen, denn ich glaube längst nicht mehr an Gutes und Böses, sondern glaube, dass alles gut ist, auch das, was wir Verbrechen, Schmutz und Grauen heißen…

Dazu erläutert Drewermann: „Wenn man dagegen zu begreifen beginnt, aus welchen Gründen ein Mensch etwas tut, wird bald schon klar, dass nicht die einzelne Handlung das Wichtige ist, entscheidend ist, was das einzelne Tun im Leben dieses Menschen bedeutet.“ Moral und Gesetz können da nichts ausrichten, wo es um den Menschen geht. Das mündet in der Erkenntnis, dass nur ein Mensch, der sich selbst gefunden hat, wirklich „gut“ zu sein vermag. Er hätte den Mut zur Wahrhaftigkeit gefunden, die aus der Bejahung auch des Unheimlichen im Menschen, aus der Integration der unbewussten, verdrängten Inhalte der Psyche kommt. Auch das muss man annehmen: „Das Leben ist sinnlos, grausam, dumm und dennoch prachtvoll.

Zukunftsfähige Religiosität

Damit sind wir aber schon in der Dimension der Religiösen – jenseits aller Dogmatik. „Erst dann, wenn man die ganze Scheußlichkeit oder Sinnlosigkeit der Natur in sich aufgenommen hat, kann man beginnen, sich dieser rohen Sinnlosigkeit gegenüber zu stellen und sie zu einem Sinn u zwingen. Es ist das Höchste, wozu der Mensch fähig ist, und es ist das Einzige, wozu er fähig ist. Alles andere macht das Vieh besser.“ Religion, wie sie Drewermann und Hesse verstehen, hat vor allem zwei Ziele: die Einheit der Menschen zu fördern, und die Herausbildung des Individuums zu ermöglichen. Beides hängt unmittelbar zusammen.

Konfessionen sah Hesse als „Karikaturen des Nationalismus“. Er bekannte sich zu einer Art mystischem Christentum neben einer mehr indisch-asiatischen Religiosität, „deren einziges Dogma der Gedanke der Einheit ist“. Einer solchen Religiosität spricht auch Drewermann Zukunftsfähigkeit zu: „universell und individuell zugleich, personenzentriert und kulturübergreifend, dogmatisch ungebunden, doch existenziell umso verbindlicher“.

Für viele wird dieses Buch Eigen Drewermanns über Hermann Hesse eine neue Sicht auf den Dichter durch die Augen des Psychotherapeuten gewähren, und nicht zuletzt – ganz im Sine beider – einen Blick in die eigenen Tiefen der Seele.


Eugen Drewermann: Hermann Hesse. Der lange Weg zu sich selbst. Zur Sprengkraft eines literarischen Denkers. Patmos Verlag 2019.

ISBN 978-3-8436-1196-1
EUR 20.00


[1] Eugen Drewermann: Das Individuelle gegen das Normierte verteidigen. Zwei Aufsätze zu Hermann Hesse. 1995. (Im vorliegenden Band wieder enthalten).

Anna Stangl – Die Welt der Anima

Primavera, 2019

Eine beeindruckende Ausstellung in der Galerie Gerersdorfer, Wien, die noch bis 5. Juni 2019 zu sehen ist. Zeichnungen, die sich dem Betrachter in ihrer „Einfachheit“ erst beim tieferen Hinsehen erschließen, dann aber in Meditation münden können. Der Begriff „Interkulturelle Psychologie“ wäre eine gute Beschreibung dessen, was die Bilder aussagen.

Anna Stangl ist eine Künstlerin, die sich nicht aufdrängt, aber mehr als andere und sehr zielbewusst einen Dialog mit dem Betrachter führt. Ihre Zeichnungen sind nur auf den ersten Blick klar und einfach; wenn man sich näher darauf einlässt, lassen sie eine Tiefe erahnen, die vieles andeutet und vieles offen lässt. Man ahnt, dass die Künstlerin etwas darstellen will, das man nicht darstellen kann, aber eine Annäherung erlaubt, die der Betrachter weiterführen kann, wenn er sich darauf einlässt. Ein sehr eindrucksvolles Porträt der Künstlerin findet sich auf der Facebook-Seite der Galerie Gerersdorfer.

Kunst und Psyche

Zeichnen ist für Anna Stangl Lebensbewältigung, es gibt ihr Struktur; Dinge werden durch das Zeichnen klarer, wie durch Nachdenken oder Schreiben. Die Motive entstehen meist nicht aus der bewussten Vorstellung heraus, sondern aus sich, von innen, aus dem Unbewussten heraus. Der Schlaf ist ein wichtiges Thema, „ein Zustand, wo man ganz bei sich ist, und auch ins Unbewusste geht. Der Schlaf ist mit Träumen verbunden, und Träume sind eine der besten Quellen für meine Arbeit.

Kindheit II

Kunst kommt von innen, bei Anna Stangl ganz bewusst. „Im Traum oder im Tagtraum kommen mir mehr Ideen als wenn ich versuche, konzentriert eine Idee zu finden. In diesem sehr gelösten Zustand kommt meistens etwas hoch, wo ich mir denke, ah jetzt verstehe ich plötzlich, jetzt erklärt sich was. Oder es sind auch oft Geheimnisse im Traum, die mich dann interessieren, und wo ich mir denke, woher kommt das, wie kommt man nur drauf? Den Tagtraum versuche ich manchmal schon bewusst herbeizuführen, indem ich mich in die Hängematte leg und so einen kleinen Tagtraum einliege in meinem Atelier.“ Man kann in ihren Zeichnungen erspüren dieses Eingebunden sein und trotzdem ganz bei sich sein.

