Vom Akkordarbeiter zum Vertrauensarzt

Was von den Medien verschämt verschwiegen wird: Immer mehr Kassenstellen, vor allem am Land, sind vakant, weil nicht nachzubesetzen. Dass bestehende Kassenverträge wegen unmenschlicher Arbeitsbedingungen gekündigt werden, wird immer häufigere Praxis.

Ein Diskussionsabend des Österreichischen Hausärzteverbandes sollte den Kollegen die Möglichkeit der individuellen Vertragskündigung schmackhaft machen. Für Patienten, die in der Gesundheitspolitik kaum eine Rolle spielen, wäre das Thema aber auch sehr interessant. Was ein Hausarzt für einen Hausbesuch bekommt, reicht beim Installateur gerade mal für die Wegzeit. Dass es trotzdem reiche Ärzte gibt, stimmt schon, aber das geht nur durch Akkordarbeit. Sie erzählen, was ihnen fehlt, werden im halben Satz unterbrochen, der Arzt druckt schon das Rezept aus und die nächste Frage bleibt Ihnen beim Hinausgehen im Hals stecken. Das deckt sich nicht ganz mit unserer Wunschvorstellung eines Gesundheitssystems, wir als Patienten werden aber auch nicht gefragt. Natürlich gibt es immer noch Ärzte, die sich ihren Patienten widmen, das sind aber die, die ein bescheideneres Leben führen (müssen). Ein Arzt, der gut verdient, hat meist teuer dafür bezahlt.

Kontrollwut und Schikanen

Aber wäre es nur das! Die ärztliche Tätigkeit wird immer mehr umrahmt, oder besser eingeengt von bürokratischen Anforderungen bis hin zu Schikanen. Die Kollegen werden in den ungesetzlichen Raum gedrängt, wie Dr. Wolfgang Geppert, Sprecher des Hausärzteverbandes, bedauert. Alle Auflagen der Dokumentationspflicht zu erfüllen ist schlicht unmöglich. Dazu wäre es nötig, einen eigenen Schriftführer anzustellen. Praxis der Kassen ist es auch, ihre „Vertragspartner“ vorzuladen, da sitzen sie dann mutterseelenallein fünf gestrengen Augenpaaren gegenüber und müssen für jeden Einzelfall Rechenschaft ablegen. Da kann es dann schon vorkommen, dass die detaillierte Aussage einer Patientin vorgelegt wird, die das gar nicht gesagt haben kann, weil sie der deutschen Sprache gar nicht mächtig ist.

Gesetzlichen Vorgaben zufolge müssten die Ärzte jeden neuen Patienten zur Ausweiskontrolle auffordern, die E-Card könnte ja auch gestohlen oder „geborgt“ sein. Ein Foto auf der E-Card, und der ganze Aufwand würde sich erübrigen. Daran zu denken, war für die Kassen zu viel Aufwand. Warum schafft das z.B. der Verkehrsverbund?

Neuerdings gibt es das berühmte Mystery Shopping. Ein als Patient verkleideter Schauspieler gaukelt dem Arzt irgendwelche Wehwehchen vor und „testet“ ihn. Damit werden ein oder zwei Unregelmäßigkeiten aufgedeckt und das Vertrauen zwischen Arzt und Patient in der gesamten Branche kaputt gemacht. Dass der Arzt besseres zu tun hat als Scheinsymptome zu „behandeln“, leuchtet sogar Patienten ein.

Der Weg ins Burnout

Das sind nur Beispiele der zunehmenden Kontrollwut durch Gesetzgeber und Kasse. Ergebnis ist, dass die eigentliche ärztliche Tätigkeit immer mehr zu kurz kommt. Patienten haben dann nur eine Chance, wenn sie sich vor dem Arztbesuch im Internet „schlau“ gemacht haben, ihre Beschwerden in drei kurzen Sätzen beschreiben, und die vielleicht zwei wichtigsten Fragen stellen können. Wem auf der Straße noch was einfällt, dem entfährt dann ein resignierendes: „Ok, dann eben beim nächsten Mal.“

Sollte Ihr Hausarzt den Eindruck erwecken, ein Luxusleben zu führen (wird ihnen ja oft unterstellt), dann sollten bei Ihnen die Alarmglocken läuten. Entweder er hat die Fließbandarbeit perfektioniert (was immer schwieriger wird), oder er steht kurz vor dem Burnout oder ist schon mittendrin. Und der nächste Arztbesuch könnte möglicherweise schon gefährlich sein.

Immer mehr Aussteiger

Am Podium saßen drei Hausärzte, die aus all dem die Konsequenzen gezogen und den Vertrag mit der Gebietskrankenkasse gekündigt und diesen Schritt nicht bereut haben.