Verständlich, dass das Zeichnen ein Prozess ist, der sich über Wochen hinziehen kann. Der Zeit und auch Pausen braucht. Jede Zeichnung quasi eine Geburt von etwas Neuem. Was dabei zum Vorschein kommt, sind sehr intime und persönliche Geschichten. „Oft werden auch starke Gefühle gezeigt, und die größte Gefahr ist für mich dann immer die Bedrohung der Peinlichkeit oder dass es zu sentimental wird, davor fürchte ich mich selber oft.“ Der Betrachter versteht und ist dankbar für diese Offenheit, die alles andere als peinlich oder sentimental ist.

Anima und der Dialog mit dem Männlichen

Die Künstlerin taucht in ihre Seelenwelt, in ihr Inneres, in die Welt der Weiblichkeit. Es ist ein Weg, der im Konkreten beginnt, der von außen nach innen führt. „Man geht wahrscheinlich immer vom eigenen Körper aus, weil ich den am besten kenne und verstehe.“ Zentrales Thema ist daher der weibliche Körper, insofern er etwas Seelisches ausdrückt.

Sie stellt die Haltungen oft nach und weiß dann ganz genau, wie man sich in dieser Stellung fühlt. „…und dann treff ich, wenn ich Glück hab, auch die Stimmung, die das Bild ausmacht.“ Die Haltungen sind wie Mudras im Yoga. Zum ersten Mal klingt Asiatisches an, wenn auch nicht vordergründig.

Anima, 2005

In Anna Stangls Zeichnungen dominiert das Weibliche. Sie stellt viel öfter Frauen dar als Männer, und im Video erzählt sie, dass Männer sich oft ein bisschen ausgeschlossen fühlen aus dieser Welt. Zu Unrecht, denn es ist die Welt der Anima (der Analytischen Psychologie von C.G: Jung), des Weiblichen im Mann. Die Seele ist gegengeschlechtlich, und Männer können in den Zeichnungen ihre eigene Seelenwelt, ihre Anima erkennen. Man kann durchaus sagen, dass die Künstlerin durch diese ihre weibliche Welt einen Dialog mit den Männern führt. Es ist mehr der liebliche Aspekt der Anima, nicht die tiefere Oktave, die es natürlich auch gibt. Insofern haben ihre Bilder sogar einen heilenden Effekt.

Schattenwelt

Das Weibliche in der Frau wie im Mann hat natürlich auch einen Schattenaspekt. Der drückt sich im zweiten großen Themenbereich, den Tieren aus. Wieder zeigt sich ein Doppelaspekt, das Animalische kann sanft oder bedrohlich sein. In Anna Stangls Bildern ist er selten bedrohlich, meist spielerisch. Die Schattenwelt ist integriert, eine Frucht des Zeichnens als Lebensbewältigung. So ist der Umgang mit Tiersymbolen auch meist harmonisch.

Amselflug, 2019

Wie selbstverständlich haben viele Bilder auch eine erotische Komponente. „Oft geht es da nur um eine Sehnsucht und eine Vorstellung. Das ist einfach eine schöne Seite des Lebens. … Es passiert von selbst, dass das immer wieder auch in den Bildern ein bisschen vorkommt.“ Da geht es dann um Zweisamkeit und Harmonie der Geschlechter, nicht um Macht, sondern um Ergänzung. Selbst das Animalische ist schon vermenschlicht. Auch die Tiere sind damit Teil dieser Bildersprache der Beziehung. Sie sind eigentlich Menschen. „Aber oft ist es einfacher, weil es dann mehr offen lässt, eine Beziehung mit einem Tier und einem Menschen darzustellen.“ 

Rote Fäden, 2004
Der Gute, 2015

Früher waren es oft Pferde, heute mehr Vögel, Hasen, Bären und Füchse. Wie Märchenfiguren, die verschiedene Eigenschaften darstellen. „Ich hab auch eine Zeit in Japan gelebt. Dort hat der Fuchs eine große Bedeutung…. Der haust im Wald und frisst die Kinder und die Frauen, aber er ist auch ein Schutzgeist. Das hat mir gut gefallen.“

Interkulturelles

Womit wir von der Psychologie her direkt beim Interkulturellen gelandet wären. Wie erwähnt, sind es keine asiatischen Motive, die sich in dem Vordergrund drängen würden. Die Biografie der Künstlerin ist durchzogen von Reisen in allen Kontinenten. Dabei wäre es einfacher aufzuzählen, wo sie nicht war. Ihre Kunst atmet eine globale Perspektive, nimmt „Fremdes“ auf, assimiliert es und prägt den immer eigenständigen Stil. Die Ambivalenz oder Komplementarität (Yin/Yang) ist allgegenwärtig. Das Männliche im Weiblichen (und umgekehrt), das Sanfte und Bedrohliche im Animalischen, das Eingebunden-Sein im Geflecht eines großen Ganzen. Man darf vermuten, dass die Künstlerin in vielen Welt- und Menschenbildern zuhause ist.

Heimat und inneres Kind

Dr. Margit Zuckriegl wies bei der Eröffnung der Ausstellung in der Galerie Gerersdorfer darauf hin, dass die Frauen in Anna Stangls Zeichnungen kein Alter haben, zeitlos sind. Im Porträt-Video erklärt die Künstlerin, dass sie sich schon als Kind stundenlang mit irgendwelchem kleinen Zeug beschäftigt habe. „Das war für mich der Inbegriff von Glücklich Sein. Das wollte ich eigentlich nie aufgeben. … Das war immer mein großer Wunsch, dass das so weitergeht. Mit großer Zähigkeit gelingt es dann auch, das zu verwirklichen. Was Besseres kann gar nicht sein.

Dschungel, 2028

So atmen auch ihre Zeichnungen dieses Glücklich-Sein des inneren Kindes, das sich die Künstlerin im Erwachsen-Werden und Erwachsen-Sein eindeutig bewahrt hat. Es war sicher ein langer Prozess, der sie durch viele Länder und viele innere Stationen dahin geführt hat, wo sie jetzt ist. Das Ergebnis ist eine fühlbare Harmonie von innen und außen, was sie in einem sehr schönen Satz ausdrückt: „Es gibt so eine ganz starke Sehnsucht nach Schönheit und Harmonie bei mir, was auch eine Gefahr ist, das weiß ich schon, aber es fließen dann manchmal irritierende Elemente von selber rein. Und das ist auch gut so. Irgendein schwarzer Kopf oder sonst was. Aber es gibt diese starke Sehnsucht nach der Schönheit und der Perfektion.“

ruminant touch, 2003

Das taoistische Motiv der Monade, des dunklen Punktes im Hellen und umgekehrt, was zusammen erst so etwas wie die Harmonie ergibt. So irritieren die irritierenden Momente auch nicht, sondern sie gehören zum harmonischen Ganzen dazu.

© R. Harsieber

Anna Stangl
Die Vögel, 2017
Behütet, 2018
Verbunden, 2000
Test of Courage, 2005
Pflanze zärtlich, 2008

Mein Wunsch ans Universum

Mein Wunsch ans Universum wäre: Versteck dich doch nicht so verschämt hinter der äußeren Fassade, auch wenn das Dahinter noch so schwer zu verstehen ist!

Ich find es immer so lieb, wenn heute so verschämt vom „Universum“ die Rede ist. Es ist etwas ganz anderes gemeint, über das man aber heute nicht mehr reden darf, weil es zum Tabu geworden ist. Es zeigt nämlich nur, dass man den Menschen nicht seines Wesens berauben kann. Das ist, als würde man abgelutschte Kerne vergraben, um sie los zu werden, und im nächsten Frühling treiben sie fröhlich aus.

Was meine ich damit?

Nicht erst seit den Missbrauchsskandalen ist die Kirche unglaubwürdig geworden, hat die Deutungshoheit über Gott und die Welt – und vergessen wir nicht den Menschen, um den es in erster Linie geht – verloren. Das hat inner- und außerkirchliche Gründe und ist vor allem zeitbedingt. Wie die Kirche damit zurechtkommt, ist ihre Sache. Wie wir damit zurechtkommen, ist unsere Sache.

Tatsache ist:

Das Wort „Gott“ ist so abgenudelt, dass es kaum noch zu gebrauchen ist.

Das liegt allerdings zum größeren Teil an der Kirche, die uns im Laufe ihrer 2000-jährigen Geschichte mit falschen Gottesbildern nur so bombardiert hat. Im 2. Vatikanischen Konzil hat sie es sogar selbst ganz zaghaft zugegeben. Sie hat „Gott“ immer am biblischen „Du sollst dir kein Bild machen“ vorbeigeschummelt. Und so etwas scheint sich auch „Gott“ auf Dauer nicht gefallen zu lassen.

Fazit ist jedenfalls:

Wir müssen uns was Neues einfallen lassen, um das Alte wieder zu verstehen.

Nachdem die Aufklärung so manchen Aberglauben und eben auch diese fiesen Götterbilder hinweggefegt, den Weg für die Naturwissenschaft freigemacht, aber das Weltbild auf Schrebergartenniveau reduziert hat – es hat eben alles in der Welt (mindestens) zwei Seiten – ist der Weg der Kirche natürlich nicht mehr glaubwürdig. (Nicht, dass es nicht auch großartige Priester gibt, aber die haben wenig oder nichts zu reden). Von „Gott“ zu reden lockt niemand mehr hinter dem Ofen hervor, ganz im Gegenteil. Die Kirche, die so lange den Anti-Christ beschworen hat, ist selbst zum Anti-Mephisto geworden: Mephisto, den Goethe so treffend beschrieben hat als den „Geist, der stets verneint, der stets das Böse will und stets das Gute schafft“, während die Kirche zunehmend zum Gegenbild erstarrt: zum Geist, der stets das Gute will und damit stets mehr Ablehnung schafft.

Wir brauchen etwas Neues, damit das Alte nicht verloren geht.

Der Kirche laufen ihre Schäfchen in Herden davon. Was man sogar biblisch als neue Phase sehen kann. Es wiederholt sich ja nur die Geschichte. Jesus kam zunächst „nur für das Haus Israel“, aber schon immer spielte sich Wesentliches außerhalb ab. Etwa Heilungen oder das Gespräch mit der Frau am Brunnen oder die Sache mit dem barmherzigen Samariter. Schon im Kern des Evangeliums kommt vieles von außerhalb.

Die Haltung vieler der flüchtenden Schäfchen ist: Die Kirche sagt mir nichts (mehr), aber ich bin ein spiritueller Mensch. Was auch naheliegend ist: Es würde sonst dem Menschen auch etwas zutiefst Menschliches fehlen. Damit verbunden ist, dass das Wort „Gott“ verpönt ist. Mit einem so missbrauchten und abgenudelten Begriff ist auch kaum mehr zu arbeiten. In den 1960er Jahren begannen sich die Menschen, die sich von der Kirche abwendeten, asiatischen Kulturen zuzuwenden. Eine Welle des Buddhismus folgte auf eine Yogawelle. Beides ist inzwischen so verflacht, dass es kaum wiederzuerkennen ist. Yoga wurde zur zirkusreifen Gymnastik, der Buddhismus reduzierte sich auf ein paar unverstandene Phrasen. Aus dem mehr als abgestandenen Wasser sollte etwas Neues entstehen.