Dr. Anton BiedermannDr. Anton Biedermann, Hausarzt in Ober-Grafendorf, trat vor zwei Jahren aus dem „perfiden System“, wie er sagt, aus. „Nach der Befreiung aus der Knechtschaft ist die Begeisterung an der Arbeit zurückgekehrt. Der Umsatzverlust hielt sich in Grenzen, dafür haben Wartezeiten über eine Viertelstunde zur Freude der Patienten mittlerweile Seltenheitswert.“

Dr. Gertrude Bartke_1Für Dr. Gertrude Bartke-Glatz, Hausärztin in Wolkersdorf, war ihre Situation bereits gesundheitsschädlich geworden. Kurz vor dem endgültigen Burnout kündigte sie den Vertrag. Sie wollte nicht mehr Patienten in gesunder Lebensführung unterweisen und selbst zu einem völlig ungesunden Leben gezwungen sein. „Jetzt habe ich wieder die Zeit und die Energie, den vor mir sitzenden Menschen in seiner Gesamtheit zu erfassen und ihm mein Wissen und meine Expertise zur Verfügung zu stellen.“

guenther_loewitEbenso zog der Arzt und Schriftsteller, Dr. Günther Loewit aus Marchegg, längst die Konsequenzen. „Die vollständige Unterwerfung der Medizin unter die EDV und die Forderung der Krankenkassen nach billigen ärztlichen Einzelleistungen haben eine menschenwürdige, empathische Arzt-Patient-Beziehung im Rahmen eines Kassenvertrags weitestgehend unmöglich gemacht.“

 

Wer frustriert und am Ende seiner Kraft und Motivation ist, dem bleibt momentan nur der individuelle Ausstieg. Ein kollektiver Ausstieg aus den Kassenverträgen wird von der Ärztekammer hin und wieder angedroht. Die Kassenvertreter wissen aber ganz genau, dass das bei neun Bundesländern mit völlig verschiedenen Gesetzen gar nicht durchführbar ist. Und so ist die Ärzteschaft erpressbar und die Kammer unterschreibt am Ende ja doch wieder.

Vom Fließbandarbeiter zum Vertrauensarzt

Als Patienten werden wir uns in Zukunft daran gewöhnen, dass Kassenärzte zu Wahlärzten mutieren. Das bringt es mit sich, dass zunächst die Arztrechnungen beglichen werden müssen, die der Arzt dann zur teilweisen Rückerstattung an die Kasse schickt. Sie werden sich übrigens wundern, wie wenig den Kassen die ärztlichen Leistungen wert sind. Andererseits sollte Ihnen ein Hausarzt, der sich Zeit für Sie nehmen und der auf Ihre Beschwerden eingehen kann, das wert sein. Und Hand aufs Herz, würden Sie nicht auch einen zufriedenen, sich Zeit nehmenden, auf Sie eingehenden Arzt, dem sein Beruf Freude macht, jederzeit einem Burnout-geschädigten, frustrierten, nach der dritten Minute nervösen Arzt vorziehen? Dr. Biedermann sieht das aus seiner Sicht so: „Die monetär sinnlose Akkordarbeit und der Dauerfrust sind einem ruhigen Arbeiten gewichen.“ Und das fördert wiederum die Patientensicherheit und zufriedene Patienten.

Dr. Wolfgang GeppertSo riet denn Dr. Geppert am Ende der Veranstaltung seinen Kollegen: „Werden Sie zum Vertrauensarzt!“ Der Weg zu einer menschlicheren Medizin führt anscheinend an den Kassen vorbei.

 

 

Utopie einer humanbasierten Medizin?

Aber vielleicht führt das auch dazu, das Gesamtsystem zu überdenken und der Arzt-Patient-Beziehung wieder einen Stellenwert zu geben (bevor die ärztliche Tätigkeit der Maschinensteuer unterworfen wird). Die sogenannte „evidenzbasierte Medizin“ ist zu einer Schablonenmedizin verkommen, die inzwischen zur „finanzbasierten Medizin“ (ÖHV-Präsident Dr. Christian Euler) „aufgestiegen“ ist, in der wie im Turbokapitalismus der Mensch keine Rolle mehr spielt, weder der Arzt, noch der Patient.

„Der Mensch im Mittelpunkt“ hörte und las man allüberall seit Jahrzehnten. Nur ließ man ihn dort  bisher im Regen stehen. Auch als Patienten sollten wir uns überlegen, ob wir in Zukunft Gesundheitsfabriken haben wollen, die nur das „herstellen“, was sich rechnet, oder eine Medizin von Menschen für Menschen. Und der vielleicht schmerzlichste Punkt: Muss man als Patient wirklich alles einfordern, was im Internet steht, und die Kasse zahlen muss? Und ganz heikel: Helfen wir einem Patienten am Ende des Lebens, oder quälen wir ihn vielleicht nur, wenn wir alles einfordern, was technisch möglich ist, ohne zu fragen, ob es auch sinnvoll ist? Das betrifft zwar die Spitäler und weniger die Hausärzte, doch sind auch das wichtige Fragen, wenn es um ein humanes Gesundheitssystem geht.

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