So wird statt „Gott“ heute immer öfter das „Universum“ beschworen.

Da wird es naiv mit „Wünschen an das Universum“ bombardiert, was um nicht besser ist als die „Volksfrömmigkeit“ des Mittelalters. Früher wurde „Gott“ mit Wünschen traktiert, heute das Universum. Wo, bitte, ist da der Fortschritt? Es ist ja wirklich lieb, wie jetzt alles, was man früher „Gott“ in die Schuhe geschoben hat, nun dem „Universum“ aufgebürdet wird. Und der Gipfel der Naivität: Man erwartet Antworten vom „Universum“!

Also entweder ist das Universum das, was es in der Kosmologie ist, eine gigantische Ansammlung von Sternen, Galaxien, dunkler Materie und dunkler Energie – dann wird es keine Antworten geben und kaum Wünsche erfüllen können. Oder wir sprechen aus, was heute zum Tabu geworden ist, nämlich dass es auch da so etwas wie Bewusstsein gibt – und dann sind wir wieder da, wo wir schon immer waren. Denn früher hat man das als „Gott“ bezeichnet. Eine Metapher für ein unbegreifliches „Alles und mehr“.

Kein Bewusstsein ohne Materie – keine Materie ohne Bewusstsein

Szientisten behaupten heute, es gibt kein Bewusstsein ohne Materie. Womit sie ja Recht haben. Aber das ist eben nur die eine Seite der Medaille. Was, wenn es auch keine Materie ohne Bewusstsein gäbe? Und genau darauf zielt das hilflose Sprechen vom „Universum“ eigentlich ab. Nur sagt das niemand dazu. Diese beiden Auffassungen sind wie Teilchen und Welle in der Physik komplementär, also zwei Seiten einer Medaille, die zwar gegensätzlich sind, aber nur zusammen die Wirklichkeit ergeben können. Komplementarität ist einer der wichtigsten Konsequenzen der Quantentheorie. Es ist die Absage an das aristotelische Entweder-Oder. Und auch die Absage an ein bloß dingliches Universum.

Wenn wir das kindische „Wünschen ans Universum“ beiseitelassen, das eines modernen Menschen wirklich unwürdig ist, dann sind wir beim Universum als lebendem Organismus. Und dann ist der verschämte Ausdruck „Universum“ so als würde ein Mensch auf uns zukommen, und wir rufen aus: Oh, da kommt ein Mantel! Statt einen unverstandenen „Gott“ beten wir jetzt eine ebenso unverstandene Materie an? Das kann es nicht sein, und das ist auch nicht gemeint.

Auf die seit Jahrtausenden widerstreitenden Weltbilder angewendet heißt das: Wir können die Welt (und den Menschen) nicht bloß entweder als statisches Sein oder dynamisches Werden beschreiben. Weder ein naturwissenschaftliches, noch ein spirituelles Weltbild reichen dazu aus, sondern wir brauchen immer beides. Solche wesentlichen Gegensätze sind nicht dazu da, einander auszuschließen, sondern einander zu ergänzen.

Das Universum wird erst dann Antwort geben können, wenn es ein lebendiges Universum ist. Das meint das indische „Sat-Chit-Ananda“ (Sein, Bewusstsein, Glückseligkeit) wie auch das christliche trinitarische „Sein-Bewusstsein-Liebe“ (Joseph Ratzinger). Ost und West sind nämlich genauso komplementär wie Yin und Yang, Teilchen und Welle, männlich und weiblich, Außenwelt und Innenwelt, Physik und Psychologie oder Naturwissenschaft und Religion.

Mit der Seele auf Du

Das Rote Buch von C.G. Jung beginnt damit, dass er seine Seele als Person anspricht, vom Geist der Tiefe dazu aufgefordert. Sie tritt ihm, verloren gegangen, wieder entgegen. Dasselbe finden wir im Yoga, im Tantra und in jeglicher Mystik.

In seiner Biografie „Erinnerungen, Träume Gedanken“ berichtet Jung, dass er sich schon als Jugendlicher als zwei Personen erlebt hat, die er auch zunächst als Person 1 und Person 2 bezeichnete, später dann als Ich und Selbst. Das eine ist das bewusste Ich, das andere ein Übergreifendes, Wissendes, „eines kollektiven Geistes, dessen Lebensjahre Jahrhunderte bedeuten“. … „Nr. 2 war in der Tat ein ‚Gespenst‘, das heißt, ein Geist, der an Macht dem Weltdunkel gewachsen war.“(1) Das ist auch ein Beispiel dafür, dass ein dualistisches und monistisches Weltbild nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten, sie gehören als Gegensätze komplementär zusammen. Wer sich nicht als gespalten erlebt, kann zu keiner Vereinigung kommen, die Jung dann Individuation nennt.

Das Unbewusste tritt uns in vielen Aspekten und Gestalten entgegen, als innere Bilder und Stimmen, und es ist nicht entscheidend, ob wir sie als „innerpsychisch“ oder als eigenständige „Geister“ bezeichnen. Es geht in der Psyche nicht um eine Außenwelt, sondern um die Innenwelt, aber als Welt ist sie – dem Ich gegenüber – wieder so etwas wie eine (dem Ich) äußere und objektive Welt. Es geht darum, sich diese zunächst fremden inneren Aspekte vertraut zu machen. Dabei verhalten sich Archetypen immer auch wie eigene Entitäten mit eigenem Bewusstsein und Wissen, das weit über das Ichbewusstsein und dessen Wissen hinausgeht, und sogar in einem kollektiven Wissen der Menschheit mündet.

Seelisches Erleben ist daher zunächst eine Begegnung mit etwas Fremdem, Eigenständigem, beinahe Persönlichem, das erst nach und nach in einem Prozess der Individuation assimiliert und integriert werden kann. Erst die Vereinigung der Gegensätze (männlich – weiblich, oben – unten) führt zum Einheitserleben des Selbst.
Die Auseinandersetzung mit dem Unbewussten, mit der eigenen Psyche ist zudem eine Gratwanderung zwischen Psychose, Paranoia oder wie immer man das bezeichnen will, und dem bewussten Erleben einer inneren, und doch anderen Welt des Numinosen. So beginnt Jung am Anfang des Roten Buches mit seiner Seele zu reden. Philemon, sein innerer Guru (wie ihm später ein Inder erklärt), bringt ihm bei, „dass es Dinge in der Seele gibt, die nicht ich mache, sondern die sich selber machen und ihr eigenes Leben haben“.(2) Mit anderen Worten: Es gibt eine psychische Objektivität, eine Wirklichkeit der Seele.

Die innere gegengeschlechtliche Ergänzung
Die Auseinandersetzung mit der inneren Welt ist komplex (Persona, Schatten, Anima/Animus, der Held, der/die Alte Weise…). Die Seele als das noch unbekannte Andere ist aber als solche gegengeschlechtlich. So muss der Mann mit seiner inneren weiblichen Seite in Kontakt kommen, die Frau mit ihrer inneren männlichen Seite. Dieser eine Aspekt ist wieder komplex. Archetypen sind mehrdimensional, haben eine Bedeutung auf allen Ebenen. So ist auch die Anima (und der Animus) nicht eindeutig, sondern vielschichtig. Wie alle archetypischen Bilder hat sie ein breites Bedeutungsspektrum, wie alles Lebendige.

Schon bei der ersten Begegnung mit der Anima in der Mutter geht es um einen komplexen Menschen. Dieses Bild setzt sich fort in der Partnerin, die dem inneren Bild der Anima mehr oder weniger entspricht oder entsprechen sollte. Was diesem Bild nicht nahekommt, projizieren wir. Wobei Projektion nichts Negatives ist, innen und außen sind nicht zu trennen. Wir haben ein inneres Bild vom Partner (das Bild der eigenen Seele, der Anima, des Animus), und wenn der/die Geliebte dem nahekommt, dann fühlen wir uns vertraut und „seelenverwandt“. Es bleibt aber immer auch Fremdes und das wird zur Lebensaufgabe. Im Idealfall wachsen das innere Bild und die äußere Person zusehends zusammen, wobei sich beide wandeln.

Das Spektrum des Weiblichen / Männlichen
Wie auch das Männliche umfasst der Archetypus des Weiblichen ein enormes Spektrum. Zumeist ist das keine Einheit, sondern gespalten in hellere und dunklere Seiten oder Aspekte. Jung spricht auch von der Zweideutigkeit der Anima. Wir kennen das vom Mythos der Hure und der Heiligen. Der Mann, der das klassisch nicht zusammenbringt, sucht das eine im Bordell und das andere in der Ehe. Wobei sich so die Frau nicht als Frau gesehen fühlt, außer sie identifiziert sich auch nur mit dem hellen Teil und verdrängt das Dunkle in sich. Dieses Dunkle ist ja nichts Negatives, sondern der eine, basale Teil des animal rationale, das der Mensch ist.

Der Mann, der sich selbst und seine seelische Bandbreite einigermaßen kennengelernt hat, wird auch in seiner Partnerin dieses Spektrum schätzen. Bei einem Mann, der seine Frau „vergöttert“, kann eine Frau auch ihre dunkle Seite leben. Wenn beide das ganze Spektrum leben können, dann ist das Animalische nicht mehr negativ und das Engelhafte oder Göttinnenhafte nicht mehr abstrakt. Beides kann ins Liebes- und Lebensspiel eingebunden und verbunden werden. Es kann dadurch nicht nur zur Vereinigung von Männlichem und Weiblichen (äußerlich und innerlich), sondern auch von oben und unten kommen. Das Animalische und das Göttliche verlieren ihren Charakter der Ausschließlichkeit, sondern ergänzen sich komplementär.

Über die Zeit seiner Auseinandersetzung mit dem Unbewussten sagt Jung: „Damals stellte ich mich in den Dienst der Seele. Ich habe sie geliebt und habe sie gehasst, aber sie war mein größter Reichtum. Dass ich mich ihr verschrieb, war die einzige Möglichkeit, meine Existenz als eine relative Ganzheit zu leben und auszuhalten.“(3) Der Gegensatz zwischen Bewusstsein und Unbewusstem, zwischen äußerer und innerer Welt, die Zweideutigkeit der Anima sind die Voraussetzung für das Erleben der Ganzheit.

Anima und Shakti
Jung hat sich mit antiken, aber auch sehr viel mit asiatischen Kulturen beschäftigt, weil er Ähnliches in den Träumen seiner KlientInnen gefunden hat. Im Yoga, Buddhismus oder Tantra finden sich Elemente, die genau den Archetypen Jungs entsprechen. Dort sind Philosophie und Psychologie nicht so getrennt wie bei uns im Westen. So ist die Bandbreite des Seelischen dort selbstverständlich. Die Gottheiten sind weniger abstrakt als psychisch zu verstehen, es gibt meist einen „positiven“ und einen „negativen“, einen lieblichen und einen schrecklichen Aspekt. Die männlichen Gottheiten werden mit ihrer Shakti (ihrem weiblichen Aspekt, welcher der Anima entspricht) dargestellt, und die (männlichen wie weiblichen) Gottheiten haben auch meist zwei gegensätzliche Aspekte. Am augenfälligsten ist der schreckliche Aspekt der Kali, die blutrünstig mit Totenkopf-Girlande um den Hals dargestellt wird. Aber auch dieser Aspekt ist nicht bloß „negativ“. Es ist der zerstörerische Aspekt, aber als Zerstörer der (Ich-)Illusion ist dieser Aspekt schon wieder positiv. Außerdem sind Werden und Vergehen beide notwendig für das Weltgeschehen. Da ist jedenfalls mehr Psychologie drin als in so mancher westlichen Psychologie.

Besonders augenfällig ist dieses Spiel von Männlich und Weiblich im Tantra. Der ist zwar im Westen zum vorwiegend sexuellen Spiel degeneriert, wie alles, was von Asien in den Westen kommt, aber ursprünglich geht es um die Auseinandersetzung mit der eigenen gegengeschlechtlichen Seite, also der Seele als der inneren Göttin. Es ist dabei nicht so wesentlich, ob das mit oder ohne konkrete Partnerin geschieht. Die tantrischen Mystiker leben mit ihrer inneren Göttin eine beinahe reale Beziehung. Wenn sie eine Partnerin haben, dann sehen sie auch in dieser die Shakti, die innere Göttin, und sie wird dieser auch immer ähnlicher.

Dazu ist die Annäherung der Projektion der Anima und der konkreten Partnerin, wie oben beschrieben, quasi eine Vorstufe. Wenn C.G. Jung seine Seele als Person anspricht, dann ist das nicht viel anders. Das bewusste Ich tritt in Verbindung mit der bislang unbewussten Anima, die einen viel weiteren und tieferen Horizont hat als das bewusste Ich. In der Sprache des Tantra tritt der Mystiker in Beziehung zu seiner inneren Göttin, wobei „innen“ oder „jenseitig“ nur verschiedene Ausdrucksweisen sind, die durchaus gleichbedeutend nebeneinanderstehen können.

Der erotische Aspekt des Spirituellen
Das wirft auch ein ganz anderes Licht auf die Begegnung von Mann und Frau, die immer auch eine Begegnung mit dem eigenen gegengeschlechtlichen Seelenanteil ist. Letztlich geht es darum, Abgespaltenes und darum Fremdes wieder hereinzuholen. Dadurch wird wiederum die Sexualität eine viel weitere Bandbreite erhalten, wird seelische Begegnung mit körperlichem Ausdruck sein. Die Vereinigung wird auch Vereinigung der Pole im Außen und Innen, und auch von Unten und Oben sein. Es wird ein Spiel zwischen Vertrautem und Fremden, dem Seelenverwandten und dem ganz Anderen. Auch zwischen Erfahren und Lernen, das nie an ein Ende kommen wird.

Da die Anima aus den Tiefen des Unbewussten kommt, tritt sie dem Mann auch als die Sophia oder Weisheit entgegen. Und da sie auch die dunklen Aspekte umfasst, muss der Mann diese nicht länger abspalten. Der erotische Aspekt ist vom spirituellen nicht zu trennen. Der tantrische Mystiker hat eine durchaus erotische Beziehung zu seiner inneren Göttin, die wiederum nicht verehrt oder angebetet (was eine gewisse Distanz voraussetzt), sondern geliebt werden will.

(1) C.G. Jung: Erinnerungen, Träume Gedanken, Patmos Verlag, 19. Aufl. 2016, S 108 f.
(2) Erinnerungen, S 204
(3) Erinnerungen, S 214

 

Ein Physiker und eine Philosophin spielen mit der Zeit

Cover_Lesch_Forstner_Das Buch ist ein Dialog zwischen Harald Lesch (Physiker, Kosmologe, Philosoph) und Karlheinz A. Geißler (Wirtschaftspädagoge, Sozialforscher) über die Zeit, der dann (im Buch parallel) noch einmal von Ursula Forstner (Philosophin) und Alfred N. Whitehead (Philosoph, 1861-1947) in einem fiktiven Dialog interpretiert wird. Klingt kompliziert, liest sich aber hervorragend.

Ganz „nebenbei“ kommt auch zur Sprache, was Naturwissenshaft ist und was sie nicht ist. Das beginnt schon, wenn Karlheinz Geißler im Vorwort erwähnt, es fehle auch der abschließende Beweis für die Existenz der Zeit. Dazu fällt mir gleich Herbert Pietschmann ein, der immer wieder betont, dass man nicht mal die Naturgesetze beweisen kann. Wer also sagt, er glaube nur, was man beweisen kann, der sagt damit nur, dass er gar nichts glauben kann, auch nichts Physikalisches.
Warum gerade Whitehead, erklärt Harald Lesch in einem Nachwort: Er hat in einer Zeit, in der die Grundlagen der modernen Naturwissenschaft entwickelt wurden, einen metaphysischen (Gegen)Entwurf über Welt und Mensch vorgeschlagen.

Zeiträume statt Zeitpunkte
Lesch und Geißler einigen sich eingangs: Es gibt nicht die Zeit, sondern nur eine (räumliche, lineare, eigentlich punktuelle) Vorstellung von Zeit. Whitehead unterscheidet zwischen Abstraktem (das nur im Denken vorkommt) und Konkretem, und konkret sind nur Ereignisse. Auch wenn wir immer vom konkreten Einzelfall abstrahieren müssen, darf man Abstraktes nicht für Konkretes halten. Auch die Naturwissenschaft muss vom Konkreten absehen, sie arbeitet mit Abstraktionen. Sie rechnet z.B. mit Massenpunkten, die gibt es nur in der Mathematik und im Denken, aber nicht in der Natur, die man vorgibt zu untersuchen. Genauso gibt es keine Zeitpunkte, auch das sind Abstraktionen, die in der Natur nicht vorkommen.
Was wir wahrnehmen, sind Veränderungen, und die sind fließend. Physik kommt von der Erfahrung zu den Abstraktionen, die sie am Experiment prüft, Philosophie ist das hinterfragen der Abstraktionen, die sie an der Erfahrung prüft. So zumindest Whitehead. Aber auch Lesch gibt zu: „Abstrakter als die physikalische Zeitvorstellung kann es überhaupt nicht werden.“ Sie rechnet ja nur mit der Uhr, die Geißer als „irrsinnige Vorstellung“ bezeichnet. Denn damit verschwindet das Fließen der Zeit, die objektiviert und mechanisiert, der Subjektivität und Qualität beraubt wird. Durch die Miniaturisierung der Technik kann man diese Uhr als Handschellen (Lesch) am Handgelenk tragen.

Naturwissenschaft als qualitätsfreie Zone
Die Physik ist eine „qualitätsfreie Zone“. „Bei uns hat überhaupt nichts Qualität…. Man könnte uns Physiker auch als Lageristen der Natur bezeichnen.“ (Lesch). Sie machen sozusagen regelmäßig Inventur und haben dann ihre nackten Zahlen. „…die Physik ein Hochstapelregal“ (Geißler). Darauf Lesch: „In einer Weise ja, wir sind Hochstapler und wir stapeln ziemlich hoch!“ Wie man sieht, können sich Physiker selbst auf die Schaufel nehmen, auch wenn das den Physikalisten die Schamröte ins Gesicht treiben würde.
Die Replik des (fiktiven) Whitehead: „Die Naturwissenschaften haben uns viel erklären können, aber sie sind zu dogmatisch. Sie sind mit ihrer Weltsicht im 17. Jahrhundert stecken geblieben und betrachten materielle Objekte immer noch als die grundlegenden Einheiten unseres Universums.“ Nicht nur das, „im materialistischen Weltbild leben die Denkmuster des Mittelalters weiter.“ Aber auch Materie ist nur eine sehr fragwürdige Abstraktion, die es so in der Natur gar nicht gibt.

Ereignisse statt Bausteine
Zurück zur Zeit: Die Naturwissenschaft kennt keine Vergangenheit und keine Zukunft. Wir erleben Erinnerungen und Erwartungen, und die kommen in der Naturwissenschaft nicht vor. Dort gibt es nur abstrakte Zeitpunkte, die linear mittels Ursache und Wirkung zu einem Früher oder Später verbunden werden. Mit wirklichen Ereignissen hat das nichts zu tun.
Für Whitehead sind nicht kleinste Bausteine, sondern konkrete Ereignisse, Prozesse die grundlegenden Einheiten unseres Universums. Es gibt auch keine linearen Verbindungen, sondern komplexe Zusammenhänge. Es geht auch nicht um etwas Statisches, sondern um etwas Dynamisches, um Dauer, um Zeiträume, nicht um abstrakte Zeitpunkte. Man möge sich nur fragen, wann der Frühlingsanfang ist. Das ist ein Werden und kein Beginn. Wann immer man historisch etwas beginnen lässt, es ist kein Anfang. Beginnt die Naturwissenschaft mit Galilei, Descartes und Newton? Beginnt sie mit Cusanus? Oder Mit Aristoteles? Auch der hatte Vorläufer. Geschichte ist das Fließen der Ereignisse.
Pünktlichkeit ist eine Erfindung der Industriegesellschaft. Vorher gab es die nicht, und in manchen Regionen der Erde gibt es sie auch heute noch nicht. Und auch der Frühling kümmert sich nicht um das Datum. Datum ist das Gegebene. Wenn etwas gegeben ist, in Mathematik oder Physik, dann ist es bereits abstrakt, losgelöst von der Erfahrung, die immer konkret und individuell, also nicht reproduzierbar ist.

Es gibt keine abgrenzbare Gegenwart
Der abstrakte, mechanische Zeitbegriff taugt nicht für das Konkrete (Whitehead). Die Aneinanderreihung von Zeitpunkten ist kein Leben (Geißler). Das Festgestellte täuscht nur Beständigkeit vor. Beständigkeit im Leben ist ständiges Werden! Was man berechnen kann, ist nicht (mehr) lebendig. Vergangenes ist nur, indem es gegenwärtig ist. Gegenwart ist ein Prozess, in dem bisher Mögliches wirklich wird.
Zeit ist auch keine Abfolge von Zeitpunkten. Wir denken uns die Gegenwart als abstrakten Zeitpunkt, ohne Bezug zu Vergangenheit und Zukunft. In Wirklichkeit gibt es nur den Zeitraum des Werdens, Ereignisse, die ihre je eigene Dauer haben. Es gibt keine abgrenzbare Gegenwart. Zeit ist aufeinanderfolgendes Werden (Forstner). Und dieses Werden eines Ereignisses ist ein unteilbares Ganzes (Whitehead).

Es gibt grundsätzlich Unerreichbares
Die Physik, die sich auf das Messen verlegt hat, muss fragmentieren. Damit „gibt es einen Teil der Welt, der grundsätzlich unerreichbar ist.“ (Lesch). Aber selbst das exakte Messen gibt es nicht, Exaktheit ist eine Abstraktion. Immer gibt es einen Fehlerbereich, der angegeben werden muss, damit eine Messung als wissenschaftlich gilt.
Irgendwie offen bleibt die Frage, ob es wirklich Fortschritt ist, dass wir immer abstrakter werden.
Harald Lesch, Ursula Forstner
Ein Physiker und eine Philosophin spielen mit der Zeit
Patmos Verlag 2019, 122 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN-13: 978-3-8436-1125-1
EUR 17.00

Von der Abstraktion des „Hier und Jetzt“

Östliches und westliches Denken sind komplementär, was heißt, sie sind inkompatibel, aber einander ergänzend. So sind die Modeerscheinungen „Achtsamkeit“ und „Leben im Hier und Jetzt“ bloß unverstandene Floskeln, wenn sie in westlicher Sprache, im westlichen Weltbild aufgefasst werden.

Unser westliches Weltbild ist ein (pseudo)naturwissenschaftliches, ob wir wollen oder nicht, das ist uns seit vier Jahrhunderten eingebrannt. Naturwissenschaft analysiert, d.h. zerlegt alles in kleinste Teilchen und rechnet mit mathematischen Punkten, die es real nicht gibt. Die Zeit ist das größte Problem, weil damit genauso umgegangen wird. Alles wird reduziert auf Zeitpunkte, die aber keinem Erleben entsprechen. Wir erleben keine Zeitpunkte, sondern Zeiträume. Zeitpunkte gibt es genauso wenig wie kleinste „Teilchen“.

Auch die Gegenwart wird damit zu einem abstrakten Punkt, den es nirgends gibt. Wer beim (asiatischen) Hier und Jetzt an diesen abstrakten Punkt denkt, kommt aus dem westlichen Denken nicht heraus und kann das, was damit gemeint ist, gar nicht verstehen, das eben nicht naturwissenschaftlich und nicht fragmentierend ist.
Naturwissenschaft muss exakt messen, und auch diese Exaktheit ist eine Abstraktion, die es im Konkreten nicht gibt. Kaschiert wird das mit der notwendigen Angabe einer Fehlertoleranz, die dann großzügig ignoriert wird, um von der Unmöglichkeit des exakten Messens abzulenken.

Wer beim „Leben im Hier und Jetzt“ an diesen abstrakten Zeitpunkt denkt, der hat das „Leben“ in dieser Formulierung unterschlagen. Er/sie denkt an eine „reine“ Gegenwart ohne Vergangenheit und Zukunft. Sich hinsetzen und bloß nicht an Vergangenheit oder Zukunft denken ist nicht das, was im Buddhismus darunter verstanden wird. Zwar stimmt das nicht an Vergangenes und Zukünftiges denken, aber das bedeutet den Geist konzentrieren, aber in einer „Essenz“ und nicht in einem Punkt. Das bedeutet nicht Gegenwart, abgegrenzt von Vergangenheit und Zukunft, sondern Gegenwart, in der alles Vergangene und Zukünftige konzentriert enthalten, gegenwärtig ist. Das ist es auch, was mit „Achtsamkeit“ gemeint ist.

In der Psychologie ist es nicht anders. Psychotherapie könnte nicht funktionieren, wären wir abstrakte Ichs (für die wir uns halten). Sie kann funktionieren, weil Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart enthalten sind. Nur so ist es auch möglich, das Vergangene (den Einfluss des Vergangenen auf die Gegenwart) zu ändern.
Damit ist das Ziel (Samadhi oder Satori) oder das Nirvana nicht Nichts, sondern Alles. Wie das Selbst bei C.G. Jung Mittelpunkt und alles umfassend zugleich.

Grob gesprochen gibt es nur zwei mögliche Weltbilder (natürlich in allen möglichen Variationen): das statische (Sein) und das Dynamische (Werden). Europa hat sich – zumindest seit der Naturwissenschaft, die aber schon bei Aristoteles beginnt – für das statische entschieden. Es geht um Seiendes, nicht um Werdendes, um eine Außenwelt, nicht um die Innenwelt, um Dingliches, nicht um Beziehung oder Prozesshaftes, um tote Materie, nicht um Lebendiges. Es leuchtet zwar immer wieder auch das andere oder sogar die Synthese auf (Platon, Leibniz, Hegel, Whitehead, Jung, Quantenphysik), aber in ein allgemeines Weltbild ist das bisher nicht eingegangen.

Ein anderer abstrakter Begriff ist jener der Grenze. Wir müssen alles begrenzen oder abgrenzen, sprich definieren. Damit entfernen wir uns aber von der Wirklichkeit, die wir erleben. Durch Messung kommen wir zum Teilchenbild (siehe Doppelspaltexperiment), verlieren dabei aber das Wellenbild, das uns sagen würde, dass alles eine untrennbare Einheit mit der Umgebung (Feldbegriff) und letztlich mit allem ist. Nichts ist wirklich isoliert, alles ist kontextabhängig. So gibt es auch keine Grenze zwischen Gegenwart und Vergangenheit oder Gegenwart und Zukunft.

„Achtsamkeit“ oder „Leben im Hier und Jetzt“ ist somit kein Rückzug in eine Grenze, die uns von Vergangenheit und Zukunft abgrenzt, denn die gibt es nicht. Gegenwart ist kein Zeitpunkt, sondern Gewordenes, in dem alles enthalten ist.

In einem statischen Weltbild (das zumindest seit 400 Jahren vorherrscht) bedeutet „Achtsamkeit“ oder „Leben im Hier und Jetzt“ sich von Vergangenheit und Zukunft abgrenzen, so wie Dinge oder Objekte (angeblich) an ihrer Oberfläche begrenzt sind. Das wäre eine abstrakten Gegenwart, die es eigentlich nicht gibt.

In einem dynamischen Weltbild (das zum Leben passt, denn „alles fließt“) bedeutet „Achtsamkeit“ oder „Leben im Hier und Jetzt“, dass Vergangenheit und Zukunft in einem komprimierten Zeitraum (nicht Zeitpunkt) anwesend sind. Dann entspricht es dem Alles-Eins-Sein. Dann ist es Mitte und Alles zugleich. Um im Hier und Jetzt zu leben, muss man sein Bewusstsein konzentrieren und ausdehnen, bis es alles in Liebe umfasst.